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Supercut
Du hast dein Handy in der Hand und siehst dir einen Bareknuckle-Supercut an. Aber du siehst nicht richtig hin. Mit deinen Gedanken bist du woanders. Deine Nase läuft. Deine Beine kannst du nicht stillhalten und weil du gerade erst eine Line gezogen hast, schiebst du Kiefer. Du zündest dir eine Zigarette an und auf dem Bildschirm drischt ein Mann mit zugeschwollenem Auge seinem russischen Gegner die rechte Gerade ins Gesicht. Er setzt nach, aber weil er zu stürmisch ist, kann der andere ihn auskontern. Er weicht aus, schlägt in der Bewegung einen Haken und trifft. Dann will er es zu Ende bringen, der Kommentator schreit Voiceover durch den Lautsprecher deines Handys und du schaltest ab, weil du das Gefühl hast, dass dir sonst der Kopf zerspringt.
Von der Straße kannst du Autolärm hören. Irgendjemand hupt, irgendjemand schreit und du stehst auf und läufst durch die Wohnung. Du denkst an deinen Cousin. Vor einer Stunde ist er bei dir aufgetaucht. Er war nervös und hat ununterbrochen geredet. Dann hat er dir einen Rucksack in die Hand gedrückt.
„Der muss hierbleiben, bis ich was geregelt hab“, hat er gesagt, und dir war es egal, weil das nun mal so läuft. Zusammen habt ihr was gezogen, dann ist er abgehauen. Natürlich hast du reingeschaut und da wusstest du, dass er wirklich Scheiße gebaut haben muss. Seitdem versuchst du, dich abzulenken oder dir einzureden, dass schon alles gut werden wird, aber nichts ist gut.
Es klingelt. Du ahnst, dass sie deinen Cousin am Arsch haben und dich wahrscheinlich auch. Trotzdem gehst du zur Tür. Die Kette ist vorgeschoben. Du öffnest einen Spalt und sagst den Typen, dass sie sich verpissen sollen, aber bevor du auch nur einen Schritt machen kannst, haben die schon die Tür eingetreten und du liegst auf dem Boden. Schnell greifst du nach der aufgebohrten Schreckschuss. Du zielst auf die beiden und stehst auf. Du schreist etwas, sie bleiben stehen und heben die Hände. Du weißt: Gibst du ihnen eine Chance, nur eine einzige, stechen sie dich ab oder schlagen dich zum Krüppel. Du musst weg, mit beiden kämpfen kannst du nicht. Schießen kannst du auch nicht, sonst ruft irgendwer im Haus die Bullen und Knast ist keine Option. Du weißt, dass die falschen Leute da das Sagen haben, und wenn du reinmusst, kannst du dich gleich selbst in deiner Zelle an einem Bettlaken aufhängen.
Du bemerkst, dass du einen der beiden Männer schon mal gesehen hast, und weil du nicht blöde bist, erkennst du, dass dein Cousin euch richtig reingeritten hat.
Du sagst: „Mach eine Bewegung, und ich baller dir in deine Fresse“, deine Stimme überschlägt sich, du greifst nach dem Rucksack und gehst an den beiden vorbei in den Hausflur.
„Ihr habt die Falschen angefickt, Kleiner“, sagt einer der Männer und grinst dich an.
Schnell gehst du den Flur entlang und rennst die Treppenstufen herunter. Aus einem Türspalt blicken dich große Kinderaugen an und du steckst hastig die Waffe weg. Du hörst, wie sie dir auf der Treppe hinterherkommen, aber was willst du machen? Im Erdgeschoss gehst du an zerschlagenen Briefkästen vorbei und trittst nach draußen. Auf der Straße liegt Schneematsch, natürlich hast du keine Schuhe an, hast keine Jacke dabei – wie auch? Nicht mal dein Handy hast du mitgenommen. Du rennst und deine weißen Sportsocken sind sofort klitschnass und eiskalt. Du rempelst jemanden an, er schreit dir hinterher, aber du rennst weiter, immer weiter, und die kalte Luft brennt dir in der Lunge. Wenn du Glück hast, kannst du vielleicht in die Bahn springen, denkst du. Aber wenn du Pech hast, kommt keine und dann kriegen sie dich. Du biegst um die Ecke und du schaffst es gerade noch, durch die sich schließende Tür. Du drängst dich zwischen eine Frau mit Kopftuch und einen Alten, der dich mit gelben Augen anschaut und nach Alkohol stinkt. Du siehst, wie sie neben der Bahn herrennen, stehenbleiben und einer zu telefonieren beginnt. Du ringst nach Luft, musst husten und jetzt merkst du, wie es in deinem Kopf pocht und dass dir kotzübel ist.
„Was willst du hier? Verschwinde!“, sagt Mesut, als du in den Laden kommst, und dir wird klar, dass schon der halbe Kiez Bescheid weiß.
„Gib mir wenigstens ein paar Schuhe und ne Jacke“, sagst du und zeigst ihm deine nassen Socken. Er schüttelt den Kopf und schaut dich traurig an. Dann winkt er dich heran. Ihr geht hinter der Theke durch eine kleine Tür ins Lager. Laptops, billiger Schmuck, Handyhüllen, Parfum, alles Mögliche liegt hier herum. Alles Schrott. Die Luft ist abgestanden und es riecht süßlich. Es passt zu dem ganzen Plastikscheiß, der nichts aushält, der sofort kaputtgeht, so wie alles hier kaputtgeht, weil alles fake und verrottet und falsch ist, in dieser dreckigen Stadt.
Wie groß?“, fragt Mesut und kramt zwischen Kartons herum.
43“, sagst du, und er hält dir einen Schuhkarton hin. Du holst ein Paar Sneaker heraus, ziehst deine nassen Socken aus und schlüpfst in die Schuhe.
„Jacke hab ich keine für dich“, sagt er.
„Gib mir eine Zigarette“, sagst du, und er hält dir seine Schachtel hin.
„Was habt ihr euch gedacht?“ Er schüttelt den Kopf. „In deren Laden? Ehrlich Junge, hab euch nicht für so blöde gehalten.“
Langsam fügt sich ein Bild zusammen.
„Haust du ab?“, fragt er und hält dir ein Feuerzeug hin. Italien, denkst du. In Livorno kennst du ein paar Leute. Da kommst du unter, da haben die nichts zu melden. Und wenn sie doch kommen, dann fickst du sie.
„Rotterdam“, sagst du und Mesut nickt.
„Halt dich unten, Junge.“
Die Türglocke klingelt, du zuckst und greifst nach deiner Waffe, aber es ist nur ein Junkie, der hereintorkelt. Er kann sich kaum auf seinen durchhängenden, stelzenartigen Beinen halten, und der einzige Grund, warum er noch steht, sind die zwei Krücken, auf die er seinen ausgemergelten Körper stützt. Seine Wangen sind eingefallen, seine Haut wie dünnes Papier. Er lallt etwas, kann die Augen nicht offenhalten, dann verliert er sein Gleichgewicht, schwankt und stürzt gegen ein Regal mit Spirituosen. Es klirrt, als ein paar Flaschen umfallen und zwei oder drei auf dem Boden zerspringen. Sofort riecht es nach Alkohol in der Luft.
„Hey!“, schreit Mesut ihn an. „Sieh zu, dass du rauskommst, man!“ Er geht auf den Mann zu und in dem Moment greifst du nach Mesuts Jacke, die hinter der Kasse liegt. Du gehst an ihnen vorbei zur Tür und schon bist du draußen und kalte Luft weht dir entgegen. Du drehst dich noch einmal um und kannst sehen, dass Mesut schon das Handy am Ohr hat.
Du musst von der Straße runter, das weißt du. Zurück zur Wohnung kannst du nicht, deinen Kumpels traust du nicht, deinen Cousin haben sie. Du musst raus aus der Stadt. Du hast kein Auto, fahren kannst du sowieso nicht. Du könntest den Zug nehmen, aber du hast Schiss, dass die Bullen dich routinemäßig am Bahnhof rausziehen, so wie du aussiehst. Außerdem warten deren Jungs vielleicht schon am Gleis auf dich. Aber du hast keine Wahl – irgendwas musst du machen.
Dir ist kalt und Hunger hast du auch. In der Jackentasche findest du zwanzig Euro. An einem Kiosk kaufst du dir eine Packung Erdnüsse, einen Schokoriegel und eine Dose Red Bull. Der Verkäufer sieht mit toten Augen an dir vorbei auf die Straße, während er deine Sachen in eine Plastiktüte packt. An einem Stehtisch neben der Theke stehen drei Alkies, trinken Bier aus Dosen und schreien sich an. Du gehst weiter, beißt in deinen Schokoriegel und hinter dir hörst du, wie das Geschrei der drei Besoffenen lauter wird. Eine Flasche zerschellt auf der Straße.
Um zum Bahnhof zu kommen, musst du durch die Unterführung zur U-8. Fünf Typen kommen dir entgegen. Kurze Haare, schwarze Jacken, Bierflaschen in den Händen. Sie zeigen in deine Richtung. Kurz siehst du einem von ihnen in die Augen, blickst schnell zur Seite, aber es ist zu spät.
„Hast du ein Problem, Kanacke?“, ruft er dir zu. Du gehst weiter, machst dich so breit unter der Jacke, wie es geht. Sie folgen dir und du spürst, wie sie aufholen. Du willst schon losrennen, da siehst du im Augenwinkel eine Bewegung. Du drehst dich noch, aber er trifft deine Seite. Du fällst, merkst, wie sie auf dich einschlagen und treten und für eine Sekunde weißt du nichts mehr. Dann ein anderer Schmerz, ein Brennen und Stechen springt dich an wie ein wildes Tier. Deine Seite - irgendetwas hat dich erwischt und dir bleibt die Luft weg. Ohne zu wissen, was du tust, greifst du in die Jackentasche, zielst mit der Waffe in die Richtung der Männer und drückst ab. Zwei oder drei Mal schießt du, genau weißt du es nicht, und der Lärm ist so unglaublich laut, hallt von den Wänden wieder und brandet über dich, wie eine Welle. Du kriechst ein Stück, versuchst aufzustehen, aber deine Beine geben nach und du fällst. Du versuchst es noch einmal, richtest dich schwankend auf, drehst dich um und siehst, dass nur noch einer von den Typen da ist. Die anderen müssen abgehauen sein. Er steht an die Wand gelehnt und schaut dich aus riesigen, angsterfüllten Augen an. Du steckst die Waffe ein, hastest weiter den Gang entlang.
Du weißt, dass du dich um deine Verletzung kümmern musst. Du beißt die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, vor den Schmerzen, die in Wellen kommen, pochend, von Mal zu Mal stärker werdend, und du bist nicht sicher, ob du es wirst aushalten können. Die Leute schauen dich an, sehen den Schweiß, der dir auf der Stirn steht, und du fragst dich, ob sie dich kennen. Warum sonst glotzen sie dich denn alle an, zeigen auf dich, schauen dir hinterher und tuscheln? Von irgendwo hörst du Sirenen. Dann fährt eine Bahn am Gleis ein und Hunderte Männer mit blau-weißen Schals steigen aus und rufen Parolen. Stadtderby. Du hast sogar auf das Spiel gewettet, erinnerst du dich. Damals, in einem anderen Leben. Du drängst dich an den Fans vorbei in die Bahn.
Zwei Stationen weiter steigst du aus. Vor den Toiletten bei Burger King sitzt ein schwarzer Mann auf einem Stuhl. Er trägt Badeschlappen und auf einem Teller liegen ein paar Centmünzen. Du nickst ihm zu, murmelst, dass du ihm gleich was geben wirst, wenn du wieder rauskommst, ganz bestimmt wirst du ihm was geben; aber, sagst du, erst einmal musst du dich ausruhen, nur für einen kurzen Moment, musst dich hinsetzen und ausruhen. Deine linke Seite ist nass, dir ist kalt und du merkst, dass deine Finger klebrig sind und voll Blut. Der Mann ruft dir etwas hinterher, aber du gehst weiter, gehst zum Waschbecken, drückst auf den Wasserhahn, wäschst Blut von deinen zitternden Fingern und fragst dich, wie du die lange Fahrt mit dem Zug schaffen sollst. Du öffnest eine der Klokabinen, schließt hinter dir ab und lässt dich auf die Klobrille fallen. Den Rucksack hast du immer noch an, er drückt gegen deinen Rücken. Du willst sitzen, nur für einen kurzen Moment, willst du dich hinsetzen. Gleich wirst du wieder aufstehen. Du schließt deine Augen und denkst an Livorno, an den Hafen und das Meer.
