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Thunfischpaste to go
„Komm“, sagte Lea. „Gleich da vorn ist der türkische Markt. "Da gibt's die beste Thunfischpaste der Welt.“ Er war überwältigt von der Kreuzberger Atmosphäre. Er musste an Amsterdam denken, als er die steinerne Brücke, unter deren grünem Geländer die Spree sich schlängelte, sah. Und die Straßenbahn, die in der Luft über seinen Kopf hinweg eilte, erinnerte ihn an Brooklyn. Auch die Vielfalt der Menschen begeisterte ihn. Sie waren so unterschiedlich in ihrem Kleidungsstil und bildeten dennoch ein, in sich stimmiges, Gesamterscheinungsbild. Es war Sommer. Die beste Zeit des Jahres, in einer sonst grauen Stadt. Sie erreichten den Markt und die Menschenmenge verdichtete sich. In der Gasse des Marktes war es eng und chaotisch. Es waren Stände an den Seiten aufgebaut mit frischen Lebensmitteln, zum Kaufen oder Probieren. Händler riefen durcheinander und priesen ihre Waren an. Die Mitte der Gasse war für die Passanten reserviert. Trotz des Chaos herrschte eine bemerkenswerte Ordnung. Man trat sich nicht auf die Füße. Kein Rempeln. Kein Drängeln. Es war ein friedliches Miteinander.
Als sie am Stand des Griechen ankamen, hatten sie ihr Ziel erreicht. Dort gab es die besagte Thunfischpaste. Lea sprach mit dem Händler. Der Verkäufer nahm eine runde, durchsichtige Plastikverpackung und füllte sie bis zum oberen Rand mit der Paste. „Kapernbeeren, meine Freunde. Kann ich euch dazu nur empfehlen. Und Fladenbrot.” „Nehmen wir mit.“ sagte Lea und bezahlte den Einkauf. Sie nahm die Einkaufstüte entgegen und griff nach seiner Hand. Die beiden stahlen sich durch die Menge, um einen ruhigen Ort, abseits des umtriebigen Marktes, zu finden. Auf einer Parkbank am Ufer, nahe der Brücke, wurden sie fündig. Sie setzten sich darauf und Lea stellte die Tüte raschelnd in der Mitte ab. Sie öffnete die Tüte und platzierte den Inhalt gekonnt auf der Bank. Die runde Plastikbox, ein Schälchen mit Kapernbeeren und ein halbes Fladenbrot. „Probier‘“, sagte sie und zeigte auf das inszenierte Picknick. „Du wirst es lieben.“ Er nahm eine Beere und rieb sie in die Thunfischpaste. Er biss in die Beere und schloss die Augen. Lea hatte Recht. Es war die beste Thunfischpaste, die er je gegessen hatte. Es war zugleich auch seine Erste. Ein zusätzlicher Biss in das Fladenbrot, um das Geschmackserlebnis abzurunden. „Ich habe selten so was Gutes gegessen.“ murmelte er. Dabei ertappte er sich dabei, genüsslich eine Beere nach der anderen in die Paste zu dippen und sich in den Mund zu stecken. Er erschrak an seiner Unhöflichkeit. „Willst du nicht auch?“ fragte er Lea. „Nein danke. Das ist nur für dich.“ sagte sie.
„Einfach schön hier“, sagte er zu Lea, die auf einmal gedankenverloren in die Ferne zu schauen schien. „Du hast echt nicht gelogen. Die Leute, der Ausblick. Einfach genial.“ fügte er ergänzend hinzu. „Ja, das stimmt.“ Seine Worte schienen sie zurückzuholen. „Leider gewöhnt man sich viel zu schnell daran. Dann gehört’s irgendwann zum Alltag. Man kommt seltener her. Und irgendwann lässt man‘s dann ganz.“ sagte sie mit einem leisen Seufzen in der Stimme. „Weil du weißt, dass du jederzeit herkommen kannst.“ antwortete er salopp. „Jeden Dienstag.“ Er machte eine Pause, dann fuhr er fort: „Und weil du das weißt, stumpfst du ab.“ Lea hörte ihm zu. „Und ständig passiert was,“ sagte er: „Du hast gar nicht die Zeit zum Genießen. Ich red‘ von ungefilterten Gefühlen. Und die Glücksmomente kommen auch zu kurz.“ Sie schaute ihn an und lachte. „Was? Bist du jetzt unter die Philosophen gegangen?“ sagte sie spöttisch. „Ich mein‘ ja nur“, entgegnete er. Die beiden verbrachten noch einen Moment schweigend auf der Bank. Lea richtete ihren Blick wieder in die Ferne, und er steckte sich noch eine der Kapernbeeren mit Thunfischpaste in den Mund. Sie schmeckten einfach gut.
„Los komm, Hemingway.“ Sie nannte ihn immer so, wenn er wieder einmal versuchte, der Welt die Welt zu erklären. „Ist spät. Wir sollten gehen.“ Sie hatte recht. Die Sonne war bereits am Untergehen. Die Häuserfassaden auf der anderen Seite des Ufers waren schon ins Rötliche gefärbt. Sie hatten einfach nur dagesessen und die Zeit vergessen. Lea räumte die Vesper Reste in die Tüte. „Ich hab dir nicht zu viel versprochen, was?“ zwinkerte Sie ihm zu. „Bist halt die Beste.“ erwiderte er. „Dafür schuldest du mir was. Den nächsten Ort suchst du aus.“ sagte sie. „Deal.“ antwortete er.
Er saß am Laptop und schaute nach Wohnungen in Kreuzberg, als das Handy klingelte. Es war Lea.
“Ich hab‘ eine schlechte Nachricht für dich.” sagte Lea zu ihm. „Und die wäre?“ fragte er besorgt. “Ich hab‘ ein Jobangebot aus München bekommen.“ „Ok. Das heisst?“ „Ich kann dort als Designerin arbeiten. Und ich kann sofort anfangen.“ Es blieb Still am anderen Ende der Leitung. „Und bis ich ne Wohnung gefunden hab‘, kann ich bei meinem Bruder wohnen.” setzte sie fort. Auf der gegenüberliegenden Seite herrschte noch immer Stille.“Hallo? Bist du noch da?“ fragte Lea. Durch die Leitung drang ein leises: „Hm.“ Er räusperte sich und sagte: ”Gut für dich. Schlecht für mich.“„Ich weiß.“„In dem Fall fällt unser Dienstag ins Wasser.” stellte er fest. “Es tut mir leid. Ehrlich. Ich hoff‘, du kannst es wenigstens verstehen?” fragte sie. “ Nicht wirklich. Aber du wirst schon wissen was du machst. Ich mein, schon etwas scheinheilig. Erst auf München schimpfen aber dann, ok, deine Entscheidung.“ sagte er gefasst. “Du, ich muss Schluss machen. Ich muss noch viel vorbereiten”, unterbrach sie ihn schließlich. “Am Samstag geht‘s los.“„Alles klar.“ „Ich fahr‘ um Acht vom Hauptbahnhof los. Du kannst ja kommen, wenn du magst.“ sagte Lea. “Jap. So machen wir’s”, antwortete er. „Bis dann.“
Es war Samstag. Er öffnete die Haustür. Mit der Klinke in der Hand stand er auf der Schwelle und überlegte. Dann fiel die Tür wieder ins Schloss zurück.
Er geht immer noch dienstags auf den türkischen Markt. Er setzt sich dann ans Ufer, um Kapernbeeren mit Thunfischpaste zu essen. Aber so geschmeckt wie damals, haben sie seit dem nicht mehr.
