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Tics & Tricks & Pflichtbewusstsein
Am frühen Vormittag wollte ihre Praxishelferin wissen, ob sie den Anruf einer ziemlich aufgewühlten Person durchstellen solle, einer Tia.
„Sahra? Ich bin eben angekommen. Ich warte nur noch auf das verschissene Gepäck. Das was ich noch hab. Ist mir eminent wichtig. Wenn die das verbummelt haben, laufen die zu Fuß nach Amiland ums zu suchen, ich schwörs dir. Die Gepäckbandbeförderungskacke ist noch nicht einmal angelaufen. Die sind noch mit Nasepopeln beschäftigt. Sag, hast du Zeit für mich? Können wir uns treffen? Ich muss dich unbedingt sehen. Es ist soviel passiert, ich... das Allerschlimmste... Nils ist weg.“
„Beruhig dich, Tia. Wie weg? Na, erzähl’s mir gleich, ist nichts fürs Telefon. Und klar hab ich Zeit für dich, immer!“, belog sie ihre Freundin, weil das Wartezimmer überquoll. Das klang nach Nerven zu Fuß.
„Bleib wo du bist. Ich setz mich sofort ins Auto und hole dich“, betonte sie eindringlich und erklärte ihrer Assistentin das Nötige. Ihr oblag nun die unangenehme Aufgabe, den Erkrankten zu beichten, dass sie wohl erheblich mehr Sitzfleisch opfern mussten, als sie womöglich bereit waren zu geben.
Charter, Linie? Tia nirgendwo.
Zwei mal kreuz und querte sie die Menschenmassen in den Hallen. Auch vor dem Gebäude keine Tia. Frustriert schob sie sich erneut durch die pompösen, provokant langsam drehenden Flügel des Eingangs ins Gewühl.
Die Passkontrolle erfolgreich absolviert habende Amerikareisende schlurften durch die Schiebetür, vor der sie schon eben erfolglos ihre Freundin ersehnte.
„Mindertalentierte Dummschwätzer!“
Tia! Aus einem Raum, in dem keiner nach seiner Reise landen mochte, weil dort Zollbeamte Persönliches durchsuchten. Durch die hochtonlagige Diktionen dämpfende Tür drang eine vertraute und doch arg befremdliche, verwundete Stimme.
„Schwachköpfe, hab ich doch gleich gesagt. Ihr tut nur eure Pflicht? Ja, von wegen! Ihr macht nur euren Dienst! Das ist ein himmelweiter Unterschied. Und die Betonung liegt auf nur! Halbhirne, echte Hohlbirnen, mit eurer Menschenkenntnis, würde ich in meinem Beruf verhungern. Ihr Schwachtalentierten setzt euren Arsch ...“
Sahra drängelte sich durch die Gaffer, ein jeder beharrte auf seinem Platz, um keine Beamtenbeleidigung zu versäumen.
Niemand ließ gerne eine Zollkontrolle über sich ergehen. So ausfallend zu werden, lagen Tias Nerven seit langem blank. Was zehrte ein zutiefst gutmütiges Wesen derart auf?
„Beamtenbeleidigung? Ich scheiß euch was! Wie soll das gehen? Ihr Hackfressen habt ja keine Ahnung. Beamter ist akut der Superlativ von erbärmlich. Ihr Nullchecken seid unmöglich zu toppen!“
„Koprolalie, meine Patientin leidet unter einer neurologisch psychiatrischen Erkrankung“, Sahra nahm ein müdes, abgekämpftes Gesicht in ihre Hände. Ganz behutsam. Tia zuckte leicht zusammen. „zwanghaftes Ausstoßen von vulgären Wörtern, Obszönitäten oder Schimpfwörtern.“ Sie war weiß, fast durchsichtig, wie Porzellan und ebenso zerbrechlich.
Ihre lebendigen Augen hatten sich in tiefen dunklen Höhlen verkrochen. Das fröhliche Leuchten war einem verzweifelten Zornesfunken gewichen.
„Entspann dich, jetzt wird alles wieder gut“, versprach sie ihrer verstörten Freundin halblaut, nahm sich zusammen, um überzeugend zu sein. Damit die Zöllner von einer Anzeige absahen und, vor allem, dass sie hier flott raus kamen.
Sie wandte sich dem Entscheidungsträger bestimmt zu.
„Meine Schuld.“
Sahra sah ihm fest in die Augen.
„Es tut mir leid, entschuldigen Sie bitte, der Verkehr. Ich bin einfach zu spät dran und als Verantwortliche im vollen Umfang für den angerichteten Schaden haftbar zu machen.“
Sie nannte Namen und Beruf, händigte Visitenkarte und Pass aus.
„Tics. Meine Patientin leidet unter dem Tourette Syndrom. Sie kann ihre Entgleisungen nicht unterdrücken, aber sie können mir glauben, das ist methodisch verifiziert, sie empfindet ihre Worte ebenso unangenehm wie anstrengend.“
Der Oberzöllner gab dem Computerzöllner die Visitenkarte. Das Dokument überprüfte er persönlich und ausführlich.
„Pfotzenköppe!“, flüsterte Tia matt aber vernehmlich, sank zusammen. Sahra fing sie gerade noch auf, hielt sie fest im Arm. Tia fand ihren Stand. Ihr Pagenschnitt, stumpf, strähnig, zerzaust. Schnitthaar, spottete Bruder Thomas schon bei wesentlich geringeren Anlässen. Nicht erst hinsetzen, die nächste Gelegenheit nutzen und raus.
Als der PC-Mautner ihre Angaben bestätigte, fühlte sie mehr Raum. Sogar die Männer entspannten sich. Alles sei ja nicht so schlimm gewesen, höchstwahrscheinlich hätten weder Sachen noch anwesende Personen dauerhaft Schaden genommen. Sahra nahm ihren Pass entgegen.
„Allerdings...“, sagte ein Hochgewachsener um die vierzig, mit dackelbraun gefärbter Minipli, „...ihre Patientin hatte einen Gegenstand im Gepäck, von dem wir uns erst überzeugen mussten, dass er nicht auf dem Index steht.“
Er machte ein noch wichtigeres Gesicht.
„Im Gepäck ihrer Patientin fanden wir eine so genannte Nautilusschale. In unserem Katalog sind zwei Kategorien aufgeführt, deren Einfuhr verboten sind. Vermutete wurde negativ beschieden. Finanzielle Sanktionen gibt es also nicht, aber...“
Wohl wissend um die Verzweiflung der Helferin in ihrer Praxis, dem Andrang dort und um Tia, die gleich einer angenockten Boxerin in der zwölften Runde, nur noch vom Unterbewusstsein auf den Beinen gehalten wurde, ließ Sahra wahrscheinlich den gleichen Vortrag von Recht und Unrecht über sich ergehen, der ihrer verzweifelten Freundin den Rest gegeben haben musste.
„...wüssten Sie, was die Leute heutzutage tagtäglich versuchen an uns vorbeizuschmuggeln, Sie würden aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen.“
Die dunkelhaarige Genitalkrause begann eine nicht enden wollende Liste an Schmuggelware aufzusagen.
Was wusste er über die Neigungen eines an Gefühlsarmut erkrankten? Sie waren immerhin stärker, als sein Wille einen Arzt zu rufen. Tia so zu sehen und nicht zu handeln war unterlassene Hilfeleistung. War Angriff jetzt eine Option?
„Vor unser aller Augen läuft ein Aussterben von Arten ab, das einmalig in der Menschheitsgeschichte ist. Und nicht nur wir, sondern ein jeder von uns sollte etwas dagegen tun. Sagen sie dies auch noch einmal ihrer Patientin“, mahnte der Grenzbeamte, obwohl Tia genau vor ihm hing. Sie bestaunte das Phänomen erneut, lieber über, als mit dem Kranken zu sprechen. Oder sollte er bemerkt haben, dass sie nicht genügend aufnahmefähig war?
„Jeder Kauf hat weitere Fänge zur Folge und gefährdet das Überleben dieser faszinierenden Geschöpfe. Sie stimmen mir sicher zu: Es wäre doch höchst bedauerlich, wenn eine Art, die zweihundert Millionen Jahre Evolutionsgeschichte überlebt hat, nun durch menschliches Versagen für immer aus den Ozeanen verschwinden würde?“
„Ich stimme ihnen zu“, beruhigte Sahra den eloquenten Zollexperten. Schluss mit Gesäusel, „da wir gerade von Überleben, menschlichem Versagen und Verschwinden reden, möchte ich ihnen eine Frage stellen. Wenn sie bitte alle einmal zuhören. Alle. Sie auch, danke. Ich habe große Probleme zu begreifen, warum sich nicht längst ein Arzt vor Ort befindet. Abgesehen von mir. Man braucht keine medizinische Vorbildung, um zu sehen, diese Frau braucht akut Hilfe. Ist ihnen das Verschwinden jeglicher Farbe im Gesicht dieser Frau entgangen?“
„Nicht jeder Reisende aus einem sonnigen Land muss braungebrannt...“, begann der Oberzöllner streng, stockte ob Sahras Blick, schaute Tia an, sah erstmalig die zu rein gar nichts fähig seiende, komplett indisponierte junge Frau und fragte sich, ob er die Blässe der Verdächtigen zugunsten eines längst gestrichenen Gehorsamsparagrafen übersehen haben könnte.
Sahra sah verschiedene Stadien der Erkenntnis in den Gesichtern. Die Verwirrung ob ihres scharfen Tones, das Staunen, als der Sinn ihrer Worte Sinn machte, innere Erstarrung, das Äußere alsbald angeglichen. Das Eingeständnis, nicht nur nicht, sondern falsch gehandelt zu haben, die Betroffenheit, über sich daraus ableitende, mögliche Konsequenzen, die einer unterlassenen Hilfeleistung folgen konnten.
„Noch etwas“, sie nahm etwas die Härte aus dem Ton, „sie würden mir helfen, wenn sie kurz in der Praxis durchwählten und meiner Assistentin mitteilen, dass ich nun auf dem Weg bin. Ich habe das Sprechzimmer voller inhärent Wartender.“ Sie lockerte die angespannte Stimmung etwas, damit die folgend Verbleibenden in Ruhe vor Scham im Boden versinken konnten, „wollen Sie das bitte machen? Meine Visitenkarte haben sie ja. Ich danke ihnen.“
Die entgeisterte Tia, Reisetasche und Plastiktüten durch den Menschenpulk zum Wagen gezogen, hineingesetzt, angeschnallt, brach in Tränen aus, als Sahra über sie gebeugt, die Tür zu zog. Tia kauerte sich zusammen. Vereinzelt ein kraftloses Schluchzen.