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Verloren zwischen Selbstkritik und Konsum

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03.04.2026
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Verloren zwischen Selbstkritik und Konsum

Er hatte sich zu sicher gefühlt im Schutz der Verbindung, die sie miteinander hatten. Es war ihm möglich, sich vor seinen eigenen Unzulänglichkeiten zu verstecken, da sie ihn annahm, wie er war. So hatte er sie in der Anfangszeit auf Händen getragen und beide schwammen federleicht im nahegelegenen See. Er hätte Bücher schreiben können über ihre Schönheit, ihre Anmut und sich verlieren können in ihren Augen. Sie hatte es geschafft, ihm Stabilität in seinem instabilen Leben zu geben.

Ein Anker, der seine Ängste vor Beziehungen verstummen ließ. Eine unglaubliche Freiheit setzte ein, die Freiheit, sich nicht mehr vor vergangenen Erfahrungen fürchten zu müssen. Er hatte sich sicher gefühlt wie schon lange nicht mehr.

Sie waren damals verliebt, und sie schworen sich in der Kirche: „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“

Irgendwann wurde ihm jedoch bewusst, dass die Liebe zwar allumfassend war, er aber immer wieder in seine Abgründe abwanderte. Geprägt von der intensiven Arbeit, die er leistete, war kaum noch soziale Energie für etwas anderes da. Wenn sie sich trafen, war er müde und erschöpft von seinem gefühlten anderen Leben. Zudem ließ sein Kopf ihm keine Ruhe; unaufhörlich pochte es in seiner Schläfe. Immer wenn es nach draußen ging, in die echte Welt, um Dinge zu erleben, hatte er im ersten Moment nur ein Stöhnen übrig, da es ihm alles abverlangte.

Er versuchte, die Wunden des Lebens wegzuhalluzinieren. Zum vermeintlichen täglichen Überleben benötigte er die Kraft aus dem Konsum. Denn der Konsum ließ ihn an nichts mehr denken, und dennoch trug er sie immer in seinem Herzen. Es war ihm zu spät bewusst geworden, dass die Liebe und die Verbindung ihn nicht retten würden. Er musste sich verändern, um seiner selbst willen.

Er hätte ehrlich zu sich selbst sein und sich schwören müssen: „All deine Dinge lass in der Liebe zu dir selbst geschehen.“

Immer wieder verkroch er sich, immer wieder versteckte er sich vor ihren zugewandten Blicken. Er hatte Angst, sie würde ihn in einer Klarheit erkennen, die kein Mensch ertragen kann.

Mit der Zeit setzte die Klarheit dennoch immer weiter bei ihr ein. Beide zogen zusammen, um ihre Beziehung zu festigen, und entfernten sich im gleichen Augenblick voneinander. Er tat alles dafür, weiter verdeckt handeln zu können, und wurde dabei schließlich enttarnt.
Ihm wurde bewusst, dass er so nicht weitermachen konnte, und er löste sich vom Konsum. Es gab viele Tricks, viele Ungereimtheiten und eine Form von Selbstbetrug, die irgendwann auch in der Beziehung zueinander sichtbar wurden. Davor hatte er immer Angst gehabt.

Die Gesprächspartner, die er in der Vergangenheit aufsuchte, wollten ihn beruhigen und sagten, dass sich schon alles fügen würde. Neue Themen würden aufkommen, andere, noch unerschlossene Felder der Beziehung würden sich zeigen. Man könne nicht alles im Vorfeld aus dem Weg räumen. Er hatte ihnen viel Vertrauen geschenkt und war auf einem guten Weg, sich diesen Themen anzunehmen.

Auch hatte er darauf vertraut, dass sie ihm die Grenzen aufzeigen würde, sollte es schwierig werden, all das auszuhalten. Er hatte vor Alternativen gewarnt, die ihrer Beziehung im Weg stehen könnten. Und er hatte eine unglaubliche Angst, dass sie sich diese Alternativen aktiv suchen würde. Sie entfernte sich immer weiter von ihm, und er fühlte sich so sicher und gleichzeitig so verloren wie nie zuvor.

Als sie ihm eröffnete, dass sie die Beziehung so nicht mehr weiterführen könne, war er im Schock. Sie hatten beide die Chancen verpasst, aktiv auf die gegenseitigen Bedürfnisse einzugehen. Er hatte es nicht geschafft, die Beziehung gesund zu führen. Und sie hatte ihn auf ihrem eigenen Weg in ihre Gedankenwelt nicht mehr mitgenommen.

Seine Urangst hatte sich am Ende leider bewahrheitet. Dennoch war er am meisten von sich selbst enttäuscht, nicht der Partner gewesen zu sein, den sie sich erträumt hatte. Zudem schmerzt es, dass er nichts mehr tun konnte, um irgendetwas zu retten, und sie so fest entschlossen war, abzuwandern. Sie hätten beide Verantwortung für die langjährige Beziehung übernehmen müssen, damit sie ihnen nicht entgleitet. Die Zukunftsidee ist vor seinen Augen geplatzt, und er wünscht sich nichts sehnlicher, als alles richten zu können.

Die Vorstellung, keinen Sommer mehr mit ihr verbringen zu können, irgendwann nur eine Randnotiz ihrer überlagerten Erinnerungen zu sein, kein gemütliches Beisammensein mit ihren Freunden mehr zu erleben, eine unvollendete DnD-Kampagne zu hinterlassen und sich nicht mehr gegenseitig auf Händen durch die Seen dieser Welt tragen zu können, ist nun ein unerreichter Traum.

Auch wenn es für ihn schwer gewesen wäre, sich selbst zu stellen, und für sie noch schwerer, mit genau diesem Mann die Zukunft zu gestalten, so wünscht er sich genau das.

Der Schmerz in mir kommt immer wieder hoch, und noch größer die Liebe zu dir.

 

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