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Vier kommen heute nicht
„Warum du nicht tanken warst, will ich wissen! Ist ja nicht so, als hättest du keine Zeit gehabt!“
Die Zeit habe ich tatsächlich gehabt. Zwei Stunden hat sie gebraucht, um sich für die Party in Schale zu schmeißen. Ich war dabei zugegebenermaßen an der Notwendigkeit ein zweites Mal duschen zu müssen nicht ganz unschuldig. Den Rest der Zeit hielten mich ihre CD-Sammlung und meine Schachtel Gauloise bei Laune.
„Lass die scheiß Quarzerei, du weißt doch, dass ich den Qualm nicht in meiner Wohnung haben will!“
Eigentlich wusste ich gar nichts. Wir waren nur ein paar Mal im Bett gewesen, was soll man da schon wissen, außer dass sie es nicht in den Popo mag.
„Die Brian Adams hab ich auch“, erwiderte ich beschwichtigend und versenkte zischende Glut in der Prosecco-Pfütze, die die dazugehörige Flasche noch zur Verfügung stellte.
„Mensch, Nobbi, mach die Zigarette jetzt aus!“
„Nenn mich nicht so!“
Die Flexibilität meiner Sehmuskeln ermöglichte es mir, den einen oder anderen unauffälligen Blick zu ihr ins Badezimmer zu werfen, während ich augenscheinlich noch mit ihren Silberlingen beschäftigt war. Ich sah sie mit Glätteisen und Schminke hantieren, Kleider gegen Hosen austauschen, Brustwarzen mit Pflastern abkleben ...
„Schau nicht her, ich bin noch nicht fertig!“
Die Tür knallte zu diesem Satz ebenso häufig ins Schloss, wie sie sich mit einem „Und?“ und dem im Rahmen erscheinenden hoffnungsvollen Gesicht wieder öffnete.
Mir gefiel schon ihr erstes Outfit, was sollte ich nach dem Fünften also noch sagen?
„Der Wetterbericht hat Schnee vorausgesagt und wir sind jetzt schon spät dran.“
Dass ich ihr keine große Hilfe war, hätte sie mir nicht erneut sagen müssen.
„Ich muss besser aussehen als Sonja, das weißt du doch.“
Kurz erfüllte mich Stolz über das Wissen, das sie mir zutraute, machte aber schnell wieder Platz für die Langeweile, die mich zu einem dritten Anlauf uninspirierter Blätterei animierte.
„Du weißt doch gar nicht, was sie tragen wird. Was soll’s also?“
„Ich ahne, was sie tragen wird, ich ahne es!“
„Kann ich wenigstens pissen, während du da am Gange bist?“
„Ja klar, aber setz dich hin!“
Ich beschloss, ein Zeichen zu setzen, und wälzte mich aus den verschwitzten Laken, um mich auf die Suche nach meiner verstreut herumliegenden Unterwäsche zu machen. Pinkeln konnte ich auch später noch.
„Hast du meine Schlüssel gesehen?“
Nun war es an ihr einen auf eilig zu machen, was sie durch geschäftiges Hin und Her versuchte zu verdeutlichen. Ich war währenddessen noch damit beschäftigt, in meinem Kurzzeitgedächtnis nach dem Übergang zwischen Sandra im Bad und Sandra auf der Suche zu kramen.
„Komm, lass uns fahren.“
„Darf ich mich vielleicht auch noch anziehen?“
Der erste Teil der Fahrt verlief dann mehr oder weniger angenehm, was zu einem Großteil der Tatsache geschuldet war, dass sie entweder ihren Lippenstift zum hundertsten Male nachzog oder mit irgendwelchen Freundinnen telefonierte, um den Verlauf des Abends zu planen. Ich lauschte währenddessen den Klängen von The Clash, die ich eigentlich schon immer Brian Adams vorgezogen habe.
„Jetzt mach doch mal dieses Gedudel aus. Du weißt doch, dass ich nicht auf Britpop stehe!“
„Du bist doch eh am telefonieren.“
„Das heißt aber nicht, dass mich die Musik nicht stören kann. Wir wollen doch jetzt gute Laune bekommen. Sonja und Alex sind im Übrigen auch spät dran.“
Ihr Lächeln war nun auffordernd, aber keinesfalls liebevoll.
Ich wechselte seufzend zum Radio, wo der Wetterdienst bestätigte, was wir schon seit ein paar Minuten hautnah erlebten.
„Guck mal, es schneit, wie schön.“
Ich korrigiere: Was ich seit ein paar Minuten hautnah erlebte.
„Ja, sagte ich doch. Haben sie vorausgesagt.“
„... kann es in weiten Teilen des Landes zu erheblichen Behinderungen kommen ...“
Es war das erste Mal, dass wir gemeinsam auf einer öffentlichen Veranstaltung erschienen. Nicht, dass es nicht schon jeder wusste, dass wir es miteinander trieben, aber so richtig als Paar galten wir in unserem Bekanntenkreis noch nicht. Ich war mir nach dem bisherigen Verlauf dieses Abends auch nicht mehr ganz so sicher, ob das vielleicht nicht besser so bleiben sollte. Der Restgeschmack von Pflasterkleber in meinem Mund erlöste mich aber aus dieser Blitzkrise und ersparte mir zumindest vorerst die Aussicht auf eine nähere Zukunft voller hysterischer Tränen und Hasstiraden.
„Sag mal, hast du gefurzt? Du weißt doch, dass ich das nicht abkann, wenn jemand in meiner Nähe einen fahren lässt.“
Ihr war wohl entgangen, dass wir bereits seit geraumer Zeit durch ländliches Gebiet fuhren. Um genau zu sein, fuhren wir seit geraumer Zeit durch das gleiche ländliche Gebiet, da ich die auf der Einladung angegebene Einfahrt einfach nicht finden konnte.
„Nein, das muss von draußen kommen.“
Wie um die Ehrlichkeit meiner Aussage zu unterstreichen, gab der Motor auf einmal Geräusche von sich, die man in solch abgeschiedenen Gegenden lieber nicht zu hören bekommen will.
„Was ist das?“
„Der Motor gibt eigenartige Geräusche von sich.“
„Das höre ich auch!“
Durch einige fachmännisch angelegte Klopfer auf die Spritanzeige gelang es mir, den Eindruck zu erwecken, alles im Griff zu haben. Doch der immer schwächer werdende Motor kämpfte erfolgreich gegen mein Schauspiel.
„Da scheint was mit der Anzeige nicht in Ordnung zu sein.“
„Welche Anzeige?“
„Sprit.“
„Willst du damit sagen, dass der Tank leer ist?“
„Kann schon sein.“
Ich klopfte noch ein paar Mal auf die plexigläserne Abdeckung, bevor der Wagen endgültig zum Stehen kam.
„Warst du tanken?“
Sanft fielen die dichter werdenden Flocken auf die Windschutzscheibe, wo sie für ein paar Sekunden verweilten, bevor sie sich verflüssigten.
„Ob du tanken warst?“
Langsam, um Zeit zu schinden, Zeit, die ich brauchte, um mir eine Ausrede einfallen zu lassen, zog ich den Zündschlüssel aus dem Loch.
„Nein, war ich nicht.“
„Warum nicht?“
„Weiß nicht.“
„Warum du nicht tanken warst, will ich wissen! Ist ja nicht so, als hättest du keine Zeit gehabt!“
Auch die Dunkelheit verstand es nicht, die Hässlichkeit ihrer wutverzerrten Fratze gänzlich zu verschleiern.
Wollte ich in der Nähe dieser Frau sein, wenn es wirklich Grund zum Streiten gäbe? Wenn ich wieder mit Alex um die Häuser gezogen wäre und erst nach drei Nächten kommentarlos wieder bei ihr am Frühstückstisch säße? Wenn ich wieder das Kindergeld für einen Besuch im Bordell auf den Kopf gehauen hätte, obwohl die Anschaffung dieser ach so tollen Tapete angestanden hätte?
„Sandra ... Wir müssen.“
„Was?“
„Ich denke, das ist doch keine so gute Idee mit uns.“
Dank des wenigen diffusen Lichts erkannte ich die ungläubige Abneigung, welche die zugegebenermaßen geringen Möglichkeiten ihrer Mimik mir entgegenzubringen hatte. So starr, als wäre ihr Gesicht hinter der Schicht aus Schminke in sich zusammengefallen, glotzte sie mich an.
„Also, du bist ja wirklich das letzte Arschloch, Norbert."
Noch bevor mein Name fiel, hatte sie sich entschnallt und die Beifahrertür geöffnet. „Sandra ...“
Sie stöckelte auf ihren völlig unpassenden Schuhen, die Landstraße hinab.
„Sandra!“
Fast wäre sie auf der ersten Schneeflockenansammlung des Jahres ausgerutscht.
„Ach komm!“
Ich löste den Anschnallgurt.
„Sandra.“
Kurz bevor die Dunkelheit des Waldes sie vollends verschluckte, verharrte sie für ein paar Sekunden, drehte sich ruckartig um und entledigte sich ihres italienischen Schuhwerks. Dann setzte sie sich in Bewegung. Unaufhaltsam wie Haarausfall eilte sie auf mich in meinem verreckten Gefährt zu.
„Sandra?“
Sie riss die Fahrertür auf, schaute mir einen asthmatischen Atemzug lang in die Augen.
„Sandra, wir können doch ...“
Was mich nun traf, war ihre Faust. Und das mitten ins Gesicht. Ich spürte, wie mein Nasenbein zerbrach und sich irgendwie auch in Richtung meines Gehirnes zu bewegen schien. Man hatte ja schon von solchen Dingen gehört.
Tränen schossen mir in die Augen, aber ich reagierte schnell und erhob schützend meine Hände, um mich vor weiteren Schlägen zu schützen, während ich in meinem Gurt zurücksank. Als Jugendmeisterin im Speerwerfen hatte sie sich einige Kraftreserven in ihren Armen erhalten können, das musste ich ihr lassen.
„Du Wichser!“, zischte sie noch, dann hörte ich, wie sich ihre stöckelnden Schritte entfernten. Dem schlitternden Geräusch nach schien sie aber auszurutschen.
„Mist!“
Ich riss die Arme hoch, um sehen zu können, was passiert war. Sandra hatte ihre Balance gerade so wiedererlangen können.
Und dann begann die Zeitlupe: Gleißendes Licht stach mir in die Augen, bevor ein Knall die Stille zerriss. Sandra flog auf mich zu, begleitet von einem kurzen, nur noch instinktiven Schrei und einem weiteren Schlag. Es war ihr Gesicht, das ich durch meine verklebte Netzhaut erkannte. Es hatte sich auf eigenartige Weise um meine offene Autotür gestülpt. Ihre Stirn, die Nase und der von blutigem Schleim und zerbrochenen Zähnen gefüllte Mund gespalten vom kalten Metall der Tür. Etwas hatte sie von der Straße geschleudert, hatte sie um meine Autotür gewickelt und mich mit ihrer eben noch hasserfüllten Hirnmasse bespritzt. Nun rammte es auch die Vorderseite meines Wagens und ließ mich in einem scheinbar zeitlosen Wirbel aus Licht, Glas und ein paar blutigen Schneeflocken die Schemen dreier vertrauter Gesichter erkennen.
So plötzlich, wie es gekommen war, so schnell stand es wieder still. Zu still für meinen Geschmack. Das Lenkrad hatte sich tief in meine Brust gebohrt und hinderte mich daran den Laut von mir zu geben, der mir auf den Lippen lag. Nur stoßweise vermochte ich blutfeuchte Atemzüge durch meine Nase zu quetschen. Auch als ich im abnehmenden Licht den seltsamen Winkel erkannte, in dem mein Unterarm vom Ellenbogen abstand, vermochte ich nicht zu reagieren. Das zersplitterte Fensterglas hatte sich seinen Weg durch meine Haut gebohrt und schenkte mir ungewollte Kühlung. Was war mit Sandra?
Durch die zerborstene Scheibe sah ich die Reste eines Wagens, den ich nur allzu gut kannte. Sein Windschutz hatte alles mehr oder weniger gut überstanden, wenn man mal von dem blutumsäumten Loch auf der Beifahrerseite absah. Im sterbenden Licht bemerkte ich Sandras haarige Überbleibsel an der zerbogenen Autotür und kotzte Blut, während mein Freund Alex mir das Schreien abnahm.