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Wann immer was ist

Seniors
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01.09.2005
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Wann immer was ist

Das Telefon summte Niklas wach. Er griff zum Tisch neben dem Bett. Das Display blendete seine verschlafenen Augen und er musste ein paar Mal blinzeln, ehe er etwas sehen konnte. Niklas schob den Regler nach rechts und sagte nichts. Wer um die Uhrzeit anrief, musste sich erst mal erklären.
„Niklas? Bist du da?“ Es klang, als hätte der Anrufer den Mund voll Watte.
„Hast du auch diese Zahlen auf dem Handy?“, fragte Niklas zurück.
„Was?“
„Die Uhr, Finn. Es ist gleich zwei.“
Das blieb zunächst so stehen. Vielleicht warf Finn gerade einen Blick aufs Display. So ein Moment: Ach, scheiße.
„Tut mir leid“, sagte er. „Du hast gesagt, wann immer was ist.“
„Ich hatte vor allem an tagsüber gedacht.“
Finn ließ das sacken. „Ich habe mir ein paar Fako gemixt. Und zwei Bongs gestopft.“
Fako. Fanta-Korn. Mit sechzehn hatte Niklas beim Erntefest mal acht Stück geschafft. Den neunten hatte er noch zur Hälfte getrunken und sich dann in einem dicken, gelben Strahl in den Mülleimer neben der Bratwurstbude übergeben. Ein Freund hatte gesagt, es habe ausgesehen, als hätte er Pisse gekotzt. Sie hatten noch lange darüber gesprochen, mit sechzehn war das natürlich eine Riesennummer, Pisse kotzen.
„Deswegen rufst du an?“ Es klang wie eine Drohung. Sollte es auch.
„Ich habe Scheiße gebaut.“
„Wenn du jetzt auflegst, vergesse ich es wieder.“
„Das meine ich nicht.“
„Dann lege ich auf.“
„Nein!“
Niklas setzte sich auf. Im Hintergrund hörte er Wind rauschen. Sein Bruder war draußen irgendwo. Vielleicht fuhr er Fahrrad.
„Finn, was soll der Quatsch, was ist los?“
Er atmete auch, als führe er Fahrrad. Oder als laufe er. Schnell und unruhig, Luft rein, Luft raus. Der Schlafnebel in Niklas’ Kopf hatte begonnen, sich aufzulösen. Wenn er sich jetzt wieder hinlegte, würde er mindestens eine Stunde wachliegen. Aber neben dem Ärger stand nun die Sorge. Dieses Atmen. Finn war Finn, die Möglichkeiten endlos: Ein Mädchen schwanger. Beim Kiffen das Haus abgefackelt. Da liegt einer auf der Straße, zwei Messerstiche im Bauch.
„Ich komme nicht mehr runter.“
Niklas seufzte erleichtert und bereute den Reflex sofort. Finn sollte nicht glauben, sein Zorn sei plötzlich verflogen. Erstens stimmte das nicht, und zweitens rief er dann beim nächsten Mal womöglich um vier an. „Das ist alles? Geh einfach schlafen.“
Atmen. „Nein, nicht wegen der Bongs“, sagte Finn. „Ich meine es so. Von hier oben. Ich komme nicht mehr runter.“
Der Wind am anderen Ende. Niklas sah aus dem Fenster. Die Bäume bewegten sich nicht. „Finn, wo bist du?“
„Ich wollte einfach nur breit sein und mir die Sterne angucken. Es war auch schön erst, aber jetzt bin ich weich. Mein Kopf, meine Beine, alles ist weich. Ich kann nicht auf die Leiter. Es ist so schweinehoch.“
„Was ist schweinehoch?“
„Das Silo.“
„Was?“
„Das Silo, Mann, das Getreidesilo! Von scheiß Raiffeisen! Ich bin seit zwei Stunden hier oben!“
Niklas rieb sich die Augen. „Meine Fresse, Finn.“
Die Jüngeren im Dorf nannten die Silos die zwei Türme. Früher jedenfalls hatten sie das getan. Wie lange war das jetzt her, Herr der Ringe im Kino? Wahrscheinlich hießen sie längst anders. Er und seine Kumpels hatten immer mal drüber geredet, irgendwann raufzugehen. Besoffen natürlich. Durchgezogen haben sie es nie. Wer ziehst das durch, so einen lebensmüden Scheiß? Welcher Idiot…
„Ganz im Ernst, Finn, was soll ich jetzt machen? Ich fahre über eine Stunde, bis ich da bin. Ich hab bald Examen.“
„Tut mir leid.“
Die Feuerwehr, dachte Finn. Die würden ihn runterholen. Die Freiwillige Feuerwehr. Die Kameraden. Ein paar waren dabei, die kotzten mit vierzig noch Pisse. Niklas hörte sie lachen. Paar Bier, paar Kurze. Was für ein Blindgänger. Der Bruder ist ja ganz anders. Studiert in Hannover. Ich wär auch abgehauen.
Niklas schwang sich aus dem Bett und machte das Fenster auf. Kalte Luft. Kein Wind, nicht so weit unten. Irgendwo stritten zwei Männer und eine Frau. „Okay“, sagte er. Die Frau schrie, einer der Männer schrie zurück. „Aber mach dich auf was gefasst.“

Auf dem Weg durch die Stadt zur Autobahn steckte er sich eine Zigarette an. Aufhören würde er nach dem Examen, keinen Tag früher. Was hätte er gemacht jetzt ohne Zigarette? Ein Stück aus dem Lenkrad gebissen. Wäre bei der Kiste auch nicht weiter ins Gewicht gefallen. Den Hundegeruch vom besten Freund des Vorbesitzers hatte er nie ganz rausbekommen. Selbst die Zigaretten hatten nicht geholfen. Niklas nahm einen tiefen Zug. Als er sprach, kamen Worte und Rauch aus seinem Mund: „Herrgott nochmal, Finn.“
Das Nikotin ließ sein Herz schneller schlagen.

Er hatte seinen Bruder oft im Arm gehabt in den Wochen nach der Beerdigung. Ihre Mutter schnarchte auf dem Sofa. Auf dem Tisch standen zwei Flaschen Rotwein, eine leer, eine angebrochen. Sie schaffte immer so anderthalb, manchmal zwei. „Ich bin hier“, hatte Niklas dann gesagt, und für den Moment hatte es gestimmt.

Das Radio im Auto war schon beim Kauf kaputt gewesen. Niklas hatte Kopfhörer im Ohr. Mobb Deep, von seiner Old-School-Playlist. Es klingelte. Er hielt kurz Ausschau nach blau-silbernen Volkswagen. Dann nahm er ab.
„Was?“
„Sitzt du schon im Auto?“
„Soll ich dir noch was von der Tanke mitbringen?“
„Ich weiß, dass du angepisst bist. Hast du Kopfhörer drin, dass du das Handy nicht halten musst?“
Niklas wischte sich über den Mund, als hätte er etwas Bitteres getrunken. „Ja.“ Er legte das Telefon auf den Beifahrersitz.
„Können wir sprechen, so lange du fährst?“
„Warum?“
„Ich hab Angst hier oben.“
„Das sind Paras. Das kennst du doch.“
„Macht’s nicht besser. Und es ist anders. Hier oben ist was.“
„Da ist nichts.“
„Ich spür was.“
„Du glaubst, du spürst was. Du bist breit. Morgen lachst du drüber. Eventuell tut dir die Backe weh dabei, weil ich dir eine gewischt habe, dass du es klingeln hörst.“
Am anderen Ende rauschte kurz nur der Wind. „Wo bist du jetzt?“
„Fahre gerade auf die Autobahn.“
„Dann lege ich auf. Telefonieren auf der Autobahn ist immer scheiße.“
„Ja.“
„Sonst bist du auch noch weg.“
„Ich bin gleich da.“
Finn legte auf. Mobb Deep rappten weiter. Niklas machte die Musik aus.

Die A2 war leer, aber er war nie gern schnell gefahren. Hundert ganz rechts, das reichte ihm. Wo er her kam, starben zu viele Leute im Auto. Landstraßen und Bäume, Zeltdisco und Fako. Jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, für den lagen Blumen und ein Fanschal seines Vereins am Fahrbahnrand.
Das Telefon wieder. Niklas stöhnte. Sein Blick ging zwischen Display und leerer Fahrbahn hin und her. Er schob den Regler nach rechts.
„Finn, ich kann mich nicht teleportieren.“
„Hier ist auf jeden Fall was.“ Die Stimme zitterte heftiger als zuvor. „Du musst dich beeilen.“
„Alter, Finn, jetzt reiß dich mal zusammen!“ Niklas rammte die Faust gegen das kaputte Radio. „Du dröhnst dich voll, kletterst auf das scheiß Silo, rufst mich mitten in der Nacht an!“
„Ich–“
„Im Gegensatz zu dir hab ich den Tag über was zu tun!“
Es war einfach so nach draußen geschossen, wie gekotzte Pisse. Er wünschte, Finn hätte sich gewehrt. Seine Hand tat jetzt weh.
„Hier oben ist was“, sagte Finn. „Ich krieg nicht viel hin, aber ich bin auch nicht bescheuert oder sowas.“
Niklas steckte sich eine Zigarette an. „Habe ich beides nicht gesagt.“
„Doch, hast du.“
Niklas pustete Rauch aus. „Was soll da sein jetzt?“
„Mama glaube ich.“
„Was?“
„Nicht sie, aber was in ihr drin ist. Es ist hinter mir hergekommen. Weißt du, was ich meine?“
„Nein. Und ich denke, du auch nicht. Leider.“
„Leider was?“
„Leider das. Du. Mit klarem Kopf wärst du jetzt nicht da. Und ich nicht hier. Im Auto. Mitten in der Nacht.“
„Es ist anders.“
„Ist es nicht.“
„Ich sitze nicht mehr in der Mitte. Dann sehe ich, von wo es kommt.“
Niklas wurde kalt. „Was heißt das, wo sitzt du denn?“
„Am Rand. Am Geländer. Dann kann es sich nicht von hinten anschleichen.“
Nilas drückte den Filter der Zigarette so fest zusammen, dass kaum noch etwas durchkam. „Bist du nicht ganz sauber? Setz dich so mittig, wie es geht.“
„Warum?“
„Mach es.“
„Bevor es mich packt, falle ich lieber runter.“
Niklas’ Hoden versuchten, sich in seinem Bauch zu verkriechen. „Finn.“ Seine eigene Stimme zitterte jetzt leicht. „Es packt dich nichts. Da ist nichts. Du bist bekifft. Geh in die Mitte. Sofort.“
„Warum interessiert dich das?“
„Was?“
Klappern und Kratzen am anderen Ende. Wenn sein Bruder fiel, würden sie im Dorf sagen, das war klar, dass das irgendwann kommt.
„Ist okay“, sagte Finn. „Ich bin weg vom Rand.“
„Gut“, sagte Niklas. „Ich gebe Gas. Ich gebe Gas und du gehst in die Mitte.“
„Bleibst du dran?“
Niklas fuhr das Fenster herunter und schnipste die Zigarette nach draußen. „Ich bin hier.“
Über kleine Sachen reden jetzt, dachte Niklas. Alles ein bisschen runterkochen. Jedenfalls so lange, wie sein Bruder 25 Meter über dem Erdboden weilte. Nichts mit Mama, nichts mit Papa, nichts mit Versprechen.
„Hast du den neuen Jason Statham gesehen?“
„Nein. Ist der gut?“
„Ja. Nein. Also, ist halt das selbe wie immer.“
„Okay. Lad ihn mir mal runter demnächst.“
„Welches Spiel zockst du gerade?“
„Dark Souls.“
„Immer noch?“
„Das neue.“
„Wie neu?“
„Ganz neu.“
„Ist das nicht schweineteuer?“
„Habs runtergeladen.“
Vor ihm fuhr ein Bulli aus Köln, dessen Fahrer es offenbar nicht eilig hatte. Achtzig, das war selbst Niklas zu langsam. Jetzt gerade sowieso. Nachdem er wieder vor dem Bulli eingeschert war, wollte er von Finn wissen, was so ein Gramm inzwischen kostete. Ob sich da was getan hatte, zum Nachteil des Konsumenten. Diese Lampen, mit denen sie die Pflanzen bestrahlen, fressen ja unheimlich Strom.
Aber Finn kam ihm zuvor. „Warum wolltest du eigentlich nicht pendeln zur Uni? Machen doch viele von hier.“
Niklas griff die Schachtel, warf sie aber auf den Beifahrersitz zurück, ohne eine Zigarette genommen zu haben. Sein Mund war trocken genug. „Ich bin fast durch jetzt“, sagte er. „Die Frage habe ich längst beantwortet.“
„Hast du nicht.“
„Doch.“
„Aber du hast nicht die Wahrheit gesagt.“
„Habe ich nicht?“
„Ach, komm. Weil dich die Fahrerei nervt. Jeden Tag fast zwei Stunden im Zug. Da geht Zeit drauf zum Lernen.“
„Genau. Und?“
„Du hättest im Zug lernen können.“
„Das ist wie durchfeiern und sagen, ich kann ja morgen im Zug schlafen. Das macht keiner wirklich. Das habe ich dir auch schon vor fünf Jahren erklärt.“
„Du wolltest weg von Mama.“
„Finn, Mama ist krank, immer gewesen. Und das mit Papa hat ihr den Rest gegeben.“
„Als du noch bei uns warst, hast du das anders gesehen.“

Irgendwann hatte sie wieder geschrien und diesmal hatte seine Vater zurückgeschrien. Niklas schlich zum Wohnzimmer. Durch den offenen Hausmantel seiner Mutter stieß der dicke Bauch mit Finn darin. Auf dem Tisch lag Brot auf einem Schneidebrett, daneben Salami und eine fast leere Flasche Wein. Das Brotmesser hatte seine Mutter in der Hand, der Griff hellbraun, die Klinge gezackt. Sie drückte sich die Spitze über dem Bauchnabel in die Haut. „Willst du es haben?“, fragte sie. „Du kannst es haben.“
Sie drehte den Kopf und sah Niklas an mit ihren dumpfen Glasaugen. Sie strich sich über den Kopf. Ihre Haare waren so blond wie bei einem Engel aus Holz, der am Weihnachtsbaum hängt. Sie nickte ihm zu. „Er will es auch nicht.“
Beim Lächeln zeigte sie Zähne, die waren fleckig vom Wein. Sie ließ ließ sich aufs Sofa fallen und kämmte sich mit dem Messer das Engelshaar aus dem Gesicht. „Der eigene Sohn kapiert es nicht“, sagte sie.

Er blinkte und fuhr von der Autobahn. „Lass uns gern mal drüber reden. Aber nicht jetzt.“
Finn schnaubte ungeduldig ins Telefon. „Warum nicht?“
„Kein guter Zeitpunkt.“
„Warum nicht?“
Niklas griff das Lenkrad fester. „Weil du zugedröhnt auf dem Raiffeisen-Silo sitzt.“
„Weil ich auf dem Silo sitze.“
„Ja.“
„Weil du Klausur schreibst. Weil du dir einen Flug buchst. Weil du gerade RedTube offen hast und dir einen runterholst. Weil–“
„Ich kann dich auch da vergammeln lassen.“
„Hast du doch schon.“
„Es reicht mir jetzt Finn. Ich–“
„Sei mal bitte ruhig.“
Ich soll ruhig sein? Du–“
„Bitte! Hörst du das nicht?“
Ich höre nichts. Wie ein Reflex wollten die Worte raus, aber es stimmte nicht. „Hast du irgendwas an, YouTube oder sowas?“
Finn sagte lange nichts. „Ich habe doch gesagt, hier oben ist was.“
Niklas schüttelte den Kopf. „Da ist nichts.“
Finn schwieg.
„Ich bin gleich da, Finn. Ich kann das Silo schon sehen.“ Das war schon wieder gelogen. „Reiß dich einfach noch zwei Minuten zusammen.“

Eine Viertelstunde später fuhr er auf das Raiffeisen-Gelände, parkte neben Paletten und einem Radlader. Hastig stieg er aus dem Auto und lief auf das Silo zu. Er war wütend und er hatte Angst. Er war zuhause.
Am Telefon hatte Finn nicht mehr gesprochen. Jedenfalls nicht mit ihm. Es hatte sich angehört, als läge das Handy auf dem Boden, während sein Bruder das Dach des Silos ablief und sich wahlweise unterhielt, jemanden beschimpfte und um Hilfe schrie. Eine Psychose vielleicht, von der vielen Kifferei.
Niklas lief zur Leiter, die von Sicherheitsstäben eingefasst war. In all den Jahren, die er hier vorbeigefahren war, hatte er sich immer gefragt, was die bringen sollten, wenn man abrutschte und fiel.
Er ließ den Blick noch einmal über den Boden schweifen. Dann griff er die Sprosse vor sich.

Nach einem Drittel der Strecke brannten seine Oberschenkel. Er blieb kurz stehen. Zwang sich, nicht nach unten zu blicken. Etwas flatterte in seinem Bauch. Er spürte die Leere unter sich und zischte den Namen seines Bruders durch zusammengebissene Zähne.
Mit jeder Sprosse pfiff der Wind stärker in seinen Ohren. Riss an seiner Kleidung und zerzauste ihm die Haare. Nur vollgedröhnt konnte man das hier für eine gute Idee halten.
Niklas erreichte das Dach. Griff die beiden Metallbögen, die zum Hochziehen in den Boden eingelassen waren. Am anderen Ende der Plattform stand Finn. Der Wind schubste Niklas einen unfreiwilligen Schritt nach vorn.
„Da bin ich“, rief er. In der Mitte der Plattform lag Finns Rucksack, gefüllt wahrscheinlich mit Bier und seinem Kiffer-Kram. Niklas stapfte auf den Sack zu. Er wollte ihn nehmen und vor den Augen seines Bruders über das Geländer werfen. Hoffentlich war die Bong darin und hoffentlich war sie teuer gewesen.
Finn nickte und drehte sich kurz um, sah über das Geländer. „Dann weißt du ja jetzt, dass ich nicht allein bin“, sagte er.
Niklas blickte umher. Er dachte an die dritte Stimme. Was sich angehört hatte, wie eine dritte Stimme. Es war nur der Wind gewesen. „Jetzt lass uns runter.“
Finn schüttelte den Kopf.
Niklas schloss kurz die Augen. „Dann komme ich dich holen“, sagte er. „Bleib da und halt dich fest.“
„Ich kann nicht.“
„Doch, kannst du“, sagte Niklas. „Darum hast du mich angerufen.“
„Nein“, sagte Finn. „Das war gelogen.“ Kurz huschte so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht. „Ich war jetzt auch mal dran. Ich wollt dich noch mal sehen.“
„Bleib genau, wo du bist, Finn.“
„Sie ist noch da. Was in ihr war. Es tut mir leid.“
Er schwang das Bein über das Geländer. Niklas lief los. Das andere Bein. Finn hielt das Geländer umklammert und lehnte sich zurück. Sah nach unten, dann noch einmal zu seinem Bruder. Und ließ los.
Niklas lief weiter, als gäbe es keine Physik. Als könnte er über das Geländer langen und seinen Bruder am Kragen packen, ihn hochziehen, verprügeln und umarmen. Stattdessen war da dieses Geräusch. Etwas schlug auf, und da zersprang nichts, keine Bong aus Glas, ein ganz dumpfes Geräusch war das, wie ein Sack voller Stoff. Niklas griff das Geländer, zog sich ran, aber als er nah genug war, um sich hinüberzulehnen und runterzusehen, da sah er stattdessen weiter geradeaus.

Er behielt die Hände am Geländer, und erst als irgendwann der erste Vogel im Wind zwitscherte, ließ er es los. Er hatte Krämpfe in den Händen. Seine Finger bewegten sich kaum, als er auf dem Weg zur Leiter den Rucksack aufhob. Sie waren krumme Haken, die er durch eine Schlaufe schob. Er schrie und schmetterte den Rucksack auf den Boden, und wieder klirrte nichts, eine Bong war nicht darin. Der Reißverschluss war ein Stück offen und nach dem Wurf schaute etwas daraus hervor. Niklas wollte es berühren, um es zu glauben, aber er zog die Finger zurück, als der Wind es tanzen ließ. Es war, als griffe nicht er danach, sondern als versuchte es, ihn zu packen, als hätte diese Strähne blondes Engelshaar ein eigenes Leben.

 

Lieber @Proof ,

ich mag an deinen Geschichten, dass du eine klare Sprache verwendest. Ich also nicht mit dem Rätselraten, was du wohl gemeint haben könntest, beschäftigt bin.
So auch hier.
Dir ist ein sehr dichtes Beziehungspsychogramm der beiden Brüder gelungen. Dir gelingt das Glanzstück, allein durch die wörtliche Rede ihre Charaktere zu zeichnen. Sehr gut gemacht. Ich hab so gut wie gar nichts zu kritisieren.
Die Atmosphäre und der Spannungsaufbau sind so, wie ich es mag und der Widerstreit der Brüder liest sich so mal eben runter, ohne dass ich ins Stocken geriet.
Besonders hat mich die Dynamik zwischen den beiden Brüdern gefesselt. Dieses "Du bist mein Bruder und du fehlst mir, aber du bist ein Arsch"-Gefühl, das irgendwie beide gepackt hatte und jeder es auf seine eigentümliche Weise äusserte. Die Dialoge kamen mir perfekt vor, um genau diese Ambivalenz aufzuzeigen. Und dieses schwelende Gefühl, dass gleich etwas Furchtbares passieren könnte, schwingt überall mit.
Das alles hat mir ausnehmend gut gefallen.

Tja und nun kommt das Aber, wie üblich bei uns Wortkriegern: Wenn du nicht den Tag "Horror" gewählt hättest, hätte ich auch nicht danach suchen müssen.

Die weitere Person, die Finn auf dem Dach bei sich hatte oder es auch nur geglaubt hatte, kommt viel zu schwach gezeichnet rüber, sie ist von mir Leserin so wenig aktiv im Geschehen, dass ich es wie Niklas mit dem Argument wegwischen kann, dass sich Finn das garantiert alles eingebildet hat. Schließlich hatte er ordentlich Alkohol und Drogen getankt.
Und dass du am Ende der Geschichte dem Leser verkaufen willst, dass Finn gar keine Drogen bei sich hatte, macht es auch nicht deutlicher zur Horrorgeschichte. Für mich ist einfach tragisch ein wahrscheinlich schon vorher hochgradig depressiver Finn im Beisein seines Bruders in den Selbstmord gegangen. Vielleicht, um ihn zu bestrafen für seine Vernachlässigungen, ihm einen Denkzettel zu verpassen, vielleicht, weil Finn einfach wirklich nicht mehr wusste, was er tat, auch, weil er meinte, dieses Wesen gesehen zu haben, sich bedroht gefühlt zu haben, einfach, weil er nicht allein in den Tod gehen wollte. Was auch immer, es ist gut, dass dies offen bleibt. Aber es hat bei mir keinen Horroreffekt erzeugt und dabei bin ich als normalerweise Nichthorrorleserin ganz bestimmt ziemlich schnell zu beeindrucken. Aber mir fehlt der Horror auch nicht. Insoweit ist es nur eine Kritik, soweit es die Wahl des Tags anbelangt. Für mich funktioniert diese Geschichte so wie sie da grad steht.

„Soll ich dir noch was von der Tanke mitbringen?“
Da musste ich auflachen.
Niklas’ Hoden versuchten, sich in seinem Bauch zu verkriechen.
Ich kann mir nicht so recht vorstellen, was genau für ein unangenehmes Gefühl es ist, das du beschreiben möchtest. Da du "verkriechen" wählst, ahne ich natürlich, dass du einen Rückzug ins Innere, als eine Art Schutzmechanismus andeuten möchtest.
Für mich ist dieser Satz insgesamt nicht klar genug in seiner Aussage.
Irgendwann hatte sie wieder geschrien und diesmal hatte seine Vater zurückgeschrien.
sein Vater
Eigentlich erwartet man an dieser Stelle noch einen weiteren erklärenden Satz, was danach passierte. Aber ich komme gut damit klar, dass der nicht dort steht. Man kann es sich denken, zumindestens entnehme ich dem Gespräch der Brüder, dass es den Vater irgendwie nicht gibt. Weshalb ist gar nicht wichtig.
Durch den offenen Hausmantel seiner Mutter stieß der dicke Bauch mit Finn darin.
Ich empfinde diesen Satz als sehr unglücklich formuliert. Du willst doch darstellen, dass der Hausmantel nicht mehr passt, weil sich daraus der dicke Bauch mit Finn drin wölbt. Und genau so würde ich es auch schreiben.
Sie ließ ließ sich aufs Sofa fallen und
1 ließ streichen bitte
Sie ist noch da. Was in ihr war. Es tut mir leid.“
"Sie ist noch da", ist eine klare Aussage."Was in ihr war?" Was meinst du damit? Eine Krebserkrankung? Eine Geschwulst? Mir ist das an dieser Stelle zu verborgen, was du aussagen möchtest. Und auch das "Es tut mir leid" bekomme ich nicht verortet. Entschuldigt sich Finn, weil er Niklas nicht nerven möchte, weil er am liebsten selbst nicht glauben möchte, was er da wahrzunehmen scheint? Das ist mir also etwas zu verkürzt dargestellt.
Sie waren krumme Haken, die er durch eine Schlaufe schob.
Mir fehlt grad jegliche Vorstellungskraft was für krumme Haken und durch welche Schlaufe, stehe bei diesem Satz völlig auf der Leitung.


Du siehst, es sind ziemlich wenige Punkte, die ich noch ansprechen musste.
Insgesamt ein echter Lesergenuss, danke dafür.

Lieben Gruß

lakita

 

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