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Wo der Tag sie erreicht

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12.02.2020
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Wo der Tag sie erreicht

Neben mir im Bett liegt ein Seestern. Seine fünf Arme umschlingen mich. Mit seinem Bauchmund küsst er mich mitten ins Gesicht. Er holt all seine Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen, Schlangensterne und Seeigel und Seegurken, die zwar nett klingen, aber eine Horde ungehobelter Stachelhäuter sind. Sie leben in seichten Gebieten des Meeres, dort, wo der Tag sie erreicht. Und in meinem Bett. Vielleicht, weil die Nächte zu tief für sie sind.

Am Morgen finde ich feinen Seesand auf Kissen und Laken. Der reibt an meinen Wangen, bis sie wund sind und sich nicht mehr berühren lassen, ohne zu schmerzen. Ich schüttle das Kissen aus und auch das Laken, zwischen den Zähnen knirschen die Reste der Nacht. Wenn ich die Augen schließe, rieche ich Seetang und Salz. Ich dusche bis meine Haut so rot ist und heiß. Bis die Haut mehr schmerzt und der Spiegel beschlagen ist. Haut wird wie Leder, wenn man sie nicht cremt. Ich creme sie nicht. Ich schlafe mit Stachelhäutern in einem Bett.

Sonntags gehe ich in den Stadtwald. Das Licht riecht nach Harz. Ich gehe zur dritten Ecke, dann den Schleichweg entlang, zwischen den Kiefern hindurch, bis zum Balgberg. Die Kiefern sind hoch, unten ist die Luft still und grün. Seesterne haben hunderte Füße, aber schnell sind sie nicht. Schritt für Schritt ziehe ich mich den Balgberg hinauf, weg vom Grund. Auf dem Berg zerrt der Wind an meinen Haaren und ich sage: Ich habe nur zwei Füße, aber du ziehst an mir wie Wasser. Dabei will ich aus der Haut fahren, will mit dir durch die Kiefern streifen. Durch die Kiefern mit den kahlen Stämmen.

Auf der anderen Seite des Balgbergs ist die Knochenbahn. Läge Schnee, führe ich Schlitten, ich sauste hinunter über die Knochen der Kiefern und prallte gegen den Stamm am Ende der Bahn. Wenn ich nicht bremste. Aber im Sommer liegt kein Schnee und ich gehe die Knochenbahn zu Fuß hinab. Unten setze ich mich auf eine Bank, ziehe die Schuhe aus und schütte feinen Seesand heraus. Verlieren Seesterne Arme, wachsen sie nach. Aus einem verlorenem Arm kann ein ganz neuer Seestern entstehen. Ich betrachte die Blasen an meinen Füßen. Sie brennen.

 

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