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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

13. Juni 1782

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Anmerkungen zum Text
Die Erzählung basiert auf der wahren Geschichte von Anna Göldi und Catherine Repond, zwei Frauen die als die letzten Hexen Europas hingerichtet wurden. Abgesehen vom erzählenden Protagonisten und dessen Frau Elsbeth, sind alle vorkommenden Figuren, tatsächlich Personen deren Existenz und Beitrag in der Erzählung sich historisch belegen lässt.

13. Juni 1782

Ich bin gerade hinter dem Schopf und nehme die letzten Bündel Kaninchenfelle vom Fuhrwerk, als Elsbeth angerannt kommt und schreit: «es schlägt gleich drei, es geht gleich los, sie fangen an!». Ich höre es, werde kurz kraftlos und lasse das Bündel fallen. Vor 3 Jahren, als ich mit meinem Säumer Fuhrwerk in Freiburg war, musste ich schon einmal einem solchen Ereignis, wie dem Bevorstehenden, beiwohnen. Ich bin damals 20 gewesen und hatte schon vieles gesehen, ich hatte ja auch schon Hühner und Kaninchen selbst geschlachtet. Aber nachdem ich dem Vollzug zugesehen hatte, konnte ich Wochenlang kaum schlafen. Der dumpfe Klang des brechenden Genicks, als die Scharfrichter die Frau, Catherine, hiess sie glaub ich, erdrosselten, und der ledrige, beissende Gestank, während sie langsam auf dem Scheiterhaufen verbrannte bis nur noch ein Teil ihres Oberkörpers als verkohlter Haufen übrig blieb, gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich nehme das letzte Gebinde vom Fuhrwerk und lege es in den Schuppen, anschliessend gehe ich mit Elsbeth ins Dorf hinunter. Seit ich mit ihr verheiratet bin, bin ich bestens über den Glarner Tratsch im Bilde. Als ich das erste Mal den Steckbrief gesehen habe, mit dem Anna Göldi gesucht wurde, hatte ich schon die leise Vermutung, dass es sich wieder um eine solche Hexenjagd handeln würde. Elsbeth sagte mir, Anna sei ja gar keine Hexe. Im Dorf werde nämlich gemunkelt, dass Herr Tschudi, der Regierungsrat bei dem Anna als Magd arbeitete, ein Verhältnis mit ihr hatte und sie deswegen beseitigen wolle. Ich kenne Tschudi, er ist Richter, Ratsherr, Arzt und eben Regierungsrat. Für einen Mann mit dieser Machtfülle, hätte ein solches Verhältnis ein gewaltiger Gesichtsverlust bedeutet. Klar, dass er wohl zu solchen Mitteln gegriffen hat.

Wir sind beim Dorfplatz unter dem Sonnenhügel angekommen. Um die Bühne im Zentrum steht schon eine grosse Menschenmasse, eifrig ins Getratsch vertieft. Einige der Richter, welche über den Fall geurteilt hatten, sind auch schon da. Ich frage mich, wie sie sich so blenden lassen konnten, schliesslich lautete der Vorwurf, Anna hätte einer Tochter Tschudis, Nadeln in die Milch gezaubert, um sie so zu töten. Lächerlich. Nun kommen die Scharfrichter aus dem Rathaus, zusammen mit Göldi. Ihre weisse Jupe ist völlig kaputt, ihre Arme sind unnatürlich nach hinten verdreht. Wahrscheinlich von der Streckfolter der Sie die letzten Tage ausgesetzt war. Einer der drei Scharfrichter, Johann Jakob Volmar, ist Arzt. Kein Wunder liessen Sie ihn herkommen. Unter uns Säumern erzählt man sich, dass er seinen Probanden stets nach der Streckfolter, die Schultern wieder fachmännisch einhängt, damit das Prozedere noch einmal durchgeführt werden kann. Und dies immer und immer wieder, bis das Geständnis da ist. So lief es wohl auch beim Mitangeklagten, Ruedi Steinmüller, der Schwager von Tschudi. Steinmüller soll Anna geholfen haben. Wie auch immer, letzte Nacht habe er sich in seiner Zelle erhängt, hat mir Elsbeth gesagt. Nun hat sich für Tschudi wohl auch sein Erbschaftsstreit erledigt, den er mit ihm hatte.

Diese widerliche Urteilsverlesung. Ich mag gar nicht hinhören. Aber das einfache Bauernvolk hier glaubt das ja und prustet sogar fröhlich mit! Wobei, der vorherrschenden Fahne nach, dürfte das Urteilsvermögen der Mehrheit, der hier Anwesenden, ohnehin nicht viel taugen.

Unter spöttischen Zurufen muss sich Anna Göldi mit den blanken Beinen auf die rauen Holzplanken hinknien. Feine Tränen fliessen aus ihren braunen Augen über ihr, mit blauen Flecken übersätes, Gesicht. Scharfrichter Franz Leonhard Volmar zieht den schweren Zweihänder auf. Ich halte den Atem an. Ein kurzer Moment totenstille, mein Brustkorb sticht vor Anspannung. Das Schwert saust, ein dumpfer Klang, Blut spritzt. Der junge Scharfrichter Assistent hebt den triefenden Kopf an den Haaren vom Boden auf und richtet das Gesicht zur tobenden Meute. Die weit aufgerissenen Augen strömen immer noch einen lebendigen Geist aus. Ich vernehme den gellenden Aufschrei eines kleinen Mädchens und werde im Pulk umhergeschoben. Wo ist Elsbeth? Ich könnte kotzen. Mir wird schwarz vor Augen.
 
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Hallo Gregor,

herzlich willkommen hier. Du nimmst dich ja eines sehr spannendes Themas an: dem Fall Göldi, die als 'die letzte hingerichtete Hexe Europas' bekannt wurde, was so ganz nicht stimmt (ich meine, der wirklich letzte Fall sei in Polen gewesen). Göldi wurde auch nicht wegen Ketzerei / Hexerei verurteit, sondern wegen Giftmordes, sonst wäre sie auch sicher nicht enthauptet worden.

Ich denke, dieses Thema ist noch lange nicht auserzählt und es ist wirklich lobenswert, dass du dich dessen angenommen hast. Bei dem Text selbst könnte ich einige handwerkliche Nacharbeit sehen, die deine Geschichte eindrucksvoller und unmittelbarer machen könnte. Hier ein paar Anmerkungen:
Ich bin gerade hinter dem Schopf
Das mag am Dialekt liegen, aber vor allem, da man noch nicht weiß, worum es geht, war ich gleich mal verwirrt, weil ich nur an einen Haarschopf dachte.
schreit: «es schlägt gleich drei, es geht gleich los, sie fangen an!»
Wörtliche Rede korrigiert und einen Vorschlag zur Dynamik: .... schreit: «Es schlägt drei! Gleich geht es los, sie fangen an!»
musste ich schon einmal einem solchen Ereignis, wie dem Bevorstehenden, beiwohnen.
Kommas raus, da Vergleich mit wie.
Ich bin damals 20
zwanzig (Zahlen bis zwölf in literarischen ausschreiben, schöner noch alle, solange sie nicht unlesbar lang werden.)
Aber nachdem ich dem Vollzug zugesehen hatte, konnte ich Wochenlang kaum schlafen.
wochenlang
Der dumpfe Klang des brechenden Genicks, als die Scharfrichter die Frau, Catherine, hiess sie glaub ich, erdrosselten, und der ledrige, beissende Gestank, während sie langsam auf dem Scheiterhaufen verbrannte bis nur noch ein Teil ihres Oberkörpers als verkohlter Haufen übrig blieb, gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.
Er fragt und korrigiert sich selbst wie sie hieß? Das klingt nicht glaubhaft. Ich vermute fast, du hast einen anderen historischen Fall im Kopf, den du uns Lesern hier unterjubeln willst. ;-)
Dafür, dass ihn das alles anwidert, erzählt er das aber alles ganz schön blumig ... ich lese hier zu sehr den Autor raus, der das vermitteln möchte, als dass ich glaube, dass dein Prot das so denkt. Zumal er sich da ja selbst beschreibt - mehr nach Widerwillen und dem Nachklang ein des damaligen Schocks wäre eine stärker zerfaserte, burchstückhaftere Version, in der wir Leser auch einiges im Kopf abspielen lassen, anstatt alles Wort für Wort zu lesen. Das ist dann auch immer schrecklicher.

Und: Knochen brechen ... klingt das dumpf? Klingt das überhaupt? Wie nah stand er, um das wirklich zu hören? Das sieht für mich aus wie ein typisches Versatzstück aus dem Horror, eigentlich mehr in Anlehnung an Filme, die diese Soundeffekte oft verwenden. Sowas kann man durchaus recherchieren (real gore sites), wenn man den Nerv dazu hat. Du hast das Thema ja selbst gewählt ...
Seit ich mit ihr verheiratet bin, bin ich bestens über den Glarner Tratsch im Bilde. Als ich das erste Mal den Steckbrief gesehen habe, mit dem Anna Göldi gesucht wurde, hatte ich schon die leise Vermutung, dass es sich wieder um eine solche Hexenjagd handeln würde.
Ab hier habe ich ein Problem mit dem Text. Ich verstehe schon, dass es nicht leicht ist, historische Tatsachen sowohl korrekt, vollständig und dabei auch authentisch rüberzubringen und gleichzeitig eine Kurzgeschichte erzählen zu wollen. Bei deinem Text wünsche ich mir einen weiteren Arbeitsdurchgang, in dem du dich mehr in deine Figuren vesetzt und weniger Fakten aufzählst. Wenn ich mal kurz schaue, wie das auf Wikipedia klingt, muss ich eine unvorteilhafte Übereinstimmung entdecken - will sagen: Eine Erzählung ist immer eine Art unausgesprochene Übereinkunft zwischen Autor und Leser, bei dem klar ist, dass der Icherzähler das gerade nur so beschreibt, weil der Leser die Geschichte erfahren soll, und nicht, weil solche Gedanken wirklich realistisch wären. In gut aufgezogenen Geschichten funktioniert das als eine Variante des suspension of disbelief: Ich weiß schon, dass so niemand denkt, aber die Sprache ist so lebendig, anders glaubhaft, dass ich trotzdem mitten drin bin.
Dadurch, dass du so viel referierst und das betreibst, was man in der SciFi als "Infodump" bezeichnet, kann ich a) nicht einsteigen und b) nehme ich dir deinen Erzähler nicht ab. Da würde es z.B. helfen, wenn du Szenen und Charakterisierungen zusetzen würdest, die gar nichts mit der Hinrichtung oder dem Fall zu tun haben, sondern einem den Alltag dort und die Personen näherbringen würden.

Dass seine Frau eine Klatschtante ist, liest sich für mich auch einfach als etwas faulen Kniff, warum der Mann all diese Details kennt (Leseeindruck, keine Unterstellung!).
Elsbeth sagte mir, Anna sei ja gar keine Hexe.
Das wieder finde ich toll, das ist ein lebendiger Satz, der deutet was an, da klingt auch sowas wie Naivität der Frau durch.
dass Herr Tschudi, der Regierungsrat bei dem Anna als Magd arbeitete, ein Verhältnis mit ihr hatte und sie deswegen beseitigen wolle. Ich kenne Tschudi, er ist Richter, Ratsherr, Arzt und eben Regierungsrat.
Infodump. Hier wird einfach zu offensichtlich, dass Infos an den Leser gebracht werden sollen. Es gibt in diesem Moment keinen ersichtlichen Grund, warum der Prota das alles für sich nochmal aufzählt. Daran wird klar, dass dieser Fall Göldi wesentlich mehr Platz braucht, als du ihm in der Kürze deines Textes zugestehst.
Um die Bühne im Zentrum
Diese Bühne nennt sich Schafott.
Ich frage mich, wie sie sich so blenden lassen konnten, schliesslich lautete der Vorwurf, Anna hätte einer Tochter Tschudis, Nadeln in die Milch gezaubert, um sie so zu töten. Lächerlich. Nun kommen die Scharfrichter aus dem Rathaus, zusammen mit Göldi.
Woher kennen Zivilpersonen die Details des Verhörs, der Folter und des Prozesses?
Die moralische Überheblichkeit deines Erzählers finde ich hier unangenehm. Wenn ihn das alles so anekelt und schockiert, warum geht er zur Hinrichtung? Seine Frau dürfte da auch allein hin. Es gab keinen Zwang, dem beizuwohnen. Er schaut sich da an, berichtet uns das in blutigen Einzelheiten, nur um sich dann über die Menge zu echauffieren. Ein netter Dreh hier hätte sein können, dass er sich wegdreht, nur hört, was verlesen wird, wie die Leute reagieren, wie der Kopf auf die Bretter aufschlägt, aber alles, was er davon erzählt, findet in seiner Vorstellung statt, und wird nicht beobachtet. Nur ne Idee.
völlig kaputt
Du fällst an einigen Stellen aus dem sachlichen Register ins Umgangssprachliche. Klingt sogar nach Teenieslang. Eher vllt: zerstört u.ä.
Wahrscheinlich von der Streckfolter der Sie die letzten Tage ausgesetzt war.
Woher kennt er die Details?
Wenn keine Anrede, sie klein.
Einer der drei Scharfrichter, Johann Jakob Volmar, ist Arzt.
Ja, das war so üblich, durch ihre Anatomiekenntnisse und die Versorgung der Gefolterten verdienten sich Henker oft auch als Heiler außerhalb der Gefängnismauern. Aus welchem Grund bringt der Erzähler das aber hier an? Diese Tätigkeit spielt in dieser Hinrichtungsszene ja keine Rolle, und für den Prot selbst vermutlich auch nicht. Verstörender wäre z.B. wenn der Henker kürzlich den Prota behandelt hätte, und der Erzähler eben daran denkt, in dem der Henker eine andere Profession ausübt, und da hättest du gleich einen lebendigen Gegensatz.
Kein Wunder liessen Sie ihn herkommen.
Nochmal sie. Hier ist die Syntax bissl verquer. Vllt. Es war nicht vewunderlich / verwunderte nicht, dass die ihn haben kommen lassen / herkommen ließen.
Probanden stets nach der Streckfolter, die Schultern wieder fachmännisch einhängt, damit das Prozedere noch einmal durchgeführt werden kann.
Nochmal: woher weiß er das? Wieviele Details der Verhöre waren dem 'einfachen Mann von der Straße' bekannt damals? Das klingt alles leider zu sehr nach Wikipedia. Recherche ist ein ganz wichtiger Teil, den du auch geleistet hast, aber sie sollte nicht einfach nacherzählt werden, sondern verarbeitet, damit sich die Info lebendig und natürlich anhört.
Wie auch immer, letzte Nacht
Hier fällst du wieder aus dem Register, das klingt unangemessen flapsig, fast wie Stand-up Comedy.
Diese widerliche Urteilsverlesung. Ich mag gar nicht hinhören. Aber das einfache Bauernvolk hier glaubt das ja und prustet sogar fröhlich mit! Wobei, der vorherrschenden Fahne nach, dürfte das Urteilsvermögen der Mehrheit, der hier Anwesenden, ohnehin nicht viel taugen.
Wie schön, dass der Erzähler so da drüber steht. Es wäre sehr viel spannender, wenn er nicht klingen würde, wie es im modernen und postmodernen Zeitalter verlangt wird (und auch nur selten realistisch ist). Mir fehlt in dem Text ein Bruch, ein doppelter Boden und das, was eigentlich eine Kurzgeschichte ausmacht: eine innere und/oder äußere Entwicklung und vor allem ein Konflikt. (Die Hinrichtung selbst ist keiner im literarischen Sinne.) Was dieser Text noch ist: Eine herausgehobene Einzelszene: Mann geht zu einer Hinrichtung und berichtet über das, was er sieht sowie über den Hintergrund des Falles. Was du brauchst, ist aber eine Kurzgeschichte, und das wäre eben mehr als diese eine Szene.
Moment totenstille
Totenstille
Scharfrichter Assistent
Das Wort gibt es nicht, es klingt auch sehr nach Büroalltag. Scherge wäre passender, das habe ich schon in historischen Quellen zum Thema gelesen.
Ich vernehme den gellenden Aufschrei eines kleinen Mädchens und werde im Pulk umhergeschoben. Wo ist Elsbeth
So ungefähr hätte ich mir die ganze Geschichte gwünscht. Weniger referiert, mehr unmittelbar. Besser noch (da klar ist, dass er das vernimmt, wenn er es erzählt): Der gellende Schrei eines Mädchens / ein Mädchen schrie (...). Wo ist Elsbeth?

Ich hoffe, du kannst mit meinen Anmerkungen etwas anfangen. Ich wäre gespannt, wie der Text nach einer Überarbeitung aussieht. Da dürften auch ruhig noch einige Seiten hinzukommen, das alles sollte weniger berichtet werden, sondern sich lebendiger entwicklen. Aber wie gesagt, tolles Thema, gut recherchiert, guter Ansatz. Ich bin sicher, du schaffst es, hier nachzulegen.

Falls du mal in überaus gelungene Beispiele schauen willst, die akribisch recherchierte Fakten mit einer engagierten, sehr lebendigen Sprache und nachvollziehbaren Protagonisten in Fiktion verbinden, kann ich diese empfehlen:
Michael Kunze: Straße ins Feuer. Knauer 1997
Wolfgang Lohmayer: Die Hexe. 1978
In dem Stil ließe sich auch eine KG schreiben.

Viele Grüße,
Katla
 
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Hallo Gregor,

herzlich willkommen hier. Du nimmst dich ja eines sehr spannendes Themas an: dem Fall Göldi, die als 'die letzte hingerichtete Hexe Europas' bekannt wurde, was so ganz nicht stimmt (ich meine, der wirklich letzte Fall sei in Polen gewesen). Göldi wurde auch nicht wegen Ketzerei / Hexerei verurteit, sondern wegen Giftmordes, sonst wäre sie auch sicher nicht enthauptet worden.

Ich denke, dieses Thema ist noch lange nicht auserzählt und es ist wirklich lobenswert, dass du dich dessen angenommen hast. Bei dem Text selbst könnte ich einige handwerkliche Nacharbeit sehen, die deine Geschichte eindrucksvoller und unmittelbarer machen könnte. Hier ein paar Anmerkungen:
Ich bin gerade hinter dem Schopf
Das mag am Dialekt liegen, aber vor allem, da man noch nicht weiß, worum es geht, war ich gleich mal verwirrt, weil ich nur an einen Haarschopf dachte.
schreit: «es schlägt gleich drei, es geht gleich los, sie fangen an!»
Wörtliche Rede korrigiert und einen Vorschlag zur Dynamik: .... schreit: «Es schlägt drei! Gleich geht es los, sie fangen an!»
musste ich schon einmal einem solchen Ereignis, wie dem Bevorstehenden, beiwohnen.
Kommas raus, da Vergleich mit wie.
Ich bin damals 20
zwanzig (Zahlen bis zwölf in literarischen ausschreiben, schöner noch alle, solange sie nicht unlesbar lang werden.)
Aber nachdem ich dem Vollzug zugesehen hatte, konnte ich Wochenlang kaum schlafen.
wochenlang
Der dumpfe Klang des brechenden Genicks, als die Scharfrichter die Frau, Catherine, hiess sie glaub ich, erdrosselten, und der ledrige, beissende Gestank, während sie langsam auf dem Scheiterhaufen verbrannte bis nur noch ein Teil ihres Oberkörpers als verkohlter Haufen übrig blieb, gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.
Er fragt und korrigiert sich selbst wie sie hieß? Das klingt nicht glaubhaft. Ich vermute fast, du hast einen anderen historischen Fall im Kopf, den du uns Lesern hier unterjubeln willst. ;-)
Dafür, dass ihn das alles anwidert, erzählt er das aber alles ganz schön blumig ... ich lese hier zu sehr den Autor raus, der das vermitteln möchte, als dass ich glaube, dass dein Prot das so denkt. Zumal er sich da ja selbst beschreibt - mehr nach Widerwillen und dem Nachklang ein des damaligen Schocks wäre eine stärker zerfaserte, burchstückhaftere Version, in der wir Leser auch einiges im Kopf abspielen lassen, anstatt alles Wort für Wort zu lesen. Das ist dann auch immer schrecklicher.

Und: Knochen brechen ... klingt das dumpf? Klingt das überhaupt? Wie nah stand er, um das wirklich zu hören? Das sieht für mich aus wie ein typisches Versatzstück aus dem Horror, eigentlich mehr in Anlehnung an Filme, die diese Soundeffekte oft verwenden. Sowas kann man durchaus recherchieren (real gore sites), wenn man den Nerv dazu hat. Du hast das Thema ja selbst gewählt ...
Seit ich mit ihr verheiratet bin, bin ich bestens über den Glarner Tratsch im Bilde. Als ich das erste Mal den Steckbrief gesehen habe, mit dem Anna Göldi gesucht wurde, hatte ich schon die leise Vermutung, dass es sich wieder um eine solche Hexenjagd handeln würde.
Ab hier habe ich ein Problem mit dem Text. Ich verstehe schon, dass es nicht leicht ist, historische Tatsachen sowohl korrekt, vollständig und dabei auch authentisch rüberzubringen und gleichzeitig eine Kurzgeschichte erzählen zu wollen. Bei deinem Text wünsche ich mir einen weiteren Arbeitsdurchgang, in dem du dich mehr in deine Figuren vesetzt und weniger Fakten aufzählst. Wenn ich mal kurz schaue, wie das auf Wikipedia klingt, muss ich eine unvorteilhafte Übereinstimmung entdecken - will sagen: Eine Erzählung ist immer eine Art unausgesprochene Übereinkunft zwischen Autor und Leser, bei dem klar ist, dass der Icherzähler das gerade nur so beschreibt, weil der Leser die Geschichte erfahren soll, und nicht, weil solche Gedanken wirklich realistisch wären. In gut aufgezogenen Geschichten funktioniert das als eine Variante des suspension of disbelief: Ich weiß schon, dass so niemand denkt, aber die Sprache ist so lebendig, anders glaubhaft, dass ich trotzdem mitten drin bin.
Dadurch, dass du so viel referierst und das betreibst, was man in der SciFi als "Infodump" bezeichnet, kann ich a) nicht einsteigen und b) nehme ich dir deinen Erzähler nicht ab. Da würde es z.B. helfen, wenn du Szenen und Charakterisierungen zusetzen würdest, die gar nichts mit der Hinrichtung oder dem Fall zu tun haben, sondern einem den Alltag dort und die Personen näherbringen würden.

Dass seine Frau eine Klatschtante ist, liest sich für mich auch einfach als etwas faulen Kniff, warum der Mann all diese Details kennt (Leseeindruck, keine Unterstellung!).
Elsbeth sagte mir, Anna sei ja gar keine Hexe.
Das wieder finde ich toll, das ist ein lebendiger Satz, der deutet was an, da klingt auch sowas wie Naivität der Frau durch.
dass Herr Tschudi, der Regierungsrat bei dem Anna als Magd arbeitete, ein Verhältnis mit ihr hatte und sie deswegen beseitigen wolle. Ich kenne Tschudi, er ist Richter, Ratsherr, Arzt und eben Regierungsrat.
Infodump. Hier wird einfach zu offensichtlich, dass Infos an den Leser gebracht werden sollen. Es gibt in diesem Moment keinen ersichtlichen Grund, warum der Prota das alles für sich nochmal aufzählt. Daran wird klar, dass dieser Fall Göldi wesentlich mehr Platz braucht, als du ihm in der Kürze deines Textes zugestehst.
Um die Bühne im Zentrum
Diese Bühne nennt sich Schafott.
Ich frage mich, wie sie sich so blenden lassen konnten, schliesslich lautete der Vorwurf, Anna hätte einer Tochter Tschudis, Nadeln in die Milch gezaubert, um sie so zu töten. Lächerlich. Nun kommen die Scharfrichter aus dem Rathaus, zusammen mit Göldi.
Woher kennen Zivilpersonen die Details des Verhörs, der Folter und des Prozesses?
Die moralische Überheblichkeit deines Erzählers finde ich hier unangenehm. Wenn ihn das alles so anekelt und schockiert, warum geht er zur Hinrichtung? Seine Frau dürfte da auch allein hin. Es gab keinen Zwang, dem beizuwohnen. Er schaut sich da an, berichtet uns das in blutigen Einzelheiten, nur um sich dann über die Menge zu echauffieren. Ein netter Dreh hier hätte sein können, dass er sich wegdreht, nur hört, was verlesen wird, wie die Leute reagieren, wie der Kopf auf die Bretter aufschlägt, aber alles, was er davon erzählt, findet in seiner Vorstellung statt, und wird nicht beobachtet. Nur ne Idee.
völlig kaputt
Du fällst an einigen Stellen aus dem sachlichen Register ins Umgangssprachliche. Klingt sogar nach Teenieslang. Eher vllt: zerstört u.ä.
Wahrscheinlich von der Streckfolter der Sie die letzten Tage ausgesetzt war.
Woher kennt er die Details?
Wenn keine Anrede, sie klein.
Einer der drei Scharfrichter, Johann Jakob Volmar, ist Arzt.
Ja, das war so üblich, durch ihre Anatomiekenntnisse und die Versorgung der Gefolterten verdienten sich Henker oft auch als Heiler außerhalb der Gefängnismauern. Aus welchem Grund bringt der Erzähler das aber hier an? Diese Tätigkeit spielt in dieser Hinrichtungsszene ja keine Rolle, und für den Prot selbst vermutlich auch nicht. Verstörender wäre z.B. wenn der Henker kürzlich den Prota behandelt hätte, und der Erzähler eben daran denkt, in dem der Henker eine andere Profession ausübt, und da hättest du gleich einen lebendigen Gegensatz.
Kein Wunder liessen Sie ihn herkommen.
Nochmal sie. Hier ist die Syntax bissl verquer. Vllt. Es war nicht vewunderlich / verwunderte nicht, dass die ihn haben kommen lassen / herkommen ließen.
Probanden stets nach der Streckfolter, die Schultern wieder fachmännisch einhängt, damit das Prozedere noch einmal durchgeführt werden kann.
Nochmal: woher weiß er das? Wieviele Details der Verhöre waren dem 'einfachen Mann von der Straße' bekannt damals? Das klingt alles leider zu sehr nach Wikipedia. Recherche ist ein ganz wichtiger Teil, den du auch geleistet hast, aber sie sollte nicht einfach nacherzählt werden, sondern verarbeitet, damit sich die Info lebendig und natürlich anhört.
Wie auch immer, letzte Nacht
Hier fällst du wieder aus dem Register, das klingt unangemessen flapsig, fast wie Stand-up Comedy.
Diese widerliche Urteilsverlesung. Ich mag gar nicht hinhören. Aber das einfache Bauernvolk hier glaubt das ja und prustet sogar fröhlich mit! Wobei, der vorherrschenden Fahne nach, dürfte das Urteilsvermögen der Mehrheit, der hier Anwesenden, ohnehin nicht viel taugen.
Wie schön, dass der Erzähler so da drüber steht. Es wäre sehr viel spannender, wenn er nicht klingen würde, wie es im modernen und postmodernen Zeitalter verlangt wird (und auch nur selten realistisch ist). Mir fehlt in dem Text ein Bruch, ein doppelter Boden und das, was eigentlich eine Kurzgeschichte ausmacht: eine innere und/oder äußere Entwicklung und vor allem ein Konflikt. (Die Hinrichtung selbst ist keiner im literarischen Sinne.) Was dieser Text noch ist: Eine herausgehobene Einzelszene: Mann geht zu einer Hinrichtung und berichtet über das, was er sieht sowie über den Hintergrund des Falles. Was du brauchst, ist aber eine Kurzgeschichte, und das wäre eben mehr als diese eine Szene.
Moment totenstille
Totenstille
Scharfrichter Assistent
Das Wort gibt es nicht, es klingt auch sehr nach Büroalltag. Scherge wäre passender, das habe ich schon in historischen Quellen zum Thema gelesen.
Ich vernehme den gellenden Aufschrei eines kleinen Mädchens und werde im Pulk umhergeschoben. Wo ist Elsbeth
So ungefähr hätte ich mir die ganze Geschichte gwünscht. Weniger referiert, mehr unmittelbar. Besser noch (da klar ist, dass er das vernimmt, wenn er es erzählt): Der gellende Schrei eines Mädchens / ein Mädchen schrie (...). Wo ist Elsbeth?

Ich hoffe, du kannst mit meinen Anmerkungen etwas anfangen. Ich wäre gespannt, wie der Text nach einer Überarbeitung aussieht. Da dürften auch ruhig noch einige Seiten hinzukommen, das alles sollte weniger berichtet werden, sondern sich lebendiger entwicklen. Aber wie gesagt, tolles Thema, gut recherchiert, guter Ansatz. Ich bin sicher, du schaffst es, hier nachzulegen.

Falls du mal in überaus gelungene Beispiele schauen willst, die akribisch recherchierte Fakten mit einer engagierten, sehr lebendigen Sprache und nachvollziehbaren Protagonisten in Fiktion verbinden, kann ich diese empfehlen:
Michael Kunze: Straße ins Feuer. Knauer 1997
Wolfgang Lohmayer: Die Hexe. 1978
In dem Stil ließe sich auch eine KG schreiben.

Viele Grüße,
Katla

Hallo Katla

Vorneweg, das ist "mein erstes Mal" hier auf wortkrieger.de und ich muss sagen, deine Antwort ist genau so etwas, wie ich es mir gewünscht habe! Ich habe diese Geschichte vor kurzem für ein Freifach geschrieben, gemäss der Aufgabenstellung einen historischen Tag mit einer fiktionalen Figur zu durchleben. Ich fand es irgendwie reizvoll, möglichst viele historische Details hineinzupacken, auch mit dem Wissen den Leser hinsichtlich des Erzählers etwas im dunkeln stehen zu lassen. Nun hat mich interessiert wie sich der Text hier schlägt und was er für eine Resonanz hervorruft.
Deine Rückmeldung ist sehr inspirierend und Unterhaltsam.
Du hattest übrigens recht mit deinen Vermutungen, die erwähnte Dame ist Catherine Repond, ebenfalls eine historische Figur. Auch beim "Trick" mit der Klatschtante hast du mich völlig durchschaut.
Ich musste ein paar Mal lachen, mir wurde erst durch deine Rückmeldung bewusst, was für einen hellsehenden Klugscheisser ich als Erzählfigur geschaffen habe. Ich könnte ihn ja zum Zeitreisenden weiterentwickeln :lol:
Noch wegen der Verwirrung ob Göldi denn nun tatsächlich der Hexerei angeklagt war: Du hast völlig recht, sie wurde gemäss der Anklageschrift wegen Giftmordes verurteilt. Auch wurde sie nicht, wie für Hexen üblich, verbrannt, sondern enthauptet. Das lag daran, dass zu diesem Zeitpunkt die Hexenverfolgung in den grössten Teilen Europas eigentlich schon der Vergangenheit angehörte. Die Leute waren aufgeklärter und begannen, solche Urteile nicht mehr gut zu heissen. Das Gericht hatte damals also schlicht Angst vor dem Aufschrei der umliegenden Gebiete (wie er ja dann tatsächlich z.B auch aus Zürich gekommen ist) und vollzog das Urteil unter dem Deckmantel eines "regulären" Prozesses. Die Natur dieses Prozesses und das Verhalten der lokalen Bevölkerung ist jedoch eindeutig typisch für eine Hexenjagd. Aus diesem Grund gilt der Fall Göldi auch als der letzte Hexenprozess der Schweiz. Sie bekam zusätzlich den Titel "letzte Hexe Europas", aber es gab auch nach ihr noch den einen oder anderen Vorfall.

Ich bedanke mich herzlichst, deine Rückmeldung hat mich sehr viel weiter gebracht!

Beste Grüsse
Greg
 
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01.05.2009
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Hallo Gregor nochmal,

es freut mich sehr, wenn du etwas mit meinem Kommentar anfangen konntest. Bin auch gespannt, was aus diesem Text werden könnte, wenn du dich nochmal ransetzt.

Ich hatte noch was vergessen:
und der ledrige, beissende Gestank, während sie langsam auf dem Scheiterhaufen verbrannte
Menschen und Schweine haben eine extrem ähnliche 'Fleischbeschaffenheit' (und Genetik) - der Geruch wird ähnlich sein wie ein Spanferkel auf dem offenen Grill, später eben 'verkokelt'. Vermutlich also eher süßlich, zumindest anfangs. Ich habe mal einem gut recherchierten historischen Roman gelesen, dass jemand einer Verbrennung beiwohnte, er war arm und hatte lange nichts gegessen ... dann bekam er Hunger von dem verbrennenden Menschenfleisch, so sehr ihn das abstieß, reine Körperreaktion. Das sind so Details, die man nie vergißt, etwas Ähnliches wäre auch in diesem Texte gut aufgehoben.
Unter uns Säumern erzählt man sich, dass er seinen Probanden stets nach der Streckfolter, die Schultern wieder fachmännisch einhängt, damit das Prozedere noch einmal durchgeführt werden kann.
Probanden sind Testpersonen, das ist nicht nur falsch, sondern etwas makaber in diesem Kontext ;). Was du brauchst ist ein Delinquent. Und: einrenkt, nicht -hängt.
Wie beim Schafott kann ich nur raten, das zu verbessern, nicht alle Kommentierenden lesen die Komms anderer zuerst, dann stolpert kein weiterer darüber.
Auch: Komma nach 'Streckfolter' raus.
Unten rechts "bearbeiten" anclicken, Text verbessern (auch die Kommata da), dann "speichern" nicht vergessen.
Du hattest übrigens recht mit deinen Vermutungen, die erwähnte Dame ist Catherine Repond, ebenfalls eine historische Figur.
Sehr cool, das werde ich mal googeln, danke!
Das lag daran, dass zu diesem Zeitpunkt die Hexenverfolgung in den grössten Teilen Europas eigentlich schon der Vergangenheit angehörte. Die Leute waren aufgeklärter und begannen, solche Urteile nicht mehr gut zu heissen.
Jein. Es stimmt, dass diese Hinrichtung nicht begrüßt wurde (als understatement gesagt). Dass die allgemeine Aufgeklärtheit der Grund für das Schwinden der Prozesse war, kann man zwar in vielen Büchern lesen, das hat sich aber als Schönfärberei herausgestellt; weil wir uns eben gern moderner und vernünftiger sehen, als wir sind. Tatsächlich gab es Veröffentlichungen und explizite, laute Kritik seit dem Mittelalter (prä-Malleus Maleficarum, als die Hexen- noch keine Ketzerprozesse waren und sehr selten mit der Hinrichtung endeten, oft sogar mit Freispruch), von Seiten u.a. sogar Kirchenmännern. Der berühmteste Kritiker ist sicher Friedrich von Spee. Es gab im Mittelalter genau dieselben Argumente gegen die Hexen-/Ketzerverfolgungen wie in der Frühen Neuzeit und der Aufklärung. Das war also nicht der Grund, sondern v.a. zweierlei, sehr banal:
- Die Verfolgungen erreichten die Oberschicht und den Klerus, die sich schnell entschieden, dass diese beendet werden mussten.
- Kein Witz: In der Zeit der massenhaften und härtesten Verfolgungen 1650-1750 wurde so viel Baumbestand für die Scheiterhaufen abgeholzt (einen Menschen zu Asche verbrennen zu lassen dauert 7-12 Stunden, je nach Wetterlage), dass der Transportweg vom Wald zum Richtplatz immer weiter wurde - so weit, dass es irgendwann zu hohe Kosten verursachte.

[Bei Interesse: das immer noch beste und umfangreichste historische Fachbuch zum Thema ist: Bovenschen, Brackert, Becker: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt/Main 1977.]

Herzlichst, Katla
 
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»So ist es besser, alle 200 sterben zu lassen, als dass eine einzige Schuldige mit dem Leben davonkommt« (»Leitspruch« der neuzeitlichen Hexenverfolgung)
»Das jetzt deutsch gewordene Wort Hexe kommt von den Anfangsworten der Messformel bei Einweihung der Hostie her, welche der Gläubige mit leiblichen Augen als eine kleine Scheibe Brot sieht, nach Aussprechung derselben aber mit geistigen Augen als den Leib eines Menschen zu sehen verbunden wird. Denn die Wörter hoc est haben zuerst das Wort corpus hinzugetan, wo hoc est corpus sprechen in hocuspocus machen verändert wurde, vermutlich aus frommer Scheu den rechten Namen zu nennen und zu profanieren; wie es Abergläubische bei unnatürlichen Gegenständen zu tun pflegen, um sich daran nicht zu vergreifen.« Kant,
Anpassung an die neuere Rechtschreibung durch mich

Das Wort „Hexe“ ist uralt (ahd. „hagzissa, hag[a]zus[sa]“, mhd. „hecse, hesse“) und doch uns Heutigen noch ein Geheimnis. Das Grundwort, „hag“ (Zaun, Hecke, Gehege) lebt fort in der Umfriedung (man beachte Ortsnamen mit „hag“, besonders aber den „Hagen“ aus dem Nibelungenlied, den man als ersten Kanzler auf deutschem Boden bezeichnen kann, der auch gerne einäugig dargestellt wird und so mit dem Wotan-Mythos spielt, wenn man denn dem Mythos des Drachentöters anhängt). Der Duden (Bd. 7, Mannh. 2007, 4. Aufl., S.337, rechte Spalte) vermutet norwegisch mundartlich tysja, »Elfe; verkrüppelte zerzauste Frau« als Quelle der ...zissa/zussa. Demnach wäre Hexe ein sich auf Zäunen oder Hecken aufhaltendes dämonisches Wesen, beachte altisländisch „tunriđa“, eigentlich „Zaunreiterin“ (ebd.), da ist flexibler auf dem Besen reiten und nicht, wie das Bild des Gläubigen behauptet, dem Teufel.

Grüß Dich, @Katla

und herzlich willkommen hierorts,

Gregor Kleewitz,

eines interessanten Themas habt ihr euch angenommen, das aktueller ist, als es uns „aufgeklärten“ Menschen des 21. Jh. erscheinen will, denn nachdem Innozenz VIII. in der Bulle „Summis desiderantes affectibus“ (deutsch: In unserem sehnlichsten Wunsche) 1484 die Grundlagen lieferte, propagierten Gelehrte die passende „Theorie“ und erzeugten mit dem Hexenwahn größere Angst als die Seuchen zuvor und hernach. Deshalb befand nicht die Inquisition, sondern ein weltliches Gericht über das Schicksal der „Hexen“.* Nach neueren Schätzungen wurden 50- bis 60tausend, überwiegend Frauen hingerichtet.

Lyndal Roper (Oxford University) hat eine etwas von der herrschenden Meinung abweichende, aber nicht uninteressante Begründung für ein überwiegend landwirtschaftlich bestimmtes Zeitalter gefunden: Mutterschaft und Fruchtbarkeit vs. Impotenz und Missernten (es sei nur an die kleine Eiszeit erinnert).

1629 – mitten im 30jährigen Krieg – war der Höhepunkt der Verfolgungen, um danach abzuebben – wobei die beginnende Staatenbildung zu größeren Einheiten und vor allem die Aufklärung zu beachten sind. Und das von Dir angegebene Datum,

lieber Gregor,

ist wohl tatsächlich der letzte öffentliche Vorfall in Sachen Hexenwahn. Mein Vorschlag wäre nun, dass ich mich der überarbeiteten und korrigierten Fassung annehme, dass nicht gleiche Dinge doppelt oder gar dreifach besprochen werden, wenn Du einverstanden bist.

Bis bald

Friedel
 
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