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1666

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1666

Manchmal schwitze ich, die einzelnen Seiten reiben aneinander, verkleben. Wenn es warm wird draußen, wenn die Feuchtigkeit von außen eindringt, wenn die letzte der Lykows nicht aufpasst, ihre Finger Spuren auf dem Papier hinterlassen.
Wer wird mich in einigen Jahren berühren, den schönen Wind des Umblätterns erzeugen, wer das Leder, die darin verborgenen Seiten, mit Gesang streicheln, bis ich erschauere?
Ich denke jetzt weit zurück in die Zeit, als ich jung war, die Buchstaben vor Kraft leuchteten, das Leder noch nach der Farbe roch, mit dem man den Umschlag gegerbt hat. Agafja weiß das nicht, es gibt keine Bilder von Sinaida, ihrer Urahnin, die mich einst in den Händen hielt, eine schöne Frau mit langen, braunen Locken, die darauf achtete, gepflegt zu wirken, frisch gewaschenes Leinen zu tragen, sich heimlich nach Reichtum sehnte, einem großen Haus, einer vielköpfigen Familie, einem Umfeld, in dem sie erstrahlen konnte, das ihr Herz erfreute. Sie netzte mich mit ihren Tränen und betete vergeblich, weil es ihr bestimmt war, dass nur zwei Kinder überlebten und ihr Mann früh starb, von einer Kutsche überfahren.

Manchmal denke ich auch an das Zimmer im Hinterhof der großen Stadt. Der Lärm Sankt Petersburgs, die Stimmen, die Geschäftigkeit der Menschen, die Geräusche der Fuhrwerke lassen die Luft zwischen Newa und Ufer erklingen. Überall wird gebaut, prächtige Häuser, Paläste. Die Stadt ist jung und fröhlich. Es herrscht Aufbruch seit der Wille des großen Zaren dafür gesorgt hat, dass die Zivilisation, oder das, was er dafür hielt, nach Russland gekommen ist. Die Jahre der Not waren vorübergezogen, ein goldenes Zeitalter unter Peter angebrochen, als die Maschine angeworfen, ritsch ratsch die Seiten gedruckt wurden, die der Meister in Leder einband und mich zum Leben erweckte. Der Meister hieß Vitali und war ein sparsamer Mann, schließlich hatte er eine große Familie und musste die Leute bezahlen, die für ihn arbeiteten. Deshalb verwendete er auch die Einbände zerschlissener Bücher, die er aufpolierte, bis das Leder wieder frisch roch. Vitali hatte eine Partie der nach einem Feuer heil gebliebenen Bücher und Buchreste der Privatbibliothek des Patriarchen Nikon erworben, sie nach und nach hergerichtet und ausgeschlachtet. Einen solchen Einband nahm er, presste frischgedrucktes Papier dazwischen, verklebte sorgfältig, was eine neue Bibel werden sollte, und legte mich auf den Stapel der fertigen Bücher, die im Laden verkauft wurden. Was der Meister Vitali nicht wusste war, dass in dem Futter des Ledereinbands ein Schriftstück verborgen war, eigenhändig vom Patriarchen Nikon verfasst, auf dem er sein Testament niedergeschrieben hatte. Niemand hat es bisher gefunden.

Eben dieser Patriarch Nikon war nie in Vergessenheit geraten und die Familie, in deren Besitz ich von Anbeginn an bin, hat oft über ihn gesprochen, von seinen Taten erzählt, ihn innig gehasst, soweit das für einen Christenmenschen möglich war.

Agafjas Vater Karp war davon überzeugt, dass Erinnerungen von Generation zu Generation weitergetragen werden, erzählte vieles mehrfach, damit seine Nachkommen sich merken konnten, was sie selbst einst ihren Kindern vermitteln werden, wenn ihre Zeit gekommen war.

Besonders in den Wintermonaten trug er die Geschichte des Patriarchen Nikon vor. Karp blätterte dann ein paar Seiten um und betrachtete seine Kinder, die zwei Töchter, die beiden Söhne. Brennendes Holz knisterte leise, schenkte der Hütte Wärme und Behaglichkeit. Natalja und Agafja flüsterten miteinander, Dmitri und Savin spielten mit ein paar Fäden ein Spiel, dessen Regeln sie sich selbst ausgedacht hatten. Das Feuer aus dem Kamin beleuchtete die Gesichter, flackerte über sie hinweg. Die Reste der Mahlzeit waren weggeräumt, Tee dampfte. In den kalten Nächten standen die Sterne klarer am Himmel, zeigten sich zahlreicher. Karp fing an zu reden.


Ich will euch erzählen, was ich selbst von meinen Eltern hörte, diese von ihren Eltern und so fort, bis zu denen, die das Jahr erlebt haben, das alles veränderte.
Wer sich an die Zeiten der Not und der Verfolgung erinnert, der ermisst erst, wie hell die Jahre des Friedens strahlen, wie glücklich wir uns schätzen können, am Abend friedlich in frommer Gemeinschaft bei leichtem Gespräch zusammenzusitzen.
Denn der Schrecken kommt auf leisen Pfoten und trifft uns von einem auf den anderen Moment mit Eisenhand. Das Böse schläft niemals und wir müssen gewappnet sein, um uns dagegen zu wehren. Wir reichen das, was damals geschah, von Generation zu Generation weiter, damit es sich in das Gedächtnis einbrennt, unvergessen bleibt. Das ist das Vermächtnis der Ahnen. Sie flüstern im Wind. Wenn ihr die Ohren aufsperrt und die Herzen öffnet, dann sprechen sie mit euch, erzählen euch von dem, was war und dem, was ist und dem, was sein wird.

Die Pest war gerade vorübergezogen, als das Jahr 1666 nach Jesus Geburt begann, das allein wegen der furchtbaren Zahl die Welt in Schrecken versetzte. Besonders unter denen, die den Ritus bewahrten, wie er von Engeln und Heiligen im Auftrag des Herrn auf die Erde gebracht worden war.
Bevor das verfluchte Jahr anbrach, griff der Teufel nach der Macht und schickte seine Diener aus. Der Verführer, König der Dunkelheit, redegewandt, biegsam, in einem Moment hart wie Stahl, im nächsten geschmeidig wie eine Weidenrute, übernahm die Herrschaft über den Geist des Patriarchen Nikon.
Der oberste Hüter des orthodoxen Glaubens stieg zur Hölle hinab, um sich mit dem Fürsten der Finsternis zu beraten.
Als er zurückkam, hatte er einen Plan. Anfangs veränderte er die Schriften und Regeln: Aus dem Gruß mit zwei nach oben gerichteten Fingern und dem Daumen, der sie festhält, womit die zweifache Gestalt Jeus symbolisiert wird, wurde ein Dreifingergruß. Wer drei Finger benutzt, der zeigt die drei Schreckensgestalten, von der Johannes in der Apokalypse gesprochen hat: die Schlange, der falsche Prophet und das Tier, die sich verbünden und dadurch die Endzeit einleiten. Im Jahr 1666 waren die Zeichen gesetzt. Der falsche Prophet war Nikon. Der irrgläubige Patriarch hatte die Macht ergriffen, während das Tier in Person des Zaren zusah, die Teufelsgestalt der Schlange danebenstand.

Schon der Winter war wärmer als jemals sonst, ohne Eis, ohne Schneemassen. Im Sommer des Jahres 1666 blühten die Blumen freudiger, in Farben, die man niemals zuvor gesehen hatte, die Bäume schlugen früher aus, die Ernte versprach außergewöhnlich reich zu werden, obwohl gewaltige Stürme und Gewitter niedergingen. Am Himmel tauchten die Polarlichter weiter südlich auf als je zuvor. Die Menschen fürchteten und freuten sich im Wechsel, weil sie die Jahreszahl kannten.

Die Gemeinden berieten sich, Frauen und Männer, in Kirchen, unter freiem Himmel. Sie beteten und befragten die Geister der Ahnen. Die einen sagten, man müsste weit weg fliehen, bis ans Ende der Welt, in Länder, die das Böse bisher verschont hatte. Die anderen glaubten, man müsste das Schicksal, den unergründlichen Beschluss Gottes ertragen, standhalten, wie Hiob, der von Gott geprüft wurde und die Festigkeit seines Glaubens bewiesen hat. Überall im Land kamen die Rechtgläubigen zusammen und jede Gemeinde fasste eigene Beschlüsse. Die meisten entschieden sich dafür, auszuharren, Gott um Beistand anzurufen und an den Riten festzuhalten. Aber einige wollten, dass ihre Seele rein blieb, dachten, dass das Jenseits besser wäre als der Schrecken der Welt, als Hunger und Not. Sie glaubten, dass die Endzeit nahe war. Sie entschieden sich für die Feuertaufe, setzten einen Termin fest.

Heißer Wind blies über die Taiga. Die Männer nahmen ihre Äxte. Sie suchten einen Platz, um ein großes Haus zu bauen. Auf einer Lichtung mit Blick zu den Bergen fanden sie eine geeignete Stelle. Danach gingen sie in die Wälder, fällten Bäume, stapelten die Äste, das Laub. Buchen, Birken, Eiben, was der Wald bot. Die Stämme schafften sie zu der Lichtung und begannen das Haus zu bauen.
Die Rechtgläubigen marschierten in einer langen Prozession zum heiligen Ort. Wie es Gott wollte, zogen sie dem Sonnenlauf entgegen, wenngleich Nikon befohlen hatte, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Auch das zeugte von der Häresie, der Teufelsanbetung Nikons. Wer den Verfügungen Nikons gehorchte, verfiel der Dunkelheit. Unsere Vorfahren setzten Zeichen. Manche krochen den Prozessionsweg auf den Knien, manche geißelten sich, während sie den Ikonen folgten, die von den Ältesten getragen wurden.

An vielen Orten im Land zogen die Gläubigen los, die sich entschlossen hatten, dutzende, hunderte, tausende, je nach der Größe der Gemeinde. Auch diejenigen, die sich für einen anderen Weg entschieden hatten, begleiteten sie. Die Täuflinge hatten zuvor ihr Hab und Gut verschenkt, trugen ihre besten Kleider, rochen nach Weihrauch und Liebe, gingen aufrecht mit festem Gang. Mütter hielten ihre Kinder an der Hand, beteten mit lauter Stimme, damit jeder hörte, wie sehr sie sich nach dem Paradies sehnten. Nach Tagen und Nächten des Gebets waren sie losgezogen, überzeugt, dass sie dem Schicksal folgten, ihre Seelen unbefleckt emporsteigen würden. Hinter ihnen her marschierten Polizisten, Anhänger des nikonschen Irrglaubens, staunend, still, obwohl man in ihren Blicken las, dass sie dachten, es wäre ein Verbrechen, sich aus dem Staub zu machen, die Steuern müssten so oder so bezahlt werden, man würde konfiszieren, was übrigblieb, man schulde dem Zaren Gehorsam und Arbeitskraft, es wäre irrig zu glauben, diejenigen, die Frevel begangen hätten, kämen jemals in den Himmel, unmöglich. Ketzern wäre das Paradies für immer und ewig verschlossen. Ihr Geschrei ging unter im Gesang der Prozessierenden, die längst alles hinter sich gelassen hatten.
Am Rande des Waldes befand sie sich das Ziel des Zuges, auf einer Lichtung, sorgsam gemäht, nachdem Bäume geschlagen, entlaubt, die Stämme bearbeitet, Pflöcke in den Boden eingerammt worden waren. Ein Haus war errichtet worden, eine Kirche, worin die Gläubigen ihre Taufe empfangen konnten.

Wer dabei war, hat gesehen, dass die Täuflinge, jung wie alt, je freudiger ausschritten, desto mehr sie sich dem Ort der Freude näherten. Der Gesang wurde lauter, die Menge flutete auseinander, ließ diejenigen, die zu Gott strebten, geradewegs vor das Haus gehen, während die Zuschauer, Zeugen dessen, was geschehen musste, einen Kreis um sie bildeten.
Sie standen da, stolz, frei. Manche sanken zu Boden, hoben die Arme zum Himmel, während die Sonne auf sie herabbrannte. Es roch nach Stroh, dem würzigen Duft des Nadellaubs, Holz. Weihrauch wehte zu den Täuflingen, Priester schwenkten die Fässer. Die Menschen formten mit zwei Fingern das Zeichen, während die das Haus betraten, von Freunden und Verwandten zum Eingang begleitet. Die Umstehenden klatschten, die Täuflinge verstummten. Alle sangen nun laut Psalmen. Die Türen wurden verschlossen, mit Balken gesichert.
Im Hintergrund warteten Männer, die keiner kannte, breitbeinig, bewaffnet, als Bauern verkleidet, Geheimpolizei, Ochrana. Sie kratzten sich im Gesicht, suchten in den Bärten nach Läusen, strichen sich über die lockigen Haare, rochen nach Seife und traten von einem Bein auf das andere.

Als hätte jemand die Szene gemalt, festgefroren, als wollte die Zeit innehalten, erstarb jeder Windzug. Irgendwann, keiner konnte sagen, wie lange es dauerte, ertönten die Psalmen aus dem Haus. Die Zeugen nahmen sich an den Händen, antworteten, hohe Stimmen, tiefe. Einige knieten, einige streckten die Arme zum Himmel, alle spürten das Besondere des Geschehens.
Die Fensteröffnungen waren mit Stroh gefüllt. Draußen beteten die Menschen, um die Täuflinge zu stärken, ihnen Mut zu schenken. Ein Priester zündete Fackeln an. Männer trugen das Feuer zum Haus, jeder an einer anderen Öffnung. Es knisterte. Die Flammen leckten am Stroh, am Holz, breiteten sich aus, langsam, ganz langsam. Drinnen schwoll der Gesang an. Der Teufel musste von diesem Ort weichen, der Unhold wurde ausgerechnet durch Hitze vertrieben. Lange passierte wenig. Stämme verkohlten, schwarzer Rauch stieg auf, es roch nach verbranntem Holz, Harz. Nach und nach mischte sich etwas Süßliches darunter, Lebenshauch. Das Feuer prasselte lauter, Wind kam auf, übertönte die Worte der Menschen. Flammen zogen die Wände empor, ragten weit in den Himmel, als Freude, als Zeichen des Glaubens, das die Seelen zum Paradies begleitete. Denn es war ein Wunder, was geschah. Die Anwesenden wurden Zeugen eines Mysteriums. Von nun an wussten sie, welcher Weg ihnen offenstand, wie eine Rettung möglich war, wogegen die dunklen Mächte nichts ausrichten konnten.
Die Gläubigen wachten vor dem Haus, achteten darauf, dass das Feuer nicht auf den Wald übersprang, schauten zum Himmel, hielten Eimer mit Wasser bereit und Äste, um zu löschen, wenn Funken flogen. Tagelang stieg Rauch empor. Ein Zeichen war gesetzt.

Nikons Priester wurden zu den Gemeinden geschickt, um die Rechtgläubigen zu beschwören, sich dem Patriarchen zu unterwerfen. Sie wurden ausgelacht und bespuckt. Nur wenige gaben nach, versteckten ihre Ikonen, hielten heimlich Gottesdienst, wehrten sich gegen den Teufel, indem sie ihm vorgaukelten, er habe den Sieg errungen, lebten heimlich zwischen denen, die das Paradies nie sehen würden, weil sie vom Glauben abgefallen waren, den Feinden Gottes dienten, ihre Seelen mit den Götzen der Gier und Wollust verklebten, vergaßen, was Nächstenliebe bedeutet, an sich selbst dachten, an sonst niemanden. Einige Rechtgläubige wurden verhaftet. Die Männer wurden von den Abgesandten Nikons abgeholt, zum Verhör gebracht, befragt, mit Stock und Eisen gekitzelt und geschlagen. Damit keiner auf den Gedanken käme, Dummheiten wie die der Täuflinge zu planen, hieß es. Sie kehrten nach einer Woche zurück, hungrig, aufrecht. Man würde die Altgläubigen und ihre Familien ohnehin bald weit in den Osten schicken, wo die Winter am kältesten waren, ihnen den Stolz austreiben, sagten die Schergen.
Dennoch fanden überall in Russland von da an Feuertaufen statt. Die letzte, von der ich erfahren habe, in Sibirien, vor kaum hundert Jahren.

Karp verstummte, faltete die Hände und schaute seine Kinder an, die zwei Töchter, die beiden Söhne: „Trotz allem haben wir ein Paradies gefunden“, sagte er.

 
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Vielen Dank für die Inspiration während des Stammtisches am Sonntag, @Maedy @Morphin, die anderen, die geholfen haben.
Hier das, was entstanden ist.

Wer sich zusätzlich interessiert:
Altgläubige
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Salü @Isegrims,

das ging aber flott. Hab gleich ein paar Sachen notiert:

als ich jung war, nach Druckerfarbe roch, die Buchstaben vor Kraft leuchteten, das Leder noch nach der Farbe roch,
Da fiel mir 2 x nach Farbe riechen auf. Eventuell lässt sich hier auch auf den Geruch des Gerbens ableiten, der herbe Ammoniak- bzw. Uringeruch.
einem Umfeld, indem sie
Da es sich auf "im Umfeld" bezieht, wäre hier "in dem" korrekt.
Die Stadt ist ist jung und fröhlich.

einem Feuer heil gebliebenen Büchern und Buchreste
Das n zu viel
was sie selbst einst ihren Kindern vermitteln würden, wenn ihre Zeit gekommen war.
vielleicht hier kräftiger ... nicht vermitteln würden sondern vermitteln sollen oder werden
Die Reste der Mahlzeit war weggeräumt
Plural ... waren oder der Rest war weggeräumt
Ich will euch erzählen, was ich von meinen Eltern, was sie von ihren Eltern, diese wiederum von ihren gehört, bis zu denen, die das Jahr erlebt haben, das alles verändert hat.
Liest sich sehr sperrig. Vorschlag:
Ich will euch erzählen, was ich selbst hörte, von meinen Eltern. Und diese von ihren Eltern. Weit zurück bis zu dem Jahr, das alles veränderte.
Wer sich an die an die Zeiten

während die Sonne auf sie herabbranntet

Die Flammen lecken am Stroh
leckten
Schon der Winter war wärmer als jemals, ohne Eis, ohne Schneemassen
Hier noch eine Stelle.
Schon der Winter war wärmer als jemals sonst! Ohne Eis! Ohne Schnee!
Er erzählt ja und dramatisiert natürlich, um die Kinder zu fesseln.

Da ist sie also, die erzählende Bibel. Ein gutes und passendes Element, das ja im Prinzip Geschichtslehrerin, Historikerin ist und dem Ganzen einen Rahmen setzt. Das schreibe ich jetzt mit meinem Hintergrundwissen vom Sonntag.

Als Kurzgeschichte erzählt sie uns von der Feuertaufe. Als Helmut Kohl Ende der 80er Angst hatte, die Wahl zu verlieren, kamen nicht wenig Russlanddeutsche in den Westen. Bei der Post hatte ich plötzlich viele neue Arbeitskollegen, die ich auch daheim besuchte. Ich war erstaunt über die vielen Ikonen an den Wänden, in jedem Zimmer, über die strengen Regularien, den durchgestalteten Tagesablauf. Da gab es Anton, der immer betonte, ein Altgläubiger zu sein, aber mit seiner Familie nicht mehr in der Sowjetunion, in in der Teilrepublik Kirgistan, leben wollte.

Mir hat sie gefallen, die Geschichte. Zum einen bin ich eh an russischer Geschichte interessiert, zum anderen finde ich sie auch der Historie entsprechend geschrieben. Die Bibel vom Objekt zum erzählenden Subjekt zu machen (neben vielleicht noch anderen Gegenständen) ist ein guter Kniff, denn bei manchem Gegenstand kennt man schon seine "charakterliche" Ausrichtung. Eine Bibel ist nun mal eine Bibel und wird Voltaire nur ungern zitieren. Bin gespannt auf Weiteres.

Griasle
Morphin

 
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Guten Abend @Morphin

vielen Dank für die schnelle Antwort. Ich wollte den Text, allein schon als Inspirationsschub, unbedingt zeitnah erstellen. Die Rohfassung war ja bereits vorhanden, nur eben die Verbindung mit den etwas mystischeren Erzählern, den Gegenständen, die hoffentlich eine weitere Ebene einspannen.

Die Stellen, die du angemerkt hast, habe ich ausgebessert.

Da ist sie also, die erzählende Bibel. Ein gutes und passendes Element, das ja im Prinzip Geschichtslehrerin, Historikerin ist und dem Ganzen einen Rahmen setzt. Das schreibe ich jetzt mit meinem Hintergrundwissen vom Sonntag.
sehr gut, Schicht um Schicht entsteht was.
Da gab es Anton, der immer betonte, ein Altgläubiger zu sein, aber mit seiner Familie nicht mehr in der Sowjetunion, in in der Teilrepublik Kirgistan, leben wollte.
Die Altgläubigen wurden sehr lange, auch in der Sowjetzeit verfolgt.
Die Bibel vom Objekt zum erzählenden Subjekt zu machen (neben vielleicht noch anderen Gegenständen) ist ein guter Kniff, denn bei manchem Gegenstand kennt man schon seine "charakterliche" Ausrichtung. Eine Bibel ist nun mal eine Bibel und wird Voltaire nur ungern zitieren.
Ich glaube auch, dass die Verwendung von Gegenständen als Erzählerin gut überlegt und ausgewählt werden muss.

Liebe Grüße in den Spätsommerabend
Isegrims

 
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Ich will euch erzählen, was ich selbst von meinen Eltern hörte, diese von ihren Eltern und so fort, bis zu denen, die das Jahr erlebt haben, das alles veränderte.
...
Agafjas Vater Karp war davon überzeugt, dass Erinnerungen von Generation zu Generation weitergetragen werden, erzählte vieles mehrfach, damit seine Nachkommen sich merken konnten, was sie selbst einst ihren Kindern vermitteln werden, wenn ihre Zeit gekommen war.

Wir reichen das, was damals geschah, von Generation zu Generation weiter, damit es sich in das Gedächtnis einbrennt, unvergessen bleibt.

Uralte Tradition, die bei insbesondere (zunächst allen) schriftlosen Völkern auf jeden Fall von Mund zu Mund weitergegeben wurde und auch später noch bis weit in die Neuzeit, bis die Alphabetisierungsrate stieg. Vom Ursprung her – da wird mancher gar staunen – der einfachheithalber in Reimform, wie wir sie etwa noch in den Handschriften des Nibelungenliedes finden, denn der „Minnesänger“ trug i. d. R. aus dem Gedächtnis vor und der Reim sicherte die Form.
So entstand so nebenbei auch das geflügelte Wort, sich einen Reim auf etwas machen, aber ob da irgendwer das Wort

Ururururgroßmutter
also indirekt sieben Generationen (Eltern + Großeltern + Vorfahren) ausschweifend und wahrscheinlich an Fingern zählend benennt, bezweifel ich ich – warum nicht statt
Agafja weiß das nicht, es gibt keine Bilder von Sinaida, ihrer Ururururgroßmutter, die mich einst in den Händen hielt, eine schöne Frau mit langen[,] braunen Locken, die darauf achtete, gepflegt zu wirken,
Stammmutter/Urahnin

Hier geht die Einheit der Zeit verloren

Natalja und Agafja flüsterten miteinander, Dmitri und Savin spielten mit ein paar Fäden ein Spiel, dessen Regeln sie sich selbst ausgedacht haben.

Karp verstummte, faltete die Hände und schaute seine Kinder, die zwei Töchter, die beiden Söhne: „Trotz allem haben wir ein Paradies gefunden“, sagte er.
da fehlt was ...

So, jetzt ab nach 9/11 ...

Friedel

 
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Lieber Friedel Friedensreich Fredericusart,

Ich danke dir sehr für deine Anmerkungen, die dem Text wieder etwas mehr Schärfe und Korrektheit verpasst haben.

Uralte Tradition, die bei insbesondere (zunächst allen) schriftlosen Völkern auf jeden Fall von Mund zu Mund weitergegeben wurde und auch später noch bis weit in die Neuzeit, bis die Alphabetisierungsrate stieg.
Nun ja, ich glaube wir bewahren die historischen Erinnerungen unserer AhnInnen (keine Ahnung, ob es sich lohnt, das Wort zu ändern), ob bewusst oder unbewusst, die Erzählungen, Anekdoten aus der Vergangenheit, gerade wenn sie umständlich und mehrfach erzählt werden. Auch wenn es schriftliche Hinterlassenschaften gibt. Ich jedenfalls habe mir vieles gemerkt, was mir die alten Leute, nicht nur die Anverwandten, erzählt haben.
Vom Ursprung her – da wird mancher gar staunen – der einfachheithalber in Reimform, wie wir sie etwa noch in den Handschriften des Nibelungenliedes finden, denn der „Minnesänger“ trug i. d. R. aus dem Gedächtnis vor und der Reim sicherte die Form.
irgendwie muss man sich ja lange Geschichten merken, ist ja auch eingängiger, so haben es Homer und die Edda gemacht.
So entstand so nebenbei auch das geflügelte Wort, sich einen Reim auf etwas machen
interessant!
also indirekt sieben Generationen (Eltern + Großeltern + Vorfahren) ausschweifend und wahrscheinlich an Fingern zählend benennt, bezweifel ich ich – warum nicht statt
Agafja weiß das nicht, es gibt keine Bilder von Sinaida, ihrer Ururururgroßmutter, die mich einst in den Händen hielt, eine schöne Frau mit langen[,] braunen Locken, die darauf achtete, gepflegt zu wirken,
Stammmutter/Urahnin
hat mich überzeugt und ich habe das entsprechend geändert.

Entschuldige die späte Antwort!
Liebe Grüße aus der Heimat des Oswald von Wolkenstein (jedenfalls habe ich im Brixener Dom darauf einen Hinweis gesehen
Isegrims

 
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Liebe Grüße aus der Heimat des Oswald von Wolkenstein (jedenfalls habe ich im Brixener Dom darauf einen Hinweis gesehen

Ha, in der Eifel gibt's auch eine riesige Burgruine, die wie der Stammsitz des zu Wolkenstein heißt: Schönecken - der Witz dabei, wenn man von dort hin nach Prüm läuft, fällt auf einem der Wege am Rande der Stadt ein Haus auf, an dem eine ungewöhnliche Maria mit Kind angebracht ist: Das Kind liegt bäuchlings auf den Oberschenkeln der Maria und die heilige Jungfrau hält es mit der einen Hand fest und der andere Arm ist zum Schlag auf den HIntern gewinkelt ...

Schöne Erinnerung an einen Marsch durch die Eifel ...

Tschüss

Het windje

 

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