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1986; oder: Die Vertreibung aus dem Paradies

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10.03.2008
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1986; oder: Die Vertreibung aus dem Paradies

1986
oder:
Die Vertreibung aus dem Paradies

Die Mistgabel lag schwer in Jacobs Hand, als er aus der Scheune, vorbei an den Ferienwohnungen in Richtung Garten ging. Die Wiese lag zwischen den Haselnussbäumen und den zwei großen Linden in dem kleinen Garten neben dem Haus. Die Linden waren so groß, dass man sich hinter ihren Stämmen verstecken konnte. Das Gras war noch nass vom Tau und Jacobs Gummistiefel machten bei jedem Schritt quietschende Geräusche.
Mit einer ausholenden Bewegung rammte er die Mistgabel in den Boden. Sie ragte ihm etwas über den Kopf und wippte leicht hin und her, als er sich die Haare aus dem Gesicht strich. Dann begann er, den Stiel des Werkzeugs leicht vor und zurück zu bewegen. Sein Vater hatte ihm gezeigt, wie man auf diese Weise Regenwürmer aus der Erde holen konnte, ohne dabei graben zu müssen.
„Siehst du, da kommt der erste. Die Würmer denken, ein Maulwurf würde sich auf sie zu bewegen. Und dann kommen sie aus der Erde.“
„Ist denn ein Maulwurf so stark?“
„Ja, er hat ziemlich große Hände und die benutzt er wie Schaufeln, um sich einen Tunnel zu graben“, hatte er ihm erklärt.
Jacob wartete geduldig und konnte nach ein paar Minuten vier Würmer in sein Marmeladenglas fallen lassen. Er gab etwas feuchte Erde dazu und stellte das Glas wieder auf den Boden. Mehr Würmer kamen nicht zwischen den schmalen Grashalmen hervor und er stach die Mistgabel zwei Meter weiter entfernt erneut in die Erde. Er beobachtete die Grashalme und dachte darüber nach, wie sich ein Maulwurf unter der Erde bewegen würde. Die Ausbeute ergab diesmal drei Würmer und Jacob schraubte zufrieden sein Glas zu, stellte es zurück in den alten Putzeimer und machte sich auf den Weg zur Scheune, um die Mistgabel des Bauern wieder an die Wand mit den Spaten, Spitzhacken und Sensen zu hängen.
Der Bauer hieß Olsen, war Bürgermeister in dem kleinen Dorf und kümmerte sich nur noch um das Ferienhaus und seine Pferde und war deshalb selten in der Scheune. Er hatte Jacob gezeigt, wo er alles finden konnte, was er brauchte. Der kleine dunkle Schuppen befand sich in einer Ecke der Scheune, wo das Sonnenlicht nur in schmalen Streifen durch die Bretter hervorbrach. Jacob musste sich etwas strecken, um den Griff in die richtige Höhe zu bringen und hätte das große Werkzeug beinahe fallen gelassen, weil er die Haken im Halbdunkel nur schwer erkennen konnte.
Wieder im Freien, schloss er sein Fahrrad auf und hängte den Eimer über den Lenker. Außer dem Glas mit den Würmern befanden sich darin noch eine zusammengeschobene Angelrute, eine alte Dose mit eingeschnittenen Bleikugeln, zwei Schwimmer, eine kleine Mappe mit Haken verschiedener Größen und zwei eingewickelte Brote, die er sich in der Küche nach dem Frühstück gemacht hatte. Seine Mutter hatte ihm noch einen Apfel neben den Herd gelegt, aber Jacob hatte vergessen, ihn mitzunehmen.

Als er aus dem geschützten Hof auf die geteerte Straße fuhr, blies der Wind heftig von der Seite durch die hohen Pappeln, die langsam im Wind hin und her schaukelten. Der Eimer schlug gegen den Fahrradrahmen und das Schutzblech und Jacob hatte Schwierigkeiten, den Lenker gerade zu halten. Nach wenigen Minuten kreuzte eine schmale Landstraße die Hauptstraße. Er blickte nach links und erkannte in der Ferne inmitten des flachen, grünen Marschlandes die Brücke am Kanal, an der er sein Fahrrad abstellen würde um zu fischen. Jacob bog ab und der Wind kam jetzt von vorne und es wurde schwerer, in die krummen Pedale zu treten.
Jacob fuhr an dem Bauernhof vorbei, an dem es immer frische Milch zu kaufen gab. Eine alte Frau ging langsam auf den riesigen Kuhstall mit dem hohen Blechdach zu und rief nach den Tieren.
Jacob und seine Schwester trafen sie immer beim Milchkaufen und hatten Angst vor ihr, weil ihre Stimme sehr laut und rauh war. Sie stützte stes die stämmigen Arme auf ihre dicken Hüften, während Jacob und seine Schwester das Geld für die Milch aus dem kleinen Portemonnaie heraussuchten, das ihre Mutter ihnen mitgegeben hatte.
„Das macht denn zwei Mark.“
Die beiden blickten zu ihr herauf. Ohne den Blick abzuwenden, gab Jacob ihr mit einer vorsichtigen Bewegung die abgezählten Münzen. Die Bäuerin zählte mit ihren dicken Fingern langsam das Geld.
„Das is´ aber zu viel, min Jong!“
Ihr Gesichtsausdruck war unverändert, als sie Jacob das restliche Geld zurückgab. Jacob sah seine Schwester an und die beiden drehten sich um und gingen schnell zu ihren Rädern, die sie vor dem kleinen Häuschen mit dem großen Milchtank auf den Boden gelegt hatten.

Jacob fuhr weiter und bückte sich nach vorne, um gegen den Wind anzukämpfen, der jetzt in starken Böen in sein Gesicht wehte. Er mochte den Wind und den salzigen Geruch der Marsch und blickte immer wieder zur Seite zu den Kühen, die ruhig auf den Weiden grasten und sich kaum zu bewegen schienen. Nur ihre Schwänze flogen hin und her, um die Fliegen zu vertreiben.
In einiger Entfernung zwischen Jacob und der Brücke gingen ein Mann und eine Frau spazieren. Sie hatten einen kleinen Hund bei sich, der etwas um den Hals trug, das wie ein weißer Lampenschirm aussah und das Jacob schon einmal bei anderen Hunden gesehen hatte. Sein Fell war ebenfalls weiß und seine Silhouette wirkte aus der Ferne merkwürdig. Das Tier rannte immer wieder in den Graben neben der Straße, bellte und sprang wieder hervor. Der Wind wehte so stark, dass Jacob selbst aus dieser Entfernung immer wieder das Lachen der Frau hören konnte. Der weiße Hund drehte sich mit einer mechanischen Bewegung in Jacobs Richtung und blieb mit gespitzten Ohren stehen. Mit angespannter Haltung verharrte er einige Sekunden und beide sahen sich an. Der Blick des Tieres kam ihm wie eine Ewigkeit vor und Jacob wurde schwindelig. Er fuhr langsamer und bemerkte, dass seine Oberschenkel vor Anstrengung brannten. Er stieg aus dem Sattel und bemerkte erleichtert, wie der Hund sich wieder umdrehte und dem Pärchen hinterher rannte.

Als er den Mann überholte, sprang der Hund hinter Jacob aus dem Graben, holte ihn ein und rannte neben ihm her. Jacob fuhr schneller, der Hund bellte laut und berührte immer wieder sein rechtes Bein. Jacob hörte das Bellen und sah aus den Augenwinkeln die Zähne und die lange Zunge in der Schnauze des Tieres. Die Pedale bohrten sich tief in seine Füße, Jacob stieg hektisch aus dem Sattel und hörte sich selber rufen. Er schrie den Hund an und merkte nicht, wie der Inhalt des Eimers auf die Straße fiel. Der Hund bellte weiter unaufhörlich, Jacob krallte seine Hände um den Lenker, um kräftiger trampeln zu können und konnte die Fahrtrichtung nicht mehr kontrollieren. In seinem Kopf drehte sich alles, der leere Eimer knallte unaufhörlich gegen den Fahrradrahmen und gegen sein Knie, dann rutschte der rechte Fuß von der Pedale ab, die Schuhspitze kratzte über den Asphalt, Jacobs Ferse stieß gegen die Pedale und mit hohem Tempo überschlug sich das Fahrrad und Jacob stürzte in den Graben auf der rechten Straßenseite. Über ihm kreiste das Vorderrad und die Sonne schien grell und flackernd durch die Speichen in seine Augen.
Jacob schmeckte Blut und berührte mit der Hand vorsichtig sein Gesicht. Unter seinem linken Auge war die Haut warm und nass vom Blut, das ihm in den Mund lief. Er fühlte, wie das Blut in einem dünnen Rinnsal von seinem Kopf über den Hals und seine Brust floss. Er stützte sich auf und bemerkte einen stechenden Schmerz in seinem linken Handgelenk und kletterte langsam aus dem Graben. Jacob hörte ein dumpfes Lachen und verschwommen nahm er wieder die weite, grüne Landschaft um sich herum wahr und sah, wie das eng umschlungene Pärchen mit dem Hund die Brücke überquerte.

 

Hallo Georg.
Ich weiß nicht so recht was ich von deiner Geschichte halten soll. Sie lässt sich gut lesen, mir gefällt dein Schreibstil, aber entweder verstehe ich die Tiefe und die Intention deiner Geschichte nicht oder du versteckst sie zu gut :)

MFG Yulivee

 

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