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1988 - Eine Woche im Kreislauf - die Wirklichkeit eines unzerstörbaren 17jährigen

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15.03.2020
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1988 - Eine Woche im Kreislauf - die Wirklichkeit eines unzerstörbaren 17jährigen

1988 – ein beliebiger Montag

Berufsschule. Ich habe verschlafen, der Sonntag war wohl zu lang. Ich hänge mir meinen dunkelbraunen Wildlederbeutel mit den Fransen und dem gummierten Motörheadpatch um den Hals. Das Ding habe ich von Ingolf, hat er aus Ungarn mitgebracht, und ist bei den Metallern ein echter Blickfang … der Aufnäher, nicht der Beutel. Der Beutel baumelt an seiner schwarz/rot/goldenen Kordel, die ich von der Aktivistenurkunde meiner Mutter abgetrennt habe, an mir herab wie ein toter Iltis. Und stinken tut er auch so. Wird jeden Tag speckiger und immer klebt was in den Rillen. Der ist mit der Zeit so widerlich geworden, dass ich darin mein ganzes Geld verstauen kann, ohne dass jemand auf die Idee kommen würde, mich abzuziehen.

Rauf auf meinen hellgrünen S51 und ab zum Bahnhof, mit dem Zug die erste Etappe nach Dessau zum Umsteigen. Anschlusszug gibt es erst mal nicht, also rein in die Mitropa, frühstücken. Ich schwatze dem tätowierten Knastikellner 2 Bier ab, obwohl vor 10 Uhr eigentlich kein Alkohol ausgeschenkt werden darf. Dem ist das egal, solange er Schicht hat, wird die Zapfanlage nicht trocken gelegt, selbst wenn keine Kundschaft im Saal sitzt. Dazu gibt es Würzfleisch und gummiertes 5 Pfennig Brötchen. Ganz langsam gehen die Lampen an. Jeder Wochenstart ist eine Herausforderung und noch habe ich mich immer aufrecht sterbend geschlagen. Nichts wird mich davon abbringen, auch die kommenden 7 Tage mit ein paar Kratzern im Lack zu überstehen. Mein Zug nach Köthen kommt, der Kellner nicht mehr, also muss ich die Zeche prellen.
Im Zug sitzen Metaller, die ich von der Disco kenne. „Hallo Jupp“ Sie haben Goldbrand dabei, um den Montag auszutreiben. Die Flasche kreist.
In der Berufsschule werde ich mahnend empfangen.
„Herr Holland, wo kommen sie jetzt her?“
„Hab meinen Schönheitsschlaf verlängert, war nach dem letzten Wochenende nötig.“
Auf Humor kann ich nicht bauen.
„Durchdenken sie ihr Handeln beim nächsten mal! Und jetzt mit der Gruppe raus zum Schießplatz, heute ist Ausscheid im Kleinkaliber.“

Ich bin übrigens Lehrling bei der Reichsbahn, da muss man zielgenau ballern können. Wahrscheinlich werden wir später mal, wenn der Ami kommt, unsere verbeulten Güterzüge mit der Kalaschnikow beschützen müssen. Frieden schaffen mit Russenwaffen, mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz, irgend so was. Die wollen mir immer noch 3 Jahre NVA ans Bein binden. Dabei wollte ich nie in diesem Verein landen. Meine Mutter hatte mir eine Lehre als Schlosser im Chemiewerk besorgt, hat bei ihrem Chef Liebkind gemacht, weil mich selbst meine berufliche Zukunft im sozialistischen Vaterland irgendwie nicht interessierte. Die Eignungsuntersuchung fand ebenfalls an einem Montag, 7.30 statt. Und um diese Uhrzeit war ich nur selten in der Lage schon klar zu denken. Also ist das geplatzt, ich hab mir ne Menge Ärger eingefangen und bin bei der Bahn gelandet. Die haben alles aufgekehrt, was irgendwo durch den Rost gerutscht ist.
Deshalb stehe ich hier in der Mittagssonne besoffen mit einer Kleinkaliber Halbautomatik in Köthen auf dem Schießplatz und fuchtle damit ziemlich planlos rum. Mündung Richtung vermutetes Ziel, bäng, bäng …nichts getroffen, warum wohl?
„Was ist denn los mit ihnen heute, reißen sie sich zusammen, wenn sie die Mannschaftsleistung sabotieren wollen, werde ich sie melden!“ Wie gern säße ich jetzt auf der Schulbank und würde schlafen, anstatt mir diesen hohlen Drill anzuhören.

Bevor es nach Hause geht, gibt es in der Köthener Mitropa noch diverse Biere… schmecken zum kotzen! Die Rückfahrt lässt endlich Zeit für ein Nickerchen.
„Na Junge, wie war dein Tag?“ fragt Mutter. „Wie immer.“ Stimmt auch irgendwie.
Abends gehe ich in die Kneipe, Günter macht die besten Letscho – Steaks. Wir spielen Skat, ich sage einen Grand an und vergesse zu drücken. Der Goldbrand ist Schuld, wir sind alle gut in Gange. Später kommen ein paar Russen und weil ich ziemlich hinüber bin, kaufe ich denen hässlich braune Glastiere ab, die sich meine Mutter nie irgendwohin stellen wird.
Nachts im Bett dreht sich der Turm und unten auf der Straße pfeift jemand. Ich öffne das Dachfenster und da steht Conny und winkt mit einer Flasche Kirsch Whiskey. „Haben wir doch noch gar nicht alle gemacht.“ Ich kotze auf die Schindeln und hoffe auf nächtlichen Regen. Wie ich mich auf Dienstag freue, Morgen ist wieder Berufsschule.

1988 - irgendein Dienstag

Ich sitze mit zusammengekniffenen Augen und schwerem Kopf im Zug und träume mich durch die zerkratzte Fensterscheibe. Draußen kippt die graue Landschaft um. Alles wirkt schmutzig, auf den Blättern der Bäume liegt flächendeckend fahler Staub. Qualmende Autos tuckern an geschlossenen Schranken, müde Menschen mit hochgezogenen Schultern und gesenkten Köpfen laufen durch die Morgendämmerung. Der Putz der Häuser hat eine verblichene und bröckelnde Einheitsfarbe, in den Vorgärten hängt vergilbte Wäsche auf den Leinen. Aber die Schornsteine rauchen noch…und wie! Die Sonne hat es heute mal wieder schwer.
Der Zug ist voll mit Pendlern, Schichtarbeitern und Lehrlingen. Geredet wird nicht viel, die meisten versuchen zu schlafen und der kommenden Tristes des Tages noch für ein Weilchen zu entrinnen. Ich glotze wie jeden Morgen rüber zu den Sparkassenmädchen in ihren beigen und gelben Popelineklamotten. Als ob ihre fröhlichen Farben irgendwas gegen das Grau des Alltags ausrichten könnten. Aber sie schnattern und lachen, tauschen Zeitungsschnipsel aus der Bravo, schmachten den Thomas Anders Starschnitt an und ziehen sich mit hellrotem „Florena Action“ Lippenstift die Plappermäuler nach. Typische Popper, von uns Metallern gern mit Spott belegt und zumeist wenig beachtet. Auf der anderen Seite haben die uns wahrscheinlich nie wahrgenommen.
In der Berufsschule starre ich weiter versonnen vor mich hin. Diesmal auf den Hintern von Heike, die an der Tafel irgendwas erklärt und mit der Kreide quietschend über den Schiefer zieht. Sexismusdebatten gibt es seinerzeit noch nicht, also ist das Anschmachten der weiblichen Anatomie hüftabwärts für mich als 17 jähriger was alltägliches.
Später gibt es Arbeitsschuzbelehrung mit einem detailreichen Schulungsfilm über Unfälle im Bahnverkehr. Der stellt die in den 90ern populäre Ekelschinkenreihe „Gesichter des Todes“ deutlich in den Schatten. Natürlich weiß ich das jetzt noch nicht. Mein Kopf hämmert und mir ist schlecht. In Gedanken sehe ich immer noch Conny mit der Schnapsflasche gestern Nacht unter meinem Fenster stehen. Ich beschließe den Film als Ausrede zu nutzen, stupse Eule an, der neben mir sitzt und dem bereits alle Farben außer Grün aus dem Gesicht gefallen sind, und wir schleichen uns raus. Unterm Fahrradständer im Nieselregen rauchen wir Karo. Unsere Lehrerin taucht unvermittelt auf und macht uns zur Schnecke. Den Unterricht unerlaubt zu verlassen verstößt gegen die Regeln der sozialistischen Schulordnung und gilt als unkollegial und moralzersetzend. Sie wird unser normabweichendes Verhalten an unsere Lehrbetriebe melden.

Später, als die Mauer bröckelt ist sie eine der Ersten, die sich in den Westen absetzt, aber jetzt hält sie Hammer und Sichel im Ährenkranz noch fest in beiden Händen.

Wir müssen uns noch im Direktorat rechtfertigen und bringen unsere zart besaiteten Gemüter zu Geltung, die ob so harscher Bilder schweren Schaden nehmen könnten. Wir werden rausgeschmissen und gehen in die Mitropa, Bier trinken, bevor wir wieder in den Zug steigen.
Zwischenhalt in Dessau und Bockwurst aus dem WM66 am Bahnhofskiosk. Meine Karo sind auch alle und ich kratz das letzte Geld für eine Schachtel Puk zusammen. Billiger geht’s nicht mehr. Jeder Zug an den Dingern bringt mich dem Krebstod mit großen Schritten näher. Beim Bockwurst essen müssen wir aufpassen, wo wir uns hinstellen, da ganze Taubengeschwader mit beeindruckender Zielsicherheit und großer Schadenfreude gern auf die heißen Brühpimmel scheißen.
Zu Hause angekommen fliegt der Rucksack in die Ecke, für diese Woche hat sich die Berufsschule erledigt. Ich hole mir im Konsum ein paar Dessauer Helle und setze mich hinter die Wartehalle. Micha und Rene kommen und wir trinken und rauchen. Der Tag meiner Freunde war auch nicht erhellender als meiner. Zum Abend treffen wir uns im Jugendclub und spielen Doppelkopf und Billard. Bier und Schnaps machen die Runde und ich bin schon wieder ordentlich beieinander. Auf dem nach Heimweg will ich mit Iris rummachen, aber ich bin so voll, dass ich einfach nur auf die Wiese kippe. Wenigstens ist sie noch so nett, mich nach Hause zu bringen. Was für ein beschissener Tag. Ich falle ins Bett und lege das „Reign In Blood“ Tape ein. In 4 Stunden klingelt der Wecker.

1988 – Mittwoch – es wird nicht besser

Es ist noch schummrig, als ich meinen S51 Electronic antrete. Das Moped klingt wie ein entjungferter Rasenmäher und rüttelt allmorgendlich das halbe Dorf wach. Ich habe an der Auspuffanlage so lange geschraubt und gebohrt, bis sie eine kolossale Geräuschwand erzeugen kann. Eine, die den Dorfsheriff regelmäßig dazu verleitet, mich umgehend zum Rückbau aufzufordern. Der kann mich! Dem alten Hübotter kann man auch erzählen, im Himmel ist Jahrmarkt. Ab und an liefern wir uns nachts ein Rennen, aber wenn wir im Dunkeln Richtung Friedhof abbiegen und in den Brennnesseln verschwinden, traut er sich nicht hinterher. So ganz ernst nimmt man ihn als Staatsmacht nicht mehr. Ich werde jedenfalls einen Teufel tun und irgendwas an meiner Lärmfräse verändern, weil sie so wunderschön laut ist und mein Freund Basti spart sich den Wecker, wenn ich bei ihm vorbeiknattere.
Ich komme nicht weit, denn es regnet in Strömen und der Vergaser zieht so viel Wasser, dass die Bude zwangsläufig absäuft. Im Regen basteln macht keinen Spaß, aber ich muss. Heute habe ich Dienst in der Fahrkarte auf dem Roßlauer Personenbahnhof.
Ich mag die Damen dort, sind alle wie eine einzige Mutter und verwöhnen mich und meinen Kater von gestern, mit dem sie schon lange auf Du und Du sind. Es ist Bahnhofsfest, ich hab’s vergessen. Irgendwelche rostigen Dampfloks werden aufgefahren und die Bonzen kommen für ein Foto im Parteiorgan, unserer Lokalzeitung namens Freiheit. Der verblichene Backstein der Gebäude und der graue Beton der Bahnsteige sehen so gar nicht festlich aus. Bahnhofsaufseher Obst drückt mir Eimer und Schrubber in die Hand. Der Wicht ist vom alten Schlag, und erinnert mich irgendwie an Kermit den Frosch mit schwarzen SS Runen am Arm.
„Vor der Mitropa haben volltrunkene Randalierer auf den Boden uriniert, wischen Sie das weg!“, befiehlt er kantig militärisch.
In der Mitropa stelle ich den Putzkram in die Ecke und bestelle ein Bier. Es ist noch ziemlich leer. Ein paar Tische weiter sitzt ein alter Bekannter. Bernd Erhard, genannt Vierkant. Der Spitzname muss an seiner Visage liegen, die vernarbt und verschoben sein bulliges Äußeres krönt. Oder an seiner berüchtigten Reizbarkeit. Ist wohl mal wieder raus aus dem Knast. In meinen Kindertagen wurde er immer in die Gemeindewohnung unseres Dorfes einquartiert, wenn er aus dem Knast kam und wir Kinder waren fasziniert von seinen Tätowierungen und seinen wilden Geschichten. Heute legt er sich mit der Transportpolizei an, die ihn aus dem Saal haben will. Scheinbar passt seine Erscheinung nicht zu einem sozialistischen Bahnhofsfest. Es rumst und scheppert, Vierkant teilt aus und 2 uniformierte Trapos schmücken blutend den schmierigen Fußboden.
Ich trinke aus und ziehe Leine.
„Nun Herr Lehrling, alles erledigt?“, schmettert der Aufsichtszwerg in seinem zackigen Gestapotonfall. Der Arsch macht sich nicht mal die Mühe, meinen Namen zu behalten.
„Muss ich nachher bestimmt noch mal ran.“
In der Fahrkarte sind die Damen gut beieinander. Zur Feier des Tages kreist teurer Cognac. Und der Lehrling muss mit. Nach 2 Flaschen habe ich so einen geladen, dass sie mich in der Gepäckabfertigung verstecken müssen, weil ich wohl Gefahr laufe, dass ich auf den Bahnsteig kotze. Niemand will sehen, wie der Azubi vor die Füße der Bahnhofsleitung und Parteioberen spuckt. Als der Trubel, von dem ich nicht viel mitkriege, vorbei ist, schwinge ich mich unbemerkt auf mein Moped und fahre in Schlangenlinien nach Hause.

Mutter rastet aus, Vater zeigt mir nen Vogel. Den Rest des Nachmittags verschlafe ich und als ich so einigermaßen klar bin, geht’s nach Roßlau zurück.

Heute ist Disco in der Freundschaft, einem reinen Saufloch, in dem auch manchmal Boxveranstaltungen stattfinden. Rosa hat beschlossen, dass wir da hin müssen und ich kann ihn unschwer hängen lassen. Aber ich habe wenig Spaß an diesem Abend, bin hier viel zu selten, kenne nur wenige Leute. Ist eine komische Stimmung. Die Musik ist Scheiße und das Publikum auf Krawall gebürstet. Hauptsächlich liegt es aber daran, dass die Woche anfängt, Spuren zu hinterlassen. Nach einigen Bier wird es besser. Also rein damit, denn was anderes fällt mir 1988 auch nicht ein.
Ständig sind alle am Saufen, Discos, Jugendclubs, Feten, Familiengeburtstage, Jugendweihen, Kneipen, Konzerte…, bei jedem noch so winzigen Anlass gehen die Becher hoch. Und in den Betrieben erst, da wird gekübelt als würde nach dem Frühstück die Prohibition ausgerufen. Primasprit mit einem Schuss Brause, das zerfrisst auch die dickste Magenwand irgendwann.
Hier in der DDR arbeiten alle daran, so fühlt es sich wenigstens an. Alkohol ist sozialistischer Alltag. Welche Wahl haben da Sprutze wie wir? Niemand findet in der trostlosen Pampa Alternativen, um dem beschissenen und ständig bevormundenden Lehrlingsdasein zu entkommen. Jeden Tag die gleiche Leier, irgendeiner weiß immer irgendwas besser und keiner interessiert sich wirklich für uns. Die Partei hat stets recht und noch kuschen die Meisten, stellen Staatsdoktrin über Persönliches. Das Leben scheint bis zur Rente vorgezeichnet und nichts davon verspricht Spaß. Der Sozialismus plant seine Bürger durch und raubt jedwedes Vergnügen abseits der roten Linie. Mir hängt das alles so zum Hals raus. Wenn der Kopf im Nebel steckt, wird die Welt wenigstens für den Moment bunter, auch wenn ich weiß, dass es am nächsten Morgen umso finsterer wird. Außerdem bin ich Metaller, da ist Saufen Pflichtprogramm. Also drauf geschissen! Den Donnerstag krieg ich auch noch klein…oder er mich.

1988 - trister Donnerstag

In der Nacht hat es geregnet, die Ziegel unter meinem Dachfenster sind endlich wieder sauber. Ich muss erst heute Nachmittag los – Fahrkarten im LWH verkaufen, ein Service der Reichsbahn für die Lehrlinge vom Chemiewerk.
Ich sitze allein am Frühstückstisch und studiere Mutters Einkaufszettel, den sie mit ihrer führsorglichen Sekretärin – Handschrift geschrieben hat; Ata, Cekapur, Combo, Tempolinsen, Rondo, Scomber Mix, den Troll und so weiter. Außerdem Juwel 72 für Vater. Der raucht nichts anderes als diese bulgarischen Kotzbalken. Niemand fasst die Dinger freiwillig an und genau deshalb ist das seine Marke, da schnorrt keiner. Heute ist Donnerstag, der Konsum kriegt Lieferung, dann gibt es für einen Tag auch mal Cabinet und F6. Aber mein Alter lässt sich nicht beirren. Ich soll noch eine Flasche Schnaps mitbringen, aber Mutter soll nichts wissen. Von wegen.
Draußen fährt Frau Isensee mit dem gelben Postrad vorbei.
„Ist die Wochenpost schon raus?“
„Man fängt erst mal mit Guten Morgen an. Und ansonsten gedulden Sie sich, junger Mann.“
Blöde Zicke. Ich nehm´s hin, denn wir haben ein sehr gespaltenes Verhältnis. Seit dem Tag als ich als Knirps mal die Plakate, respektive Einladungen, zum sonntäglichen Gottesdienst vom Bretterzaun gerissen habe, sitzt sie mir lauernd im Nacken wie eine magere Katze auf Mäusejagd. Sie hat mich damals erwischt und an den Ohren zu meinem Großvater geschleift. Bei ihm, dem alten Kommunisten, hatte sie schlechte Karten, da ihn Kirchenunsinn nicht interessierte. Er hat mir aber trotzdem einen Einlauf verpasst, weil ich mich hab erwischen lassen. Und die alte Isensee hofft heute noch auf neuerliche Verfehlungen meinerseits. Wird schon noch mal klappen.
Die Wochenpost, eine der auflagenstärksten Zeitungen in der DDR, bietet ein Sammelsurium an belanglosem Inhalt, der mich wenig interessiert. Früher habe ich die Karl May Fortsetzungsromane gelesen. Heute ist nur der Anzeigenteil von Bedeutung. In dem finden sich diverse Tapetrader. Hab hier vor einigen Monaten einen ausfindig gemacht, der die aktuellsten Thrash Metal Alben auf Kassette überspielt. Allerdings nur auf Chrome Kassetten. Und da bin ich mit 20 Mark pro Stück teuer dabei. Ich muss gut überlegen, welche Platten ich kopiert haben will, denn mein Lehrlingsgehalt ist knapp bemessen. Aber immer noch besser als Originalalben, auch wenn ich die gern hätte. Für 100 Mark und mehr pro Stück bin ich armer Schlucker da jedoch raus.
Im Konsum beschließe ich, dass der Kaffee ausverkauft ist. Die 8, 75 Mark stecke ich mir ein für Bier und Zigaretten.
Am Nachmittag düse ich mit Eule und Heike auf den Mopeds ins Lehrlingswohnheim. Der Dreck liegt hier zentimeterhoch auf allen Dächern, Rohren, Überlandleitungen, Geländern und Fenstersimsen. Wir haben mal wieder Ostwind und die Schlote laden ihren Dreck überall ab. Die Chemiebude räuchert das Land ein. Der Gestank ist manchmal noch schlimmer als Vaters Juwel 72. Bei ungünstiger Wetterlage sieht unser Garten hinter dem Haus aus wie ein altes Foto von Onkel Alwin aus der Zeit des 1. Weltkrieges – Sepia. Es ist eine beschissene Arbeit, diese Patina wieder von Obst und Gemüse runterzuwaschen. Heike muss bei mir mitfahren. Immer gut festhalten, Mädchen! Wir werden schon lange erwartet, wir sind zu spät weil wir noch auf ein paar Bier und Soljanka in der Coswiger Bahnhofskneipe waren.

Greifswald, Stralsund, Rostock, wir schicken die Fischköppe mit saftigem Zuschlag nach Hause. Wenn wir schon hierher müssen, weil es irgendwelche Bonzen für keine gute Idee halten, dass Horden ungewaschener Chemiefacharbeiter und BMSR Techniker – Azubis den Fahrkartenschalter am Coswiger Bahnhof belagern, dann muss für uns auch was abfallen. Heike schreibt, Eule rechnet die Preise aus und ich kassiere. Die Differenz teile ich mir mit Eule später. Heike kriegt nichts, fürs niedlich aussehen gibt es kein Geld. Von unseren Geschäften kriegt sie sowieso nichts mit.
Mit der frisch verdienten Kohle geht es am Abend zur Disco in den Jugendclub Wittenberger Straße. Vorher mache ich mit Rosa aber noch Halt im Schwarzen Bären. Wir essen Gulaschsuppe in einem verqualmten und nach verschüttetem Fusel stinkenden Schankraum und trinken Bier und Schnaps, um die Lichter anzuknipsen. Die Kneipe ist voll und laut. Hier hockt die Stammkundschaft und trinkt sich den Tag kaputt. Die Bedienung mit ihrer fleckigen Schürze und dem gehetzten Blick hat gut zu tun.
„Mach mal noch 2 Bier und 2 Doppelte!“
Im Club ist dagegen nicht viel los. Wir beobachten Gruftis, die sich hier regelmäßig treffen. Sie sind die wohl skurrilste Randgruppe der DDR und ich halte sie wirklich für Untote. Nie lächeln sie, immer starren sie mit gelangweilten Blicken in irgendeine Ecke, selbst beim Tanzen bewegen sie sich so steif, als hätte die Leichenstarre sie fest im Griff. Mit ihren hochtoupierten, schwarzen Haarmähnen sehen sie alle aus wie Robert Smith, die kleinen Dicken genauso wie die langen Dürren. War wohl wieder viel Zuckerwasser und Trockenshampoo unterwegs. Wir lästern ein bisschen und ziehen uns zu. Ich treffe Annett und wir verabreden uns, nächste Woche mal was zu machen. Auf dem Heimweg kotze ich wieder auf meinen Brustbeutel, der nie was Besseres vorhat, als regelmäßig im Strahl zu bammeln. Macht echt nicht mehr viel her das Ding, ist genauso durch wie ich und dieser Donnertag.

1988 - Freitag - Metal ist Freiheit

Frühschicht auf dem Stellwerk. Eddi, mein Lehrfacharbeiter und ich stehen am Fenster und rauchen. Unten glotzt Rangierleiter Schneider rauf. Ein Vollidiot vor dem Parteikader. „Muss mal ein paar Achsen in den Stummel drücken.“
„Wieviel?“ will Eddi wissen.
„6 2Achser“
„Geht´s noch? Wie lange bist du denn wohl schon Rangierleiter auf dem Güterbahnhof? In den Stummel passen nur 3. Das war gestern so, und wenn keiner neue Schienen verlegt, ist das morgen auch noch so.“
Der Kasper versucht doch tatsächlich doppelt so viele Güterwagen in das Abstellgleis zu schieben, als überhaupt reinpassen.
„Stell dich nicht so an, mit ein bisschen guten Willen geht alles.“
„Und mit ein bisschen guten Willen vögelt gerade einer aus deiner Rotte wieder deine Alte in der Rangiererbude.“ Damit macht Eddi das Fenster zu. Ich krieg mich vor Lachen nicht mehr ein und wir schauen Schneider durch die milchig schmutzigen Scheiben hinterher. Er flitzt mit scharfen Hacken in Richtung einer schiefen Hütte mit welligem Pappdach, das schon wesentlich mehr Teer gesehen hat als meine Karo – gepeinigte Lunge.
Die Gleise sind voll mit abgestellten Güterzügen, einer reiht sich neben den anderen. In der DDR rollt der Warenverkehr über die Schiene. Und die ächzt. Ich frage mich des Öfteren, wie dieser ganze marode Verein überhaupt noch funktionieren kann. Allein unser Stellwerk ist ein Museum. Anderswo müsste man Eintritt bezahlen, wenn man die Treppe hoch will. Hebelbank, Blockkasten, die komplette Sicherheitstechnik, die Stahlseilzüge bis hin zu den wuchtigen Gegengewichten aus Beton im Keller stammen aus den 20er Jahren. Das älteste Formsignal drüben auf Gleis 1 ist sogar schon 1911 aufgestellt worden. So steht es zumindest auf dem verrosteten Schild am Sockel. Eddi nennt so was deutsche Wertarbeit, wir beide wissen aber, dass es nur noch da ist, weil es keine bezahlbaren Alternativen gibt.
Und unsere Arbeitsbedingungen erst, Mensch selbst die Römer hatten fließend Wasser und Fußbodenheizung. Dieses verkackte Stellwerk hat keinen Trinkwasseranschluss. Das Wasser wird mit der Rangierlok angekarrt. Originalabfüllung im Sozialgebäude, kilometerweit entfernt am anderen Ende des Bahnhofes. Brauchwasser ziehen wir mit beuligem Zinkeimer und Strick aus einem 10 Meter tiefen Brunnen. Da überlege ich 2-mal, ob ich scheißen muss. Geheizt wird mit bröseliger Braunkohle. Das ist Lehrlingsjob. Den Gestank von Kohlerauch und Staub krieg ich nie ganz aus den Klamotten. Meine langen Haare saugen den auch regelmäßig auf. Mein Schlafkissen zu Hause müffelt dauerhaft nach industriellem Großbrand.
Der ganze Mist röchelt aus dem letzten Loch - im ganzen Land - aber die Jahresproduktion ist schon im Herbst übererfüllt, na klar doch. Wehe wenn der Plan nicht stimmt, dann rollen Köpfe. Und weil jeder einzelne Schreibtischtäter in jedem einzelnen DDR Betrieb Schiss vor dem Vorgesetzten hat, der wieder vor dem nächst Höheren, der vor irgendwelchen Parteibonzen und die vor den Bezirksoberen und so weiter bis zum Staatsrat – werden regelmäßig, Jahr für Jahr, geschönte Zahlen in die jeweils übergeordneten Etagen gemeldet. Der Sozialismus blüht und die Pfeifen in Wandlitz glauben das. Dabei lebt das Land einzig von Selbstbetrug und fehlender Courage.
Der Lichtblick in unserem Stellwerk ist das Aquarium mit 5 traurigen Guppys. Ich krümle gerade getrocknete Fliegenlarven hinein, als die Tür aufgeht. Mein Freund Rosa kommt. Er ist Streckenläufer bei der Bahnmeisterei und gerade auf Tour.
„Na, wieder klar? Mann ich war gestern vielleicht voll. Bist du der Alten noch an die Wäsche? War ganz niedlich die Iesche. Kommst du heute Abend mit nach Möllensdorf? Die machen wieder Disco auf dem Zeltplatz, sind bestimmt auch geile Weiber am Start.“
„Nee, ich will mit Micha nach Delitzsch, da spielen Moshquito.“
„Dein Heavy Metal Radau wieder. Na dann mach dich mal schick und wasch dir die Haare, du stinkst.“
Zu Hause wasche ich mir die Haare und werfe mich in meine Ausgehuniform. „Kill ém All“ Shirt, handgemalt und 1A am Originalcover. Abgenähte Jeans, so eng, dass ich in der Nacht wieder nicht allein rauskommen werde, weil meine Spargelruten darin ausbruchsicher gefangen sind. Sind sozusagen meine „Roter Ochse“ Hosen. Patronengurt ohne Patronen, Nietenarmband – entstanden in Vaters Werkstatt mit Mutters Lochzange, Aluniten und einem zerschnippelten Gummigürtel -, abgewetzte Kunstlederjacke und Kutte drüber. Auf dem Rücken prangt ein Celtic Frost Backpatch nebst diversen anderen Aufnähern.

Im Zug kippen Micha und ich einen Rucksack voll Dessauer Helles. Das Abteil ist voll mit Langhaarigen. Wir prosten uns zu und quatschen. Ist schon ein wilder Haufen, der da auf den Gängen und queer über Sitze und Lehnen lümmelt. Ein Fahrkartenknipser traut sich hier nicht durch. Wozu auch, hat wahrscheinlich eh keiner bezahlt.

Ich hab schon mächtig einen in der Krone bevor der Club überhaupt in Sichtweite kommt. Das Gedränge am Eingang ist heftig. Wir treffen Rocky und im Sog seiner bulligen Gestalt lassen wir uns durch die Eingangstür saugen. Im Vorraum steht ein bärtiger Zausel und verkauft selbstgebastelte Aufnäher in allen Größen. Schwarz-weiße Fotodrucke, von Zeitungsbildern abgelichtet und auf starrer Leinwand verewigt. Sieht beschissen aus. Ich kaufe einen mit Udo Lindenbergs Konterfei für einen 10er. Dafür hab ich schon einen gewinnbringenden Abnehmer im Kopf.
Moshquito bringen den Saal zum explodieren. Micha rastet total aus und rudert mit seinen Klingeldrähten, als würde er gegen eine Starkstromleitung pinkeln. Wir geben uns alle mächtig die Kante und die Band wird pausenlos abgefeiert. Die größte Pogerei gibt es, wenn sie Bands covern, die für uns DDR Kids unerreichbar sind. Die haben Slayer, Exodus und Anthrax im Programm. Die komplette Hütte tropft vor schweißnass ausgetickten Leibern. Sauerstoff ist knapp. So will ich das, hier bin ich zu Hause, hier lasse ich die Woche hinter mir, hier prügle ich mir den Frust runter. Ich bin glücklich … und etwas taub.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof hockt der Zausel mit seinem Koffer voller Aufnäher im Dreck und blutet.
„Was´n los Mann?“
„Scheiß Skins, haben mich fertig gemacht, Drecksnazis.“
Offiziell gibt es die in der DDR gar nicht, weil Faschismus im Sozialismus keinen Platz hat. Aus Erfahrung weiß ich aber, dass das Stampfen der Springerstiefel immer lauter wird. Wir helfen ihm auf und sehen zu, dass wir hier wegkommen.
Zu Hause nehmen wir hinter der Wartehalle noch ein Absackerbier, bevor ich mich ins Bett haue. Hab nachher Lehrproduktionsschicht – freiwillig – muss noch etwas Geld ranschaffen, so eine Woche ist teurer als vermutet.

1988 – Sonnabend – läuft wie immer

Hab heute Lehrproduktionsschicht, das heißt ich kann auf eigene Tasche verdienen ohne dass mir irgendwer auf die Nerven geht.
Gepäckabfertigung – Roßlau – Personenbahnhof
Martina von der Fahrkarte kommt rüber; „Sag mal, was war denn am Mittwoch, du warst einfach weg. Mach so´n Scheiß bloß nicht noch mal, wir haben uns alle Sorgen gemacht.“
„Keine Ahnung, war wohl zu viel.“
„Na ja, pass eben auf.“ Sie sieht durch den Raum. “Lass mal deinen Rollladen noch unten, ich mach erst mal Kaffee, ist sowieso nicht viel los.“
Und so geht der Vormittag rum; Gepäck annehmen, wiegen, Etiketten kleben, beschriften, Zeug aus den Gepäckwagen der Personenzüge annehmen, verstauen, anderes wegschicken. Zwischendurch klappere ich die haltenden Bummelzüge nach Pfandflaschen ab. Der alte Augustin hat mir das während meiner Ausbildung hier als oberste Pflicht eines verantwortungsvollen Gepäckabfertigers eingeimpft. Hat mich durch alle Abteile geschleift, als persönlicher Lastenesel. Und so behalte ich das bei. 30 Pfennig Pfand pro Bierflasche läppern sich. Die Ausbeute ist gut. Wenn man sich mal den Fakt zu Gemüte führt, dass ein Glas Bier nur 40 Pfennig kostet, dann werde ich heute Abend fast für umsonst trinken
Bahnhofsaufseher Obst schiebt Patrouille auf dem Bahnsteig. Argwöhnisch beobachtet er 2 Jungs, die herumlungern. Spuckt bloß nicht euren Kaugummi auf den Boden, oder pappt ihn gar unter die Bank, dann schickt er euch ohne Umweg in den sibirischen Gulag.
Auf dem Tisch steht Klausis´ Kassettenrecorder, ein astreines silbernes Traumteil aus dem Westen. Ich drücke auf Play und Neil Young nölt depressive Weisheiten durch seine Nase. Raus damit! Ich werfe die Kassette in den Papierkorb, hole meine eigene aus dem Rucksack und drehe auf. „Chemical Invasion“ von Tankard füllt die Bude bis Anschlag. Meine letzte „Wochenpost“ Eroberung vom Donnerstag. Ich lasse den gestrigen Abend noch mal in meinen Kopf und bin glückselig. Die Tür fliegt auf und Obst steht in der Klappe. Er brüllt mich an. Ich versteh kein Wort. Mit einem Ruck reißt er den Stecker aus der Dose und schreit was von dekadenter Jugend und verdorbenen westlichen Einflüssen auf das friedliche Miteinander im Sozialismus. Jetzt holt er das Band aus dem Gerät und versucht zitternd mit seinen kleinen Wurstfingern das Plastegehäuse in der Mitte durchzubrechen.
„Das gehört aber Klaus. Hab nur mal angemacht, weil ich wissen wollte, was drauf ist.“ Er stoppt, glotzt wie paralysiert, wirft die Kassette auf den Schreibtisch, droht wortlos mahnend mit erhobenem Zeigefinger und verschwindet wieder, nicht ohne mit der Tür zu knallen. Mit Klaus will er sich nicht anlegen, der ist bei allen beliebt. Den Zorn der Belegschaft will er sich sicher nicht zuziehen. Und ich hab Schwein gehabt.

Am Abend geht´s zur Dorfdisco bei Günter. Ist nur 2 Minuten von meiner Haustür entfernt. Endlich mal nicht kilometerweil mit Bus und Bahn durch die Nacht. Ich verabrede mich mit Micha zum Biertrinken. Jeder holt eine Trommel vom Ausschank und wir machen uns ans Werk. Mit Bleistiften malen wir Striche an die Wand, um zu sehen, bei wem mehr passt. In der 2. Runde nach dem 13. Strich kotze ich unter den Tisch. Der Brustbeutel fängt das meiste ab. Uns gegenseitig stützend wanken wir nach draußen. Ich torkle erst mal nach Hause, wasche mich, ziehe mich um und halte vorsorglich noch mal den Kopf unter kaltes Wasser. Lange kann das so nicht mehr weitergehen. In solchen Situationen überkommt mich immer ein Anflug von Scham und Reue. Egal, das verwächst sich. Halbwegs hergestellt betrete ich den Saal wieder. Günters Frau wischt gerade meine Hinterlassenschaften weg. Micha grinst und wir setzen uns an einen anderen Tisch.
„Na , geht noch was?“ nuschelt er mit schwerer Zunge. „Nee, glaub nicht. Aber wir können ja mal probieren.“
Später bin ich draußen hinter der Wartehalle mit Yvonne zugange. Sie ist gut einen Kopf größer als ich, und ihr Konterfei wird wohl nie von einem abgegriffenen Nackedeikalender im inneren eines Herrenspindes lächeln. Ich bin da großzügiger. Jedes Manko liegt im Auge des Betrachters und sie macht das auf jeden Fall mit ihrer Biegsamkeit wieder wett.
An den Toiletten gibt es eine Prügelei. Toiletten, na ja, sind immer noch siffige, geteerte Plumpsklos. Mir fällt ein, dass ich ja heute zur Ordnungsgruppe gehöre. Ich gehe also dazwischen und wir schubsen alle ein bisschen und lassen die Fäuste fliegen. Hinterher gibt es für alle Bier und der Frieden ist wieder hergestellt.
Die Fuzis von der Diskothek lassen sich kurz vor Feierabend, als eh schon alle besoffen sind, noch dazu herab die lange erbettelte Heavy Runde zu geben. Aber wie immer haben sie die paar Metaller im Saal verarscht. Oder sie geben unbeabsichtigt ihre nackte Unwissenheit preis. Kann auch sein. Sie spielen, „I was made for loving you“, „Money for nothing“ und „On the road again.“ Solche elenden Arschlöcher.
Danach gibt es noch ein paar Kuschelsongs für alle Pärchen, die noch stehen können und als Rausschmeißer John Denver mit „Country Road“ Die Dorfjugend liegt sich in den Armen und singt textsicher in seltsam klingenden Englisch mit.
Übrigens spielt hier die staatlich verordnete 60/40 Regel keine Rolle. Die ist nur was fürs Papier. So ein zugelassener Schallplattenunterhalter interessiert sich auf Dorfdiscos nicht für die vorgegebene Norm. Und Ende der 1980er Jahre will bei uns auch keiner mehr die ausgenudelten Stars aus Sendungen wie Bong und Rund hören.
Der Abend ist rum, ich irgendwie auch mal wieder. Nachdenklich schlurfe ich nach Hause. Mal sehen was der Sonntag bringt.

Sonntag – Woche durch und alles auf Anfang?

Ich kann Sonntage nicht leiden … wegen der folgenden Montage. Immer gemahnen sie mich, dass nach dem nächsten zu kurzen Schlaf der ganze Trott von vorn beginnt. Dass da immer wieder Einer steht, der etwas von mir erwartet, was ich gar nicht tun will. Dass ich immer wieder den Ansprüchen von Anderen gerecht werden soll. Der Lehrmeister geht davon aus, dass ich einen vorbildlich uniformierten Reichsbahner abgebe, der irgendwann mal zum Fahrdienstleiter avanciert und zur Parteischule delegiert wird. Die Lehrer erwarten, dass ich mich als aufrechter Staatsbürger ins Schulkollektiv einbringe. Die Kaderleitung erwartet, dass ich die Karriere auf dem Güterbahnhof ernst nehme. Meine Mutter erwartet, dass ich sie nicht blamiere, mein Vater … keine Ahnung was mein Vater erwartet, wird wohl auch irgendwas sein. Alle schreiten täglich im Kreis durch ihre Blasen und erwarten, dass ich darin meinen Platz einnehme. Was denken die sich denn? Hat mich jemals einer gefragt, ob ich das auch will. Ich weiß gar nicht, was ich will, immer noch nicht. Warum muss ich das überhaupt? Ja doch, ich weiß was. Ich will die Welt sehen! Ich sitze vor dem Westfernsehen und sehe Länder, die ich nie besuchen darf. Mit welchem Recht eigentlich? Ich stolpere doch nur ein einziges, atheistisches Mal durch mein Leben, und dann nehmen sich fremde alte Leute von dämlichen Wandbildern heraus, mir das zu verwehren. Was fällt denen ein? Und doch habe ich keinen Plan, was ich dagegen tun kann. Nur eins ist mir langsam klar geworden; So wie bisher kann das auf Dauer nicht funktionieren.
Mit solch komplizierten Scheiß im Kopf pelle ich mich nach dem Mittag aus den Federn. Heute beginnen die Änderungen … auf jeden Fall! Und mit dem toten Brustbeutel fange ich an. Vorsichtig trenne ich den Motörhead – Patch ab. Ich schrubbe ihn mit einer weichen Bürste und warmen Fitwasser. Sieht gar nicht so mitgenommen aus, stelle ich fest. Den Beutel werfe ich in den Aschekübel – Mach´s gut alter Freund und Begleiter. Hab Dir ganz schön was zugemutet in all den verwaschenen Nächten. Kannst jetzt schlafen.
Als der Hunger sich breit macht, öffne ich Mutters Mikrowelle anno 88. Das Essen dampft noch in den Töpfen. Die sind eingeschlagen in Wolldecken, versteckt unterm Federbett. Das hält stundenlang heiß. Mutter macht das jedes Mal so, wenn ich nicht rechtzeitig aus dem Bett komme.
Heute Nachmittag geht es ins Volkshaus. Pünktlich 16.00 Uhr ist Beginn. Vorher radle ich aber noch auf meinem hellgrünen Diamant – Rad zu Hartmut. Er wohnt am Stadtrand von Coswig, allein mit seinem Vater in einer echten Villa. Sein Zimmer ist tapeziert mit Karo – Schachtel. Bin jedes Mal fasziniert. Er muss mehr von den Dingern geraucht haben, als jeder andere, den ich kenne. Wir waren mal zusammen im Kino, haben „Abwärts“ mit Götz George geguckt. Und er hat während der Vorstellung so viel gequalmt, dass ich nicht mehr wusste, ob seine Zigarette raucht, oder der Fahrstuhl auf der Leinwand abstürzt.
„Guck mal was ich aufgetan habe.“ Ich halte ihm den Lindenberg Aufnäher aus Delitzsch entgegen.
„Sehr schön, was willste haben?“
„20 Märker.“
Er scheint zu überlegen. Ich halte es für pokern und rühre mich nicht.
„Na gut, is gebongt.“
Im Volkshaus spielen heute Scirocco. Die covern Scorpions. Besser als nichts. Das Haus wackelt bereits amtlich. Im großen Saal ist kein Platz mehr frei, auch oben in der Bar, wo Grüne Wiese und Rote Mühle ausgeschenkt werden, wie anderenorts Schulmilch, ist kein Stuhl mehr ohne Arsch. Den Weg die Treppe hoch kann ich mir also sparen.
In der hinteren Bar sitzt Rosa und hat eine Wette zu laufen. 10 – 100 ml Vodka, einen nach dem anderen. Schafft er oder schaffte er nicht? Schaffte er! Er gewinnt die Wette, kassiert den Einsatz und rutscht rückwärts vom Hocker. Außenstehende wissen nicht, dass er auch eine andere Seite hat, seine Freunde schon. Er ist der empathischste, hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne. Und wenn bei uns auf dem Dorf alle um die Tischtennisplatte toben, spielen wir beide Schach. Er schlägt mich jedes einzelne Mal. Heute schlägt er sich wieder selber, kommt mir bekannt vor.
Drüben legen Scirocco gut vor und die Leute feiern. Wölm kommt mir entgegen und blickt erschrocken auf meine Brust. „Wo isser hin Mann?“ Sein Blick ist aufrichtig panisch. Immer wenn wir uns sehen, versucht er mir den Motörhead – Patch abzuluchsen. Irgendwann begann er schon von weitem mit einem 50 Mark Schein zu winken. Immer ist er abgeblitzt, weil ich ihm klar mache, dass er unveräußerlich ist. Und nun ist er weg. Ist er nicht! Ich zieh ihn aus der Hosentasche und wedle vor seiner Nase. Als ob Gott das Licht angeknipst hat, beginnt er zu strahlen. „Echt jetzt?“ „50 Mark.“ Blitzartig zieht er sein Portemonnaie, wie Old Shatterhand seinen Revolver. Wir tauschen, Aufnäher gegen Inhalt.
Ich drehe noch ein paar Runden, schreie ein paar Bekannten gegen die Lärmkulisse von der Bühne ins Ohr, tanze und knutsche mit Annett, bis ihr Freund auftaucht. Sie lächelt; „Bis nächste Woche.“ „Ja, bis dann.“
Gegen 21.00 ist Schluss, ich gehe rüber in die Bar, wecke Rosa, der friedlich an einem Tisch schnarcht, und wir machen uns auf den Rückweg.
Abends im Bett kann ich nicht schlafen. Morgen steht eine Klassenarbeit in Betriebskunde an und ich hab keinen Plan, was drankommt. Mitgeschrieben hab ich bestimmt auch nicht, hab mir gar nicht erst die Mühe gemacht, nachzusehen. Also werfe ich mich wieder mit geschlossenen Augen in die Herausforderungen einer neuen Woche. Und ich kann nur hoffen, dass das gut geht. Wird schon, denn mit 17 bin ich unschlagbar!

Nachklapp: 1 Jahr später – Die Mauer fällt und die Karten werden neu gemischt, spannende Zeiten beginnen. Meine jetzige Frau, die 1990 unsere erste gemeinsame Wohnung wie mit Zauberhand aus der Tasche schüttelt, und damit ein neues Kapitel aufschlägt, lässt endlich den Knoten platzen. Dafür bin ich ihr dankbar. Ohne sie hätte ich meinen Weg wahrscheinlich nicht gefunden, und nie so eine wundervolle Familie gehabt. Bis heute! Aber manchmal bin ich immer noch ein Kindskopf…
 
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Hi Joop! In einem Rutsch durchgelesen - der Text entwickelt einen starken Sog. Roh, ehrlich, traurig. Großes Kompliment!
 
Wortkrieger-Team
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Hallo @Jörg Holland - Jopp,
erst mal Herzlich Willkommen bei den Wortkriegern, ich denke mit deinen Ambitionen kannst du hier einige gute Schritte gehen.
Das Bild und die große Jahreszahl habe ich gelöscht, da es in unserer Textwerkstatt um den Inhalt des Textes geht und nicht um Layout und Präsentation. Du hast ja in deinem Profilbeitrag einen link eingebaut, wo das bei Interesse einsehbar ist.
Peace und viel Spaß hier, linktofink
 
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Lieber @Jörg Holland - Jopp

ich habe irgendwann den Text nur noch überflogen, deshalb ganz kurz: Ich erkenne durchaus literarisches Talent, eine eigene Handschrift gar, aber insgesamt ist mir das zu verworren, zu anekdotisch und zu schnell herunter geschrieben. Meines Erachtens benötigt dein Schreibstil Struktur und ein Personal mit Wiedererkennungswert. Vor allem solltest du mE deine Ergüsse (nicht abwertend gemeint) uns in kleineren Dosen verabreichen, das erleichtert die Beschäftigung mit deinen Texten.

LG,
HL
 
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08.01.2018
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Hallo @Jörg Holland - Jopp und willkommen im Forum, auch wenn du schon einige Zeit hier bist, wir hatten ja noch nicht das Vergnügen.
Und gleich mal ein Wort an @HerrLehrer , weil es mir ganz sicher nicht zur Gewohnheit werden wird, dir zu widersprechen, auch wenn das in jüngster Zeit so wirken mag.
ABER! So verworren wirkt die Geschichte auf mich gar nicht. Sie erinnert mich an Simon Borowiak, den ich sehr verehre. Da wechselt der Loser allerdings mit diversen Charakteren und entwickelt sich quasi zwangsläufig zum Antihelden, der auf konfuse Weise das Geschehen in die rechten Bahnen zu lenken weiß.

Ich mag deine Darstellung des allzu realen Lebens. Ich mag es vielleicht zu wenig, aufgrund zu nahen Nachempfindens im weiteren Bekanntenkreis. Es liegt mir auch fern. dir diesbezüglich einen Rat zu geben dazu bist du zu nah an meinem eigenen Wirken. Der nächste Schritt wäre - rein aus meiner Sicht - die Einbettung solchen Gedankenguts in eine lockere Geschichte, die den Lesenden so rein hinterrücks ein paar Nackenschläge verpasst, mit denen nicht zu rechnen war.

Daran arbeite ich mich ab und das vielleicht vergebens. Wer weiß, ob jemand so was lesen mag? Umso mehr möchte ich dich darin bestärken. Und mich, insgeheim. Das Handwerk bringst du mit. Mir fällt da nix Wesentliches auf, das zu verbessern wäre. Hab aber auch nicht danach gesucht. ;)

Hab ich gern gelesen, gebe dem HerrnLeser aber recht, dass da Längen sind, die du mit Leichtigkeit loswerden solltest. Du kannst das, das drängt sich auf.

Gern gelesen
Joyce
 
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15.03.2020
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@ HerrLehrer,

Danke für die Kritik. Bezugnehmend auf die „Ergüsse“. Ich hab mir die Geschichte nicht ausgedacht, weil es keine in dem Sinne ist. Ich habe Teile meiner eigenen Erlebnisse aus den Jahr 88 stark gestrafft aufgeschrieben. Logisch ist das nicht alles in einer Woche passiert, wer erinnert sich schon an eine komplette Woche. Alles was da steht, ist aber auch so passiert (bis auf die meisten Namen). Und eben jene Ergüsse gehörten zum Jargon. Und deshalb habe ich das mit Absicht so geschrieben., des Realismus wegen. Aber mir ist natürlich klar, dass das nicht immer gut zu verdauen ist. Danke fürs Feedback.


@joycec,

Nun, tatsächlich stellt diese Geschichte beinahe eine Ausnahme dessen dar, was ich mir sonst so runterschreibe. Ist in der Regel nämlich eher satirisch und soll unterhalten. Das Jahr 88 brannte mir aber seit langem unter den Fingern und musste einfach mal raus. Vielen Dank fürs Feedback.


@Christophe,

Danke Christophe, freut mich, dass ich Dich mitnehmen konnte.
 
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Wortkrieger-Team
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@Jörg Holland - Jopp,
bitte zeitnahe Antworten zusammenfassen und nicht komplette Kommentare in deiner Antwort zitieren, sondern nur die Anmerkungen, auf die du eingehen willst.
Peace, ltf.
 
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24.03.2019
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Lieber @Jörg Holland - Jopp

Bezugnehmend auf die „Ergüsse“. Ich hab mir die Geschichte nicht ausgedacht, weil es keine in dem Sinne ist. Ich habe Teile meiner eigenen Erlebnisse aus den Jahr 88 stark gestrafft aufgeschrieben. Logisch ist das nicht alles in einer Woche passiert, wer erinnert sich schon an eine komplette Woche. Alles was da steht, ist aber auch so passiert (bis auf die meisten Namen). Und eben jene Ergüsse gehörten zum Jargon. Und deshalb habe ich das mit Absicht so geschrieben., des Realismus wegen. Aber mir ist natürlich klar, dass das nicht immer gut zu verdauen ist. Danke fürs Feedback.

Mit 'Ergüsse' meinte ich nicht, dass die Geschichte nicht stimmen oder nicht wahr sein kann. Ich meinte vielmehr, dass man beim autobiographischen Schreiben Probleme bekommt, die man bei einem fiktiven Text nicht, oder weniger hat. Ich würde es umschreiben mit 'mangelnder Distanz zum Sujet'. Das eigene Leben ist für einen selbst zunächst sehr spannend, aber für den Leser ist das nicht zwingend so. Dazu kommt, dass man beim autobiographischen Schreiben alles vor sich sieht, alles fühlt und riecht, so wie es damals war. Ein einzelnes Wort kann dann dem Autobiographen reichen, um komplexe Welten erfahrbar zu machen, aber eben nur für den Autobiographen selbst.

Rauf auf meinen hellgrünen S51 und ab zum Bahnhof, mit dem Zug die erste Etappe nach Dessau zum Umsteigen. Anschlusszug gibt es erst mal nicht, also rein in die Mitropa, frühstücken. Ich schwatze dem tätowierten Knastikellner 2 Bier ab, obwohl vor 10 Uhr eigentlich kein Alkohol ausgeschenkt werden darf.

Ich will es mal an diesem willkürlich ausgesuchten Textstück verdeutlichen. 'Hellgrüne S51', 'Dessau', und 'Mitropa' sind Begriffe (Begriffswelten), die du mit deiner Biographie oder ein Leser mit ähnlicher Biographie sofort verstehen, ich aber entnehme diesen Begriffe bestenfalls, dass hier einer authentisch/ echt/ real Dinge beschreibt, deren Bedeutung sich mir aber als Besserwessi nicht sofort erschließt. Das heißt, dass du manche Leser eben auch ein bißchen an die Hand nehmen musst/ kannst/ solltest, damit sich ihnen deine Welt erschließt. Und ich fühle mich in deinem Text zu wenig an die Hand genommen. Das ist jedoch nur meine persönliche Meinung, ein anderer Leser mag diese spürbare Authentizität und Detailfülle begeistern (wie z.B. Chrisophe), ich fand sie eben auf die Dauer ermüdend.

Der nächste Schritt wäre - rein aus meiner Sicht - die Einbettung solchen Gedankenguts in eine lockere Geschichte, die den Lesenden so rein hinterrücks ein paar Nackenschläge verpasst, mit denen nicht zu rechnen war.

Hier stimme ich @joycec zu, ich hätte auch gerne einen Protagonisten und eine Geschichte, die mir diese deine Welt näher bringen. Ansonsten sind es für mich persönlich nur ziellose Beschreibungen einer spannenden Welt in einer spannenden Zeit.

LG,
HL
 

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