Was ist neu

24 Stunden

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24 Stunden

24 Stunden

Es lebt.
Sie spürt seine Kraft. Ein Strom warmer Energie wandert durch sie hindurch und berührt sie von innen mit warmen, streichelnden, kleinen Patschefingern. Nächtliche Umwanderungen kindlicher Traumpfade durch ansehnliche Höhen und weiße Dünenlandschaften. Das Meer direkt vor ihr; der Wind und das Salz und das Kind unter ihrem Herzen.

... und es lebt.

Es ist gesund. Ein Glück. Ein Wunder der Natur, ein unvorgreifbares, unbestellbares Ereignis, ein Wendepunkt, ein Meilenstein auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

... und es lebt.

Die ALDI-Tüte voller Bierdosen(-es ist ein Wunder der Natur, dass man bei ALDI für weniger als fünf Mark einen Vollrausch kaufen kann). Heute Abend gibt`s doppelte Wärme von innen. Bei dem Gedanken, ein besoffenes Baby in ihrem Bauch zu tragen, muss sie unweigerlich lachen. Sie schnippt die Marlboro auf den Gehweg, umrundet gerade noch fluchend einen Hundehaufen. „Scheiße !“

Der Aufzug ist wieder kaputt und die Tasche immer schwerer.
7. Stock, Schnaufen, Keuchen, Wohnungstür auf, Tasche rein, Bierdosen in den Kühlschrank, die erste an den Hals, Wohnungstür zu, rauf auf`s Sofa, Bärbel und Zigarette an.
Druck auf den Knopf am Anrufbeantworter. Krächzige, männliche Stimme, wahrscheinlich Ende 40, Raucher:
„Frau Kardaloyski, ich rufe Sie nur an, um den Termin für morgen zu bestätigen. 15.00 Uhr. Und bitte kommen Sie nüchtern.“
„Als wenn`s nen Unterschied macht“ und setzt neu an.

Nach der Schäferstunde macht sie sich ein Leberwurst-Brot und trinkt die dritte Rauschdose. Noch nicht mal zwei Mark weg und sie merkt schon was... - ein Wunder.

... und es lebt.

Meiser ist Scheiße heute und irgendwann müsste die Tapete mal wieder gestrichen werden. Bewegungen kann sie noch nicht spüren. Gut so. Sie findet nur einen Hausschuh und weiß noch immer nicht, was sie Dirk zum Abendessen kochen soll. Sie geht... rennt zum Klo, übergibt sich und uriniert dann in die braune, stinkende Schüssel....die Hände wäscht sie am Waschbecken, streicht sich Haare aus der verschwitzten, verpickelten, fettigen Stirn, überlegt kurz, ob sie vielleicht die Zähne putzen sollte, entscheidet sich aber lieber sofort für die Marlboro. Füße hoch, endlich mal ausspannen...Licht im Badezimmer und Abspülen vergessen. Egal.

Sie nickt ein und Dirk macht sie wieder wach.
Ihre Augen sind gerötet und verquollen und hustet erst mal ab. Nein, es gab nichts Besonderes und zum Abendbrot auch nicht. Kann sich ja was von`ne Bude holen. Kein Geld mehr, ist für Lullen draufgegangen.
„Sonne Scheiße, verdammt!!“ Dann eben auch Leberwurst-Brot.
Sie trinken und sie hält ihren Bauch. Es ist irgendwie alles anders. Die Wärme durchflutet sie, sie kann es in ihrem Körper spüren, kann sich seine Bewegungen vorstellen, seine dünnen Ärmchen, seine knubbeligen Fingerchen, sein Köpfchen...bloß keinen Namen geben, bloß kein Gesicht sehen.

...doch es lebt.

Sie steht auf, macht die verblichenen, verdreckten Vorhänge zu. „0190, dreimal die achtundsiebzig, ohne Tabus, wilde Weiber, Ferkel über 40 zeigen`s dir, ruf an.“
Dirk schaut wieder so komisch. Er steht auf, riecht nach Bier, greift ihr in den Schritt, schiebt seine Hände unter die alte Strickjacke, dreht sie herum, zieht ihr zärtlich Jeans und Slip herunter und nimmt sie kurz von hinten, mit einem Auge auf die Weiber im Fernsehen, die es ihm tabulos besorgen. Sie mit den Händen auf dem Heizkörper, den Vorhang, den geschlossenen, direkt vor Augen, manchmal mit dem Kopf gegen die Scheibe stoßend, sein Keuchen meterweit entfernt und doch riechbar. Hätte sie den Vorhang offen gelassen, hätte sie sehen können, was auf der Straße los ist.
Als er raus ist und auf dem Klo verschwindet, zieht sie Jeans und Höschen wieder hoch, setzt sich auf die Couch, trinkt und raucht, schaut zur Decke und weint.
Gut so, denkt sie und zieht den Rotz hoch, während er gerade aus ihr heraussabbert.

...doch es lebt.

In der Nacht träumt sie im Schlafzimmer mit den dunklen Schimmelflecken unter der Decke und Dirk schnarcht betrunken. Eine Weltreise würd` sie gerne machen, mit dem Traumschiff aus`m Fernsehen. Und Dirk dann wie Sascha Hehn mit weißer Hose und offenem Hemd. Und ganz braun gebrannt. Und viel lachen würden sie und am Strand liegen und nichts tun. Sie wacht auf, zündet sich im dunklen Raum eine Marlboro an, findet den Ascher nicht, wirft die Kippe dann in den engen Schlund einer Bierdose, die noch neben dem Bett liegt und rollt sich wieder in die feuchte, klamme Decke. Dirk wird nicht wach. Gut so, besser is.

Der verregnete Morgen ist wie sonst auch. Knäckebrot mit Leberwurst, dünner Kaffee, abgezählte Zigaretten und Dirk schläft noch.
Am Kiosk kauft sie neue und auch das Tagebuch der Superreichen und Dauer-Nicht-Denker-und-Nichts-Merker, klaut bei Karstadt eine saubere Unterhose, die alte lässt sie krank kichernd einfach in Augenhöhe in der Umkleide am Haken hängen, geht noch ein bisschen an den Schaufenstern vorbei und nimmt dann ihren Termin wahr.

Irgendwie komisch, denkt sie bei ALDI, die Tüte voll Wunder in ihrer zitternden Hand. Heute gibt es nur die einfache Wärme von innen. Und diesmal lacht sie nicht...

... aber sie lebt.


E N D E
(Swen Artmann, 2001)

 
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Anmerkungen des Übeltäters

Salve,
es geht mir gut, keine Sorge ( meine Mutter liest seit "24 Stunden" nur noch Geschichten von mir, nachdem ich sie zuvor davon überzeugt habe, dass das neue Werk NICHT wie "24 Stunden" ist. Sie macht sich sonst, wie sie mir ständig glaubhaft versichert, zu viele Sorgen um den Gemütszustand ihres Jungen).
Ich weiß, dass die Geschichte vielen etwas direkt und hart entgegen springt, doch was soll ich machen - sie ist halt wie sie ist.

Doch glaubt mir. Sie sprang mir beim ersten Lesen genauso direkt und hart entgegen. Keine Ahnung, wo sich meine Seele während des Schreibvorganges befunden hat.

Herzliche Grüße, Artsneurosia (Swen Artmann)

P.S. Schön, dass es diese Seite gibt. Habe die letzten vier Stunden nur gelesen, gelesen und gelesen.

 
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Danke

Hallo groper
Danke, dass du diese Geschichte gelesen und dich auch zu ihr geäußert hast. Freue mich auf die nächste Zeit im Haifisch-Becken.

Grüße, Artsneurosia (Swen Artmann)

 
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Zuletzt bearbeitet:

hi Artneurosia

Immer brav den Wal streicheln. Er ist altersschwach! :D

Ich wollt auch bald eine KG über trinkende Schwangere schreiben, aber ich halt mich mit dem Thema noch zurück. HAb die Tage eine Talkshow gesehen und gemerkt, dass "PArtyschwangere" in Mode kommen. Da kommt was auf uns zu! Zumindest werden sie zu einer Gattung gemacht. so wie die Messis vor kurzer Zeit.

Wenn du meinst, dass diese KG hart entgegenspringt, muss ich dich leider enttäuschen. Du illustrierst lediglich. Mehr machst du nicht. Du musst schon tiefer rein, hör auf den alten Wal!
Intensiver muss es werden. So ist es ein Artikel in der Brigitte.
Für 5 Euro besauf ich mich auch ausm KDW besinnungslos. und vorallem: in diesem Zusammenhang interessiert es hier den Leser nicht, wenn du das Thema ernst rüberbringen möchtest.

GRuß

 

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