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500 Miles

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Aus dem eventuell-Kalender-oder-doch-lieber-Buch-oder-so-Projekt ist mittlerweile die Idee zu einem Multi-Kulti-Projekt entstanden, welches sein Finale in einem rauschenden, bunten Fest, mit vielen, internationalen Speisen aus allen Ländern, mit Gesang und Tanz, und all den hier lebenden Ausländern finden soll. Multi-Kulti eben. Ich finde das übrigens sehr spannend, aber noch spannender würde ich es finden, wenn man bei den Integrationsbemühungen gleich mit mir anfangen würde. Immerhin sitze ich jetzt hier, inmitten einer kleinen Runde aktiver Frauen aus dem Dorfe, und sie haben längst bemerkt, dass ich sogar ihre Sprache perfekt spreche, aber ich denke nicht wie sie. Und ich werde einfach ignoriert.

Viel Solidarität habe ich ohnehin nicht zu erwarten. Ich stehe kurz vor meiner Ausweisung aus dem Dorfe. Noch ist es nicht amtlich, aber unser Bürgermeister arbeitet eifrig dran. Und noch nie hat er soviel Unterstützung seitens der SPD und der Grünen erfahren, wie in meinem Falle.

Dafür verdiente ich eigentlich eine Auszeichnung! Wenn ich nicht mehr da bin, dann werden sie sich doch wieder selbst zerfleischen müssen, und vermutlich gehen ihnen dann auch bald die Themen aus. Jemanden wie mich aber, bekommt das Dorf selten zu sehen. Da kann man viel länger drüber tratschen und spekulieren, als über jeden x-beliebigen Chinesen, Afrikaner oder Türken, der hier lebt und an den sich die Einheimischen längst gewöhnt haben.

Ich sehe übrigens gar nicht so fremdländisch aus. Im Grunde ist es sogar so, dass man mir meinen Makel nicht auf Anhieb ansieht, obwohl es immer noch Leute gibt, die eine bestimmte Vorstellung davon haben, wie Frauen wie ich, eigentlich aussehen müssten: In jedem Falle schon mal hässlich. Viel zu hässlich, um einen Mann abzubekommen und aus dieser Notlage heraus natürlich lesbisch, eingehüllt in lange Schlabberkleider, welche den letzten Verdacht im Keim ersticken, dass man es mit einem weiblichen Wesen zu tun haben könnte, und natürlich gekrönt von hennagefärbtem, rotem Haar.

Dass ich diesem Klischee nicht entspreche, hat man mir sehr übel genommen. Schließlich hätte man sonst ja gleich einen großen Bogen um mich gemacht.

So aber ist man auf mich hereingefallen! Ich sehe ganz normal aus, habe sogar einen Mann abbekommen, einen von der Sorte, den jemand wie ich nun wirklich nicht verdient hat.

Wie gesagt: Man sieht mir meinen Makel nicht an, und so erhielt ich perfiderweise sogar Gelegenheit, auf einer öffentlichen Ausschusssitzung meine Meinung zum Thema Kinderbetreuung hier im Dorfe öffentlich kund zu tun. Meine Meinung - nämlich, dass berufstätige Mütter von kleinen Kindern hier im Dorfe eigentlich gar nicht leben können, ist der hauptsächliche Grund für die geplante Ausweisung aus dem Dorf.

Die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere ist in keinem Dorf in Deutschland möglich, das ist auch in den großen Städten nur schwer möglich. Jeder weiß es, viel zu viele Frauen leiden darunter, aber man darf es nicht auch noch aussprechen, als käme dann alles noch schlimmer. Als würde man damit Zeiten heraufbeschwören, in denen es Frauen ausschließlich erlaubt war, sich über ihre Mutterschaft zu definieren!

Ich habe meine Meinung aber laut ausgesprochen. Ich habe, ganz im Sinne von Multi-Kulti, laut gesagt, dass ich es schön fände, wenn wir einige Gepflogenheiten unserer Nachbarländer importieren würden, nämlich eine flächendeckende Ganztageskinderbetreuung, um zu ermöglichen, dass Frauen Kinder und Karriere unter einen Hut bekommen können. Aber schließlich möchte man nicht jedes Kulti auch gleich ins Multi übernehmen. Ich glaube, bei Multi-Kulti denkt man hier eher an Döner und Sushi, und unser Bürgermeister assoziiert damit wohl eher die Umsetzung eines Verbotes jeglicher Meinungsäußerungen, die nicht mehrheitsfähig sind. Auch dafür gibt es immerhin Vorbilder in anderen Ländern.

Mit meiner unorthodoxen Meinung und der provokativen Forderung nach einer flächendeckenden Ganztageskinderbetreuung habe ich die ganze Gemeinde traumatisiert. In einer anschließend angesetzten, hoch dringenden und geheimen Sitzung erörterte man, was zu tun sei mit einer wie mir; Kann man so jemanden einsperren? Oder heimlich meucheln? Im eigenen End-Reihenhaus-Gartenteich ertränken? Oder sollte man nicht versuchen, zumindest auf Dorfebene eine lokale Richtlinie durchzusetzen, welche besagt, dass Meinungsfreiheit nur besteht, solange die Meinung konform mit der Dorfmehrheitsmeinung geht?

Diese Idee fand zwar auch den größten Anklang, aber man verwarf sie wieder, weil man es sich dann ja auch mit der Presse versaut hätte. Und die Journalistinnen, welche auf der öffentlichen Sitzung Augen- und Ohrenzeuginnen meines unheilvollen Auftritts waren, standen in diesem Falle wie Ein Mann hinter unserem Bürgermeister. Das hat ihm sehr gefallen; das möchte er gerne noch öfters erleben dürfen. Das kennt er ja sonst gar nicht!

Den Artikel in unserem Käseblättchen habe ich übrigens nie gelesen, nur davon gerüchteweise gehört. Mit unserem Käseblättchen ist es nämlich so: Ich benutze es immer, um damit unseren Komposteimer auszukleiden. Das passt einfach wunderbar: Mein Komposteimer muss nämlich immer gerade dann geleert werden, wenn das Käseblättchen geliefert wird. Der Postbote ist mittlerweile schon so gut dressiert, dass ich inzwischen Donnerstags mein Komposteimerchen vor die Tür stelle, in etwa so, wie andere Leute zum Nikolaus ihre Stiefelchen vor die Tür stellen, und er legt das Käseblättchen gleich dort hinein und gar nicht erst in unseren Briefkasten, dessen Zeitungsfach für DIE ZEIT reserviert bleibt. Nun erkenne ich, dass das ein großer Fehler meinerseits war und ich zeige mich reuig. In Zukunft - pardon an DIE ZEIT-Redaktion, kommt das Käseblättchen in das Zeitungsfach in unseren Briefkasten, und für mein Komposteimerchen finde ich bestimmt passende Seiten in DIE ZEIT.

Nun sitze ich hier, in rustikaler Umgebung, vor mir ein Teller mit einer Scholle nach Hausfrauenart, hinter mir ein ausgestopfter Hirschkopf, mir gegenüber: Die Journalistin, welche jenen Artikel im hiesigen Käseblättchen geschrieben hat, den ich nie gelesen habe, weil ich für das Käseblättchen bislang nur Verwendung in meinem Komposteimer gefunden habe. Aber das sage ich ihr lieber nicht. Ich bitte sie brav, mir den betreffenden Artikel zu faxen. Das ginge nicht, sagte sie. Man könne Zeitungen nicht ins Faxgerät stecken. Das sehe ich natürlich ein. "Dann per Email", schlage ich vor. "Du hast den Artikel doch bestimmt auf dem PC gespeichert, oder?" Wie Emails verschickt würden, wüsste sie nicht, gestand sie. Ich informierte sie darüber, dass ich im Herbst an der Volkshochschule einen Internetkurs nur für Frauen geben würde. Aber sie winkte ab, ihr Mann würde ihr Nachhilfe geben.

Ich zuckte innerlich zusammen. Ich kenne solche Männer, die gerne Nachhilfe in Sachen PC-Wissen geben. Aus lauter Verzweiflung darüber, dass es sie überhaupt gibt, bin ich Softwareentwicklerin geworden, damit nur ja kein Mann auf die Idee kommt, mir in epischer Breite Nachhilfe in Sachen Computer erteilen zu müssen. Da echte PC-Fans nämlich gerne mit den Grundlagen der Grundlagen beginnen, wüsste ich dann mittlerweile zwar im Detail, wie ein Prozessor aus einer segmentierten Adresse, welche aus dem Segmentwert und dem Offset besteht, die dazugehörige physische Adresse berechnet, aber ich könnte vermutlich noch immer keine Emails verschicken.

Nachdem ich sie für meinen Internetkurs aber nicht gewinnen konnte, schob ich ihr einen Zettel mit meiner Faxnummer und Email-Adresse zu, und ich gehe jede Wette ein, dass sie mit dem Zettel genau das tun wird, was ich üblicherweise mit ihrem Käseblättchen getan habe.

Sie verstaut den Zettel mit spitzen Fingern in ihrer Handtasche, und dann plaudern wir wieder über das Multi-Kulti-Fest mit dem Ziel einer besseren Integration von Ausländern hier im Dorfe. Nicht wir plaudern, ich muss mich verbessern: SIE sprechen miteinander. Ich bin vom Gespräch schon mal per Blickkontakt ausgeschlossen, und wenn ich etwas sage, dann hat das lediglich den Effekt, dass das Gespräch der Anderen kurz ins Stocken gerät. Ungefähr so, wie man kurz irritiert aufmerkt, wenn jemand mit der Gabel über den Teller quietscht. Eine Sekunde lang, oder auch zwei - und dann widmet man sich wieder seinem Gespräch und vergisst die unangenehme Unterbrechung.

Meine Gedanken schweifen denn auch langsam ab, am Rande verfolge ich eine halbherzige Diskussion über die Vorzüge des Wassermannzeitalters gegenüber dem Fische-Zeitalter, und im Geiste höre ich die Melodie von The Hooters: 500 Miles. Bei mir waren es nur 25 Kilometer.

 
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Vernichtende Kritik möchte ich eigentlich nicht meiner eigenen Geschichte aussprechen - das überlasse ich lieber anderen.

Aber dem Webmaster!

Jedenfalls hatte ich keineswegs vor, einen Satz, der in die Mitte des Textes gehört, am Ende abermals kursiv einzufügen. Wie ist es denn eigentlich möglich, Formatierungen an der Stelle, wo sie erscheinen sollen, durchzuführen?

Anila

 
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Hi!

Meine Antwort dazu sie hier.
Hab Deine Geschichte editiert, jetzt stimmt alles <IMG SRC="smilies/king.gif" border="0">

 

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