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Als sie uns verließen

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30.06.2015
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Als sie uns verließen

Es war mal wieder einer dieser Tage, an denen Charlie sich fragte, wann das Leben statt der asphaltierten Straße plötzlich den Trampelpfad genommen hatte. Wieder jonglierte er die Antworten wie rohe Eier. Mal auf einem Bein. Mal mit geschlossenen Augen. Bis das erste Ei runterfiel und zerbrach. Und auch das Zweite ließ nie lange auf sich warten. Bis die Wut über die eigene Unfähigkeit jedes weitere Ei auf dem Boden zerschellen ließ und nur die Frage wie ein hypnotisierter Clown weiter in der Manege tanzte. Wann hatte das Leben plötzlich den Trampelpfad genommen? Charlie hasste dieses Spiel, aber die Tage wurden länger, der Trampelpfad unbequemer und ihm ging das Futter aus. Ihm war klar, dass er jetzt tun und lassen konnte, was er wollte. Er konnte in den nächsten Supermarkt gehen - sie hatten sich nicht die Mühe gemacht, die Hintertüren zu versperren - und sich bedienen. Doch der Verlassene blickt nicht gern zurück und jeder Schritt nach draußen bedeutete einen ausgiebigen Spaziergang in der Vergangenheit. In der Manege tauchte ein weiterer Clown auf: “Wie lange wandert das Leben noch weiter, so ganz ohne Futter?” Dieses eine Ei konnte Charlie nicht zerbrechen lassen.

Wenn man sich nach so lange Zeit vollständig aufrichtet, fühlt es sich an, als müssten sich die Atome erst wieder zusammenfinden. Als wären sie in der Zwischenzeit gedanklich ausgeströmt und hätten die Welt erkundet. Riss man sie zu schnell aus ihren Träumen, knipsten sie einem aus Trotz das Licht aus. Vorhang zu. Charlie hatte sich zulange nur geduckt im Haus fortbewegt. Manchmal lag er stundenlang an einem Ort. Hoffte, auf keine Erinnerung zu stoßen, die ihn an ihre Abreise denken ließ. An den Tag, an dem sie beschlossen, dass sein Platz nicht besetzt werden sollte. Die Kriege waren zwar lang überstanden, doch mit ihrem Ende zog die Not durch die Welt und suchte auch die Orte auf, die vom Krieg verschont geblieben waren. Kein Strom. Kein Gas. Neuer Planet. Die Entscheidung wurde innerhalb weniger Tage getroffen. Man hielt es für besser, die Städte schnell zu verlassen. Es gab ja noch so viele Orte, die der Mensch erkunden konnte. Jetzt war die beste Zeit dafür. Auf die Technologie konnte man sich immer verlassen. Sie zerstörte ebenso zuverlässig, wie sie Neues erschuf.

Natürlich nahmen sie alles mit, was für ein neues Leben wichtig war. Räumten ganze Häuser in kleine Kisten. Auch Charlie packte fleißig mit, bis es plötzlich hieß: Tiere waren nicht erlaubt. Ja, auch keine Hunde. Charlie sah ihnen noch nach, wie sie den großen Wagen bestiegen, der sie ins neue Leben führen sollte. Seitdem hatte er das Haus nicht mehr verlassen.

Wie er geahnt hatte, war der Supermarkt gefüllt mit Lebensmitteln. Der Geruch von verrottetem Gemüses und vergammeltem Fleisch stieg ihm schon vor der Tür in die Nase. Die Fliegen freuten sich über ihren Festschmaus. Für den Rest interessierten sie sich erst gar nicht. Er lagerte trocken und sicher abseits der Frischetheken. Nur heute: All you can eat zum Nulltarif. Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln einen Schatten. Ein Rückkehrer? Charlie folgte ihm ins Freie, lauschte dem Rascheln und erschrak, als er im Nachbargarten auf sein Ebenbild stieß. Völlig ausgehungert, zitternd, der Blick vernebelt, hockte die Nachbarshündin vor ihrer Hütte. An ihrem Halsband baumelte eine abgewetzte, schmutzige Leine. Sie wartete. Vorsichtig legte er seine Schnauze auf ihren Rücken.

In der Manege tanzte ein einsamer Clown. Der Jongleur war fort. Auf seinem Stuhl wippte ganz langsam ein rohes Ei.
 
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Wann hatte das Leben plötzlich den Trampelpfad genommen?

Das ist in meinen Augen ein Logikfehler, denn die Geschichte beginnt mit:

Es war mal wieder einer dieser Tage, an denen Charlie sich fragte, wann das Leben statt der asphaltierten Straße plötzlich den Trampelpfad nahm.

Es klingt, als würde er darauf warten, dass das Leben endlich dieser Weg einschlägt - nur um sich dann zu wundern, dass es sich tatsächlich dazu erdreistet hat, es zu tun.

Ich meine, ein "genommen hatte" würde an dieser Stelle wahre Wunder bewirken.

Doch mit ihrem Ende zog die Knappheit durch die Welt

Knappheit? Ich denke "Not" oder "Mangel" wären an dieser Stelle passender. "Knappheit" klingt unpassend.

***

Nun, ich glaube nicht, dass Hunde zu derartigen Denkmustern fähig sind, die du uns in der Geschichte um die Ohren haust, daher ist mein Fazit wie folgt:

Die Rahmenhandlung um den Hund dient als Vorlage für den Autoren, einige Metaphern durch die Gegend zu werfen - mehr ist da nicht. Ich bin fast davon überzeugt, dass du die Geschichte mit einer anderen Idee im Kopf angefangen und dich dann mittendrin umentschieden und das geschrieben hast.

So kommts, dass mich das Ende total rausreißt, denn die Bilder, die du bis dahin gezeichnest hast, waren gut.

Hättest du dem Hund eine eigene Stimme gegeben und darauf verzichtet, um hauptsächlich den Autoren sprechen zu lassen, hätte ich ein unbedenkliches "Das gefällt mir!" schreiben können, aber so ist das echt schade drum.
 
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Hallo Cinnamon Butler,

da wir hier bisher keinen Kontakt zu einander hatten, grüße ich dich erstmal ganz herzlich!
Mal vorweg: mir hat dein Schreibstil sehr gut gefallen, es war mir ein Vergnügen, die Geschichte zu lesen. Danke dafür schonmal. Jetzt komme ich zu den berühmten Kleinigkeiten:

Bis die Wut über die eigene Unfähigkeit jedes weitere Ei auf dem Boden zerschellen ließ und nur die Frage, wie ein hypnotisierter Clown weiter in der Manege tanzte.
"nur die Frage" ? Da fehlt für mich irgendwas.

Hoffte, gegen keine Erinnerung zu stoßen, die ihn an ihre Abreise denken ließ.
Heißt es nicht "auf eine Erinnerung stoßen" ?

An den Tag, an dem sie beschlossen, dass sein Platz nicht besetzt werden sollte.

Die Kriege waren zwar lang überstanden. Doch mit ihrem Ende zog die Knappheit durch die Welt und suchte auch die Orte auf, die vom Krieg verschont geblieben waren.
Hier erwarte ich als Leser ein Komma und eine Reaktion auf dieses "zwar".

Der Geruch von verrottetem Gemüses und vergammeltem Fleisch stieg ihm schon vor der Tür in die Nase.

Fazit: Mir hat deine Geschichte, besonders dein Schreibstil, sehr gut gefallen, auch wenn ich den Zusammenhang mit dem Clown und deinem Protagonisten bis zum Ende hin nicht verstanden habe. Hab den Mut, noch weitere Beiträge hier folgen zu lassen (du schreibst ja in deinem Profil, dass du sie nicht gerne anderen Menschen zeigst) :)

Liebe Grüße,
SCFuchs
 
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Hallo Cinnamon Butler,

das ist eine ganz tolle Geschichte. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Mich hat das Bild mit den rohen Eiern sofort reingezogen und selbst als ich dann erfuhr, dass der Protagonist ein Hund ist (ich kann Geschichten mit Tieren als Hauptfiguren eigentlich überhaupt nicht leiden), da fand ich es diesmal richtig ok. Es wirkt. Zumal dein Hund sich bis auf die ungewöhnliche Metaphorik seiner Gedanken ja nicht unhündisch verhält. Außer vielleicht, dass er beim Packen mitgeholfen haben soll, da hab ich im Nachhinein schon überlegt, wie das mit vier Pfoten wohl aussieht.

Hier noch ein paar Kleinlichkeiten:
Es war mal wieder einer dieser Tage, an denen Charlie sich fragte, wann das Leben statt der asphaltierten Straße plötzlich den Trampelpfad nahm.
Müsste der Nebensatz nicht in PQP? "plötzlich den Trampelpfad genommen hatte"? Denn von der asphaltierten Straße ist es seit dem Verlassenwerden doch wohl runter.

Bis das erste Ei runterfiel und zerbrach. Und auch das Zweite ließ nie lange auf sich warten.
Hier würde ich "Zweite" kleinschreiben, weil es sich ja immer noch adjektivisch auf das "Ei" bezieht. Ich bin mir aber nicht sicher.


Bis die Wut über die eigene Unfähigkeit jedes weitere Ei auf dem Boden zerschellen ließ und nur die Frage, wie ein hypnotisierter Clown weiter in der Manege tanzte.
Kein Komma vor dem wie, weil ja kein Nebensatz eingeleitet wird

Sie zerstörte ebenso zuverlässig wie sie Neues erschuf.
Hier ist "wie sie Neues erschuf" ein Nebensatz, also bitte Komma davor :)

Nur Heute: All you can eat zum Nulltarif.
"heute" kleinschreiben

In der Manege tanzt ein einsamer Clown. Der Jongleur war fort. Auf seinem Stuhl wippte ganz langsam ein rohes Ei.
Wenn der Wechsel ins Präsens ("tanzt") Absicht ist und nicht einfach ein Vertipper, würde ich die folgenden Verben dann auch ins Präsens setzen.

Vielen Dank für dieses unerwartete Lesevergnügen.
Liebe Grüße
Ella Fitz
 
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30.06.2015
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Hallo NWZed,

vielen danke für dein Feedback. Die kleinen Korrekturen habe ich direkt mal vorgenommen.

Die Geschichte habe ich nicht mit einer anderen Idee begonnen, sondern mit dem Hund.

Mit der eigenen Stimme meinst du, dass ich den Hund öfter sprechen lassen soll? Ich dachte irgendwie, dass der Erzähler nah genug beim Hund bleibt, sodass klar wird, dass er es aus seiner Sicht schildert.

Auf jeden Fall Danke und vielleicht kann man das Ende ja noch etwas umändern. Ich werde auf Fall mal dran setzen.

Liebe Grüße

Hallo Ella Fitz,

ich habe gerade nochmal nachgeschaut, weil ich mir auch nicht ganz sicher war.

Bis das erste Ei runterfiel und zerbrach. Und auch das Zweite ließ nie lange auf sich warten.
Hier würde ich "Zweite" kleinschreiben, weil es sich ja immer noch adjektivisch auf das "Ei" bezieht. Ich bin mir aber nicht sicher.

Wie gesagt, ich war mir auch nicht sicher. Die Regel besagt jedoch, dass man es großschreibt, da es sich zwar auf das "erste Ei" bezieht, jedoch in einem neuen Satz steht, der eigenständig ist.

Grüße,
SCFuchs
 
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So, Cinnamon. Erstmal habe ich deine Beiträge zusammengeführt.

Was ich meinte:

Mit der eigenen Stimme meinst du, dass ich den Hund öfter sprechen lassen soll?

Ja. Als rauskam, dass das ein Hund sein soll, ist für mich die Illusion flöten gegangen. Ist der Hund ein genetisches Experiment? Klar, ich kenne Watership down, aber der Hund hat Verständnis von Strom, Gas, Atomen und Technologie. Nee, das kauf ich dir nicht ab. Woher weiß er solchen Kram?

sodass klar wird, dass er es aus seiner Sicht schildert.

Genau das ist das Problem. Der Erzähler erzählt, während der Hund im Hintergrund Sachen macht. Die eigentliche Handlung geht durch ausschweifenden Metaphern flöten - was ich echt schade finde, denn ich hätte gerne mehr gewusst.
 
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30.06.2015
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Hallo SCFuchs,

vielen Dank erstmal fürs Kommentieren. :) Das freut mich sehr.

Bei solchen Bildern, wie zum Beispiel mit dem Ei, bin ich mir immer nicht sicher, ob man es deutlich aussprechen sollte oder einfach dabei belassen kann. Vielleicht finde ich noch einen Mittelweg.

Danke für deine ermutigenden Worte. Es macht einem auf jeden Fall Mut, mal mehr Ideen von sich zu zeigen und sich zu verbessern :)

Ella Fitz:
Freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat. Beim Packen hab ich mir irgendwie vorgestellt, dass der Hund sein Spielzeug trägt oder so. Den Teil würde ich vielleicht einfach rausnehmen, damit man nicht mehr so sehr drüber stolpert.
Vielen Dank auf jeden Fall für dein Feedback. :)

Dann mach ich mich mal daran, den Text etwas zu überarbeiten.
 
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21.07.2016
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Hi Cinnamon Butler,

ich fand die Geschichte gut. Insbesondere den Twist am Ende als sich herausstellte, dass es sich um einen Hund handelte. Mich erinnerte die Geschichte ein wenig an James Herbert "Der Höllenhund".

Vielen Dank für die kurzweilige Geschichte.:thumbsup:
 
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Hallo Cinnamon Butler,

die Idee zu deiner Geschichte gefällt mir eigentlich sehr gut. Und sprachlich finde ich sie auch ganz ansprechend. Aber leider gefällt mir die Geschichte an sich nicht.

NWZed hat es eigentlich schon sehr gut auf den Punkt gebracht, wie es mir damit gegangen ist. Trotzdem werde ich auch noch ein bisschen genauer darauf eingehen. Die Geschichte ist nämlich ein gutes Beispiel für verschiedene Dinge, die ich bei anderen Texten schon oft als störend empfunden habe, und es ist immer schön, wenn man solche Sachen mal klar formulieren und an einem Beispiel festmachen kann, als wenn man bloß so ein nebelhaftes "hmm, irgendwas ist hier nicht stimmig"-Gefühl hat. Dass soll nicht heißen, dass deine Geschichte schlecht ist - es haben sich ja auch schon einige Leser geäußert, denen sie richtig gut gefällt - sondern einfach, dass sie ein paar Dinge tut, die nicht mein Fall sind, und das so deutlich macht, dass sie mir beim Nachdenken geholfen hat. Von daher muss ich dir auf jeden Fall für die Geschichte danken, auch wenn sie mich in literarischer Hinsicht nicht so richtig überzeut hat. :)

Also, was sind diese Dinge, die nicht mein Fall sind?

Ding #1: Metaphern-Overkill

Metaphern sind eine großartige Sache, ganz besonders, wenn man so etwas ausdrücken will, das irgendwie nebelhaft und schwer auf den Punkt zu bringen ist. Aber ich finde es wichtig, sie nicht überzustrapazieren, denn sonst verkehrt sich der Effekt gerne mal ins Gegenteil.
Wie meine ich das? Du hast ein sehr schönes Beispiel gleich am Anfang des Textes geliefert.

Wieder jonglierte er die Antworten wie rohe Eier.
Das gefällt mir richtig gut. Es gibt ja solche Gedankenprozesse, wo sich immer und immer wieder die selben Gedanken im Kreis drehen, und wo man unbewusst immer dafür sorgt, dass ja alles auf der gewohnten Bahn bleibt, nicht dass irgendwas schief geht und man sich irgendetwas Schmerzhaftem stellen muss. Und wenn man so einen komplexen gedanklichen Vorgang gut und schnell auf den Punkt bringen möchte, würde mir spontan kein besseres Beispiel einfallen als dein Satz. Das Bild, dass jemand mit rohen Eiern jongliert, bringt das wunderbar rüber, ohne dass du viel herumreden musst. Vielleicht ist das, was ich hineingelesen habe, nicht genau das, was du ausdrücken möchtest - genau können Metaphern auch nicht wirklich sein - aber ich lese den Satz und habe auf der Stelle das Gefühl, ich weiß, was du sagen willst. Das ist richtig gut, und gelingt bei weitem nicht so oft, wie man sich das als Autor wünscht. Leider habe ich den Eindruck, du hättest selbst kein Vertrauen in die Kraft dieses Satzes. Und deshalb hast du da noch einen Haufen anderer Sätze hinterhergeschoben, die nichts hinzufügen, sondern eher etwas wegnehmen.

Mal auf einem Bein. Mal mit geschlossenen Augen. Bis das erste Ei runterfiel und zerbrach. Und auch das Zweite ließ nie lange auf sich warten. Bis die Wut über die eigene Unfähigkeit jedes weitere Ei auf dem Boden zerschellen ließ und nur die Frage wie ein hypnotisierter Clown weiter in der Manege tanzte.
Das fand ich beim Lesen richtig, richtig schade. Gerade hattest du mir dieses schöne Gefühl geschenkt, dass ich einen Satz gelesen hatte und dachte, ich wüsste ganz genau, was du damit ausdrücken willst. Und dann kommt eine ganze Palette von Sätzen, wo ich schlichtweg keine Ahnung habe, was das aussagen soll. Wie jongliert man mental auf einem Bein und mit geschlossenen Augen? Was für ein Bein? Was für Augen? :confused:
Also gefühlt sagst du mir erst: Perdita, du bist eine schlaue Leserin, du hast genau verstanden, was ich meine. Und dann: Haha, verarscht, in Wirklichkeit kapierst du überhaupt nichts und meine tolle Metapher ist viel zu hoch für dich. Erwartest du wirklich, dass ich deine Geschichte hinterher noch lieb habe? :cry:

Wie man mit Metaphern umgeht, also wieviele man verwendet, und wie lange man auf einem einzelnen Bild herumreitet, ist eine sehr individuelle Angelegenheit und natürlich hat die künstlerische Freiheit da das letzte Wort und nicht, wie ich persönlich mich nach dem Lesen eines Absatzes fühle.
Aber so generell bin ich da schon der Meinung: Weniger ist mehr.

Ding #2: Erschlichener Twist

Ich finde es richtig toll, wenn eine Geschichte mich überrascht. Es ist klasse, wenn der Mörder jemand war, den man nie im Verdacht hatte, oder der Protagonist die ganze Zeit ein Geist war. Und für einen Autor ist es ein großartiges Gefühl, wenn man es schafft, Leser hinters Licht zu führen und am Ende der Geschichte die Reaktion kriegt: Wow, das hätte ich wirklich nicht vermutet.
Ich habe also viel Verständnis für den Wunsch, eine Geschichte mit einem Twist enden zu lassen. Aber ich habe zu dem Thema auch strenge moralische Ansichten. :) Ich finde, man muss sich so einen Schluss ehrlich verdienen. Man darf dabei nicht mogeln - oder höchstens ein kleines bisschen. Das Schöne an so einer Wendung ist für den Leser ja die Erkenntnis: Man hätte es von Anfang an ahnen können, aber der Autor war so geschickt, dass man auf eine falsche Fährte gelockt wurde oder etwas eigentlich Offensichtliches übersehen hat. Wenn man aber etwas nicht bemerkt hat, weil der Autor einem quasi etwas vorgeschwindelt hat, dann stellt sich dieses Gefühl eben nicht ein.

Man kann dir nicht vorwerfen, du hättest in deiner Geschichte aktiv geschwindelt. Es gibt keine Stelle, wo du explizit sagst: Charlie ist ein Mensch, nur um dann am Schluss zu sagen: Haha, denkste, Charlie ist ein Hund.

Aber aus meiner Sicht ist das Problem, dass du es implizit ausdrückst. Und gefühlt ist das für mich dann am Ende genausowenig ein verdienter Twist, als wenn du geradewegs behauptet hättest, dass Charlie ein Mensch ist.

Ein paar Beispiele:

Es war mal wieder einer dieser Tage, an denen Charlie sich fragte, wann das Leben statt der asphaltierten Straße plötzlich den Trampelpfad genommen hatte.
Die Aussage hier ist: asphaltierte Straßen sind besser als Trampelpfade, und es ist schlecht, wenn das Leben von der asphaltierten Straße abkommt. Wer mag asphaltierte Straßen lieber als Pfade? Hunde, die gerne spazieren gehen und ungern von Autos überfahren werden? Oder Menschen, die sich gerne schnell fortbewegen? Also schon beim ersten Satz gibt es eigentlich nur eine logische Schlussfolgerung hinsichtlich der Spezies deines Protagonisten, und "Hund" ist es nicht.

Wieder jonglierte er die Antworten wie rohe Eier.
Wir wissen nicht, wie Hunde denken - sie haben völlig andere Sinneswahrnehmungen als wir, in denen Gerüche eine viel größere Rolle spielen, und keine verbale Sprache. Keine "Übersetzung" von Hundegedanken in Textform wird je an die Realität herankommen. Aber ich denke, wir können beruhigt davon ausgehen, dass das Jonglieren roher Eier kein Bild ist, das ein Hund für seine Denkprozesse verwenden würde. Natürlich kann man argumentieren: Das sagt ja nicht Charlie, das sagt der Erzähler. Trotzdem hast du den Eindruck erweckt, du würdest Charlies Gedanken wiedergeben - und das sind eindeutig die Gedanken eines Menschen. Du führst mich nicht geschickt hinters Licht, sondern stülpst mir einfach einen Sack über den Kopf, damit ich nicht sehe, was du treibst.

Kein Strom. Kein Gas. Neuer Planet.
Kein Hund weiß, was Strom, Gas oder Planeten sind. Alles, was Charlie rechtmäßig wissen kann, ist dass er von den Menschen, die er geliebt hat, allein zurückgelassen wurde. Alles andere ist der Erzähler, der sich einmischt - aber auch hier ist nicht deutlich, dass an der Stelle nicht Charlies eigene Gedanken wiedergegeben werden.

Auch Charlie packte fleißig mit, bis es plötzlich hieß: Tiere waren nicht erlaubt.
Das schrammt dann schon sehr nah an einer aktiven Schwindelei vorbei. Hunde bringen vielleicht mal einen Gegenstand, wenn sie darauf trainiert sind. Aber für einen intergalaktischen Umzug zu packen, dürfte sie überfordern.

Ich weiß, dass es eine wirklich schwierige Übung ist, aus der Sicht eines nichtmenschlichen Protagonisten zu schreiben, und nur wenige Autoren bekommen das überzeugend hin. Und wenn man sich dann noch das Ziel setzt, die Leser sollen bis zum Schluss nicht merken, dass der Protagonist kein Mensch ist, ist das natürlich noch mal ein zusätzlicher Schwierigkeitsgrad. Aber nach meinem Eindruck hast du hier gar nicht erst versucht, diese Hürden zu nehmen. Es ist doch nun wirklich keine Kunst, dass kein Leser erahnen kann, dass Charlie ein Hund sein soll, wenn nichts von dem, was du über ihn erzählst, auch nur annähernd hundeartiges Verhalten beschreibt. Du hast dir deinen "überraschenden Schluss" nicht ehrlich erarbeitet, weil die Überraschung allein darauf basiert, dass du bis zu dem Moment, wo du enthüllst, dass Charlie ein Hund ist, quasi vortäuschst, dass es um einen Menschen geht.

Ding #3: Unplausibles Dystopie-Szenario

Das ist für die Intention deiner Geschichte zwar kein besonders wichtiger Punkt, aber ich muss trotzdem ein bisschen darauf herumreiten, weil ich mich mit den diversen Möglichkeiten, literarisch die Welt untergehen zu lassen, gerne beschäftige und mir bei solchen Geschichten deshalb kleine Unstimmigkeiten besonders auffallen. :)

Die Entscheidung wurde innerhalb weniger Tage getroffen.
Die Entscheidung, auf einen neuen Planeten überzusiedeln, ist ganz sicher keine Sache von Tagen (zumal es nach heutigem Stand der Technik keine bewohnbaren in Reichweite gibt). Vor allem nicht in einer vom Krieg verheerten Welt, wo es nicht mal mehr eine Stromversorgung gibt (aber Raumschiffe???). Du hast zwar den Tag Fantasy statt Science Fiction gewählt - aber trotzdem würde ein Anstrich von ein bisschen Plausibilität nicht schaden. :)

Wie er geahnt hatte, war der Supermarkt gefüllt mit Lebensmitteln.
Gesellschaften, die nicht mit ausreichend Energie versorgt sind, haben selten reich gefüllte Supermärkte. Damit Lebensmittel dort landen, müssen sie mindestens transportiert und gekühlt werden - ohne Strom und Gas nicht so einfach. Charlie müsste sich wahrscheinlich mit Jagd durchschlagen, um zu überleben.

Insgesamt fand ich es schade, dass diese Dinge für mich die Geschichte so überschattet haben. Die Grundidee, die Geschichte eines Hundes zu erzählen, der auf einer Erde, die von den Menschen verlassen wurde, zurückgeblieben ist, gefällt mir richtig gut - aber aus meiner Sicht würde so eine Geschichte am besten wirken, wenn man sich auf dieses - eigentlich ja herzerreißend traurige - Szenario konzentriert und nicht mit überstrapazierten Metaphern und Wendungen von diesem emotionalen Kern ablenkt. Die Geschichte hat mich zwar viel zum Denken angeregt - was auf jeden Fall schon mal eine gute Sache ist. Aber was ich mir von dem Text eigentlich gewünscht hätte, wäre, etwas zu fühlen - nämlich Mitgefühl mit Charlie. Das war leider nicht der Fall.

Grüße von Perdita
 
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07.02.2016
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Hallo @Cinnaom Butler, Hallo NWZed,

eine Frage: Weshalb steht mein Kommentar jetzt zusammen mit deinem?

SCFuchs
 
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SCFuchs

Ich glaube, da ist mir beim Zusammenführen der Beiträge ein Fehler unterlaufen und ich habe deinen Post mit eingepackt.

Mea Culpa!
 

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