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Novelle Am Ufer

Seniors
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02.01.2011
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Am Ufer

Die geschwollene Lippe und der fingernagellange Riss unter dem rechten Auge seines großen Bruders waren nicht das, was den Jungen beunruhigte, als er den Schlüssel der Wohnungstür nach links drehte, die Tür einen Spaltbreit öffnete und Alex im gleißenden Licht des Flurs von einem Bein auf das andere treten sah.
»Mach auf«, sagte sein großer Bruder im Treppenhaus vor der Wohnungstür.
»Wie siehst ’n du aus?«
»Mach jetzt auf, Arschloch.«
Die Türkette war noch eingehakt. Das Weiß in Alexʼ Auge war blutunterlaufen, die Hände hatte er im blau-gelben Kapuzenpulli.
»Hast’ dich geklopft oder was?«, sagte der Junge, aber kaum hatte er ausgesprochen, kniff sein großer Bruder die Lippen zusammen und zischte: »Wenn du jetzt nicht aufmachst, dann –«
Er schloss die Tür, hakte die Kette aus, und als er den Griff wieder nach unten drückte, schob sich Alex schon an ihm vorbei.
»Mama is’ noch nich’ daheim«, sagte der Junge, aber da war Alex bereits um die Ecke in den Gang gebogen.

Sein großer Bruder stand vor der geöffneten Kühlschranktür und trank Multivitaminsaft aus einer der Zwei-Liter-PET-Flaschen, die Kapuze halb über den Kopf gezogen.
»Mama is’ noch nich’ daheim«, sagte er noch mal, sah Alex einige Sekunden lang beim Trinken zu und lehnte sich dann gegen die Wand.
»Weiß ich doch«, sagte sein großer Bruder, stellte die Flasche zurück in die Kühlschranktür, bückte sich und schob Lebensmittel in den Fächern hin und her. Drüben lief noch der Fernseher. Um diese Uhrzeit lief auf keinem Sender etwas, das ihn interessierte. Keine Trickserie und kein Animationsfilm, aber ihm fiel nichts anderes ein, was er ansonsten tun könnte. Früher hatten sie zusammen Playstation gespielt oder waren Gassi mit dem Hund gegangen. Es war seltsam, an den Hund zu denken.
Sein Bruder schloss die Kühlschranktür und riss mit den Zähnen die Plastikfolie von einer Scheibe Sandwich-Käse. Er hatte einen Bart bekommen; seltsam, seinen Bruder mit Bart zu sehen. Er hatte strohblondes Haar und einen rot-blonden, fleckigen Bartwuchs.
»Bist gewachsen, Kurzer«, sagte sein Bruder, biss in den Käse und grinste jetzt kurz. »Rainer wohnt noch hier?«
»M-mhm«, machte der Junge und fuhr sich durch die Haare. »Schon lang’ nich’ mehr. Mama is’ noch auf Arbeit«, sagte er.
»Weiß ich doch«, sagte sein großer Bruder, kam grinsend rüber zu ihm und tätschelte ihn gegen die Wange. »Kleiner Papagei, wadde?«
»Lass mich«, sagte er und drehte den Kopf beiseite.
»Oh-oh«, machte sein großer Bruder, ging einen Schritt zurück, kaute noch und hob beide Hände hoch. »Machst jetzt auf Harten oder was?« Er lachte, biss noch mal in den Käse und schüttelte schließlich den Kopf. »Komm«, sagte er, »jetzt sei nich’ gleich so ’ne Pussy.«
Sie waren früher oft mit dem Hund draußen gewesen, am Weiher gleich hinter dem Radweg bei den Tankstellen; Hektor, ihr schwarzer Dobermann. Wer hatte ihn noch gleich mitgebracht? Sein Bruder erzählte den Mädchen dort unten immer, Hektor sei ein ehemaliger Polizeihund. Er könne Drogen auf fünfhundert Meter riechen und sei suspendiert worden, weil er einem Unschuldigen das Gesicht vom Schädel gezogen hätte. Entweder kreischten die Mädchen angeekelt oder sie lachten wie Irre. Sie trugen enge, ausgewaschene Jeans, Bauchfrei, schmierten sich Lipgloss auf die Lippen und hielten Pall Malls oder Marlboros in ihren Händen, dort am Radweg hinter den Tankstellen, die kleine, bewachsene Klippe runter, »am Ufer«, wie sie es nannten, direkt in einer Böschung am Weiher. Der Dobermann war ein nervöser Hund, groß, sehnig, zu zweit konnten sie ihn kaum halten, wenn sie einen anderen Hund in weiter Ferne sahen. Der Dobermann hasste Menschenmengen. Den Wortlaut hatte der Junge im Ohr behalten: Wie sie die Böschung herunterkletterten, den Dobermann an der Leine, und sein Bruder diebisch grinsend sagte: »Er hasst Menschen.« Wenn ihre Mutter sie mit dem Hund rausschickte, gingen sie immer runter zum Ufer. Sie durchquerten die Siedlung, vorbei an Edeka und dem Behinderten-Heim, dann zehn Minuten die Landstraße entlang zu den Tankstellen, und dann beim Radweg zur Klippe und hinunter zwischen die Büsche und Bäume vor zum Wasser. Unten, im Geäst, drehte sich der Dobermann immer mit eingezogenem Schwanz im Kreis, jaulte und murrte, und der Junge saß neben ihm, in der Hocke oder auf einem der glitschigen Steine, mit der Leine in der Hand. Sein großer Bruder zehn, zwanzig Meter vor ihnen, »am Ufer«, mit den geschminkten Mädchen, den Zigaretten und den Energy-Drink-Dosen in den Händen. Ein paar Mal sah er seinen Bruder mit einem der Mädchen verschwinden, und als sie später wieder am Rand der Landstraße nach Hause liefen, rauchte sein Bruder ruhig lächelnd und sagte, wenn er tatsächlich mit ihm verwandt sei, würde er schon dahinter kommen, was dran wäre, an dieser Sache. Er sagte, ein Kerl würde nichts von der Welt verstehen, wenn er nicht auch etwas davon verstehen würde. Er sagte, es sei das Wichtigste und gleichzeitig das Unwichtigste, das es auf diesem verfickten Planeten gäbe, und wenn er tatsächlich mit ihm verwandt sei, würde er früher oder später verstehen, was er meine.

»Wo warst’n die ganze Zeit?«, sagte der Junge und steckte sich die Hände in die Hosentaschen, noch an der Küchenwand gelehnt. Oben links an der Decke, in der Ecke neben dem Tellerschrank und über dem Platz, an dem die Kaffeemaschine immer stand, war ein dunkler, grau-schwarzer Wasserfleck in die Tapete gezogen. Sein Bruder sah ihm in die Augen; es waren seine Augen, sein ausdrucksloser Blick. Die Stille, die ihn auf einmal durchfuhr und die sich zwischen sie stellte.
»In Reiterswiesen«, sagte er, »weißte doch.« Er aß die restliche Käsescheibe, dann leckte er sich schnell Zeigefinger und Daumen ab. »Komm«, sagte er und nickte in Richtung Wohnzimmer. »Lass lieber was fernsehen, solang’ ich noch da bin.«
»Aber die Mama kommt gleich«, sagte der Junge und sah auf die Digital-Anzeige seiner Armbanduhr.
»Wees ick, wees ick«, machte sein Bruder und fuchtelte mit der Hand Richtung Wohnzimmer.
Der Hund war mit einem Mann gegangen, der Jerôme hieß, aber nichts Französisches oder sonst Ausländisches an sich hatte. Er war ein weißer Deutscher, fast zwei Meter groß, mit rahmenloser Brille, halblangem, grau-schwarzem Haar und einer seltsamen Kerbe inmitten seiner linken Zeigefinger-Kuppe, die das Fleisch merkwürdig entzwei teilte. Als sie den Dobermann eines Tages zum Ufer führten, sagte Alex, es sähe aus wie ein Arsch. Er sagte: Fingerarsch, und sie hatten bis zum Ufer gelacht, und als er sich mit Hektor ins Geäst setzte und seinem großen Bruder weiter hinterher blickte, sah er ihn noch immer lachen. Später sagte sein großer Bruder, kleine Schlampen wie die am Weiher sollten ihre Fresse halten, wenn er lachen möchte. Er sagte, vor Schlampen sollte man nie zu viel lachen, weil sie dann das an einem verlören, was man vor einer Frau nie verlieren dürfe. Sie sagten Fingerarsch noch ein paar Mal, wenn Jerôme auf dem Sofa lag und fernsah, oder wenn sie alle am Klapptisch saßen und Toast-Hawaii oder einen der kleinen Kuchen von der Tankstelle aßen. Als Jerôme mit Hektor ein letztes Mal bei Fuß aus der Wohnungstür lief, drehte sich das Tier zu seinem Bruder und ihm um. Hektor lief zu ihnen und sie streichelten das Tier, und Alex ging in die Hocke, sah dem Hund grinsend in die Augen, fuhr über seine spitzen Ohren und sagte: »Er hasst Menschen.«
Es war eines der seltsamen, unausgesprochenen Dinge, die er zuerst aus der Erwachsenen-Welt seiner Mutter durchschaute: Dass immer er und Alex anwesend waren, wenn sie es den Männern sagte und wenn sie die Männer ihre Taschen und Koffer packen ließ. Er hatte noch ein paar Mal an den Dobermann gedacht, wenn er fernsah oder ziellos an der Landstraße auf und ab lief oder heimlich den Zaun am Behinderten-Heim hochkletterte und in eines der Fenster blickte. Aber schließlich verflüchtigte sich der Gedanke an das Tier, an sein Fell, an Fingerarsch und das schnappartige Jaulen, mit dem er sich immer im Kreis drehte und mit dem Kopf auf und ab wippte, dort unten, im Geäst beim Weiher.


~​


Sie saßen auf der Couch und sahen Takeshi’s Castle, gleich danach zwei Folgen Relict Hunter.
»Gleich müsste sie kommen«, sagte sein kleiner Bruder und sah auf die Armbanduhr.
»Ich weiß«, sagte er. Er hatte die Flasche Multivitaminsaft mit herübergenommen und nippte an ihr. Er hatte seine Kapuze abgenommen, den Pullover geöffnet. Seine Lippe und seine rechte Wange schmerzten furchtbar. Ein drückender, pochender Schmerz, der Riss unter seinem Auge brannte, blieb aber trocken. Er sah zu seinem kleinen Bruder und nippte wieder am Flaschenhals, roch den schweren Geruch der Wohnung, sah das kleine Cupboard, auf dem gerahmte Fotografien und ein Kaffeeservice standen. Er war sich nie sicher gewesen, ob sie wirklich Brüder waren. Er war strohblond und hellhäutig, sein kleiner Bruder feuerrot, lockig und mit hunderten Sommersprossen von Kinn bis Stirn. Er konnte sich nicht daran erinnern, seine Mutter jemals schwanger gesehen zu haben. Er erinnerte sich, schon als Kind darüber nachgedacht zu haben. Shaun war plötzlich da gewesen. Seine Mutter hatte einen Mann namens Alfer oder Alper kennengelernt, ein Albaner mit einem massiven, schwarzen Oberlippenbart und einer Halbglatze, über die er einzelne, lange Strähnen seines Seitenhaars kämmte. Alfer oder Alper saß abends stundenlang und oberkörperfrei mit der Lesebrille auf der Nasenspitze auf dem Sofa und spielte deutsche Gameboy-Spiele, von denen er kein Wort verstand. Alfer oder Alper war plötzlich mit seinen zwei Töchtern aufgetaucht, irgendwann im Hochsommer in seinem letzten Kindergarten-Jahr. Alfer holte ihn ein paar Mal vom Kindergarten ab, kochte gigantische, übersalzene Gerichte und war genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Das Nächste, an das sich Alex erinnerte, war sein Bruder, ein Kleinkind schon, ein, zwei Jahre alt, mit feuerrote Locken und Sommersprossen, auf dem Schoß seiner Mutter, als er von der Schule nach Hause kam, kein Jahr später.

Es war seltsam daran zu denken, wie es das erste Mal passiert war. Er nippte am Multivitaminsaft, lehnte sich zurück in die Polstergarnitur, sah auf den Fernseher und versuchte sich zu entspannen. Er sah rüber zu seinem Bruder, auf seine blaue, löchrige Jogginghose, die feuerroten Haare, die glubschigen, nervösen Kinderaugen. Shaun war jetzt vielleicht ein, zwei Jahre jünger als er damals gewesen war, als er das erste Mal von zu Hause abhaute – mit einem Mädchen namens Shanika, an das er sich nur noch schemenhaft erinnerte. Sie hatten zweimal miteinander geschlafen, als sie dachte, sie sei schwanger. Er hatte einfach seine Sachen gepackt. Er hatte einfach eine Plastiktasche voller Wäsche gepackt und war aus der Wohnung gegangen. Sein Bruder saß vor dem Fernseher und seine Mutter am Küchentisch, rauchend, mit der Lesebrille auf der Nase und eine ihrer Frauenzeitschriften vor sich ausgebreitet. Sie blickte kurz auf, sagte aber nichts. Er ging so, als ob er zum Weiher oder sonst wohin gehen würde. Er hatte zwei große Plastiktaschen mit Wäsche, Drahtzange und Taschenlampe bei sich. Vor der Sparkasse knackte er ein altes, lila Damenrad, dann fuhr er am Rand der Landstraße entlang bis zur Tankstelle. Shanika stand dort mit Sturzhelm und Sonnenbrille auf dem E-Bike ihres Vaters.
»So willst du abhauen?«, sagte er und lachte.
»Wenn ich schwanger bin«, sagte sie und zuckte mit den Schultern.
Er hielt es zwei Tage mit ihr aus. Sie fuhren über Feld- und Fahrradwege, und nachts schliefen sie in einem Hochsitz. Am nächsten Morgen begann er, sauer auf etwas zu sein, von dem er nicht wusste, was es war. Sie aßen Sandwiches, die sie mitgebracht hatte, und danach sagte sie: »Ich liebe dich.«
Er wusste nicht, weswegen er wütend war. Es war in ihm aufgestiegen, so als ob es schon lange zu ihm gehören würde. Sie lehnte sich an seine Schulter, und es war seltsam, aber als sie schließlich aufstanden, schlug er sie. Wenn er jetzt darüber nachdachte, schlug er sie nicht wirklich; er gab ihr mit der flachen Hand einen Klaps auf die Backe. Er wusste nicht, wieso er das tat. Er hatte nie gesehen, wie ein Mann eine Frau schlug, aber da war etwas in ihm, das es tat. Daraufhin fuhren sie zurück, bis weit in die Mittagshitze, sie zehn Meter vor ihm, er hinterher. In einer Bushaltestelle diskutierten sie Stunden, was mit dem Kind passieren solle. Schließlich fuhren sie jeder getrennt nach Hause, ohne etwas ausdiskutiert zu haben; und als er sie Wochen später wiedersah, war ihr Bauch so flach wie eh und je.

Er saß auf der Couch, mit der Fernbedienung in der Hand, und drückte die TIME-Taste. Es war jetzt fast achtzehn Stunden her. Er schaute wieder rüber zu seinem kleinen Bruder. Es war seltsam, was er getan hatte, und noch seltsamer, wie er sich dabei fühlte. Er war vollkommen ruhig. Er war so ruhig, wie er lange nicht gewesen war. Vorhin war da die Euphorie gewesen, etwas Lebendiges, Aufputschendes. Wann war er jemals so glücklich gewesen wie vorhin? Er hätte sich nie vorstellen können, dass man sich fühlen konnte wie vorhin. Er schwitzte nicht besonders. Er war etwas schläfrig und er hatte etwas Hunger, aber ansonsten fühlte er nichts.

Das zweite Mal, als er abhaute, war es anders. Es hatte mit einem Mann namens Nana zu tun, ein Schwarzer mit breiten Kieferknochen und noch breiteren Oberarmen. Als Kind hatte Nana eine Krankheit, die sein linkes Bein kürzer als sein rechtes wachsen ließ, weswegen er entweder mit dem linken Fuß auf Zehenspitzen ging, oder einen speziell angefertigten Schuh mit enormen Absätzen trug.
Er wusste nicht, was es war, aber vom ersten Augenblick an, als er Nana sah, hasste er ihn. Nana stand im Treppenhaus vor ihm, seine Mutter an seiner Seite eingehakt. Es war Herbst und sie trugen beide lange Mäntel. Nana hatte ein glattrasiertes Gesicht und einen glattrasierten Schädel. Nana schüttelte erst seine Hand, dann Shauns. Sie gingen in die Küche, setzten sich an den Tisch und warteten, dass die Pizza kam. Seine Mutter hatte bei einem Italiener in der Stadt bestellt, inklusive Anfahrtskosten. Sie hatte sich die Haare kunstvoll hochgesteckt und dezenten, dunklen Lippenstift aufgetragen. Sie roch gut und sie sah schlank, nervös und glücklich aus in ihrem schwarzen, luftigen Einteiler. Ihre Bewegungen waren langsam und geschmeidig und sie lachte viel und streifte sich dabei mit den Fingern durch die Haare. Sie saßen am Küchentisch und er konnte nicht aufhören, auf Nanas speziell angefertigten Schuh mit den hohen Absätzen zu starren. Nana trug ein weißes Hemd und schwarze, eng anliegende Jeans, und an seinem linken, kurzen Bein war der eigenartige, klumpige Schuh mit dem hohen Absatz und den Klettverschlüssen. Nana alberte mit Shaun herum, und immer, wenn Nana etwas sagte, wippte er aufgebracht mit dem kurzen Bein und dem speziellen Schuh herum.
Als die Pizza kam und alle mit lauten Ohs und Ahs ihre Kartons öffneten, stand Alex auf und ging in die Küche. Er war so wütend. Er hasste das alles so sehr. Er hasste Nana. Er hasste seinen Klumpfuß und seine glattrasierte Glatze. Er hasste seine Mutter und – auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte – auch seinen Bruder Shaun. Er hasste dieses ganze Leben. Er hasste diese Küche und er hasste diese Wohnung. Er ging zur Spüle, zog das Schubfach darunter hervor und nahm das Hackmesser mit dem großen Griff in die Hand. Er spürte, wie dieses Etwas in ihm aufstieg, als sei es schon immer er selbst gewesen. Er ging zurück in die Küche und stand einen langen Augenblick hinter Nana, starrte das kurze, wippende Bein und die glattrasierte Glatze an. Shaun saß am Tisch gegenüber und lachte sein Shaun-Lachen, die Augen weit nach oben in den Schädel gedreht und weiße Spucke in den Mundwinkeln. Als er ausholte und mit dem Hackmesser-Griff zuschlug, sprang seine Mutter kreischend auf, aber es dauerte keine zwei Sekunden, da lag der Hundertzwanzig-Kilo-Nana regungslos auf dem ausgeblichenen Linoleum-Boden.

Im Heim lernte er ein Mädchen mit einem Tattoo auf dem Hals und der linken Schläfe kennen. Er erzählte ihr von seinem Bruder Shaun und dass er den gewalttätigen Freund ihrer Mutter mit einem Schraubschlüssel niedergeknüppelt hätte. Die Haut des Mädchens war von einem feinen, weißen Flaum bedeckt, ihre Augen groß und blau und ihre Hände ganz knochig. Als er ein paar Mal mit ihr geschlafen hatte, glaubte sie, schwanger zu sein, und zu ihrer beider Erstaunen wuchs ihr einige Wochen später der Bauch stark an. Als er sie ein paar Mal geohrfeigt hatte, war da die merkwürdige Gewissheit in ihm, das Mädchen entweder irgendwann totzuschlagen oder so weit weg wie möglich zu fahren, weg von der Siedlung und dem Ufer und den Tankstellen, die alle nur zwei Orte entfernt lagen. Sie waren siebzehn Jahre alt. In ein paar Monaten würden sie beide ausziehen müssen. Manchmal, wenn sie sich küssten und danach in die Augen sahen, oder wenn sie besonders laut lachte oder ihm die falsche Limonade aus dem Automaten mitbrachte, stieg dieses Beben in ihm auf, sie zu ohrfeigen, sie zu beschimpfen, ihr an den Haaren zu ziehen. Was war das?

Als das Mädchen mit dem Tattoo auf dem Hals das Kind im Krankenhaus gebar, lag er auf einer blanken Matratze, die wiederum blank auf dem Linoleum-Boden ihrer ersten gemeinsamen Ein-Zimmer-Wohnung lag. Die Wohnung hatte eine Kochnische, einen kleinen, engen Gang, ein fensterloses Bad und ihr Schlaf- und Wohnzimmer. Er lag auf der Matratze und konnte die Augen kaum offen halten, so viel Tilidin hatte er geschluckt. Auf seinem linken Unterarm trug er ein schwarzes Tribal. Er starrte auf die Decke, die Lider schwer, und hörte die Nachbarn ein Stockwerk über ihm hin und her laufen, Stühle rücken. Er hatte das Handy auf dem Fußboden neben ihm klingeln und vibrieren hören, aber nicht reagiert.

Manchmal, wenn das Baby zu Hause ununterbrochen schrie, lief er einfach so durch die Siedlung, kaufte sich bei Rewe eine Dose Monster, setzte sich auf die Parkbank gegenüber und sah dem Treiben der Leute zu. Es war Juli, es dämmerte bereits und er sah den Mercedes am Straßenrand stehen. Das Seitenfenster war einen Spaltbreit offen, und er konnte seine Hände hindurch stecken, die Scheibe nach unten drücken. Er setzte sich in den Wagen, positionierte den Rückspiegel, brach die Seitenverkleidung des Lenkrads ab, zog die Drähte aus dem Schloss, hielt den roten an den schwarzen und fuhr anschließend hinauf bis in die Siedlung. Er lachte und grinste breit, als er fuhr. Sie wohnten nur einen Ort von seiner Mutter entfernt, aber die Straßen, Ampeln, Wohnblöcke, Pflanzen und Gerüche unterschieden sich nicht.

Er wusste, dass es ihm nicht schwerfallen würde, seine Freundin zu überreden, mitzufahren. Sie hatte eine Großmutter und eine Cousine hier im Ort, an denen sie hing. Mehrmals in der Woche wachte sie nachts schnaufend und schwitzend auf, setzte sich auf die Bettkante, heulte und rauchte zwei, drei Zigaretten, ehe sie sich wieder auf die Matratze legen und die Augen schließen konnte. Sie sagte, ihr Onkel hätte ihr die Tattoos gestochen, und ein Junge aus der Siedlung hätte ihr das andere angetan. Ein Türke. Alex rief sie mit dem Handy an, und anschließend saß er im Wagen am Straßenrand und wartete, ehe sie zehn, fünfzehn Minuten später mit drei Taschen und der Babyschale beladen durch die Dämmerung in seine Richtung hetzte.

Sie sagte, sie liebe den dichten, grünen Wald, den klaren See.
Sie legte die Babyschale mit dem Kind auf die Rückbank, zündete sich eine Zigarette an und stellte das Navigationssystem ihres Handys ein. Alex fuhr die halbe Nacht über Landstraßen und durch Dörfer, und am nächsten Morgen sahen sie die Sonne im Osten vor sich aufgehen, das Wasser in weiter Ferne groß und grün-blau glitzern. Das Baby in der Babyschale auf dem Rücksitz strampelte, heulte und schrie.
Er parkte den Wagen auf einem Rastplatz, von dem aus sie nur fünfzehn, zwanzig Minuten durch Weizenfelder, Wiesen und Dickicht vor zum Wasser brauchten. Sie ließen das Kind im Wagen und saßen den Nachmittag über mit ihren Toastbroten auf einem umgeknickten, moosbewachsenen Baumstamm, der zur Hälfte in den See reichte. Die meiste Zeit schwiegen sie, mit dem Vogelgezwitscher und dem Rascheln des Waldes hinter sich. Sie sahen Zander und Graskarpfen durch das Wasser unter ihren Füßen gleiten, und am anderen Ende des Sees, winzig und kaum hörbar, ein Badestrand, rote Tretboote und kreischende Kinder. Er hatte noch nie außerhalb des Fernsehens eine derart große Masse Wasser gesehen; er roch das Wasser: Algen, feuchte Erde; er sah seine glänzende Oberfläche bis zum Horizont reichen, hörte das Plätschern in der kleinen Bucht, in der sie saßen. Was gab es dort draußen noch alles, das er nie gesehen hatte? Was für ein Mensch war er?
Nachts gingen sie zurück zum Parkplatz. Als sie die Tür öffneten, schrie das Kind wieder, aber leise, erschöpft. Es hatte einen seltsam roten Kopf und war von Stirn bis zu den Füßen von glänzendem Schweiß bedeckt. Er lief auf dem Parkplatz auf und ab, rauchte, während sie sich um das Baby kümmerte. Anschließend legten sie die Babyschale auf den Fahrersitz, klappten die Rückbank nach hinten und breiteten ein paar Decken darauf aus. Später, als sie auf den Decken lagen, zog er erst ihre Unterwäsche aus, dann seine. Sie wehrte sich, und als er sie ohrfeigte, drehte sie den Kopf zur Seite und starrte aus dem Fenster. Er spürte, wie sie unter ihm verkrampfte, hörte ihr schnappartiges Schnaufen. Ihre Schwäche machte ihn so wütend. Links und rechts neben ihnen die hohen Lastzüge der LKWs. Durch die Windschutzscheibe das weiße Licht des Mondes und die blinkende Leuchtreklame des angrenzenden Rasthofs. Der Himmel olivschwarz. Als er in sie eindrang, ohrfeigte und würgte er sie. Adrenalin in seinem Körper, auch Ekel. Sie rührte sich nicht, während er sie fickte. Sie keuchte und stöhnte, und er spürte ihre Hitze, ihren kalten Schweiß, legte sein Gewicht auf ihren Hals und schlug sie mit der flachen Hand ins Gesicht. Er dachte an all das Wasser, an »das Ufer« und wie das Baby schrie. Ihr Ein-Zimmer-Apartement, die blank auf dem Boden liegende Matratze. Das Kindbett daneben. Wie unfair das alles war. Wie unfair das alles für ihn gelaufen ist. Nachdem er sie auf den Bauch gedreht, an den Haaren gepackt und eine Weile gegen die Rückbank gepresst hatte, kam es ihm. Er rollte sich zur Seite, auf den Rücken, atmete, schnaufte, fuhr sich durch das verschwitzte Haar. Sein Herz raste. Ihm war kotzübel. Er war wütend über etwas, das er nicht greifen konnte. Er spürte sie neben ihm zittern. Ihr Hyperventilieren. Sie rührte sich nicht. Sie lag da, zitterte und hyperventilierte, den Blick noch immer aus dem Fenster. Als ob sie es verdient hätte. Ihre Liebe, ihre Zutraulichkeit widerten ihn an.

Als er aufwachte, sah er sie mit ihrer aufgeklappten Puderdose in der Hand draußen neben dem Wagen stehen, sich im Seitenspiegel betrachten; ihr rotblond-gefärbtes, zum Dutt gebundenes Haar, der blaue Dunst der Zigarette, der zwischen ihren knochigen Fingern aufstieg. Ihr schmaler Körper, ihre dünnen, langen, weißen und tätowierten Arme. Die Babyschale mit dem nach oben stehenden Tragegriff auf dem Parkplatz-Asphalt neben ihr. Er öffnete die Hintertür, streckte die Beine aus dem Auto, fuhr sich durch das strohblonde, verwachsene Haar und zündete sich eine Zigarette an. Hitze stand im Wagen, die Sonne brannte vom Himmel. Sie liefen zur Raststätte, frühstückten, versorgten das Baby und tranken Booster-Energy, und anschließend legten sie die Babyschale mit dem Kind wieder auf die Rückbank und gingen zum See. Sie sagte nichts, die ganze Zeit über, und er begann ein paar Sätze, brach sie aber immer wieder ab.
Sie saßen in der Bucht, am Wasser, und rauchten. Er wusste, dass es falsch gewesen war, sie auf die Art zu ficken. Wie es der Junge getan hatte, aus ihrer Nachbarschaft. Er hätte nicht mit ihr hier her fahren sollen. Er hätte das Auto nicht knacken sollen. Es hatte nichts geändert. Nichts würde die Kraft haben, etwas zu ändern. Nichts würde die Kraft haben, ihn zu ändern. Er wusste, dass sie nicht mehr lange bei ihm bleiben würde. Er wusste, dass sie darüber nachdachte. Er wurde wütend, wenn er daran dachte. Er dachte an das Baby, wie es schrie. Was hatte er erwartet? Würde er jemals etwas anderes sehen, als diese Wohnungen, die Gänge, die Küchen? Er dachte, alles sei unfair für ihn verlaufen. In Gedanken gab er seiner Mutter an allem die Schuld. Er gab den Männern an allem die Schuld. Er gab der Welt und das, was andere die Gesellschaft nannten, an allem die Schuld. Ihr seid alle Fotzen, dachte er. Er sah die Weite des Sees und fühlte die Enge, die er seit jeher zu spüren glaubte.

Als sie später am Wagen ankamen, lag das Kind bewusstlos und mit einem dunkelroten Kopf in der Babyschale. Sie schnallte es ab, hob es aus dem Auto und schüttelte es. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. »Shit«, sagte sie, mit der Sonnenbrille auf, und sah Alex an.
Im Schatten hinter den Raststätten-Toiletten zog sie das Baby aus, legte es auf den Pflasterstein und schüttete Wasser aus einer ihrer großen PET-Flaschen über seinen Kopf und Bauch. Ein paar Sekunden später bewegte sich das Kind wieder leicht, ließ die Augen aber geschlossen und schrie nicht. Alex sah auf sie hinab. Er hasste dieses Mädchen so sehr. Er hasste das Kind so sehr. Er hasste das Gefühl, das er hatte, wenn er mit ihnen zusammen war. Wieso hatte sie sich nicht gewehrt? Wieso gab es dieses Kind? Ihr seid alles Fotzen, dachte er. Wie könnt ihr mich nur so verarschen. Er steckte sich eine neue Zigarette an, trippelte mit den Beinen herum und sah seiner Freundin zu, wie sie das Kind dort auf dem Pflasterstein trocken rieb und neu einkleidete. Er dachte daran, bis zu seinem Tod mit ihr und dem Kind verbunden sein zu müssen. Er wusste nicht, was er ändern könnte. Er hatte eine abgebrochene Maler-Ausbildung und eine Vorstrafe wegen versuchtem Totschlags. Er bekam keine Arbeit, und wenn, dann einfache Trage- und Hilfsarbeiten, Mindestlohn und Zehn-Stunden-Schichten. Entweder hörte er zu Hause das Kind schreien oder trug auf Baustellen Stahlgerüste, schaufelte Kies und Erde für kleine Landschaftsgärtnereien, um alles für ihre Miete, Essen, Tabak, Softdrinks und das Baby ausgeben zu müssen.
Ihr habt mich alle hier her gebracht, dachte er. Aber ihr wisst nicht, dass ich großartig bin.
Auf ihrem linken Oberarm trug sie ein großes, schwarzes Kreuz-Tattoo.
Er sah auf das Tattoo und grinste.
»Gott«, sagte er spöttisch.
»Was?«, fragte sie.
Er stellte sich vor, sie totzuschlagen, seine Freundin und ihr Kind. So wie er Nana damals fast totgeschlagen hätte. Sie und ihr Baby totschlagen, mit der Landschaftsgärtnerei ein Loch in einem fernen Garten graben, sie mit Erde zuschütten und mit einem gestohlenen Wagen so weit wie möglich wegfahren.
Das Meer sehen. Auf einem Schiff arbeiten, bis nach Japan fahren; Wasser, so weit sein Auge reichen würde.
Er rauchte und sie zog dem Baby das Oberteil über und sagte: »Darf ich mal Kippe ziehen?« Sie sah ihn nicht an, als sie das sagte; sie kniete noch dort auf dem Boden, zog das Shirt über den Kopf des Babys und hielt ihre Hand schließlich fordernd in Alex’ Richtung. Er spürte die Wut wieder in sich aufsteigen; sein Herz pumpte, das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Das Zittern seiner Hände. Wieso verpisste sie sich nicht endlich?
Gott, die Nutte, will sich über mich lustig machen; der Nutten-Gott hat mir das alles eingebrockt.
Als sie sich in der Hocke sitzend schließlich zu ihm umdrehte und: »Schatz?« sagte, holte er mit dem Fuß aus und trat ihr mit der Schuhsohle ins Gesicht. Sie fiel rücklings auf den Boden, neben das Baby, die Hand vor Nase und Mund. Das Baby schrie. Ihre Augen richteten sich gläsern und panisch auf ihn. Sie blickte sich kurz auf die Handfläche, sah all das Blut, das aus ihrer Nase strömte, und sah dann wieder zu ihm. Der vertrocknete, braune Rasen neben ihnen. Der Urin-Geruch der Rastplatz-Toiletten. Die drückende, schwere Hitze. Das Schreien des Kindes. Das Hupen eines LKWs ein paar hundert Meter entfernt von ihnen.

Als er am nächsten Morgen auf dem Beifahrersitz aufwachte, waren Anna und das Baby mitsamt der Babyschale verschwunden. Vielleicht hatte er sie nachts aussteigen hören und so getan, als ob er schlief. Vielleicht war sie zu einem der Trucker eingestiegen und schon längst in einer anderen Stadt, in einem fremden Land. Vielleicht war sie längst tot. Vielleicht saß sie gerade mit dem Kind in der Raststätte und wartete, dass ihre Großmutter sie abholen käme.
Er kurbelte das Fenster herunter, stieg vom Beifahrersitz auf den Fahrersitz und startete den Wagen. Sein ganzer Körper war verschwitzt, die Hitze schwer im Auto. Die Sonne prall vom ozeanblauen Himmel. Seine Blase drückte und sein Mund war trocken. Pall Malls und ein paar Euro-Stücke in seiner Hosentasche. Er startete den Wagen. Er wusste, dass es sinnlos war. Er legte den Rückwärtsgang ein, parkte aus und bog auf die Autobahn. Er wollte so lange geradeaus fahren, wie er konnte. Er wusste nicht, in welche Richtung er fuhr. Er dachte an das Meer, an eine Werft und an ein großes Container-Schiff, auf dem er anheuern würde. Er dachte an Japan, an die vielen Kung-Fu-Filme, die er sich mit Shaun im Fernsehen angesehen hatte. Er dachte an unendlich weites Wasser. Er dachte daran, wie er sie vergewaltigt hatte. Er wurde furchtbar wütend auf seine Mutter, kramte seine Zigarettenschachtel aus der Jeans-Tasche und steckte sich eine Kippe an. Die Fenster geöffnet, die Luft drückend in den Innenraum ziehend. Er dachte, dass Nana und seine Mutter schuld daran wären. Er dachte, dass Gott schuld daran wäre. Wieso hatte Gott ihn so scheiße behandelt?
Lutsch mir die Eichel, Gott.
Er folgte weiter der Autobahn, und der Durst, die Hitze und das Nikotin machten ihn müde, schwindelig.

Als der Motor eine Dreiviertelstunde später zu stottern begann, bog er auf den Standstreifen und zog die Handbremse. Er hatte kein Geld für Benzin. Er wusste nicht, wo der nächste Rasthof war. Wenn die Polizei käme, würde er festgenommen. Die Sonne stieg immer weiter den Himmel empor, die Hitze flimmerte vom Asphalt und ein LKW raste an ihm vorbei.

Er lief am Rand der Autobahn, hielt sich an der Leitplanke fest, rechts von ihm abfallend der verwilderte Graben. Dahinter Wiesen, brachliegende, braune Äcker, in weiter Ferne Windräder, die Silhouette einer versprengten Siedlung. Er war klatschnass geschwitzt und schnaufte, seine Arme und sein Gesicht aufgebrannt, und in der Hand trug er seinen blau-gelben Kapuzenpulli. Das Auto irgendwo weit hinter ihm, er hatte es schon fast vergessen. Keine Gedanken in seinem Kopf, nur die dröhnende Hitze auf und in ihm und das deutliche, klare Bild von Wasser in seiner Vorstellung.

Er legte mehrere Pausen unter dem Schatten von Bäumen und Brücken ein, die ihn auf seinem Weg neben der Leitplanke passierten, weil er befürchtete, ansonsten umzukippen. Wenn er die Augen offen hielt und geradeaus sah, schwankte alles. Seine Kehle so trocken, dass es schmerzte. Sein Magen leer und sein T-Shirt, seine Shorts und seine Socken komplett durchgeschwitzt. Seltsame Gedanken in seinem Kopf, und dann wieder keine. Immer wieder das Bild des am Kreuz hängenden Jesus und das Gesicht seiner Mutter vor Augen, und dann das Gefühl, über weite Wassermassen zu blicken, einen ganzen Ozean austrinken und in sich aufnehmen. Die Mädchen »am Ufer«. Seine Tochter, die er selten so nannte. Meterhohe LKW, die hupend und mit Luftzug an ihm vorbei rasten. Über allem die Sonne wie das wache, strafende Auge jener uralten, ersten Mutter, deren Kindeskind auch er war.

Seltsam, wie die Zeit in ihm verschwamm. Er hätte nicht sagen können, ob er zwei oder fünf Stunden in der Hitze neben der Leitplanke gelaufen war. Alles drehte sich in ihm, kalter Schweiß lag auf seinem Gesicht. Als er sich in den Schatten eines kleinen Gebüschs im Graben neben der Leitplanke legte, übergab er sich, und anschließend wurde ihm schwarz vor Augen. Er lag noch einige Zeit schnaufend und auf dem Rücken dort im Schatten, ehe er wieder aufstand, hoch zu der Leitplanke kletterte und weiterlief. Die Sonne heiß und brennend auf ihm, die Luft dick, schwer und voller Benzin. Nicht viel später sah er die Shell-Leuchtreklame eines Rasthofs fünfhundert Meter vor sich auftauchen.
Als er auf den Rasthof ging, schlenderte er über den Stellplatz für die LKW und schließlich über den der PKW. Eine Familie mit zwei kleinen, lachenden und kreischenden Kindern aß auf einer Holzbank ihr Vesper, der Kofferraum ihres Kombis stand offen. Als sie ihn an sich vorbeigehen sahen, verstummten die Kinder und blickten ihn mit großen Augen an.
Im Shop kaufte er sich für drei Euro eine kleine Flasche Coca Cola. Er dachte an den Gekreuzigten. Er sah Jesus vor seinen Augen. Er öffnete die Flasche an der Kasse und trank sie fast leer. Er ging durch die Schiebetür vor den Laden, setzte sich auf den Bordstein und trank den Rest in kleinen Schlucken, ließ die Flüssigkeit lange im Mund verweilen. Sein Hals war trotzdem trocken und brennend, der Schwindel und die Übelkeit nach wie vor in ihm, so wie die Hitze, die Sonne, die Gänge, seine Freundin, seine Tochter, seine Mutter und Shaun in ihm waren. Er stand auf, ging wieder durch die Schiebetür, zahlte am Drehkreuz zu den Toiletten mit seinem letzten Kleingeld und füllte am Waschbecken der Sanitär-Anlagen seine Flasche auf und trank sie mehrmals in großen Schlucken wieder leer.
Er lief auf den PKW-Parkplatz, aber nirgends konnte er die Familie finden. Er sprach einen Mann mittleren Alters an, mit silbernem Haar, Audi und Jackett, aber der schüttelte bloß den Kopf, stieg wieder in seinen Wagen und verriegelte die Türen. Alex stand einige Zeit in der brennenden Sonne am Bordstein, streckte den Daumen aus und sah Fahrzeuge an sich vorbeifahren. Er lief zu den Truckern und sprach vier, fünf vor ihren Führerhäuschen an, aber alle verweigerten ihm die Mitfahrt oder taten, als sprächen sie nicht genügend Deutsch. Er setzte sich mit ausgestrecktem Daumen an den Bordstein, wo die Fahrzeuge auf die Autobahn bogen, aber niemand hielt. Die Sonne heiß und brennend vom Himmel. Er fühlte sich müde, durstig und schwindelig. Die Plastikflasche hatte er fast geleert. Er sprach ein paar LKW-Fahrer an einer Holzbank an. Er sagte, er wolle nur weg von hier. Er sagte, er wolle in Richtung Küste. Sie besahen ihn kurz, dann schüttelten sie den Kopf und blickten weg von ihm. Er sah, dass einer der Männer ein goldenes Kreuz um den Hals trug. Er lief die vier, fünf abgestellten PKW auf und ab und suchte nach einem offenen Fenster oder einem steckenden Schlüssel. Er dachte nach, wie er weg von hier kommen könnte. Er dachte, zu Fuß würde er es nie weit schaffen. Er dachte daran, schwarz mit einem Zug zu fahren, aber er wusste nicht, wo ein Bahnhof sein sollte. Er legte sich auf eine Bank, in den Schatten, und atmete durch. Alles drehte sich in ihm. Er lief zu den LKW-Fahrern und einer reichte ihm eine halbvolle, lauwarme Flasche Coca Cola. Er setzte sich an die Ausfahrt auf den Bordstein und nahm ein paar Schlucke. Er saß dort zwei Stunden lang und streckte den Daumen aus, aber niemand hielt. Sein Durst war riesig, seine Kehle brennend trocken, seine Klamotten nassgeschwitzt an ihm klebend. Schwindel und Übelkeit in ihm. Er wusst nicht, was er tun sollte. Er wusste, dass er es ohne Flüssigkeit keinen Tag mehr in der Hitze aushalten würde. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Er hielt den Daumen ausgestreckt und sah die Fahrzeuge an ihm vorbeifahren.

Ein Shell-Mitarbeiter weckte ihn einige Stunden später auf. Alex lag neben seinem Erbrochenem auf dem Bordstein der Ausfahrt. Er musste eingeschlafen sein oder hatte sonstwie das Bewusstsein verloren. Sein Körper fühlte sich tonnenschwer an. Seine Kehle war so trocken, dass er keinen Ton herausbrachte. Alles war nass an ihm, und trotzdem war da all die Trockenheit. Wenn er aufstehen wollte, wurde ihm schwarz vor Augen. Er glaubte, sich ein weiteres Mal übergeben zu müssen. Er verstand nicht, was der Shell-Mitarbeiter sagte. Der Shell-Mitarbeiter kniete über ihm, zeigte mit der Hand in eine Richtung und blickte Alex dabei ins Gesicht.
Einige Minuten später sah er den Shell-Mitarbeiter aus dem Shop wieder zu ihm herüber hetzen, mit einer kleinen Flasche Fanta und einer Bäckertüte beladen. Der Shell-Mitarbeiter kniete sich zu ihm. Alex nahm die Flasche und trank ein paar Schlucke. All die dicke, heiße Sommerluft um ihn. Noch ein weiterer, grauhaariger und stark übergewichtiger Shell-Mitarbeiter tauchte über ihm auf, tupfte sich mit einem Papiertuch den Schweiß von der Stirn, fluchte und gestikulierte mit den Händen. Alex trank ein paar Schlucke und setzte sich schließlich auf. Für einen Augenblick war da etwas in ihm, das sich tot anfühlte; als sei dort in der Mitte seines Bauches ein großes Etwas – ein Organ – das da nun abgestorben verklumpen und in ihm hängen würde. Vielleicht hing auch der Gekreuzigte in ihm. Er fasste sich an den Bauch; er hatte fürchterliche Bauchschmerzen.
Er übergab sich noch mal und er wusste nicht, ob die dunkle Flüssigkeit, die aus ihm brach, Blut oder Coca Cola war.
»Wir haben den Krankenwagen gerufen«, sagte der jüngere Shell-Mitarbeiter und kniete neben ihm. Alex spülte sich den Mund mit Fanta aus und trank noch ein paar Schlucke von der Flasche. Er roch sein Erbrochenes. Er dachte an den Wagen und an Japan. Er dachte an seine Tochter, wie sie schrie. An die Dummheit seiner Freundin.
Er winkte ab und stand auf. Der adipöse, ältere Shell-Mitarbeiter sah ihn mit aufgerissenen Augen an und hielt ihn an der Schulter fest. »Bleib sitzen«, sagte er.
»Nein«, sagte Alex. Er trank noch einen Schluck Fanta und lief dann los. Der Adipöse wollte ihn festhalten, aber Alex schubste ihn im Gehen weg; schließlich ließ der Adipöse es sein. Alex hörte die beiden von der Stelle, an der er aufgewacht war, noch weitere Dinge ihm zurufen; schließlich kletterte er über die Hecke am Außenbereich der Tankstelle, und dann hörte er auch sie nicht mehr. Er blickte nicht zurück. Er hatte keinen Gedanken in seinem Kopf. Die Sonne brannte vom Himmel. Da war etwas in ihm. Er fühlte sich wie in einem seiner fiebrigen, tilidingeschwängerten Träume. Er lief durch eine hüfthohe Wiese, dann den sandigen Feldweg zwischen zwei braunen Äckern entlang. Er dachte wieder an die Siedlung, die er von der Autobahn aus gesehen hatte. Er dachte wieder an seine Tochter, an seine Mutter. Er spürte den Ozean in sich; das riesige Meer, die schiere Menge an Wasser, der schwankende Wellengang, der auch seinen Körper zum Schwanken brachte.

Nachdem er den Kamm des Ackers passiert hatte, führte der Feldweg bergab und schließlich in ein Waldstück. Er lehnte sich an den erstbesten Baum, den er im Schatten fand und setzte sich. Seine Füße, Arme, Beine, sein Bauch und sein Kopf drückten, zogen und pochten. Er kramte eine Zigarette aus seiner Hosentasche, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Kalter Schweiß auf seinem Gesicht. Er trank die Fanta-Flasche leer und warf sie neben sich. Er atmete durch und wurde ein klein wenig klarer im Kopf. Die Vögel zwitscherten. Das Laub im Geäst über ihm raschelte. Er dachte, er müsse schnellstens an Wasser kommen. Er dachte, er müsse schnellstens eine Ortschaft oder Siedlung finden. Er dachte das erste Mal daran, dass er an diesem oder dem kommenden Tag sterben könnte. Dass er vielleicht schon dabei war, zu sterben. Er zog sich am Baum hoch, stand eine Sekunde schwankend auf der Stelle und ging schließlich weiter. Er fasste sich an die Stirn und merkte, dass sie brannte.

Er folgte eine Dreiviertelstunden den Feldweg durch den Wald. Er kam in lichter werdenden Wald; und schließlich stand er in der Siedlung. Die Straße gebogen; links und rechts von ihr fünf, sechs Häuser: windschiefe, niedrige Dächer, Fachwerk. Der Geruch von Dung.
Er sah den Mann seltsam an seinem Gartenzaun lehnen. Der Mann hatte weißes, langes Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Auf dem Kopf trug er eine Schirmmütze aus durchsichtigem, rosa Plastik. Das Gesicht eingefallen und fahl.
Alex lief den Gehweg entlang. Der Alte hing mit den Armen über den Gartenzaun und besah ihn. Der Alte hatte einen wachen, scharfen Blick. Er spuckte auf den Boden. Als Alex fast vor ihm stand, sah er, dass der Mann im Rollstuhl saß. Seine Beine waren zwei Stümpfe, die wie Fäuste in abgeschnittenen Jeans aus seinem Becken standen. Der Alte saß in einem großen, zugewucherten Garten und lehnte mit den Armen über den Gartenzaun. Er spuckte auf den Boden.
»Haben Sie was zu Trinken?«, fragte Alex. »Ich verrecke gleich«, sagte er.
Der Blick des Alten glitt von Alex’ Stirn bis zu seinen Turnschuhen. »Schaust scheiße aus«, sagte der Alte. Er lispelte. In seinem Mund fehlten einige Backenzähne. Er spuckte wieder auf den Boden, besah Alex noch mal. »Schaust aus, als ob’s ’ne Straftat wäre, dich hier draußen verrecken zu lassen«, sagte der Alte.
Der Alte nickte vor zur Auffahrt; dann rutschte er zurück in seinen Rollstuhl, schob mit seinen Händen die Räder an und rollte über den Rasen vor zum Haus. An der Haustür drehte der Mann seinen Rollstuhl. »Zieh mich hoch«, sagte er.
Alex ging hinter den Rollstuhl, nahm die Griffe in die Hand und zog den Alten die drei Treppenstufen hoch zur Haustür.
Der Mann spuckte auf den Boden, drehte den Rollstuhl, öffnete die Fliegengittertür und rollte in den Gang. Alex trat über die Türschwelle, die Fliegengittertür in der Hand; der Hausflur war dunkel und angenehm kühl. Links und rechts an die Wände gelehnt standen hüfthohe Stapel an gebundenen Zeitschriften, Zeitungen und Kartons. Der Boden war mit okkerfarbenen Kacheln ausgelegt, wobei die einzelnen Platten vergilbt, schief und mit dicken Betonfugen angeordnet waren. Ein schwerer, erdiger Geruch hing im Haus. Die Küche bestand aus einer Spüle, die vollkommen mit Tellern und leeren Dosen gefüllt war, einer Arbeitsfläche, auf der benutzte Teller, Töpfe und Dosen gestapelt waren, und ein Holztisch mit Eckbank, der beinahe vollkommen mit Zeitschriften- und Zeitungsstapeln bedeckt war. Die Decke überspannte ein brunnengroßer, schwarzer Schimmelfleck. Über der Spüle hing ein bronzenes, großes Kruzifix. Der Alte saß im Rollstuhl am Spülbecken und füllte Wasser in eine Plastikflasche. Er drehte sich um und sah Alex in der Tür stehen.
»Hier«, sagte der Mann. Er reichte ihm die Flasche. Alex nahm sie, setzte den Verschluss an seine Lippen und trank in großen, kräftigen Zügen. Er stand da und trank die Flasche fast leer. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er ging in die Knie. Seine Ohren rauschten.
»Junge«, sagte der Alte. Der Alte saß jetzt vor ihm, die eine Hand auf das Knie gestützt, und glotzte ihn an. »Bist du im Eimer«, sagte der Alte.
Der Mann rollte zu einem der Schränke, bückte sich, öffnete die Tür und hielt eine Dose Baked Beans in der Hand. »Setz dich«, sagte er. Alex zog sich hoch, setzte sich auf die Eckbank und trank aus der Flasche. Sein ganzer Körper war schweißbedeckt. Seine Schläfen pochten. Seine Wangen und seine Stirn brannten und juckten. Die Müdigkeit hing so bleiern in seinen Augenlidern, dass er sie nur mit Kraft offen halten konnte. Alles drehte sich in ihm. Aber dann hörte er das Vogelgezwitscher. Er blickte hoch und sah, dass – im Raum verteilt – vier oder fünf Vogelkäfige oben auf den Küchenschränken und dem Kühlschrank standen. Wellensittiche flatterten darin, pfiffen.
»Iss das«, sagte der Alte. Sein Geruch – Schweiß, Erde, Urin und Bier – stieg Alex in die Nase. Der Alte schob ihm die aufgezogene Dose mit einem Löffel darin auf den Tisch. Alex sah, wie der Mann einen seiner Beinstümpfe bewegte. Dann aß Alex, langsam, Löffel für Löffel. Ihm war übel und schwindelig, aber die Bissen beruhigten seinen Magen.

Er wachte im Wohnzimmer des Alten auf. Alles war dunkel; nur der bläulich grauende Nachthimmel brach durch die Fenster. Der Raum war fünfzehn Quadratmeter groß, mit einem Röhrenfernseher an der einen Wand und der Ledercouch an der gegenüber liegenden. Dazwischen Stapel von Zeitungen und Zeitschriften, Kartons und ein Hundekorb.
Alex setzte sich. Sein Kopf stach so sehr. Ihm war so schwindelig. Wie war alles so weit gekommen? Er hasste Anna so sehr. Er hasste seine Mutter so sehr. Und er hasste Shaun. In Gedanken gab er ihnen die Schuld an allem; an seiner Ausweglosigkeit. Er wusste, dass er nie von Anna und dem Kind loskommen würde. Er müsste ihnen ein Leben lang Geld zahlen. Er müsste ein Leben lang buckeln. Steine schaufeln, die Schreie des Chefs. Er zündete sich eine Zigarette an. In Gedanken gab er seiner Mutter die Schuld an allem. Er gab den Männern die Schuld an allem; seinem Vater, den er nie kennenlernte, und Nana. Er gab die Schuld dem, was andere die Gesellschaft nannten. Er wusste, dass er sein Leben lang buckeln würde. Er wusste, dass er nie auf ein Schiff nach Japan anheuern würde; er hasste sich so sehr. Er hasste sich, weil er so dumm war. Alles war unfair für ihn verlaufen. Der Richter hatte ihn unfair behandelt. Die Erzieher im Heim hatten ihn unfair behandelt. Die Frauen hatten ihn unfair behandelt. Ganz besonders die Frauen. Er wurde so wütend, dass seine Hände zitterten; schließlich seine kompletten Unterarme. Er stand auf und ging hinüber in die Küche. Er schaltete das Licht ein. Er sah die Wellensittiche oben auf den Küchenschränken in ihren Käfigen sitzen, ihn ansehen, mit dem Gefieder flattern.
Wie konnten ihn alle so im Stich lassen? Alex atmete tief ein und aus. Das Herz trommelte in seiner Brust. Die Gedanken an seine Ausweglosigkeit. Als ob er Steine gefressen hätte. Seine Hände zitterten. Er hasste Anna so sehr. Er hasste das Kind so sehr.
Da war dieser Druck in seinem Brustkorb. Das Gefühl, zu platzen. Er lief in der Küche hin und her. Sein Herz raste. Müdigkeit und Scham lagen schwer wie Blei auf ihm. Er dachte, dass er durchdrehte, wenn er weiter die Küche auf und ab lief. Er ging zum Waschbecken, drehte das Wasser auf, hielt seinen Mund unter den Hahn und trank einige Sekunden wie ein Köter. Ich bin Abschaum, dachte er. Ich bin großartig, dachte er. Er wusste, dass er großartig war. Wie konnten alle sagen, er sei schlecht?
Seine Wut steigerte sich so sehr, dass er glaubte, sie nicht länger bescherrschen zu können. Er spürte, wie dieses Etwas in ihm aufstieg, Besitz von ihm ergriff.
Mutter, ich möchte dir mit meiner blanken Faust langsam und genüsslich jeden einzelnen deiner Zähne aus dem Mund schlagen. Ich möchte dir ein Gummiband um den Hals knoten und daran ziehen, um zu sehen, wie du spuckst und Angst vor mir kriegst.
Er ging durch die Küchentür, stand einen Moment im Gang; Stille lag in der Nacht. Er stellte sich vor, wie das Etwas dort in der Küche, als er keuchend hin und her gelaufen war, von der Mitte seines Bauchraumes angewachsen war, immer größere Teile seines Körpers eingenommen hatte und sich ihn – Alex – wie eine Puppe vollständige übergestreift hätte. Wie eine Hand, die in einen Handschuh gleitet. Er liebte es, sich so etwas vorzustellen. Er liebte es auch, sich vorzustellen, er sei der Sohn Gottes. Er schnaufte und trat vom Gang auf die ersten Stufen der betonernen Treppe, die in den ersten Stock führte. Mit jedem Schritt spürte er so etwas wie einen frischen Wind in sein Wesen ziehen. Sein Bauch kribbelte. Einen Augenblick wurde ihm speiübel, dann fühlte er große Verknalltheit; woher kam das?
Er ging die Treppenstufen hinauf. Er ging langsam, Schritt für Schritt, schleppend. Seine Hände und Beine zitterten. Die Haut seines Gesichtes, seiner Arme und seines Bauchraumes prickelten. Er schloss die Augen und sah grenzenlose See vor sich. Azurblau. Er roch Staub, nassen Stein und Schimmel. Auf eine seltsame Art befahl ihm das Etwas, dort hoch zu gehen. War er der Sohn Gottes? Er wusste, dass er großartig war. Er wusste, dass sich sogar Gott vor ihm fürchtete. Er wusste, dass er wollte, dass Gott ihm den Schwanz lutschte. Er wollte in Gottes Mund pissen. Er wollte Gott an den Haaren ziehen, ihm seinen Mund ficken.
Er öffnete die Holztür. Schweiß-, Urin- und der Geruch von nasser Katze standen im Zimmer. In der Mitte lag friedlich der Alte, mit dem Hinterkopf zu Alex, die Arme ausgestreckt, die Bettdecke halb zerrissen seinen Körper bedeckend. Der Mond brach schwach durch die herunterhängende Jalousien. Der Boden voller Pappkartons und Stapeln an Klamotten. Alex lief vorsichtig über den Teppichboden. Er hörte den Atem des Alten; er sah seine nackten Beinstümpfe, seinen blanken, behaarten Rücken; den silbernen Pferdeschwanz auf dem Hinterkopf verknotet. Als er den Alten ansah, wusste er, was er tun würde. Beim Gedanken, den Alten totzumachen, stieg das Gefühl grenzenloser Freiheit in ihm auf. Als ob er all die Dinge, die er getan hatte, nie getan hätte. Als ob er tun und lassen könnte, was er wollte. Als ob er ungestraft seiner Natur folgen könnte.
Er drehte sich um, öffnete die Türen des massiven Eichenschranks. Mit jeder Bewegung, die er tat, stieg das Gefühl des Davonfliegens an. Das Gefühl, abseits der Gesellschaft zu stehen. Das Gefühl, Gott und alle Menschen hinter sich zu lassen; über ihnen zu stehen. Gott tot zu machen. Wer war Gott, wenn er ihn nicht aufhalten konnte? Gott war eine Nutte. Eine kleine Schlampe. Gott war machtlos gegenüber ihn. Er sah vor seinem inneren Auge die Welt von oben wie in einem Heißluftballon, und Gott über den Wolken sitzen. Er sah es von oben, er sah sich darüber hinweg fliegen.
Er zog einen Ledergürtel von der Stange. Alles vibrierte in ihm.
Du kannst mir nichts sagen, Gott.
Er begann, unweigerlich einen Moment lautlos loszuprusten. Er drehte sich um, ging über den Teppichboden bis vor das Bett des Alten. Mit jedem Schritt wurde die Aufregung, das Kribbeln, das Gefühl der Übelkeit und auch das des Schwebens, des Losgelöstseins, des sich von allem Entfernens, des Übergottstehens, größer.
Er stieg vorsichtig mit den Knien auf die Matratze des Alten. Er sank ein wenig in das Polster ein. Der Rücken des Alten hob und senkte sich im Atemrhythmus. Stille umgab ihn. Stille zog in Alex ein, und für einen Moment dachte er darüber nach, die Treppe wieder nach unten zu gehen, eine Kleinigkeit zu essen und das Haus in Richtung Autobahn zu verlassen.
Aber der Gedanke an die Unfreiheit, an die Schwere, die Wut und die Ungerechtigkeit, die ihm überall widerfahren war und widerfahren würde, und die er dort draußen spüren würde, hielten ihn davon ab.
Wut brach in ihm aus; das Etwas, das Besitz von ihm ergriffen hatte, bewegte seine Knie und rutschte ihn unter die Beinstümpfen des Alten. Alex atmete langsam, tief und bewusst. Jeder Atemzug befreite und beruhigte ihn. Jede Handlung war heilig. Jede Handlung war Teil des Rituals. Er sprang in einen kalten See. Derjenige, der über Leben und Tod entschied, war Gott. Es gab kein Gesetz über ihm.
Er schloss die Augen und sah sich über den Baumkronen des Waldes schweben. Er öffnete die Augen wieder, rutschte mit den Knien die Matratze entlang, sodass er direkt auf dem Rücken des Alten saß.
Siehst du mich, Gott?
Aber Gott tat nichts.
Da war nichts, was über ihm stand.
Tu es doch, dachte er.
Aber da war nur Stille.
Ich wusste es, dachte er.
Derjenige, der über Leben und Tod entschied, war Gott.
Das Gesetz der Menschen war eine Erfindung. Von Hurensöhnen. Ihre Regeln und Urteile waren Fiktion.
Er atmete tief und langsam ein und aus, meditativ. Er wollte jede Kleinigkeit genießen, sich später an jedes Detail erinnern. Vielleicht darauf wichsen. Er nahm das lederne Ende des Gürtels, fuhr mit den Fingerkuppen darüber. Er streckte die Zunge aus und leckte über das lederne Ende des Gürtels, vor und zurück, ließ den Geschmack des Leders in den Gaumen ziehen. Er atmete tief ein und aus. Er legte das lederne Ende des Gürtels vorsichtig an den Hals des Alten. Alexʼ Hände und Arme zitterten. Er wusste nicht, was er tat. Aber er wusste genau, was er tat. Er fühlte sich wie in einem seiner tilidingeschwängerten Träume. Alles kam ihm unreal, aber großartig vor. Ich bin großartig, dachte er. Er grinste einen Moment. Sein Herz pochte. Seine Haut kribbelte. Ich bin großartig, dachte er. Er spürte, wie Gott ihm unterstand.
Gott ist meine Hure.
Wie Gott ihn nicht mehr erreichen konnte; wie er mächtiger wurde als Gott. Sein Mund war staubtrocken. Er befeuchtete seine Lippen. Er wollte jede Handlung so lange wie möglich hinauszögern. Er wollte es genießen; wie ein gutes Essen oder eine Vergewaltigung. Er durfte alles tun, was er wollte. Wie die Ozeane, gab es keine Richter über ihm.
Er schob den Gürtel unter den Hals des Typen. Der Alte hustete laut auf, drehte den Kopf und öffnete die Augen. Alex nahm das Lederende auf der anderen Seite des Halses und führte es durch die Gürtelschnalle. Langsam und bestimmt. Wie er ein Kondom über seinen Schwanz zog. Das Große Etwas in ihm vibrierte. Ein elektrisierendes Gefühl, das er als Gotteskraft einordnete, strahlte durch seinen Körper. Er hielt mit der Linken die Gürtelschnalle, mit der Rechten wickelte er sich den Lederriemen um die Hand. Er begann, mit leichter Kraft daran zu ziehen.
Der Alte murrte laut, drehte den Kopf bis zum Anschlag, stützte sich mit der Hand ab und versuchte, sich auf den Rücken zu rollen.
»Du Köter«, sagte Alex. Er saß mit ganzem Gewicht auf dem Rücken des Alten. Er sagte es laut und bestimmt, wie es ihm gefiel. Da war kein Richter über ihm. Er war der Richter. Er war das Schwert, der Zeuger und Zerstörer alles Lebenden. Wie es ihm beliebte. Das großartige Gefühl durchstrahlte seinen Körper. Das Übergottstehende durchstrahlte seinen Körper. Das Etwas in ihm war etwas Großartiges. Er war großartig. Er hatte immer gewusst, wie besonders er war. Er befeuchtete sich die Lippen. Er wickelte den Lederriemen ein weiteres Mal um seine Hand, drückte mit der Linken gegen die Gürtelschnalle und zog etwas fester am Riemen. Er schnaufte, die angespannte Muskulatur seiner Arme zitterte. Der Alte versuchte sich zu wälzen, er röchelte. Der Alte bewegte sich wie ein Blinder, wie ein Ertrinkender. Alex biss die Zähne zusammen, zog am Riemen und drückte auf die Gürtelschnalle.
»Du Fotze«, sagte Alex.
Die große körperliche Anstrengung des Ziehens und Drückens führte dazu, dass Alex plötzlich große Angst durchfuhr; er dachte daran, was ihm bevorstünde, wenn er geschnappt würde; er zog fester am Riemen, verlagerte sein Gewicht nach vorne und presste die Lippen aufeinander. Der Alte stützte sich mit einer Hand auf der Matratze ab, versuchte, sich auf den Rücken zu wälzen und atmete tief, brüllend und röchelnd ein und aus. Der Alte fasste mit der Linken hinter sich, packte Alexʼ Arm, zog und kratzte panisch daran.
Je fester Alex zudrückte und zog, desto mehr fiel Alexʼ Aggression, seine Niedergeschlagenheit, seine Rastlosigkeit und das Gefühl, versagt zu haben, von ihm ab. Je mehr er den Alten strangulierte, desto mehr war das Etwas in ihm; das Etwas, das er selbst war. Das Übergöttliche. Auf eine seltsame Art wartete Alex auf das Eingreifen Gottes; aber da war kein Gott. Je mehr er den Alten strangulierte, desto mehr entfernte Alex sich von der Welt. Desto mehr sah er sich wie in einem Heißluftballon über die Baumkronen des Waldes schweben. Das Prickeln durchfuhr seinen Körper. Der Alte packte ihn mit der Rechten am Arm; er bohrte die Fingernägel in sein Fleisch. Der Alte atmete tief und röchelnd ein und aus.
»Du Köter«, sagte Alex. Wut stieg wieder in Alex auf; er wurde so wütend, dass seine Hände und Arme fast fuchtelnd zitterten. Er wusste, dass er es zu Ende bringen musste. Dieses Etwas in ihm flackerte, wie eine von Wind gepeitschte Flamme. Du musst es zu Ende bringen, sagte es. Du bist großartig, sagte es. Wer will dir im Weg stehen, wenn nicht einmal Gott es kann? Er war der Zerstörer des Gesetzes. Nicht einmal Gott war so frei wie er. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Niemand würde ihn kriegen. Er war großartig.
Der Alte ließ von seinem Arm ab, stemmte seine Hand auf die Matratze und versuchte sich wieder auf den Rücken zu rollen.
»Du Köter«, sagte Alex. Er beugte sich so über den Alten, dass sein komplettes Körpergewicht auf ihm lag. Der Alte schlug mit einer Handbewegung nach hinten und erwischte Alex mit der Kralle am Auge.
Da war nichts außer ihm und dem Alten.
Alexʼ Hände waren taub, angeschwollen und zitterten wie irre; Schweiß lief ihm kitzelnd die Schläfen, den Rücken und Brustkorb hinab; Alex musste schwer atmen, um den Alten unter sich zu halten. Er war wie ein Charro, der auf dem Gottseeligen ritt. Er war wie Kain, der auf Abel schlug.
»Mein ist die Kraft«, sagte er.
Er wusste nicht, wieso er das sagte.
Er war erstaunt, wie lange der Alte unter ihm durchhielt; wie viel Kraft der Alte besaß. Er redete sich ein, stärker als der Alte zu sein. Der Gedanke, den Zweikampf gegen den Alten zu verlieren und dem Alten unterliegen zu können, nahm Alex das großartige Gefühl, über den Dingen zu stehen. Für einen Augenblick sah er die Möglichkeit, selbst im Kampf gegen den Alten zu sterben. Der Gedanke, sein eigenes Leben hierbei zu verlieren, bereitete ihm einen neuen Schub des elektrisierenden, belebenden Gefühls.
»Mein ist die Kraft«, sagte Alex. Das Übergöttliche durchfuhr ihn. Auf dem Alten zu sitzen und ihn mit dem Ledergürtel zu würgen war wie die blutige Geburt der Jungfrau Maria.
»Du Schwein«, sagte Alex. Er wickelte den Ledergürtel ein weiteres Mal um seine Hand, stellte seinen linken Fuß auf die Matratze und zog mit aller Kraft am Riemen, während er mit der anderen Hand auf die Gürtelschnalle drückte. Er schnaufte so stark, dass er kaum mehr Luft bekam. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde ihm schwarz vor Augen. Kalter Schweiß lag auf seinem Gesicht, seinen Armen, Händen und seinem Brustkorb.
Der Alte röchelte, schlug und kratzte mit den Händen hinter seinen Rücken. Er traf Alexʼ Bein und Unterbauch.
Schließlich – nach zwanzig oder dreißig Sekunden – entfuhr dem Alten ein gurgelndes Röcheln, gefolgt von einem Zucken; der Alte zog die Arme auf der Matratze auf Kopfhöhe; schließlich zuckte der Alte; einmal, zweimal; dreimal: Als ob er sich erschrecken würde. Röcheln drang aus seinem Mund. Jede Spannung fiel aus dem Körper des Mannes. Der Alte blieb wie eine Puppe mit verdrehten Gliedmaßen auf der Matratze liegen, die Arme krumm von sich gestreckt, den Kopf unnatürlich mit dem Gesicht ins Polster vergraben.
Alex saß auf ihm. Einen langen Moment – vielleicht vierzig oder fünfzig Sekunden – strangulierte er den Mann weiter mit dem Gürtel. Alex blies vor Anstrengung die Backen dick und pustete Luft aus, schnappte nach Sauerstoff. Nie hätte er gedacht, dass es so anstrengend wäre, einen Menschen auf die Art totzumachen.
Er ließ den Gürtel los. Er atmete schnell, tief und schnappend ein und aus. Das elektrisierende, aufputschende Gefühl durchfuhr ihn. Er dachte: Ich bin größer als Gott. Er dachte: Ich bin dein Gott. Er spürte, dass er in Freiheit war. Dass das Etwas, das ihn gepackt hatte, seinen übergroßen Hunger gestillt hatte.
Sein Herz pumpte. Er rollte vom Alten. Er lag rücklings auf der Matratze neben dem Mann; Alex keuchte vor Anstrengung – seine Hände und Arme taub, Schweißperlen rannen seine Stirn, seine Wangen, seinen Hals und seine Arme hinab. Er hatte ein Tier erlegt. Er war ein Jäger, der ein Mammut erlegt hatte. Er war der Gott der Bäume. Er war der römische Legionär, der Gott – zu Fleisch geworden – voller Lust ans Kreuz nagelte. Er sah den Ozean; er sah die Weite und Stille, spürte die Kühle der endlosen Menge Wasser auf seiner Gesichtshaut. Er spürte, wie Gott nicht mehr an ihn heran kam. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Da war niemand über ihm; bei dieser Erkenntnis lachte Alex laut los. Er streifte sich mit den Handflächen über das Gesicht, durch das strohblonde Haar. Er war Gott. Sein Gesicht voller entzündeter Aknepusteln.
Er sah zum Alten; der lag regungslos mit dem Gesicht in der Matratze vergraben neben ihm; die Arme verrenkt über sich gestreckt. Alex roch den Schweiß-, Urin-, Erd- und Blutgeruch des Alten. Er vermutete, dass beim Strangulieren Blut aus dem Mund oder den Schürfungen des Alten gekommen sei.
Alex wischte sich mit den Händen den Schweiß aus dem Gesicht. Er keuchte. Er lächelte. Er streckte die Hände aus und betrachtete seine Handflächen. Das Blut des Risses unter seinem Auge klebte kirschrot an seinen langen, knochigen Fingern und dem Handteller.
Alex schloss die Augen. Er sah sich über die Baumkronen des Waldes schweben. Tiere sangen und Menschen beteten zu ihm. Der Gedanke, jedes Menschen- und Tierleben vernichten, quälen, verletzen oder misshandeln zu können, nach jeder Laune, die er hatte, ohne jemals irgendeine Konsequenz ertragen zu müssen, erlöste und beruhigte Alex auf eine grundlegende, unerklärliche Art. Er atmete tief und genüsslich ein und aus. Er lachte wieder. Etwas Unglaubliches war von ihm abgefallen. Alex lag dort, auf der Matratze, lächelnd, mit geschlossenen Augen, schob sich die Hände unter den Kopf. Adrenalin raste durch seine Venen. Die große, körperliche Anstrengung, die hinter ihm lag. All die Schwere, die wie Bleikugeln in seinem Inneren gelegen waren – seine Mutter, sein Vater, Shaun, Anna, das Kind; das bösartige Etwas in ihm; die Gänge, die Sozialbauwohnungen – waren nicht mehr Teil seiner selbst. Diese Dinge lagen im Wald unter ihm, über den er schwebte. Der Raum, in den er durch das Strangulieren und Hinrichten des Alten transzendiert war, lag abseits der Gesellschaft, abseits von allem. Er spürte, wie er sich in diesem neuen, abseitigen Raum befand. Nicht einmal Gott konnte ihn dort greifen. Dort, in diesem Raum, war er eine Person, dessen Kern warm, schwingend und vibrierend mit seiner innersten Natur harmonierte. Er lag auf der Matratze und lächelte. Er konnte tun und lassen, was er wollte, dort, im Raum neben der Gesellschaft. Er wusste, dass er mächtiger war als Gott. Er wusste, dass sich sogar Gott vor ihm fürchtete. Er fühlte sich unangreifbar und vollständig.
Mit 27 Jahren, nach den 23 Morden, die er noch verüben sollte, würde Alex einem Focus-Reporter erzählen, dass er in jenem Moment – dort schnaufend und schwitzend auf der Matratze neben dem Mann ohne Beine – das erste Mal das rauschhafte Gefühl von absoluter Freiheit empfunden hatte; dass er sich in diesem Moment das erste Mal so nah bei seiner innersten Natur fühlte, dass selbst Gott nicht freier und befriedigter war als er.

Alex setzte sich an den Rand der Matratze, streifte sich durch die Haare. Er stand auf, lief die Treppenstufen hinunter ins Erdgeschoss, ging in die Küche. Es war wie Sex. Roh, hart und brutal. Wie er es immer wollte. Er öffnete die Kühlschranktür, nahm sich aus dem Fach eine Packung Milch, öffnete den Drehverschluss, roch hinein und trank anschließend tiefe Schlucke. Als er die Milchpackung absetzte, wischte er sich mit der Hand über den Mund. Er blickte durch das Fenster. Der Morgen graute, ein azurblauer Himmel färbte sich aus dem Schwarz der Nacht über den Baumkronen des angrenzenden Waldes.
Er schloss den Kühlschrank, lief durch die Küche und öffnete eine Schranktür nach der anderen. Schließlich griff er im Fach oberhalb der Spüle nach einer Dose Thunfisch. Die Wellensittiche in den Käfigen auf den Schränken und dem Kühlschrank bewegten ihr Gefieder; er hörte ihre Krallen über den Sandboden tappen und ihre Schnäbel ins Käfiggitter beißen. Ein oder zwei Vögel piepsten. Durch den Zugring der Thunfischdose steckte er seinen Finger, öffnete den Verschluss. Er sah hinauf zu den Vögeln. »Pieps pieps«, sagte er. Er aß die Fischstücke hastig und schlingend, mit den Fingern, im Stehen. Er sah hoch zu den Wellensittichen. »Ihr Fotzen«, sagte er.
Er schob einen Stuhl an den Kühlschrank, stieg darauf, griff in die Thunfischdose, pulte ein paar Stücke Fisch heraus und drückte sie durch das Käfiggitter. Er fühlte sich, als sei ein großer Druck von ihm gefallen. Zu seinem Erstaunen spürte er keine Reue. Wann hatte er sich jemals so ausgelassen gefühlt? Er überlegte, noch einmal hoch zu dem Alten zu gehen, um ihn sich anzusehen.
Er stieg vom Stuhl, ging zum Waschbecken und trank wie ein Köter aus der Leitung. Er fühlte etwas Großes in sich. Es machte ihn glücklich, zu wissen, dass er großartig war. Seine Ohren rauschten. Er streckte sich. Er war so müde. Er hatte das seltsame Verlangen zu tanzen. Im Heim hatte er einen Tanzkurs besucht, in dem er mit Anna und ihren Freundinnen RockʼnʼRoll, Walzer und Two Step getanzt hatte.
»Pieps pieps«, sagte er. Die Wellensittiche piepsten, lugten ihn an. Was für ein großartiger Tag, dachte er.

Im Geräteschuppen des Alten fand er ein altes Rennrad an der Wand hängen; auf den Gepäckträger schnallte er seinen blau-gelben Kapuzenpulli, schob das Rad im Morgengrauen auf die mit Schlaglöchern und Erdklumpen übersäte Hauptstraße, blickte nicht zum Haus zurück, streifte sich durch das blonde, verwachsene Haar, zog Schleim aus dem hinteren Teil seines Rachens, rotzte auf die Straße und fuhr los.


~​


Shaun schlief, zusammengekauert in der Couchecke, in seiner löchrigen Jogginghose und dem weiten, ausgeblichenen EA-Games-T-Shirt. Sein Mund stand leicht geöffnet; weiße Flaumhärchen auf seinen Wangen, seiner Stirn. Hunderte Sommersprossen punktierten sein Gesicht vom Kinn bis zur Stirn, wie ein Ausschlag, eine Krankheit. Seine Haare standen fettig und ungeschnitten vom Kopf ab.
Der Röhrenfernseher lief. Irgendeine Quizshow. Alex hielt die Fernbedienung in der Hand; die geilen Weiber, die in kurzen, grellen Röcken neben dem Moderator standen. Was interessierte ihn, Alex? Nichts interessierte ihn. Er gähnte. In der Hand hielt er eine Dose Ja!-Colamix.
Er fühlte sich so zufrieden. Er streckte sich, griff in seine Hosentasche und zündete sich eine weitere Pall Mall an.
Er war so ruhig. Er war so ausgeglichen. Das Strangulieren und Hinrichten war wie ein neues Hobby, das Alex für sich entdeckt hatte. Er genoss den Gedanken, in ein paar Tagen – wenn es ihm beliebte – über ein erneutes Töten nachzudenken. Er dachte an das rauschhafte, mächtige Gefühl, das er beim Strangulieren und Hinrichten des Alten hatte; das Nachgefühl dieser Welle vibrierte noch in seinem Körper. Allein der Gedanke an ein erneutes Töten trat das euphorisierende, übergottstehende Gefühl in ihm los.
Er zog an der Zigarette, lächelte. Das Strangulieren und Hinrichten war wie das beste Videogame, das er je gespielt hatte. Er fühlte keine Reue. Kein schlechtes Gewissen. Beim Gedanken an das Töten eines anderen Menschen – vielleicht Shaun? Vielleicht seine Mutter? Vielleicht Anna, ihre Cousine oder das Kind? – empfand er das triumphale, großartige Gefühl, über den Dingen zu stehen; etwas Besonderes zu sein; etwas, an das andere nie heran kommen würden; etwas, das andere vielleicht nie verstehen könnten. Er wusste, dass er besser war als andere. Er war hässlich und er war dumm. Am Montag würde er sich wieder einen Job suchen. Er würde Stahlgerüste aufbauen, Kies schaufeln oder eine der dummen Programme des Jobcenters mitmachen. Er würde in irgendeinem nach Schimmel stinkenden, fensterlosen Raum sitzen und Teile zusammenkleben.
Aber er hätte das Töten. Er würde sich eine dumme Schlampe oder einen netten Azubi greifen. Vielleicht auch einen Wichser von Kapo. Er würde sich genüsslich überlegen, wie und wann er ihn totmachen würde. Er würde sich das Totmachen wieder und wieder vorstellen, würde sich jedes Detail vor dem Schlafengehen vorstellen: das Greifen, das Würgen. Vielleicht würde er darauf wichsen. Immer wieder. Er würde sich das Totmachen wieder und wieder vorstellen – so lange, bis er es nicht mehr aushalten würde; so lange, bis der Druck zu groß werden würde. Wie bei einem Orgasmus würde er den äußersten Punkt hinauszögern, um die großmöglichste Lust daraus zu ziehen. Er würde das elektrisierende, übergottstehende Gefühl und den Abfall eines jeden Druckes, dieses grenzenlose, großartige Gefühl, wieder und wieder haben wollen.
Vielleicht würde er ein Kind auf der Straße mit dem Schulranzen nach Hause gehen sehen und es spontan totmachen. Er hätte den Alten gerne gefickt, als er ihn strangulierte. Er dachte, dass er als Nächstes eine Tussi totmachen und sie davor ficken würde. Vielleicht würde er auch Shaun ficken. Und totmachen. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Er war der König der Bäume.
Alex lächelte, zog an der Zigarette, sah auf den blau, gelb, rot und schwarz flimmernden Röhrenfernseher und strich sich durch das gelbe, fettige Haar.

 
Monster-WG
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Hallo @zigga

Uff! Das ist echt harter Tobak. Hab Deine Geschichte während dem Frühstück gelesen :D Was für ein krasser Text. Du hast mit Deinen Worten so viele Emotionen bei mir geweckt. Da ging das Gedankenkarussell während des Lesens echt rund. Ich hasse Deinen Prota! Aber sowas von. Er widert mich an. Du bist so in die Tiefe gegangen, hast mich so nah bei ihm sein lassen. Uff! Heftig. Teilweise hab ich immer wieder überlegt, ob ich abbreche, aber da war ich so im Sog, ging einfach nicht. Eigentlich möchte man sich in so einen Menschen nicht hineinfühlen. Aber es ging gar nicht anders. Die Geschichte hat mich emotional durchgeschüttelt und tief bestürzt. Du gewährst tiefe Einblicke in einen kranken Geist. Das hast Du sehr gut gemacht!

Hier meine Leseeindrücke:

Die geschwollene Lippe und der fingernagellange Riss unter dem rechten Auge seines großen Bruders waren nicht das, was den Jungen beunruhigte, als er den Schlüssel der Wohnungstür nach links drehte, die Tür einen Spaltbreit öffnete und Alex im gleißenden Licht des Flurs von einem Bein auf das andere treten sah.

Der Einstieg hat meine Neugierde geweckt. Ich hab mich gefragt, was es denn ist, was den kleinen Bruder beunruhigt, wenn nicht die geschwollene Lippe und der Riss unter dem Auge.

Es war seltsam, an den Hund zu denken.
Sein Bruder schloss die Kühlschranktür und riss mit den Zähnen die Plastikfolie von einer Scheibe Sandwich-Käse. Er hatte einen Bart bekommen; seltsam, seinen Bruder mit Bart zu sehen. Er hatte strohblondes Haar und einen rot-blonden, fleckigen Bartwuchs.

Die Doppelung ist mir aufgefallen, obwohl ich sie nicht schlimm/ unpassend finde. Kann mir vorstellen, dass der Kleine tatsächlich so denkt.

»Weiß ich doch«, sagte sein großer Bruder, kam grinsend rüber zu ihm und tätschelte ihn gegen die Wange. »Kleiner Papagei, wadde?«

Klingt strange. Vielleicht: ... tätschelte ihm die Wange?

Er könne Drogen auf fünfhundert Meter riechen und sei suspendiert worden, weil er einem Unschuldigen das Gesicht vom Schädel gezogen hätte.

Krasse Story. Hier fand ich Deinen Prota noch ein bisschen witzig. Grins schief.

Er sagte, ein Kerl würde nichts von der Welt verstehen, wenn er nicht auch etwas davon verstehen würde. Er sagte, es sei das Wichtigste und gleichzeitig das Unwichtigste, das es auf diesem verfickten Planeten gäbe, und wenn er tatsächlich mit ihm verwandt sei, würde er früher oder später verstehen, was er meine.

Gut beschrieben. Sehr authentisch.

»Gleich müsste sie kommen«, sagte sein kleiner Bruder und sah auf die Armbanduhr.

Hab mich immer wieder gefragt, warum der Kleine ständig erwähnt, dass die Mutter kommt. Am Ende wars natürlich klar. Aber damit hast Du irgendwie die Spannung gehalten.

Er hatte die Flasche Multivitaminsaft mit herübergenommen und nippte an ihr. Er hatte seine Kapuze abgenommen, den Pullover geöffnet.

Mir ist aufgefallen, dass viele Sätze gleich beginnen. Bin mir nicht sicher, ob Du das bewusst als Stilmittel so machst. Habs mal markiert.

Vorschlag: Er hatte die Flasche Multivitaminsaft mit herübergenommen und nippte an ihr. Die Kapuze hatte er abgenommen, den Pullover geöffnet.

Er sah zu seinem kleinen Bruder und nippte wieder am Flaschenhals, roch den schweren Geruch der Wohnung, sah das kleine Cupboard, auf dem gerahmte Fotografien und ein Kaffeeservice standen. Er war sich nie sicher gewesen, ob sie wirklich Brüder waren. Er war strohblond und hellhäutig, sein kleiner Bruder feuerrot, lockig und mit hunderten Sommersprossen von Kinn bis Stirn. Er konnte sich nicht daran erinnern, seine Mutter jemals schwanger gesehen zu haben. Er erinnerte sich, schon als Kind darüber nachgedacht zu haben. Shaun war plötzlich da gewesen.

Sehr viele Doppelungen.

Es war seltsam daran zu denken, wie es das erste Mal passiert war. Er nippte am Multivitaminsaft, lehnte sich zurück in die Polstergarnitur, sah auf den Fernseher und versuchte sich zu entspannen. Er sah rüber zu seinem Bruder, auf seine blaue, löchrige Jogginghose, die feuerroten Haare, die glubschigen, nervösen Kinderaugen.

Auch hier wieder viele Doppelungen.

Er hatte einfach seine Sachen gepackt. Er hatte einfach eine Plastiktasche voller Wäsche gepackt und war aus der Wohnung gegangen.

Könnte man verbinden.

Vorschlag: Er hatte einfach seine Sachen gepackt, eine Plastiktasche voller Wäsche, und war aus der Wohnung gegangen.

Er hielt es zwei Tage mit ihr aus.

Reife Leistung!

Er wusste nicht, weswegen er wütend war. Es war in ihm aufgestiegen, so als ob es schon lange zu ihm gehören würde. Sie lehnte sich an seine Schulter, und es war seltsam, aber als sie schließlich aufstanden, schlug er sie. Wenn er jetzt darüber nachdachte, schlug er sie nicht wirklich; er gab ihr mit der flachen Hand einen Klaps auf die Backe. Er wusste nicht, wieso er das tat. Er hatte nie gesehen, wie ein Mann eine Frau schlug, aber da war etwas in ihm, das es tat.

Mir ist aufgefallen, dass das Wort "seltsam" schon recht häufig vorgekommen ist.

Müsste es nicht heißen: ... Wenn er jetzt darüber nachdachte, hatte er sie nicht wirklich geschlagen ...?

Hier hab ich mir gedacht "Was für ein A ...!" Ich finde es gut, wie Du langsam aufbaust, die verschiedenen Entwicklungsstufen zeigst. Sehr authentisch.

Er saß auf der Couch, mit der Fernbedienung in der Hand, und drückte die TIME-Taste. Es war jetzt fast achtzehn Stunden her. Er schaute wieder rüber zu seinem kleinen Bruder. Es war seltsam, was er getan hatte, und noch seltsamer, wie er sich dabei fühlte. Er war vollkommen ruhig. Er war so ruhig, wie er lange nicht gewesen war. Vorhin war da die Euphorie gewesen, etwas Lebendiges, Aufputschendes. Wann war er jemals so glücklich gewesen wie vorhin? Er hätte sich nie vorstellen können, dass man sich fühlen konnte wie vorhin. Er schwitzte nicht besonders. Er war etwas schläfrig und er hatte etwas Hunger, aber ansonsten fühlte er nichts.

Sehr viele Doppelungen. Macht das ganze etwas abgehackt/ holprig.

Vorschlag: Er saß auf der Couch, die Fernbedienung in der Hand und drückte die TIME-Taste. Fast achtzehn Stunden waren vergangen. Sein Blick fiel auf seinen kleinen Bruder. Es war seltsam, was er getan hatte, noch seltsamer war, wie er sich dabei fühlte. Diese vollkommene Ruhe, die er so lange nicht mehr empfunden hatte. Vorhin war da die Euphorie gewesen, etwas Lebendiges, Aufputschendes. Wann war er jemals so glücklich gewesen? Er hätte sie nicht vorstellen können, sie so zu fühlen. Er schwitzte nicht besonders, war nur ein wenig schläfrig, hatte etwas Hunger, ansonsten fühlte er nichts.

Nana hatte ein glattrasiertes Gesicht und einen glattrasierten Schädel. Nana schüttelte erst seine Hand, dann Shauns.

Als die Pizza kam und alle mit lauten Ohs und Ahs ihre Kartons öffneten, stand Alex auf und ging in die Küche. Er war so wütend. Er hasste das alles so sehr. Er hasste Nana. Er hasste seinen Klumpfuß und seine glattrasierte Glatze. Er hasste seine Mutter und – auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte – auch seinen Bruder Shaun. Er hasste dieses ganze Leben. Er hasste diese Küche und er hasste diese Wohnung. Er ging zur Spüle, zog das Schubfach darunter hervor und nahm das Hackmesser mit dem großen Griff in die Hand. Er spürte, wie dieses Etwas in ihm aufstieg, als sei es schon immer er selbst gewesen. Er ging zurück in die Küche und stand einen langen Augenblick hinter Nana, starrte das kurze, wippende Bein und die glattrasierte Glatze an.

Die vielen Doppelungen braucht es gar nicht. Das ist wie eine Überbetonung. Wird dem Leser auch so klar.
"Als sei es schon immer er selbst gewesen" - Das hattest Du bereits erwähnt, ist nicht noch einmal nötig.

Vorschlag: Er war so wütend, voller Hass. Auf Nana, seinen Klumpfuß, die glattrasierte Glatze. Auf seine Mutter und - auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte - auf seinen kleinen Bruder Shaun. Er hasste dieses ganze Leben, diese Küche, diese Wohnung. Eine Sekunde verharrte er vor der Spüle, zog das Schubfach darunter hervor und nahm das Hackmesser mit dem großen Griff in die Hand. Er spürte, wie dieses Etwas wieder in ihm aufstieg, die Kontrolle übernahm. Dann ging er zurück in die Küche, stand einen langen Augenblick hinter Nana, starrte auf das kurze, wippende Bein und die glattrasierte Glatze.

Echt krass der Typ hab ich da gedacht. Hatte Mitleid mit den anderen.

Manchmal, wenn sie sich küssten und danach in die Augen sahen, oder wenn sie besonders laut lachte oder ihm die falsche Limonade aus dem Automaten mitbrachte, stieg dieses Beben in ihm auf, sie zu ohrfeigen, sie zu beschimpfen, ihr an den Haaren zu ziehen. Was war das?

Ja, hier fragt er sich noch, was das ist. Da hat man als Leser noch Hoffnung, dass es nicht schlimmer wird.

Sie ließen das Kind im Wagen und saßen den Nachmittag über mit ihren Toastbroten auf einem umgeknickten, moosbewachsenen Baumstamm, der zur Hälfte in den See reichte. Die meiste Zeit schwiegen sie, mit dem Vogelgezwitscher und dem Rascheln des Waldes hinter sich. Sie sahen Zander und Graskarpfen durch das Wasser unter ihren Füßen gleiten, und am anderen Ende des Sees, winzig und kaum hörbar, ein Badestrand, rote Tretboote und kreischende Kinder.

Dieser Abschnitt ist heftig. Das arme Kind, das zurückgelassen wird. Und auf der anderen Seite die Idylle, die scheinbar friedliche Stimmung. Krass!

Er hatte noch nie außerhalb des Fernsehens eine derart große Masse Wasser gesehen; er roch das Wasser: Algen, feuchte Erde; er sah seine glänzende Oberfläche bis zum Horizont reichen, hörte das Plätschern in der kleinen Bucht, in der sie saßen. Was gab es dort draußen noch alles, das er nie gesehen hatte? Was für ein Mensch war er?

Ich finde es schön, wie Du die verschiedenen Sinne ansprichst. Der Abschnitt ist sehr philosophisch. Da hatte ich immer noch Hoffnung.

Nachts gingen sie zurück zum Parkplatz. Als sie die Tür öffneten, schrie das Kind wieder, aber leise, erschöpft. Es hatte einen seltsam roten Kopf und war von Stirn bis zu den Füßen von glänzendem Schweiß bedeckt.

Ich bin soooo voller Mitgefühl für das arme Kind! Hat mir schier das Herz gebrochen, das zu lesen.

Später, als sie auf den Decken lagen, zog er erst ihre Unterwäsche aus, dann seine. Sie wehrte sich, und als er sie ohrfeigte, drehte sie den Kopf zur Seite und starrte aus dem Fenster. Er spürte, wie sie unter ihm verkrampfte, hörte ihr schnappartiges Schnaufen. Ihre Schwäche machte ihn so wütend. Links und rechts neben ihnen die hohen Lastzüge der LKWs. Durch die Windschutzscheibe das weiße Licht des Mondes und die blinkende Leuchtreklame des angrenzenden Rasthofs. Der Himmel olivschwarz. Als er in sie eindrang, ohrfeigte und würgte er sie. Adrenalin in seinem Körper, auch Ekel.

Heftig! Gut beschrieben. Das geht nahe.

Sie rührte sich nicht. Sie lag da, zitterte und hyperventilierte, den Blick noch immer aus dem Fenster. Als ob sie es verdient hätte. Ihre Liebe, ihre Zutraulichkeit widerten ihn an.

Sehr authentisch!

Sie liefen zur Raststätte, frühstückten, versorgten das Baby und tranken Booster-Energy, und anschließend legten sie die Babyschale mit dem Kind wieder auf die Rückbank und gingen zum See. Sie sagte nichts, die ganze Zeit über, und er begann ein paar Sätze, brach sie aber immer wieder ab.

Und dann tun sie, als wäre nichts gewesen und lassen das Kind wieder alleine. Unglaublich!

Er hätte das Auto nicht knacken sollen. Es hatte nichts geändert. Nichts würde die Kraft haben, etwas zu ändern. Nichts würde die Kraft haben, ihn zu ändern. Er wusste, dass sie nicht mehr lange bei ihm bleiben würde. Er wusste, dass sie darüber nachdachte. Er wurde wütend, wenn er daran dachte. Er dachte an das Baby, wie es schrie. Was hatte er erwartet? Würde er jemals etwas anderes sehen, als diese Wohnungen, die Gänge, die Küchen? Er dachte, alles sei unfair für ihn verlaufen. In Gedanken gab er seiner Mutter an allem die Schuld. Er gab den Männern an allem die Schuld. Er gab der Welt und das, was andere die Gesellschaft nannten, an allem die Schuld. Ihr seid alle Fotzen, dachte er. Er sah die Weite des Sees und fühlte die Enge, die er seit jeher zu spüren glaubte.

Auch hier empfinde ich die vielen Doppelungen wie eine Überbetonung, die gar nicht nötig ist. Die Gefühle kommen deutlich rüber und als Leser würde ich ihn gerne schütteln und ihm sagen: "Du selbst kannst Dich ändern. Schieb es nicht den anderen zu!" Mit jedem weiteren Absatz, je mehr ich über den Prota erfahre, desto klarer wird, dass es keine Hoffnung gibt, dass sich nicht alles zum Guten wenden wird. Du zeugst deutlich seine Ambivalenz. Einerseits verachtet er die Frau, andererseits wird er wütend, wenn er daran denkt, dass sie ihn bald verlassen wird.

Als sie später am Wagen ankamen, lag das Kind bewusstlos und mit einem dunkelroten Kopf in der Babyschale. Sie schnallte es ab, hob es aus dem Auto und schüttelte es. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. »Shit«, sagte sie, mit der Sonnenbrille auf, und sah Alex an.

Hab so mitgelitten!

Alex sah auf sie hinab. Er hasste dieses Mädchen so sehr. Er hasste das Kind so sehr. Er hasste das Gefühl, das er hatte, wenn er mit ihnen zusammen war. Wieso hatte sie sich nicht gewehrt? Wieso gab es dieses Kind? Ihr seid alles Fotzen, dachte er. Wie könnt ihr mich nur so verarschen?.

Teilweise war mir das ein bisschen too much. Immer wieder sein Hass. Die vielen Wiederholungen. An manchen Stellen bin ich dann abgeschweift, hab nur noch überflogen. Empfand es als langatmig.
Hinterm letzten Satz müsste ein Fragezeichen hin.

Er steckte sich eine neue Zigarette an, trippelte mit den Beinen herum und sah seiner Freundin zu, wie sie das Kind dort auf dem Pflasterstein trocken rieb und neu einkleidete. Er dachte daran, bis zu seinem Tod mit ihr und dem Kind verbunden sein zu müssen. Er wusste nicht, was er ändern könnte. Er hatte eine abgebrochene Maler-Ausbildung und eine Vorstrafe wegen versuchtem Totschlags. Er bekam keine Arbeit, und wenn, dann einfache Trage- und Hilfsarbeiten, Mindestlohn und Zehn-Stunden-Schichten. Entweder hörte er zu Hause das Kind schreien oder trug auf Baustellen Stahlgerüste, schaufelte Kies und Erde für kleine Landschaftsgärtnereien, um alles für ihre Miete, Essen, Tabak, Softdrinks und das Baby ausgeben zu müssen.

Mitleid hab ich nicht mit ihm. Einfach krass, was er so denkt, während das Baby so leidet.

Hier auch wieder viele Doppelungen.

Gott, die Nutte, will sich über mich lustig machen; der Nutten-Gott hat mir das alles eingebrockt.
Als sie sich in der Hocke sitzend schließlich zu ihm umdrehte und: »Schatz?« sagte, holte er mit dem Fuß aus und trat ihr mit der Schuhsohle ins Gesicht. Sie fiel rücklings auf den Boden, neben das Baby, die Hand vor Nase und Mund. Das Baby schrie. Ihre Augen richteten sich gläsern und panisch auf ihn. Sie blickte sich kurz auf die Handfläche, sah all das Blut, das aus ihrer Nase strömte, und sah dann wieder zu ihm. Der vertrocknete, braune Rasen neben ihnen. Der Urin-Geruch der Rastplatz-Toiletten. Die drückende, schwere Hitze. Das Schreien des Kindes. Das Hupen eines LKWs ein paar hundert Meter entfernt von ihnen.

Auch ein sehr heftiger Absatz. Hat mich erschüttert.

Als er am nächsten Morgen auf dem Beifahrersitz aufwachte, waren Anna und das Baby mitsamt der Babyschale verschwunden.

Was war ich erleichtert!

Sein ganzer Körper war verschwitzt, die Hitze schwer im Auto. Die Sonne prall vom ozeanblauen Himmel. Seine Blase drückte und sein Mund war trocken. Pall Malls und ein paar Euro-Stücke in seiner Hosentasche. Er startete den Wagen. Er wusste, dass es sinnlos war. Er legte den Rückwärtsgang ein, parkte aus und bog auf die Autobahn. Er wollte so lange geradeaus fahren, wie er konnte. Er wusste nicht, in welche Richtung er fuhr. Er dachte an das Meer, an eine Werft und an ein großes Container-Schiff, auf dem er anheuern würde. Er dachte an Japan, an die vielen Kung-Fu-Filme, die er sich mit Shaun im Fernsehen angesehen hatte. Er dachte an unendlich weites Wasser. Er dachte daran, wie er sie vergewaltigt hatte. Er wurde furchtbar wütend auf seine Mutter, kramte seine Zigarettenschachtel aus der Jeans-Tasche und steckte sich eine Kippe an. Die Fenster geöffnet, die Luft drückend in den Innenraum ziehend. Er dachte, dass Nana und seine Mutter schuld daran wären. Er dachte, dass Gott schuld daran wäre. Wieso hatte Gott ihn so scheiße behandelt?

Zu viele Doppelungen.

Insgesamt krass, was er so denkt. Gut beschrieben. Die Dichte des Textes ist sehr gelungen. Interessant fand ich, dass die Gedanken dann immer mehr Richtung Gott schweifen.

Er legte mehrere Pausen unter dem Schatten von Bäumen und Brücken ein, die ihn auf seinem Weg neben der Leitplanke passierten, weil er befürchtete, ansonsten umzukippen. Wenn er die Augen offen hielt und geradeaus sah, schwankte alles. Seine Kehle so trocken, dass es schmerzte. Sein Magen leer und sein T-Shirt, seine Shorts und seine Socken komplett durchgeschwitzt. Seltsame Gedanken in seinem Kopf, und dann wieder keine.

Auch hier bin ich ihm sehr nah. Die Nähe ist geradezu erschreckend.
Tatsächlich hab ich aber an keiner Stelle Mitleid für ihn empfunden.

Sein Hals war trotzdem trocken und brennend, der Schwindel und die Übelkeit nach wie vor in ihm, so wie die Hitze, die Sonne, die Gänge, seine Freundin, seine Tochter, seine Mutter und Shaun in ihm waren.

Welche Gänge? Was meinst Du damit?

Er saß dort zwei Stunden lang und streckte den Daumen aus, aber niemand hielt. Sein Durst war riesig, seine Kehle brennend trocken, seine Klamotten nassgeschwitzt an ihm klebend. Schwindel und Übelkeit in ihm. Er wusst (hier fehlt ein e) nicht, was er tun sollte. Er wusste, dass er es ohne Flüssigkeit keinen Tag mehr in der Hitze aushalten würde. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Er hielt den Daumen ausgestreckt und sah die Fahrzeuge an ihm vorbeifahren.

Hat er verdient!

... wusste ...

Alex nahm die Flasche und trank ein paar Schlucke. All die dicke, heiße Sommerluft um ihn. Noch ein weiterer, grauhaariger und stark übergewichtiger Shell-Mitarbeiter tauchte über ihm auf, tupfte sich mit einem Papiertuch den Schweiß von der Stirn, fluchte und gestikulierte mit den Händen.

Hier dachte ich: "Warum rufen die nicht den Notarzt" und kurz darauf stand es dann im Text.

Er winkte ab und stand auf. Der adipöse, ältere Shell-Mitarbeiter sah ihn mit aufgerissenen Augen an und hielt ihn an der Schulter fest. »Bleib sitzen«, sagte er.
»Nein«, sagte Alex. Er trank noch einen Schluck Fanta und lief dann los. Der Adipöse wollte ihn festhalten, aber Alex schubste ihn im Gehen weg; schließlich ließ der Adipöse es sein. Alex hörte die beiden von der Stelle, an der er aufgewacht war, noch weitere Dinge ihm zurufen; schließlich kletterte er über die Hecke am Außenbereich der Tankstelle, und dann hörte er auch sie nicht mehr. Er blickte nicht zurück.

Echt heftig und sehr authentisch. Als Leser denk ich mir, mensch, sei mal dankbar und ist doch egal, ob einer dick ist oder nicht, wenn er Dir hilft. Und mir ist klar, dass Dein Prota 0 Emphatie empfindet, und dennoch will ich ihn jedesmal schütteln.

Der Alte hing mit den Armen über den Gartenzaun und besah ihn.

besah ihn (kommt nicht nur einmal im Text vor)
Das hab ich so noch nie gehört, finde es strange.
Vielleicht ... musterte ihn ...

Der Alte hing mit den Armen über den Gartenzaun und besah ihn. Der Alte hatte einen wachen, scharfen Blick. Er spuckte auf den Boden. Als Alex fast vor ihm stand, sah er, dass der Mann im Rollstuhl saß.

»Schaust scheiße aus«, sagte der Alte. Er lispelte. In seinem Mund fehlten einige Backenzähne.

Wie kann man erkennen, ob jemanden Backenzähne fehlen? Da müsste er ja den Mund schon echt weit aufreißen.

Er spuckte wieder auf den Boden, besah Alex noch mal. »Schaust aus, als ob’s ’ne Straftat wäre, dich hier draußen verrecken zu lassen«, sagte der Alte.

Und hier dachte ich, nee, jetzt kriegt er Hilfe. Hat er nicht verdient. Und ich hatte auch Sorge um den Alten (leider berechtigterweise).

Die Küche bestand aus einer Spüle, die vollkommen mit Tellern und leeren Dosen gefüllt war, einer Arbeitsfläche, auf der benutzte Teller, Töpfe und Dosen gestapelt waren, und ein(em) Holztisch mit Eckbank, der beinahe vollkommen mit Zeitschriften- und Zeitungsstapeln bedeckt war.

einem Holztisch

Sein Kopf stach so sehr. Ihm war so schwindelig. Wie war alles so weit gekommen? Er hasste Anna so sehr. Er hasste seine Mutter so sehr. Und er hasste Shaun. In Gedanken gab er ihnen die Schuld an allem; an seiner Ausweglosigkeit. Er wusste, dass er nie von Anna und dem Kind loskommen würde. Er müsste ihnen ein Leben lang Geld zahlen. Er müsste ein Leben lang buckeln. Steine schaufeln, die Schreie des Chefs. Er zündete sich eine Zigarette an. In Gedanken gab er seiner Mutter die Schuld an allem. Er gab den Männern die Schuld an allem; seinem Vater, den er nie kennenlernte, und Nana. Er gab die Schuld dem, was andere die Gesellschaft nannten. Er wusste, dass er sein Leben lang buckeln würde. Er wusste, dass er nie auf ein Schiff nach Japan anheuern würde; er hasste sich so sehr. Er hasste sich, weil er so dumm war. Alles war unfair für ihn verlaufen. Der Richter hatte ihn unfair behandelt. Die Erzieher im Heim hatten ihn unfair behandelt. Die Frauen hatten ihn unfair behandelt. Ganz besonders die Frauen. Er wurde so wütend, dass seine Hände zitterten; schließlich seine kompletten Unterarme

Und hier wieder die Gedankenspirale. Die selben Gedanken. Die selben Worte. Ich frag mich, ob es das braucht. Bin gespannt, wie andere es sehen. Mir ist es stellenweise too much. Als würdest Du Deinem Text nicht so vertrauen, es immer und immer wieder ausschreiben und betonen müssen.
Hier hab ich mir gedacht: "Der Kerl nervt. Ich kanns nicht mehr hören. Der hat nen Knall."
Und auch hier keinerlei Mitleid für ihn.

Wie konnten ihn alle so im Stich lassen? Alex atmete tief ein und aus. Das Herz trommelte in seiner Brust. Die Gedanken an seine Ausweglosigkeit. Als ob er Steine gefressen hätte. Seine Hände zitterten. Er hasste Anna so sehr. Er hasste das Kind so sehr.

Und wieder die selben Worte. Dabei ist sein Hass so greifbar, auch ohne, dass Du es immer wieder erneut betonst.

Ich bin Abschaum, dachte er. Ich bin großartig, dachte er. Er wusste, dass er großartig war. Wie konnten alle sagen, er sei schlecht?

Und hier wieder die Ambivalenz. Sehr gut gemacht.

Seine Wut steigerte sich so sehr, dass er glaubte, sie nicht länger bescherrschen zu können. Er spürte, wie dieses Etwas in ihm aufstieg, Besitz von ihm ergriff.
Mutter, ich möchte dir mit meiner blanken Faust langsam und genüsslich jeden einzelnen deiner Zähne aus dem Mund schlagen. Ich möchte dir ein Gummiband um den Hals knoten und daran ziehen, um zu sehen, wie du spuckst und Angst vor mir kriegst.

Heftig! Krasse Gedanken.

Mit jedem Schritt spürte er so etwas wie einen frischen Wind in sein Wesen ziehen. Sein Bauch kribbelte. Einen Augenblick wurde ihm speiübel, dann fühlte er große Verknalltheit; woher kam das?

Das frag ich mich als Leser auch.

Die Haut seines Gesichtes, seiner Arme und seines Bauchraumes prickelten. Er schloss die Augen und sah grenzenlose See vor sich. Azurblau. Er roch Staub, nassen Stein und Schimmel. Auf eine seltsame Art befahl ihm das Etwas, dort hoch zu gehen. War er der Sohn Gottes? Er wusste, dass er großartig war. Er wusste, dass sich sogar Gott vor ihm fürchtete. Er wusste, dass er wollte, dass Gott ihm den Schwanz lutschte. Er wollte in Gottes Mund pissen. Er wollte Gott an den Haaren ziehen, ihm seinen Mund ficken.

Erinnert bisschen an eine Psychose, das plötzliche ständige Erwähnen von Gott.

Als er den Alten ansah, wusste er, was er tun würde. Beim Gedanken, den Alten totzumachen, stieg das Gefühl grenzenloser Freiheit in ihm auf.

Grrrrr. Und ich bin wütend geworden beim Lesen.

Stille zog in Alex ein, und für einen Moment dachte er darüber nach, die Treppe wieder nach unten zu gehen, eine Kleinigkeit zu essen und das Haus in Richtung Autobahn zu verlassen.

Das wäre sehr schön gewesen!
Aber mir war klar, dass er das nicht tut.

Die große körperliche Anstrengung des Ziehens und Drückens führte dazu, dass Alex plötzlich große Angst durchfuhr; er dachte daran, was ihm bevorstünde, wenn er geschnappt würde; er zog fester am Riemen, verlagerte sein Gewicht nach vorne und presste die Lippen aufeinander.

Oja! Er hätte definitiv geschnappt werden sollen. Die Spannung ist unerträglich. Ich fiebere mit.

»Du Köter«, sagte Alex. Wut stieg wieder in Alex auf; er wurde so wütend, dass seine Hände und Arme fast fuchtelnd zitterten. Er wusste, dass er es zu Ende bringen musste. Dieses Etwas in ihm flackerte, wie eine von Wind gepeitschte Flamme. Du musst es zu Ende bringen, sagte es. Du bist großartig, sagte es. Wer will dir im Weg stehen, wenn nicht einmal Gott es kann? Er war der Zerstörer des Gesetzes. Nicht einmal Gott war so frei wie er. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Niemand würde ihn kriegen. Er war großartig.

Heftig! Da standen mir alle Haare zu Berge.

Er war erstaunt, wie lange der Alte unter ihm durchhielt; wie viel Kraft der Alte besaß. Er redete sich ein, stärker als der Alte zu sein. Der Gedanke, den Zweikampf gegen den Alten zu verlieren und dem Alten unterliegen zu können, nahm Alex das großartige Gefühl, über den Dingen zu stehen. Für einen Augenblick sah er die Möglichkeit, selbst im Kampf gegen den Alten zu sterben. Der Gedanke, sein eigenes Leben hierbei zu verlieren, bereitete ihm einen neuen Schub des elektrisierenden, belebenden Gefühls.

Sehr authentisch.

Nur die Doppelungen sind mir persönlich too much.

Mit 27 Jahren, nach den 23 Morden, die er noch verüben sollte, würde Alex einem Focus-Reporter erzählen, dass er in jenem Moment – dort schnaufend und schwitzend auf der Matratze neben dem Mann ohne Beine – das erste Mal das rauschhafte Gefühl von absoluter Freiheit empfunden hatte; dass er sich in diesem Moment das erste Mal so nah bei seiner innersten Natur fühlte, dass selbst Gott nicht freier und befriedigter war als er.

Schrecklich! Was für ein grausamer Mann!

Und hervorragend, wie Du ihn rüber bringst. Du hast meine Hochachtung!

blickte nicht zum Haus zurück, streifte sich durch das blonde, verwachsene Haar, zog Schleim aus dem hinteren Teil seines Rachens, rotzte auf die Straße und fuhr los.

Was soll verwachsenes Haar sein?

Er war so ruhig. Er war so ausgeglichen. Das Strangulieren und Hinrichten war wie ein neues Hobby, das Alex für sich entdeckt hatte. Er genoss den Gedanken, in ein paar Tagen – wenn es ihm beliebte – über ein erneutes Töten nachzudenken. Er dachte an das rauschhafte, mächtige Gefühl, das er beim Strangulieren und Hinrichten des Alten hatte; das Nachgefühl dieser Welle vibrierte noch in seinem Körper. Allein der Gedanke an ein erneutes Töten trat das euphorisierende, übergottstehende Gefühl in ihm los.

Heftig! Heftig!

Gern gelesen!

Ich wünsche Dir einen sonnigen Tag!

Liebe Grüße,
Silvita

 
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04.12.2020
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Hallo @zigga. Ich habe deine Geschichte gelesen. Ich wollte mich revanchieren für deine Kritik an meiner Geschichte. Es ist nur so, dass ich mit deinem Protagonisten nicht warm werde. Ich kann mich in die Szenen nicht hineinversetzen. Wut kenn ich natürlich schon. Nur grundlose Wut aus heiterem Himmel hört bei mir mit schlechter Laune auf. Trotzdem habe ich von Alex eine Gänsehaut bekommen. Ist schon Horror das du schreibst. Gänsehautkino, Oder? Schönen Tag noch. Billi.

 
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Hey @zigga ,

mega, mal was Längeres von dir zu lesen. Und du hältst das Tempo gut durch; eigentlich anders: du nimmst hier besonders auf der Länge Fahrt auf. Und klar geht es mir wie Silvita. Ist auch für mich harter Tobak. Das steigert sich ja ganz schön. Ich dachte neulich schon bei Proofs Geschichte ... gut, das hier ist was anderes und auch ein anderes Kaliber.

Ich habe das sehr gerne gelesen (ein Qualitätsurteil – wenn man so weit von Inhaltlichem abstrahieren kann).

1. Die besondere Qualität liegt für mich in all dem, was man hier unter Milieustudie verbuchen könnte; dann im schlichten Erzähltonfall, unter dem stets ein hungriger Zigga liegt und gelegentlich nach literarischen Leckerbissen kläfft, aber (vom Meta-Zigga?) nicht von der Leine gelassen wird. Nicht zuletzt liegt die Qualität für mich in der Ausdrücklichkeit der Handlung – es geht zur Sache und noch etwas mehr.

2. Ich sehe im ersten Abschnitt ein Problem mit der Erzählposition – Ungereimtheiten im Tonfall; mit der Einschätzung (nach ein paar mal darüber Nachdenken), dass das interessanterweise alles sehr leicht änderbar ist, wenn du das denn willst (ich gebe da gleich noch paar Beispiele).

3. Ein kleines Grundsatzproblem betrifft für mich die Tragweite des Erzählten. Einerseits ist das eine Erzählung, andererseits wirkt es – wahrscheinlich wegen der unmöglichen Perspektive (ein hassenswerter Mörder) wie eine sehr lange Szene, aber weniger wie eine Erzählung; obwohl es da ja gerade durch die Abschnitte eine Zeitlichkeit gibt.

4. Nach dem ersten Absatz bin ich sehr gut durch den Text gekommen. Sprache war nicht zu kompliziert und Tempo und Stil sehr treibend. Hat mich gut durch den Text gezogen.

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Einzelheiten:

Die geschwollene Lippe und der fingernagellange Riss unter dem rechten Auge seines großen Bruders waren nicht das, was den Jungen beunruhigte, als er den Schlüssel der Wohnungstür nach links drehte, die Tür einen Spaltbreit öffnete und Alex im gleißenden Licht des Flurs von einem Bein auf das andere treten sah.

Hat Spaß gemacht dieser Einstieg

geklopft

was ist das für Dialekt, doch nicht Fränkisch?^^ Das finde ich zum Beispiel schon etwas problematisch, um mal ein Beispiel zu nennen.

»In Reiterswiesen«, sagte er, »weißte doch.«

Das klingt bayrisch

»Wees ick, wees ick«

Das ist Berlinerisch

»Kleiner Papagei, wadde?«

Das ist Pott


––––

Klär mich bitte auf – dass man das in einer bestimmten Region alles auf einmal sagt. :D

daheim

Dann dieser Tonfall. Wer sagt denn in dem Alter und in der Zeit 'daheim' – dann doch wirklich nur irgendwo in Bayern oder? Und dagegen dann sowas:
jetzt sei nich’ gleich so ’ne Pussy

-----

sagte sein großer Bruder

Hier ist mir der Erzähler nicht klar. Ist das jetzt focalisation externe oder interne?

Keine Trickserie und kein Animationsfilm

Wieder ein Hinweis auf externe; was dann aber hiermit nicht übereinstimmt, wo es exakt benannt werden kann:
Takeshi’s Castle
Relict Hunter

Übrigens Takeshis Castle damals: <3

aber ihm fiel nichts anderes ein, was er ansonsten tun könnte

hier der Verzicht auf Konjunktiv II – ich schätze, mit der Absicht, dass sprachlich altersmäßig etwas runterzubringen (spricht schon wieder für focalisation interne); dann aber später

an einem verlören
-----


später dann:

glaubte sie, schwanger zu sein, und zu ihrer beider Erstaunen

das muss dann wieder externe sein bzw. trifft das den Milieu-Ton nicht. Was war die Idee?

Marlboros

Und hier können die Dinge auch plötzlich wieder beim Namen genannt werden.

der Junge
sein Bruder

Aber selbst das weiß der Erzähler nicht zu benennen. Unwahrscheinlich dass diese Entpersonalisierung auf "den Jungen" zurückgeht; der sich selbst als namenlos und seinen Bruder ebenso sieht. Wenn doch, das wäre schon konstruiert. Nein, es ist irgendwie einfach ein anderer Erzähler. Nach Gerard Genette, wie gesagt, focalisation externe.

Der Hund war mit einem Mann gegangen, der Jerôme

Weil hier wird der Name von irgendwem gewusst.

Als er sie ein paar Mal geohrfeigt hatte, war da die merkwürdige Gewissheit in ihm, das Mädchen entweder irgendwann totzuschlagen oder so weit weg wie möglich zu fahren, weg von der Siedlung und dem Ufer und den Tankstellen, die alle nur zwei Orte entfernt lagen.
Als er in sie eindrang, ohrfeigte und würgte er sie. Adrenalin in seinem Körper, auch Ekel. Sie rührte sich nicht, während er sie fickte. Sie keuchte und stöhnte, und er spürte ihre Hitze, ihren kalten Schweiß, legte sein Gewicht auf ihren Hals und schlug sie mit der flachen Hand ins Gesicht. Er dachte an all das Wasser, an »das Ufer« und wie das Baby schrie. Ihr Ein-Zimmer-Apartement, die blank auf dem Boden liegende Matratze. Das Kindbett daneben. Wie unfair das alles war. Wie unfair das alles für ihn gelaufen ist. Nachdem er sie auf den Bauch gedreht, an den Haaren gepackt und eine Weile gegen die Rückbank gepresst hatte, kam es ihm. Er rollte sich zur Seite, auf den Rücken, atmete, schnaufte, fuhr sich durch das verschwitzte Haar. Sein Herz raste. Ihm war kotzübel. Er war wütend über etwas, das er nicht greifen konnte. Er spürte sie neben ihm zittern. Ihr Hyperventilieren. Sie rührte sich nicht. Sie lag da, zitterte und hyperventilierte, den Blick noch immer aus dem Fenster. Als ob sie es verdient hätte. Ihre Liebe, ihre Zutraulichkeit widerten ihn an.

Das ist in seiner Ausdrücklichkeit mega stark finde ich. Da hast du dich richtig was getraut.

Lutsch mir den Eichel, Gott.

den Eichel?? :lol: Kenne ich – bislang zumindest – nicht. Für mich auf jeden Fall die Eichel. Vielleicht hast du ja Schwanz durch Eichel ersetzt gehabt ...

Es ist nur so, dass ich mit deinem Protagonisten nicht warm werde.

Das klingt übelst falsch. Ich denke, ich weiß, wie du es meinst. Aber trotzdem :lol:


Hey Zigga, weiter so, finde ich sehr gut!
Viele Grüße
Carlo

 
Monster-WG
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Huhu und Guten Morgen zusammen,

hab grad den Kommentar von @Carlo Zwei gelesen, und wollte nur kurz anmerken, dass wir Badner auch "daheim" sagen. :) Der Begriff wird hier ständig verwendet, auch von Erwachsenen.

Sonnige Grüße,
Silvita

 
Wortkrieger-Team
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Hallo @zigga,

da hast du aber ein Monster kreiert! Mir ging es ähnlich wie einigen meiner Vorgänger, ab einem gewissen Punkt wurde es mir zu viel. Sicher gibt es solche Menschen, trotzdem war mir die Darstellung irgendwann zu einseitig, da kam immer und immer mehr Hass in immer geballterer Form, und ich habe auf den Moment gewartet, an dem ich Alex zumindest ein Stück weit nachvollziehen kann, weil er vielleicht von einem Extrem ins andere fällt - aber es bleibt bei diesem einen Gefühl: Hass. Später kommen zwar noch die Allmachtsgefühle dazu, aber mich würde auch das vorher interessieren. Bis zu dem Punkt, an dem er Nana niedergeknüppelt hat, bekomme ich kein rechtes Bild von ihm und seinem Leid.

Aus der Hand legen konnte ich die Geschichte trotzdem nicht, ich wollte schon wissen, wie es mit ihm weitergeht. Ich persönlich hätte es aber spannender gefunden, wenn es ab und zu in eine andere Richtung gegangen wäre, ich vielleicht einen Funken Hoffnung für ihn gehabt hätte, um dann zu sehen, er schafft es nicht.

Die geschwollene Lippe und der fingernagellange Riss unter dem rechten Auge seines großen Bruders waren nicht das, was den Jungen beunruhigte, als er den Schlüssel der Wohnungstür nach links drehte, die Tür einen Spaltbreit öffnete und Alex im gleißenden Licht des Flurs von einem Bein auf das andere treten sah.
»Mach auf«, sagte sein großer Bruder im Treppenhaus vor der Wohnungstür.
Vielleicht ist es ein Stilmittel, das Distanz schaffen soll, aber ich fand den Einstieg etwas schwierig. Der Junge, der große Bruder, dann Alex. Ich musste mich erstmal zurechtfinden. Würde hier schon mit Shaun einsteigen.

»Hast’ dich geklopft oder was?
Kann natürlich Dialekt sein. Sonst würde ich sagen gekloppt.

Er war ein weißer Deutscher, fast zwei Meter groß, mit rahmenloser Brille, halblangem, grau-schwarzem Haar und einer seltsamen Kerbe inmitten seiner linken Zeigefinger-Kuppe, die das Fleisch merkwürdig entzwei teilte.
Tolles Detail.

Am nächsten Morgen begann er, sauer auf etwas zu sein, von dem er nicht wusste, was es war.
Das finde ich sehr treffend. Gerade das Verhältnis zur Mutter hat ihm schon mal seine Sicht auf Frauen versaut, und sein Hass kommt völlig unreflektiert.

Wenn er jetzt darüber nachdachte, schlug er sie nicht wirklich; er gab ihr mit der flachen Hand einen Klaps auf die Backe.
Er bagatellisiert. Das passt zu seinem Charakter und macht ihn nachvollziehbar für mich. Finde ich gut gelungen, diese langsame Einführung, die sich im Laufe der Geschichte bis zum Wahnsinn steigert.

Es war seltsam, was er getan hatte, und noch seltsamer, wie er sich dabei fühlte. Er war vollkommen ruhig. Er war so ruhig, wie er lange nicht gewesen war. Vorhin war da die Euphorie gewesen, etwas Lebendiges, Aufputschendes. Wann war er jemals so glücklich gewesen wie vorhin? Er hätte sich nie vorstellen können, dass man sich fühlen konnte wie vorhin.
Das finde ich dramaturgisch auch sehr gut gemacht. Erhöht die die Spannung.

Er hasste seinen Klumpfuß
Auch schon ein Hinweis darauf, dass er später einen Mann ohne Beine umbringt. Nana hat ein Trauma bei ihm losgetreten, er sagt, er war gewalttätig, obwohl die Mutter in der Szene als sehr entspannt beschrieben wird. Eifersucht?

Manchmal, wenn sie sich küssten und danach in die Augen sahen, oder wenn sie besonders laut lachte oder ihm die falsche Limonade aus dem Automaten mitbrachte, stieg dieses Beben in ihm auf, sie zu ohrfeigen, sie zu beschimpfen, ihr an den Haaren zu ziehen. Was war das?
Okay, also bis dahin war er noch halbwegs normal, das sagt mir das manchmal, und jetzt geht das allmählich los, dass er die Kontrolle verliert. Aber was mir eben fehlt, ist, was er bis dahin gefühlt hat. Einfach nichts? War sie ihm gleichgültig? Oder war er besessen von ihr? Krankhaft eifersüchtig? Das würde mir helfen, um auch seine schwache Seite erkennen zu können. Versteh mich nicht falsch, er muss kein guter Junge sein, aber es wäre nachvollziehbarer für mich, wenn es irgendetwas gäbe, das seine Kontrolle über sie erklären würde, ein krankhafter Drang, sie besitzen zu wollen oder so.

Als sie später am Wagen ankamen, lag das Kind bewusstlos und mit einem dunkelroten Kopf in der Babyschale.
Furchtbar!


Als er am nächsten Morgen auf dem Beifahrersitz aufwachte, waren Anna und das Baby mitsamt der Babyschale verschwunden.
Ich würde den Namen schon eher erwähnen.

Er gab die Schuld dem, was andere die Gesellschaft nannten.
Hier wiederholt es sich für mich zu sehr. Auch das Schwitzen wird immer wieder erwähnt. Kann aber auch sein, dass du damit das Kreisen seiner Gedanken veranschaulichen wolltest.

. Er sah sich über die Baumkronen des Waldes schweben. Tiere sangen und Menschen beteten zu ihm. Der Gedanke, jedes Menschen- und Tierleben vernichten, quälen, verletzen oder misshandeln zu können, nach jeder Laune, die er hatte, ohne jemals irgendeine Konsequenz ertragen zu müssen, erlöste und beruhigte Alex auf eine grundlegende, unerklärliche Art
Schöne Beschreibung


Er stieg vom Stuhl, ging zum Waschbecken und trank wie ein Köter aus der Leitung.
Auch ein schönes Detail. Dieses Köter-Motiv taucht immer wieder im Text auf. Diesmal ist er selbst einer und erinnert mich an den Anfang, den Hund, der alle Menschen hasst .

Er zog an der Zigarette, lächelte. Das Strangulieren und Hinrichten war wie das beste Videogame, das er je gespielt hatte.
Hier gefällt mir der Vergleich mit dem Videogame, der zeigt, wie für manche Menschen die virtuelle Welt mit der Realität verschwimmt, alles nur noch nach dem Kick beurteilt wird, den man bekommt.

Auf alle Fälle eine heftige Geschichte, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Ich habe sie in einem Rutsch gelesen. Allerdings eher wie eine Horrorgeschichte als das Psychogramm eines Menschen. Okay, er ist ein Psychopath, und dass er ab und zu davon träumt, abzuhauen, macht ihn zumindest ein bisschen menschlich. Aber eine Verschnaufpause hätte mir beim Lesen ganz gut getan.

Ein schönes Restwochenende und liebe Grüße von Chai

 
Seniors
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02.01.2011
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Liebe @Silvita und @Chai, lieber @Billi und @Carlo Zwei!

Ich danke euch vorab für eure starken und ehrlichen Kommentare! Echt stark, dass ihr diesen sehr langen Text gelesen habt, das freut mich absolut.

Ich bin und war in den letzten und kommenden Tagen leider unterwegs und antworte euch nächste Woche, sobald ich einen PC habe, weil ich mir auf jeden Fall Zeit für meine Antworten an euch nehmen möchte! :p

Aber ich verfolge die Kommentare mit Spannung, also versteht mein Schweigen nicht falsch! :aua:

Beste Grüße
zigga

 
Monster-WG
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10.07.2019
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Zuletzt bearbeitet:

Hallo @zigga :-)

Gleich vorweg: Ich habe Deine Novelle sehr gerne gelesen. Du hältst ein gutes Tempo, der Stil zieht sich sehr gut durch.

Inwiefern Alex' Weg zum Mörder psychologisch plausibel ist, kann ich nicht bewerten. Es bleibt die Regel: Was beim Leser funzt, das funzt. So wird die Frage nach der Plausibilität eine, die du dir als Autor selber stellst. Speziell beim Sadismus melde ich leichte laienpsychologische Zweifel an. Das paraphile Motiv taucht in deinem Text sehr spät auf und wirkte auf mich effektsteigernd - der Alex soll ein richtiges Monster werden. Ich habe einen Alex gelesen, der sich durch das Töten ermächtigt fühlt, eine gottübersteigernde Macht verspürt, die einerseits narzisstische, andererseits sadistische Anklänge besitzt. Es ist seine Art, mit dem Hass, den er empfindet, umzugehen. Diese Form der Ermächtigung als Reaktion auf eine diffus empfundene Ungerechtigkeit - die Welt gab mir nicht das, was ich verdient hätte - könntest du meiner Ansicht nach sprachlich weiter ausreizen. Hier, finde ich, bleibt dein Text zu einfach. Einige Formulierungen wiederholen sich. Sind auch die schwierigsten Stellen, keine Frage. Andererseits liegt bei dir die Messlatte einfach höher. Aber dazu später mehr.

Alex ist ein Mensch, der das Töten als Bewältigungstechnik erlernt. Dass er jedoch nie an einer Stelle eine Form von Schuld anklingen lässt, dass er nicht zweifelt, dass er sein Handeln sofort als richtig empfindet, dass seine narzisstische Bubble nicht verlassen wird ... schwierig. Du treibst ja Alex aus einer Form von Hass über das Töten in Ruhe und Gelassenheit. Zurück in den Alltag, nach den Morden ... was empfindet er? Reflektiert er das? Erkennt er, dass das falsch ist? Hat er Angst vor der Polizei? Nur beim Mord des Alten taucht sie kurz auf. Auch hier die Frage nach der psychologischen Plausibilität.

Diese Momente des Tötens sind Momente eines "Etwas", verbunden mit einer religiösen Wirkung. Das religiöse Motiv flechtest du geschickt ein, du ziehst es raffiniert durch den Text und setzt es als letzte Barriere, die Alex durch das Töten überwinden muss, um in eine göttliche Ruhe (?) zu führen. Ob es das braucht? Meiner Ansicht nach nicht. Aber das ist, welch Wunder, Ansichtssache.

Obwohl der Text in Europa spielt, wirkte er auf eine seltsame Weise us-amerikanisch auf mich: Die Trucker, die Raststätte, die Autobahn als Ort eines perspektivlosen Weiter, weiter. Dieses Road-movie-artige aus sozialer Verzweiflung, die Gefühlskälte gegenüber Schwangerschaft und Familienmitgliedern ... der Alte, der alleine in seiner Hütte lebt ... eine gesetzeslose Welt zwischen Matratzen, die blank auf dem Boden liegen ... Gewalt. Motive aus der us-amerikanischen Literatur. Mich erinnerte das vage an Fay von Larry Brown (eines meiner Lieblingsbücher). Ist das eine Kritik? Überhaupt nicht. Es ist nur eine Auffälligkeit.

Dein langer Text führt zwangsläufig - unter Beachtung der Steigung einer Regressionsgeraden mit x=Textlänge und y=Anzahl der Stellen - dass die Zahl der aufgefallenen Stellen ansteigt. Das mag den Eindruck eines schlechten Textes erwecken, was es definitiv nicht soll - und auch nicht den Eindruck eines Korinthenpulers in der Henning-Bäckerei an der Windmühlenstraße, der nie zufrieden sein kann und seine angebliche kritische Einstellung als eine besonders analytische Seite des eigenen Selbst verkauft, was, gelinde gesagt, großer Quark ist. Nein, ich habe deine Geschichte sehr gerne gelesen. Sie wirkt auf mich als Teil eines noch größeren Ganzen, der meiner Meinung nach hin- und wieder einer stilistischen Überarbeitung bedarf, keiner inhaltlichen. Das allerdings ist mal wieder Ansichtssache. Klar. @zigga - ich habe "Am Ufer" sehr gerne gelesen!

Die Stellen:

Die Türkette war noch eingehakt. Das Weiß in Alexʼ Auge war blutunterlaufen, die Hände hatte er im blau-gelben Kapuzenpulli.
Generell fällt mir Deine häufige Verwendung von Hilfsverben auf, "war" oder das erzählende "Es war ...".

Er schloss die Tür, hakte die Kette aus, und als er den Griff wieder nach unten drückte, schob sich Alex schon an ihm vorbei.
Hm hm, vielleicht in zwei Sätze trennen?
Sein großer Bruder stand vor der geöffneten Kühlschranktür und trank Multivitaminsaft aus einer der Zwei-Liter-PET-Flaschen, die Kapuze halb über den Kopf gezogen.
Hm, halb über den Kopf gezogen ... ich kann mir vorstellen, dass du hier detallierter sein könntest. Vielleicht auch beschreibender, mit einem weiteren Satz "Halb" wird umgangssprachlich sehr häufig verwendet ("halb wach, Halbschlaf, halb fertig, halbe Strecke"). Die Stärke deines Milieus zeigt sich in sprachlichen Details, nicht in umgangssprachlichen.
Drüben lief noch der Fernseher. Um diese Uhrzeit lief auf keinem Sender etwas, das ihn interessierte.
Vielleicht straffen. Oder einen Satz, der die Dauerbeschallung durch das Fernsehprogramm verdeutlicht. Interessiert ihn was am Fernseher?
Es war seltsam
Eine häufig verwendete Formulierung, "seltsam" dient in deinem Text als Beschreibung für verschiedene Gefühle ... hm ... vielleicht hier etwas variieren? Gut, der Text reflektiert ja stärker das Denken von Alex.
Er hatte einen Bart bekommen; seltsam, seinen Bruder mit Bart zu sehen.
Vielleicht eine genauere Zeitangabe zu Beginn und das "seltsam" ändern?
Kleiner Papagei, wadde?
Meiner Ansicht nach braucht es keinen Dialekt zur Milieubeschreibung. Es ist ja v.a. die Perspektivlosigkeit, die dein Text herausarbeiten möchte, die Situationen, in denen sich die Charaktere bewegen, nicht die gesprochene Sprache, die beim Leser Wirkung erzielen soll.
Sie trugen enge, ausgewaschene Jeans, Bauchfrei, schmierten sich Lipgloss auf die Lippen und hielten Pall Malls oder Marlboros in ihren Händen, dort am Radweg hinter den Tankstellen, die kleine, bewachsene Klippe runter, »am Ufer«, wie sie es nannten, direkt in einer Böschung am Weiher.
Kleine Details: "schmierten", hm, da könntest du etwas neutraleres verwenden ... "hinter den Tankstellen", vlt in den Singular setzen, "in einer Böschung", ist die Präposition korrekt?
Behinderten-Heim
zusammen
Generell könntest du die Wegbeschreibung detailreicher ausgestalten, ist aber Ansichtssache. Dein Wohnumfeld spiegelt dann das Milieu stärker wieder. Aber das nur als Kleinigkeit.
»Aber die Mama kommt gleich«, sagte der Junge und sah auf die Digital-Anzeige seiner Armbanduhr.
Digitalanzeige. Warum Uhr? Warum nicht Smartphone (die ich generell vermisst habe, aber egal^^)
Er war ein weißer Deutscher, fast zwei Meter groß, mit rahmenloser Brille, halblangem, grau-schwarzem Haar und einer seltsamen Kerbe inmitten seiner linken Zeigefinger-Kuppe, die das Fleisch merkwürdig entzwei teilte. Als sie den Dobermann eines Tages zum Ufer führten, sagte Alex, es sähe aus wie ein Arsch. Er sagte: Fingerarsch, und sie hatten bis zum Ufer gelacht, und als er sich mit Hektor ins Geäst setzte und seinem großen Bruder weiter hinterher blickte, sah er ihn noch immer lachen.
Das Fingerarsch-Detail finde ich großartig. Das sind Details, die Milieu, Stimmung, Situation stärker und realistischer schildern als die Energy-Drinks der geschminkten Mädchen am Ufer. Energy-Drinks sind Gegenstände sozialer Einordnung; von außen sehr sichtbar, Merkmale, die für jeden die soziale Schicht, das soziale Milieu markieren und in einem Text verdeutlichen sollen.

Weißer Deutscher ... das klingt nach einer Bezeichnung aus einer in die politische Mitte strebenden linken Bubble ... für mich klang es seltsam.

Es war eines der seltsamen, unausgesprochenen Dinge, die er zuerst aus der Erwachsenen-Welt seiner Mutter durchschaute:
Empfand ich als sehr erzählend, ein Satz, wie er nach einer Runde Durchatmen beginnt.
Er hatte die Flasche Multivitaminsaft mit herübergenommen und nippte an ihr.
Auch hier vlt detallierter, woher hat er die Flasche genommen?
Lesebrille auf der Nase
Benutzt du bereits in der Alper-Beschreibung.
Er ging so, als ob er zum Weiher oder sonst wohin gehen würde.
Könnte etwas ausdrucksstärker formuliert werden.
Vor der Sparkasse knackte er ein altes, lila Damenrad, dann fuhr er am Rand der Landstraße entlang bis zur Tankstelle. Shanika stand dort mit Sturzhelm und Sonnenbrille auf dem E-Bike ihres Vaters
Hm. Geht das so einfach? So lässig, so normal? Passt das ins Milieu? Beobachtet ihn niemand (ist ja immerhin eine Sparkasse, die steht ja nicht hinter einem hausgroßen Stein)? Warum taucht sein kriminelles Handeln so spät im Text auf? Außerdem: Altes Fahrrad, platte Reifen, verbogene Felgen, Bremsen lala, Satteleinstellung verrostet ...
»So willst du abhauen?«, sagte er und lachte.
»Wenn ich schwanger bin«, sagte sie und zuckte mit den Schultern.
Hm. Shanika scheint sehr emotionslos mit ihrer Schwangerschaft umzugehen. Soll das eine "Härte" des sozialen Milieus ausdrücken? Eine Perspektivlosigkeit, ein Fatalismus?
Schließlich fuhren sie jeder getrennt nach Hause, ohne etwas ausdiskutiert zu haben; und als er sie Wochen später wiedersah, war ihr Bauch so flach wie eh und je.
War ihr Bauch überhaupt rund? In welchem Monat befand sie sich?
Sie saßen am Küchentisch und er konnte nicht aufhören, auf Nanas speziell angefertigten Schuh mit den hohen Absätzen zu starren.
Wenn sie am Küchentisch sitzen, wie kann er die Schuhe sehen? Hat er die Beine auf dem Tisch?
der Shaun. Er hasste dieses ganze Leben. Er hasste diese Küche und er hasste diese Wohnung. Er ging zur Spüle, zog das Schubfach darunter hervor und nahm das Hackmesser mit dem großen Griff in die Hand. Er spürte, wie dieses Etwas in ihm aufstieg, als sei es schon immer er selbst gewesen. Er ging zurück in die Küche und stand einen langen Augenblick hinter Nana, starrte das kurze, wippende Bein und die glattrasierte Glatze an. Shaun saß am Tisch gegenüber und lachte sein Shaun-Lachen, die Augen weit nach oben in den Schädel gedreht und weiße Spucke in den Mundwinkeln. Als er ausholte und mit dem Hackmesser-Griff zuschlug, sprang seine Mutter kreischend auf, aber es dauerte keine zwei Sekunden, da lag der Hundertzwanzig-Kilo-Nana regungslos auf dem ausgeblichenen Linoleum-Boden.
Hui ... ja ... hm. Ist das realistisch? Anders gefragt: Geht das so leicht? Wenn Alex in der Küche einen Moment stehen bleibt ... merkt Nana nicht, dass sich etwas verändert? Reagiert er nicht auf Shaun? Schwierig.
Was war das?
Könntest du streichen. Insgesamt gewinnt jetzt die Story an Fahrt, sie wirkt flüssiger, konsequenter in der Entwicklung.
Mercedes am Straßenrand stehen. Das Seitenfenster war einen Spaltbreit offen, und er konnte seine Hände hindurch stecken, die Scheibe nach unten drücken. Er setzte sich in den Wagen, positionierte den Rückspiegel, brach die Seitenverkleidung des Lenkrads ab, zog die Drähte aus dem Schloss, hielt den roten an den schwarzen und fuhr anschließend hinauf bis in die Siedlung.
Erneut die Frage: Ist das realistisch? Geht das so einfach?
Er wusste, dass es ihm nicht schwerfallen würde, seine Freundin zu überreden, mitzufahren. Sie hatte eine Großmutter und eine Cousine hier im Ort, an denen sie hing.
Klang für mich widersprüchlich.
Was für ein Mensch war er?
Könntest du auch streichen.
aber leise, erschöpft.
vielleicht Komparativ?
fuhr sich durch das verschwitzte Haar
Benutzt du recht häufig. Bewusste Verwendung?
Er war wütend über etwas, das er nicht greifen konnte.
Ketzerische Frage - eigentlich beschreibst du ja, über was er wütend ist: Ungerechtigkeit, Unfairness, der Eindruck des chancenlosen Lebens, das seine Grandiosität nie bestätigte ...
versorgten das Baby und tranken Booster-Energy, und anschließend legten sie die Babyschale mit dem Kind wieder auf die Rückbank und gingen zum See.
Auch die verschiedenen Marken von Energydrinks nehmen als charakteristisches Merkmal des Milieus einen großen Raum ein. Du kategorisierst hier "mikroskopischer" als mit den anderen Details: Kind, Rückbank, See, Booster-Energy. Was meine ich damit? Analogie:

Kategorien Nahrungsmittel: Gemüse, Obst, Fleisch, Süßigkeiten, Backwaren ...
Kategorien Obst: Apfel, Birne, Pflaume, Nektarine ...
Kategorien Apfel: Boskop, Golden Delicious, Dülmener Holzrosenapfel ...

Sie und ihr Baby totschlagen, mit der Landschaftsgärtnerei ein Loch in einem fernen Garten graben, sie mit Erde zuschütten und mit einem gestohlenen Wagen so weit wie möglich wegfahren.
Ist natürlich eine Stelle aus seinen Gedanken. Sehr pathologisch; die Phantasien drehen sich um Macht und Vernichtung, nicht Kooperation und Aufbau, kein Fernziel einer intakten Familie. Vielleicht Loch ersetzen?
Sein Herz raste. Ihm war kotzübel. Er war wütend über etwas, das er nicht greifen konnte. Er spürte sie neben ihm zittern. Ihr Hyperventilieren.
Finde ich eine wichtige Stelle, da hier Emotion über körperliche Reaktion ausgedrückt wird ... könntest du weiter übertreiben, wenn du möchtest.
Das Baby schrie. Ihre Augen richteten sich gläsern und panisch auf ihn. Sie blickte sich kurz auf die Handfläche, sah all das Blut, das aus ihrer Nase strömte, und sah dann wieder zu ihm. Der vertrocknete, braune Rasen neben ihnen. Der Urin-Geruch der Rastplatz-Toiletten. Die drückende, schwere Hitze. Das Schreien des Kindes. Das Hupen eines LKWs ein paar hundert Meter entfernt von ihnen.
Gute Stelle! Ein paar hundert Meter entfernt ... vielleicht ein paar weniger Meter?
Als der Motor eine Dreiviertelstunde später zu stottern begann, bog er auf den Standstreifen und zog die Handbremse. Er hatte kein Geld für Benzin.
Ist tatsächlich eine der wenigen Zeitangaben in deinem Text.
Er legte mehrere Pausen unter dem Schatten von Bäumen und Brücken ein, die ihn auf seinem Weg neben der Leitplanke passierten, weil er befürchtete, ansonsten umzukippen.
Hm, hier erneut der logische Nörgler (LNÖ). Der LNÖ sagt: Warum läuft er so lange? Hat er keine Sorge vor der Polizei? Ruft niemand die Polizei? Nicht wegen seiner Tat, sondern wegen eines Passanten an der Autobahn. (Mensch, das ist Deutschland, das ist ein Autobahnland und die Autobahn hat passantenlos zu sein :-D ) Mehrere Brücken, mehrere Bäume, für mich klingt das nach einer langen Zeit.
die Silhouette einer versprengten Siedlung.
Ein Dorffrankfurt! Hm, vielleicht Silhouette streichen ... hört sich so nach Großstadt an und Markanz an, dabei geht es ja um ein paar Häuser, die sich knapp über den Feldern erheben.
Seltsame Gedanken in seinem Kopf, und dann wieder keine. Immer wieder das Bild des am Kreuz hängenden Jesus und das Gesicht seiner Mutter vor Augen, und dann das Gefühl, über weite Wassermassen zu blicken, einen ganzen Ozean austrinken und in sich aufnehmen. Die Mädchen »am Ufer«. Seine Tochter, die er selten so nannte. Meterhohe LKW, die hupend und mit Luftzug an ihm vorbei rasten. Über allem die Sonne wie das wache, strafende Auge jener uralten, ersten Mutter, deren Kindeskind auch er war.
Das schreit nach winzigen Details. Ein Kaugummipapier auf dem Küchentisch, das Shaun immer ableckte, das Panzertape um die Radioantenne des Autos ...
Als sie ihn an sich vorbeigehen sahen, verstummten die Kinder und blickten ihn mit großen Augen an.
Tolle Reaktion!
Frage: Warum sucht er in der Raststätte nicht nach Wasser?
Einige Minuten später sah er den Shell-Mitarbeiter aus dem Shop wieder zu ihm herüber hetzen, mit einer kleinen Flasche Fanta und einer Bäckertüte beladen.
Warum nicht Wasser? Beladen ... hm, das klingt nach schwerem Gewicht.
Er folgte eine Dreiviertelstunden den Feldweg durch den Wald.
Erneut eine Zeitangabe. Ist der Kasus korrekt?
okkerfarbenen
ocker
schief und mit dicken Betonfugen angeordnet waren.
Vielleicht Aktiv statt Passiv verwenden?
Alles drehte sich in ihm.
Ist, glaube ich, das dritte Mal, dass du diese Formulierung verwendest.
Der Mann rollte zu einem der Schränke, bückte sich, öffnete die Tür und hielt eine Dose Baked Beans in der Hand.
Kurz zurück: Vielleicht statt Baked Beans Erbseneintopf? Oder Linsentopf?

Instinktiv fragte ich mich, wie alleine der Mann lebt. Wie versorgt er sich? Besucht ihn jemand? Er ist auf den Rollstuhl angewiesen - wer organisiert das? Erhält er ärztliche Hilfe? Fragen, die im Text keine Rolle spielen, interessieren tut es mich trotzdem :-D

Er wachte im Wohnzimmer des Alten auf. Alles war dunkel; nur der bläulich grauende Nachthimmel brach durch die Fenster
Hm, hm, klingt sehr allgemein.
Dazwischen Stapel von Zeitungen und Zeitschriften, Kartons und ein Hundekorb.
Hm, wirkt umgangssprachlich.
Er hasste Anna so sehr. Er hasste seine Mutter so sehr. Und er hasste Shaun. In Gedanken gab er ihnen die Schuld an allem; an seiner Ausweglosigkeit. Er wusste, dass er nie von Anna und dem Kind loskommen würde. Er müsste ihnen ein Leben lang Geld zahlen. Er müsste ein Leben lang buckeln. Steine schaufeln, die Schreie des Chefs.
Die Momente des Tötens leitest du mit einer Tirade an Hassgefühlen ein. Der Hass sprüht gegen alles und jeden; er wird aufgezählt und soll (denke ich) dem Leser den Eindruck eines omnipräsenten Hasses geben, der das Denken und Handeln verzerrt, konzentriert und nur über einen extremen Akt roher Gewalt - dem Töten - gelöst werden kann. Diese Eskalationsspirale ist die schwierigste Stelle in deinem Text. Ich habe einen Heidenrespekt davor, sich an ein solches Thema zu wagen; dennoch bleibt bei mir der Eindruck eines statischen Musters. Es ist ja nur der Hass, es ist nichts anderes; es ist eine Steigerung, die sich wiederholt, damit sicherlich die Dramatik antreiben möchte. Ich weiß, hier bin ich sehr, sehr kritisch und ob ich eine Idee hätte, wie es anders geht - ehrlich gesagt - nein. Nein, habe ich nicht. Außer vielleicht: Mehr Momente einfügen, in denen ich als Leser auch Ungerechtigkeit und Mitleid Alex gegenüber empfinden kann. Nicht allgemein als "Mobbing" sondern eine konkrete Szene aus der Schulzeit ... wie er ein schönes Gedicht geschrieben hat und ausgelacht wurde, wie er sich auf eine Klassenarbeit vorbereitet hatte und ein anderes Thema wurde behandelt, woraufhin der Lehrer ihn für dumm erklärte ... wie er betrogen wurde ... wie ihn seine Mutter für ein undankbares Kind hielt, beim Fernsehschauen, zwischen den Zeilen, ganz leise und kurz benannt.
Er sah die Wellensittiche oben auf den Küchenschränken in ihren Käfigen sitzen, ihn ansehen, mit dem Gefieder flattern.
Finde die Wellensittiche ein starkes Detail in der Mordszene. Vielleicht sollten sie sich aber sehr ruhig verhalten? Als Kontrast zu Alex?
Das Gefühl, abseits der Gesellschaft zu stehen.
Klingt sehr erklärend.
Jede Handlung war Teil des Rituals.
Ja, hm, der religiöse Background bleibt Geschmackssache. Meiner Ansicht nach braucht es ihn nicht.
Er streckte die Zunge aus und leckte über das lederne Ende des Gürtels, vor und zurück, ließ den Geschmack des Leders in den Gaumen ziehen. Er atmete tief ein und aus.
Eine der stärksten, szenischen Stellen in deinem Text.
Wie die Ozeane, gab es keine Richter über ihm.
Vielleicht streichen?
Je mehr er den Alten strangulierte, desto mehr war das Etwas in ihm; das Etwas, das er selbst war.
Vielleicht "je länger?"
»Du Köter«, sagte Alex.
Probier mal aus, nach Alex einen Absatz einzubauen. Mit diesen kurzen, starken Sätzen ordnest du die Handlung zeitlich, dehnst sie mit einem Absatz zeitlich aus.
Er war der Gott der Bäume.
Irgendwie witzig :-D
streifte sich durch die Haare.
taucht zum dritten Mal auf
Er überlegte, noch einmal hoch zu dem Alten zu gehen, um ihn sich anzusehen.
klingt unrund
Er hatte das seltsame Verlangen zu tanzen.
könntest du streichen
Das Strangulieren und Hinrichten war wie das beste Videogame, das er je gespielt hatte.
würde ich streichen. Er will ja das Reale, nicht das Simulierte.

Das war's!

Lg aus Leipzig,
kiroly

 

CoK

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Hallo @zigga

ganz schön schwere Kost für mich, deine Novelle. Der Weg eines ekpathieschen Mannes zum Psychopathen und Serienkiller.
Ich bin mir sicher, schreibtechnisch und inhaltlich konnten dir kiroly und die anderen Kommentatoren vor mir besser helfen. Wenn du erlaubst, möchte ich dir trotzdem ein paar meiner Gedanken mitteilen.

Die geschwollene Lippe und der fingernagellange Riss unter dem rechten Auge seines großen Bruders waren nicht das, was den Jungen beunruhigte, als er den Schlüssel der Wohnungstür nach links drehte, die Tür einen Spaltbreit öffnete und Alex im gleißenden Licht des Flurs von einem Bein auf das andere treten sah.
Mir gefällt dein Einstieg aus der Perspektive des kleinen Bruders.
Was ich allerdings nicht weiß, ist der Zeitpunkt? Ich dachte dein Schluss würde daran anschließen, dass ist jedoch falsch. Weil hier der kleine Bruder die Tür aufmacht und am Ende deiner Geschichte liegt er auf dem Sofa.
»Wo warst’n die ganze Zeit?«, sagte der Junge und steckte sich die Hände in die Hosentaschen, noch an der Küchenwand gelehnt. Oben links an der Decke, in der Ecke neben dem Tellerschrank und über dem Platz, an dem die Kaffeemaschine immer stand, war ein dunkler, grau-schwarzer Wasserfleck in die Tapete gezogen.
Mir gefällt es auch im weiteren Verlauf deiner Geschichte, dass du immer wieder Details aus der Umgebung beschreibst.
»In Reiterswiesen«, sagte er, »weißte doch.«
Verstehe ich nicht ganz, wo sind die Reiterswiesen?
Er war vollkommen ruhig. Er war so ruhig, wie er lange nicht gewesen war. Vorhin war da die Euphorie gewesen, etwas Lebendiges, Aufputschendes. Wann war er jemals so glücklich gewesen wie vorhin? Er hätte sich nie vorstellen können, dass man sich fühlen konnte wie vorhin.
Wie ein Suchtkranker …und er will es wieder fühlen. Toll beschrieben.
Er ging zurück in die Küche und stand einen langen Augenblick hinter Nana, starrte das kurze, wippende Bein und die glattrasierte Glatze an. Shaun saß am Tisch gegenüber und lachte sein Shaun-Lachen, die Augen weit nach oben in den Schädel gedreht und weiße Spucke in
Hier wundert es mich, dass sein kleiner Bruder nicht reagiert.
Im Heim lernte er ein Mädchen mit einem Tattoo auf dem Hals und der linken Schläfe kennen. Er erzählte ihr von seinem Bruder Shaun und dass er den gewalttätigen Freund ihrer Mutter mit einem Schraubschlüssel niedergeknüppelt hätte.
Er weiß wie man lügt und manipuliert.
Als sie später am Wagen ankamen, lag das Kind bewusstlos und mit einem dunkelroten Kopf in der Babyschale. Sie schnallte es ab, hob es aus dem Auto und schüttelte es. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. »Shit«, sagte sie, mit der Sonnenbrille auf, und sah Alex an.
Das mit dem Baby im Auto solltest du noch einmal überdenken: Bereits nach 15 Minuten im heißen Auto können Babys und Kleinkinder sterben. Zumal sie weniger schwitzen als Erwachsene und schneller über und dehydrieren.
Vielleicht hatte er sie nachts aussteigen hören und so getan, als ob er schlief. Vielleicht war sie zu einem der Trucker eingestiegen und schon längst in einer anderen Stadt, in einem fremden Land. Vielleicht war sie längst tot. Vielleicht saß sie gerade mit dem Kind in der Raststätte und wartete, dass ihre Großmutter sie abholen käme.
Dieses vielleicht nehme ich ihm nicht so ganz ab. Mir hätte es ohne diesen vielleicht-Abschnitt besser gefallen.
Er dachte, dass Nana und seine Mutter schuld daran wären. Er dachte, dass Gott schuld daran wäre. Wieso hatte Gott ihn so scheiße behandelt?
Typisch für Psychopathen immer die anderen haben Schuld.
Im Shop kaufte er sich für drei Euro eine kleine Flasche Coca Cola. Er dachte an den Gekreuzigten. Er sah Jesus vor seinen Augen.
Immer wieder der Bezug zu Gott und hier zu Jesus, ich frage mich wie der entstanden ist.
Er dachte nach, wie er weg von hier kommen könnte.
Er dachte nach, wie er von hier weg kommen könnte. (klingt das nicht runder?)
Er dachte daran, schwarz mit einem Zug zu fahren, aber er wusste nicht, wo ein Bahnhof sein sollte
Sein sollte klingt für mich geschwollen: wo ein Bahnhof ist.
Alex trank ein paar Schlucke und setzte sich schließlich auf. Für einen Augenblick war da etwas in ihm, das sich tot anfühlte; als sei dort in der Mitte seines Bauches ein großes Etwas – ein Organ – das da nun abgestorben verklumpen und in ihm hängen würde. Vielleicht hing auch der Gekreuzigte in ihm. Er fasste sich an den Bauch; er hatte fürchterliche Bauchschmerzen.
Ist hier der physische Tod eines „Normalen“ der zu einem Psychopathen wird?
In seinem Mund fehlten einige Backenzähne.
Kann er wirklich sehen das Backenzähne fehlen und ist das wichtig?
In seinem Mund fehlten einige Zähne.
Er hasste Anna so sehr. Er hasste seine Mutter so sehr. Und er hasste Shaun. In Gedanken gab er ihnen die Schuld an allem; an seiner Ausweglosigkeit. Er wusste, dass er nie von Anna und dem Kind loskommen würde. Er müsste ihnen ein Leben lang Geld zahlen. Er müsste ein Leben lang buckeln. Steine schaufeln, die Schreie des Chefs. Er zündete sich eine Zigarette an. In Gedanken gab er seiner Mutter die Schuld an allem. Er gab den Männern die Schuld an allem; seinem Vater, den er nie kennenlernte, und Nana. Er gab die Schuld dem, was andere die Gesellschaft nannten
Dieser tiefe Hass und diese Schuldzuweisungen beschreiben sehr gut einen Psychopathen.
Der Richter hatte ihn unfair behandelt. Die Erzieher im Heim hatten ihn unfair behandelt. Die Frauen hatten ihn unfair behandelt. Ganz besonders die Frauen.
Auch hier wieder, immer die anderen sind schuld. Alle Verantwortung wird abgeschoben.
Er hasste Anna so sehr. Er hasste das Kind so sehr.
Für mich bräuchtest du es nicht ganz so oft zu wiederholen.
Mutter, ich möchte dir mit meiner blanken Faust langsam und genüsslich jeden einzelnen deiner Zähne aus dem Mund schlagen. Ich möchte dir ein Gummiband um den Hals knoten und daran ziehen, um zu sehen, wie du spuckst und Angst vor mir kriegst.
Hier frage ich mich ob er diesen Mann als Ersatz für seine Mutter tötet.
Das Übergottstehende durchstrahlte seinen Körper. Das Etwas in ihm war etwas Großartiges. Er war großartig. Er hatte immer gewusst, wie besonders er war.
Dieses übersteigerte Selbstwertgefühl so großartig wie Gott zu sein, sogar noch über Gott zu stehen. Du beschreibst ihn sehr gut diesen kranken Menschen.

Er spürte, wie Gott ihm unterstand.
Gott ist meine Hure.
Für mich ist diese häufige Gottbeziehung fast ein bisschen zu oft.
Das Übergöttliche. Auf eine seltsame Art wartete Alex auf das Eingreifen Gottes; aber da war kein Gott. Je mehr er den Alten strangulierte, desto mehr entfernte Alex sich von der Welt.
Das ist für mich ein Schlüsselsatz.
Du bist großartig, sagte es. Wer will dir im Weg stehen, wenn nicht einmal Gott es kann? Er war der Zerstörer des Gesetzes. Nicht einmal Gott war so frei wie er. Er konnte tun und lassen, was er wollte.
Dieser ebenso.
würde Stahlgerüste aufbauen, Kies schaufeln oder eine der dummen Programme des Jobcenters mitmachen. Er würde in irgendeinem nach Schimmel stinkenden, fensterlosen Raum sitzen und Teile zusammenkleben.
Aber er hätte das Töten
Er weiß wie man das soziale Spiel spielt.

Deine Novelle hat mich sehr gefesselt und ich finde, du hast sie beängstigend realistisch dargestellt. Das ist es auch was mich am meisten erschreckt hat. Dieses mit dem Psychopathen denken, seine Gefühle erfahren und die Angst spüren, dass es solche Menschen wirklich gibt.


Liebe Grüße von der schwäbischen Alb
CoK

 

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