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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Andalusischer Regen

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Andalusischer Regen

Dick und schwer prallten die Regentropfen auf die Windschutzscheibe. Sie zerplatzten wie schwere Käfer, die man zertrat, und die Scheibenwischer fegten sie weg und verschmierten das Wasser mit dem Staub, der darauf lag, zu einem Brei. Im Radio spielten sie »It Never Rains in Southern California«. Mag sein, dachte er. Aber hier in Andalusien regnete es. Es war Ende März, und in Andalusien regnete es. Er war schon einmal im März in Andalusien gewesen. Damals vor 20 Jahren hatte es nicht geregnet. Es schien die Sonne und wie damals passte auch heute das Wetter zu seiner Stimmung.

Es war ihre erste gemeinsame Reise gewesen. Jetzt war der Beifahrersitz leer. Wie der kleine Ort am Meer und der Strand. Die Läden geschlossen. Jetzt war noch keine Saison. In vier Wochen drängten sich die Touristen durch die engen Straßen, waren die Straßencafés bis spät in die Nacht geöffnet und voller Leben, quoll der Strand über aus einer Melange nackter Brüste. Große, kleine, pralle, schlaffe, alte, junge; solche, die mit Silikon verstärkt waren und andere, die der Schwerkraft nichts entgegensetzten. Die jungen Spanierinnen bewegten sich gleichberechtigt oben ohne in der Menge, während ihre Mütter züchtig im Badeanzug oder einem Kleid im Sand saßen. Er kannte den Strand zu vielen Jahreszeiten.

Jetzt hockten nur zwei junge Männer auf der kniehohen Mauer, die Promenade und Badebereich trennte. Sie starrten aufs graue Meer, das endlos in die Ferne führte, wo es in einen grauen Horizont mündete.

Er wartete, bis der Regen den Brei aus Sand und Wasser von der Windschutzscheibe gespült hatte. Dann ließ er den Motor an. Die beiden jungen Männer sahen herüber und beobachteten ihn. Er winkte ihnen zu, sie winkten zurück.

Am Restaurant bog er in die schmale Straße ein und landete direkt auf dem Hotel-Parkplatz. Den Wagen stellte er unter den Palmen ab, die dem Hotel den Namen gaben: »Tres Palmeras«.

Er drückte die Glastür mit den drei Palmen auf. Der Patrón hinter dem Tresen erkannte ihn sofort. Ein freudiges Lächeln überzog das zu jeder Jahreszeit gebräunte Gesicht.

Sie umarmten sich wie alte Bekannte, die sie ja auch waren.

»Buenos tardes, Señor Bluhm.«

»Qué tal Patrón?«

»Vielen Dank. Es geht mir gut. Die Saison steht bevor, und wir haben noch viel vorzubereiten. Was treibt Sie hier her? Jetzt, bei diesem unspanischen Wetter?«

»Haben Sie ein Zimmer für mich, Señor López?«

»Selbstverständlich.« Er trat in sein Heiligtum, hinter den hufeisenförmigen Tresen, und blätterte in einer Kladde.

»Ich hatte mich grade mit den Anmeldungen für den nächsten Monat beschäftigt.«

»Wann schaffen Sie sich endlich einen Computer an, Patrón?«

Der legte den Kopf schräg und sagte traurig: »Bald. Spätestens nächstes Jahr wird es unser Finanzamt nicht mehr erlauben, einen kleinen Betrieb wie der unsere es ist, ohne elektronische Datenverarbeitung zu betreiben. Eine Schande.«

Dann zeigte er auf den schmalen Empfang: »Wo soll ich den nur hier unterbringen?«

Vom Brett an der Wand nahm er einen Schlüssel, auf dessen schwerer Messingkugel eine schwarze 35 eingraviert war: »Ich habe hier Ihr Musikzimmer.«

Claus Bluhm lächelte gedankenversunken. Ja, damals, als sie zuletzt gemeinsam hier übernachteten, hatten sie ihre Saxofone dabei. Abends übten sie im Zimmer. Am nächsten Morgen spendierte der Patrón das Frühstück: »Wegen Ihrer schönen Musik.«

Jetzt aber fragte er: »Ihre Frau ist noch draußen am Auto?«

Bluhm schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin allein.«

Der Kopf des Patrón ruckte hoch. »Oh! Was ist passiert?« Dann eine verlegene Geste: »Entschuldigen Sie, es ist nicht meine Angelegenheit.«

»Wenn Sie die Zeit aufbringen, Señor López, trinken Sie mit mir ein Glas Rotwein, sobald ich das Gepäck ausgeladen habe?«

»Si con gusto. Ja gerne«, sagte der Patrón. »Lassen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen.«

Vom Balkon seines Zimmers sah er das graue Meer, in der anderen Richtung lagen die Berge. Sie waren heute in Nebel und Regen gehüllt. Nicht einmal ihre Schemen erkannte er. Bei schönem Wetter sah man die Spitzen der Sierra Nevada, die bis in den Hochsommer weiße Kappen trugen.

Er hängte seine Jacke in den Schrank, die Reisetasche stellte er auf den kleinen Tisch mit der Wasserflasche und den zwei Gläsern neben der Balkontür. Er wollte sie auspacken, sobald er zurückkäme. Damals hatten die Saxofon-Koffer auf dem kleinen Tisch gestanden. Daneben die Noten, die eingeklappten Notenständer hatten sie erst aufgestellt, nachdem sie vom Essen zurückgekehrt waren. Und obwohl es eigentlich ein mexikanisches Lied war, hatten sie »La Malagueña« gespielt. In der Hoffnung, die Andalusier nahmen es ihnen nicht übel. Und wieder einmal erlebten sie, dass die Spanier gegenüber ihren Besuchern sehr tolerant und großzügig sind und ihnen die für seine Begriffe mangelhafte musikalische Aufführung verziehen.

»Kommen Sie«, sagte der Patrón. »Ich habe einen schönen Tisch im Restaurant. Trinken Sie lieber einen weissen oder eher einen roten?« Aber noch bevor Claus antworten konnte, diagnostizierte der Hotelier: »Ah … ich sehe es Ihnen an. Sie bevorzugen den roten. Und sicher einen trockenen«. Nach einem weiteren kritischen Blick in Bluhms Gesicht, stellte er sachkundig fest: »Und es sollte kein Rioja sein? Wunderbar, das kommt mir als Andalusier sehr entgegen.«

Er führte ihn zu einem Tisch für zwei am Ende des nicht sehr großen Restaurants. »Nehmen Sie bitte Platz. Um den Wein kümmere ich mich.«

Er war schwer und trug den Geschmack von dunklen Beeren in sich, die auf kalkigem Boden gediehen waren. Eine zweite Flasche Weißwein stand ungeöffnet auf dem Tisch.

»Unsere Weißweine sind noch besser als die hier produzierten roten. Da haben die im Rioja-Gebiet uns einiges voraus«, gestand der Patrón. Er griff in die Schale mit Pistazien, schälte zwei und steckte sie sich in den Mund.

»Das letzte Mal, als wir hier waren …« Bluhm stockte. »… unsere Ehe steckte schon damals in einer Krise, von der wir hofften, sie mit einer Reise in unsere gemeinsame Vergangenheit bewältigen zu können. Wir wollten sehen, ob wir uns dort, wo wir uns einst wohl gefühlt hatten, einander wieder annähern.«

Er drehte das Weinglas zwischen den Fingern, beobachtete die sich kaleidoskopartig ändernde Spiegelung des Lichts.

»Für die Dauer unserer Reise gelang uns das auch. Aber sobald wir zuhause waren, zerbrach alles. Der Alltag hatte uns im Griff, und wir konnten uns ihm nicht entziehen.« Er nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas. »Wir waren einander fremd geworden. Was uns einst verbunden hatte, trennte uns plötzlich. Naja … dann trennten auch wir uns.«

»Das tut mir leid für Sie beide«, sagte der Patrón. Er hatte still zugehört. »Aber Sie sind nicht allein. Auch ich kenne diese Probleme. Ich bin ebenfalls geschieden. Ja, schauen Sie nicht so erstaunt. Das passiert auch in spanischen Ehen. Aber es war ein deutscher Dichter, der sagte: ‚Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne‘. Ich habe ihn gelesen als ich in Deutschland studierte.«

»Das war Hermann Hesse«, sagte Bluhm. »Deshalb bin ich heute hier. Ich mache unsere erste Reise noch einmal. Allein. Um abzuschließen und dann in einen neuen Abschnitt meines Lebens einzutreten.«

»Wie reisen Sie von hier weiter?«

»Nach Westen. Málaga, Tarifa, Cádiz, Sevilla. Dann nach Portugal. Von Sagres nach Lisboa, Porto, die Costa Verde.«

Der Patrón blickte ihn nachdenklich an. »Eine lange Reise. Sie haben sich viel vorgenommen.«

»Eine Reise wie meine Ehe. Sie war lang, und ich hatte mir viel vorgenommen.«

»Der Regen«, sagte der Patrón, »er wird anhalten. Sie werden weiter durch den Regen fahren.«

»Werde ich …?«

»Ja. Sie werden. Und Sie werden etwas Wundersames erleben. Sie werden ein grünes, ein lebendiges Andalusien erleben. Ein Andalusien voller blühender Bäume, Wiesen, Plantagen. Eine Landschaft, wie ich sie selbst zuletzt vor vielen Jahren in dieser Üppigkeit erlebte.«

Er nahm einen Schluck aus seinem Glas, dann schenkte er nach.

»Falls Sie Ihren Reiseweg ändern und wieder hier vorbeikommen … denken Sie daran. Sie finden hier immer ein Zuhause.«

Sie tranken. Und sie schwiegen.
 
Senior
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Hola @Carl Reiff,

Dein Titel hatte mich sofort am Schlafittchen.
Die Handlung ist dünn, eigentlich ist es nur eine Szene. Doch kein Problem.
Staubtrockenes Andalusien – das reine Abenteuer für Reisende in love.
Oder blühendes Land im Regen, wunderschön, für eine nostalgische Reise. Mit dunklem Himmel wegen des Seelenschmerzes. Andalusien zieht immer; man muss sich nur vornehmen, es zu mögen.
Einen schönen Klang hat Dein Text. Abgeklärt, man kennt das Leben.
Hat mir gut gefallen, nur beim Wein gab‘s einen Ausrutscher:
»Wenn Sie die Zeit aufbringen, Señor López, trinken Sie mit mir ein Glas Rotwein, sobald ich das Gepäck ausgeladen habe?«
Der Prota möchte Rotwein.
Dann fragt der Patrón:
Trinken Sie lieber einen weissen oder eher einen roten?«
Hallo? Aber auch diese Frage unter zwei reiferen Männern ist putzig:
… ich sehe es Ihnen an. Sie bevorzugen den roten. Und sicher einen trockenen«.
Räusper. Es geht weiter:
Nach einem weiteren kritischen Blick
in Bluhms Gesicht, stellte er sachkundig fest: »Und es sollte kein Rioja sein?
Was für ein Menschenkenner!! Das ist doch nicht Dein Ernst?

Was uns einst verbunden hatte, trennte uns plötzlich.
Naja … dann trennten auch wir uns.«
Zwei Sätze mit gleicher Aussage, wobei der erste unlogisch wirkt, und phrasenhaft.
Auch das wirkt auf mich phrasenhaft:
… Um abzuschließen und dann in einen neuen Abschnitt meines Lebens einzutreten
Spricht der wirklich so gespreizt?

Was ist unterm Strich zu sagen? Eigentlich nicht viel, bin an zu vielen Stellen hängengeblieben.
Sehr schade, denn der Titel war verheißungsvoll.

Doch den letzten Satz finde ich schön:
Sie tranken. Und sie schwiegen.
Ich hätte so gerne mehr gelobt, aber wir wollen uns ja verbessern.
Schöne Grüße!
José

PS: Und einen Totalausrutscher (für meinen Geschmack) gab‘s auch noch:
… quoll der Strand über aus einer Melange nackter Brüste. Große, kleine, pralle, schlaffe, alte, junge; solche, die mit Silikon verstärkt waren und andere, die der Schwerkraft nichts entgegensetzten.
Das ist ja ganz furchtbar. Rotstift bitte.
 
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28.12.2009
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Hallo,

Sie zerplatzten wie schwere Käfer, die man zertrat, und die Scheibenwischer fegten sie weg und verschmierten das Wasser mit dem Staub, der darauf lag, zu einem Brei.
Regentropfen zerplatzen wie Käfer, die man zertritt ... Die Scheibenwischer fegen sie dann weg und verschmieren das Wasser auf der Windschutzscheibe zu einem Brei aus Staub, der da bereits schon liegt. Puh! Sprachlich ungeschickt wäre mal das Mindeste, was man hier konstatieren sollte. Zuviel, Wortdopplungen, unklare, unpräzise Sprache, die einfach ablenkt, die mühselig ist zu lesen, die unverständlich bleibt, wo ich als Leser stocke, hängenbleibe, nach der Richtigkeit frage, beginne den Text zu hinterfragen. Und es macht auch keine Atmosphäre, weil das glasklare Detail fehlt, das Spezifische.

Es war ihre erste gemeinsame Reise gewesen.
Das ist sozusagen die Prämisse der Geschichte. Der Dialog mit dem Kellner am Ende erklärt das dann in der Retrospektive. Da verrätst du einfach viel zu viel. Der Dialog (der im Übrigen sehr unbeholfen wirkt, dazu aber später mehr) kann dadurch gar keine Tiefe entfalten. Die Fallhöhe deiner Figur ist sehr gering, weil ich weiß, ahne: zerbrochene Ehe, kaputte Beziehung, Tod. Ich würde diesen Fakt aus der Geschichte heraus dem Leser präsentieren, es dem Leser zeigen.

Damals hatten die Saxofon-Koffer auf dem kleinen Tisch gestanden. Daneben die Noten, die eingeklappten Notenständer hatten sie erst aufgestellt, nachdem sie vom Essen zurückgekehrt waren. Und obwohl es eigentlich ein mexikanisches Lied war, hatten sie »La Malagueña« gespielt.
Hier werden deine Figuren das erste Mal echt, authentisch. Da bekomme ich eine leise Ahnung, wa sie antreibt, da gibt es einen Kontrast. Im restlichen Text wird das alles rasch nacherzählt, kurz behandelt, da will für mich kein Bild entstehen.

»Das letzte Mal, als wir hier waren …« Bluhm stockte. »… unsere Ehe steckte schon damals in einer Krise, von der wir hofften, sie mit einer Reise in unsere gemeinsame Vergangenheit bewältigen zu können. Wir wollten sehen, ob wir uns dort, wo wir uns einst wohl gefühlt hatten, einander wieder annähern.«
Schon ein sehr unbeholfener Dialog. So direkt spricht niemand. Das klingt sehr gekünstelt, sehr nach Autor. Und vor allen Dingen: DAS hier, total intim, erzählt er einfach dem Kellner bei einer Weinbestellung - recht unwahrscheinlich, auch wenn er diesen länger schon kennt. Niemand platzt so unvermittelt und direkt mit einer solchen Information heraus, das wirkt sehr unmotiviert, und es wirkt dann eben so, als sei der Dialog nur eine Art Stichwort; das muss jetzt eingelöst werden, es ist eine Information, welche die Geschichte benötigt. Gute Dialoge schreiben ist eine Kunst, man sollte den Kompromiss zwischem echtem Soziolekt, gesprochener Sprache und angemessener Literarizität finden.

»Für die Dauer unserer Reise gelang uns das auch. Aber sobald wir zuhause waren, zerbrach alles. Der Alltag hatte uns im Griff, und wir konnten uns ihm nicht entziehen.« Er nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas. »Wir waren einander fremd geworden. Was uns einst verbunden hatte, trennte uns plötzlich. Naja … dann trennten auch wir uns.«
Hier ganz ähnlich, klingt nach dem Philosophen, der in sein Weinglas spricht. Nicht echt, sehr künstlich, sehr gestelzt, so redet niemand.

»Das war Hermann Hesse«, sagte Bluhm. »Deshalb bin ich heute hier. Ich mache unsere erste Reise noch einmal. Allein. Um abzuschließen und dann in einen neuen Abschnitt meines Lebens einzutreten.«
Natürlich kennt der Kellner Hesse, was sonst? 100% Autor. Aber das ist der eigentliche Plot, die erste Reise alleine noch einmal unternehmen, um alles zu verarbeiten. Eine an sich tolle Idee, nur erzählst du diese nicht, du erzählst uns von der Idee davon,, und das ist wie so ein Surrogat, wie ein Versprechen, das nie eingelöst wird. So lese ich einen weinerlichen Typen der sich selbst bemitleidet, ich würde aber viel lieber den Typen begleiten, wie er auf dieser Reise sein Herz heilt. Darüber wird mir aber nie etwas erzählt, auch nicht über die Beziehung der beiden, warum etwas passiert, wie es passierte. Das sind nur vage Andeutungen, bzw Behauptungen, die so unspezifisch bleiben, dass sie banal wirken. Der Alltag, das war es dann. Da ist nichts Konkretes, nichts Echtes, nichts was mir die Charaktere und vor allem die Charaktere in ihrer Beziehung näher bringt. Das bleiben Pappkameraden, leider.

Gruss, Jimmy
 

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