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Serie Andenplatz (1)

Monster-WG
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10.07.2019
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Anmerkungen zum Text

Der erste Teil eines Novellenversuchs. Sehr, sehr viel Text, ich weiß. Erwarte von niemanden, dass er ihn komplett liest. Funktioniert der Text? Ist er zu hämmernd? Vielen, vielen Dank für's Kommentieren. Und bitte keine falsche Scheu vor Negativem, wenn er Mist ist, dann ist er Mist. Danke :-) Lg kiroly

Andenplatz (1)

Elbrich formt einen Schneeball für seinen Bruder und sagt: „Drücke ihn. Erwärme ihn. Lass ihn anschmelzen. Löse den Druck. Ausschlagarm, Abstoßfuß, Wurf. Die Flugbahn wird präziser, der Schneeball trifft.“
Sein Bruder trifft nie, die anderen ihn.
„Dein Körper, Bruder“, seufzt Elbrich, „es ist dein Körper."

In der Grundschule lernen sie die Jahreszeiten des Tieflands kennen. Dort schneit es im Winter, im Sommer nicht. Doch hier in der Bergstadt bricht Sonnenlicht zu ganz eigenen Jahreszeiten. Pfirsiche reifen neben Trauben, die vereisen. Winteroliven, Herbsttomaten, Sommerwurzel. An schattigen Orten übersteht der Schnee die Sommermonate.
„Das nennt sich Jahresschnee“, erklärt der Elbrich: „Das ist der Schnee, mit dem wir im Juli die fetten Touristen am Andenplatz bewerfen.“
Der Bruder lächelt verkniffen.
Später trennen sich am Andenplatz ihre Schulwege. In den kleinen Gassen verirrt sich der Bruder oft, obwohl er schon immer hier lebt.
Fährt Elbrich den Berg hoch, beobachtet er seinen Bruder aus der Bahn. Aus dem Bruder wird Passant und aus dem Passanten ein Pünktchen. Bevor die Bahn in scharfer Linkskurve und mit hohem Warnpfiff in den Tunnel einfährt, hat Elbrich die Augen geschlossen.

Hat jemand den brüderlichen Körper repariert? Seine Teile formen keinen geschlossenen Körper. Sie scheinen an den Rumpf montiert. An der linken Seite zu fest, an der rechten Seite zu locker angezogen. Die Finger stehen in schiefer Reihe. Die Zehen verhaken sich unter Frost. Das Gangbild ruckartig, das rechte Knie leitet die Bewegung des Oberschenkels verzögert an Unterschenkel und Fuß. Der Bruder hinkt. Elbrichs Traum: Ein Arm oder ein Bein schraubt sich aus dem Rumpf des Bruders. Der Bruder bemerkt den Verlust nicht. Er steigt in die Zahnradbahn am Andenplatz ein. Die Fahrgäste blicken in andere Richtungen. Ein Kind schreit und zieht den Notbremshebel, die Bremswucht schleudert den Bruder zu Boden, alle Rippen brechen in kleine Knochenteile. Eine Lache rot wie eine Suppe von Roter Bete. Elbrich wacht auf, blickt zur anderen Zimmerseite. Sein Bruder schläft tief und gut. Man könnte ihn für tot halten, wenn man’s nicht besser wüsste.

Eines Tages beendet der Bruder die Schule. Er kommt nach Hause und legt sich ins Bett. Er zieht die Decke über den Kopf und schläft wochenlang. Bis Elbrich, der Pfirsich ist in der Julisonne gereift, die Decke vom Bruder reißt.
„Lehrstelle! Bewerbung! Ins Leben starten!“
Er greift seine schiefen Füße, Klumpen aus verwachsener Haut. Zerrt den Körper auf den Boden. Schleift den krummen Körper in die Dusche. Braust ihn mit kaltem Wasser ab, mit sehr kaltem Wasser. Das Wasser der Bergstadt fließt aus Schächten des andinen Gebirges. Der Gebirgskern hat es auf wenige Grad über Null gekühlt. Der Bruder reißt die Augen auf, als sei er aus einem bösen Traum erwacht. Elbrich weiß: Weißes Licht und Kälte lassen die Wirklichkeit erkennen. Hatte nicht das der Vater behauptet? Die Augen des Bruders rot vom langen Schlaf.
„Keine Betriebe mit Handwerk oder einem einfachen Handwerk, eines ohne große Belastung, ohne Kontrolle, mit sicherer Zukunftsperspektive“, spricht Elbrich. Der Bruder ein nasser, knochenloser Sack.
„Kein Geld ohne Fleiß. Kein Aufstieg ohne harte Arbeit“, spricht Elbrich.
Er wirft ihm ein Handtuch hin. Der Bruder trocknet seinen Körper.
„Die Zahnradbahn sucht immer. Kondukteure werden am Andenplatz immer gebraucht. Schau, die weiße Uniform, die Ehre, der Bergstadt zu dienen, krisensicherer Arbeitsplatz, betriebliche Altersvorsorge. Sie suchen immer jemanden wie dich“, spricht Elbrich.
Und fügt in Gedanken hinzu:
Mit deinem reparierten Körper, deinen Noten, ein So-Jemand, der Tickets abstempelt und Zahnräder mit Stahlpinsel einfettet. Ein So-Jemand für Hand an Hebel, Bahn fahr‘ hoch, Bahn fahr‘ runter, so jemanden braucht’s im Bahngewerbe. Du bist gut geeignet. Ich bin für dich da.
Der Bruder bewirbt sich am selben Abend.
Er wird angenommen.

In der Kondukteursabschlussprüfung, Theorie II, erhält jeder Prüfling einen roten Stift und einen Gleisplan: Man solle die Gleise rot ausleuchten, die bei Durchfahrt des Zuges von Adorf nach Cdorf gesperrt werden. Der Prüfer ist ein alter Mann. Er hat ganze Generationen in die Prüfung begleitet, junge Frauen und Männer über den Rand der Kindheit ins Arbeitsleben geführt. Er riecht die Souveränität der guten Prüflinge und die Verzweiflung der schlechten. Bei diesem jungen Herren mit krummen Rücken zweifelt er, zweifelt er sehr, er spürt, dass er ein guter Hilfsschaffner wäre, ein Weichenwärter oder ein Streckenläufer, aber ein Kondukteur? Der Zahnradbahn? Der Bergstädtischen Zahnradbahn von 1868, die erste in der Nation, Innovationsquelle für das Zahnradbahnwesen weltweit? Deren Ingenieure auf allen Kontinenten Zahnradbahnen errichteten, selbst in Zeiten des bösen automobilen Wahns?
Er legt ihm den Gleisplan hin. Er legt den roten Stift zur linken. „Sechzig Minuten, ab – jetzt.“
Der Bruder malt sofort, schraffiert, folgt der Logik der Signalgebung, radiert. Auf freie Fahrt B1 folgt Sperre C2, aber die Wenn-Dann-Regeln verdichten sich zu einem intensiven und intensiverem Rot. Radiert, schraffiert, jetzt dickes Rot auf Gleis eins. Malt. Der Todesstoß für jedes technische System: Eine losgelöste, irrende Logik, die anarchisch die Schalter umlegt, denen der Mensch gehorchen soll. Der Bruder malt und malt und malt. Noch zehn Minuten. Schraffiert. Radiert. Noch fünf Minuten.
„Bitte legen Sie den Stift zur Seite.“
Bei Abgabe leuchtet der Gleisplan wie eine offene Wunde. Das Blatt trieft vor rotem Filzstift. Der Prüfer nimmt das Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger. „Ergebnis in zwei Wochen“, brummt der Prüfer.
Der Bruder humpelt aus dem Raum.
Er kommt heim.
Zwei Wochen schläft der Bruder. Bestimmt ist er erschöpft, denkt Elbrich, von dem Prüfungsmarathon.
Es ist Elbrich, der die briefliche Urkunde der Berufsschule öffnet. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben die Abschlussprüfungen zum Kondukteur/in, Fachbereich Zahnradbahnwesen bestanden. Eine ferne Bitte der Zahnradbahngesellschaft: Wir brauchen doch die Kondukteure! Wer fährt schon von Adorf nach Cdorf! Vom Andenplatz müssen die fahren! Die Kondukteure! Die jungen Leute! Der Prüfer drückte beide Augen zu ...

Die jungen Leute.
So lädt die Zahnradbahngesellschaft die jungen Leute zur Abschlussveranstaltung ein. Es gibt Schnittchen und Sekt und Orangensaft für die Minderjährigen. Die Verleihung der Kondukteurslizenz erfolgt vor der Glasfront der frisch sanierten Andenplatz-Station.
Wimpel, Urkunde, Händedruck. Foto für die Bergstädtische Allgemeine, Scheitelschnitt. Weiße Uniform. Passanten, die applaudieren. Manch‘ einem Kondukteur sprießt ein bisschen Flaum über der Oberlippe. Die Worte des stellvertretenden technischen Geschäftsführers schmelzen den letzten Jahresschnee. Die Zukunft, die Sonne, die Arbeit und die Lust.
Er sitzt ein bisschen schief, der Bruder. Auf einem ausklappbaren Plastikstuhl, ohne Polster, dafür mit einer Lehne, die seine Skoliose gut abfedert. Doch die weiße Uniform scheint seine Skoliose zu verstärken, die Wirbelsäule formt einen Bogen, der überspannt. Neben ihm sitzt Elbrich. „Entspann‘ dich“, flüstert ihm Elbrich zu. „Sei stolz auf dich.“ Die Hand des Bruders hält er nicht. „Sei stolz auf dich.“
Der Bruder sucht diesen Stolz. Den Stolz zu hören, der wie ein pochender Herzschlag einen Menschen durchs Berufsleben treibt. Seine Wirbelsäule will zum Sternum drücken, Säfte, Kräfte, Gewebsteile pressen dagegen, alles Innere führt einen Kampf um die korrekte Statik. Er spürt nur das und das Gefühl ändert sich nie, ein Körper, der nie die Balance finden wird, die es braucht, um auf beiden Beinen zu stehen. Er spürt die Sucht nach dieser Ruhe in sich. Er wünscht sich das Bett. Seinen wochenlangen Schlaf.
Nach der Veranstaltung köpft Elbrich eine Sektflasche.
„Jetzt bist du im Leben angekommen“, sagt Elbrich und schenkt sich ein, dass der Sekt über den Glasrand auf den Schnee des Andenplatzes tropft. „Jetzt hast du was eigenes.“

Und dann verlässt auch Elbrich die Stadt. Zwei Koffer, ein Mantel, die Kleider, die er am Leibe trägt. Ein Stipendium. Elbrich beginnt ein medizinisches Studium im Tiefland. Sein Bruder hat an jenem Tag Depotdienst. Er fettet das große Zahnrad ein.
Jahre später legt Elbrich ein medizinisches Examen ab und beginnt den ärztlichen Dienst in einer Klinik.
Jahre vergehen.

In der Frühstückspause klingelt das externe Telefon der Nervenstation.
„Herr Elbrich, Ihre Frau.“
„Meine Frau?“
Die Azubine hält ihm wortlos den Hörer hin.
„Eine Kollegin deines Bruders hat vorhin angerufen“, sagt Elena: „Es gab wohl einen Unfall an der Zahnradbahn.“
„Mein Bruder?“
„Nein, eine Kollegin.“
„Ist er verletzt? War es ein schwerer Unfall?“
„Ich weiß es nicht.“
Ob etwas passiert sei, fragt der Oberarzt. „Mein Bruder ist verunglückt.“ Schwer? „Ich weiß es nicht.“
Der Oberarzt stellt die Tasse Kaffee ab.
„Fahren Sie jetzt heim. Jetzt. Ich stelle Sie frei. Die Azubine ruft Ihnen ein Taxi. Sie rühren keinen Schritt allein. Sie verlassen das Taxi und gehen direkt zu Ihrer Frau. Haben Sie das verstanden?“
„Ja. Danke. Mein Bruder arbeitet bei der Zahnradbahn.“
„Gut. Sie sind jetzt aus dem Dienst entlassen. Informieren Sie mich.“
Der Taxifahrer beeilt sich. Ein Arzt, der um diese Uhrzeit das Klinikum verlässt? Das ist etwas Privates. Beim Einsteigen schaltet er das Radio aus. Sie brauchen zehn Minuten.
Elena öffnet die Tür, ehe Elbrich geklingelt hat.
„Ich habe keine weitere Info. Nichts. Ich habe versucht die Kollegin zu erreichen, aber nichts.“
„Ich fahre in die Bergstadt.“
„Soll ich mitkommen?“
„Nein.“ Elbrich reißt einen Koffer aus der Schrankwand und packt ihn schnell.
„Informier mich!“
„Du mich auch“ – das Taxi hat gewartet.

Der Vormittagsexpress braucht vierzehn lange Stunden bis in die Bergstadt. Elbrich sucht die Nachrichtenportale nach Informationen ab. Von acht Verletzten ist die Rede und von Schuldursachen, die mehr oder minder um den Kondukteur kreisen.
Eine Mitreisende beschwert sich über sein Fingertrommeln gegen das Abteilfenster. Elbrich formt die Hand zu einer Faust und hält sie mit der anderen Hand geschlossen. Die Mitreisende beobachtet ihn, sagt aber nichts.
Ehe Elbrich das Gebirge vom Zugfenster sehen kann, hat die Nacht begonnen.
Sich an einen Ort von Bedeutung tragen, heißt: Zwei mentale Bilder abgleichen. Nicht aus dem, was war, agieren, sondern das, was ist, akzeptieren.

Der Express erreicht die Bergstadt. Elbrich steigt aus. Vom Talbahnhof ragt die Südflanke hoch zum Andenplatz. In wenigen Häusern brennt Licht, die Bergstadt sucht Traum und Schlaf, manche finden ihn, andere simulieren ihn. Elbrichs Blick folgt der Oberleitung der Zahnradbahn, die in Berg und Stadt mal verschwindet, sich dann zeigt, tarnt und aufdeckt, wie ein geheimes Versprechen, das in die Wahrheit drängt, sich dann zurückzieht, unsicher bleibt.
Und jetzt?
Sein Bruder liegt irgendwo in dieser Stadt.
Die Oberleitung führt ihn zu einem Punkt. Er blinkt blau, der kleine Punkt. Das sind die Rettungsfahrzeuge und die Technische Inspektion, die Polizei und die Feuerwehr. Das ist der Andenplatz.
Die Berge nehmen den schwarzen Nachtbogen der Stadtränder auf und reichen ihn an den Himmel. Stadt, Berg und Himmel schließen einen Orbit für den, der ihn erkennt.
„Ich habe“, schreibt er Elena: „keine Nachricht von meinem Bruder. Rufe mich sofort an, wenn es anders ist. Ich fahre zu seiner Wohnung.“
„In Ordnung“, schreibt Elena. „Ich bin für dich da. Sei vorsichtig“

Auf dem Weg zur Betriebswohnung des Bruders liest ein Heimatloser die Abendzeitung. Das Abendfoto zeigt die zerstörte Glasfassade der Andenplatz-Station. In einem Meer aus Kristallen steht die intakte rote Zahnradbahn. Acht Verletzte. Und wie? Und wer? Keine Angaben. Die Bahn hatte die Glasfront der Andenplatz-Station durchstoßen und war auf dem schneebedeckten Platz vor dem Denkmal zum Liegen gekommen. Über die Fahrerkabine hat sich ein Pulver aus Glas, darüber eine dünne Schicht Schnee gelegt. Elbrich trommelt gegen die Scheibe, den Heimatlosen stört das nicht.
Der Bruder lebt in einer Betriebswohnung der Zahnradbahngesellschaft. Aus einem Felsen gehauen, vier Stockwerke. Handkraft ersetzte das Baumaterial, Holz war teuer in der Zeit vor der Eisenbahn.
Mehrere Personen rauchen vor dem Eingang, der dunkler wirkt als die Hauswand; wenn Dunkelheit scheinen könnte im Sinne eines Blendens, einer Macht im Eindruck, hier täte sie es. Die Bergstadt kehrt das Licht in Dunkel um. Ihre Zigaretten leuchten beim Inhalieren wie kleine, giftige Pünktchen auf.
„Reco?“, fragt eine weibliche Stimme.
„Nein.“ Elbrich keucht. „Ich heiße Elbrich. Mein Bruder ist heute verunglückt.“
Die Person, die nach Reco gefragt hat, drückt die Zigarette in einer Hausnische aus.
„Ihr Bruder war der Kondukteur?“
„Wahrscheinlich.“
„Ach, Sie sind das.“
Die Frau winkt ab.
Elbrich versteht sie nicht.
„Wissen Sie, wie es ihm geht?“
„Klinik.“
Elbrich reicht ihr die Hand. Die Frau zögert. Dann gibt sie ihm die Hand.
„Kann man ihn besuchen?“
Die Frau zieht die Hand zurück.
„Ich hab' deine Frau informiert. Beruhige dich. Du kriegst vom Keuchen noch tote Lunge. Ich muss zum Depot, ich sage dir alles Wichtige. Ist nicht viel.“
Die Frau bückt sich und schnürt ihre schweren Sicherheitsschuhe. Sie steht auf.
„Los, komm‘ mit.“
Sie gehen einen anderen Weg. Die Treppe führt zu einer kleinen Station am Südende des Stadtviertels. Mondloser Himmel. Das Viertel schläft-
„Hat keinen gewundert, das Unglück.“
„Warum?“
„Naja ... “
„Ich schätze die direkte Art der Leute hier.“
„Direkt?“ Sie lacht auf. „Das höre ich zum ersten Mal. Meist sagen die Bergstädter nie das, was ist.“
Die Treppe endet. Sie setzen ihren Weg über eine Straße aus grob behauenen Pflastersteinen fort. Trotz spärlichen Straßenlichts sehen sie die Hauschläge an den Steinen. Ihre Schuhsohlen knirschen.
Die Frau zündet sich eine Zigarette an. „Er hatte nicht das Feingefühl für eine Bahn“, fährt sie fort: „Er bremste manchmal zu stark und manchmal zu schwach. Das Bremsen, das ist die große Kunst bei der Zahnradbahn. Viele vertrauen dem Steigrad, denken, Bremsen sei in der Zahnradbahn einfacher. Das ist es nicht. Das ist es überhaupt nicht.“
Elbrich schweigt.
„Ihr Bruder liegt im Universitätshospital, meines Wissens. Fragen Sie da nach. Mehr habe ich nicht.“
„Kann ich Ihren Namen erfahren?“
„Nein. Das reicht. Ich muss jetzt zum Depot.“ Sie zeigt auf ein leuchtendes Gebäude einige hundert Meter bergauf. Es könnte ein Bunker sein, deren Besatzung sich eines Sieges sicher ist. Er leuchtet zu hell, um getarnt zu sein.

„Er hat ausdrücklich betont, dass er sich keinen Kontakt wünscht“, wiederholt die Empfangskraft am Universitätshospital, Osteingang.
„Ich bin sein Bruder.“
„Er hat diesen Wunsch geäußert und diesem leisten wir Folge.“
„Er steht unter Schock. Ich bin sein Bruder.“
„Entschuldigen Sie, das weiß ich inzwischen.“
„Kann ich ihm was ausrichten?“
Die Empfangskraft am Empfangstresen reißt einen Zettel ab. „Sie können etwas aufschreiben.“
Elbrich setzt den Stift an. Jetzt fehlen ihm die Worte. Die Empfangskraft hebt die Augenbrauen. Ruf mich an, wenn du was brauchst.

Doch der Bruder ruft nicht an.
Er ruft nicht in der Woche an, nicht im Monat an, er ruft nicht im Sommer an, der im Tiefland einer Vorstellung von Jahreszeiten folgt, wie sie Elbrich in der Grundschule gelehrt wurden: Heißer Sommer, grüne Blätter, die Menschen halbnackt an stillen Gewässern liegen.

Was von der Aggression übrig bleibt, ist dem Frust gewichen. Elbrich spürt den Zerfall jeder Handlung. Die Bergstadt verfremdet ihre Gassen vor ihm. Die Abscheu vor dem Teil der Identität, die auf Sorge und Wohl zum Bruder beruht, wächst. Elena arbeitet jetzt Teilzeit, plant die schönen Dinge eines Wochenendes, berührt ihn und er berührt sie und sie berühren sich und lassen es beim Berühren bleiben. Elbrich kann die Zeit nicht fassen, obwohl er dienstlich funktioniert und dienstliches Funktionieren ist das Abarbeiten der Frühschicht, der Spätschicht, der Nachtschicht und der 24-Stunden-Schicht. Der Dienstplan hält die Struktur, die er jetzt braucht, um sich im Alltag zurechtzufinden. Sie gibt dem, der die Zeit verliert, eine Orientierung, eine einzige Orientierung, die sein Leben auf die eingelernte Tätigkeit des Berufslebens reduziert. Elbrich flucht viel. Sein Fluchen wird mit den Wochen stiller. Er läuft auf und ab, verschreibt sich selbst ein Beruhigungsmittel. Elena umarmt ihn, schützt mit ihren dünnen Armen seinen vor Frustration vibrierenden Körper. Sie spürt die Energie, die in ihm umwälzt und pulsierend warm durch die Nacht treibt.
„Nehmen Sie den Jahresurlaub vor“, empfiehlt der Oberarzt. Seine Schwestern nicken. Alle tragen das Gesicht der Sorge.

Erster freier Tag.
Anrufe in die Bergstadt.
Eine Mitarbeiterin der Bahngesellschaft verplappert sich, der Bruder sei in einem Inselsanatorium, eine andere behauptet, das Rehazentrum der Zahnradbahn habe ihn aufgenommen. Sofort fährt Elbrich in die Bergstadt: Unbekannt verzogen, die Bahngesellschaft hat den Bruder beurlaubt. In der Wohnung lebt ein Azubi mit seiner spanischen Freundin, sie denken erst, er sei ein Nachbar ihres bösen Vaters aus Andalusien. Wer die Wohnung ausgeräumt hat? Keine Ahnung, sie war leer und kalt.
Tage des Sammelns. In einem Restaurant in Klinikumsnähe erfährt Elbrich über eine Chirurgin von der Schwere der acht Verletzten. Alle haben überlebt, klar. Sie mussten ein deutsches Operationsverfahren aus den 30er Jahren einsetzen: Der Unterschenkel wird amputiert, der Fuß an den Oberschenkel gesetzt, die Ferse dient als Kniegelenk. Elbrich wird schlecht, er erbricht im Klo. Seifenspülung, weiter befragen. Und was waren das für Leute? Männer, Frauen, Kinder? Keine Ahnung, ich habe es von einer Kollegin und sie von einer Kollegin und sie von einer Kollegin … Elbrich schläft schlecht. Geschwächt vor Übermüdung kehrt er ins Tiefland zurück.

Elena hat ein sehr, sehr gutes Risotto vorbereitet. Er isst nicht viel. Er mag das Schlonzige nicht, sagt er.
„Er ist verschwunden. Der Bruder.“
„War er das nicht immer?“, fragt Elena.
„Wie meinst?“
„Er war ja immer irgendwie anders. Sein Körper, du hast immer von seinem Körper geredet. Und was er tun muss.“
„Ja und? Ja was?“
„Ich weiß nicht.“ Elena zeigt ihm beide Handflächen. Vor ihr dampft das Risotto. „Diese Geschichte, wie er die Schule verließ …“
„Was? Was?“
„Ohnehin die ganze Kindheit. Die Mutter nie da und immer am Arbeiten, du erziehst ihn. Ist ja schon eine Form der Abwendung. Der Kehrtwendung. Ich weiß nicht. Vielleicht wartest du.“
„Auf was?“
„Dass er kommt. Dass er sich eines Tages meldet. Er wird es. Vertrau‘ mir.“
Vertrau‘ ihr doch.
Der Dienstplan teilt ihn für die erste Woche die Nachtschichten zu.

Nachtschichten.
Die Patientin hatte einige Anfälle, die auf Epilepsie hindeuten. Zweifellos, eine Verdachtsdiagnose. Sie schläft im Raum 43, dem Spezialraum zur Langzeit-EEG-Messung. Das Licht lässt sich dimmen und die Wände sind in hellem Blau gehalten. Elbrich ordnet ein EEG von 24 Stunden an und der Oberarzt genickt, ja, was sonst, Elbrich, was sonst, seine Worte wiederholt, bis jeder im Stationszimmer auf Elbrichs Gesicht konzentrierte.
Das Kind hat einen Plüschpinguin mitgebracht, der abwechselnd „Antarktis“ und „Weddelmeer“ sagen kann. Seltene Worte für eine Achtjährige, denkt Elbrich.
Elbrich trommelt gegen den Überwachungsmonitor. Plötzlich leuchtet die Zimmerblinke über Raum 43 rot auf. Das Kind hat die Nottaste gedrückt, bevor es bewusstlos zur Seite sackt ist. Es atmet schwer, der kleine Brustkorb hebt und senkt sich. Hyperventilation. Ein epileptischer Anfall. Eine Spur Blut aus dem Mundwinkel, den der hyperventilierende Atem zu Schaum schlägt. Der Körper ganz seltsam verdreht.
„Kannst du mich verstehen?“
Das Weiße der Augen wird sichtbar, die Augäpfel tanzen in den Höhlen, aber der Körper zittert leise, schwaches Zittern, ein Vibrieren aus dem Inneren des jungen Körpers, als täuschen die Nerven einen Anfall vor. Elbrich polstert ein Kissen über die Bettkante, um den Kopf zu schützen. Das Bettlaken nass vor kindlichem Schweiß. Die Arme hängen schlapp ab. Die Luft riecht säuerlich. „Verstehst du mich?“, ruft Elbrich. Ihr Körper rutscht ab. Da liegt sie da wie ein nasser, warmer Sack. Eine Elektrode der EEG-Haube ist abgeplatzt. Die Tür schlägt auf, der Nachtpfleger stürmt herein, „Mensch Elbrich, was guckst du blöde!“ Schreit auf den Monitor. Schreit auf Elbrich. Elbrich blickt zum Monitor.
Fünf Hirnfrequenzen. Sie schwimmen auf dem blauen Grund des Monitors. Sie ziehen lange, lange Fäden wie die Tentakel eines Tintenfischs in einem sehr tiefen, tropischen Ozean. Dort ist dunkel, aber sehr warm. Der Sinusknoten am Herzen hat vor Minuten sein letztes Signal gegeben. Das Blut ruht in den Herzkammern. Die Synapsen im Hirn warten auf den Sauerstoff. Alle chemischen Botenstoffe schweben im Plasma. Was schweben kann, löst sich auf. Was fließen kann, sackt ab. Niemand nimmt etwas an. Niemand gibt etwas weiter. Der Stoffwechsel beruhigt sich.
Es ist der Pfleger, der Elbrich wegschubst, schreit, reagiert, das Krankenhaushemd mit den kleinen, grünen Kästchen aufreißt, den rechten Arm auf die Stelle über dem Herzen stemmt, den linken auf sein breites Kreuz zurücklegt, und drückt, und schreit, und drückt, und schreit vom Defi, schreit, schreit einfach nur, wie es Elbrich noch nie gehört hat. Aber Elbrichs Körper folgt nicht der Pflicht, die zu tun ist.
„Sie werden beurlaubt“, erklärt der herbeigeeilte Oberarzt Minuten später. „Sofort. Beurlaubt. Bringen Sie das mit ihrem Bruder in Ordnung. Informieren Sie mich. Gehen Sie heim. Schwierig. Abmahnung. Los. Zur Info: Die Kleine hat es überstanden. Gehen Sie. Die Azubine bestellt Ihnen ein Taxi. Ich will sie hier nie wieder sehen. Los. Raus hier.“
Er kehrt heim. Er legt sich neben Elena. „Ist was passiert?“

Elbrichs Körper hat in Minuten der Reanimation und Nicht-Reanimation die Energie verbrannt, die ihm für Monate zur Verfügung stand. Jetzt arbeitet sein Körper aus der Reserve für Puls und Atmung, für Verdauung und wenige, einfache Denkprozesse. Ob Hunger oder Durst, ob sein Körper Wärme oder Kälte benötigt, kann er nicht beurteilen. Über die Reize unklar, die er braucht, ruht sein Körper unter der Sommerdecke im Schlafzimmer.

Seine Apathie, sie bleibt.

Die Haut erbleicht, wird schuppig, ein Ekzem bildet sich auf der Innenseite des rechten Oberschenkels. Er kann den Namen seiner Frau benennen, E und -lena, die ihre dünnen Arme um ihn schlägt, schweigend, ihm die Wärme zukommen lässt, die seinen kalten Körper und Verstand zurück in den Alltag holen soll, so ihr Wunsch. Alltag, Alltag, so lautet ihr einfacher Wunsch: Sich über die Baustellen aufregen, die die Straßenbahnen umleiten oder sich über das verwürzte Risotto beschweren, das Elena zu stark pfeffert und Elbrich zu schwach salzt. Sonntags den Rasen mähen, Tulpen einpflanzen, das Beet harken, freitags auf das Wochenende mit einem Glas Rotwein anstoßen, sich vorsichtig an das Thema Kinder heranwagen, wenn das geht. Elena organisiert diesen neuen Alltag, führt Energiestoffe zu, hält Kreisläufe in Gang, nach Elbrichs Kündigung das Haus im Finanzrahmen, beantwortet Fragen von Kollegen, Freunden, ja sogar vom ehemaligen Pflegepersonal, das sich sorgt, aber sich mit den Wochen ans Sorgen gewöhnt. Der meteorologische Herbstanfang ist der eines Sommers nach Temperatur und eines Herbstes nach Farben. Der schönste Herbst seit Jahrzehnten, schreiben die Zeitungen des Tieflands, ein Indian Summer bei uns, hier, im Tiefland. Sie überbieten sich in der Beschreibung der Blattfarben, von Sonnenstücken ist die Rede, von „Rubinlicht“ und „Eigelb“ oder einem Gelb, das jedes andere Gelb zu „vagem Blass“ verkommen lässt, an dem jeder Leuchstoffmeister seine Stoffe eichen lassen werde.

Elena und Elbrich frühstücken. Es fällt Elbrich schwer und Elena fällt es schwer, dass es Elbrich schwer fällt. Der Mann öffnet sich im Tempo einer neuen Jahreszeit. Aber er öffnet sich und Elena bleibt optimistisch.
Sie liest den Teil mit Nachrichten aus der Nation. Kleinere und größere Meldungen.
„Ist alles in Ordnung?“ Elbrich fragt.
„Der Prozess“, Elena stottert beim Vorlesen, atmet durch, sie liest flüssig und schnell: „gegen den Kondukteur des Andenplatz-Unglücks vom März dieses Jahres beginnt heute. Die Staatsanwaltschaft wirft fahrlässige schwere Körperverletzung vor … gefährlicher Eingriff in den Eisenbahnverkehr …“
Sie hält ihm die Zeitung hin. Ein Foto der Unglücksstelle. Die Bahn unter glasigem Schnee.
Ein Foto des Kondukteurs. Er trägt eine weiße Uniform. Der rechte Arm ragt weiter herab als der linke.
„Wenn du in die Bergstadt fährst“, bestimmt Elena: „Komme ich mit und ich erwarte keine Widerrede. Wo du bist, bin ich auch. Verstanden?“

 
Monster-WG
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18.06.2015
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Hey @kiroly

Ich bin gerne in den Text eingestiegen. Schräge Erzählhaltung, im positiven Sinne. Der Text scheint zu wissen, was er will. Die Szenen wirken assoziativ verknüpft, Schneebälle, klimatische Bedingungen, das Hinken des Bruders etc. Dennoch liest sich das völlig stimmig. Ich mag die Selbstverständlichkeit sehr, mit der du doch einigermassen skurrile Sachverhalte schilderst. Am wichtigsten scheint mir aber zu sein, dass sich das Verhältnis der beiden Brüder sehr plastisch vor meinem inneren Auge aufbaut.

An einigen Stellen erscheint mir dieser Einsieg (den ich heute ausschliesslich kommentieren werde) noch nicht ganz sauber gearbeitet. Das betrifft Fragen der Perspektive, aber auch sprachliche Aspekte. Schauen wir mal rein:

Elbrich formt einen Schneeball für seinen Bruder. „Drücke ihn. Erwärme ihn. Lass ihn anschmelzen. Löse den Druck, lass den Schneeball an-eisen. Ausschlagarm, Abstoßfuß, Wurf. Die Flugbahn wird präziser, der Schneeball trifft. Ohne zu verletzen.
Sein Bruder trifft nie, die anderen ihn.
Dein Körper, Bruder, seufzt der junge Elbrich, es ist dein Körper.
Der Anweisungen sind mir zu viele.
Das "ohne zu verletzen" suggeriert, als hätte der Bruder vorher Schneebälle geworfen, die Schaden angerichtet haben. Danach wird aber klar, dass er gar nie getroffen hat. Und ich habe auch sonst den Eindruck, dass dieser Satz nicht passt. Elbrich will doch, dass es der Bruder richtig macht. Dass er trifft. Dass er stark ist und mithalten kann. Da denkt er nicht an mögliche Verletzungen, die sich irgendwelche Jungs zuziehen könnten.
Und "der junge" erscheint mir komplett überflüssig, da ich nicht davon ausgehe, dass sich hier zwei erwachsene Männer über die Perfektionierung von Schneeballwurftechniken austauschen.
In der Grundschule lernen sie die Jahreszeiten des Tieflands kennen. Im Sommer schneie es nicht, im Winter schneie es schon. Aber in der Bergstadt bricht das Sonnenlicht zu ganz eigenen Jahreszeiten.
Knuddelmuddel. Du hast schon einen Gegensatz im zweiten Satz. Danach lässt du den dritten mit einem "Aber" beginnen. Das ist verwirrend. Vorschlag: In der Grundschule lernen sie die Jahreszeiten des Tieflands kennen, wo es im Winter schneie, im Sommer aber nicht. Hier in der Bergstadt ... Oder so ähnlich.
Aber in der Bergstadt bricht das Sonnenlicht zu ganz eigenen Jahreszeiten.
Ehrlich gesagt verstehe ich den Satz überhaupt nicht. Was bedeutet: "Das Sonnenlicht bricht"?
Das ist der Schnee, mit dem wir in Juli die fetten Touristen am Andenplatz abwerfen.
im Juli.
Abwerfen? Ich stelle mir vor, wie die fetten Touristen in Schnee gepackt und dann per Hubschrauber über dem Andenplatz abgeworfen werden. Nicht eher: "bewerfen"?
„Das nennt sich Jahresschnee“, erklärt der Elbrich: „Das ist der Schnee, mit dem wir in Juli die fetten Touristen am Andenplatz abwerfen.“
Der Bruder lächelt gekniffen.
Später trennen sich am Andenplatz ihre Schulwege.
Die zweite Ortsbestimmung würde ich weglassen (ausser es wird später noch ganz wichtig sein, wo sie sich trennen)
ich kenne nur: lächelt verkniffen.
Der Bruder bleibt in der Altstadt. Die kleinen Gassen verwirren den Bruder oft, obwohl er seit Jahren hier lebt.
Fährt Elbrich den Berg hoch, beobachtet er seinen Bruder aus der Bahn. Aus dem Bruder wird Passant und aus dem Passanten ein Pünktchen.
Bruder ist zu dicht, zu oft, das müsste eleganter.
Wirklich: "seit Jahren"? Nicht: "schon immer?" Das sind so Irritationen, die für mich ungut sind. Ich überlege mir, wie alt der kleine Bruder denn ist und wo sie denn früher gewohnt haben könnten und wann sie hierher gezogen sind und ob ich das jemals erfahren werde oder ob das eine Ungenauigkeit des Autors ist. Gerade wenn man so schräg erzählt wie du, muss man extrem präzise sein und dem Leser stets und zu hundert Prozent das Gefühl geben, dass er einem vertrauen kann.
Hier auch ein kleiner Perspektivenwackler aus meiner Sicht: Dass die kleinen Gassen den Bruder verwirren, lässt mich für einen halben Satz dem Bruder folgen, weil "verwirren" ein innerer Zustand ist. Vielleicht einfach ein "w" weglassen: Manchmal verirrt sich der Bruder in den kleinen Gassen, obwohl er hier geboren ist wäre stärker an die sonstige Erzählperspektive gebunden
Bevor die Bahn in scharfer Linkskurve und hohem Warnpfiff in den Tunnel einfährt, hat Elbrich die Augen geschlossen.
Da fehlt ein "mit"
Wer hat den brüderlichen Körper repariert? Niemand. Doch seine Teile formen keinen geschlossenen Körper.
Konnte ich nicht nachvollziehen. Niemand hat ihn repariert und dennoch formen die Teile keinen geschlossenen Körper. Wäre denn zu erwarten, dass die Teile genau dann keinen geschlossenen Körper formen, wenn dieser repariert worden wäre?
Eines Tages beendet der Bruder die Schule. Er geht nach Hause und legt sich ins Bett.
Wieder ein Perspektivenwackler. Wenn du schreibst: Er kommt nach Hause und legt sich ins Bett wird klarer, dass weiterhin aus Elbrichts Perspektive erzählt wird.
Braust ihn mit kaltem Wasser, mit sehr kaltem Wasser, ab.
Einsame zwei Buchstaben, da am Ende des Satzes. Traurige Gestalten. Wären viel glücklicher in der Mitte des Satzes.
Das Wasser der Bergstadt fließt aus Schächten des andinen Gebirges. Der Gebirgskern hat es auf wenige Grad über Null gekühlt.
Hat mich verwirrt. Das Wasser wird in den meisten Fällen in Form von Schnee auf die Gipfel des Gebirges fallen oder doch schon sehr kalt sein. Da gibt es nichts mehr zu kühlen, oder? Kann mich aber auch irren.
Der Bruder reißt die Augen auf, als sei er aus einem bösen Traum erwacht. Weißes Licht und Kälte lassen die Wirklichkeit erkennen.
Wieder Perspektivenwackler. Ich zoome da in den Körper des Bruders und in seine inneren Zustände.
Schau, die weiße Uniform, die Ehre, der Bergstadt zu dienen, systemrelevant, krisensicher.
Passt für mich gar nicht in den Text. Ich hätte den nicht in der Gegenwart verortet. So oder so ist der Begriff durch die Pandemie derart vorbelastet, dass ich richtiggehend aus dem Text geschleudert wurde.
Mit deinem reparierten Körper, deinen Noten, einen So-Jemand, der Tickets abstempelt und Zahnräder mit Stahlpinsel einfettet.
Müsste nicht: ein So-Jemand?

So, das wäre mal eine Tranche. Lesen werde ich sicher den ganzen Text, denn ich bin gespannt, wie es weitergeht, lieber @kiroly! Aber für heute ist Feierabend.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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Moin, moin @kiroly ,

da ich lange Texte mag, hast Du mich sofort motiviert. Habe gestern abend mit viel Genuss gelesen. Was für eine eigener Stil, ja eigenwillig, aber spannend. Meine spontane Idee dazu war "Frida Kahlo" von Caroline Bernard, ich bin nur unsicher, ob mich nur die Verortung eingefangen hat oder auch der Stil. Doch, ich glaube beides. Finde ich absolut gelungen, wundervolle Bilder und Sätze.
Da Pepperkorn ja mit dem Anfang ggestartet ist, lass ich den aus Zeitgründenmal weg, beim Lesen habe ich nämlcih bei seinm Komm ständig genickt, waren also wohl ungefähr die Stellen, an denen ich auch hackelte, ohne das ich es so treffend formulieren hätte können.
Ich hangle mich jetzt einfach mal an den Zitaten entlang.
Startpunkt: Prüfung

Kondukteursabschlussprüfung, Theorie II
Was für ein tolles Wort, Du hast viele schöne ode reinfach nur besondere Wörte drin, mag ich sehr.

Bei diesem jungen Herren mit krummen Rücken zweifelt er, zweifelt er sehr, er spürt, dass er ein guter Hilfsschaffner wäre, ein Weichenwärter oder ein Streckenläufer, aber ein Kondukteur?
Da ist soviel mehr, als nur ein für mich sehr schöner Satz. Du kennzeichnest gekonnt gleichzeitig den alten Prüfer und den Bruder. Interessantes Herangehen.

schraffiert, jetzt dickes Rot auf Gleis eins. Die Logik verwirrt. Malt.
Hier ist für mich ein Sprung zuviel. Das Malen, schrafieren, Stift benutzen ist der Blick auf den Bruder. Das Fette ist ein Sprung in seinen Kopf. Ich würde bei einer Sicht bleiben.

Das Blatt trieft vor rotem Buntstift.
Das ist einfach im Bild falsch, Buntstifte lagern wirklich nur Pigment ab. Filzstift wäre dann richtig für das eindrucksvolle Bild.

drehen sich zu Elbrichs Bruder, Gesichter mit Schweißperlen auf pickliger Haut, diese Talgfressen, denkt der Bruder, sie grinsen ihn an
Es ist Prüfung, ist der Bruder mit dabei, der spätere Arzt? Ic habe hie rnoch nicht kapiert, das Elbrich der Nachname ist, das klärt sich für mich erst später. Warum machst Du das? Ich verstehe hier jedenfalls nicht, wer das denkt, wer so abwertend ist. Dem Prüflîng traue ich es nicht zu, so war er bisher nicht und der Große Bruder hat eigentlich auch keine Grund ...

Die Augen des alten Prüfers verschlossen sich bei der Kontrolle des roten Plans.
Den Sinn des Satzes habe ich nicht verstanden. Heißt das, der Prüfer hat alle Augen zugedrückt? Denkt das jemand, oder steht es so in dem Brief?

Foto für die Bergstädtische Allgemeine, Scheitelschnitt. Weiße Uniform. Passanten, die applaudieren.
Ich mag an den meisten Stellen diese kurze, abgehakte, aufgezählte. Hier ist es super, die Bilder sprudeln.

. „Jetzt hast du was eigenes.“ Und dann verlässt auch Elbrich die Stadt.
Auch schön charakterisiert. Ich lese es so, dass der Bruder geblieben ist, bis der kleine Bruder allein klar kommt, bis er ihm eine Basis geschaffen hat. Dann aber fluchtartig geht.

Der Taxifahrer beeilt sich. Ein Arzt, der um diese Uhrzeit das Klinikum verlässt? Das ist etwas Privates. Beim Einsteigen schaltet er das Radio aus. Sie brauchen zehn Minuten.
Wieder kurz, knapp, aber soviel drin. Ich binmitten drin und fühle die Hektik.

Nur wohin? Sein Bruder irgendwo in der Stadt.
Hier fehlt aber für mein Sprachempfinden dann doch ein Verb im letzten Satz, so klingt es unvollständig, wie nur angedacht, aber es ist ihm ja wichtig.

Dies ist eine hohe Stunde. Wohin?
Die Beschreibung davor ist schön, wenn ich sie auch nicht ganz verstehe. Aber das fettgedruckt erschließt sich mir nicht. Was willst Du damit ausdrücken?

Mehrere Personen rauchen vor dem Eingang, der dunkler wirkt als die Hauswand; wenn Dunkelheit scheinen könnte im Sinne eines Blendens, einer Macht im Eindruck, hier täte sie es.
Sehr schön, unheimlich Bildhaft und für mich toll formuliert. Gerade der Kontrast im Text, zwischen Stakato/Verkürzung ohne Grenzen und wundervollen, fast romantischen Sätzen gefällt mir sehr.

Elbrich keucht. „Ich bin der Bruder von Elbrich, Osla Elbrich.
Häh? Wahrscheinlich scrolle ich nachher nochmal, aber ich habe es nicht gelesen. Für mich war einer Elbrich und der andere der Bruder. Zumindest hier ist es wirklich verwirrend, das kriegst Du klarer hin.

„Ich bin von hier, ich kenne die direkte Art der Leute.“
„Dafür ist die Bergstadt nicht bekannt. Ich höre das an deiner Sprache, wo du herkommst.“
Hier reden sie für mich aneinander vorbei. Wofür ist die Bergstadt nichtbekannt? Für Direktheit? Und der Nachsatz soll sagen, das sie erkannt hat, wo er herkommt? Wofür diese Infos für mich als Leserin?

Was von der Aggression übrig bleibt, ist dem Frust gewichen. Elbrich spürt den Zerfall jeder Handlung. Die Bergstadt verfremdet ihre Gassen vor ihm. Die Abscheu vor dem Teil der Identität, die auf Sorge und Wohl zum Bruder beruht, wächst.
Hier fast Du die Entwicklung, das immer schlimmer werden gut zusammen, Der Wandel vom besorgten Bruder zu dem sich auf sich sebst konzentrieren und damit das Auslösen der Depression?

sehr gutes Risotto vorbereitet. Er isst nicht viel. Er mag das Schlonzige nicht,
Interessanter Aufbau. "sehr gutes Risotto", wenig essen - Ablehnung, von etwas "ekligem" jedenfalls liest sich das Wort so.

Er wird es. Vertrau‘ mir.“
Vertrau‘ ihr doch.
Der Dienstplan teilt ihn für die erste Woche die Nachtschichten zu. Nachtschichten.
Ich finde diese Überleitungen sehr gut. Ein Gespräch mit seiner Frau, der Aufruf an sich selbst. Die Wahrnehmung der Außenwelt über den Dienstplan. Ich fühle mich gut gelenkt ...

Elbrich trommelt gegen Überwachungsmonitor.
Ne, das ist zu stark reduziert oder grammatikalisch unsauber. Ein "den" oder den Plural verwenden?

„Können Sie mich verstehen?“
Die Patientin ist ein Kind, warum hier das "Sie"? Gefühlt nimmt er das Kind nicht als solches wahr, soll das ein Übersprung zum Bruder Sein, ich konnt hier nicht folgen.

„Mensch Elbrich, was guckst du blöde!“ Schreit auf den Monitor. Schreit auf Elbrich. Elbrich blickt zum Monitor.
Wenn es jetzt hier so herauszitiert steh, klingt es seltsam, nicht mal schön. Aber im Text fand ich es gut, die Hektik, das Unverstehen, ... Vielleicht habe ich jetzt aber auch einfach vergessen, was meingedanke war, solch lange Texte sind schon schwierig zu kommentieren, sorry.

Es ist der Pfleger, der Elbrich wegschubst, schreit, reagiert, das Krankenhaushemd mit den kleinen, grünen Kästchen aufreißt, den rechten Arm auf die Stelle über dem Herzen stemmt, den linken auf sein breites Kreuz zurücklegt, und drückt, und schreit, und drückt, und schreit vom Defi, schreit, schreit einfach nur, wie es Elbrich noch nie gehört hat. Aber Elbrichs Körper folgt nicht der Pflicht, die zu tun ist.
Das hier fand ist super, ich bin mitten drin, die Eindringlichkeit ist zu greifen.

Elbrichs Körper hat in Minuten die Energie verbrannt, die ihm für Monate zur Verfügung stand.
Schön geschrieben, aber auf welche Minute beziehst Du Dich? Im Krankenhaus, der heimweg, das ins zu ihr flüchten?

Der meteorologische Herbstanfang ist der eines Sommers nach Temperatur und eines Herbstes nach Farben. Der schönste Herbst seit Jahrzehnten, schreiben die Zeitungen des Tieflands, ein Indian Summer bei uns, hier, im Tiefland. Sie überbieten sich in der Beschreibung der Blattfarben, von Sonnenstücken ist die Rede, von „Rubinlicht“ und „Eigelb“ oder einem Gelb, das jedes andere Gelb zu „vagem Blass“ verkommen lässt, an dem jeder Leuchstoffmeister seine Stoffe eichen lassen werde.
So schön, ich würde wirklich gerne noch einen längeren Text von Dir lesen.

„Der Prozess“, Elena stottert beim Vorlesen, atmet durch, sie liest flüssig
Hier weiß man sofort was kommt, sieht die besorgte Ehefrau, ahnt ihren Unwillen. Aber es muss sein.

„Wenn du in die Bergstadt fährst“, bestimmt Elena: „Komme ich mit und ich erwarte keine Widerrede. Wo du bist, bin ich auch. Verstanden?“
Die geschichte war toll und ich nehme an, das wir uns mitten in einer größeren Sache bewegen. Vielleicht ist das die Erkläung für dieses sich irgendwie halbherzig anfühlende Ende. Ja, die beiden hatten ein Eheproblem, aber ja eher aus seinem nicht öffnen, Abwiegeln. Und thematisiert hast Du es nur nebenbei. Daher war ich hier jetzt enttäuscht, es ist schön, das die beiden einen Lösungsansatz haben, oder wohl eher nur sie, den Elbrich schweigt. Aber irgendwie fühlt es sich wie die Lösung für einen Nebenstrang an.

Lieber Kiroly, das ist ein spannender Text, auf vielen Ebenen. Da muss ich sicherlich zum Verstehen des Aufbaus und Deines Autorenvorgehens noch häufiger durch und ich freue mich drauf.

Beste Wünsche
witch

 
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Hallo @Peeperkorn :-)

über Deinen Kommentar habe ich mich sehr, sehr gefreut. Eigentlich ein Lektorat, das Wort trifft es, denke ich. Dein Kommentar hat das vage Gefühl des Unpassenden beim Schreiben in die klare Worte gefasst, die ich brauche, um das Schreiben voranzubringen. Perspektive, Logik und Sauberkeit als Stichwörter. Mehr Bauhaus als Killefatz. Oft lasse ich mich von einer vagen Vorstellung des Geschehens treiben und passe den Text nicht mutig genug an die Geschichte an. Dein Kommentar hat mir das aufgezeigt; ich denke, ich muss das Bild im Kopf schärfen, das wird mein Schreiben voranbringen. Jetzt klinge ich ein bissl pathetisch und hochtrabend, aber ... obwohl ... quatsch, eigentlich ist da nix pathetisch, das ist reinste Selbstreflexion. Deine Einschätzung

An einigen Stellen erscheint mir dieser Einsieg (den ich heute ausschliesslich kommentieren werde) noch nicht ganz sauber gearbeitet. Das betrifft Fragen der Perspektive, aber auch sprachliche Aspekte. Schauen wir mal rein:
übernehme ich für diesen und folgende Texte. Deine angestrichenen Stellen bezüglich Perspektive und Logik konnte ich nachvollziehen und habe sie übernommen und abgeändert. Der Hang zum Skurrilen, Absonderlichen, Kauzigen liegt mir ein wenig, da freut es mich sehr, dass -
Ich mag die Selbstverständlichkeit sehr, mit der du doch einigermassen skurrile Sachverhalte schilderst. Am wichtigsten scheint mir aber zu sein, dass sich das Verhältnis der beiden Brüder sehr plastisch vor meinem inneren Auge aufbaut.
- das "selbstverständlich" erscheint, schön, das "Skurrilabsonderkauzige" soll ja den Regeln der Plausibilität schön entenbrav folgen.

Ich bin auf deine weiteren Kommentare (falls du das möchtest) sehr gespannt. Die erzählte Zeit des Textes ist ja ein wilder Ritt, Momente des Stillstands folgen Jahre, die vorbeiziehen. Ich frage mich, ob das wirklich funktioniert, ohne dass der Leser sich verliert - @greenwitch Anmerkungen zeigen ja, dass es da "Zeitinferenzen" gibt.

@Peeperkorn - mehr habe ich nicht als Antwort auf Deinen Kommentar, aber ich denke, die inhaltliche Aussage ist klar wie Sicherheitsverbundglas angekommen.

Merci!
Gruß an den Röstigraben!
Lg von der roten Insel im blauen Meer
kiroly

***

Liebe @greenwitch :-)

merci fürs Lesen und Kommentieren. Ich fürchte ja immer eine Kaffeekränzchen-Bildung hier im Forum, dass bestimmte Schreiberlinge nur bestimmte andere Schreiberlinge kommentieren und ich glaube, du hast bisher sehr selten einen Text von mir kommentiert (oder irre ich mich da? Oh Gott Oh Gott!) ... also, langer Absatz, Sinn auf Punkt: Schön, dass dir der Text gefallen hat, schön dich hier zu lesen und schön, dass du längere Texte magst.

Die Geschichte wird mit einem zweiten Teil fortgesetzt, er spielt zum Gerichtsprozess des Bruders, Elbrich und Elena fahren in die Bergstadt zurück. Hab' schon einen Titel: Andenplatz 2 - die Rache der Roten Ritter. (nein, das war ein Scherz, sorry). Da versuche ich mal etwas Spannung aufzubauen. Aber ich wollte die Wortkrieger nicht überfordern und ich merkte, ich brauchte eine Gewissheit für den zweiten Teil. Also, das war der erste Streich.

Stellen, in denen sich dein Lesen verhakte:

schraffiert, jetzt dickes Rot auf Gleis eins. Die Logik verwirrt. Malt.
Hier ist für mich ein Sprung zuviel. Das Malen, schrafieren, Stift benutzen ist der Blick auf den Bruder. Das Fette ist ein Sprung in seinen Kopf. Ich würde bei einer Sicht bleiben.
Habe ich geändert.
Das Blatt trieft vor rotem Buntstift.
Das ist einfach im Bild falsch, Buntstifte lagern wirklich nur Pigment ab. Filzstift wäre dann richtig für das eindrucksvolle Bild.
Ist vollkommen logisch.
drehen sich zu Elbrichs Bruder, Gesichter mit Schweißperlen auf pickliger Haut, diese Talgfressen, denkt der Bruder, sie grinsen ihn an
Es ist Prüfung, ist der Bruder mit dabei, der spätere Arzt? Ic habe hie rnoch nicht kapiert, das Elbrich der Nachname ist, das klärt sich für mich erst später. Warum machst Du das? Ich verstehe hier jedenfalls nicht, wer das denkt, wer so abwertend ist. Dem Prüflîng traue ich es nicht zu, so war er bisher nicht und der Große Bruder hat eigentlich auch keine Grund ...
Die Prüflinge sind raus, die Situation ist jetzt reduziert auf Prüfer und Bruder.
Die Augen des alten Prüfers verschlossen sich bei der Kontrolle des roten Plans.
Den Sinn des Satzes habe ich nicht verstanden. Heißt das, der Prüfer hat alle Augen zugedrückt? Denkt das jemand, oder steht es so in dem Brief?
Ja, der Sinn sollte in diese Richtung gehen. Ist jetzt geändert und sortierter im Text. Illustratives Zitat: "Das Pflaster vom Pflasterschutzstreifen sauber getrennt"
Elbrich trommelt gegen Überwachungsmonitor.
Ne, das ist zu stark reduziert oder grammatikalisch unsauber. Ein "den" oder den Plural verwenden?
Das sollte auch nie reduziert sein, da habe ich den Artikel verschluckt.
Dies ist eine hohe Stunde. Wohin?
Die Beschreibung davor ist schön, wenn ich sie auch nicht ganz verstehe. Aber das fettgedruckt erschließt sich mir nicht. Was willst Du damit ausdrücken?
Nochmal zurück im Text: Habe ich gestrichen.
Nur wohin? Sein Bruder irgendwo in der Stadt.
Hier fehlt aber für mein Sprachempfinden dann doch ein Verb im letzten Satz, so klingt es unvollständig, wie nur angedacht, aber es ist ihm ja wichtig.
Ebenfalls geändert. Aber interessant, hier hatte ich ein ganz anderes Sprachgefühl als Du.
„Ich bin von hier, ich kenne die direkte Art der Leute.“
„Dafür ist die Bergstadt nicht bekannt. Ich höre das an deiner Sprache, wo du herkommst.“
Hier reden sie für mich aneinander vorbei. Wofür ist die Bergstadt nichtbekannt? Für Direktheit? Und der Nachsatz soll sagen, das sie erkannt hat, wo er herkommt? Wofür diese Infos für mich als Leserin?
Die Frau will Distanz und Hierarchie aufbauen. Elbrich versucht das Gegenteil, sein Appell lautet: "Ich bin von hier, ihr könnt mir vertrauen." Die Frau sagt ihm: "Ich weiß, dass du von hier kommst, du brauchst mir das nicht sagen. Und deine Einschätzung über die Bergstadt ist falsch." Ich lasse es erstmal so stehen. Vielleicht fällt mir eine klarere Aussage ein.
„Können Sie mich verstehen?“
Die Patientin ist ein Kind, warum hier das "Sie"? Gefühlt nimmt er das Kind nicht als solches wahr, soll das ein Übersprung zum Bruder Sein, ich konnt hier nicht folgen.
Ja, großer Quatsch. Ist geändert.
Elbrichs Körper hat in Minuten die Energie verbrannt, die ihm für Monate zur Verfügung stand.
Schön geschrieben, aber auf welche Minute beziehst Du Dich? Im Krankenhaus, der heimweg, das ins zu ihr flüchten?
Hm ja, ich denke, dass auch im weiteren Lesen eine große Zahl an Zeitfehlern auftauchen werden. Die erzählte Zeit ist ja mal sehr schnell, dann zoome ich auf den Stillstand. Die Stelle habe ich geändert, es bezieht sich jetzt explizit auf die Herzstillstands-Minute des Kindes.
Lieber Kiroly, das ist ein spannender Text, auf vielen Ebenen. Da muss ich sicherlich zum Verstehen des Aufbaus und Deines Autorenvorgehens noch häufiger durch und ich freue mich drauf.
Vielen Dank @greenwitch, hat mich sehr gefreut

Lg aus der Urstadt des Schrebergartens
kiroly

 
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Nur kurz, (ich muss mal Rücken gerade biegen)

also, langer Absatz, Sinn auf Punkt: Schön, dass dir der Text gefallen hat, schön dich hier zu lesen und schön, dass du längere Texte magst.
Haha, immer gerne! Und ja, ich bin oft zu langsam und wenn dann schon zehn Komms da sind, fällt mir nichts wichtiges mehr ein, also lieber Klappe halten ...

Nur wohin? Sein Bruder irgendwo in der Stadt. Erweitern ... Hier fehlt aber für mein Sprachempfinden dann doch ein Verb im letzten Satz, so klingt es unvollständig, wie nur angedacht, aber es ist ihm ja wichtig.
Ebenfalls geändert. Aber interessant, hier hatte ich ein ganz anderes Sprachgefühl als Du.
Das ist doch okay, es ist ja auch nur mein Leseeindruck, mehr soll es nicht bei Dir auslösen. Lass es bitte so!

„Ich bin von hier, ich kenne die direkte Art der Leute.“
„Dafür ist die Bergstadt nicht bekannt. Ich höre das an deiner Sprache, wo du herkommst.“ Erweitern ... Hier reden sie für mich aneinander vorbei. Wofür ist die Bergstadt nichtbekannt? Für Direktheit? Und der Nachsatz soll sagen, das sie erkannt hat, wo er herkommt? Wofür diese Infos für mich als Leserin?
Die Frau will Distanz und Hierarchie aufbauen. Elbrich versucht das Gegenteil, sein Appell lautet: "Ich bin von hier, ihr könnt mir vertrauen." Die Frau sagt ihm: "Ich weiß, dass du von hier kommst, du brauchst mir das nicht sagen. Und deine Einschätzung über die Bergstadt ist falsch." Ich lasse es erstmal so stehen. Vielleicht fällt mir eine klarere Aussage ein.
Ja, so kann man es auf alle Fälle auch lesen. Hat ja irgendwie was mit Erwartungshaltung und auch persönlicher Situation/Tagesform zu tun. Ich achte beim nächsten Lesen nochmal drauf.
Magst Du mal verraten, was Dich zu diesem ja doch "anderen" Schreibstil motiviert hat? Ich finde das sehr spannend ...

Lg aus der Urstadt des Schrebergartens
Stimmt, Leipzig war Dein Heimatort und Du hast mir meinen Schrebergarten-Jochen sehr hilfreich kommetiert

Bin wieder weg, Gärtnerei ruft (ne, schreit)
witch

 
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Servus @kiroly!

Ich finde, das ist eine äußerst starke Story. Mir gefällt sie außerordentlich gut. Am Anfang bin ich nicht gleich reingekommen, weil ich nicht verstanden habe, wer ist Bruder, wer ist Erzähler, wer ist Elbrich? Das hat glaube ich viel mit dem ersten Absatz zu tun.

Elbrich formt einen Schneeball für seinen Bruder. „Drücke ihn. Erwärme ihn. Lass ihn anschmelzen. Löse den Druck. Ausschlagarm, Abstoßfuß, Wurf. Die Flugbahn wird präziser, der Schneeball trifft.“
Sein Bruder trifft nie, die anderen ihn.
Dein Körper, Bruder, seufzt Elbrich, es ist dein Körper.
Ich würde vorschlagen:

Elbrich formt einen Schneeball für seinen Bruder und sagt: „Drücke ihn. Erwärme ihn. Lass ihn anschmelzen. Löse den Druck. Ausschlagarm, Abstoßfuß, Wurf. Die Flugbahn wird präziser, der Schneeball trifft.“
Sein Bruder trifft nie, die anderen ihn.
Dein Körper, Bruder, seufzt Elbrich, es ist dein Körper.

So wäre klarer, wer was sagt, wer wer ist. Auch, dass die Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede mal da sind und dann fehlen erschwert das Verständnis hier, mMn.

Ansonsten habe ich das wirklich sehr gerne gelesen. Mir gefällt die Sprache, die Bilder, die du verwendest, um den "kaputten" Bruder zu zeigen usw. Das ist wirklich schön geschrieben, meiner Meinung nach.
Ab dem Zeitpunkt, wo der Bruder aus der Schule kommt, hattest du mich. Ab da hatte der Text für mich richtig Zug und ich hatte richtig Bock, ihn (fertig) zu lesen.
Mir gefallen auch die Konflikte, die aufgerissen werden und die ganz organisch daher kommen. Der Bruder verursacht einen Unfall und verunstaltet Menschen körperlich so, wie er selbst verunstaltet ist. Als ob sich sein Defizit, seine Krankheit ausbreiten würde. Trägt Elbrich Schuld? Ich denke, deswegen muss er kotzen in der Szene, wo er das mitbekommt oder sieht. Es wird nie explizit gesagt, was ist, was da brodelt, aber man spürt es. Großes Lob geht hier raus. Das ist sehr gut gemacht.
Und dann lehnt der Bruder jeden Kontakt ab. Daran verzweifelt Elbrich. Wahrscheinlich möchte Elbrich seinen Bruder nach so langer Zeit sehen, um - als unterbewussten Wunsch? - Absolution von ihm zu erhalten, um das Gefühl abzulegen, er, Elbrich, selbst sei möglicherweise mit Schuld an dem Unfall. Aber sein Bruder verweigert jeden Kontakt. Das ist richtige Folter für Elbrich. Er selbst tötet dann fast ein Kind. Ich verstehe oder spüre, warum ihm das passiert, auch wenn ich es mir kognitiv nicht ganz herleiten oder erklären kann. Aber es passt sehr gut und wirkt sehr echt.
Warum möchte ihn der Bruder nicht mehr sehen? Gibt der Bruder ihm, Elbrich, die Schuld für das Unglück? Er hat ihn ja dazu angetrieben irgendwo. Das sind Fragen, die beim Lesen aufkommen, keine Kritik oder keine Frage an dich als Autor. Mir gefällt das sehr gut.

Einziger winziger Punkt: Hatten die beiden Brüder nie Kontakt seit sie ausgezogen sind bis zu dem Zeitpunkt des Unfalls? Das habe ich mich kurz gefragt, weil es nirgends beschrieben wird. Wenn sie keinen Kontakt hatten, frage ich mich, warum. Ich kann es mir fast denken, habe die Ahnung, dass Elbrich eigentlich seinen Bruder nicht mag und froh ist, weg zu sein. Aber das ist eine Spekulation, die ich nirgends aus dem Text herleiten kann (dass sie nie Kontakt hatten). Ich fände es gut, für die Story, wenn sie nie Kontakt hatten seitdem. Ach, lass es so, es passt schon! :D Man versteht das schon, aber es ist, finde ich, das unklarste im Bezug auf Plot in der Story, ob die beiden Brüder in dieser Zwischenzeit Kontakt hatten oder nicht. Oder habe ich etwas überlesen?

Mitgeschriebenes:

Sie scheinen an den Rumpf montiert. An der linken Seite zu fest, an der rechten Seite zu locker angezogen.
Sehr gut beschrieben.

Der Prüfer ist ein alter Mann. Er hat ganze Generationen in die Prüfung begleitet, junge Frauen und Männer über den Rand der Kindheit ins Arbeitsleben geführt. Er riecht die Souveränität der guten Prüflinge und die Verzweiflung der schlechten.
Gefiel mir sehr gut.

Auf freie Fahrt B1 folgt Sperre C2, aber die Wenn-Dann-Regeln verdichten sich zu einem intensiven und intensiverem Rot. Radiert, schraffiert, jetzt dickes Rot auf Gleis eins. Malt. Der Todesstoß für jedes technische System: Eine losgelöste, irrende Logik, die anarchisch die Schalter umlegt, denen der Mensch gehorchen soll. Der Bruder malt und malt und malt.
Mir gefällt, dass ich das dir absolut abnehme, was hier passiert, wie so eine Prüfung aussieht/ausgesehen hat. Ist das recherchiert oder erdacht? (Beide Antworten würden für mich die Qualität der Szene nicht herabwürdigen, ist nur meine Neugierde)

Der Vormittagsexpress braucht vierzehn lange Stunden bis in die Bergstadt, dass die Nation so weit, ist ihm lange nicht bewusst.
fehlt hier ein Wort?

wenn Dunkelheit scheinen könnte im Sinne eines Blendens, einer Macht im Eindruck, hier täte sie es.
Geil.

Ihre Zigaretten leuchten beim Inhalieren wie kleine, giftige Pünktchen auf.
Auch sehr geil.

„Kann ich ehrlich sein?“
„Ich bin von hier, ich kenne die direkte Art der Leute.“
Das klingt für mich nicht ganz echt. Er möchte das sagen, was hier steht, aber ein Mensch würde das anders ausdrücken, denke ich: "Ich schätze die ehrliche Art der Leute hier" vllt? Auch: Wenn sie fragt, ob sie ehrlich sein kann, ist das nicht besonders direkt, finde ich.

Sie mussten ein deutsches Operationsverfahren aus den 30er Jahren einsetzen: Der Unterschenkel wird amputiert, der Fuß an den Oberschenkel gesetzt, die Ferse dient als Kniegelenk.
Das klingt stark. Sehr authentisch, gab's das echt? Der verunstaltete Bruder hat andere verunstaltet. Trifft Elberich Schuld? Das kommt sehr gut rüber, obwohl der Text es nicht explizit sagt, sehr gut, finde ich.

Alltag, Alltag, so lautet ihr einfacher Wunsch: Sich über die Baustellen aufregen, die die Straßenbahnen umleiten oder sich über das verwürzte Risotto beschweren, das Elena zu stark pfeffert und Elbrich zu schwach salzt. Sonntags den Rasen mähen, Tulpen einpflanzen, das Beet harken, freitags auf das Wochenende mit einem Glas Rotwein anstoßen, sich vorsichtig an das Thema Kinder heranwagen, wenn das geht.
Die Stelle klang sehr authentisch.


kiroly, stark, wie authentisch und detailreich du deine Figuren, die Welt in der sie leben und den Verlauf ihres Schicksals beschrieben hast. Chapeau!

Beste Grüße
zigga

 
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Hallo @zigga :-)

Ohhh, ich habe mich sehr über Deinen Kommentar gefreut :-) Besonders über das Organische und Authentische im Text, ist ja keine Selbstverständlichkeit. Merci!

Ich würde vorschlagen: Elbrich formt einen Schneeball für seinen Bruder und sagt: „Drücke ihn. Erwärme ihn. Lass ihn anschmelzen. Löse den Druck. Ausschlagarm, Abstoßfuß, Wurf. Die Flugbahn wird präziser, der Schneeball trifft.“
Sein Bruder trifft nie, die anderen ihn.
Dein Körper, Bruder, seufzt Elbrich, es ist dein Körper.
Danke für den Hinweis, habe ich so übernommen.
Einziger winziger Punkt: Hatten die beiden Brüder nie Kontakt seit sie ausgezogen sind bis zu dem Zeitpunkt des Unfalls? Das habe ich mich kurz gefragt, weil es nirgends beschrieben wird. Wenn sie keinen Kontakt hatten, frage ich mich, warum.
Ich hatte tatsächlich einen Absatz, in dem Elbrich seinem Bruder alle zwei Wochen einen Brief schreibt, auch mit den Inhalten des Briefes. Der Bruder schickt gelegentlich eine Postkarte zurück, banaler Inhalt, kurz angebunden. Habe den Absatz beim Kürzen herausgestrichen. Ich lasse das erstmal so.
„Kann ich ehrlich sein?“
„Ich bin von hier, ich kenne die direkte Art der Leute.“
Das klingt für mich nicht ganz echt. Er möchte das sagen, was hier steht, aber ein Mensch würde das anders ausdrücken, denke ich: "Ich schätze die ehrliche Art der Leute hier" vllt? Auch: Wenn sie fragt, ob sie ehrlich sein kann, ist das nicht besonders direkt, finde ich.
Habe die Stelle umgeändert, etwas verlängert.
Auf freie Fahrt B1 folgt Sperre C2, aber die Wenn-Dann-Regeln verdichten sich zu einem intensiven und intensiverem Rot. Radiert, schraffiert, jetzt dickes Rot auf Gleis eins. Malt. Der Todesstoß für jedes technische System: Eine losgelöste, irrende Logik, die anarchisch die Schalter umlegt, denen der Mensch gehorchen soll. Der Bruder malt und malt und malt.
Mir gefällt, dass ich das dir absolut abnehme, was hier passiert, wie so eine Prüfung aussieht/ausgesehen hat. Ist das recherchiert oder erdacht? (Beide Antworten würden für mich die Qualität der Szene nicht herabwürdigen, ist nur meine Neugierde)
Ja, es gibt solche Prüfungen, zB zum Triebfahrzeugführer, Weichenwärter, Fahrdienstleiter. Hab' von einem Fahrdienstleiter mal das Wort "Rotausleuchtung" gehört, das fand ich sehr schön.
Sie mussten ein deutsches Operationsverfahren aus den 30er Jahren einsetzen: Der Unterschenkel wird amputiert, der Fuß an den Oberschenkel gesetzt, die Ferse dient als Kniegelenk.
Das klingt stark. Sehr authentisch, gab's das echt? Der verunstaltete Bruder hat andere verunstaltet. Trifft Elberich Schuld? Das kommt sehr gut rüber, obwohl der Text es nicht explizit sagt, sehr gut, finde ich.
Ja, auch dieses Verfahren gibt es. In der Ausbildung haben wir mal ein Video dazu gesehen. Leider habe ich den Namen des Verfahrens vergessen. Es wurde Ende der 90er bei einem Unfall der Harzer Schmalspurbahn angewendet. Natürlich sieht das Ergebnis sehr ... gewöhnungsbedürftig aus, aber Patient wie Chirurg waren sehr, sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ein großer Vorteil ist, dass Phantomschmerzen nicht auftreten und der Körper sich an das veränderte Körperbild schneller gewöhnt als mit einer herkömmlichen Prothese.

kiroly, stark, wie authentisch und detailreich du deine Figuren, die Welt in der sie leben und den Verlauf ihres Schicksals beschrieben hast. Chapeau!
Schön, freut mich @zigga! Zweiter Teil folgt bald :-)

Lg
kiroly

 
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Hi @kiroly

Ich verzichte bewusst auf Textstellen, um ein paar Aspekte anzusprechen, die mir nicht nur an diesem Text von dir auffallen und ich bemerkenswert finde.
Manches finde ich sehr gelungen, mit einer besonderen Sprache dargeboten, anderes wirkt auf mich eher lau, müsste evtl. zu Ende gedacht, könnte geschärft werden.
Deshalb schreibe ich dir vor allem meine Eindrücke auf.

1.) Den Text lese ich als Dystopie, die ziemlich geschickt zwischen der mir bekannten Welt und einer erdachten, möglichen wechselt, schwankt: Anden, Bergbahn, Stadt, aber dann Andenplatz. Das Fremde ermöglicht eine gute Verortung.
Nur: wozu, welchen Zweck erfüllt die Konstruktion? Klar, Verfremdungt, Metaphern, die da aufgebaut werden, aber nicht gerade offen stehen, vielleicht auch gar nicht sollen?
Eine zeitliche Einordnung ist schwierig, eher 19. Jahrhundert. Interessant fände ich, wenn die Sphären vermischt würden, wenn es zB Smartphones gäbe o.ä. (nur ein Gedanke)

2.) Der ersten großartigen Szene zwischen den Brüdern bis zur Prüfungsabnahme folgt Summarisches. Die Handlung wird vorangetrieben, das ja, dann kommt allerdings einiges an tell dazwischen, bzw. die Wiederholung der behaupteten Nähe zwischen den Brüdern. Vielleicht könntest du langsamer erzählen, weitere prägnante Szenen aufbauen.
Insbesondere fehlt mMn ein Blick auf die Beziehung zu Elena.

3.) Das Weltbild erinnert mich an Kafka. Die Gesellschaft wird als grundsätzlich misstrauisch, kalt geschildert. (Die Entlassungen, der Conducteurs-Prüfer). Sehr stark! Dennoch werden die Protagonisten der Bedrohung kaum ausgesetzt. Da ginge noch was.

4.) Die Namen sind ausgesucht ungewöhnlich: Elbrich, auch der schon erwähnte Conducteur, fein. Welche Spuren legst du damit? Oder dient das nur Artifiziellem?

5.) Und dann eben der Unfall: von außen gezeigt, als Nachricht: zu wenig Feingespür für eine Zahnradbahn als Ursache; und dann das Bild der verunglückten Bahn auf dem Platz. Gut, ein greifbares Bild. Wo nehme ich den Bezug her? Ich bin mir nicht sicher, ob das Bild reicht.

Und insgesamt: was werden die nächsten Folgen bringen, zeigst du uns andere Anderplätze, führst du die Geschichte von Elbrich, seinem Bruder und Elena fort. Tendenziell wäre ersteres besser, meine ich, wenn weitere Episoden zu den Brüdern folgen, möchte ich sie näher kennen lernen, dann wird's ein Roman.

Bisschen wirr womöglich, was ich schreibe. Ich hoffe du kannst was mit anfangen und siehst es als das, was es ist: Anmerkungen zu einem besonderen Text.

viele Grüße in den Oktoberabend
Isegrims

 
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Lieber @kiroly ,

jetzt aber :gelb:

ja, ein besonderer Text. Insofern dieses Attribut was aussagt. Ich mag ihn. Er hat mich an Filme von Wes Anderson denken lassen. Alles wirkt selbstgemacht.

Hat jemand den brüderlichen Körper repariert?

bruderlich – habe ich kurz gedacht, weil brüderlich ja bedeutungsmäßig schon vergeben ist. Aber ich finde beides geht und ist auch schön.

Seine Teile formen keinen geschlossenen Körper.

"geschlossener Körper" meint so etwas wie "Einheit" oder? Keine Kritik jetzt.

Elbrichs Traum: Ein Arm oder ein Bein schraubt sich aus dem Rumpf des Bruders. Der Bruder bemerkt den Verlust nicht. Er steigt in die Zahnradbahn am Andenplatz ein.

Diesen eingeflochtenen Traum mochte ich gerne. Wenn Wes Anderson schreiben würde, hätte er ihn sicherlich durch doppelte Absätze vom Resttext abgegrenzt. Aber du bist ja schließlich nicht er und deswegen finde ich es auch gut, dass das alles bei dir organischer ist und ja auch in deiner ganz eigenen Sprache.

Eine Lache rot wie der PVC-Boden der Bahn.

Nicht lieber wie was zu Essen? Schöner Rote-Bete-Eintopf?:) Fand PVC-Boden so ausgesucht. Andererseits ist das Ausgesuchte ja auch ein wichtiges Merkmal des Textes.

Das Wasser der Bergstadt fließt aus Schächten des andinen Gebirges. Der Gebirgskern hat es auf wenige Grad über Null gekühlt.

sehr schön. O, es gibt so viele schöne Stellen in dem Text. Sie sind sehr geballt und treten auch in so einem ganz bewussten Formalismus (in Ermangelung eines besseren Wortes) auf. Es ist obvious (AA – Anglizismen-Alarm), dass das höchst ästhetisch ist.

Mit deinem reparierten Körper, deinen Noten, ein So-Jemand, der Tickets abstempelt und Zahnräder mit Stahlpinsel einfettet. Ein So-Jemand für Hand an Hebel, Bahn fahr‘ hoch, Bahn fahr‘ runter, so jemanden braucht’s im Bahngewerbe. Du bist gut geeignet. Ich bin für dich da.

:-)

zum Kondukteur/in

heheh

„Eine Kollegin deines Bruders hat vorhin angerufen“, sagt Elena: „Es gab wohl einen Unfall an der Zahnradbahn.“
„Mein Bruder?“
„Nein, eine Kollegin.“
„Ist er verletzt? War es ein schwerer Unfall?“

du Schelm. An dieser Stelle so einen Gag platzieren. Ich mochte es :lol: genau mein Ding.

Ob etwas passiert sei, fragt der Oberarzt. „Mein Bruder ist verunglückt.“ Schwer? „Ich weiß es nicht.“

Das "Schwer?" müsste auch in Anführungszeichen, oder?

„Ich fahre in die Bergstadt.“
Der Express erreicht die Bergstadt. Elbrich steigt aus. Vom Talbahnhof ragt die Südflanke hoch zum Andenplatz. In wenigen Häusern brennt Licht, die Bergstadt sucht Traum und Schlaf, manche finden ihn, anderen simulieren ihn.

Das finde ich wirklich toll und ich habe es mir bis hierhin aufgespart; wollte es absichtlich nicht vorwegnehmen, um mich dann an geeigneter Stelle nochmal etwas daran zu weiden. Das ist eine wunderbar fantasievolle Kiroly(!)-Stadt. Vielleicht ist das ja genau die Stadt "Kiroly" (für Mitlesende: Insider, sorry :D). Jedenfalls habe ich es vor Augen. Es ist wie so eine Lebkuchenhäuserstadt oder eben wie in einem Wes Anderson Film oder wie bei Märklin bloß mit Leben und ein bisschen wie bei Kafka oder Hoffmann. Lieblich irgendwie. Und inselhaft (in sich geschlossen). Eine Stadt, wie ich sie mir als Kind geträumt habe, wie man sie in Computerspielen findet. Etwas, das hinterm Berg (oder mittendrin) liegt und in dem gezaubert wird. Nun wird hier ja nicht gezaubert – aber etwas Verzaubertes hat das allemal. Dieser Text ist für mich auch ein sonderbare, seltsame Fantasy-Geschichte. Das geht nicht mehr als Magischer Realismus und dergleichen durch. Wie ein Märchen am ehesten. Aber viel zu prosaisch für ein Märchen. Okay, es gibt diese Kunstmärchen-Gattung – heute sagt man vielleicht eher 'Fantasy' dazu. Zumindest finde ich deins nicht altbacken.
In dieser Stadt wäre erzählerisch sicher so gut wie alles möglich. Mit all dem könntest du auch eine sehr lange Novelle schreiben bestimmt.

Zuerst habe ich mich gefragt, wie auch schon bei anderen Texten von dir vor allem in letzter Zeit: wo liegt hier das Perspektiv-"Problem" genau? Man hört Kiroly diesen Text erzählen mit all seinem Wissen. Trotzdem fügt es sich und wirkt in keinster Weise plump oder wirklich falsch. Es ist nur so: die Figuren sind es nicht; es gibt einen wabernden Erzähler in diesen Texten und das entlarvt alles und vor allem auch die Figuren als Konstruktionen. Konstruierte Welten. Die Preisfrage: Wie kann man das erzählerisch einbetten, legitimieren, wenn man so will? Die Fantasy erlaubt es dir – auch anders als das Kunstmärchen. Und dann hast du noch die Möglichkeit das einfach als Experimentalform hinzustellen. Hier Leute, mein Name ist Kiroly und Texte von mir klingen eben so. Klärungsbedarf sehe ich da. Und zugleich: nichts kaputt machen, bloß nichts kaputt machen!!! Also ganz vorsichtig an dieses Problem rangehen. Fantasy: auch hier hast du den teils personalen Erzähler; in herkömmlicher Fantasy (vielleicht anders bei Lem; obwohl das ja als SF kategorisiert ist, aber das ist hier irgendwie egal – der Vergleich passt schon) hast du ja nicht so einen alienhaften Übererzähler, der Regie führt und so tut, als täte er es nicht. Ironisch bis zum Biegen und Brechen. Im Film macht Wes Anderson das vor. Collage, Künstlichkeit, Liebevolles – finde dich damit ab, dass dir da eine Geschichte erzählt wird. Finde dich damit ab, dass Wes Anderson dir eine Geschichte erzählt und dass er alle Register auf einmal zieht und dich dabei zusehen lässt. Unterschied: Die Schauspieler führen selbstverständlich ihr Eigenleben und füttern die Filme mit nonverbalen Elementen. Das hast du hier nicht. Antwort Kunstmärchen: Das dachte ich zuerst (dass das eine Möglichkeit wäre) – ein Erzähler, der sich anfangs zu erkennen gibt und einen anderen einsetzt, damit das Normale als Gegenpol zum Schrägen Erzählton der Story existiert. Ihm wurde die Geschichte von einem erzählt und der erzählte das ganz sonderbar ungefährt so: ...
Dann weiß man, es gibt einen Grund für diese ordnende Hand, die ironisch eingreift, Witze macht, alle so gut kennt, dass man weiß, sie hat sie konstruiert und konstruiert sie beim Erzählen. Das ginge in Richtung Kunstmärchen, wie gesagt.
Die Ich-bin-Kiroly-und-ich-schreibe-so-Variante: Ich muss Kiroly kennen. Könnte es eine Fiktion über den Autor über den Text hinaus geben? In der Kunst hat man das fast immer und was dort erzählt wird, stimmt selten. Joseph Beuys legendärer Flugzeugabsturz auf der Krim, bei dem er geborgen, in Filz gewickelt und acht Tage mit Fett gesalbt wurde, woraufhin er anfing, mit diesen Materialien zu arbeiten (nicht zweifelsfrei, aber doch sehr wahrscheinlich ein Märchen); Weitere Künstler und Künstlerinnen: Sophie Calle, Christian Boltanski, auch Gerhard Richter und viele viele mehr, fast alle vielleicht.
Die Konstruktion über die Künstler formt zugleich das Werk. Ohne das funktioniert es eben nicht so gut wie mit. Autofiktion nennt man das ja auch – Biografisches und Fiktives gemischt.
Ich kenne dich erfreulicherweise – hier aber vielleicht nicht ganz zu deinen Gunsten – privat. Ich kenne den Zauberer, kenne seine Handbewegungen und so weiter. Das ist eine vage Anregung, die keinesfalls befolgt werden soll/will/muss/etc. Dennoch würde mich interessieren, wie dein Text mit einer Autorfigur bzw. Autofiktion dahinter funktionieren würde (oder eben dem eingebetteten Erzähler, der diese Möglichkeit innerhalb des Textes bietet). Das ist deshalb so spannend, weil ich glaube, dass das kaum Literaten machen (und irgendwie alle). Aber so richtig Kunstfigur hinterm Roman, kenne ich wenig. Nur immer ein Hauch davon. Oder mehr so Autoren-Typen: Die Intellektuelle, der Draufgängertyp, die Autistin, der Sprachwitzige, der Suizidale. In der Kunst ist das anders. Guck dir Yayoi Kusama an. Ja, die Sachen haben eine mega coole Raumwirkung und sind ästhetisch und hintergründig. Aber eigentlich funktioniert die Nummer, weil man weiß, dass die Frau seit Jahren (freiwilig) in der Psychatrie lebt, und wie sie einen so völlig ernst mit ihrem pinken Pagenhaarschnitt ansieht wie die Log Lady in Twin Peaks – als wäre sie völlig verrückt – was sie ja vielleicht auch ist – dass nur, um den Effekt zu beschreiben. Das ist das Spiel mit der Autorenschaft. So. Pause.

In wenigen Häusern brennt Licht, die Bergstadt sucht Traum und Schlaf, manche finden ihn, anderen simulieren ihn

"n" zu viel

Eine Mitarbeiterin der Bahngesellschaft verplappert sich, der Bruder sei in einem Inselsanatorium, eine andere behauptet, das Rehazentrum der Zahnradbahn habe ihn aufgenommen.

Würde es bei dem Inselsanatorium belassen. Für den kafkaesken Effekt reicht es allemal und der ist hier stark und sehr schön, finde ich.

der Wohnung lebt ein Azubi mit seiner spanischen Freundin

Dort lebt er also :D – meine ich gerade die Folie des Bergdorfs noch etwas deutlicher im Hintergrund zu erkennen?

das Schlonzige

dieses Wort :)

den der hyperventilierende Atem zu Schaum schlägt.

ich hatte so eine schräge Assoziation mit Molekular-Küche. Würg.

ion - oder Nicht-Reanimation- die

erst mal würde ich Halbgeviertstriche nehmen – (aber kein Muss, denke ich)
Dann fehlt da noch ein Leerzeichen nach Reanimation.

---

So. Der mir wichtigste Punkt steckt in der Mitte. Das habe ich ausgeführt. Mich daran abgearbeitet. Kiroly, ich hoffe, du kannst damit was anfangen. Dass es dir nicht zu fahrig, zerfasert und fusselig ist. Nimm bitte, was dir davon taugt und schreib mir, wenn der Kommentar nix is. Ich mag diese Welt, die du da beschreibst, gern und warte dann mal auf den nächsten Teil ...
Ein Gruß von Carlo nach Kiroly!

 
Monster-WG
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Hallo @Isegrims :-)

Vielen Dank für's Lesen und Kommentieren!

Ich sortiere mal deine Punkte nach "subjektivem Schwierigkeitsgrad". Deine Hinweise geben mir Orientierung für den zweiten Teil, vor allem, auf was ich besonders achten muss.

Der ersten großartigen Szene zwischen den Brüdern bis zur Prüfungsabnahme folgt Summarisches. Die Handlung wird vorangetrieben, das ja, dann kommt allerdings einiges an tell dazwischen, bzw. die Wiederholung der behaupteten Nähe zwischen den Brüdern. Vielleicht könntest du langsamer erzählen, weitere prägnante Szenen aufbauen.
Insbesondere fehlt mMn ein Blick auf die Beziehung zu Elena.
Vielen Dank für den Hinweis! Ja, szenisch arbeiten, direkt arbeiten ... die Brüderbeziehung steht natürlich im Mittelpunkt der Geschichte. Elena wird eine wichtigere Rolle einnehmen, mal sehen, ich hoffe,
3.) Das Weltbild erinnert mich an Kafka. Die Gesellschaft wird als grundsätzlich misstrauisch, kalt geschildert. (Die Entlassungen, der Conducteurs-Prüfer). Sehr stark! Dennoch werden die Protagonisten der Bedrohung kaum ausgesetzt. Da ginge noch was.
Ich hoffe, dass diese Bedrohung im zweiten Teil - der Gerichtsprozess, Elbrichs und Elenas Reise in der Gesellschaft - stärker deutlich wird. Aber gut erkannt (klinge jetzt wie ein Lehrer, ich weiß), die Bergstadt übt Bedrohung aus, ihre Menschen, ihre Arbeiter, hier bedrohen sich alle gegenseitig in ihrer Lebensrealität.
4.) Die Namen sind ausgesucht ungewöhnlich: Elbrich, auch der schon erwähnte Conducteur, fein. Welche Spuren legst du damit? Oder dient das nur Artifiziellem?
Elbrich erscheint mir ein passender Name zu sein, da er das Gefälle zwischen ihm und seinen Bruder verstärkt. Bei Elbrich dachte ich spontan an einen älteren Erwachsenen, eine Art Lehrer für Deutsch oder Mathematik, der an der Schule seit Jahrzehnten arbeitet. Bereits in der Kindheit übernimmt Elbrich aber die Rolle des Erwachsenen für den Bruder, er erzieht, er will, dass der Bruder sich bewirbt etc. etc. Daher die Namenswahl.

5.) Und dann eben der Unfall: von außen gezeigt, als Nachricht: zu wenig Feingespür für eine Zahnradbahn als Ursache; und dann das Bild der verunglückten Bahn auf dem Platz. Gut, ein greifbares Bild. Wo nehme ich den Bezug her? Ich bin mir nicht sicher, ob das Bild reicht.
Deinen Hinweis deute ich in die Richtung, dass der Unfall zu singulär, zu simpel für die Bergstadt erscheint. Die Bedeutung des Unfalls im Kontext der Geschichte reduziert sich auf eine persönliche Ebene, auf den Bruderkonflikt. Weitere Bilder könnten dann im zweiten Teil folgen - sicher, das klingt jetzt nach Ausrede. Aber hier wird der Unfall nochmal juristisch und, ich nenne es mal, stadtkulturell aufgearbeitet. Der Andenplatz als zentraler Platz der Stadt, die Zahnradbahn als eine althergebrachte Tradition, die sich für so wichtig hält und trotzdem keine Azubis rekrutiert. Daher auch der alte, französisch beeinflusste Name Kondukteur statt eines modern-technisch-sachlichen Triebfahrzeugführer. Wobei in der technischen Eisenbahnprache überraschend viele französischen Fachtermini aus dem 19. Jahrhundert stammen (und im Reisezugwesen sogar aus dem Italienischen). Ich weiß, irgendwo ist es dumm, dass ich nur einen "halben Teil" hereingestellt habe und die Motive nicht konturiert genug erscheinen (andererseits ist die Textmenge ja trotzdem groß). Ich gerate jetzt in Spoilergefahr ... ich lasse es dabei.

Und insgesamt: was werden die nächsten Folgen bringen, zeigst du uns andere Anderplätze, führst du die Geschichte von Elbrich, seinem Bruder und Elena fort. Tendenziell wäre ersteres besser, meine ich, wenn weitere Episoden zu den Brüdern folgen, möchte ich sie näher kennen lernen, dann wird's ein Roman.
Danke für den Hinweis, für mich der wichtigste - man merkt, wo das Grundthema der Geschichte steckt, was die Geschichte antreibt.
1.) Den Text lese ich als Dystopie, die ziemlich geschickt zwischen der mir bekannten Welt und einer erdachten, möglichen wechselt, schwankt: Anden, Bergbahn, Stadt, aber dann Andenplatz. Das Fremde ermöglicht eine gute Verortung.
Nur: wozu, welchen Zweck erfüllt die Konstruktion? Klar, Verfremdungt, Metaphern, die da aufgebaut werden, aber nicht gerade offen stehen, vielleicht auch gar nicht sollen?
Eine zeitliche Einordnung ist schwierig, eher 19. Jahrhundert. Interessant fände ich, wenn die Sphären vermischt würden, wenn es zB Smartphones gäbe o.ä. (nur ein Gedanke)
Mich freut es, dass viele mit dem Text etwas anfangen können, jede und jeder aber irgendwo seine eigenen Schwerpunkte setzt. Aus den vielen Hinweisen fällt es mir dann oft schwer (nicht nur bei diesem Text), das Essentielle herauszuziehen - die genannten Schwerpunkte streben wie die Vektoren eines magnetischen Feldes auseinander. Fand' ich super interessant, in welches Setting du den Text eingeordnet hast. Die Antwort ist jetzt sehr banal: Ich habe mal eine solche fiktive Stadt gezeichnet, sie aber komplett in unsere heutige Zeit einsortiert. Ein wenig inspiriert vom speziellen Bahnhof -
Zürich Enge
- dezidierter, klarere Formen für eine ganze Stadt, Tradition, die aber in unserer Gegenwart brechen, die ausgehöhlt wird.
Aber - wenn der Text für dich so stimmig scheint, dann ist alles gut :-)

Isegrims - vielen Dank für die Hinweise, besonders bezüglich des Bruderkonflikts - er hilft, im weiteren Verlauf die Geschichte nicht ausfransen zu lassen.

Lg, merci aus Leipzig,
kiroly

 
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Aber gut erkannt (klinge jetzt wie ein Lehrer, ich weiß), die Bergstadt übt Bedrohung aus, ihre Menschen, ihre Arbeiter, hier bedrohen sich alle gegenseitig in ihrer Lebensrealität.

Der Andenplatz als zentraler Platz der Stadt, die Zahnradbahn als eine althergebrachte Tradition, die sich für so wichtig hält und trotzdem keine Azubis rekrutiert.

Ich habe mal eine solche fiktive Stadt gezeichnet, sie aber komplett in unsere heutige Zeit einsortiert. Ein wenig inspiriert vom speziellen Bahnhof -
Nur als Anregung: muss gar nicht viel Textvolumen ausmachen, aber ein etwas genauerer Blick in die Bergstadt, eine Art Kamerafahrt durch die Straßen und Gassen, damit könntest du Atmosphäre verstärken.

viele Grüße mit Blick auf die Skyline-Stadt und das Finanzdickicht vor und hinter dem Main
Isegrims

 
Monster-WG
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Hallo @Carlo Zwei :-)

vielen Dank für's Lesen, für's Kommentieren, für deine Gedanken! Und natürlich freut es mich, dass dir die Geschichte (oder Halbgeschichte) gefallen hat. Entschuldige, dass du so lange auf eine Antwort warten musstest. Phasen großer Freiräume wechseln sich mit Phasen enormer Arbeitsverdichtung ab. Aber wer kennt das nicht ...

Ich bin mir nicht sicher, ob ich in der Lage bin, dir eine gebührende Rückantwort geben zu können. Zuerst gehe ich auf deine sprachlichen Hinweise ein, dann auf deine Anmerkungen zur Autorenfiktion.

.
Hat jemand den brüderlichen Körper repariert?
bruderlich – habe ich kurz gedacht, weil brüderlich ja bedeutungsmäßig schon vergeben ist. Aber ich finde beides geht und ist auch schön.
Das brüderlich lasse ich so, klingt flüssiger.
Seine Teile formen keinen geschlossenen Körper.
"geschlossener Körper" meint so etwas wie "Einheit" oder? Keine Kritik jetzt.
Ja genau :-)

zum Kondukteur/in
heheh
Ich mag solche Details einfach.

Ob etwas passiert sei, fragt der Oberarzt. „Mein Bruder ist verunglückt.“ Schwer? „Ich weiß es nicht.“
Das "Schwer?" müsste auch in Anführungszeichen, oder?
Bin ich mir gar nicht sicher. Führe ich nicht die indirekte Rede des Oberarztes weiter? Hm hm hm ...

Deine Hinweise zu den sprachlichen Unkorrektheiten zum Ende Deines Kommentars habe ich übernommen :-) Den Rote-Bete-Eintopf habe ich gekauft! Danke :-)

Jetzt zu deiner Autorenfiktion und Perspektive. Ich weiß nicht, ob ich das beantworten kann. Irgendwo fühlt man sich ja ein wenig geschmeichelt, andererseits weiß ich um meine schreiberische Realität, naja, und die ist ... habe ich mal was veröffentlicht? Ja? Nein! Dazu empfinde ich auch die Texte nicht qualitativ genug. Da fühle ich mich oft hilflos, da fühle ich mich als Lehrling denn als einer, der weiß, wie man es in Zeitschriften und Verlage schafft. Das zu schaffen, wünsche ich mir, nur fühle ich mich in der Umsetzung ... in der Wahl der Methode, in den Instrumenten ... sehr verloren. Egal. Auch deshalb achte ich sehr auf die Kommentare, zum Beispiel von dir und von Peeperkorn. Soweit ich Peeperkorn verstanden habe, geht es hier nicht um die Perspektive im Sinne eines Erzählers (personal, Ich- ) sondern im Sinne einer Kamera, die entweder das Äußere oder das Innere eines Menschen aufnimmt. Auf mich wirkt das Beibehalten einer solchen Perspektive sauberer (so mein Gedanke) und präziser; das Äußere eines Menschen stellt das Innere dar und die Ausflucht in die Beschreibung eines inneren Zustands bleibt eine Ausflucht, Ergebnis einer geringere Qualität des Textes. Aber das nur als vage Idee, die ich hatte.

Die Bergstadt heißt Kiroly, sie ist aber eine Stadt unter vielen und eigentlich, eigentlich stelle ich sie mir als Pass-Stadt vor, die eine Querung einer rasch aufgestiegenen Pultscholle ermöglicht. Tektonisch ist jedoch das Tal durch Rotation deformiert, das heißt Südrampe und Nordrampe liegen nicht auf einer Achse, sondern brechen im 160°-Winkel auf der Passhöhe. Das quarzitische Grundgestein des Passcheitels auf 1000 Metern Höhe hebt sich leicht von den Talgründen ab. Dadurch wird vom Andenplatz ein Blick in das nördliche Tiefland ermöglicht; der Platz reicht bis an die Abbruchkante heran. Der Fluss, der nach Süden entwässert hat, wurde durch glaziale Überformung auf die steilere Nordrampe abgeleitet, die Wasserfälle habe ich bisher nicht erwähnt. Elbrichs Blick vom Talbahnhof entspricht diesem Blick über die steile Nordrampe.

Guck dir Yayoi Kusama an. Ja, die Sachen haben eine mega coole Raumwirkung und sind ästhetisch und hintergründig. Aber eigentlich funktioniert die Nummer, weil man weiß, dass die Frau seit Jahren (freiwilig) in der Psychatrie lebt, und wie sie einen so völlig ernst mit ihrem pinken Pagenhaarschnitt ansieht wie die Log Lady in Twin Peaks – als wäre sie völlig verrückt – was sie ja vielleicht auch ist – dass nur, um den Effekt zu beschreiben. Das ist das Spiel mit der Autorenschaft. So. Pause.
Jetzt hatte ich lange Zeit darüber nachzudenken, aber eine echte Antwort fällt mir gar nicht ein. Eine Antwort, von der ich denke: Ah okay, das trifft es. Möglicherweise bin ich schon zu lange in diesem Forum und die meisten Leute kennen ja den Stil meiner Texte ein wenig ... da wirkt vielleicht eine Autorenfiktion. Ich habe mit der Geschichte versucht, ein bisschen erzählerischer zu werden, nicht immer ins Sphärenhafte abzutauchen, das erzählerischeTiefe durch diffusen Nebel erahnen lässt, sondern mit der Schärfe einer frisch ausgeschlagenen Obsidiankante abbildet. Mehr Kontrast im Wort, mehr schwarze Schrift, die sich aus dem weißen Grund erhebt und Zeichen, die Zeichen bleiben und keine Spuren im Sand. Die Stadt zerbricht in tektonische Geometrien aus Kanten, Winkeln, Ecken, Gesetzmäßigkeiten von Sinus, Tangens, Kosinus im dreidimensionalen Raum. Ich versuche, eine Sprache zu fassen, die so präzise das erfasst, was eine Formel über ein geometrisches Objekt beschreiben kann. In Bolanos "Chilenische Nächte" beobachtet ein Priester in einem Garten den greisen Pablo Neruda beim Flüstern eines Gedichts über den Nachthimmel; das ist die Essenz einer Situation, stellt der Priester fest und ich hoffe - jetzt bitte keine Eitelkeitsvorwürfe - dass ich auf diese Essenz hinarbeite. Sind jetzt sehr große, fast schon eitle Worte - ich meine sie nicht so. Nur fällt mir immer wieder auf, wie viele den Text mögen, aber jeder mag ihn wegen etwas anderes. Das freut mich sehr und ich wünsche mir, dass das so bleibt, das der Text von einem Referenzpunkt agiert, den man weder mögen noch nicht-mögen kann, sondern nur die Höhen einer Landschaft kalibriert, die der Beobachter, sprich der Leser, eben mag oder nicht-mag.

Ist das überhaupt eine Antwort? Je ne sais pas!

@Carlo Zwei , ich hoffe ... ich hoffe sehr, du kannst damit etwas anfangen.

Lg aus Leipzig
kiroly

***

Hallo @Isegrims :-)

vielen Dank für deine Anregung bezüglich der Kamerafahrt - ist aufgenommen!

Lg aus Leipzig
kiroly

 
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Bin ich mir gar nicht sicher. Führe ich nicht die indirekte Rede des Oberarztes weiter? Hm hm hm ...

stimmt

Da fühle ich mich oft hilflos, da fühle ich mich als Lehrling denn als einer, der weiß, wie man es in Zeitschriften und Verlage schafft.

das geht mir genau so. Ich fühle mich nicht als Lehrling; aber diese Fragen sind so schwer richtig zu beantworten. Es fühlt sich nicht richtig an, darauf hinzuarbeiten, einen Verlag zu finden, der einen umfänglichen Text auf hübsche Seiten druckt und mit einem gestalteten Buchdeckel versieht und auf dem Verkaufstisch platziert. Das kann es nicht sein. Andererseits frage ich mich bei allem schriftstellerischen Ehrgeiz dieser Tage auch, wie es denn jetzt damit weitergeht. Es wäre leichter, das schreiben rein marktwirtschaftlich zu sehen, aber deswegen sind die wenigsten von uns wirklich hier. Es geht um etwas Ephemeres, dass wir alle nie so richtig verstehen werden, bevor es passiert ist. Das klingt sicher sehr mystisch, aber ich glaube, die warum-Frage, kann keine:r von uns wirklich – also wirklich – beantworten.


:gelb:

das ist die Essenz einer Situation

Ich verstehe das gut. Das Schwierige ist doch aber auch, die Essenzen miteinander zu vermischen bzw. dramaturgisch zu verbinde – ohne dass sie nur collagiert wirken.

Hab nen schönen Sonntag, guter Kiroly!

(Und: ist immer schön, deinen fiktiv geologischen Begründungen zu lauschen :))

 
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Irgendwo fühlt man sich ja ein wenig geschmeichelt, andererseits weiß ich um meine schreiberische Realität, naja, und die ist ... habe ich mal was veröffentlicht? Ja? Nein! Dazu empfinde ich auch die Texte nicht qualitativ genug. Da fühle ich mich oft hilflos, da fühle ich mich als Lehrling denn als einer, der weiß, wie man es in Zeitschriften und Verlage schafft.
Lehrlinge sind wir alle, auch diejenigen, die veröffentlicht haben, das ist kein Kriterium. Wer glaubt, er müsse nichts mehr dazulernen, wird sich beim Schreiben nicht entwickeln, meine ich. Also geht's darum auszuprobieren, an die Grenzen zu gehen, Erfahrungen zu sammeln, zu erkennen, was funktioniert, was nicht, die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten erweitern, am eigenen Stil arbeiten.
Und eben Relevanz, Literatizität- Meiner Meinung nach bist du auf dem Weg, das ist schon wichtig, wenn nicht das wichtigste überhaupt. Sich Zeit lassen ist wichtig, Geduld.
Das zu schaffen, wünsche ich mir, nur fühle ich mich in der Umsetzung ... in der Wahl der Methode, in den Instrumenten ... sehr verloren.
Auch das braucht Zeit. Übrigens waren es bei mir nicht die Texte, die bei den Wortkriegern besonders gut ankamen, sondern von denen ich einfach überzeugt war, weil sie sich dem näherten, wie ich schreiben wollte/will, was ich selbst gerne lese, die mehrere Ebenen enthalten - mit solchen Texten habe ich Veröffentlichungen und Preise erzielt.
Nur fällt mir immer wieder auf, wie viele den Text mögen, aber jeder mag ihn wegen etwas anderes. Das freut mich sehr und ich wünsche mir, dass das so bleibt, das der Text von einem Referenzpunkt agiert,
Da ist doch der Ansatzpunkt, vom Referenzpunkt ausgehend das Spektrum erweitern.
das geht mir genau so. Ich fühle mich nicht als Lehrling; aber diese Fragen sind so schwer richtig zu beantworten. Es fühlt sich nicht richtig an, darauf hinzuarbeiten, einen Verlag zu finden, der einen umfänglichen Text auf hübsche Seiten druckt und mit einem gestalteten Buchdeckel versieht und auf dem Verkaufstisch platziert. Das kann es nicht sein. Andererseits frage ich mich bei allem schriftstellerischen Ehrgeiz dieser Tage auch, wie es denn jetzt damit weitergeht.
Stimmt: es geht nicht darum, irgendwie irgendwo gedruckt zu werden. Es geht um Botschaften, um das, was man zu sagen hat, sonst wird es artifiziell.
Es geht um etwas Ephemeres, dass wir alle nie so richtig verstehen werden, bevor es passiert ist.
schön ausgedrückt!

bisschen OFF-TOPIC jetzt, aber eine interessante Diskussion.

 
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Auch das braucht Zeit. Übrigens waren es bei mir nicht die Texte, die bei den Wortkriegern besonders gut ankamen, sondern von denen ich einfach überzeugt war, weil sie sich dem näherten, wie ich schreiben wollte/will, was ich selbst gerne lese, die mehrere Ebenen enthalten - mit solchen Texten habe ich Veröffentlichungen und Preise erzielt.
Wortkrieger sind demnach also nicht in der Lage, Texte mit mehreren Ebenen "richtig" zu lesen und zu interpretieren? Mit deinen "richtigen" Texten hast du dann Preise gewonnen, aber den Wortkriegen fehlte einfach die Lesekompetenz, ja? Verstehe ich das so halbwegs richtig?

Stimmt: es geht nicht darum, irgendwie irgendwo gedruckt zu werden. Es geht um Botschaften, um das, was man zu sagen hat, sonst wird es artifiziell.
Vielleicht sollte da jeder für sich selbst sprechen. So pauschale und kategorische Urteile sind doch etwas unterkomplex, oder? Mir geht es nicht um Botschaften. Mir geht es um eine gute Geschichte. Und natürlich möchte ich, dass die von so vielen wie möglich gelesen wird. Die Frage ist, inwieweit du dich verbiegst, um das zu erreichen.

Sorry, zum Text sage ich später natürlich auch noch was, ich arbeite an einem Kommentar.

Gruss, Jimmy

 
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Wortkrieger sind demnach also nicht in der Lage, Texte mit mehreren Ebenen "richtig" zu lesen und zu interpretieren?
ist jetzt deine (Über-)Interpretation. denn weder habe ich gesagt, dass Wortkrieger inkompetent sind noch keine Expertise haben. Was ich ausdrücken will: man darf sich ruhig auf das verlassen, was man selbst über einen Text denkt.
Und das, was ich zu den Ebenen schreibe, bezieht sich natürlich auf meinen persönlichen Geschmack, solche Texte mag ich. Dass die dann auch von Jurys goutiert werden, ist reiner Zufall schätze ich.

Mir geht es um eine gute Geschichte. Und natürlich möchte ich, dass die von so vielen wie möglich gelesen wird. Die Frage ist, inwieweit du dich verbiegst, um das zu erreichen.
hundert Prozent richtig! Nur ist der Begriff "gute Geschichte" eine Worthülse, die gefüllt werden müsste.
Vielleicht sollte da jeder für sich selbst sprechen. So pauschale und kategorische Urteile sind doch etwas unterkomplex, oder?
Habe ich etwa nicht von mir gesprochen? Da war nix kategorisch!

 
Seniors
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Was ich ausdrücken will: man darf sich ruhig auf das verlassen, was man selbst über einen Text denkt.
Dann schreib es doch einfach hin und schwurbele nicht so rum, dass man überhaupt auf die Idee kommt, zu interpretieren.
Habe ich etwa nicht von mir gesprochen? Da war nix kategorisch!
Es geht um Botschaften vs Mir geht es um Botschaften ... merkste selber.

 
Wortkrieger-Team
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Es geht um Botschaften vs Mir geht es um Botschaften ... merkste selber.
hast recht, hab nicht mit gerechnet, dass mein Statement nicht als persönliches interpretiert wird.

 

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