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Andersherum

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03.10.2020
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Andersherum

11/3, bitte kommen.“ Ihre Stimme klang verzerrt. Kalte Elektronik.
Lukas blickte durch die monotonen Bewegungen der Scheibenwischer auf die Straße. Es schneite und die Eisschicht auf dem Asphalt blitzte im Licht der Scheinwerfer. Dampf stieg aus dem Kaffeebecher im Getränkehalter.
„Hier 11/3, was gibt’s?“, antwortete er.
Oberhainstraße 20. Meldung wegen Hausfriedensbruch. Bei der meldenden Person Hinweise auf eine psychische Ausnahmesituation. Sie sagt, sie ist allein im Haus. Eine Frau Paternaski. Allenfalls Gefahr in Verzug.
Im Lautsprecher das Atmen von Jess, während sie auf Lukas‘ Antwort wartete. Diesen Atem hatte er an seinem Hals gespürt. Er spürte ihn jetzt, wenn er darüber nachdachte. Sie hatte ihn verführt. Nach Jahren der Zusammenarbeit hatte Lukas geglaubt, sie zu kennen. Doch an Jess gab es noch eine andere Seite. Seit diesem Abend sprach sie ihn über Funk nicht mehr mit Klarnamen an.
11/3?
Ein Blick aufs Navi. Er setzte den Blinker. Seine Hand am Kaffeebecher, dann zurück am Lenkrad. „Verstanden, Zentrale“, sagte er, betont kühl, und bog rechts ab. „Bin unterwegs.“

Die Reihenhäuser unterschieden sich nicht. Zumindest nicht bei Nacht und diesem Wetter. Auf Vorgärten und Gehwegen lag eine dichte Schicht Schnee, dämpfte die Motorgeräusche und das Restlicht der Straßenlampen. Unter den Rädern das Knirschen von Graupel. Ein leerer Spielplatz. Schaukeln bewegten sich im Wind. Lukas fuhr hinter den rotglimmenden Rücklichtern der Räumung her, beobachtete den Salzstreuer. Bei Nummer 20 hielt er an.
„Zentrale, bin vor Ort. Soweit alles ruhig.“
Verstanden, 11/3.
Er schaltete den Wagen und den Funk aus, zog den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Hals. Dann stieg er aus. Im Licht der Straßenbeleuchtung sah er den Namen auf der Klingel. Georgette Paternaski. Er drückte den Knopf, aber entweder war die Klingel kaputt oder die Haustür isolierte besser als andere. Stille. Dann hörte er, wie ein Schlüssel gedreht wurde. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Dahinter das fahle Gesicht einer Frau, ihr blondes Haar zurückgebunden, unter den Augen schwarze Ringe, als hätte sie es mit dem Kajal übertrieben.
„Ja? Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.
„Frau Paternaski? Mein Name ist Lukas Wendel. Sie haben die Polizei gerufen.“
Sie blinzelte, antwortete aber nicht.
„Es gab einen Hausfriedensbruch?“
Georgette Paternaski fuhr sich über die Stirn. Kniff die Lippen zusammen. Ihre Fingernägel hatten schmutzige Ränder. „Ach, deswegen“, sagte sie und ließ die Schultern sinken. „Ja, stimmt. Aber jetzt ist er weg.“
„Wer ist weg?“, fragte Lukas.
„Der Junge.“
„Ein Jugendlicher aus dem Viertel?“
„Nein, nein. Er ist nicht von hier.“
Ihre Stimme klang erschöpft, unendlich müde. Sie sah krank aus. Am dünnen Körper trug sie nur ein Nachthemd, ihre Brustwarzen dunkle Punkte. Kleine, spitze Hügel. Kein Licht im Haus, konturlose Finsternis im Flur.
„Was ist passiert?“, fragte er.
„Entschuldigen Sie“, antwortete Georgette und verschränkte die Arme. „Ich habe mich erschreckt, aber es ist nichts passiert.“
„Sind Sie allein?“
„Ja“, sagte sie. Georgette stieß die Tür weiter auf und schaute nach draußen. Nun konnte er ihr Gesicht besser sehen. Die Haut wirkte angespannt, die Falten geglättet, als würde sie von den Haaren zu fest zurückgezogen. Ihre Füße steckten in grauen Pantoffeln. „Es schneit ja“, sagte sie und trat einen Schritt nach vorne.
Er zeigte mit dem Daumen über die Schulter. „Ich hole Ihnen einen warmen Kaffee aus dem Wagen.“
„Es geht schon. Danke.“
„Die Zentrale sagte, sie klangen aufgelöst.“
„Es tut mir leid. Ich ... ich brauchte jemanden zum reden.“
Lukas kannte diesen Blick. Der gescheiterte Griff nach Verständnis. Man konnte sich darin verlieren, bevor’s einem auffiel. Eine Bewegung in der Dunkelheit des Flurs unterbrach seine Überlegungen. „Wer ist bei Ihnen?“
Rasch trat Georgette zurück hinter die Tür. „Niemand.“
„Sie müssen mir auf meine Fragen keine Auskunft geben.“
Wieder fuhr sie sich über die Stirn, massierte kurz ihre Schläfen, als müsste sie sich erinnern. Dann sagte sie: „Mein Sohn ist bei mir.“
„Hat ihr Sohn den Jungen auch gesehen, der Ihnen Ärger gemacht hat?“
„Ich weiß nicht.“
„Darf ich kurz reinkommen? Nur um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist.“
Georgette legte den Kopf schief. „Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“
Lukas bemerkte ihr Zittern. Ob von der Kälte oder aus einem anderen Grund, das musste er herausfinden.
„Nein“, sagte er.
Ihre Lider flatterten. Einen Moment schwiegen beide.
„Holen Sie den Kaffee?“, fragte Georgette schließlich. „Vielleicht wäre ich doch froh über etwas Gesellschaft in einer solchen Nacht.“ Sie lächelte, ihre Lippen blasse Striche.
„Warten Sie. Ich bin gleich zurück.“
Während er zum Wagen ging, dachte er an ihren dunklen Blick. Schnee knirschte unter seinen Stiefeln.

Im Wagen nahm er den Kaffee aus der Halterung. Lauwarm. Er schaltete den Funk ein. Frau Paternaski konnte er nicht mehr sehen. Aber die Haustür stand noch offen. Das weiße Wirbeln wurde dichter.
„Zentrale, bitte kommen“, sagte er. Nur Rauschen.
„Zentrale, kann mich jemand hören?“ Keine Veränderung. Dann kurz eine Verzerrung in der Statik.
„Jess?“, fragte er und wartete. Nichts. Wie nach ihrer gemeinsamen Nacht.
„Fuck!“
Er stieg aus, drückte den Knopf der Zentralverriegelung und ging zurück zum Haus. Stellte den Kaffeebecher auf den Briefkasten. Spürte die Restwärme in seinen Fingern. Es folgten routinierte Griffe. Er überprüfte Schlagstock, Pfefferspray und den kalten Verschluss am Holster.
„Ich komme jetzt rein!“, verkündete er. Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er mit der Schulter die Tür auf.

Mittlerweile hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ein rechteckiger Rahmen angefüllt mit Schwärze, dahinter ein ebenso finsteres Zimmer. Treppenstufen in den ersten Stock. Die Umrisse einer Kommode. Jacken, Mäntel, Winterstiefel. Da waren auch solche für Kinder. Dieser Flur, dieses Haus, die lähmende Stille. Der Sohn, eine Frau, Georgette Paternaski. Abgesehen vom Namen alles wie damals, als Lukas für sechs Monate suspendiert wurde. Ihm fiel ein, dass er den Kaffee vergessen hatte.
„Frau Paternaski?“, fragte er. „Sie haben nichts falschgemacht, okay?“ Keine Antwort. Nur tapsende Schritte im anderen Zimmer. Begleitet von einem leisen Rauschen. „Können Sie das Licht anmachen?“
Lukas wartete. Ein Klicken, und eine Lampe flackerte zum Leben. Georgette Paternaski saß an einem Tisch, auf einem Stuhl ohne Lehne. Sie blickte ihn nicht an, sondern an die Wand, auf die in den Ecken abgeblätterte Tapete. Lukas betrat den Raum. Eine von der Wand abgerückte Vitrine, der Fernseher, ein rotes Sofa mit Ottomane, ein ausladendes Bücherregal, dicht gefüllt mit verstaubten Wälzern. Er konnte nicht sagen was, aber etwas an der Anordnung der Möbel irritierte ihn. Das Offensichtlichste ignorierte er. Vorerst.
„Ich will Ihnen helfen. Aber zuerst müssen Sie mir helfen.“
Er berührte ihre Hand. Sie war erstaunlich warm, er spürte die Sehnen. Sah die blauen Adern unter der Haut. Georgette reagierte nicht.
„Erinnern Sie sich, was passiert ist?“, fragte Lukas.
Wieder keine Reaktion. Er ließ seine Hand auf der ihren, ging in die Knie. Schaute in ihr Gesicht, in ihre Augen. Georgette steckte irgendwo da drin, hinter dieser Maske aus Regungslosigkeit. Sie versteckte sich wie die andere Frau. Lukas musste ihr Zeit geben. Sonst blieben nur zusammenhangslose Splitter übrig. Diesmal würde er keinen Fehler machen. Diesmal würde niemand zerbrechen.
„Ich werde Ihnen jetzt eine Reihe einfacher Fragen stellen. Sie nicken oder schütteln den Kopf. Können Sie das für mich tun?“
Georgette Paternaski nickte.
„Sehr gut. Der Jugendliche, weswegen Sie uns angerufen haben, ist er bei Ihnen eingebrochen?“
Georgette Paternaski legte die Stirn in Falten, nickte dann zögerlich.
„Ist er noch hier?“
Wieder ein Nicken, diesmal schneller.
„Hat er sich versteckt?“
Kopfschütteln.
„Ist er bei ihrem Sohn?“
„Nein“, brachte Georgette hervor. „Er ist doch hier.“
Noch einmal prüfte Lukas den Raum. Es gab keine Stelle, wo sich ein Junge – auch ein kleingewachsener – hätte verstecken können. Unter dem Sofa war kein Platz. Dahinter auch nicht, es war flach und ohne Rückenpolsterung. Vorhänge gab es keine. Alle drei Fenster auf der Rückseite des Hauses waren mit Brettern verbarrikadiert. Der Hammer lag noch auf dem Tisch. Vor der Tür hing ein schweres Eisenschloss. Georgette drehte den Schlüssel zwischen den Fingern, ihr Arm hing leblos herab.
„Kann er uns hören?“
Ein Nicken.
„Soll ich ihm sagen, dass er weggehen soll?“
„Er geht nicht weg.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte Lukas.
Georgette zog ihre Hand unter seiner weg, legte sie aufs Knie. Lukas bemerkte die Nässe im Nachthemd, an ihrem Bein. Einer der Pantoffeln war dunkel verfärbt. Sie drehte den Schlüssel, ohne Pause. Ihre Lippen bebten, als sie weitersprach.
„In der Dunkelheit kann man ihn besser sehen“, sagte sie.
„Wieso sind die Fenster zugenagelt?“
„Damit er nicht rauskann.“
Lukas zuckte mit den Schultern. „Aber Sie sagten doch, dass Sie ihn loswerden wollen?“
„Nein, ich ... weiß nicht. Er ist doch mein Sohn. Wieso sollte ich ...“, antwortete sie und Tränen liefen über ihre angespannte Gesichtshaut, sammelten sich im Mundwinkel. Sie hörte damit auf, den Schlüssel zu drehen, legte ihre Hand offen auf den Tisch, als wollte sie Lukas zu verstehen geben, er solle aufschließen. „Er darf nicht hinten raus, das habe ich ihm gesagt. Aber er hört nicht auf mich.“
„Wieso, was ist dahinten?“
„Das, was vorne ist.“
„Beruhigen Sie sich, Frau Paternaski.“ Lukas nahm den Schlüssel. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

Als er den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, reagierte Frau Paternaski hysterisch. „Nein! Nicht aufschließen!“
Lukas wandte sich zu ihr um. Ihre Miene so regungslos und grau wie Stein. Einen Moment war er unschlüssig. Dann ließ er die Hand mit dem Schlüssel sinken.
„Okay“, sagte er. „Ich werde nichts tun, was Sie nicht wollen.“
„Sie können durch den Spion schauen“, entgegnete sie.
Tatsächlich gab es einen Spion in der Hintertür. Nun war es an Lukas, den Kopf zu schütteln. Er legte die schlüssellose Hand gegen das Holz, kniff ein Auge zu und blickte nach draußen. Zerkratztes Glas, leicht schmierig. Der Schneefall dicht und schwer im Licht der Straßenlampen. Sein Dienstwagen war bereits fast zugedeckt. Die gegenüberliegende Häuserzeile verloren in der Nacht.
Lukas ließ von der Tür ab. „Sie sind clever, Frau Paternaski“, sagte er, während er zurück zum Tisch ging. „Sie sind richtig clever.“ Er tippte sich gegen die Schläfe.
„Geben Sie mir den Schlüssel zurück?“, fragte sie.
Er legte ihn in ihre Hand, achtete darauf, sie nicht zu berühren. „Ich werde jetzt eines der Bretter wegnehmen“, sagte er. „Danach nagle ich das Fenster wieder zu.“
Frau Paternaski war zurück in ihr leeres Starren verfallen. Auch als er den Hammer nahm und die Klaue ansetzte, zeigte sie keinerlei Regung. Die Nägel saßen nicht tief. Zwei pulte er heraus und das Brett kam von der Wand. Ein schmaler Spalt vor dem Fenster, aber genug, um nach draußen sehen zu können.
Einen Augenblick verharrte er. Beim Zurücknageln des Bretts schlug er sich fast den Daumen blutig. Lukas ging durch den Raum, den Hammer immer noch in der Hand, durch den dunklen Flur zum Eingang. Öffnete die Tür. Der Wind schlug ihm entgegen. Auf dem Spielplatz quietschte die Wippe. Er warf den Hammer nach ihr. Sein Kaffeebecher stand nicht mehr auf dem Briefkasten.

Georgette saß da wie zuvor.
„Ich werde jetzt das Licht ausmachen“, sagte Lukas.
„Sie wollen den Jungen unbedingt sehen“, nuschelte sie und Lukas konnte hören, wie bleiern ihre Zunge sein musste. Doch mit jedem Wort sprach sie klarer, als würde sie aus tiefem Schlaf erwachen. Oder aus einem finsteren Ort ihres Verstandes zurück an die Oberfläche drängen. „Woher kennen Sie ihn?“
Lukas trat einen Schritt vom Tisch weg. „Wie kommen Sie darauf, dass ich ihn kenne?“
Georgette faltete die Hände in ihrem Schoss, schloss die Augen. „Ich weiß nicht. Ein Gefühl. Schalten Sie aus und sehen Sie selbst.“
„Bevor ich das tue, erklären Sie’s mir“, verlangte Lukas. „Versuchen Sie es zumindest.“
Ihre Hände schossen nach vorne, als wolle sie etwas Unsichtbares von sich stoßen. „Sie haben sich doch umgesehen?“, fragte sie, die Augen weiterhin zu. „Ist es Ihnen nicht aufgefallen? Egal was, in diesem Raum hat alles nur eine Vorderseite.“
Hinter der schrägstehenden Vitrine dieselben Schubladenkästen wie vorne, die Glastüren ließen sich auf beiden Seiten öffnen. Lukas ging zum Fernseher. Der Monitor zeigte auch gegen die Wand. Die Stühle ohne Lehnen. Das flache Sofa. Sein Blick aus dem verbarrikadierten Fenster.
„Sehen Sie denn nicht, was er macht?“, klagte sie. „Schauen Sie doch, was er mit mir gemacht hat ...“ Sie drehte sich auf dem Stuhl um – oder war es ein Hocker, Lukas konnte es nicht sagen. Ihr so fest zum blonden Zopf gebundenes Haar, das sie nun löste. Rückte ihren Rücken gerade, damit er besser sehen konnte. Wie sie die Haare auseinanderzog, ihren kahlen Hinterkopf zeigte, die Haut eingerissen und erste Zähne, die aus der Wunde stachen. Auf Ohrhöhe ein halb von dünner Haut überspanntes Auge, das Blut blinzelte. Georgette wimmerte aus ihrem falschen Mund und schlug mit den Fersen gegen den Stuhl. Ihre neue Nase sah aus wie gebrochen. Lukas löschte das Licht.

Lukas!“ Die Stimme war verzerrt, die Frequenz schlug aus. „Hallo? Bist du da?
Statisches Knacksen und Rauschen. Das Funkgerät, er hatte es in der Hand. Auf der Oberseite fand er mit dem Daumen den Sprechschalter. „Was ist los?“ Mehr konnte er nicht sagen. In sich zusammengesunken saß er am Steuer des Dienstwagens, die Jacke bis oben zugezogen. Er schlotterte.
Was stimmt nicht mit dir?
„Wer ... Jess? Jess, bist du das?“ Beim Bewegen des Kiefers spannte seine Haut. Er richtete sich auf, strich über seine Hosen, um den Schweiß an den Handflächen zu trocknen. Der Schneefall hatte aufgehört und die Straße voller Verwehungen und die Eingänge der Häuserzeilen leer zurückgelassen. Bei Frau Paternaski brannte das Licht. Er glaubte, ihre Gestalt im Türspalt zu erkennen. Ein Schatten, der sich in die Finsternis schälte, mit ihr verschmolz und verschwand.
Ich hab eine Patrouille geschickt!
Er öffnete das Handschuhfach, tastete. Die Taschenlampe.
Dir geht’s nicht gut, du ... Wieso hast du mir das alles erzählt? Ich wusste, du hättest suspendiert werden müssen ...
Jess wurde vom Rauschen verschluckt und es blieb eine Stille, die Lukas in den Ohren hämmerte. Das Innere des Wagens drohte ihn zu erdrücken. Im Rückspiegel sah er sich selbst, in einem anderen Rückspiegel. Und in diesem ein anderer.

Er stieg aus. Auf halbem Weg zu Georgette Paternaskis Haus kehrte er um. Stapfte durch eine der Verwehungen an seinem Wagen vorbei. Draußen war es noch kälter als im Wagen. Er spürte seinen warmen Atem am Bart, die Feuchtigkeit, die sich bildete. Das gegenüberliegende Haus. Ordnung wiederherstellen. Bewegung und Funktion. Ob Instinkt, Neugier oder Angst, es war alles zusammen.
Tief eingegrabene Spuren führten ihn bis vor die Haustür. Auf dem Briefkasten der Kaffeebecher. Lukas griff nach ihm, der Inhalt war gefroren. Er stemmte sich gegen die Haustür und hörte das Scheppern des Eisenschlosses auf der anderen Seite. Bretter hinter den Fenstern. Also warf er den gefrorenen Kaffee in eine Scheibe. Fuhr mit dem Ärmel seiner Jacke über den Rahmen, um die Splitter abzubrechen. Drückte gegen die Bretter, um ein loses zu finden. Kaum war eines rausgeschlagen, ging es einfacher. Sein Atem kondensierte, während er sich Zugang verschaffte.

Er stieg ein. Unter ihm das Polster des Sofas, seine Stiefel versanken in dem weichen Stoff, er schwankte. Knipste die Taschenlampe an und leuchtete durch den Raum. Frau Paternaski saß am Tisch. Er senkte den Strahl der Lampe, um sie nicht zu blenden. Bevor er etwas sagen konnte, fiel ihm ihre Veränderung auf. Das viele blonde Haar. Es war rund um ihren Kopf gewachsen, sie hatte es hinten und vorne zu symmetrischen Zöpfen gebunden.
„Georgette, hörst du mich?“, fragte er und seine Stimme klang fremd in diesem Wohnzimmer. So kalt wie knirschender Graupel.
„Nicke, wenn du mich hören kannst, okay?“
Frau Paternaski bewegte sich nicht. Sie hatte ihre Hände auf die Beine gelegt. Lukas ging an ihr vorbei, in gebührendem Abstand, und nahm den Schlüssel vom Tisch. Ließ den Strahl der Taschenlampe über die Wände wandern. Die Tapete hatte die Farbe grauen Schnees. Er hörte ein leises Rauschen. Ein Knacksen, als würde sich Eis bewegen. Tapsende Schritte auf der Treppe.
Er leuchtete die Stufen runter. Das Rauschen wurde lauter. Statik in seinem Kopf. Frequenzüberschläge in der Rhythmik seines Herzschlags, abschwellend und wieder stärker. Auf der Treppe war niemand. Lukas senkte den Lichtstrahl, kniff die Augen zusammen, um etwas sehen zu können, und aus der Finsternis löste sich ein Schemen. Seine Umrisse. Der Grund, warum Lukas – er, 11/3 – hierhergekommen war. Er knipste die Taschenlampe aus.
Einen Moment standen sie sich gegenüber. Er konnte in dem Schatten einen Regen aus Funken sehen, der zusammen mit der Finsternis in ihn hineinfiel. 11/3 konnte seinen Blick nicht abwenden. Spürte eine leichte Berührung an der Hand. Die Statik wurde leiser, das Knacksen unregelmäßiger. Die Tür stand schon einen spaltbreit offen. Er folgte dem Schatten des Jungen hinaus, hinter die sternlose Nacht.

 

Hallo @deserted-monkey,

viel habe ich gar nicht zu sagen, das ist sehr souverän geschrieben und fehlerfrei (zumindest habe ich keine gefunden). Mir ist stilistisch ebenfalls nichts aufgefallen, kein Stolperer oä.. Nach dem Text frage ich mich, was habe ich gelesen? Und ich ringe um das Verständnis. Horror ist das für mich nicht, denn Horror ist für mich verbunden mit der Angst vor etwas Unbekannten, bzw. Unerklärlichen. Bei deinem Prota liegt aber nahe, dass ihm seine Psyche diese Kapriolen aufzwingt, die er durchlebt. Es gibt eine mögliche Erklärung für alles, für die Geräusche, das Scharren auf der Treppe, die Schatten, die aus ihm selbst entspringen und die merkwürdige Mutation der Frau Paternaski. Würde mal vermuten, das ist alles hausgemacht und insofern fehlt das verstörende, fremde Element, das es für Horror braucht. Um das mehr in der Schwebe zu halten, müsstest du auf diese Auflösung verzichten:

Seine Umrisse. Der Grund, warum Lukas – er, 11/3 – hierhergekommen war. Er knipste die Taschenlampe aus.
Einen Moment standen sie sich gegenüber. Er konnte in dem Schatten einen Regen aus Funken sehen, der zusammen mit der Finsternis in ihn hineinfiel. 11/3 konnte seinen Blick nicht abwenden. Spürte eine leichte Berührung an der Hand.
Damit sortierst du die Phänomene eindeutig dem Prota zu und die Spannung verliert sich leider. Meine Lesart. Die Auflösung, die du anbietest, finde ich zu vertrackt und ich habe sie nicht vollends gecheckt. Es geht um ein Treffen von dem Jungen der Vergangenheit und dem 11/3 der Gegenwart. Und es geht um eine Spiegelwelt, das impliziert der Titel, gleiche und doch verschiedene Häuser auf den gegenüberliegenden Straßenseiten der Oberhainstraße und eine psychische Ausnahmesituation. Alles hat nur eine Vorderseite, die Vitrine hat Türen zu beiden Seiten, das haus darf nicht durch die Hintertür verlassen werden. Was sagt mir das, was sind die Regeln dieser Spiegelwelt?
Das Innere des Wagens drohte ihn zu erdrücken. Im Rückspiegel sah er sich selbst, in einem anderen Rückspiegel. Und in diesem ein anderer.
Ich lese Reflexionen einer multiplen Persönlichkeit, nahe am Wahnsinn? Oder worauf fußen diese Visionen?

Meine Frage: Wenn er mit seinem Trauma so in seiner Vergangeheit verstrickt ist, warum klingelt bei der Nennung der Adresse und des Namens nichts bei ihm? Zudem ist er für ein Fehlverhalten in vergleichbarer Ausgangslage suspendiert worden. Da müssten ihn doch die Parallelen anspringen.

Georgette steckte irgendwo da drin, hinter dieser Maske aus Regungslosigkeit. Sie versteckte sich wie die andere Frau.
Irgendwas wiederholt sich hier, ich kann es nicht genau greifen. Das ist reichlich seltsam und auch ein wenig konfus.
„Ist er bei ihrem Sohn?“
„Nein“, brachte Georgette hervor. „Er ist doch hier.“
Er ist der Sohn, hat diese Verbindung zu seinem jüngeren Ich, erkennt dennoch in Frau Paternaski nicht seine Mutter? An einer Stelle spät im Text duzt er sie auch. Sie vernagelt das Haus mit Brettern, damit der Sohn nicht hinauskommt. Er ist der Jugendliche, der in das Haus eingebrochen ist und sie erkennt ihn wieder? Und hat zudem Angst vor ihr, so sehr, dass sie einnässt?
Bevor er etwas sagen konnte, fiel ihm ihre Veränderung auf. Das viele blonde Haar. Es war rund um ihren Kopf gewachsen, sie hatte es hinten und vorne zu symmetrischen Zöpfen gebunden.
Georgette ist in beiden Häusern gleichzeitig, an der Stelle verschmelzen die gespiegelten Realitäten zu einer, haben Auswirkung aufeinander. Und Georgette als Mutter dreht sich im Kreis. Meine Lesart.
Ich bekomme die Geschichte nicht zu greifen, sie windet sich immer weg und hinterlässt bei nur den Eindruck, dass ich nicht verstehe, wohin du mit deinem Text gehen willst.
Ich lese eine Haufen einzelner Fäden, die alle in verschiedene Richtungen weisen und bekomme sie nicht zu einem Strang verflochten. Für mich wäre es extrem hilfreich, da einen greifbaren roten Faden in der Hand zu halten, mit dessen Hilfe ich den Rest sortieren kann. Sorry, den sehe ich momentan nicht.

Kleinkram:

Mittlerweile hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ein rechteckiger Rahmen angefüllt mit Schwärze, dahinter ein ebenso finsteres Zimmer.
Schlagstock und Pfefferspray, aber keine Taschenlampe?
Er stemmte sich (vergeblich) gegen die Haustür und hörte das Klirren des Eisenschlosses auf der anderen Seite
Finde das Klirren nicht passend, Glas klirrt, ein Metallschloss scheppert in der Falle.
Bretter hinter den Fenstern. Also warf er den gefrorenen Kaffee in eine Scheibe.
Das würde nur bei Einfachverglasung funktionieren, wenn du den volles Rohr darein pfefferst. Bei Isoscheiben prallt der ab, ohne einen Kratzer im Glas.

Peace, l2f

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @deserted-monkey ,
ich komme später wieder, bin grad eingebunden, glaube aber, das ist voll meine Tasse :kaffee:. Vielleicht noch die Zeilen angleichen: Verbindung von Sprecher(in = radio) und Redebegleitsätzen? Da sind öfter falsche Umbrüche. Bei Funk finde ich auch kursiv schön (so hab ich es bislang gemacht, intuitiv, mag falsch sein, sieht aber gut aus - und die sprechende Person steht ja nicht im Bild sozusagen :D).

Nach dem Text frage ich mich, was habe ich gelesen? Und ich ringe um das Verständnis. Horror ist das für mich nicht, denn Horror ist für mich verbunden mit der Angst vor etwas Unbekannten, bzw. Unerklärlichen.
Contemporary Weird, denke ich. [Edit: Oder Slipstream]

Es ist weniger der Text, der unbedingt spekulativ (oder gar paranormal) sein muss, als das eigenartige, verstörende Gefühl, das im Leser ausgelöst wird. Also ein Genre, das über Wirkung läuft, nicht über bestimmte Elemente. Unter Weird fällt Lovecraft (der den Begriff / das Prinzip meine ich ersonnen hat, muss mal nachschauen) wie auch bei Contemporary Weird Joel Lane, Thomas Ligotti, Laird Barron, einiges von Ramsey Campbell, und Hundert andere dazwischen. Ein tolles, sehr 'fluides' Genre voller Innovationen.

Weird kann auch typischer Horror sein, oder SF, also zusätzlich. Im Grunde geht es auch - wenns gut gemacht ist - im Realismus.

Alles Liebe, ich freue mich schon, den Text in Ruhe lesen zu können.
Und geil: Immer wird gesagt, man solle nicht mit wörtlicher Rede beginnen - aber das funzt für mich perfekt hier.
:-) Katla

 

Hallo @linktofink

Vielen Dank für deinen Kommentar, für die Schilderung deiner Leseerfahrung. Ich bedanke mich herzlich für deine investierte Zeit, für dein intensives Auseinandersetzen mit dieser Story. Du hast nach Halt gesucht, nach einer Logik, aber nichts gefunden. Daraus leite ich auch eine gewisse Frustration ab, der Text hat sich Dir nicht geöffnet, Du schreibst, er windet sich, bietet keinen rettenden roten Faden. Ja, ich muss zugeben, bis zu einem gewissen Grad ist das bewusst in Kauf genommen. Die Geschichte beginnt 'normal', Lukas hat die Situation scheinbar unter Kontrolle, aber wie dem Leser entgleitet ihm zunehmend alles. Im besten Fall könnte der Text so funktionieren. Ich verstehe, wenn ich sage, mit Logik kommt man nicht allzu weit, dann muss sich der Text den Vorwurf gefallen lassen: Also wenn's keine Logik gibt, dann kann ja irgendwas erzählt werden, das ist billig aus losen Elementen zusammengerammscht, hat dann keinen Anspruch. Ich versuche meine Schreibintention unten bisschen zu erläutern, ohne übererklärend zu wirken.

Für mich geht es in dieser Geschichte gar nicht unbedingt um eine Spiegelwelt (ich sehe aber nach deiner Rückmeldung, wo das (zu stark) angedeutet werden könnte, werde mir die Stelle(n) noch einmal ansehen!), sondern das zentrale Elemente sollte dieses 'Andersherum' sein. Frühere Titel waren: Vorne wie hinten oder Vorne wie hinten und andersherum. Letzteres habe ich dann auf den jetzigen zusammengekürzt. Anyway: Der Titel sollte im besten Falle der Schlüssel zum Text sein. Du warst teilweise auch auf dem richtigen Weg, so wie ich mir das gedacht hatte. Beispiel:

An einer Stelle spät im Text duzt er sie auch.
Absolut richtig. Er siezt sie den gesamten Text, am Ende duzt er sie. Es ist 'andersherum'.

Mir war wichtig, dass sich Bedeutungen im Verlauf des Textes umkehren – Nähe wird Distanz oder umgekehrt, Bedrohung wird Rettung, Kontrolle wird Ohnmacht. Manche Details (Anrede, Perspektive, Raumlogik) folgen diesem Prinzip.

Ich lese Reflexionen einer multiplen Persönlichkeit, nahe am Wahnsinn? Oder worauf fußen diese Visionen?
Diese Lesart ist für mich nicht zentral, aber ich finde sie nachvollziehbar. Wichtig war mir auszudrücken: Es gibt nun auch hinten im Wagen einen Rückspiegel. Wieso? Weil hinten genau gleich wie vorne ist. Also der Wagen hat zwei Vorderseiten.

Im besten Fall sollte also jeder Faden, den Du gefunden hast, spätestens am Ende 'andersherum' sein. Zumindest war das die Überlegung beim Schreiben, ob's funzt ... :hmm:

Schlagstock und Pfefferspray, aber keine Taschenlampe?
Stimmt. Ich schaue, wie ich das anpassen kann.

Finde das Klirren nicht passend, Glas klirrt, ein Metallschloss scheppert in der Falle.
Gebe ich Dir auch recht! Danke.

Das würde nur bei Einfachverglasung funktionieren, wenn du den volles Rohr darein pfefferst. Bei Isoscheiben prallt der ab, ohne einen Kratzer im Glas.
Da muss ich darauf vertrauen, dass andere Leser weniger versiert mit der Thematik sind. Eine Erklärung hätte an der Stelle eine zu grosse Bremswirkung, denke ich.

Danke für's Lesen und deinen Kommentar, @linktofink! Das war sehr hilfreich.

Und ja, noch was @Katla sagt: Die Story sollte dem Leser langsam den Boden unter den Füssen wegreissen, keine grossen Anhaltspunkte bieten, sondern Orientierungslosigkeit wie bei Lukas verursachen, ein Gefühl erwecken, dass ich -- mir fehlt gerade ein passender deutscher Begriff -- als existential dread bezeichnen würde.

Beste Grüsse,
d-m

 

Hi @deserted-monkey,

kurz vorweg: Ich habe keine bisherigen Kommentare gelesen, weil ich mich nicht davon beeinflussen lassen wollte. Kann also sein, dass einige Sachen schon gesagt wurden.

Ich mag den Aufbau der Geschichte sehr gerne. Dieses Schneetreiben, das dunkle Haus und der Polizeiwagen mit dem warmen Kaffee. Das find ich alls sehr stimmig und bildlich. Du betreibst auch viel Foreshadowing mit Bildern wie dem leeren Spielplatz. Das ist auch sehr gut gemacht.

Einige Anmerkungen:

Im Lautsprecher das Atmen von Jess, während sie auf Lukas‘ Antwort wartete.
Ist es realistisch, dass er den Atem durch das Funkgerät hört? Ich weiß es selbst nicht, habe mich nur gefragt.

Salzstreuer
Hier würde ich eher das Streufahrzeug oder etwas ähnliches sagen. Mit Salzstreuer wird in meiner Wahrnehmung eher das Ding am Esstisch gemeint.

beobachtete den Salzstreuer. Bei Nummer 20 hielt er an.
Das er im zweiten Satz ist zudem doppeldeutig. Das könnte sich sowohl auf das Streufahrzeug als auch auf Lukas beziehen.

Augen schwarze Ringe, als hätte sie es mit dem Kajal übertrieben.
Das Bild passt für mich persönlich nicht zu 100%. Wenn jemand mit Kajal übertreibt, sieht das ja ganz anders aus als Augenringe. Ich weiß was du meinst, aber das müsste man anders formulieren. Ihre Augenringe fast so schwarz wie Kajal oder so.

Mein Name ist Lukas Wendel. Sie haben die Polizei gerufen.
Würde man an der Stelle nicht möglichst klar machen, dass man ein Polizist ist? Also vielleicht sowas wie: Mein Name ist Lukas Wendel und ich bin von der Polizei. Sie haben uns gerufen.

Mittlerweile hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ein rechteckiger Rahmen angefüllt mit Schwärze, dahinter ein ebenso finsteres Zimmer.
Dieses Mittlerweile liest sich für mich persönlich so, als würde es den vorherigen Absatz miteinbeziehen, aber da war er ja draußen im Licht der Straßenlaterne und des Autos. Ich hätte hier eher sowas geschrieben wie: Als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, ... Kann aber auch gut sein, dass ich der einzige bin, der das so sieht. :)

Er konnte nicht sagen was, aber etwas an der Anordnung der Möbel irritierte ihn. Das Offensichtlichste ignorierte er. Vorerst.
Das hier finde ich schwierig. Du versuchst ja hier anzuteasern, dass die Möbel nur Vorderseiten haben, aber als Konstrukt passt es nicht zu 100%. Wenn er es ignorieren kann, hat er es ja bemerkt, oder? Und du beschreibst ja genau, was für Eindrücke er immer hat. Es gibt also keinen eigenständigen Erzähler, der sowas einschieben kann wie: "er sah es, aber ignorierte es". Nach meinem Gefühl kannst du nicht diesen Erzähler nehmen und ihn dann etwas ignorieren lassen, sondern müsstest jeden Eindruck ungefiltert beschreiben.

Frau Paternaski war zurück in ihr leeres Starren verfallen. Auch als er den Hammer nahm und die Klaue ansetzte, zeigte sie keinerlei Regung. Die Nägel saßen nicht tief. Zwei pulte er heraus und das Brett kam von der Wand. Ein schmaler Spalt vor dem Fenster, aber genug, um nach draußen sehen zu können.
Warum sieht er durchs Fenster, wenn er schon durch den Türspion gesehen hat? Weil er glaubt, das sei ein Trick gewesen? Wenn ja, könnte man das vielleicht in einem kurzen Nebensatz erwähnen.

Wie sie die Haare auseinanderzog, ihren kahlen Hinterkopf zeigte, die Haut eingerissen und erste Zähne, die aus der Wunde stachen. Auf Ohrhöhe ein halb von dünner Haut überspanntes Auge, das Blut blinzelte. Georgette wimmerte aus ihrem falschen Mund und schlug mit den Fersen gegen den Stuhl. Ihre neue Nase sah aus wie gebrochen. Lukas löschte das Licht.
Den Höhepunkt finde ich sehr stark. Gefällt mir echt gut.

Im Rückspiegel sah er sich selbst, in einem anderen Rückspiegel. Und in diesem ein anderer.
Ein sehr cooles Bild.

Einen Moment standen sie sich gegenüber. Er konnte in dem Schatten einen Regen aus Funken sehen, der zusammen mit der Finsternis in ihn hineinfiel. 11/3 konnte seinen Blick nicht abwenden. Spürte eine leichte Berührung an der Hand. Die Statik wurde leiser, das Knacksen unregelmäßiger. Die Tür stand schon einen spaltbreit offen. Er folgte dem Schatten des Jungen hinaus, hinter die sternlose Nacht.
Beim Ende finde ich diese Funkgeräusche stark. Ich verstehe aber nicht genau, was hier erzählt wird. Inwiefern fällt Finsternis in ihn hinein? Was für eine Berührung?

Ich muss zugeben, dass ich nicht ganz verstehe, was hier erzählt wird. Du machst immer wieder Anmerkungen. Es gibt nur Vorderseiten, im Hinterkopf der Frau ist ein Gesicht. Dass Lukas während eines vorherigen Einsatzes was schlimmes passiert ist, hast du ziemlich eindeutig beschrieben, denke ich. Ich gehe auch davon aus, dass er es verdrängt, weswegen es in dieser Scheinwelt nur die Vorderseite gibt.
Was passiert meiner Meinung nach in dem Text? Ein Polizist kommt zu einem Einsatz, der ihn stark an einen vorherigen Einsatz erinnert, bei dem er aus irgendeinem Grund einen Jungen erschossen hat? Deshalb driftet er in eine Art wahnsinnige Scheinwelt ab, die ihm sein Unterbewusstsein widerspiegelt. Das kann ich persönlich aus dem Text lesen. Was genau in dem vorherigen Einsatz passiert ist, kann ich allerdings nicht wirklich rauslesen. Es bleiben also nach dem Lesen Fragen bestehen.
Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Für mich als Leser ist das teilweise etwas unbefriedigend, weil ich den Text nicht so richtig einordnen kann. Ich bin da aber hin und hergerissen. Ich habe zum Beispiel keine Probleme mit Texten, die sehr unrealistisch und/oder durchgedreht sind und das dann nicht erklären. Vielleicht kommt meine Unbefriedigtheit daher, dass ich mir wie ein Esel vorkomme, der mit einer Karotte an der Angel durch den Text gelotst wird und sie dann am Ende nicht essen darf. Du machst immer wieder Anmerkungen und Nebensätze, die mich dazu motivieren dem Rätsel des Textes auf den Grund zu gehen. Und irgendwie ist die unausgesprochene Abmachung zwischen Leser und Autor, dass ich aufmerksam alle Hinweise lese und du mir dann am Ende die Auflösung gibst. Diese Auflösung bleibt aber aus und ich habe die ganzen Schnipsel umsonst gesammelt. (Es kann natürlich sein, dass nur ich die Hinweise nicht zusammenbekommen habe. Ich hatte aber dasselbe Gefühl bei einem Text von dir, wo es um einen Schlachthof ging.) Wenn du nicht immer diese Hinweise auf eine darunterliegende Wahrheit einstreuen würdest, hätte ich dieses Gefühl vielleicht nicht. Müsste man aber ausprobieren. Aber kann ja auch sein, dass du das genau so haben willst. Es macht ja den Text nicht schlecht deswegen, ich versuche nur meine Wahrnehmung zu beschreiben.

Wow, das war jetzt ein langer Kommentar. Hoffe, dass er dir irgendwas bringt. :lol:

Wie auch immer, habe den Text gerne gelesen.

Grüße
Klamm

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @deserted-monkey ,

oh, I like!
Ich gehe mal mit einem super pingeligen Auge drüber, okay? Ist jetzt nicht alles make or break, aber schleifen geht ja immer.

Just saying: Andersrum ist - oder war bis in die 2000er - ein Euphemismus für 'homosexuell'. Das ist aber nicht Thema, oder hab ich total was übersehen? Also nur zwei Jungs machen ja den schwulen Bock nicht fett, da gibt es nirgends Anziehung, auch nicht spekulativ über die Dimensionen hinweg. Wenn du nicht darauf hinweisen willst, vllt. einen anderen Titel?

Zum Gesamteindruck: Extrem gruselig, ich hatte Gänsehaut und die bekomme ich nur bei Schwupps (damals) und bei Proof. Tolles Setting, gute Figuren, unverbraucht, schön kühl erzählt. Angenehm verwirrend. Bis es - an einem recht späten Punkt - etwas unbefriedigend verwirrend wird. Insgesamt aber ein ganz tolles Leseerlebnis, danke.

Dabei: Ja, ich mag Weird, ich mag Slipstream (habs auch schon versucht und bin jämmerlich gescheitert, weil ich nicht die Freiheit im Kopf hab wie du). Ich mag Surrealismus und eben solche Geschichten, bei denen man die Bodenhaftung verliert und alles passieren könnte - das genieße ich wie kaum etwas anderes beim Lesen. Das ist eigentlich der Grund, aus dem ich Phantastik lese.

Zu den eher kritischen Punkten: Du hast sehr tolles und viel Foreshadowing. Oder jedenfalls was, das danach aussieht. Davon wird aber nur maximal die Hälfte eingelöst (oder so, dass ich es erkenne). Wenn ich am Ende angekommen bin, hab ich - im letzten Viertel oder so - den Eindruck, das Skurrile, Verdrehte wäre teils beliebig und teils nicht. Das finde ich nicht so toll. Ich gehe immer davon aus, dass - egal wie schräg - eine andere Welt gesehen werden kann. Eine Spiegelwelt, eine Chaoswelt (hinter Erich Zanns Fenster), ein grenzenloser Abgrund, Zeitschleifen. Oder sowas wie - ich kann mir irre gut vorstellen, dass dir der gefallen könnte - in Coherence (James Ward Byrkit, indie-USA 2013), wo eine multidimensionale Welt ensteht, in der es Personen mehrmals gibt, die aber nach Zeitpunkt X verschiedene Charaktereigenschaften ausbilden. Der Trailer ist bissl banaler, als der Film ist, allerfetteste Empfehlung. Also egal was, aber irgendwas.

Jetzt mag es an mir liegen, aber ich bekomme die Puzzleteile nicht ganz zusammen. Ich habe (wehe, du lachst!):
- Vergangenheit & Gegenwart sind nicht so chronologisch getrennt, wie sie es empirisch sein sollten.
- Auch dazu: es gibt Brüche in der Zeit, evt. Schleifen, die aber nicht ganz am Startpunkt rauskommen, sondern pervertiert werden. Ein Indiz wäre das mit dem Kaffee auf dem Briefkasten -> warm - weg - gefroren.
- Es gibt Spiegelungen: Das Haus ist wie eines, in dem vllt. durch seine Schuld im Dienst was passierte; er steigt ein wie ein Dieb, der Sohn ist ein Einbrecher, der Polizist ist der Sohn (? nee).
- Es gibt Exzesse: Das veränderte Gesicht (absoluter Favorit, schade, dass du das fallenlässt), die Abwesenheit der restlichen Welt (kein Funkkontakt), das Nichts.
- Es gibt den Eindruck von Eindimensionalität: Das Flache (andererseist hat das alles aber zwei Seiten, so als ob man mitten in einem Spiegel säße und sowohl ein Bild wie auch ein Spiegelbild räumlich vor sich hätte.
- Es gibt Psychopathologie, Trauma, Verdrängung, PTSD - oder eine Mischung aus allem.
- Dann gibt es Andeutungen, die nie wieder aufgegriffen werden: Der Aspekt des Sexuellen oder / und des Opferseins (die Brustwarzen unter dem Nachthemd u.a.). Auch: Jess. Seine Suspendierung.

Alles in allem bekomme ich keinen Griff an die spekulative Logik. Die man auch beim Slipstream hat, weil es eigentlich nie in einer einzigen Geschchichte gibt: Eine multidimensionale Spiegelung mit Zeitsprüngen und Halluzinationen und Monstern und surrealistisch-automatischem Schreiben und und ...
Daher fehlt mir ein bisschen die Belohnung bei dem Ganzen. Oder aber es läuft nicht verrückt genug aus dem Ruder (das wäre die andere Option), alles bleibt geregelt, als gäbe es eine Folgerichtigkeit, die mir aber durch die Finger gleitet. Klar, Fragen können (sollen) bleiben - das ist bei Coherence nicht anders. Ich hab aber gern den Eindruck, dort gäbe es etwas, das ich nur nicht ganz sehe. Aber immerhin einen Zipfel, von dem ich weiß, dass es schwarzer Samt und keine gelbe Seide ist.

Vllt, schnalle ich nur was nicht (hab die anderen Komms nur in Teilen angeschaut).

Hier ein paar handfestere Dinge. :shy::D

11/3, bitte kommen.“ Ihre Stimme klang verzerrt. Kalte Elektronik.
Ich meinte (sorry) kursiv ohne Anführungszeichen.
Mache ich auch ständig, aber: Kalte Elektronik ist schon bissl abgegriffen / SF Klischee.

Lukas blickte durch die monotonen Bewegungen der Scheibenwischer auf die Straße.
Puh, durch die Bewegung der Scheibenwischer?
Also ja, ist faktisch okay, aber das ginge simpler. Ich dachte, da käme sonstwas obskures und dann hat er nur die Scheibenwischer an.

11/3, bitte kommen.“ Ihre Stimme klang verzerrt. Kalte Elektronik.
Lukas blickte durch die monotonen Bewegungen der Scheibenwischer auf die Straße. Es schneite und die Eisschicht auf dem Asphalt blitzte im Licht der Scheinwerfer. Dampf stieg aus dem Kaffeebecher im Getränkehalter.
„Hier 11/3, was gibt’s?“, antwortete er.
Insgesamt aber eine tolle, atmosphärisch sehr dichte Szene, toll.
Mache ich auch ständig, aber hier sind viele der / des / das. Ich komme irgendwann echt ins Schleudern. Vorschlag: Scheinwerferlicht. Ist ja ein super reguläres Wort.
Und: Ist mir grad egal, wo der Kaffee ist, ich hab schon viele Eindrücke, davon ein Teil im und ein Teil vor bzw. am Auto. Chaosgefahr.

„Hat ihr Sohn den Jungen auch gesehen, der Ihnen Ärger gemacht hat?“
„Ich weiß nicht.“
„Darf ich kurz reinkommen? Nur um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist.“
Georgette legte den Kopf schief. „Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“
Waaaaaah! Mega fiese Szene. Dabei passiert ja nix.

Die Umrisse einer Kommode. Jacken, Mäntel, Winterstiefel. Da waren auch solche für Kinder. Dieser Flur, dieses Haus, die lähmende Stille. Der Sohn, eine Frau, Georgette Paternaski. Abgesehen vom Namen alles wie damals, als Lukas für sechs Monate suspendiert wurde.
Also, ich weiß nicht. Das ist extremes Foreshadowing. Aber auf was eigentlich? Meine: Es ist zu detailliert dafür, dass er nachher in ein Zimmer tritt, indem das unendliche Universum / Nichts ist und es doch irgendwie Latte ist, ob die Kinderschuhe stehen wie in der anderen Wohnung. Weil: Dort passiert was, aber am Ende ist egal, was.
Hat er dort ein Kind erschossen oder die Eltern? Vermutlich was mit den Eltern / der Mutter (da zerbricht wieder eine, so Art). Aber welche Rolle spielt es, wovon er ein Trauma hat?

Wieder keine Reaktion. Er ließ seine Hand auf der ihren, ging in die Knie. Schaute in ihr Gesicht, in ihre Augen. Georgette steckte irgendwo da drin, hinter dieser Maske aus Regungslosigkeit. Sie versteckte sich wie die andere Frau. Lukas musste ihr Zeit geben. Sonst blieben nur zusammenhangslose Splitter übrig. Diesmal würde er keinen Fehler machen. Diesmal würde niemand zerbrechen.
niemanden (Fragt nach: wen oder was?) EDIT: Argh, falsche Korrektur! Alles okay, ich hatte gelesen: Diesmal würde er niemanden zerbrechen. Das würd ich fieser finden, weil ich annehe dass es darauf hinauslief.

Okay, die andere Frau. Da war was und Suspendierung. Zu früh wieder im Dienst (klassisches Crime TV set-up, aber effektiv) und das ist die Grundlage für weitere Probleme. Hier geht es vermutlich um die Frage: Sah er die andere Frau auch als Monster, und hat sie getötet / verletzt, während es aber eigentlich um ihr Kind ging? Aber wenn er die erste Frau schon seltsam sah, hat er ein Problem bereits vor PTSD. Daran könnte die Sache mit Jess kaputtgegangen sein - anderseits klang es, als läge es an ihr. Diese Sache wird nie erwähnt. Und das Ende ... hat damit nix zu tun, oder? Die Spiegelungen, doppelten Möbel, die Monsterfrau, die Kaffeesache? Vllt ist es mir auch nur bissl viel, um für eine psychische Störung allein zu sprechen. (Sorry, das klingt sicher super konfus - weißt du circa, was ich meine?)

Können Sie das für mich tun?“
Sagt man das heute auch im Deutschen?
(Da war noch was, das ich nur aus dem Englischen kenne, finde ich grad nicht mehr.)

dahinten
auseinander (?)

Im Rückspiegel sah er sich selbst, in einem anderen Rückspiegel. Und in diesem ein anderer.
Cooler Moment, aber geht es überhaupt um Spiegelungen / Multiversen?

Also warf er den gefrorenen Kaffee in eine Scheibe.
Das finde ich cool, und es gibt ja auch Kriegsglas.
Aber: durch eine Scheibe (ginge sie nicht kaputt: gegen eine Scheibe).

Tapsende Schritte auf der Treppe.
Dafür gibt es ja sogar ein Verb: tapsen. ;)

Rhythmik seines Herzschlags
Rhythmus (knapp daneben = falsches Wort)
ein rotes Sofa mit Ottomane
Eine Ottomane ist ein Sofa.

Allenfalls Gefahr in Verzug.
Weil uns Drogentypen 24/7 die Haustür unten eingetreten haben, musste ich letztes Jahr zwei Dutzend Mal mind. 112 rufen. Es gibt alle möglichen Reaktionen, aber die stellen echt gezielte Fragen: Wie viele Leute, sind die schon im Haus, in welchem Stockwerk, wie lange versuchen das schon? etc. Ich meine, da würde nicht unbedingt eine Einschätzung seitens der dispatcher gegeben, sondern: 5 Drogenabhängige versuchen sich in der Str XY gewaltsam Zugang zu verschaffen. Ich denke, die Einordnung einer Lage kann nur vor Ort an die Zentrale zurückgemeldet werden.

Im Lautsprecher das Atmen von Jess,
Du hast recht oft substantivierte Verben, hier wäre eine Stelle, das als verbiges Verb zu nehmen. :D
Im Lautsprecher das Atmen von Jess, während sie auf Lukas‘ Antwort wartete.
Ganz haarscharf an einem Perspektivfehler vorbei. Ja, kann man annehmen / kann der Erzähler wissen, aber er weiß ja sonst auch eher wenig bis nix.

Diesen Atem hatte er an seinem Hals gespürt. Er spürte ihn jetzt, wenn er darüber nachdachte. Sie hatte ihn verführt. Nach Jahren der Zusammenarbeit hatte Lukas geglaubt, sie zu kennen. Doch an Jess gab es noch eine andere Seite. Seit diesem Abend sprach sie ihn über Funk nicht mehr mit Klarnamen an.
Total fiese Szene, sehr überraschend, extrem toll. Das Fette würde ich hier abtrennen und irgendwo einen halben Absatz tiefer woanders einflechten. Weil es hier zerredet wird und beginnt, wie unmotiviertes backstory-Gelaber zu klingen.
Seine Hand am Kaffeebecher, dann zurück am Lenkrad.
Puh, knapp ist gut, aber so knapp?

Die Reihenhäuser unterschieden sich nicht.
Vorsicht: Du hast ständig Beschreibungen, wie etwas nicht ist. Manchmal funzt es besser als das Positiv, aber hier z.B. drängt sich doch schon was mit gleichförmig, monoton etc. auf, oder?
Auf Vorgärten und Gehwegen lag eine dichte Schicht Schnee, dämpfte die Motorgeräusche und das Restlicht der Straßenlampen.
Fun fact: Ich habe 9 Winter in Finnland erlebt. Geräusch dämpfen: Auf jedem Fall. Licht der Straßenlampen schlucken: Auf gar keinem Fall. Schnee ist die einzige Chance, hier bissl Licht zu bekommen, wenns im Nov/Dez sehr lange schummerig bleibt bzw. auch nachts. Ich hab ein weißes Bettlaken als Gardine und - unabhängig vom Mond, dafür wohne ich zu niedrig - ist Schnee der Unterschied zu: Ich kann ohne Licht anzumachen zur Hochbetteleiter, meinen Pyjama und vielleicht ein Buch im Bett finden, bevor ich dort Licht mache. Gegen: Ich sehe fast die Hand vor Augen nicht und semmele vor den Sessel, wenn draußen regennasser = tiefschwarzer Asphalt ist.
Lukas fuhr hinter den rotglimmenden Rücklichtern der Räumung her, beobachtete den Salzstreuer.
Räumfahrzeug. Und Salzstreuer ist das Ding neben der Pfeffermühle. :peitsch:

Bei Nummer 20 hielt er an.
Joar, aber Haus und so könnte nicht schaden. Hast du ein Zeichenlimit, oder ...? :D

Bei Nummer 20 hielt er an.
„Zentrale, bin vor Ort. Soweit alles ruhig.“
Aber super Spannungsaufbau. Finde das gut, wie es gruselig wird, ohne dass faktisch was passiert.

Er schaltete den Wagen und den Funk aus,
Ich denke, Wagen reicht. (Oder läuft der Funk über einen Akku weiter?) Ich fange an, Spezielles zu suchen, wenn das so unnötig aufgesplittet wird.

als hätte sie es mit dem Kajal übertrieben.
Dadurch wirds aber ziemlich banalisiert, fast Komik. ImA unpassend.

entweder war die Klingel kaputt
defekt (Register)

„Es gab einen Hausfriedensbruch?“
Also ... Fragt er nicht eher: Bei Ihnen soll eingebrochen worden sein?
Woher soll das Opfer wissen, wie die Polizei das definiert?

„Nein, nein. Er ist nicht von hier.“
Ihre Stimme klang erschöpft, unendlich müde. Sie sah krank aus. Am dünnen Körper trug sie nur ein Nachthemd, ihre Brustwarzen dunkle Punkte. Kleine, spitze Hügel. Kein Licht im Haus, konturlose Finsternis im Flur.
Das fand ich grandios, das ist fies und irgendwie auch eklig. Aber das spielt nie wieder eine Rolle (oder?). Schade.

„Was ist passiert?“, fragte er.
„Entschuldigen Sie“, antwortete Georgette und verschränkte die Arme. „Ich habe mich erschreckt, aber es ist nichts passiert.“
„Sind Sie allein?“
Toller Austausch.

„Nein“, brachte Georgette hervor. „Er ist doch hier.“
Eeeeek.

Vor der Tür hing ein schweres Eisenschloss.
Schwer ist entbehrlich. Gibt es einen Grund, warum das so 19. Jdh. ist?

„In der Dunkelheit kann man ihn besser sehen“, sagte sie.
Cool, allerdings auch ein bisschen verbraucht.

„Wieso, was ist dahinten?“
„Das, was vorne ist.“
„Beruhigen Sie sich, Frau Paternaski.“ Lukas nahm den Schlüssel. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“
Gaaaaah, auf sowas fahre ich ja total ab.

Als er den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, reagierte Frau Paternaski hysterisch. „Nein! Nicht aufschließen!“
Dein auktorialer Erzähler wertet eigentlich sonst nicht. A) das hört man ja auch. B) Es ist despektierlich bzw. klamaukig und tut derm Grusel Abbruch.
Als er den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, reagierte Frau Paternaski hysterisch. „Nein! Nicht aufschließen!“
Lukas wandte sich zu ihr um. Ihre Miene so regungslos und grau wie Stein. Einen Moment war er unschlüssig. Dann ließ er die Hand mit dem Schlüssel sinken.
Und: Das geht hier hier viel zu schnell von hysterisch aufgedreht zu statuengleich still, krieg ich als Szene nicht in den Kopf.
„Okay“, sagte er. „Ich werde nichts tun, was Sie nicht wollen.“
„Sie können durch den Spion schauen“, entgegnete sie.
Tatsächlich gab es einen Spion in der Hintertür. Nun war es an Lukas, den Kopf zu schütteln. Er legte die schlüssellose Hand gegen das Holz, kniff ein Auge zu und blickte nach draußen.
Hast du Bedenken, dass Komms kommen: Wie, ich denke er hält einen Schlüssel in der Hand? Das verwirrt nur. Ist außerdem Latte, man kann auch eine Hand an die Tür legen und darin einen Schlüssel halten.
Aber: Extrem fiese Szene, gefällt mir.
Lukas ließ von der Tür ab. „Sie sind clever, Frau Paternaski“, sagte er, während er zurück zum Tisch ging. „Sie sind richtig clever.“ Er tippte sich gegen die Schläfe.
Boa, das ist aber dreist. Wie ist der denn plötzlich drauf?
Ich finde, das fällt extrem aus der Rolle (out of character). Klar, wenn er jetzt all work and no fun machen würde, mit der Axt durch die Tür, aber das passiert ja nicht. das leitet nix ein und hat Null Funktion.

Die Nägel saßen nicht tief.
Also flach eingeschlagen?

Einen Augenblick verharrte er. Beim Zurücknageln des Bretts schlug er sich fast den Daumen blutig. Lukas ging durch den Raum, den Hammer immer noch in der Hand, durch den dunklen Flur zum Eingang.
Naj, jetzt dachte ich doch an einen Shining-Twist. Dann passiert aber nix. Ehrlich gesagt kommt bei mir jetzt ein bissl Unmut auf, dass ich dauernd mit deinem Foreshadowing und Andeutungen mitgehe und nie was davon eintritt. Also lese ich das mit mehr Distanz.

Sein Kaffeebecher stand nicht mehr auf dem Briefkasten.
Cool gemacht.
Im Nachheinein bin ich aber nicht sicher, welche Logik das hat oder ob die Logik stimmt. Wie ist das gemeint? Die Zeit läuft nicht chronologisch? Eine andere Realität?

„Sie wollen den Jungen unbedingt sehen“, nuschelte sie und Lukas konnte hören, wie bleiern ihre Zunge sein musste.
Entbehrlich. Oder: Nicht durch Lukas' Sicht filtern. Dy hast einen auktorialen Erzähler, der oft genug sagt wie es ist - oder nicht ist - und da gibt es keinen Grund so su tun, als könne nix gesagt werden, ohne es durch Lukas zu filtern.

erwachen. Oder aus einem finsteren Ort ihres Verstandes zurück an die Oberfläche drängen. „Woher kennen Sie ihn?“
Lukas trat einen Schritt vom Tisch weg. „Wie kommen Sie darauf, dass ich ihn kenne?“
I'm lost.

fragte sie, die Augen weiterhin zu.
geschlossen (Register)

Hinter der schrägstehenden Vitrine dieselben Schubladenkästen wie vorne,
Oh boa, ich hab nen Knick in der Optik, das kannst du aber besser.

Hinter der schrägstehenden Vitrine dieselben Schubladenkästen wie vorne, die Glastüren ließen sich auf beiden Seiten öffnen. Lukas ging zum Fernseher. Der Monitor zeigte auch gegen die Wand. Die Stühle ohne Lehnen. Das flache Sofa. Sein Blick aus dem verbarrikadierten Fenster.
Im letzten Satz fehlt ein Prädikat.

Rückte ihren Rücken gerade
Äh, wiechen? :confused:

Wie sie die Haare auseinanderzog, ihren kahlen Hinterkopf zeigte, die Haut eingerissen und erste Zähne, die aus der Wunde stachen. Auf Ohrhöhe ein halb von dünner Haut überspanntes Auge, das Blut blinzelte. Georgette wimmerte aus ihrem falschen Mund und schlug mit den Fersen gegen den Stuhl. Ihre neue Nase sah aus wie gebrochen. Lukas löschte das Licht.
Boa, absolut gekonnt, tolle Sequenz. Und nicht billig oder trashig.
Lieblinsgszene. Gänsehaut. Und so ganz - wie Hanniball immer sagte - 'nebenbeiig'.

Lukas!“ Die Stimme war verzerrt, die Frequenz schlug aus. „Hallo? Bist du da?
Statisches Knacksen und Rauschen.
Knistern ist auch ein schönes Wort im Funk-Kontext.

Der Schneefall hatte aufgehört und die Straße voller Verwehungen und die Eingänge der Häuserzeilen leer zurückgelassen.
Ich bin ja echt ein Fan von Ellipsen, aber tragen die noch in die zweite Generation, also in eine doppelte Auslassung? Sehr schwer zu erfassen und sehr unsinnlich.

Ein Schatten, der sich in die Finsternis schälte
Falsche Kollokation. Etwas schält sich aus der Finsternis / dem Nebel whatever. Ist auch physisch gar nicht möglich.

Dir geht’s nicht gut, du ... Wieso hast du mir das alles erzählt? Ich wusste, du hättest suspendiert werden müssen ...
Jess wurde vom Rauschen verschluckt und es blieb eine Stille, die Lukas in den Ohren hämmerte.
Also, okay PTSD und er war wohl in einem Einsatz zum Täter geworden. Aber irgendwie steht diese ganze Sache unverankert im Text. Erst war es Foreshadowing, okay. Aber wenn in diesem Haus da das Universum / Nichts hinter einer Tür lauert, ist es Latte, was vorher war. Und andererseits scheint mir diese Leere (spekulativer) Fakt zu sein, und keine Psychose, denn sie passt symbolisch nicht zu seinem Trauma / Schuld. Dazu passt der Flur, die Frau und die Kinderschuhe.

Das Innere des Wagens drohte ihn zu erdrücken.
Meine Schuld, ich hab zu viel darüber gelesen, wie Architekten versuchen 'Raum' zu definieren. Daher: Nicht der Raum erdrückt ihn, sondern die Wände des Autos (wie auch immer die heißen). Ohne die wäre der Raum um ihn unendlich weit.

Er stieg aus. Auf halbem Weg zu Georgette Paternaskis Haus kehrte er um. Stapfte durch eine der Verwehungen an seinem Wagen vorbei. Draußen war es noch kälter als im Wagen.
Der letzte Satz eigente sich imA besser als zweiter. Haptische Abfolge.

Ob Instinkt, Neugier oder Angst, es war alles zusammen.
Bissl stark übererklärt / geleitet.

Tief eingegrabene Spuren führten ihn bis vor die Haustür. Auf dem Briefkasten der Kaffeebecher.
Ähem, okay. Einerseits finde ich das toll mit Becher ja / nein. Aber ich kann nicht behaupten, an dieser Stelle durchzublicken.

Er stieg ein. Unter ihm das Polster des Sofas, seine Stiefel versanken in dem weichen Stoff, er schwankte. Knipste die Taschenlampe an und leuchtete durch den Raum. Frau Paternaski saß am Tisch. Er senkte den Strahl der Lampe, um sie nicht zu blenden. Bevor er etwas sagen konnte, fiel ihm ihre Veränderung auf. Das viele blonde Haar. Es war rund um ihren Kopf gewachsen, sie hatte es hinten und vorne zu symmetrischen Zöpfen gebunden.
An sich super fies. Die Zöpfe da finde ich aber slapstickig.

„Nicke, wenn du mich hören kannst, okay?“
Oh Mann. Wenn man in Finnland lebt, wo es den Namen Nikke gibt ... :aua: Vier Mal gelesen, sich gefragt, warum der so geschrieben ist und: 'Wer zur Hölle ist das denn noch mal?'

Ein Knacksen, als würde sich Eis bewegen. Tapsende Schritte auf der Treppe.
Er leuchtete die Stufen runter. Das Rauschen wurde lauter. Statik in seinem Kopf.
Wie gesagt: Es gäbe auch tapsen.
Umkehren?: Statik vor Rauschen (Weil das eine der Effekt des anderen ist).

Seine Umrisse. Der Grund, warum Lukas – er, 11/3 – hierhergekommen war. Er knipste die Taschenlampe aus.
Einen Moment standen sie sich gegenüber. Er konnte in dem Schatten einen Regen aus Funken sehen, der zusammen mit der Finsternis in ihn hineinfiel. 11/3 konnte seinen Blick nicht abwenden. Spürte eine leichte Berührung an der Hand. Die Statik wurde leiser, das Knacksen unregelmäßiger. Die Tür stand schon einen spaltbreit offen. Er folgte dem Schatten des Jungen hinaus, hinter die sternlose Nacht.
Äh ...
Kurz dachte ich, 11/ 3 wäre der Junge. Das ist recht missverständlich, auf wen sich 'er' bezieht. (und durch die Spiegelungen wäre es möglich).
Das schnalle ich nicht mehr, sorry. Und das ist mehr frustrierend als spannend.
Ich hab die Elemente:
* Statik / Rauschen = gestörter Funk (faktisch und in seinem Kopf)
* Der Junge, der gleichzeitig der Einbrecher, der Sohn und ggfs. er selbst ist (argh).
* Hinter die Nacht ist sehr cool, aber so ganz kriege ich das nicht in den Kontext eingebettet. Was ist in dem Kontext / Konzept 'hinter der Nacht'? Mehr Nacht? Mega-Nacht = Das All? Licht? Als Gegenteil / Spiegelung?

Die Tapete hatte die Farbe grauen Schnees.
Einiges sind total schöne Bilder, um die du aber zu viele Worte machst. Es ginge (also nicht direkt, irgendwie so): In der Farbe von Schneematsch. Oder? Weil warum ist Schnee sonst grau, wenn nicht vom zwischenzeitlichen Schmelzen?

Soweit, vielleicht kannst du ja was damit anfangen. Meine vielen Anmerkungen sollen nicht sagen, dass ich das alles mega kritisch sehe, sondern dass ich den Text wahnsinnig genossen habe und mir ein paar Schrauben gestellt wünschte.

Alles Liebe,
Katla

 

Er konnte nicht sagen was, aber etwas an der Anordnung der Möbel irritierte ihn. Das Offensichtlichste ignorierte er. Vorerst.
An der Stelle kam ich nicht mehr mit und dachte, "Was ist denn das Offensichtliche?" Ich hab's nochmal gelesen und verstehe es nicht. Wenn er hier schon bemerkt, dass es nur Vorderseiten gibt, würde er doch etwas sagen? Ich dachte, ein paar Sätze danach kommt, was offensichtlich war, und das hat beim Lesen gestört.

Sein Dienstwagen war bereits fast zugedeckt. Die gegenüberliegende Häuserzeile verloren in der Nacht.
Lukas ließ von der Tür ab. „Sie sind clever, Frau Paternaski“, sagte er, während er zurück zum Tisch ging. „Sie sind richtig clever.“ Er tippte sich gegen die Schläfe.
OK, hinten ist wirklich, was vorne ist. Beim ersten Lesen verstand ich die Reaktion nicht und las schulterzuckend weiter.

Beim zweiten Lesen wird mir dann klar, das muss die Schlüsselstelle gewesen sein. Vermutlich. Hmm. Wenn's so war, dann erklärt es, dass er nicht überrascht ist, aber die Antwort lässt mich immer noch komplett ratlos.

Katla hat's offenbar besser verstanden als ich, aber ich denke es hilft zu wissen, dass es nicht allen so geht.

Mir fehlt auch, dass irgendwie klar wird, was nun mit Jess ist, oder war zu seiner Suspendierung führte, wenigstens angerissen. Auch das behalte ich beim Lesen im Sinn, was mich davon abhält, ganz einzutauchen.

Davon abgesehen: Wow! Nicht direkt Horror, finde ich, sondern wirklich seltsam im besten Sinn. Die Bilder und deren Symbolik sind einfach stark. Es würde mir aber noch besser gefallen, wenn ich dabei keine Fragen im Hinterkopf hätte, die Distanz aufbauen.

Michael

 

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