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Arbeit, Konsum und Freiheit – Schiller, Marcuse, Lanier: „Der eindimensionale Mensch“

Senior
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Arbeit, Konsum und Freiheit – Schiller, Marcuse, Lanier: „Der eindimensionale Mensch“

Arbeit, Konsum und Freiheit –
Schiller, Marcuse, Lanier
Wi€dergelesen – 50 Jahre „Der eindimensionale Mensch"

»Was hilft da Freiheit; Es ist nicht bequem,
nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm!«
Brecht, Die Ballade vom angenehmen Leben​

»Innerhalb der winzigen Elite der Milliardäre, die die Cloud-Computer betreiben,
herrscht der laute, zuversichtliche Glaube, dass die Technologie sie eines Tages unsterblich
machen wird. Google zum Beispiel finanziert eine große Organisation mit dem Ziel, "den
Tod zu überwinden". Und es gibt viele Beispiele mehr. Ich kenne einige der Hauptbeteiligten
der Anti-Tod- oder posthumanen Bewegung, die im Herzen der Silicon-Valley-Kultur sitzt …«
Jaron Lanier, 2014

Ȇber den Fortschritten der Technisierung und Rationalisierung in der heutigen Gesellschaft
hat man … übersehen, dass die personale Macht der Menschen über die Natur und die ,Dinge'
nicht größer, sondern kleiner geworden ist! [...] ihre Werkzeuge: Maschinen, Verkehrsmittel,
Strom, Licht, Kraft [...] ihnen so schwer und groß geworden [sind], dass [...] die damit umgehenden
Menschen sich mehr und mehr in ihrer Existenz nach ihnen richten müssen, in ihrem Dienst stehen,
ja dass immer mehr Existenzen verbraucht werden, um sie in ihrem ,Funktionieren' aufrecht zu halten!«
Herbert Marcuse, 1929

»Ich kann seit 14 Tagen keine franz. Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.«
»Verschiedene Dressuren
Aristokratische Hunde, sie knurren auf Bettler;
ein echter demokratischer Spitz klafft nach dem seidenen Strumpf.«
Friedrich Schiller, 1793​

Was hat Lanier mit diesem „Marcuse“, was Schiller mit den beiden andern zu tun?, wird der geneigte Leser sich zu recht fragen.

Und in der Tat, wenn man ihre Lebensdaten kennt - Friedrich Schiller (1759 – 1805), Herbert Marcuse (1898 – 1979) und Jaron Lanier (* 1960) - kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, immerhin musste Schiller vor seinem Dienstherrn, Marcuse aber vor den Nazis fliehen. Ob Lanier noch ein gern gesehener Gast im Silicon-Valley oder auch nur bei Amazon, Apple, Google, Microsoft ist – wird er selbst wissen!

Der älteste des Trios: Arzt, Dichter und aus Neigung Historiker (auf Betreiben seines ziemlich besten Freundes erhielt dieser Mensch in der Revolte einen Lehrstuhl zu Jena) und zudem – wie nebenbei, wenn man Rüdiger Safranski folgen darf - Erfinder des „deutschen“ Idealismus zu Zeiten der industriellen Revolution nebst der bürgerlichen (Amerikas, vor allem aber Frankreichs).

Dann der heute nahezu unbekannte deutsch-amerikanische Philosoph, Soziologe und Politologe, zudem – wenn man mir glauben darf - Ikone der wahrlich internationalen Studentenbewegung der 1960er Jahre von Kalifornien bis Mexico-City, von Paris bis Frankfurt am Main, von Westberlin bis Prag - zunächst mit hochschulpolitischen Themen („Unter den Talaren / Mief von tausend Jahren“) und schließlich politischen Impulsen zur Emanzipation (Kapitalismus, Frauenfrage, Rassismus und Dritte Welt) und vor allem dem Vietnamkrieg.

Immerhin, es gibt eine Verknüpfung mit dem Youngster des Trios: In Marcuses letzten Lebensjahren wurden die ersten gebrauchsfähigen Personalcomputer entwickelt.

Dieser Youngster gilt als Pionier der digitalen Revolution, vor allem – sonst kennte ich ihn gar nicht – aber zunehmend als deren Kritiker, da immer mehr Menschen ziemlich freiwillig ihre Souveränität und damit Freiheit an Maschinen abgeben. Die Maschine wird gottgleich. Der Prothesengott findet seine Religion in Internet und Konsum.

Die Antwort auf die Frage, was die drei miteinander zu tun hätten, ist schlichtweg simpel: Es ist die Weigerung der drei, die Welt so zu akzeptieren, wie sie sich gibt und gab,

- Schiller zu Beginn der industriellen wie der bürgerlichen Revolution mit den bisher leeren Versprechen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die sich hernach im Nebel des „terreur“ auflösen,

- Marcuse im Übergang zur post-industriellen Gesellschaft und seinen totalitären Erscheinungsformen und

- Lanier unter der Re-Feudalisierung und Dominanz des Finanzkapitals und der Wandlung der bürgerlichen Demokratie zur marktkonformen Demokratur und der Degradierung, gar Versklavung des Citoyen zum Konsumidioten.

Gemeinsam ist ihnen die Kritik an der fortschreitenden Kommerzialisierung der Gesellschaft, der Verzicht auf den sozialen zugunsten des technischen Fortschritts unterm Primat der ökonomischen und technologischen Rationalität. Es ist zugleich die Kritik am eindimensionalen Denken – ein Denken, das die negative Seite tabuisiert und gar nicht erst aufkommen lassen will. Das Denken des prototypischen Ohnemich, das nicht über den eigenen Tellerrand hinausschauen will.

Der heute nahezu unbekannte Name in diesem Trio dürfte Herbert Marcuse sein - und gerade er hat den Begriff des „eindimensionalen Menschen“ durch sein Hauptwerk “The One-Dimensional Man. Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society” 1964 geprägt und mit der deutschen Ausgabe „Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft”, 1967, wurde Marcuse zur Ikone der Menschen in der Revolte, dass selbst das Zentralorgan der Kommunistischen Partei des ZK der Sowjetunion, die Prawda („Wahrheit“) lamentierte: „Marcuse, Marcuse - die westliche Presse hört nicht auf, den Namen dieses 70jährigen ,deutsch-amerikanischen Philosophen' zu wiederholen, der plötzlich aus dem Schatten der Vergessenheit aufgetaucht ist. [Er] ist ausgezogen, den Marxismus zu widerlegen [und] wird wie ein Filmstar angekündigt." Ersetzen wir „Marxismus“ durch „Kapitalismus“, trifft das Urteil durchaus heut noch zu.

Herbert Marcuse ist allgegenwärtig wie Schiller und Lanier zusammen! Ein halbes Jahrhundert nach dem One-Dimensional Man gewinnt Marcuse an Bedeutung durch Big Data und staatliche Massenüberwachung nebst privatwirtschaftlicher Datensammlung, um Wünsche, Geschmäckle und Kaufverhalten zu beeinflussen, die dem Konsumismus und der Wachstumsideologie einen quasi-religiösen Status zu verleihen. Wer weiß, was geschieht, wenn eines Tages Thomas Pikettys „Kapitalismus im 21. Jahrhundert“ seine volle Wirkung entfaltet und die Versprechen zu Beginn des industriellen Zeitalters sich im Nebel der Geschichte auflösen …

Was macht nun den Reiz des ehemalige Assistenten Heideggers aus? Genau das, was Lanier die „digitale Entrechtung“ nennt: Technologische Rationalität trägt den Keim zum Totalitären in sich, Technologie wurde zum Moloch, der übers Individuum herrschen will. Das sich frei wähnende Subjekt mit all seinen Stärken und Schwächen wird Objekt und lästiges, weil potenziell unberechenbares Anhängsel der Maschine(n). Leistungsfähigkeit wird standardisiert und als Maßstab über das individuelle Tun gestülpt.

Das sich frei wähnende Subjekt entwickelte sich zum bloßen Objekt ökonomischer Koordination und Organisation. Individuelle Leistungen gerinnen zur standardisierten Leistungsfähigkeit und setzen Maßstäbe, nach denen einer motiviert, angeleitet und beurteilt wird. Und dieser Prozess beginnt im Kindergarten als einem Teil des Sytems Arbeit (so schon Piaget). „Der maschinelle Prozess im technologischen Universum zerstört die innerste Privatsphäre der Freiheit und vereinigt Sexualität und Arbeit in einem unbewussten, rhythmischen Automatismus — ein Prozess, der dazu parallel läuft, dass die Beschäftigungen einander ähnlich werden.“ (S. 47; Anpassung an die neuere dt. Rechtschreibung durch mich) Selbst Freizeit und Konsum werden durchorganisiert (es sei daran erinnert, dass dies eine Methode der Nazis war – was heute selbstverständlich in „privatisierter“ Hand liegt).

„Im gegenwärtigen Zeitalter ist der Sieg über den Mangel noch immer auf kleine Bereiche der fortgeschrittenen Industriegesellschaft beschränkt. Ihr Wohlstand verdeckt das Inferno innerhalb und außerhalb ihrer Grenzen; er verbreitet auch eine repressive Produktivität und »falsche Bedürfnisse«. Er ist genau in dem Maße repressiv, wie er die Befriedigung von Bedürfnissen fördert, die es nötig machen, die Hetzjagd fortzusetzen, um mit seinesgleichen und dem eingeplanten vorzeitigen Verschleiß Schritt zu halten, wie er es fördert, die Befreiung davon, sein Hirn zu benutzen, auch noch zu genießen und mit den Destruktionsmitteln und für sie zu arbeiten. Die offenkundigen Bequemlichkeiten, wie sie von dieser Art Produktivität hervorgebracht werden, ja die Unterstützung, die sie einem System profitabler Herrschaft zuteil werden lässt, erleichtern ihren Import in weniger fortgeschrittene Gebiete der Welt, wo die Einführung eines solchen Systems immer noch einen kolossalen Fortschritt in technischer und menschlicher Hinsicht bedeutet.“ (S. 252).

Schon in den 1950er Jahren entdeckte Marcuse über einer Arbeit zum wirtschaftswissenschaftlichen Arbeitsbegriff die Briefe Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen", wo der Mensch noch kreativ sein darf und folglich frei. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, womit Schiller sicherlich keine Spielhöllen meint (da herrscht wie am Computer das Programm, die Maschine und der Spieler degradiert sich zum Anhängsel, s. o.). Aber auch das hat Schiller schon erkannt: „Jetzt aber herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Ideal der Zeit." (Zweiter Brief)

„Kann eine Gesellschaft, die außerstande ist, das private Dasein des Individuums auch nur in den eigenen vier Wänden zu schützen, rechtmäßig behaupten, daß sie das Individuum achtet und eine freie Gesellschaft ist?

Um ein (leider phantastisches) Beispiel zu wählen: die bloße Abwesenheit aller Reklame und aller schulenden Informations- und Unterhaltungsmedien würde das Individuum in eine traumatische Leere stürzen, in der es die Chance hätte, sich zu wundern, nachzudenken, sich (oder vielmehr seine Negativität) und seine Gesellschaft zu erkennen. Seiner falschen Väter, Führer, Freunde und Vertreter beraubt, hätte es wieder sein ABC zu lernen. Aber die Wörter und Sätze, die es bilden würde, könnten völlig anders ausfallen, ebenso seine Wünsche und Ängste.“ (256)

Schließen will ich mit der Fortsetzung des Eingangszitates von Lanier:»Die Arithmetik ist klar. Falls die Unsterblichkeitstechnologie, oder auch nur eine Technologie der drastischen Lebensverlängerung zu funktionieren beginnt, müsste sie entweder auf die kleinste Elite beschränkt bleiben oder wir müssten aufhören, Kinder in die Welt zu setzen, und in eine unendlich fade Gerontokratie übergehen. Dies sage ich um hervorzuheben, dass in der digitalen Technologie häufig, was radikal scheint - was auf den ersten Blick wie kreative Zerstörung wirkt -, sich in Wirklichkeit, wenn es tatsächlich umgesetzt würde, als hyperkonservativ und unendlich fade und langweilig herausstellt. Eine weitere populäre Idee ist, unser Gehirn in die virtuelle Realität "upzuloaden", damit wir für immer in einer Softwareform weiterleben könnten. Und das trotz der Tatsache, dass wir noch nicht einmal wissen, wie das Gehirn funktioniert. Wir wissen nicht, wie Ideen durch Neuronen repräsentiert werden. Wir stellen Milliarden von Dollar bereit, um das Gehirn zu simulieren, dabei kennen wir jetzt noch nicht einmal die grundlegenden Prinzipien, nach denen es funktioniert. Wir behandeln Hoffnungen und Glaube, als wären sie etablierte Wissenschaft. Wir behandeln Computer wie religiöse Objekte …« (S. 56)

Herbert Marcuse: Der eindimensional Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Dt. v. Alfred Schmidt, DTV-Ausgabe, 3. Aufl. 1998; Erstausgabe 1967 beim Luchterhand Verlag

Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 1795
(Eingangszitate aus Briefen und Xenien und Votivtafeln)

Jaron Lanier: Für einen neuen Humanismus. Wie wir der digitalen Entrechtung entkommen. Rede zum Empfang des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 12. Oktober 2014 in der Frankfurter Paulskirche, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2014, S. 42 ff.

Eric D.Weitz: Liberaler Totalitarismus? Zur Aktualität von Herbert Marcuse, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2014, S. 109 ff.
 
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Ja, lieber Friedel, das habe ich ja geahnt. Schiller und Marcuse sind mir zwar durchaus bekannt, von Lanier dagegen habe ich noch nichts gehört - und das wäre eigentlich sicher zu ändern, fast eine Pflicht nach deinen Worten. Bloß liegen auf meinem Schreib- wie Nachttisch schon jetzt jede Menge Bücher, die mich ganz vorwurfsvoll anschauen ... Eines Tages werde ich mehr Zeit als Pflichten haben.
Was du schreibst, ist ja eigentlich keine Rezension, sondern eine ganz eigene, gelungene Erarbeitung.
Danke dafür,
und ein Gruß von

Eva
 
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Was du schreibst, ist ja eigentlich keine Rezension, sondern eine ganz eigene, gelungene Erarbeitung.
Da muss ich dir recht geben. Das wäre als Essay in Friedels Blog wohl besser aufgehoben gewesen.

Zum Thema kann ich nur sagen, dass ich die Technologiekritiker verstehen kann, logisch, bin ja auch selbst einer, oder besser gesagt, gleichzeitig ein Fan davon, sie auf technischer Ebene zu verstehen, und aber auch Skeptiker ihres Anspruchs, die Menschheit irgendwie nachhaltig und signifikant weiterzubringen. Regelmäßig benutze ich den öffentlichen Nahverkehr und mir fallen etwa die vielen Leute auf, die während der Fahrt nur auf ihr Smartphone starren, ohne je auch mal den Blick zu heben. Mitleid und Verzweiflung befallen meinen Hinterkopf, ich frage mich, ist das Smartphone ihr Gadget oder sind sie das Gagdet des Smartphones?

Alles hat nun mal zwei Seiten. Konsumelektronik bildet da keine Ausnahme. Was früher gar nicht möglich war oder nur unter großer Anstrengung erhältlich, steht heutzutage auf einen Fingerstreich zur Verfügung. Das ist durchaus ein Vorteil. Aber dass die Nutzer nicht wissen, wie ihre einzelnen Fingerstreiche hinter ihrem Rücken zu Geld gemacht werden; wo sie überall erfasst und ausgewertet werden, ob die Leute nun bei Kenntnis darüber einverstanden wären oder nicht; wie darüber immer mehr Wissen über sie erlangt wird, daraus wiederum "Erkenntnisse" über ihre individuellen Verhaltensmuster und über vermeintliche Gefahren, die ergo von ihnen ausgehen könnten – das kann für den einen oder anderen fatal enden. Zu hoffen bleibt, dass es vor allem für die fatal endet, die heute noch glauben, sie hätten ja nix zu verbergen. Nicht aus Gehässigkeit. Der Rest hat ja vielmehr heute schon ein ungutes Gefühl, ja teilweise Angst, ihre Befürchtungen sollten sie nicht auch noch bestätigt sehen müssen.

Schlimm dabei ist besonders, dass die Datenspuren von Konsumenten durch Algorithmen vorverarbeitet und aggregiert werden zu irgendwelchen vollkommen abstrakten Kennzahlen, bevor Menschen auf dieser Basis über ihr weiteres Schicksal entscheiden, sei es in Echtzeit oder wiederum mittels im Voraus programmierter Klassifizierungssysteme.

Technologie ist demnach auch Kontroll-, Entmündigungs-, oder man mag sogar polemisch sagen: sogar Unterjochungsinstrument. Geheimdienste sind dabei noch nicht einmal so daran interessiert wie a) Auskunfteien zur Einschätzung der individuellen Bonität und b) die Werbeindustrie. Letztere sorgt dafür, dass nicht wir die Wirtschaft so formen, dass sie uns passt, sondern umgekehrt der Konsument von der Wirtschaft nicht als Zentrum des Wirtschaftskreislaufs, sondern nur als ein Glied in der Produktionskette wahrgenommen wird mit der Aufgabe, gekaufte Produkte möglichst schnell zu entwerten, sodass er wieder neue Produkte kauft, quasi als reiner Investitions-Remonetarisierer.

Der einzige Gewinner des schönen Spiels ist dabei der Finanzsektor, wen wunderts? Der übrigens dreht sich doch schon längst nur noch um sich selbst, ein gewaltiger Strudel, dem an forderer Front das staatliche Gemeinwesen anheim fällt, schon heute, Stück für Stück. Übrig bleibt am Ende dann nur noch ein Casino-Monopoly, in dem sinnlose Zahlen hin und her geschoben werden zwischen Männern in grauen Anzügen. Na gut, so ganz sinnlos nicht. An so einer Zahl hängt dann direkt das Schicksal des Einzelnen, sie entscheidet, wie lange er für eine läppische Banane bei Tante Emma anstehen darf in der Wintershitze.

Abschließend hoffe ich, denn ich bin Optimist, dass diese dick schwarzrote Farbe, in die ich meinen Horizont getaucht habe, den einen oder anderen Fortschrittsfanatiker vor dieser Leinwand innehalten lässt, einfach mal stehen bleiben und sie lupfen, um geradeaus in die Ferne sehen (nicht: fernsehen) und sich selbst fragen, wohin des Wegs?
 
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Senior
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31.08.2008
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Unsere Ordnung ist nicht für uns da, sie dient denen, die von ihr profitieren, die sie steuern, entwickeln, und dabei in ständig fortschreitender Perfektion uns manipulieren - hier hat die Rolle der Medien sich immer mächtiger entwickelt. Wir klagen an, was der Computer mit unserer Gesellschaft und mit uns macht, dabei ist es dasselbe, was die Entwicklung der Schrift in Sumer und Ägypten bewirkt hat: sie dient den Mächtigen, sie verbesserte Steuerung, Kontrolle, Erhebung von Steuern. Viertausend Jahre später ermöglichte sie die Abfassung und Verbreitung einer Gegenthese zur Monopolisierung der Macht, geschrieben von Karl Marx. Was die Computer angeht, mussten wir offensichtlich nicht viertausend Jahre warten, aber bewirkt das etwas? Ich lese Friedels Betrachtungen am Computer, ich schreibe an ihn und andere am Computer, für mich gilt: es kommt darauf an, was ich mit dem Computer mache, ist er mein Werkzeug oder bin ich seines, für die Gesellschaft gilt: jede neue Technologie beschleunigt die Konzentrierung der Macht, da stört es nicht, was Lanier und Friedel dazu äußern, ganz im Gegenteil: es dient als Beweis für die Freiheit unserer Gesellschaft, als schmückendes Beiwerk, Illustration des Individualismus, und befördert durch diese Verstellung der Sicht auf das Wesentliche noch die Auslieferung des Menschen an die Technik und an jene, die den Nutzen daraus zu ziehen wissen.
Schöne Anregung, Bücher sind bestellt, dank der modernen Medien morgen im Briefkasten.

Gruß Set
 
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Hallo Eva,

gern nähm ich Dir ein oder zwo Bücher ab - aber man sieht bei mir ja immer nur die Spitze des Eisberges, denn der Piketty und der zwote Band Mark Twain warten neben den auslaufenden Azteken u. div. anderem kürzerem Zeugs.

Grüß Dich flori

ja, so ist es bei mir, dass ich keine Grenzen kenne. Vor wenigen Jahren gab es schon hinter den Kulissen eine kleine Diskussion darüber, damals war's die Rezension des Kapitals und im Grunde kann ich auch hier an der Stelle die alte Begründung vorbringen, schließlich ist Marcuse Linkshegelianer (seinem Meister Heidegger bezichtigte er richtigerweise der Ahistorzität - und wer möchte schon in Sätzen leben, "Das Sein west"?) Also hier eine Begründung (konservuiert auf einem Stick, das noch viel Platz hat!), die aktuell ist wie je:

"Essay oder Rezension? - was wäre nun MEW Bd. 23 ff. wi€der (ge)lesen – liebe Bernadette, und ich will nicht jammern & klagen, hab ich doch Ähnliches bereits beim Gottfried Keller überstanden: der mainstream hält als einzig mögliche Definition der Rezension die Besprechung eines neu erschienen Buches, womit meine Tendenz, auch ältere, immer wieder lesenswerte Werke „auszugraben“ und zu besprechen, schon keine Rezension mehr sein können, da ihnen der Makel des Alterns anhaftet. Aber ganze Bibliotheken altern, während einige Bücher gar nicht veraltern können, wie schon die Ilias (wie sonst ließe sich eine abgrundtief miserable, auf heutigen billigen und flachsinnigen Geschmack der Unterhaltungsindustrie abgestimmte, sprich: kommerzielle Version Troias erklären?)!
Nun, hätt’ ich mich auf die angegebene Definition – an welche die meisten hier sich näherungsweise halten – MEW Bd. 23 ff. wi€der (ge)lesen - oder einfacher: Das Kapital von Karl Marx bestünde bei meinem Talent aus einem einzigen Satz – ohne dass ein Kleist’scher Geist wehen müsste:
Durchs Studium der Klassiker seit Aristoteles und die Auswertung und Beobachtung aktueller Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft erarbeitete der radikaldemokratische und jüdische Emigrant Karl Marx – ein Zeitgenosse Gottfried Kellers und wie dieser ein Schüler Feuerbachs und somit Linkshegelianer, vor allem aber Alt- 48-er – vor allem in der Auseinandersetzung mit den Theorien David Ricardos sein unvollendet gebliebene Hauptwerk Das Kapital, in dem sich Historik, Soziologie, Politologie und vor allem Nationalökonomie unterm Begriff der politischen Ökonomie entfalten, welches zugleich ein Loblied auf den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt singt und doch Fehlentwicklungen beklagt in Ungleichheit und antidemokratischen Tendenzen, die leider ein Jahrhundert später erneut offen zu tage treten und nicht nur in einem fernen Horn von Afrika, was dieses altehrwürdige Werk von zweieinhalbtausend Seiten eine späte Aktualität zukommen lässt, ohne dass auch nur im entferntesten an die Warnung aus dem Kapital gedacht wird: dass der Kapitalismus in all seinem Erfolg eine vergängliche, weil geschichtliche Erscheinung sei, die ihre Gegenbewegung und Totengräber sich selbst erzeugt – und sei’s auf der dem Licht abgewandten Seit …
… oder so ähnlich..
Ich bin mir sicher, da hätte sich weder Manuela noch Makita zu geäußert, bei Dion kann ich mir nicht sicher sein. Aus vielen Beiträgen sollte zu erkennen sein, dass ich nicht dazu neige, Inhalte nachzuerzählen – der Leser kann doch selbst lesen oder sollte er dümmer sein als man selbst?, die Form ist bei all den versammelten Trivialitäten das wichtigere als der Inhalt (mag auch Berg – um ein Beispiel zu nennen – den Inhalt wichtiger nehmen) und jetzt kommen wir zu der Form:
Meine kleine Arbeit – die buchstäblich versehentlich als Essay angesehen wird – befasst sich auch mit den Vorarbeiten zum Kapital, das ja seinerseits mit einem Eigenzitat aus der Kritik der politischen Ökonomie von 1859 beginnt und die dort begonnene Arbeit fortsetzt und aktualisiert – fängt mit dem berühmten Eingangszitat – sehen wir vom ersten Zitat aus der Judenfrage ab - aus dem komm. Manifest von 1848 an, indem es die Begriffe austauscht, weil das Originalzitat nach 1989 Quatsch wäre – und zeigt die Gemeinschaft der Gläubigen auf. Nun gut, ich hätte auch auf die besondere Ware Arbeitskraft hinweisen können, die nicht nur den preußischen Tugenden korrespondiert (Wehrpflicht als Mittel der Disziplinierung), sondern vor allem Eingänge zur Hölle schmückt mit der falschen Behauptung, Arbeit machte frei. Ein Versuch, den latenten Faschismus, von dem Marx wie auch von andern totalitären Regimes, die seinen Namen und seine Gedanken missbrauchen, konnte er nichts wissen, darum wird es auch erst gar nicht angeschnitten.
Selbstverständlich gibt es essayistische Momente, ist doch das engl. essay nix anderes als ein Versuch (Experimente lassen grüßen) bzw. Aufsatz, das essay subject ist allemal eindeutig das Thema des Aufsatzes: Das Kapital von Karl Marx – und seine Aktualität (sonst bräuchte man es nicht wiederlesen nach dreißig Jahren). Aber wird man selbst zum Essayisten, weil man mal Thoreau und Emerson gelesen hat? Sieh (oder sollt’ ich sagen: seht?) den kleinen Text als Durchsicht eines alten Textes an, kombiniert mit bescheidener Textkritik und dem Vergleich mit heutiger Lesart. Ich berichte nur und berichtige."

Um auch darauf zu kommen: Die Sammelwut und die Algorithmen sind nix anderes als die liebe alte Statistik auf den Gipfel getrieben und als Betriebswirt weiß ich Chruchills Wort, keiner Statistik zu trauen, die man nicht selbst gefälscht habe. Ob die modernen Jäger und Sammler all das glauben, was die Maschine ihnen vorgaukelt. Was tun die Herrschaften, wenn unerwünschte Ergebnisse be- und errechnet werden? Fälschen, wahrscheinlich. Da bestimmt allemal das Angebot die Nachfrage, die dann auch funktionieren muss. Und - um beim Finanzsektor zu landen - es bläst dorten gar balde wieder ... Hat sich ja seit Lehman's seligem Angedenken nicht allzuviel geändert.

Hi, alter Freund Set,

alles richtig was Du - und Ihr zwo da oben - sagt. Und in der Tat, jede Bewegung setzt den Keim zur Gegenbewegung. Und schriftlich niedergelegt sind tatsächlich zu allererst die Inventuren -also Zahlen - woher ja auch das Wort "er"zählen kommt. Dass als Nächstes dann das Hohelied der Herrschenden erscholl ist auch korrekt, denn ausgerechnet an den Höfen tauchte Schriftlichkeit als Gedächtnisstütze auf. Und was ist der Computer anderes als eine bessere Rechenmaschine.

Schöne Anregung, Bücher sind bestellt, dank der modernen Medien morgen im Briefkasten.
Abeer Set - Fußkrank ist aller Laster anfang ...

Dank Euch und

bis bald!

Friedel
 
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„Sie haben Kraus’ Methode der Sprachkritik mit dem Stil eines Bloggers verglichen.“


Fein gekontert,

lieber Set!

Aber,

Ihr Lieben,

wie der Zufall so mitspielt, befassen sich mit unserm Thema Jonathan Franzen, Daniel Kehlmann und die Zeit mit dem „großen Bruder“ („Der große Bruder“ in: Zeit Literatur, Nr. 49 November 2014, S. 4 ff.), der für Franzen Karl Kraus heißt.

In dem Gespräch geht es auch darum, was der großer Sprachkritiker und erklärter Feind der öffentlichen und veröffentlichten Meinung heute täte mit den neuen Medien, wo jeder Blogger glaubt, sein eigener Herausgeber und ein Rebell zu sein (Franzen schätzt sie als „Republikaner“ ein, mancher wird der Tea-Party angehören).

Kehlmann stellt die Frage, wem das Medium gehöre und welchen Interessen es folglich unterliege.

Frei wie etwa Karl Kraus kann nur der sein, der unabhängig ist. Geistig, vor allem aber finanziell.

Gruß

Friedel,
der schon mal ein schönes Wochenende wünscht!
 
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MRG

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Guten Morgen @Friedrichard,

wollte eigentlich auf deinen Kommentar antworten und dann hat mich das Zitat von Lanier fasziniert. Was kann ich zu deinem Text äußern? Er hat mich fasziniert. Erstens finde ich die Thematik spannend und zweitens kenne ich die Problematik von mir selbst. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich einen ganzen Tag an "YouTube" verloren habe, ohne eigentlich zu wissen, was ich mir da so genau angeschaut habe. Nachdem ich dann auf Netflix den Film "Das soziale Dilemma" gesehen habe, habe ich mich eingehend damit befasst. An dieser Stelle möchte ich Tristan Harris erwähnen, der einen hochbezahlten Job bei Google aufgegeben hat, weil er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Er hat auch einen großen Anteil an dem Film gehabt.
Ansonsten fand ich die Frage, was die drei Herren gemeinsam haben interessant. Ich gehe in der Textarbeit gezielt auf meinen Leseeindruck ein:

Und es gibt viele Beispiele mehr. Ich kenne einige der Hauptbeteiligten
der Anti-Tod- oder posthumanen Bewegung, die im Herzen der Silicon-Valley-Kultur sitzt …«
Ich hatte bei diesem Zitat Gänsehaut. Ich finde das beängstigend.

ihre Werkzeuge: Maschinen, Verkehrsmittel,
Strom, Licht, Kraft [...] ihnen so schwer und groß geworden [sind], dass [...] die damit umgehenden
Menschen sich mehr und mehr in ihrer Existenz nach ihnen richten müssen, in ihrem Dienst stehen,
ja dass immer mehr Existenzen verbraucht werden, um sie in ihrem ,Funktionieren' aufrecht zu halten!«
Herbert Marcuse, 1929
Ich hatte vorher noch nie von Marcuse gehört, dementsprechend war ich neugierig. Bei seinen Worten musste ich an Yuval Harari denken, der von einer Trennung zwischen einer Bildungselite und von Konsumenten ausgeht. Konsumenten sind irgendwann nur noch dafür da, dass sie die Wirtschaft am Laufen halten und den Konsum weiter vorantreiben.

Was hat Lanier mit diesem „Marcuse“, was Schiller mit den beiden andern zu tun?
Die Frage sehe ich als zentral in deiner Geschichte an. Ich konnte und wollte nicht aufhören zu lesen, um eine Antwort darauf zu bekommen. Sehr schön gemacht, so etwas lese ich gerne.

wie nebenbei, wenn man Rüdiger Safranski folgen darf - Erfinder des „deutschen“ Idealismus zu Zeiten der industriellen Revolution nebst der bürgerlichen (Amerikas, vor allem aber Frankreichs).
Rüdiger Safranski kannte ich auch nicht, ich genieße es, wenn ich etwas Neues lernen kann.

Ikone der wahrlich internationalen Studentenbewegung der 1960er Jahre von Kalifornien bis Mexico-City, von Paris bis Frankfurt am Main, von Westberlin bis Prag - zunächst mit hochschulpolitischen Themen („Unter den Talaren / Mief von tausend Jahren“) und schließlich politischen Impulsen zur Emanzipation (Kapitalismus, Frauenfrage, Rassismus und Dritte Welt) und vor allem dem Vietnamkrieg.
Ich habe vor kurzem den Film "The Trial of the Chicago 7" gesehen und war tief ergriffen davon. Es geht dabei um Studenten, die sich gegen den Vietnamkrieg stellen und ganz übel vor Gericht behandelt werden. Von daher frage ich mich, inwiefern Marcuse einen Einfluss auf sie hatte.

Die Maschine wird gottgleich. Der Prothesengott findet seine Religion in Internet und Konsum.
Matrix lässt grüßen. Ich bin wirklich gespannt, wie sich das die nächsten Jahre wohl weiter entwickeln wird. Es gibt natürlich auch viele Vorteile, aber wenn ich an die jüngere Generation denke, die schon mit der Technologie aufwächst, habe ich doch einige Fragezeichen.

Die Antwort auf die Frage, was die drei miteinander zu tun hätten, ist schlichtweg simpel: Es ist die Weigerung der drei, die Welt so zu akzeptieren, wie sie sich gibt und gab,
An dieser Stelle muss ich dir widersprechen, denn für mich als Leser war das durchaus nicht simpel (habe das Wort "simpel" im Sinne von trivial verstanden und es hat für mich eine leicht negative Konnotation). Vielmehr sehe ich hier eine Kernstelle der Geschichte, die mir als Leser doch einiges bedeutet hat.

Technologische Rationalität trägt den Keim zum Totalitären in sich, Technologie wurde zum Moloch, der übers Individuum herrschen will. Das sich frei wähnende Subjekt mit all seinen Stärken und Schwächen wird Objekt und lästiges, weil potenziell unberechenbares Anhängsel der Maschine(n).
Das hat mich an das Buch "Die Optimierer" denken lassen. Da geht es auch um den Einfluss von Technologie in Kombination mit sozialen Hierarchien.
Habe diese Textstelle als bedrohlich empfunden, weil es vielleicht gar nicht so weit weg ist.

Individuelle Leistungen gerinnen zur standardisierten Leistungsfähigkeit und setzen Maßstäbe, nach denen einer motiviert, angeleitet und beurteilt wird.
Wenn ich diesen Satz richtig verstehe, dann geht die Individualität und damit die Freiheit des Einzelnen verloren. Es gibt nur noch einen Standard, nach dem alle anderen beurteilt werden. Für mich ist das das Gegenteil von Vielfalt und Freiheit.

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“,
Das Zitat lässt Schiller für mich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Schiller hatte ich bislang vor allem mit einem nicht ganz angenehmen Deutschlehrer verbunden und einer nach meinem Geschmack viel zu romantischen Erzählweise. Ich denke, dass ich mein Urteil noch einmal überdenken sollte. Das Zitat hat mich jedenfalls zum Nachdenken gebracht. Wenn ich es richtig verstehe, dann bezieht Schiller sich hier auf die Wertschätzung der Individualität. Nur wenn ein Mensch sich in seinem Wesen als geschätzt empfindet, kann er sein ureigenes Potential entfalten. Korrigiere mich gerne, wenn ich es falsch verstanden habe. Finde das Zitat interessant.

Seiner falschen Väter, Führer, Freunde und Vertreter beraubt, hätte es wieder sein ABC zu lernen. Aber die Wörter und Sätze, die es bilden würde, könnten völlig anders ausfallen, ebenso seine Wünsche und Ängste.“
Warum hat mich das an Trump denken lassen? Falsche Informationen, falsche Führer. Ich finde es beängstigend, wenn gewisse Leute Lügen gegenüber der Wahrheit bevorzugen.

Gerontokratie
Habe ich nachgeschlagen - Herrschaft der Alten. Ich lerne gerne neue Wörter.

Wir stellen Milliarden von Dollar bereit, um das Gehirn zu simulieren, dabei kennen wir jetzt noch nicht einmal die grundlegenden Prinzipien, nach denen es funktioniert.
Das hat mich an eine Vorlesung denken lassen, die ich letzte Woche hatte. Der Dozent ist auf die Relativierung von Wissenschaft eingegangen. Es ging dabei um das Spannungsfeld, in der sich die Psychologie bewegt: Naturwissenschaft vs Geisteswissenschaft. Seine Argumentation lautete so, dass wir bislang das Bewusstsein wissenschaftlich nicht vollständig erklären können. Das hat mich sehr stark an diesen Satz von dir erinnert. Wissenschaft ist etwas großartiges, allerdings hat sie auch ihre Grenzen. Und in diesem Fall sollte sie meiner Meinung nach auf jeden Fall eine Grenze haben.

Lieber @Friedrichard eigentlich wollte ich auf deinen Kommentar antworten, aber diese Geschichte hat es mir angetan. Ich habe viele Themen über die ich nachdenken möchte, unter anderem ob ich zu früh über Schiller geurteilt habe und inwiefern Marcuse einen Einfluss auf die Chicago 7 hatte. So ein interessanter Text!

Gerne gelesen und beste Grüße
MRG
 
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12.04.2007
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… Yuval Harari ..., der von einer Trennung zwischen einer Bildungselite und von Konsumenten ausgeht. Konsumenten sind irgendwann nur noch dafür da, dass sie die Wirtschaft am Laufen halten und den Konsum weiter vorantreiben.​


schreibstu und da bin ich wieder,

lieber MRG,

und

habe vor kurzem den Film "The Trial of the Chicago 7" gesehen …

Den Film kenn ich nicht, aber um einige Namen wie Abbie Hoffman oder Jerry Rubin weiß ich noch und als kfm. Lehrling (heute „Azubi“) hab ich bei den Fahrpreisdemonstrationen 1968, die die gesamte Republik ergriffen hatten - in Bremen kam sogar ein Demonstrant ums Leben, bei der Rathausbesetzung in der Wiege der Ruhrindustrie beteiligt – was natürlich beim „Lehrherrn“ ankam und den Leiter kfm. Ausbildung zu dem Geständnis verleitete, „hätt’ ich gewusst, was das für einer ist, der hätte keinen Lehrvertrag bekommen“, woraus ich natürlich den Grund ableitete, warum ich nach 2 ½ Jahren bereits die Abschlussprüfung machen durfte. Es waren halt rebellische Jahre ...

ich schrieb
Die Antwort auf die Frage, was die drei miteinander zu tun hätten, ist schlichtweg simpel: Es ist die Weigerung der drei, die Welt so zu akzeptieren, wie sie sich gibt und gab,
da hätte ich wohl besser statt "simpel" "schlicht" und/oder "einfach" gewählt.
Individuelle Leistungen gerinnen zur standardisierten Leistungsfähigkeit und setzen Maßstäbe, nach denen einer motiviert, angeleitet und beurteilt wird.
worauf Du anmerkst, Wenn ich diesen Satz richtig verstehe, dann geht die Individualität und damit die Freiheit des Einzelnen verloren. Es gibt nur noch einen Standard, nach dem alle anderen beurteilt werden. Für mich ist das das Gegenteil von Vielfalt und Freiheit.

was ich gern in einem Satz zusammenfass, dass hinter Werks- und Verwaltungsmauern Demokratie und Freiheit enden - Homeoffice spart zudem "unternehmerische" Raumkosten und den Betriebsrat - liegt also eigentlich im Trend ...

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“,
Ich habs nur zitiert, ein Schillerzitat, das nahe bei Joseph Beuys’ und Panamarenko Auffassung liegt, dass jeder das Zeug zum Künstler hat, sofern man ihn lässt.

Beim "Wiederlesen" jetzt gerade ist mir dann aufgegangen, dass der kleine Text zu @Perdita s "Wandel" ein Beitrag ist.

Dank Dear, fürs Ausgraben, Lesen und Kommentieren und insbesondere für Dein Interesse!

Friedel
 

CoK

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Lieber @ Friedel

so jetzt habe ich es auch gelesen.
Ich arbeite im Freien und in meiner näheren Umgebung braucht jetzt keiner mehr zu frieren, den in mir brodelt es und die Rauchschschwaden die über mir erscheinen zeigen, beweisen, hier raucht es gewaltig.
Dein Text hat so einiges in Bewegung gebracht.

– der Leser kann doch selbst lesen oder sollte er dümmer sein als man selbst?,
trifft auf mich zu!

Technologie wurde zum Moloch, der übers Individuum herrschen will.
Moloch, ja .Doch ist es nicht so, dass Technologie keinen Willen hat?
Dahinter steht immer der Mensch.

Das sich frei wähnende Subjekt mit all seinen Stärken und Schwächen wird Objekt und lästiges, weil potenziell unberechenbares Anhängsel der Maschien(n). Leistungsfähigkeit wird standardisiert und als Maßstab über das individuelle Tun gestülpt
Maschinen? Für mich der Elite, der, die Macht und Geld haben .

Ich lese sehr gerne was du schreibst, habe mich sogar schon dabei erwischt, dass ich nur deine Kommentare lese und die Geschichten überspringe.
Fand es wie immer sehr Informativ und interessant geschrieben.
Konnte, durfte lernen.

Es ist was ich daraus machen.

Liebe Grüße

CoK
 
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... trifft auf mich zu!

Heißet nicht das 13. Gebot, "Du sollst Dein Wissen und Können nicht kleinreden",

liebe CoK?

Und hastu nicht ausgesprochen, was Sache ist? Dass hinter allem Interessen stecken, selbst wenn wir eine Suchmaschine nutzen.

Und doch bade ich bei Deinen Worten wie in Milch und Honig ...

Dank Dear für diesen lieben, feinen Beitrag!

Friedel
 

CoK

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24.08.2020
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Hallo @Friedrichhard

13 Gebot .Tolles Gebot.
Gerade eben wurde ich wieder an dich erinnert.
Ein Betriebswirt war bei mir am Stand und hat mich gefragt, ob ich denn der deutschen Sprache mächtig wäre
Er fing an zu schwärmen und erklärte mir, wie toll die deutsche Sprache doch alles ausdrücken würde.
Ob ich denn wüsste was das Wort „Gemeinschaft" ausdrückt.
Ich möchte dich jetzt nicht damit langweilen,was ich ihm erklärt habe, auf jeden Fall meinte er, dass wichtigste fehlt aber noch.
„Gemein - wäre die eine Hälfte der Gemeinschaft, während die andere Hälfte -schaft."
„Sind wir dann jetzt in einer Gemeinschaft?" habe ich ihn gefragt.
„Klar,"meinte er
„Nun ja, Sie sind Rentner und ich schaffe hier.!"

Ich wünsche dir ein schönes besinnliches Adventswochenende
Lieber Gruß CoK
 
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12.04.2007
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Schönes Wortspiel,

liebe @CoK,

und von der latinisierten Seite schwingt dann auch "Kommun..." mit. Wüsste aber auch nicht, was ich geantwortet hätte - zumindest hätt ich gegrinst ... was jetzt wieder nach der Durchforstung sichtbar ist.

Tschüss und ein schönes Wochenende aus'm nebelichten Pott vonnet

Dante Friedchen,
dessen literarisches Talent übrigens in einem Marketingseminar - halt BWL (ich will wissen, wie Behaviorism und andere psychologischen Tricks so wirken) entdeckt wurde, als er in einer Seminararbeit über eine "operationale Definition von Marketing" schreiben sollte und von den 100 Anfragen bei entsprechenden Firmen gerade mal zehn Antworten zurückfanden. Da ist keine Statistik drauf aufzubauen. Also hat der junge Friedel, ausnahmsweise mit Vietnam-Nahkampf-Schnitt wie gerade Johnny-be-Goode-Lennon in der PlasticOno-Band) eine Seminararbeit im Konjunktiv irrealis geschrieben - was wäre, wenn ...
Nun ja, im Gespräch mit dem Dozenten ergab sich, dass ich mir wohl das/den falsche/n ausgesucht habe, er aber meine literarischen Fähigkeiten bewundere ...
 
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26.12.2014
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Für einen neuen Humanismus. Wie wir der digitalen Entrechtung entkommen.
Jaron Lanier

Als nun der Hase in vollem Lauf unten am Acker ankam, rief ihm dem Swinegel seine Frau entgegen: "Ich bin schon hier!"

Der Hase und der Igel (Brüder Grimm)

Ist das Problem des Kritikers nicht, dass, egal, wie pointiert seine Kritik ist und wie aktuell sie ist, die Tech-Firmen immer schon da sind? Sobald die Kritiker ihre Bücher geschrieben haben, schnell wie der Wind, haben Google & Co. neue Fakten geschaffen, die die Bücher alt aussehen lässt.

Liebe Grüße
Manlio
 
Senior
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Aber halleluja, ist der Wettlauf von Hase und Igel je ein Wettkampfsmotto gewesen und lernstu schon Mandarin (man kann ja nie wissen ...),

bester @Manlio hierorts,

aber der Hase wird lernen, mit dem Swinegel umzugehen und ihm zurufen: Du warst gar nie weg!, und das olympische Kommissariat wird sich - natürlich - nicht bestechen lassen.

Schön, dass Du das kleine Werkchen hochhältst!

Bis bald

Friedel
 
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