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Arundhati Roy - Der Gott der kleinen Dinge

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Arundhati Roy - Der Gott der kleinen Dinge

Ich habe selten in meinem Leben ein Buch gelesen, das eine derartig sprachliche Wucht und literarische Größe repräsentiert, wie der Gott der kleinen Dinge. Nein, falsch, denn ich habe vielmehr noch nie ein Buch dieser erzählerischen Sprachgewalt gelesen; das ist genau die richtige Definition: Erzählerische Sprachgewalt!
Vor der Kulisse Südindiens, besser gesagt Kerala, noch genauer, in Aymanam, wie es heute heißt, ist die Handlung dieses Buches verortet. Sie beschreibt das Leben einer Familie des indischen Mittelstandes, vor allem aber setzt sich diese Geschichte mit der machoid/religiös geprägten und durch und durch verlogenen Kasten-Gesellschaft Indiens kritisch auseinander. Dennoch kommt nichts mit dem Holzhammer daher. Roy profiliert mit feiner Feder ihre Figuren, schafft auf nahezu jeder Seite lebendige Atmosphäre und spürbare Sinnlichkeit, dargebracht in nie gelesenen Vergleichen und Metaphern, dass mir beim Lesen die Spucke wegblieb. Enorm bildhaft und detailliert zeigt sie den Lebenslauf dieser Familie, führt uns durch all ihre Lebenslagen, Höhen wie Tiefen, schreckt vor keinem Tabu zurück. Selbst schrecklichste Szenen, und ja, die gibt es auch, erscheinen leise, wie auf Taubenfüßchen, und sind doch so enorm ausdrucksstark und vielsagend. Zugleich ist dieses Buch ein farbenprächtiges Portrait Südindiens, seiner grandiosen Landschaft, seiner Bewohner, ihrer Hoffnungen und Träume, ihres Lebens und Sterbens.
Der Gott der kleinen Dinge ist ein unvergleichliches, sprachliches Meisterwerk. Ich zähle es zu den fünf besten Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe und verneige mich in Respekt und Anerkennung vor dieser Autorin.

Suzanna Arundhati Roy wurde 1961 in Shillong, Meghalaya (Nordostindien) als Tochter eines Teeplantagenbesitzers geboren und wuchs in Aymanam, einem christlich geprägten Gebiet im südindischen Bundesstaat Kerala als Tochter einer Thomas-Christin und eines Hindu auf. Jahre später zog sie nach Delhi, wo sie auch heute noch lebt. Für ihr Erstlingswerk, Der Gott der kleinen Dinge erhielt sie 1997 als erste indische Frau den renommierten Booker Prize.
 
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12.04.2007
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"Roy: 1997 erschien mein Roman Der Gott der kleinen Dinge , und ich wurde diese indische Mittelklasseheldin. Dann fing ich an, meine politischen Essays zu schreiben, und dieselben Leute begannen mich zu hassen. Im Westen ging das noch durch, solange ich nur die Vorgänge in Indien kritisierte. Als ich meinen Essay Infinite Justice über Amerika schrieb, war mir klar, dass ich in fremdes Territorium vordrang. Aber es musste sein. Es war völlig durchsichtig, dass hinter diesem Gerede von Bush über den unendlichen Krieg zwischen dem Guten und dem Bösen eine ganze Industrie von Waffen und Geld steckte. " aus: Die Diktatur der Mittelklasse in der ZEIT Nr. 37/2011, https://www.zeit.de/2011/37/Interview-Roy

Frau Roy ist niemand, der sich in seinen Elfenbeinturm zurückzieht und bezieht Stellung (unter anderm auch in den Blättern für deutsche und internationale Politik) und ihr "Das Ministerium des äußersten Glücks" wurde 2017 auch in der Zeit (frag mich jetzt keiner, in welcher Ausgabe) besprochen.

So gesellt sich nun zu Münklers "Dreißigjährigem Krieg" unterm abstrakten (also nicht vorhandenen) Nadelbaum das Debüt von Frau Roy.

Tschüss, schöne Tage diese Tage (auf dass mal wiede ordentlich Winter werde und der Wadi Rhein wieder ordentliche Form gewinne) und danke für die Anregung

Friedel
 

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