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Theaterstück Aschenputtel und andere Schauermärchen: I

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20.04.2002
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Aschenputtel und andere Schauermärchen: I

Personen:
Jana
Alte

Anmerkung des Autors: Es bietet sich an, beide Figuren mit lokalem Dialekt zu sprechen.

Schauplatz ist eine Restaurantküche. Im Hintergrund gibt es eine Klappe, wo Essen und Geschirr durchgereicht werden. Bei der Spüle stapeln sich Teller, es stehen Besen herum. An der Seite steht eine Kühltruhe. Es gibt zwei Ausgänge. Einer führt in einen weiteren Küchenbereich, der andere in die Wirtschaft. Jana sitzt auf einem Hocker mit einem Glas Cola und liest einen Fragebogen.

JANA: Theater, he? Das kann ich nicht. Was soll ich denn da machen? Ich soll von mir erzählen, steht hier. Wer ich bin, was ich so mache, mein Alter. Warum wollt ihr das denn wissen? Ich kenne euch ja gar nicht. Ich war mal im Theater. Mit meinem Onkel, aber da haben die nicht über sich gequatscht und durch einen Reifen springe ich nicht, das sage ich euch gleich. Ich könnte singen. Aber das ist mir peinlich. Was wollt ihr eigentlich hier? Habt ihr nichts Besseres zu tun? Blickt auf die Uhr
Muss auch bald weitermachen, sonst dreht die Alte am Rad. Vorhin habe ich einen Teller runtergeschmissen. Da hättet ihr die mal erleben sollen. „Jana, ich habe dir schon hundert Mal gesagt, du sollt aufpassen. Wir haben es doch nicht zu verschenken. Die kosten Geld, die Teller, verstehst du das nicht. Das kostet doch alles Geld. Ich werde noch verrückt mit dem Mädchen. Die versteht einfach nicht, dass das doch alles Geld kostet.“ Das weiß ich auch, dass das Geld kostet, aber er ist mir halt aus den Fingern gerutscht.
Das passiert doch mal. Nicht nur mir. Der Dieter ist letztens hier mit so einem großen Weinfass lang. Also so ein Plastikding und es war oben offen. Ich kann das gar nicht erzählen, ohne zu lachen. Also, der Dieter ist so ein Dicker, versteht ihr? Und der ist sehr langsam. Wenn er aber mal läuft, dann stoppt den nichts mehr. Da hatte der Dieter also dieses Weinfass und läuft so durch die Küche und ich rufe noch, dass es glatt ist. Aber es ist zu spät und er rutscht auf der Pfütze aus und fällt. Wie bei diesem Witz mit der Bananenschale. Volle Kanne platscht er auf den Rücken und das Weinfass saust in die Luft, und weil es offen ist, spritzt der Wein durch die ganze Küche, sogar auf die Pfannen mit den Bratwürsten. Und natürlich über den ganzen Dieter. Das hättet ihr sehen müssen. Zum Schreien. Da hat die Alte nichts gesagt. Beim Dieter nicht.
Aber wehe ich mache einen Teller kaputt, dann geht’s los.
Und überhaupt, so geht es die ganze Zeit! Jana hier, Jana da, mach zwei Salate. Sind die Pommes schon fertig? Warum stapeln sich denn überall die Teller? Schneller jetzt Jana, schneller. Ich komme mir vor wie ein Rennpferd. Schneller, schneller, schneller, schneller. Und dabei schlurft sie durch die Küche wie so eine alte Ziege. Das sagt ihr der aber nicht, ok?
Boahr, wenn die das hört, bin ich fällig.
Ja, aber das mit dem Dieter war schon lustig. Die Wand da hinten ist noch ganz rot vom Wein.

Theater. Habe gar keine Zeit für so was. Guckt doch, all die Teller und Tassen. Da war vorhin so ein Reisebus. Sechs Kuchen hatten wir. Alle weg. Sechs Kuchen! Wie die Heuschrecken, würde meine Mama sagen. Wie die Heuschrecken, alles weggefressen. Und literweise Kaffee, sieht man ja.
Die Spülmaschine ist auch kaputt. Ich bin schuld, sagt die Alte, weil ich sie nicht richtig gepflegt habe. Was weiß denn ich, wie man so eine Maschine pflegt. Morgen wird sie repariert, aber bis dahin darf ich mich hier kaputtschrubben. Das geschieht mir recht, sagt die Alte, da kann ich was von lernen.
Bestellt bloß nichts in der Pause, sonst habe ich noch mehr Arbeit.
Sechs Kuchen. Das muss man sich mal vorstellen. Bin hundemüde, aber noch ist die Kaffeestunde nicht rum und dann kommt ja noch das Abendessen. Mit etwas Glück ist nicht so viel los.
Also Jana heiße ich, habe ich ja schon gesagt. Ich bin 17 und das hier ist meine Lehrstelle. Seid ihr glücklich? Weiß gar nicht, was euch das bringt, wenn ihr das wisst.
Was steht noch da? Ich soll meinen Tagesablauf schildern. Schildern? Was ist denn das für ein Wort?
Der kennt Wörter. Das ist auch so einer, dieser Schriftsteller. Der kommt hier an den Wochenenden her und dann wischt er die Teller so für ein zwei Stunden. Um mal rauszukommen, macht der das, sagt er.
Um mal rauszukommen! Manche haben Probleme. Ich würde auch gerne mal rauskommen, aber hier raus halt.
Tagesablauf. Soll ich das jetzt aufzählen, was ich mache, oder wie? Ich komme halt um 11 und gehe abends, wenn keine Gäste mehr da sind. Wenn nicht so viel los ist, mache ich um drei Pause, aber wenn was los ist… naja. Und was ich so mache, ist ja klar. Teller wischen, Salat, Pommes, solche Sachen halt.
Ach, nur Diensttags und Donnerstags nicht. Da bin ich Berufsschule. 7.30 Uhr. Um vier stehe ich auf, damit ich mich noch schminken kann und den Zug bekomme um halbsechs. Das ist mein Tagesablauf, genug geschildert? Was jetzt? Wie viele Tage Freizeit ich habe? Ich habe keine. Ich arbeite immer.

STIMME AUS DEM OFF: Wo bleiben die Tassen? Wir haben keine Tassen mehr!

JANA: Oh, Mist, ich muss weiter machen. Wenn die keine Tassen mehr haben, können die Leute keinen Kaffee mehr trinken und was dann los ist, wollt ihr gar nicht wissen.

Beginnt hektisch zu spülen und die Tassen immer in Zweierstapeln auf ein Tablett zu schichten.

JANA: Immer nur zwei aufeinander und die Henkel dann zur Lukenöffnung hin, damit die das nur noch greifen müssen! Keine drei oder mehr, sonst kann es runterfallen und was dann passiert …

STIMME: Kommen die Tassen jetzt bald?

JANA: Jaja, schon unterwegs. (Nimmt das Tablett und schiebt die Tassen durch die Luke.)
Um die Uhrzeit gibt’s immer Stress. Nicht genug Geschirr! „Wir haben doch nichts zu verschenken. Noch mehr Geschirr? Damit du mir das auch noch kaputt schlagen kannst?“ sagt die Alte immer.

STIMME: Wir brauchen Besteck!

JANA: Das ist wegen dem Kuchen! Die ganzen kleinen Gabeln. Mann, warum ist die Maschine kaputt. Jetzt muss ich jede einzelne….

STIMME: Besteck! Besteck! Besteck!

JANA: Ja, ja! Besteck, Besteck, Besteck, habe es schon beim ersten Mal verstanden. Ich brülle hier halt nicht gerne rum. (Sie säubert kleine Gabeln und schichtet sie in ein Behältnis.)

STIMME: Kleine Teller, wir brauchen kleine Teller!

JANA: Jetzt mache ich erst Besteck!

STIMME: Wo bleibt das Besteck und wir brauchen die kleinen Teller!

JANA: Was ist denn da los? Noch ein Reisebus? Haben wir überhaupt noch Kuchen? Wie die Heuschrecken.

STIMME: Wo ist das Besteck?

JANA: Hier ist es, kommt ja schon. (Schiebt die Gabeln durch die Luke.)

STIMME: Teller! Ohne Teller nutzen die Gabeln nichts!

JANA: Verdammt, die Teller. (Beginnt Teller zu schrubben.) Wo kommen die alle nur her? Das wird doch nicht der Chinesenbus sein, oder? Der Schriftsteller, also der, der manchmal kommt, quatscht immer vom Chinesenbus. Die Chinesen, sagt er, überrennen uns bald, aber nicht mit Gewehren, sondern mit ihrem Appetit. Die kommen dann aus China zu uns und machen hier Urlaub. Millionen von denen. Es soll da nämlich Millionen geben, dir gerne mal zu uns wollen und das bald auch dürfen. Momentan erlaubt das Deutschland nämlich noch nicht. Wenn das passiert, sagt er, dann sind die ganzen Wochenendlokale voll mit denen. Überall Chinesen, auf den Terrassen, in den Stuben, bei den Aussichtsplattformen und den Flusslokalen, Chinesen, so weit das Auge reicht. Dann sieht man die Landschaft gar nicht mehr, vor lauter Chinesen, sagt er.
Ob das stimmt? Chinesenbuse, hier? Ich weiß nicht.

STIMME: Wo sind die Teller?

JANA: Jaja, fast fertig. Ob die überhaupt Kuchen essen? Ich habe ja gehört, dass die da Hund essen. Iiiiih. Mein Onkel hat Hunde. So süße Pudel sind das, aber die zu essen, das ist ekelhaft!

STIMME: Teller!

JANA: Fertig. (Schiebt die Teller durch die Luke.)

STIMME: Zwei Flammkuchen!

JANA: Was? Jetzt, es ist doch Kuchenzeit.

STIMME: Zwei Salate und zwei Flammkuchen!

JANA: Wer isst denn um diese Zeit Flammkuchen?

STIMME: Flammkuchen!

JANA: Jaja! (Geht zur Kühltruhe und holt zwei vorgefertigte Flammkuchen heraus, die sie in den Ofen schiebt.) Das heißt, ich muss gleich wieder zwei neue machen. Ich mache das immer so. Wenn ich zwei verbrauche, mache ich wieder zwei neue. Weil sonst ist irgendwann kein Flammkuchen mehr in der Truhe und dann geht’s rund. Das hatte ich einmal. Da habe ich vergessen neue zu machen und dann kam natürlich eine riesige Gruppe. 20 Leute oder so und alle wollten sie Flammkuchen haben. Das muss man sich mal vorstellen. Zwanzig Leute und ich habe keinen einzigen Flammkuchen in der Truhe. Da bin ich hier durchgedreht und die Alte stand daneben und hat mich angebrüllt. „Flammkuchen, Flammkuchen, Flammkuchen. Warum hast du denn keine neuen gemacht, Mädchen? Wie oft muss ich dir eigentlich sagen, dass du immer neue machen sollst. Die müssen jetzt warten, die Leute, die haben doch Hunger. Mädchen, Mädchen, das ist, weil du mir nie zuhörst.“ Und dann bin ich natürlich nervös geworden und hab einige kaputt gemacht, beim Rausholen aus dem Ofen und dann wurde sie noch wütiger.
„Vorsicht Mädchen, pass doch auf, wir haben doch nichts zu verschenken. Der schöne Flammkuchen, der schöne, schöne Flammkuchen.“

STIMME: Flammkuchen! Und noch neue Tassen, wir brauchen neue Tassen!

JANA: Jetzt auch noch Tassen! Die essen ja wild durcheinander! Kuchen, Salat, Kaffee, Flammkuchen … gleich bestellt bestimmt einer ein Schnitzel. Sind vielleicht wirklich die Chinesen. Die wissen nicht, dass man zum Kaffe keinen Flammkuchen isst und zum Kuchen keinen Salat.
Wenn die wirklich ein Schnitzel bestellen, ist es aus. Der Chef ist noch nicht da, der kommt erst nachher runter und ich kann das mit dem Schnitzel nicht. Der Chef soll es mir ja beibringen, aber es ist kaum Zeit, muss mich ja um die Flammkuchen kümmern.

STIMME: Wo bleiben denn die Tassen?

JANA: Gleich, verdammt, was soll ich denn machen. Jetzt könnte man den Schriftsteller gebrauchen. Der arbeitet zwar langsam, weil er immer Löcher in die Luft starrt, aber Hände hat er ja schon. Vier sind mehr als zwei. Das ist klar!

STIMME: Tassen!

JANA: Ja …

STIMME: Tassen

JANA: Ja …

STIMME: Jajaja, schaffen, nicht ja sagen!

Jana stapelt die Tassen in Windeseile auf ein Tablett, immer drei oder vier aufeinander und will dann zur Durchreiche. Dabei stolpert sie über einen Besen oder Mülleimer und alle Tassen fliegen kreuz und quer durch den Raum.

Auftritt Alte.

ALTE: Du lieber Jesus, das gibt’s doch nicht. Jana!

Jana liegt zwischen den zerbrochenen Tassen und schaut zur Alten auf.

JANA: …

ALTE: Das gibt`s doch einfach nicht!

JANA: Ich …

ALTE: Das ist doch einfach nicht zu glauben.

JANA: Es… es … ich ...

ALTE: Du sollst doch langsam machen, Kind, du sollst doch langsam machen. Wir haben doch nichts zu verschenken. Die ganzen Tassen, weißt du eigentlich, was die alle kosten?

JANA: Ich .. ja… ich..

ALTE: Und die Leute. Jetzt haben wir keine Tassen! Die wollen doch Kaffee trinken! Ich habe es dir doch gesagt. Hundertmal habe ich dir gesagt, dass du langsam laufen sollst. Wie hast du die Tassen gestapelt?

JANA: Aufeinander …

ALTER: Da hört sichs aber auf, auch noch unverschämt. Nein, nein, also wirklich! Hast sie dreifach oder vierfach gestapelt, habe es doch gesehen, durch die Luke. Hast sie wieder zu hoch gestapelt, obwohl ich dir gesagt habe, dass du sie nicht so hoch stapeln sollst. Zwei! Mehr nicht übereinander! Zwei!

JANA: Ja aber, ich hatte doch so …

ALTE: Zwei! Und langsam machen! Das habe ich gesagt! Immer und immer wieder habe ich es dir gesagt! Das ist, weil du nicht zuhörst. Du hörst einfach nicht zu. Ich weiß nicht, also ich weiß wirklich nicht!

JANA: Es ….

ALTE: Wisch das weg! Ich muss den Leuten sagen, dass wir keine Tassen mehr haben. Sie hört einfach nicht zu. Glaubt man das? Nein, das kann man ja gar nicht glauben.

Alte ab.

JANA: Alle kaputt! Ich habe sie doch gerade gespült! (Beginnt, die Scherben zusammenzukehren.)
Das ist, weil ich dumm bin. Ich bin zu dumm für irgendwas. Das haben auch die Lehrer gesagt. Zu dumm für Mathe, zu dumm für Deutsch, zu dumm für Erdkunde. Zu dumm für alles!
Deshalb bin ich auch zu dumm, um Tabletts zu tragen. Das ist, weil ich nicht zuhöre. Ich vergesse immer alles. Dann ist es so hektisch und draußen schreit sie und dann vergesse ich alles. Ich glaube ich habe einen ganz kleinen IQ. Oder ich habe überhaupt keinen IQ. Geht das?
Ich mache das ja nicht mit Absicht. Ich weiß doch, dass ich die Tassen nicht stapeln soll. Ich weiß das doch. Ich weiß auch nicht, warum ich immer alles falsch mache. Ich will das ja gar nicht.
Ich weiß doch, dass wir nichts zu verschenken haben. Ich habe doch auch nichts zu verschenken!
Ich höre ja zu, aber ich vergesse halt immer alles.
Die Alte vergisst nichts! Nie! Das wird die nie wieder vergessen! Das wirft die mir jetzt jeden Tag vor!
Wenn überhaupt. Die sagt manchmal, dass ich zu nichts zu gebrauchen bin. Und dann guckt sie so komisch. Ich hab ja die Stelle nur, weil die Alte meine Mutter kennt und weil sie Freundinnen sind. Sie hat mal zu meiner Mutter gesagt, dass sie gar nicht weiß, ob das mit mir funktioniert. Das war, weil ich die Flammkuchen übereinandergestapelt habe. In der Gefriertruhe backen die aneinander fest. Und dann bekommt man sie nicht mehr los. Ich habe das ja nur gemacht, weil ich so viele Flammkuchen hatte. Das war, nach dem die Zwanzig bestellt hatten. Da dachte ich, ich mach jetzt vierzig, dann passiert so was nicht mehr und dann haben sie aber nicht alle ins Gefrierfach gepasst. Da habe ich sie halt gestapelt und dann sind sie angebacken und die Alte ist völlig durchgedreht. Sie weiß nicht, ob das was mit mir wird, hat sie gesagt. Ich finde doch nichts anderes, wenn die mich rausschmeißt.

Auftritt Alte

ALTE: Mit wem redest du denn da? Sind alle Scherben weg? Einfach nicht zu glauben, die ganzen schönen Tassen. Was ist denn mit deinen Augen? Hast du Zwiebeln geschnitten? Ich habe dir doch gar nicht gesagt, dass du Zwiebeln schneiden sollst. Wir haben noch genug.

JANA: Mir ist was ins Auge gekommen.

ALTE: Ein Splitter? Musst du zum Arzt?

JANA: Nein, alles gut.

ALTE: Du machst Sachen. Die schönen Tassen. Guck, da hinten liegen noch Scherben.

JANA: Entschuldigung!

ALTE: Jaja, vergiss es, ich mache das. Draußen hat ein Gast was verschüttet, mach das weg.

JANA: Ja, aber …

ALTE: Ich mache das schon!

Jana ab

ALTE: Nicht zu glauben. Macht mehr kaputt, als sie wert ist. Die konzentriert sich einfach nicht. Und hört nicht zu. Hundert Mal hab ich ihr gesagt, sie soll die Tassen nicht so hoch stapeln. Immer nur zwei auf einmal. Immer nur zwei auf einmal. Dauernd sage ich das. Immer nur zwei auf einmal.
Spreche ich türkisch? Nicht zu glauben. Die hat nichts im Kopf. Nichts. Hauptschule! Früher war die Hauptschule nicht so. Da hat man was Ordentliches gelernt! Vor allem zuhören. Die ganzen Bekloppten gehen da heute hin. Früher hieß das noch Volksschule. Aber die sind ja meistens gar nicht von uns, die da hingehen. Und wenn, sind es Bekloppte.
Die lernen einfach nicht zuzuhören. Und faul. Vor kurzem hat sie mich gefragt, warum sie eigentlich keine freien Tage hat. Nicht zu glauben. Das steht so im Gesetz, hat sie gesagt! Gesetz! Kommt die mir mit Gesetzt und kann nicht mal richtig zuhören. Du hast doch zwei freie Tage, habe ich gesagt und dann sie: „Aber da gehe ich doch in die Schule!“
Ja, was kann ich denn dafür? Wenn ich zwei Tage für Schule freigebe und dann noch zwei fürs Gesetz, dann lohnt sich das überhaupt nicht! Dann braucht die ja erst gar nicht kommen. Aber das versteht die nicht. Dummes Kind. Soll froh sein, dass sie überhaupt eine Stelle hat. Mit der Schulbildung ist das nicht selbstverständlich. Ihre Mutter ist hergekommen. Wir kennen uns schon lange. Die hat gefragt, ob ich die Kleine nicht nehmen will. Mein Mann, der Manfred war dagegen. Das gibt nur Ärger, hat der gleich gesagt. Man weiß ja gar nicht so genau, wer der Vater ist. Ich habe das damals mitbekommen. Nur so am Rande, aber man hört halt einiges. Die war im Urlaub in der Türkei und danach plötzlich schwanger. Den Rest kann man sich denken. Deshalb ist die auch so. So faul! Zwei Tage frei und dann nur drei arbeiten! Das machen die da so! Naja, ich habe dazu ja keine Meinung, aber so ein Mädchen ohne anständigen Vater …. Da ist das ja dann klar.
(Sieht den Fragebogen.) Was ist denn das? „Erzähle den Leuten von deiner Arbeit?“ Ist das was von den Zeugen? Nein, Theaterstück. Ach, das ist bestimmt von dem Schriftsteller. Das ist überhaupt der Faulste von allen. Kommt hier am Wochenende her und wischt so ein bisschen Teller. Ein Hans Guckindieluft ist das, sagt der Manfred. Der hat immer Zeit. Da kann man anrufen, wann man will. Der ist immer da und dann kommt er mit seinem Auto und wischt hier ein bisschen. Wie der sich das leisten kann … der macht ja nichts, der wischt hier nur und sonst hat der keine Arbeit. Ein Schmarotzer ist das, sagt der Manfred. Der lebt von unseren Steuergeldern und dann geben wir ihm auch noch sechs Euro die Stunde. Zum Spaß arbeitet der hier. Zum Spaß!
Die sind alle verdorben, sagt der Manfred. Faul. Die wollen überhaupt nicht arbeiten. Die können das gar nicht. Ich habe immer gearbeitet. Immer! Als kleines Mädchen habe ich hier angefangen, bei der Mutter und habe alles gelernt, was sie konnte. Da gab es so was wie Freizeit nicht. Freizeit, das soll die machen, wenn sie nicht arbeitet!
Die war streng die Mutter. Wenn ich da einen Teller kaputtgemacht habe, kein Abendessen.
Und wenn man faul war, gab es die Gerte. Da hat man noch gelernt, auf was es ankommt.
Was steht hier noch? „Was hältst du von der momentanen wirtschaftlichen Lage unseres Landes sowie den Auswirkungen der Wirtschaftskrise?“ Spinnt der? So Zeug haben die im Kopf. Der Manfred sagt, dass das mit der Wirtschaft daran liegt, dass die Leute nicht mehr richtig arbeiten können. Früher nach dem Krieg, gab es hier nichts und dann kamen wir und haben alles aufgebaut. Der Manfred sagt, dass die deutschen Werte den Bach runter gehen. Ist ja kein Wunder, wenn die alle in die Türkei zum Urlaub fahren.
Der Manfred sagt, dass wir Deutschen bald alle aussterben. Dann gibt es hier nur noch Döner und Spaghetti! Aber das glaube ich nicht! Gegen meinen Rotkohl haben die keine Chance. Mit Apfel und Zimt, das ist mein Geheimnis. Ich mache den besten Rotkohl in der ganzen Region!

Auftritt Jana

JANA: Fertig!

ALTE: Was hat das so lange gedauert?

JANA: Das war ganz schön klebrig.

ALTE: Getrödelt hast du, gibst doch zu. Mit den Kunden herumgeschäkert, nicht wahr?

JANA: Nein, ich …

ALTE: Ach, sei still und mach deine Arbeit. Die Tassen spülen sich nicht von alleine.

JANA: Ich habe da eine Frage.

ALTE: Was ist denn?

JANA: Also, sie sagen ja immer, dass ich mehr koste, als ich wert bin und dass ich ihnen so viel Arbeit mache.

ALTE: Schau dich doch um!

JANA Ja, ich weiß und es tut mir ganz arg leid. Ich habe mich gefragt …

ALTE: Ja, was denn jetzt? Zeit ist Geld!

JANA: Ich habe mich gefragt, ob sie mich nicht beim Gerd arbeiten lassen können.

ALTE: Beim Gerd? Was für ein Gerd?

JANA: Der Chefkoch vom Rössel. Der meinte vor Kurzem, er würde mich für ein Jahr oder so nehmen, damit ich auch mal lerne, wie andere Köche arbeiten.

ALTE: Ach so, des Rössel. Der Gerd, sage das doch gleich.

JANA: Und? Geht das?

ALTE: Der hat gesagt, du kannst bei ihm arbeiten?

JANA: Ja, aber nur, wenn sie zustimmen. Und nur für ein halbes Jahr oder so und dann komme ich wieder zu ihnen.

ALTE: Also will der dich ausleihen? Das passt zu dem, der hat immer so Ideen.

JANA: Ja, und dann hätten sie mal ihre Ruhe und müssten sich nicht immer so über mich aufregen.

ALTE: Hm …

JANA: Also darf ich?

ALTE: Kommt nicht in Frage.

JANAS: Was, aber warum nicht?

ALTE: Ausleihen, der spinnt ja! Du hast mit uns einem Vertrag. Wenn du da arbeiten willst, dann musst du hier schon kündigen.

JANA: Aber der will mir ja keine Stelle geben, der will ja nur für ein halbes Jahr oder so, weil er mir helfen will, mehr zu lernen.

ALTE: Unsinn! So was machen wir nicht. Du lernst hier alles, was du brauchst. Das macht dich nur konfus, wenn der in deine Ausbildung hineinpfuscht.

JANA: Aber sie können mich doch gar nicht brauchen.

ALTE: Ruhe jetzt! Mach deine Arbeit, ich will nichts mehr hören. Und was ist das eigentlich für ein Geruch? Warst du wieder rauchen?

JANA: Nein, habe doch aufgehört, wie sie gesagt haben.

ALTE: Gut so! Los weiter jetzt.

Alte ab.

JANA: Natürlich war ich rauchen, aber pssst. Sie sagt, dass ich nicht rauchen darf, wegen dem Essen. Wenn ich nach Zigaretten stinke, stinkt der Salat auch nach Zigaretten, sagt sie. Die kann mich mal, das darf die mir gar nicht verbieten. Sieht, dass der Fragebogen wo anders liegt. Hat die das angefasst? Hat die das gelesen?
Die ist so neugierig und will immer alles wissen. Als ich meinen Freund kennengelernt habe, da hat sie das mitgekriegt und dann ging es hier rund.
Ein Freund lenkt mich von der Arbeit ab, hat sie gesagt und außerdem wäre ich zu jung für einen Freund. Die spinnt doch. Aber wenn die mal anfängt … Das ging Wochen so. Die ganze Zeit hat sie sich beklagt, dass ich unkonzentriert bin, wegen dem Freund, und dass ich nicht weiß, was wichtig ist. Der Alte sagt dann immer, dass ich nicht richtig arbeiten kann, weil ich gar nicht weiß, was Arbeit eigentlich ist. Naja, das hat eh nicht so geklappt, ich habe ja gar keine Zeit für einen Freund und außerdem, ich stinke nach Fett.
Ich kriege den Geruch einfach nicht raus. Ich habe schon alles versucht. Extra starkes Duschzeug, Spezialwaschmittel, Parfum, das Fett ist wie Dieter Bohlen, sagt der Schriftsteller, klebrig und hartnäckig.


Ein Klingelgeräusch und in die Anrichte wird ein Brief geschoben.

JANA: Was ist das? Hm, ein Brief. Kein Absender, kein Adressat. Aber eine Briefmarke! Und Stempel. Seltsam. Geht so was? Es muss doch eine Adresse geben. Auch hinten nicht.
Legt den Brief wieder hin und arbeitet weiter.
Aber wie kommt der Brief denn hier her? Woher wusste der Postbote, wo er ihn hinschicken soll? Wahrscheinlich wusste die Alte davon und hat bei der Post Bescheid gegeben.
Arbeitet wieder eine Weile schweigend.
Ich habe aber gar keinen Postboten gesehen. Wer hat den Brief da eigentlich hingelegt?
Normalerweise kommen hier nie Briefe rein. Die kommen ja eigentlich hoch. Nicht in die Küche.
Arbeitet weiter. Tassen und Teller spülen usw.
Ein Brief ohne Adresse, das ist doch Quatsch! Das ist wie mit diesen Telefonen, die plötzlich in der Fußgängerzone klingeln. Nur dass man da weiß, wie es geht. Irgendwer ruft halt an. Aber wie kommt der Brief hier her?
Wieder arbeiten.
Ich frage mich, was drin steht.
Weiter arbeiten.
Ich meine, es gibt ja keinen Adressat, oder? Also kann ihn doch jeder öffnen. Da steht nicht ausdrücklich, dass er für die Alte ist. Natürlich ist alle Post für die Alte, aber es steht nicht drauf!
Arbeitet.
Wenn ich ihn aufreiße, merkt die das, und dann bin ich dran. Der ist das bestimmt egal ,dass kein Adressat drauf steht. Aber die sagt mir bestimmt nicht, was drin steht.
Ein Brief ohne direkten Adressaten, das geht ja schon, das ist denkbar, aber einer ohne Adresse. Das kann doch nicht.
Arbeitet.
Wenn ich es mit Dampf öffne und danach wieder zumache? Das habe ich im Fernsehen so gesehen.
Arbeitet.
Dampf gibt’s hier genug.
Arbeit. Ach was soll es, das merkt die nicht!
Geht mit dem Brief ins Off

Jana ab.

Auftritt Alte

ALTE: Jana! Jana! Los geht’s, hole mir 16 Würste und vier Schnitzel aus dem Kühlschrank und mach 20 Salate, eine Reisegruppe. Jana! Jana! Wo ist das Kind jetzt schon wieder? Ich werde noch verrückt.
Ich werde wahnsinnig. Manfred ist krank und heute kommen sie alle auf einmal. Ich schaffe das nicht, ich kann das nicht alleine. Jana! Jana! Mit dieser Göre ist einfach nichts anzufangen. Jetzt geht’s los, wir müssen uns beeilen.
Was wird der jetzt auch krank. Ich sage ihm immer, er soll auf sich achtgeben, er ist nicht mehr der Jüngste, aber er hört ja nicht. Abends mit den Kumpeln trinken und dann den ganzen Tag durchschaffen. Glaubt der, dass er 30 ist? Und jetzt soll ich hier alles alleine machen und die Irma ist auch nicht da. Geld will die für ihre Arbeit. Die spinnt ja. Wir haben sie durchgefüttert, haben sie großgezogen und lassen sie hier wohnen. Aufgeopfert haben wir uns und jetzt will die Geld. Die erbt das doch sowieso, warum will die denn Geld?
Jana! Herr Gott noch mal, wo ist die Göre bloß.

Jana kommt herein, mit dem offenen Briefumschlag und will den Brief gerade herausziehen. Als sie die Alte sieht, versteckt sie ihn schnell hinter dem Rücken.

JANA: Oh …

ALTE: Nichts oh, hohl die Würste und den Salat!

JANA: Was?

ALTE: Hörst du schwer? 16 Würste, vier Schnitzel, 20 Salate! Und zwar sofort! Herr Gott noch mal, mit dir ist wirklich gar nichts anzufangen. Jetzt höre auf zu glotzen und gehe an die Arbeit.

JANA: Und der Herr…

ALTE: Erkältung, wir machen das heute!

JANA: Ok … also … äh …

ALTE: Jetzt mach schon, meine Güte, aufwachen Jana, los geht’s!

JANA: Wie viele Würste haben sie gesagt?

ALTE: Das gibt’s doch nicht, das ist ja kaum zu glauben. Bist du taub, bist du schwerhörig, bist du bescheuert?
16, 16, 16! Herr Gott noch mal, muss man hier alles selber machen? Ich hole sie, mach gefälligst die Salate! 20, wenn du dich noch erinnerst.

Alte ab in Küchenbereich.

Jana: Salate, Salate, Salate. 20! Ich drehe noch durch. Heute hat sie wirklich eine Laune. So schlimm ist sie nicht immer, naja, zumindest nicht die ganze Zeit. Wenn der Alte krank ist, dann wird sie unerträglich und der wird immer öfter krank. Aber schlimm ist es nicht, finde ich, der ist nämlich genau so wie die. Der steht dann immer hier, wenn ich die Salate mache, und gibt mir Befehle, wie ich es machen muss. (Rennt zum Kühlschrank und holt Behälter mit verschiedenen Gemüsesalaten heraus, sowie einen Behälter mit Kopfsalat.) Drei Sorten Gemüse, aber ja nicht zu viel, weil wir haben ja nichts zu verschenken und dann den Kopfsalat mit dem Dressing und eine Tomatenscheibe. Den Kopfsalat darf man aber nicht zu flach drücken. Schön aufgerichtet muss er aussehen. Der Chef sagt, der wird fotografiert. Der kommt in die Zeitung, sagt er dann und lacht so komisch.

ALTE: (Aus dem Off) Die Würste sind in der Pfanne, wie weit bist du?

JANA: Bin dabei, bin dabei!

Alte: Das muss schneller gehen. Wenn die Würste fertig sind, müssen die Salate auch fertig sein. Nicht trödeln, arbeiten!

JANA: Bin dabei, bin dabei!

ALTE: Du bist jung, du musst schnell und hart arbeiten! Arbeiten, arbeiten, arbeiten!

JANA: Bin dabei, bin dabei!

ALTE: Nicht immer nur alles kaputt machen. Arbeit ist wichtig!

JANA: Jetzt redet sie schon wie der Alte. Vielleicht liegt es an den Pfannen, dem Fett oder so, dass man dann so wird. Mein Exfreund sagt, alle Köche sind verrückt. Der hat auch bei einem gearbeitet, der hat ihn aber rausgeschmissen. Der Koch hat zu ihm gesagt, er ist ein Taugenichts, eine Null, die gar nicht arbeiten will. Hat ihn angebrüllt vor den Gästen. Aber mein Exfreund lässt sich so was nicht gefallen. Der hat dem eine geballert und dafür haben die ihn angezeigt.

ALTE: Was plapperst du denn da drüben? Weiter machen, weiter machen!

Jana: Bin dabei!

Pause. Jana macht Salate, im Off brutzelt es.

ALTE: Wenn die Salate nicht fertig sind, können die Würste nicht raus und wenn die Würste nicht raus können, werden sie kalt. Willst du, dass die Leute kalte Würste essen?

JANA: Nein.

ALTE: Willst du, dass es ihnen nicht schmeckt?

JANA: Nein!

ALTE: Willst du, dass sie sich beschweren und nicht wiederkommen?

JANA: Nein!

ALTE: Dann mach die Salate, und zwar schnell! Das gehört alles zusammen, das ist alles ein Teil. Du lernst, du musst lernen. Richtige Arbeit, das ist nicht nur Teller waschen, das ist zuhören und aufpassen und fleißig sein. Du musst verstehen, dass das alles eins ist. Wenn in der Küche eine Sache schief geht, gehen alle schief. Ein schwaches Glied und die Kette reißt, sagt Manfred immer.

Pause, Jana macht Salate, im Off brutzelt es.

ALTE: Wie weit bist du?

JANA: Bin dabei!

ALTE: Bin dabei, bin dabei, bin dabei, kannst du auch was anderes sagen, Kind? Herr Gott noch mal, was haben wir uns da aufgehalst. Das hat man davon, wenn man helfen will und gütig ist. Macht mehr kaputt, als sie wert ist, arbeitet langsam wie eine Schnecke und keinen Verstand, absolut keinen Verstand. Schneller, schneller, schneller, die ersten Würste sind fast fertig.

JANA: Jawohl!

ALTE: Nichts Jawohl. Komm her, richte die Teller!

JANA: Aber die Sala…

ALTE: Nichts aber, jetzt schnell, sonst brennen sie an, richte die Teller, schnell.

Jana rennt ins Off, man hört Teller klappern.

ALTE: (Off) Nicht so hektisch, hübsch muss das aussehen. Das wollen die Leute noch essen. Das gibt’s doch nicht, nein nicht so … so!

Jana: (Off) Entschuldigung.

ALTE: Wie oft muss ich es noch sagen, die Bartwürste mit der Rundung nach innen, nach innen, sonst sieht das doch nicht aus. Das wird fotografiert, das kommt in die Zeitung. So und jetzt Kartoffelpüree drauf. Nicht so wenig!

JANA: Entschuldigung.

ALTE: Nicht so viel, wir haben ja nichts zu verschenken!

JANA: Entschuldigung.

ALTE: Jetzt halt die Klappe und arbeite. Herr Gott noch mal, schneller muss das gehen.
Los, jetzt bringe die Teller zur Ausgabe.

Jane kommt mit vier bis fünf Tellern gleichzeitig auf die Bühne und hastet zur Ausgabe.

ALTE: Und die Salate, schnell, die Salate hinterer.

Jana holt eilig fünf der vorbereiteten Salate und schiebt auch diese durch die Ausgabe.

ALTE: Was dauert das so lange? Los. Die nächsten Bratwürste sind schon fertig! Los, los, los, sie werden kalt.

JANA: Der Boden ist feucht.

ALTE: Nicht quatschen, schaffen!

Jana eilt wieder ins OFF zur Alten und kommt mit fünf Tellern zurück.

ALTE: Halt! Du hast den Schnittlauch auf dem Püree vergessen!

Jana eilt zurück ins Off.

ALTE: Das passiert, wenn man nicht mitdenkt. Nicht nur klotzen, auch nachdenken. Ohne das Schnittlauch sieht das doch nach nichts aus.
So!

Jana kommt wieder zurück und stellte die Teller in die Anrichte. Auf dem Weg von den Salaten zur Ausgabe schlingert sie kurz, kann sich aber wieder fangen.

ALTE: Und die Salate!

Jana holt Salate.

Jana: Für die nächste Fuhre habe ich nicht mehr genug Salat.

ALTE: Was? Die Würste sind fast fertig! Schnell, schnell, schnell, sonst kommt alles durcheinander. Ich habe dir doch gesagt, du musst schneller sein. So geht das nicht, ich weiß wirklich nicht, ob das was wird mit dir.

JANA: Ich mache sie schnell.

Sie hastet zu den Salaten und klatscht in aller Eile so viele zusammen, wie noch nötig sind für die nächste Fuhre.

ALTE: Los jetzt, sie dampfen aus!

Jana rennt ins Off und holt die Würste, dann kommt sie rennend mit Tellern zurück!

ALTE: Halt, schon wieder der Schnittlauch!

Jana dreht panisch um und will zur Alten eilen, dabei rutscht sie aus und fällt der Länge nach hin, die Würste fliegen im hohen Bogen über die Bühne.

Auftritt Alte

ALTE: Das gibt’s doch nicht!

JANA: Aua.

ALTE: Das gibt’s doch einfach nicht!

JANA: Ich …

ALTE: Ich habe keine Worte mehr, Kind! Jetzt weiß ich echt nicht mehr! Das gute Essen. Das kann doch einfach nicht sein. Das gute Essen! Unglaublich.

JANA: Ich bin ausgerutscht, ich wollte …

ALTE: Blablablablabla! Sei still du dumme Göre! Jetzt reicht es. Zehn Euro! Pro Teller! Zehn Euro! Wir haben es doch nicht. Glaubst du, bei uns wächst das Geld auf den Bäumen? Glaubst du, wir können hier die Würste zum Fenster rausschmeißen? Willst du uns ruinieren?

JANA: Aber ich bin doch nur …

ALTE: Jetzt bist du mal ganz still! Jetzt hältst du endlich mal deine Klappe. Wir können uns deine Dummheiten nicht leisten. Du kostet mehr, als du wert bist. Du kannst nichts, du willst nichts und dann ruinierst du uns auch noch! Du bist eine ganz üble Schmarotzerin, die anderen auf der Tasche liegt. Kannst froh sein, dass du überhaupt eine Stelle hast, aber dankbar bist du nicht! Mehr Freizeit willst du und mit irgendwelchen Buben rumschäkern, aber einfach mal arbeiten, das kannst du nicht. So seid ihr alle: nehmen, nehmen, nehmen, aber nichts dafür leisten wollen!
Und dann machst du alles kaputt. Was du mich schon gekostet hast, an Geld und Nerven, das müsstest du eigentlich alles zurückzahlen!

JANA: Aber sie haben doch gesagt, ich soll mich beeilen.

ALTE: Ruhe! Auch noch Widerworte geben. Dir ist gar nicht klar, wie tief du drin steckst. Aber ich sage dir was, diesmal kommst du mir da nicht raus. Du zahlst die Würste und die Tassen von vorhin auch! Das ziehe ich dir alles ab. Ich lasse mir das nicht mehr gefallen, deine Dummheiten und Frechheiten. Ich habe jetzt genug. Wir müssen hier Umsatz machen, wir müssen hier doch verdienen, aber das verstehst du nicht, weil du dumm wie Bohnenstroh bist!

JANA: Aber wenn sie mir das abziehen, dann habe ich diesen Monat ja kaum was.

ALTE: Das ist mir doch egal. Jetzt wisch das weg und trage den Rest der Würste raus und wehe du lässt noch was fallen, dann schmeiße ich dich ganz raus! Verstanden?

JANA: Ja.

ALTE: ins Off in den Gastraum.

Jana bleibt eine Weile auf dem Boden sitzen und starrt in die Luft, dann krabbelt sie zum Fragebogen und schaut ihn an.

JANA: „Was willst du tun, wenn du die Ausbildung fertig hast?“ Ich weiß ja nicht mal, ob ich das packe. Zwei Jahre noch! Zwei Jahre! Bei den anderen ist das nicht so. Der Mehmet arbeitet in einem Hotel. Da muss er manchmal bis um drei schaffen, aber das bekommt er angerechnet und hat dann tagelang frei. Ich bekomme nichts angerechnet. Ich weiß morgens nicht, wann ich abends hier weggehe, manchmal ist es schon 12. Ich glaube, die dürfen das gar nicht, ich bin ja nicht volljährig. Die sagen, das wäre halt so in der Gastronomie, aber deshalb muss man ja nicht die ganze Zeit schreien, oder? Ich weiß schon, dass die mich ausnutzen, ich bin ja nicht ganz blöd!
Wenn ich wüsste, was ich sonst machen soll, wäre ich längst weg! Was ich später machen will … der stellt Fragen. Keine Ahnung. Ich arbeite schon gerne in der Küche. Ich mag das, was zu machen, das anderen schmeckt. Ich finde das schön. Ich weiß nicht, was ich später will, jetzt würde ich gerne wo arbeiten, wo sie einen nicht dauernd anschreien. Beim Gerd eben. Der ist zwar auch grob, aber der ist fair, glaube ich. Ja, das wünsche ich mir, beim Gerd arbeiten. Aber sie lässt mich ja nicht, weil sie mir nichts gönnt!
(Streckt den Fragebogen in die Hosentasche und bemerkt dabei den Brief).
Oh, der Brief. Liest ihn, dabei werden ihr Augen immer größer und größer. Als sie fertig ist, schaut sie eine Weile fassungslos ins Publikum, dann beginnt sie leise zu kichern, bis sie schließlich schallend lacht.
Das ist jetzt nicht wahr, oder? Lacht wieder schallend, steht auf und beginnt die Würste wegzuwischen.

ALTE: (Aus dem OFF) Wo bleiben die restlichen Würste?

JANA: Ja, bin schon unterwegs. (Sie fegt in aller Seelenruhe weiter.)

Auftritt Alte.

ALTE: Wo sind die restlichen Würste? Jana, hörst du mich? Reagiert gar nicht, starrt Löcher in die Luft wie der Schriftsteller. Jana! Mach hin und trage die Würste rein!

JANA: Ich habe den Brief gelesen.

ALTE: Schön für dich, jetzt mach die Würste.

JANA: Nein, wirklich, ich kenne den Inhalt! Und…

ALTE: Was?

JANA: Und… ich … ich … ich lasse mich nicht mehr so behandeln!

ALTE: Von was redest du überhaupt?

JANA: Sie schreien und wüten und sie nutzen mich immer aus. Das ist nicht ok!

ALTE: Mädchen, mir platzt gleich der Kragen. Mach die Würste, räume hier auf oder du kannst was erleben.

JANA: Und sie drohen mir, wenn ich die kleinsten Fehler mache, auch das ist nicht ok. Mein Exfreund sagt, dass sie eine Schinderin sind.

ALTE: Eine was? Da hört sich ja alles auf. Wie nennst du mich?

JANA: Eine Schinderin, das hat aber mein Freund gesagt. Ich will keinen Ärger, ich will ja nur, dass sie netter sind.

ALTE: Was soll denn das? Wenn du jetzt nicht sofort die Klappe hältst, dann schmeiße ich dich raus!

JANA: Das können sie nicht!

ALTE: Ach ja? Das wirst du aber sehen, wie ich das kann.

JANA: Nein, ich habe den Brief gelesen und ich sage allen, was drinsteht!

ALTE: Was für ein Brief, von was redest du denn, du dummes Kind.

JANA: Hier, den da! Und nennen sie mich nicht mehr dummes Kind, das dürfen sie gar nicht!

ALTE: Was soll das? Was ist das für ein Brief?

JANA: Da steht alles drin!

ALTE: Wie alles? Was meinst du damit? Der Umschlag hat ja nicht mal eine Adresse.

JANA: Alles was sie getan haben, alles! Wenn ich das weitersage, dann sind sie fällig!

ALTE: Gib mir den Brief!

JANA: Nein!

ALTE: Gib her, ich will sehen, was da drinsteht!

JANA: Ich habe es ihnen gesagt, da steht alles drin!

ALTE: Gib mir jetzt sofort den Brief!

Die Alte versucht den Brief zu greifen, aber Jana weicht ihr aus. Mehrfach versucht die Alte Jana zu erwischen, aber die Jüngere ist viel flinker.

ALTE: Bleib stehen du Göre, bleib stehen und spure.

JANA: Ich … ich… ich muss nicht mehr spuren, ich habe jetzt den Brief. Sie können mir nichts mehr befehlen und wenn sie mich rausschmeißen, dann wissen es bald alle.

ALTE: Was wissen dann alle?

JANA: Alles.

ALTE: Außer Atem. Du bringst dich in Schwierigkeiten, Kind. Ich sage dir, das bringt dir gar nichts, was du da machst.

JANA: Doch, weil jetzt müssen sie tun, was ich will.

ALTE: Du dumme, dumme Göre! Du undankbare Schlampe! Gib mir den Brief oder ich vergesse mich!

JANA: Nein- und sie sind jetzt still! Jetzt hören sie mir mal zu! Jetzt sag ich ihnen mal was. Das ist nicht ok, was sie tun. Sie nutzen mich aus, sie triezen mich, sie bezahlen mir viel zu wenig. Sie glauben, sie dürfen alles und sie glauben, mit mir kann man es machen.
Wenn was kaputt geht, bin ich Schuld und wenn wenig Leute da sind auch. Wenn hier die Hölle los ist, muss ich alles machen und werde angeschrien, wenn was nicht klappt. Ohne mich läuft hier gar nichts, sie brauchen mich und behandeln mich wie Dreck! Das lasse ich mir nicht mehr gefallen, ich mache es jetzt wie mein Freund, ich wehre mich jetzt! Sie machen, was ich sage oder ich zeige allen den Brief!

ALTE: Du bluffst! Nein, Schätzchen, mir machst du nichts vor. Da steht überhaupt nichts drin, in deinem Brief. Das hast du dir ausgedacht. Ich kenne dich, ich kenne dich ganz genau. Du faules Stück. Du willst nichts schaffen, willst uns hart arbeitende Leute erpressen, aber das funktioniert nicht, weil du gar nichts weißt. Wir haben nämlich nichts zu verbergen! Wir sind ehrliche Leute!

JANA: Sind sie sich sicher?

Lange Pause, sie starren sich an.

ALTE: Was willst du?

JANA: Ich will beim Gerd arbeiten. Ich will, dass sie mich für ein Jahr da hin lassen, aber den Vertrag belassen sie und ich will ihr Gehalt zusätzlich! Und wenn ich zurück bin, schreien sie mich nie wieder an oder beleidigen mich oder triezen mich grundlos. Und ich bekomme zwei freie Tage, wie es im Gesetz steht und wenn ich länger arbeite, dann wird das angerechnet!

ALTE: Du spinnst ja! Das ist wieder eine deiner verrückten Idee. Hast du die vom Schriftsteller? Du kennst doch das Geschäft, du weißt doch, wie es ist. Ich kann es mir gar nicht leisten, die Arbeit anzurechnen. Du siehst doch, wie knapp es ist, obwohl so viele Leute kommen! Ein Restaurant ist teuer. Alles anrechnen! Du hast sie ja nicht alle, dann kann ich den Laden gleich zumachen.

JANA: Der Mehmet bekommt auch alles angerechnet.

ALTE: Der arbeitet im Hotel, das ist eine Kette, wir können das nicht! Du bekommst den gesetzlichen Lohn für Auszubildende! Wir machen hier alles, wie es sich gehört und im Restaurant muss man halt mal länger, dafür kann man ein anderes Mal früher gehen.

JANA: Aber sie müssten mich nicht immer so anschreien.

ALTE: Warum denn nicht, wenn du alles kaputt machst? Soll ich dich dann umarmen? Soll ich dir dankbar sein? Soll ich dich verhätscheln? Dann lernst du überhaupt nichts, dann verbesserst du dich gar nicht, wenn ich dir keinen Druck mache. Glaube mir, du hast da nichts von, wenn ich dich nicht richtig ran nehme. Ich meine es doch nur gut. Du lernst hier, wie das Leben ist, das nützt dir irgendwann.

JANA: Aber, der Gerd …

ALTE: Ha, der Gerd! Glaubst du, bei dem ist das anders? Da wirst du dich aber schön umgucken. Ich weiß von seinen Kellnerinnen, dass der ausflippt, wenn mal was schiefgeht. Der schmeißt sogar mit Töpfen, haben die mir erzählt. Der Gerd, als ob der besser wäre, das ich nicht lache. Das ist überall so. So ist das Geschäft. Es ist stressig und teuer und niemand hat was zu verschenken! Lern das!

JANA: Aber sie müssen tun, was ich sage, sonst sag ich alles weiter. Ich gebe den Brief an die Zeitung, ich gehe zur Polizei!

ALTE: Dann verliere ich alles, dann müssen wir hier zumachen und was dann? Glaubst du, das bringt dir dann was? Glaubst du, du findest hier in der Region noch einen Job, wenn du diesen Brief veröffentlichst? Glaubst du, irgendwer vertraut dir dann noch? Glaubst du, irgendwer holt sich Ratten in die Küche?
Nee, Mädchen, nee! Geh schon, zeig allen deinen Brief, ruiniere uns! Los!

JANA: Aber … aber…

ALTE: Ich mach dir einen Vorschlag. Ich lasse dich eine Weile mal beim Gerd arbeiten, so ein, zwei Wochen, dann siehst du vielleicht ein, dass es da auch nicht anders ist. Und weißt du was, ich erhöhe sogar dein Gehalt um ein Viertel, ok?

JANA: Aber …

ALTE: Ich gebe noch einen Bonus drauf, ein 13tes Gehalt. Und ich versuche, nicht mehr so zu schreien, wenn es nicht gerecht ist.

JANA: Aber …

ALTE: Sei gescheit!

JANA: Ein dreizehntes Gehalt, das auch mit einem Viertel mehr?

Alte: Du bist gar nicht so dumm. Ja, mit einem Viertel mehr.

Jana steht eine Weile unschlüssig da, die Alte rückt näher und streckt die Hand aus. Schließlich, zögerlich, gibt sie der Alten den Brief.

ALTE: Kluges Mädchen, gutes Mädchen! Sie umarmt sie vorsichtig. Bist ein anständiges Kind, das habe ich deiner Mutter schon oft gesagt. Jetzt mach die restlichen Würste noch mal neu und zwar zackig!

Alte ins OFF


Jana steht noch eine Weile herum, dann nimmt sie den Fragebogen wieder auf.

JANA: „Würdest du von dir selbst sagen, dass du frei bist?“
Was ist denn das für eine Frage?

ENDE

 
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1.720

Marot schreibt:

Einleitung:
Ich bin mir nicht ganz im Klaren , was für Texte in dieser Rubrik erwünscht sind und vorallem in welchem Umfang.
Hier handelt es sich um ein Theaterstück in drei Teilen, die unabhängig von einander stehen, zusammen aber einen Grundton bilden. Drei klassische Ein-Akter also. Alle drei sind für eine junge und eine ältere Frau geschrieben, können also und sollten auch von den selben Schauspielerinen aufgeführt werden.
Ich poste hier erstmal das Erste und würde die anderen Einakter dann entweder darunter posten oder als Einzelfaden, jenachdem, was die Moderation für besser hält.
Fehler sind sicher noch drinn und ich wäre über Hinweise dankbar.

 
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12.04.2007
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Zuletzt bearbeitet:

Ich poste hier erstmal das Erste
wirkt erst einmal ganz klug,

Marot,

aber selbst wenn Du uns den dritten Teil nun vorgesetzt hättest, wir zählten es als ersten. Ich denke (ohne der Moderation vorzugreifen), dass hier weniger Musik, als Sprechtheater erwünscht ist und könnte man verhindern, wenn ein potentieller Schiller ausgerechnet die Wallenstein-Trilogie einstellen würde? Eher nicht. Auf jeden Fall bebildert dieses erste Stück aus "Aschenputtel und andere(n) Schauermärchen" die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft auf der Ebene Ausbilder vs. Azubi, der (in diesem Fall eine "Die") quasi als billige Arbeitskraft missbraucht wird und in der Hektik der offensichtlich chronisch unterbesetzten Gastronomie (Chef ist krank, eine weitere Aushilfskraft dichtet. Das hat in der Hektik was von Slapstick, wenn Jana, die Auszubildende (das Lehrmädchen für die ältere Generation, diese alte, sächliche Titulierung trifft es besser, als die gendermäßige und politisch korrekte Bezeichnung "die Auszubildende", die halt eben nach dem Motto "learning by doing" oder trial and error eingesetzt wird. Das geht bis in die Terminologie, dass eben keine Ausbildungsvergütung, sondern - das absurdeste überhaupt - ein "Gehalt" gezahlt wird und das weit unterm Mindestlohn).Ein Monolog der Alten bringt es auf den Punkt

Ja, was kann ich denn dafür? Wenn ich zwei Tage für Schule freigebe und dann noch zwei fürs Gesetz, dann lohnt sich das überhaupt nicht! Dann braucht die ja erst gar nicht kommen. Aber das versteht die nicht. Dummes Kind. Soll froh sein, dass sie überhaupt eine Stelle hat. Mit der Schulbildung ist das nicht selbstverständlich. Ihre Mutter ist hergekommen. Wir kennen uns schon lange. Die hat gefragt, ob ich die Kleine nicht nehmen will. Mein Mann, der Manfred war dagegen. Das gibt nur Ärger, hat der gleich gesagt. Man weiß ja gar nicht so genau, wer der Vater ist. Ich habe das damals mitbekommen. Nur so am Rande, aber man hört halt einiges. Die war im Urlaub in der Türkei und danach plötzlich schwanger. Den Rest kann man sich denken. Deshalb ist die auch so. So faul! Zwei Tage frei und dann nur drei arbeiten! Das machen die da so! Naja, ich habe dazu ja keine Meinung, aber so ein Mädchen ohne anständigen Vater …. Da ist das ja dann klar. ... Ich habe immer gearbeitet. Immer! Als kleines Mädchen habe ich hier angefangen, bei der Mutter und habe alles gelernt, was sie konnte. Da gab es so was wie Freizeit nicht. Freizeit, das soll die machen, wenn sie nicht arbeitet!

Bei zwanzig Seiten Manuskript bietet sich an, Anregungen/Hinweise in der Reihenfolge ihres „Auftritts“ anzumerken und es geht sofort los mit der
Anmerkung des Autors: Es bietet sich an, beide Figuren mit lokalem Dialekt zu sprechen.
(besser vllt. „im/in einem lokalen Dialekt“)Ich würde sogar zwo Dialekte oder eher sogar Soziolekte (oben gehoben, unten ganz drunten) empfehlen, wobei die Alte natürlich anders spräche als Jana, das Lehrmädchen. Für den Pott wüsst ich ungefähr, wie so was sich anhören könnte: Gemäßigtes Ruhrlatein (einfach nhd. mit rheinischem Einschlag) und Jana mit rheinischem, sächsischem, polnischen, jiddischen, italienischen Einschlägen und einer Spur Kanakdeutsch).

Jana sitzt auf einem Hocker mit einem Glas Cola und liest einen Fragebogen.
Steht „Cola“ auf dem Glas oder ist nur ein dunkles Getränk zu erkennen? Ich weiß, das kommt nur einmal vor. Aber jede Form von Werbung sollte vermieden werden.

Habt ihr nichts Besseres zu tun? Blickt auf die Uhr
Muss auch bald weitermachen, sonst dreht die Alte am Rad.

Regieanweisungen vom Monolog besser durch Klammern absetzen „… zu tun? (Blickt auf die Uhr.) / Muss auch ...“ Obwohl's i. d. R. korrekt läuft, kommt's gegen Ende mit dem „Brief“ noch mal vor.

Achja, nicht dass Du glaubst, Marot, ich hätte den Brief vergessen. Aber der Text soll ja gelesen und nicht nacherzählt werden ... wenn's Dir recht ist.

Hier wären Satzzeichen als Regieanweisung zu verwenden, etwa

„Jana, ich habe dir schon hundert Mal gesagt, du sollt aufpassen[!] Wir haben es doch nicht zu verschenken. Die kosten Geld, die Teller, verstehst du das nicht[?!] Das kostet doch alles Geld. Ich werde noch verrückt mit dem Mädchen. Die versteht einfach nicht, dass das doch alles Geld kostet.“
Der zwote Satz „Wir haben doch nichts zu verschenken!“ besser ohne "es"!

Wird das Publikum direkt angeredet, besser die Höflichkeitsform (selbst, wenn man es während einer Aufführung nicht sieht … Aber der Akteur sieht's zuvor.

Also, der Dieter ist so ein Dicker, versteht hr?

Das hättet hr sehen müssen. Zum Schreien[!]
(Musstu weiter durchschauen, auch wenn mal "euch" verwendet wird.

Aber wehe[,] ich mache einen Teller kaputt, dann geht’s los.
Die Rechtschreibregeln sind fürs Sprech- wie Musiktheater die gleichen, wie für jede triviale und höhere Prosa auch. Also nicht verzagen!

Das sagt ihr der aber nicht, ok?
„Eigentlich“ ist nur die Schreibweise „okay“ korrekt, wobei die im nhd. anerkannte Abkürzung o. k. eine Stelle mehr hat, als das ausgeschrieben Wort. Aber warum will man überhaupt ein 4-letter-word auch noch abkürzen?

Ja, wenn wir die Alte monologisieren hörten, darfs auch mal von Jana kommen:

Tagesablauf. Soll ich das jetzt aufzählen, was ich mache, oder wie? Ich komme halt um [elf] und gehe abends, wenn keine Gäste mehr da sind. Wenn nicht so viel los ist, mache ich um drei Pause, aber wenn was los ist[...]… naja. Und was ich so mache, ist ja klar. Teller wischen, Salat, Pommes, solche Sachen halt.
Ach, nur Diensttags und Donnerstags nicht. Da bin ich Berufsschule. 7.30 Uhr. Um vier stehe ich auf, damit ich mich noch schminken kann und den Zug bekomme um halbsechs. Das ist mein Tagesablauf, genug geschildert? Was jetzt? Wie viele Tage Freizeit ich habe? Ich habe keine. Ich arbeite immer.
Zahlen bis zwölf ausschreiben (um vier ist korrekt!)

Um die Uhrzeit gibt’s immer Stress. Nicht genug Geschirr! „Wir haben doch nichts zu verschenken. Noch mehr Geschirr? Damit du mir das auch noch kaputt schlagen kannst?“[,] sagt die Alte immer.

STIMME: Wir brauchen Besteck!

JANA: Das ist wegen dem Kuchen! Die ganzen kleinen Gabeln. Mann, warum ist die Maschine kaputt. Jetzt muss ich jede einzelne[…]...

STIMME: Besteck! Besteck! Besteck!

(Bei wörtl. Rede muss selbst ich des Genitivs Tod hinnehmen, verlangt doch "wegen" eigentlich nach dem Genitiv. Aber das wäre das schöne im Ruhrlatein: Da wird so nach und nach der Dativ vom Akkusativ gefressen. Watte mich glauben kannz!)

Ob das stimmt? Chinesenbuse, hier? Ich weiß nicht.

Da habe ich vergessen[,] neue zu machen und dann kam natürlich eine riesige Gruppe.

Die wissen nicht, dass man zum Kaffe[e] keinen Flammkuchen isst und zum Kuchen keinen Salat.
Und buchstäblich hat das Mädchen den Salat, an eine solche Ausbildungsstätte geraten zu sein.

ALTE[...]: Da hört sichs aber auf, auch noch unverschämt.

Ich glaube[,] ich habe einen ganz kleinen IQ.

ALTE: … Da hat man was Ordentliches gelernt! Vor allem[,] zuhören. Die ganzen Bekloppten gehen da heute hin. Früher hieß das noch Volksschule. Aber die sind ja meistens gar nicht von uns, die da hingehen. Und wenn, sind es Bekloppte.

ALTE: Ausleihen, der spinnt ja! Du hast mit uns eine[n] Vertrag. Wenn du da arbeiten willst, dann musst du hier schon kündigen.

Der ist das bestimmt egal ,dass kein Adressat drauf steht. Aber die sagt mir bestimmt nicht, was drin steht.
(erstes Komma eine Stelle vorrücken!)
...und dann den Kopfsalat mit dem Dressing und eine[r] Tomatenscheibe.
ALTE: Und die Salate, schnell, die Salate hinter[h]er.
Und zum schönen Abschluss
Jana kommt wieder zurück und stellt[...] die Teller in die Anrichte.
ALTE: Blablablablabla! Sei still[,] du dumme Göre!

Wer nun glaubt, dass sei alles an den Haaren herbeigezogen, der irrt. Wer nun glaubt, solches oder ähnliches wäre nur in Kleinbetrieben möglich, der irrt erst recht. Wenn es auch alles literarisch überhöht ist. Aber umgekehrt gilt auch, wenn man sich die Rechtschreibleistung jüngerer Leute hier ansieht, die meinen, die Form sei nicht so wichtig ...

Letztlich meine ich,

Marot,

in Ansätzen akzeptabel, aber dass etwas weniger mehr wäre. Versuch's, auf die Hälfte einzudampfen. Denn wer wollte - wenn die Trilogie fertig ist - sechzig (in Ziffern: 60) Seiten lesen - außer mir, natürlich Dabei ist in einer anderen, weniger literarischen Branche für mich gerade Hochkonjunktur. Aber sagen wir's mal so: Ich hab's nicht bereut.

Friedel

 

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