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Aufeinandertreffen

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05.07.2020
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Anmerkungen zum Text

Ich habe vor einigen Wochen mit einem größeren Projekt begonnen (neben anderen offenen Textbaustellen, die sich auch hier finden). Angepeilt ist eine Erzählung zur Zeit des 30-jährigen Krieges mit surreal/ phantastischem Einschlag von ungefähr einhundert Seiten, die ich gerne Ende des Jahres abschließen würde. Während des Schreibens hat sich für mich herauskristallisiert, dass ich dem Ganzen eine Art kurzen Prolog voranstellen möchte. Ich denke, dass der Prolog auch als eigenständige Flash Fiction funktionieren könnte, und bin natürlich gespannt auf Rückmeldungen.

Aufeinandertreffen

Gegen Mittag kommen wir mit unseren Schafen den Fluss entlang. Einhundert und drei Tiere sind es an der Zahl. Unser Rüde geht der Herde voran. Ab und an bleibt er stehen und sieht sich um. An einer Furt überqueren wir das Wasser. Es ist kalt und gleicht dem Grau von Schiefer. Wir halten die Tiere eng beisammen, sprechen ihnen ruhig zu. Wir tragen grobe Stecken in unseren Händen, haben Steine in den Taschen und behalten die Baumlinie im Blick. Die Wipfel wiegen sich im Wind, als raunten sie sich Dinge zu. Es gibt Wölfe dort. Der Hunger nimmt ihnen die Scheu.

Auf einer Wiese machen wir Rast, die Tiere lassen wir grasen. Mit meinem Messer zerschneide ich gedörrtes Fleisch. Ich gehe herum und reiche es den anderen. Als am Wegesrand vier Reiter erscheinen, blicken wir auf. Der Kastner, der einmal im Jahr kommt, besitzt ein Pferd. Der reichste Mann im Ort, Kühn ist sein Name, hat ebenfalls eines. Er reitet an Himmelfahrt allen voraus, selbst dem Priester. Vier Pferde hat noch keiner von uns gesehen. Wir hören auf zu kauen, hören auf zu sprechen, zu lachen und sehen zu den Reitern herüber. Einer von ihnen hebt den Arm. Sein Pferd scharrt auf dem Boden, der Atem steht ihm in der kühlen Luft als Wolke vor dem Gesicht. Unsere Schafe sind verstummt, kein Blöken, nichts ist mehr von ihnen zu hören. Wenn ich mich umdrehe, sind sie noch dort? Der Waldrand, der Fluss? Der Reiter lässt den Arm sinken. Einer von uns beginnt zu laufen. Dann ein zweiter. Schließlich rennen wir alle.

 
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Hallo Habentus,

ich liebe Intros. Finde, dass sie mit Micro oder Flash Fiction nichts zu tun haben, weil sie in Bezug zum Rest stehen und nicht in sich abgeschlossen sind, also auch keinen vollständigen story arc oder sowas haben. Wie dieser Text eben auch nicht.

Also schaue ich hier nur unter dem Aspekt eines Intros zu etwas, das ich nicht kenne.

Ohne allzu steif klingen zu wollen, ist ja die Funktion eines Intros (wie das Wort sagt) eine Einführung. Diese Passage übernimmt aber nichts von dieser Funktion:
- Es bleibt unklar, wer "wir" sind.
- Das Setting bleibt unklar. (okay, Wölfe, Waldrand, das kann alles von Osteuropa bis Nordamerika sein, immerhin ist es in christlicher Zeit verortet - und solche Traditionen gab es seit ???. Vielleicht 1800? Die etwas umständlichen Umschreibungen im ersten Absatz erinnern mich aber eher an Versuche, eine Vorzeit zu vermitteln - durch die Vermeidung von datierbaren Fachbegriffen. Es kann - abgesehen vom religiösen Kontext - durch die Schafzucht eh nur nach der Zeitenwende durch Sesshaftigkeit sein. Ohne geografische Info: Auch keine große Hilfe.)
- Die Erzählstimme schwankt zwischen post-/metamodern (Ellipsen, knapp-harsche Sachlichkeit im Tonfall) und Biedermeier/Romantik (Ausführliches zu Landschaft & Tieren zur Vermittlung von sense of place und inneren Zuständen). Auch keine Hilfe.

Ich lese heraus: Eine vorindustrielle Siedlung oder eine postindustrielle in einer abgeschiedenen Region hütet Schafe, ist auf der Hut, und es folgt die Vorahnung eines Angriffes. Durch wen bliebt so offen wie die Identität der Bauern.

Als Leser wünsche ich mir:
- Verortung in einer real-historischen bzw. spekulativ-phantatischen Welt, zudem weniger vage Hinweise auf das Drumrum = u. a. die Kultur dort.
- Mehr Hinweise auf die "Wir"s. Ggfs. auch auf die Feinde, weil X läuft vor Y weg keinen sinnvollen cliffhanger ergibt, da ich nicht weiß, was auf dem Spiel steht und in welchem Kontext das stattfindet. Die Wirs können ja irgendwas Schreckliches verbrochen haben und die Werauchimmers sind die moralischen Rächer.
- Mehr Hinweise auf die Art der Erzählung (innerhalb eines erkennbaren Genres) - wird es ein postmodernes Experiment, das mit Versatzstücken spielt, ist es ein Drama, SF ...? Romantik oder Horror?
- Du verschwendest viel Raum auf die Vermittlung von der Aussage: Gruppe X macht (feindliche) Gruppe Y aus und flüchtet. Die Schafe werden zwar mehrfach erwähnt, tun imA aber in diesem Umfang nix zur Sache.

Die Wipfel wiegen sich im Wind, als raunten sie sich Dinge zu. Es gibt Wölfe dort.
Sowas wie Satz 1 hab ich schon Tausend Mal gelesen, das wäre beinahe ein Grund, ein Buch sofort abzubrechen und im Laden/Biblio ins Regal zurückzustellen. Böse Phrase.
2. Der Tonfall ist zu harsch, minimalistisch für 90% des Restes. Empfinde ich als bemüht, unnatürlich.

Am Ende: 'rennen' ist ein Register zu niedrig für die Situation = zu flapsig, kindlich.

Vielleicht kannst du ja mit dem einen oder anderen Punkt etwas anfangen.
Herzliche Grüße,
Katla

 

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