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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Bärchen

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05.03.2020
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Bärchen

Kurz schaute Lara noch einmal in das aufgeräumte Badezimmer, auf die weißen Kacheln, den Spiegelschrank, das Doppelwaschbecken darunter, die weißen Kacheln und das weiße hochglänzende Regal mit den roten Frottee-Handtüchern darin. Sie hatte das Fenster leicht geöffnet, ein wenig Wasserdampf lag noch in der Luft. Dann schloss sie leise die Tür. Sie holte tief Luft.

„Kommst du, Bärchen?“ „Ja, Mama“, antwortete sie nach kurzem Zögern. Sie hätte jetzt gerne andere Worte gefunden, doch nicht heute. Vielleicht später, vielleicht schon sehr bald. Dann fiel ihr noch etwas ein. Langsam ging sie den Flur entlang, kam an der geöffneten Küchentür vorbei. „Bärchen, dein Kaffee ist fertig“, meinte nun ihr Vater, der bereits am Küchentisch Platz genommen hatte. Ihre Mutter hatte sie im Vorbeigehen am Kühlschrank stehen gesehen. Kurz bevor sie die Tür zu ihrem eigenen Zimmer öffnete, antwortete sie.

„Ich habe nur etwas vergessen. Bin sofort da.“ Lara war selber ein wenig überrascht, wie klar und natürlich ihre Stimme geklungen hatte. Fast wie immer. Sie betrat nun ihr Zimmer. Die Wände, weiß und fliederfarben gestrichen. Sie strich langsam und fast sanft mit den Fingerkuppen ihrer linken Hand über die Raufasertapete. Ihr Blick erreichte ihr Bett, die rote Bettdecke, ordentlich zum Auslüften zurückgelegt. Ihre Mutter hatte das schon immer so gemacht, während sie sich selber im Bad wusch und zurecht machte. Sie wandte sich nun dem weißen Regal zu, das neben ihrem Schreibtisch stand. Sauber nebeneinander aufgereiht standen dort ihre Kinderbücher, der Rechtschreibduden und die Mappe mit ihren Schulzeugnissen, daneben aufgestellt, in einem goldenen Rahmen, ein Foto. Sie stand ganz oben auf dem Treppchen beim Schultriathlon der fünften Klassen, ein kleines blondes Mädchen mit einem silbernen Pokal in beiden Händen, das stolz in die Kamera lachte. Ihre Eltern liebten dieses Foto. Auf dem obersten Regalbrett saß ihr kleiner, weißer Teddybär mit der grünen Schleife am Kopf. Sie zögerte kurz, griff dann aber doch danach. Sie nahm ihn, strich ihm kurz über den kleinen Plüschkopf und verließ dann das Zimmer.

„Wir haben dir den Kaffee schon eingegossen, Bärchen. Komm bitte!“, hörte sie nun erneut ihren Vater sagen. Sie ging nun eilig auf die Garderobe zu, steckte ihren kleinen Bären in die linke Seitentasche ihrer schwarzen Winterjacke und betrat dann die Küche. „Da bist du ja“, meinte ihre Mutter mit einem leicht aufgesetzt wirkenden Vorwurf in ihrer Stimme. Der Küchentisch war wieder perfekt gedeckt. Wie immer in all den Jahren. Die drei Teller standen ordentlich an ihren Plätzen, die Messer lagen leicht schräg darauf. Sie schaute nur kurz darauf. Ja, alle Schneidkanten schauten nach rechts. In der Mitte des Tisches stand wieder der Brotkorb. Darin, auf dem rot-weiß-karierten Tucheinsatz, lagen fünf Brötchen. Alles wie immer. „Ich war schon beim Bäcker“, meinte ihr Vater ein wenig stolz. „Danke, Papa“, antwortete Lara und setzte sich auf ihren Platz. Sie versuchte ein Lächeln.

Der Kaffee dampfte ein wenig. Marmelade, wie üblich Erdbeermarmelade, ein gemischter Aufschnittteller und eine kleine Käseplatte standen an ihrem Platz. Sie hatte es sich abgewöhnt, auf Änderungen zu hoffen. „Guten Appetit, Bärchen“, meinte nun ihre Mutter, die neben ihr auf der rechten Seite Platz genommen hatte. „Danke, Mama“, antwortete sie, „dir auch.“ „Danke, Bärchen. Ich hoffe, es ist alles da, was ihr wollt“, sagte ihre Mutter jetzt. „Sicher, Schatz“, antwortete ihr Vater, betont freundlich und liebevoll. „Ich mache dir dein Brötchen mit Marmelade fertig, Bärchen.“ „Papa, das musst du nicht“, erwiderte sie leise. „Mach ich doch immer gerne“, sagte er mit einem gespielten Augenzwinkern. „Danke, Papa!“, hörte sie sich sagen. Lara schaute aus dem Fenster. Es war schon hell, aber dichte, dunkle Wolken hingen am Himmel. Ein paar Krähen flogen vorbei, unbeschwert und frei. Wohin sie wohl flogen? Sie sah ihnen nachdenklich nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren.

„Bitte sehr, Bärchen“, riss die Stimme ihres Vaters sie aus ihren Gedanken. Er hielt ihr den Teller mit einer frisch geschmierten Brötchenhälfte unter die Nase. „Du träumst ja noch“, meinte er lachend. Sie ergriff den Teller und stellte ihn vor sich hin. „Danke, Papa.“ „Du musst mehr schlafen, Bärchen“, sagte ihre Mutter und schaute ihren Mann an. Ihr Vater nickte zustimmend. Sie antwortete nicht und biss in ihre Brötchenhälfte, schmeckte die Süße der klebrigen Marmelade. Das Brötchen knisterte ein wenig beim Abbeißen. „Ganz frisch“, meinte ihr Vater.

Lara schaute sich in der Küche um. An der Wand neben dem Kühlschrank blieb ihr Blick hängen. Das Foto von ihr selber und ihrem Bruder. Auf der Insel Borkum hatten sie einen schönen Familienurlaub zusammen verbracht. Es war schön gewesen, damals. Unbeschwert und fröhlich, der Strand, das Meer, die Fahrt mit der Inselbahn. Marcel war damals dreizehn Jahre alt gewesen, sie fast zehn. Nicht einmal ein Jahr später… Sie unterbrach kurz ihr Kauen und senkte den Blick. Er hatte den Lkw einfach nicht gesehen. Aber er hatte nicht leiden müssen. „Bärchen, das war eine schöne Zeit, nicht wahr?“, sagte ihr Vater leise, der sie genau beobachtet und ihren Blick verfolgt hatte. „Ja, Papa“, antwortete sie leise. „Das kommt nicht wieder.“ Die Stimme ihrer Mutter zitterte ein wenig. „Weißt du noch, als Marcel sich vier Kugeln Eis bestellt hatte und ihm eine Möwe an der Promenade im Flug alles stahl?“ „Ja, Papa.“ Die Geschichte war ihr nur zu gut bekannt. Sie schaute kurz auf die grüne Küchenuhr. Zehn nach acht, noch etwas mehr als fünfzig Minuten. „Er hätte noch so viel Leben vor sich gehabt“, flüsterte ihre Mutter. „Er war noch nicht einmal fünfzehn.“ Ihr Vater schaute seine Frau besorgt an, die nun Tränen in den Augenwinkeln hatte. „Er hätte seine Schule zu Ende gebracht, eine Ausbildung begonnen und dann…“ Die Mutter begann nun zu weinen. Ihr Vater stand auf und drückte sie kurz. „Mama, nicht!“, bat sie ihre Mutter. Ihr Vater gab seiner Frau nun ein Taschentuch. Dann nahm er wieder Platz. Niemand sprach mehr. Nur das leise Schluchzen ihrer Mutter war zu hören. Sie nahm einen Schluck Kaffee und schaute erneut aus dem Fenster.

„Wann kommst du heute wieder?“, unterbrach ihr Vater das Schweigen. „Wir werden uns heute Abend sprechen“, antwortete Lara und das war die Wahrheit. „Schön, Bärchen. Und was macht ihr so in Recklinghausen?“, wollte er wissen. „Ein bisschen shoppen, reden, vielleicht ins Kino.“ „Svea ist wirklich eine gute Freundin. Du kennst sie ja noch aus deiner Grundschulzeit. Weißt du noch, als ihr zusammen den Wagen von Oma mit Fingerfarbe pink angemalt habt?“ „Ja, Papa“, antwortete sie kurz. Ihr Vater schaute nun auf seinen Teller und fing an zu erzählen. „Und Marcel hat im Wagen gesessen und laut Musik gehört. Er hörte immer die Musik von diesen Heavy-Metal-Gruppen.“ Sie schwieg. Sie wusste nur zu genau, welche Sätze nun folgen würden. Das Konzert. „Und dann dieses Konzert in Essen. Weißt du das noch, Bärchen? Er wollte einfach nicht eher gehen, bevor er nicht die Jungs von Iron Maiden persönlich gesprochen hatte. Und er hatte Erfolg. Ja, so war er.“ „Hoffentlich geht´s ihm gut, wo auch immer er jetzt ist“, schluchzte ihre Mutter und nickte leicht.

„Ich muss los. Unser Zug wartet nicht auf uns.“ Eigentlich hätte Lara noch zwanzig Minuten Zeit gehabt, aber sie spürte, dass es jetzt sein musste. Der Zeitpunkt war gekommen. Was änderte es auch, noch länger zu warten? Sie hatte schon viel zu lange gewartet. „Bärchen, denk an deine Winterjacke und deinen Schal“, meldete sich noch einmal ihre Mutter. „Ja, Mama“, antwortete sie. Ihr fiel nachher auf, dass sie die Worte nahezu automatisch ausgesprochen hatte, ohne darüber nachzudenken. Es wurde Zeit, zu gehen. Sie griff nach ihrem Teller und hob ihn leicht an. „Lass, Bärchen, ich mach das für dich“, bot sich ihr Vater sofort an. „Danke, Papa“, hörte sie sich sagen. Sie stand auf, schob den Küchenstuhl, auf dem sie gesessen hatte, nach hinten. Dann beugte sie sich zunächst zu ihrer Mutter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Dann ging sie zu ihrem Vater, der aufgestanden war. Sie drückte ihn kurz und schaute ihm direkt in die Augen. „Passt auf euch auf!“ „Was soll schon passieren?“, meinte ihr Vater erstaunt. „Den Tag werden wir schon überleben. Viel Spaß in Recklinghausen und grüß Svea!“ „Mach ich, Papa!“, sagte sie ihm, während sie sich wegdrehte und die Küche langsam verließ. Im Türrahmen drehte sie sich noch einmal um und schaute sich noch kurz einmal um. Ihre Mutter winkte ihr noch einmal zu. Sie spürte einen Kloß im Hals und musste schlucken. Schnell ging sie zur Garderobe, nahm ihre Jacke, in der sich schon ihr Handy und ihr Portemonnaie befanden, und verließ die Wohnung. Sie zog die Tür hinter sich zu.

Lara seufzte kurz auf und ging dann langsam die Treppe hinunter. Zweiter Stock. Vorbei an Witwe Krögers Wohnung; ein wenig unsicher war sie immer gewesen. Vorbei an Familie Mustaphas Wohnung; nette Leute mit vielen lebhaften Kindern. Weiter! Erster Stock: Linke Tür. Eine neue Mieterin war in der letzten Woche eingezogen. Sie hatte gehört, es sei eine Studentin. Genau wie sie selber. Rechte Tür. Der alte Herr Peters, ein kleiner, grauhaariger Mann, der nur wenig sprach. Er war früher Beamter beim Finanzamt gewesen. Lara zögerte kurz, schaute nach oben. Weiter! Erdgeschoss. Der Flur zum Ausgang war in Sicht, aber sie ging weiter nach unten, betrat den Kellerflur.

Sie schaltete das Flurlicht an. Eine Neonleuchte erfüllte den langen und etwas muffig riechenden Gang mit einem kalten, ungemütlichen Licht. Vor der dritten Metalltür auf der rechten Seite blieb sie stehen. Sie zog nun einen kleinen, etwas rostigen Schlüssel aus der linken Gesäßtasche ihrer Jeans und schloss den Raum zum Kellerraum ihrer Eltern auf. Sie betrat den Raum, schaltete auch dort das Licht an und ging zielstrebig auf den alten, dunkelbraunen Schrank in der hinteren Raumecke zu. Nachdem sie die beiden Schranktüren geöffnet hatte, zog sie unter einer alten Wolldecke eine schwarze Reisetasche und ihren grünen Schalenkoffer hervor. Das Gewicht beider Gepäckstücke beanspruchte sie mehr als erwartet. Danach verließ sie den Raum wieder, löschte das Licht, schloss die Tür ab und erreichte schon nach wenigen Augenblicken das Treppenhaus wieder. Mit der Tasche über der rechten Schulter und dem Koffer in der linken Hand stieg sie die Stufen leicht keuchend hoch und ging dann zur Ausgangstür des Gebäudes. Dann verließ sie das Haus.

Sie spürte die kühle, frische Morgenluft und atmete einmal tief ein. Nach zwei oder drei Sekunden ließ sie die Luft entspannt wieder durch ihre Nasenlöcher ausströmen. Sie warf noch den Kellerschlüssel in den Briefkasten ihrer Eltern, in das zweite Fach oben links. Sie fasste kurz einmal in die linke Seitentasche ihrer Jacke. Ganz allein war sie nicht. Dann schlug sie den ihr nur zu gut bekannten Weg in Richtung Bahnhof ein.

9.05 Uhr, Gleis 7, Intercity nach München Hauptbahnhof. Das Ticket hatte sie bereits am Abend zuvor im Koffer verstaut. Heute Abend würde sie anrufen. Ganz bestimmt. Sie würde ihnen alles erklären. Und sie würden verstehen. Vielleicht! Hoffentlich!
 
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16.04.2016
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Hallo @Ralf Hanses

ich habe den Text ungefähr bis zur Hälfte geschafft, dann bin ich eingedöst. Der Inhalt hat kein Interesse in mir geweckt, der Geschichte folgen. Auch sprachlich ist das sehr betulich und uninspiriert.
Kurz schaute Lara noch einmal in das aufgeräumte Badezimmer, auf die weißen Kacheln, den Spiegelschrank, das Doppelwaschbecken darunter, die weißen Kacheln und das weiße hochglänzende Regal mit den roten Frottee-Handtüchern darin.
Diesen Absatz nominiere ich für den schnarchigsten Einstieg des Jahres
„Kommst du, Bärchen?“
Ist das ein Kosename oder eine Beleidigung?

Beim nächsten Absatz habe ich zuerst aufgehört zu lesen, mich dann aber todesverachtend noch einmal auf den Text gestürzt.
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Sauber nebeneinander aufgereiht standen dort ihre Kinderbücher, der Rechtschreibduden und die Mappe mit ihren Schulzeugnissen, daneben aufgestellt, in einem goldenen Rahmen, ein Foto.
Der Küchentisch war wieder perfekt gedeckt. Wie immer in all den Jahren. Die drei Teller standen ordentlich an ihren Plätzen, die Messer lagen leicht schräg darauf. Sie schaute nur kurz darauf. Ja, alle Schneidkanten schauten nach rechts. In der Mitte des Tisches stand wieder der Brotkorb. Darin, auf dem rot-weiß-karierten Tucheinsatz, lagen fünf Brötchen. Alles wie immer.
Das Grauen der Leere hat mich endgültig verjagt.

Was sind denn das für Charaktere? Sind die von außerirdischen Gehirnparasiten befallen oder wieso sprechen die wie Comic-Figuren?

Es passiert ewig nichts. Statt einen Konflikt zu setzen und Spannung aufzubauen, folgt eine langweilige Beschreibung nach der anderen. Der Erzählton verstärkt die narkotisierende Wirkung des Textes.

Schönen Gruß!
Kellerkind
 
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28.12.2009
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Hallo,

gefühlte achtzigtausendmal Bärchen, bei einem so kurzen Text, ist eventuell keine gute Idee.

Marcel war damals dreizehn Jahre alt gewesen, sie fast zehn. Nicht einmal ein Jahr später… Sie unterbrach kurz ihr Kauen und senkte den Blick. Er hatte den Lkw einfach nicht gesehen. Aber er hatte nicht leiden müssen.
Ja, ich fürchte, das ist alles recht ungeschickt aufgezogen. Das wirkt alles wie so ein Lehrstück. Aber über was? Trauer? Also, die trauern da aber nicht, deine Charaktere, die wirken so, als parodieren sie Trauer. Das lässt sich auch alles schlecht einordnen: wie alt ist sie, Bärchen? (dass ich das mal hier so schreibe!) Die trinkt Kaffee, also ist sie 14, 15, 16 - der Tod ihres Bruders ist also Jahre her. Wenn es für ihre andauernde Trauer einen Grund gibt, dann muss er erwähnt werden. Hatten sie eine besonders gute Beziehung, haben sie Geheimnisse gehabt? So wirkt alles im Text wie eine Behauptung. Auch und gerade die Dialoge - sehr konstruiert, sehr hölzern, sehr unecht. Und Bruce Dickinson von Maiden nach nem Gig sprechen, so wie die lokale Punktruppe im JUZE? Eher weniger. Diese ganzen Erinnerungsdialoge wirken auch sehr unbeholfen. Das, was du da erzählen willst, musst du einfach anders lösen. Rückblende. Perspektive. Mehr über das Zeigen. So wirkt der Text wie eine Versuchsanordnung.

Ganz im Ernst: Ich weiß ja nicht, welchen Anspruch du an dich selbst hast. Du sagst, diese Geschichte würde sich gut für den Einsatz in Schulen eignen. Da frage ich mich, für wen und für was? Was wird mir hier vermittelt? Was wird mir hier erzählt? Schullektüre wird man nicht einfach mal so, da muss man, gelinde gesagt, schon eine andere Qualität abliefern.

Gruss, Jimmy
 

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