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Blüemlisalp

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Blüemlisalp

Die Turmuhr schlug zehnmal, als er wie aus einem tiefen Schlaf erwachte. Wo war er die ganze Zeit? Er blickte auf das Papier, das er in den vergangenen Stunden mit Buntstiften bearbeitet hatte: Es zeigte zwei junge Frauen, die eine blond, die andere mit dunklen Haaren. Sie standen auf dem Scheitel eines Gebirgspfades, über ihnen nur der Himmel und in einiger Entfernung die schneebedeckten Gipfel hoher Berge. Die Blonde winkte dem Betrachter zu. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck tiefer, inniger Sehnsucht.

Er wusste alles sofort. Er wollte den Blick der jungen Frau aus seinen Augen schaffen und drehte das Bild auf die Rückseite. Doch auch aus dem leeren Papier verfolgte ihn das Nachbild der winkenden Frau. Er zog er die Schublade auf, sie verkantete sich. Fluchend warf er den Bogen in die schmale Spalte und verschloss die Lade mit einem lauten Poltern. Alles Weitere nahm er nur noch gedämpft wahr: Das Klirren des in die Ecke geworfenen Schubladenschlüssels, das Klicken des Lichtschalters, die ins Schloss fallende Tür.

In der Dunkelheit der Kammer, wo er sich aufs Bett geworfen hatte, konnte er keine Ruhe finden. Eine Flut von Bildern strömte durch sein Gehirn. Er spürte den Druck unermesslicher Wassermassen, dem er sich entgegenstemmte. Doch kein Damm dieser Welt konnte ihm standhalten. Alles, was nun kam, zog wie ein Film an ihm vorüber: Der majestätische Anblick von Eiger und Jungfrau, als die beiden Wanderer morgens die Jugendherberge verließen. Der schmale, kühn in den Berg gehauene Klettersteig, den sie am Nachmittag erstiegen. Die Alphütte, die, eingerahmt von gletscherbedeckten Bergen, in fast unwirklicher Schönheit vor ihnen lag. In der schummrigen Hüttenschänke stießen sie abends auf die beiden Schweizerinnen. Er sah das Lächeln der Blonden, als sie ihn nach seinem Namen fragte, ihren Blick, der weit hinabreichte, fast bis zu seinem Seelengrund. Er fühlte ihre Füße, die sich vorsichtig, dann mutiger an seine heranpirschten. „Gute Nacht“, sagte sie zu ihm, so sanft, dass es ihm noch lange in den Ohren klang. Wie ein Ende hatte es sich nicht angehört. Er sah den Frühstücksraum, in dem sie sich am nächsten Morgen begegneten, nur sie beide, als hätte es einer so arrangiert. Er hörte die Fragen, die sie ihm mit entwaffnender Selbstverständlichkeit stellte: Wie das nun mit ihnen weitergehe? Ob er mit seinem Freund oder mit ihr weiterwandern werde? Ein paar Worte nur, im schweren Schweizerdeutsch vorgebracht - wer wusste, ob im Ernst oder nur im Spiel? Er jedoch spürte in ihnen gleich eine schicksalhafte Schwere, der er nicht gewachsen war. Er fühlte wieder seine steif gewordene Zunge, die sich nicht vom Rachen lösen wollte. Schließlich seine feige Antwort: von ihren Wanderzielen, die völlig entgegengesetzt seien; vom Freund, den er nicht enttäuschen könne, da ihre Wanderung erst begonnen habe. Schon war die Antwort aus ihm heraus, unwiederbringlich wie ein Geschoss, das den Gewehrlauf verlassen hatte. Er wusste, dass nun alles verloren war, zwischen ihnen, für ihn selbst. Die plötzliche Erkenntnis, dass er ein Gefangener seiner schwächlichen Seele war, jetzt, in Zukunft, für alle Zeit. Nie mehr würde er ein glückliches Leben führen können. Ein tiefer, unüberwindbarer Graben lag zwischen ihm und dieser Welt. Ihr stummes, gütiges Nicken, mit dem sie seine Antwort wie einen Richterspruch entgegennahm. Ihr trauriger Blick, so unerträglich, dass er ihm nur noch ausweichen konnte.

Dann der Abschied, den er wie ein zum Tode Verurteilter hinnahm. Ein letztes Aufbäumen gegen seinen Kleinmut: Sie waren ein kurzes Stück des langen Wegs ins Tal hinabgegangen, da drehte er sich noch einmal zu ihr um. Dort stand sie neben ihrer Freundin auf dem Bergkamm und winkte ihm, wie beim Abschied vom Bahngleis, wenn der Zug langsam aus dem Bahnhof rollt. Er ruderte mit seinem Arm ein paarmal hin und her, er fühlte sich schwer und schlaff an, wie an einem fremden Faden gezogen. Die Freunde gingen weiter das Tal hinunter, dann drehte er sich doch noch einmal um. Dort oben stand sie noch immer und winkte ihm zu.

„Du hättest mit ihr gehen sollen“, sagte Tom. Seine Worte wirkten sachlich und wie selbstverständlich. „Ich wollte dich aber nicht alleinlassen“, antwortete er kleinlaut. Abrupt hielt Tom inne, drehte sich zu ihm um und blickte ihn scharf an: „Da täusch dich mal nicht. Mit mir hat das zuallerletzt zu tun!“ Er fühlte, wie es ihm einen Stich ins Herz versetzte und seine Knie für einen Augenblick weich wurden. Schweigend gingen sie weiter und erreichten gegen Mittag Kandersteg. Zum ersten Mal seit langem sagte Tom wieder etwas: „Es ist wohl besser, wir brechen hier unsere Tour ab.“

Er konnte die Scham kaum ertragen und nickte nur stumm. Tom stieg in den Zug, er selbst ging den Wanderweg alleine weiter, ohne Karte, ohne Ziel. Er sah schneebedeckte Gipfel über grünen Tälern, aber kein Gefühl drang zu ihm. Am Abend fand er schließlich eine abgelegene Hütte mit einem Einzelzimmer. Seine Beine und sein Kopf waren schwer, er ging früh schlafen. Da entdeckte er in seinem Waschbeutel etwas, das nicht dorthin gehörte. Er hatte noch die Zahnbürste im Mund, als er den zusammengefalteten gelben Zettel aufmachte. Er las in weicher Frauenhandschrift ihren Namen und eine Telefonnummer. Die Frage, wie sie das Papier am Morgen in den Waschbeutel geschmuggelt hatte, kam ihm erst später. Zu sehr war er von dem Willen dieser Frau beeindruckt, von ihrem festen Willen, mit ihm zusammen zu sein. Ausgerechnet mit ihm! Er konnte nicht einschlafen, bis zum frühen Morgen lag er mit jagenden Gedanken in dem schmalen Bett. Weiter irrte er ziellos durch das Gebirge. Mitten am Tag, auf einer Bank oder einer Quelle, wo er kurz Rast machte, fielen ihm die Augen zu. Dann sah er die wieder vor sich, die Silhouette der winkenden Schweizerin.

Nach einer Woche konnte er seine Gefühlsverwirrung nicht mehr ertragen und stieg hinunter ins Tal. In einer Herberge kramte er den gelben Zettel aus seinem Waschbeutel und rief sie an. Sie meldete sich gleich mit ihrem Namen. Sein Herz pochte, seine Finger verkrampften sich. Er fühlte wieder, wie seine Zunge schwer wie ein Eisenklöppel am Gaumen hing. Er legte auf und versuchte es später noch einmal, nachdem er in der Schänke ein Bier in sich hineingestürzt hatte. Diesmal bewegte sich der Klöppel. Er sagte: „Ich bin’s.“ Sie wusste gleich, wer am Telefon war, alles wusste sie. Sie verabredeten sich am Zürcher Bahnhof, wo er auf der Rückreise umsteigen musste.

Er traf schon eine Dreiviertelstunde vorher ein. Die Räder des bremsenden Zugs quietschten. Er schob sich durch das Gedränge an den Waggontüren und den Menschenmengen am Bahngleis. Von der Decke der Bahnhofshalle empfing ihn eine riesige Engelsfigur mit goldenen Flügeln. Er studierte ihren massigen, erdrückenden Frauenkörper ohne Gesicht in leuchtendem Blau, darüber ein knallbuntes Kleid, über der rechten Brust das rote Schweizerkreuz und über der linken ein rosa Herz in einem weißen Herzen. Im Nordtrakt fand er gegenüber dem Reisezentrum den vereinbarten Treffpunkt. In der Masse eleganter Frauen und geschäftsmäßig gekleideter Männer kam er sich verloren, ja lächerlich vor. Er betrachtete sich in einem Spiegel vor einem Kleidergeschäft: In den kurzen Hosen, dem verschwitzten T-Shirt und dem Armeerucksack auf dem Rücken wirkte er in dieser Umgebung fast noch fremdartiger als die Nana-Figur. Schlimmer noch, mit seinen ungewaschenen, fransigen Haaren und den Ringen unter den Augen sah er aus wie einer, der unter der Brücke schlief. Oder vielmehr nicht geschlafen hatte. Aber noch mehr als die äußerliche stand ihm die innere Not ins Gesicht geschrieben. So konnte er vielleicht noch vor Wanderern auf verlassenen Gebirgspfaden auftreten, aber vor niemandem in der Zivilisation. Und schon gar nicht vor ihr. Er musste eine Toilette finden, sich umziehen und waschen.

Die würfelförmige Uhr in der Bahnhofshalle sagte ihm, dass er gerade noch zwanzig Minuten hatte. Die Frau am Servicepoint half ihm unwillig weiter. Er arbeitete sich durch die Mengen entgegenströmender Passanten und fand die Bahnhofstoilette in der hintersten Ecke, vor ihr eine lange Schlange. Er stürzte hinaus ins helle Licht des Bahnhofsvorplatzes. Seine Augen suchten die Häuserzeilen der Bahnhofstraße nach einem Café oder einem Kleiderladen ab. Aber sie fanden nur exklusive Schmuck- und Uhrengeschäfte, Boutiquen von Modedesignern, Luxushotels. Die Zeiger der Uhr in der Bahnhofsfassade unter der Schweizer Flagge rückten auf elf Uhr. Schon jetzt, wurde ihm bewusst, würde er spät zu kommen. Und immer noch trug er diese schmuddeligen Kleider.

Dann die plötzliche Erkenntnis: er hatte es vergeigt, verhunzt, wie immer. Als er in die weißen Wolken über dem Bahnhofsdach blickte, sah er dort wieder ihr Bild. Sie winkte ihm aus großer Entfernung zu. So würde er sie in Erinnerung bewahren, nur so. Zu mehr reichte es nicht bei ihm.

 
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Hallo @A. Martin,

deine Geschichte gefällt mir gut. Ich habe versucht, sie ohne "analytische" Brille für den Stil zu lesen (was mir hier auf der Plattform leider nie ganz gelingt). Darum dazu nichts. Also ganz unabhängig davon fand ich sie spannend - auch weil ich gestern Abend noch einmal "Lenz" gelesen habe und mir das hier stellenweise fast wie eine Variation davon vorkam: Ein einsamer Wanderer im Gebirge, Innenleben, Ängste, Sehnsucht, Scheitern. Ein anderer Grund dürfte sein, dass ich die Situation nur zu gut kenne - Moment verpasst, Zug abgefahren, es bleibt nur die Wahl: Sich quälen oder abhaken :-) Kennt wahrscheinlich jeder und das ist ja schon mal gut, wenn eine Story ein so grundlegendes Gefühl trifft.

Ich halte es auch sonst mal kurz. Ich habe mich inhaltlich nur zwei Dinge gefragt, die für mich nicht klar genug herausgearbeitet wurden: Warum ist Tom beleidigt und bricht die Tour ab? Und: Warum ist der Erzähler unsicher wegen seinem Look? Er betont selbst, dass die Frau die treibende Kraft ist. Wieso denkt er dann, dass sie ihm gerade seinen Look übel nehmen wird?

Schon war die Antwort aus ihm heraus, unwiederbringlich wie ein Geschoss, das den Gewehrlauf verlassen hatte.

Das fand ich sehr gelungen: Ein Schuss hat immer Konsequenzen, auch wenn er daneben geht. Trotzdem hat man abgedrückt. Das sagt was aus und ist nicht mehr zurückzunehmen. Finde ich eine schöne Beschreibung für zwischenmenschliche Dynamiken, gerade in so einer Anbahnungsphase.

Soweit mal. Vielleicht komme ich noch mal zurück zu dieser Story ...

VG, HK

 
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Hallo Henry K.

wow, Du reagierst mal wieder schnell! Ich freue mich über spontane Kommentare, auch wenn sie vielleicht vom Gebot detaillierter Textarbeit abweichen. Es geht mir damit wie bei der erwähnten Textstelle: Der Schuss ist raus, der Autor will nun wissen, wo er hingegangen ist. Alle philologische Tiefenschärfe nutzt mir wenig, wenn sie erst spät kommt. Wir Autor/-innen sind eben auch bedürftige Wesen, nicht wahr?

Dass also mein Schuss bei Dir schnell und dazu noch gut angekommen ist, freut mich . Die Assoziation mit Büchners "Lenz" ging mir beim Schreiben nicht durch den Kopf. Sie trifft aber gut die derangierte, über sich und die Welt verzweifelte Stimmung des Protagonisten.

Warum ist Tom beleidigt und bricht die Tour ab?
... gute Frage. Tom hat die Nöte seines Wanderkameraden wohl mitbekommen, aber genauso darüber geschwiegen wie der (kein untypisches Männerverhalten). Dann platzt es unvermittelt aus ihm heraus. Zugegebenermaßen kommt das für den/die Leser/in ebenso unvermittelt wie für den Protagonisten, ich sollte die Entscheidung wohl besser vorbereiten.
Warum ist der Erzähler unsicher wegen seinem Look? Er betont selbst, dass die Frau die treibende Kraft ist. Wieso denkt er dann, dass sie ihm gerade seinen Look übel nehmen wird?
Da hat der Protagonist nicht an die Frau, sondern an sich selbst gedacht. Das Erlebnis hat seine Selbstunsicherheit angestoßen. Auch hat er unbewusst wegen des bevorstehenden Treffens Versagensängste: Wird die Realität seinen Vorstellungen standhalten, wird er ihren - und seinen eigenen - Ansprüchen genügen? Da kommt ihm das Thema mit den Kleidern gelegen, um die Begegnung zu vermeiden.

Danke für Deine aufmunternden und zum Nachdenken anregenden Gedanken!

VG, A. Martin

 
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Nun ja, auf dem Kopf wird unser Held hier gerade mal nicht laufen,

lieber A. Martin,

(nebenbei, wüsste gern Deinen Vornamen, denn so klingt es immer wie eine Verneinung - oder a-sympathisch - des Martins, was ja keineswegs beabsichtigt ist), aber das Schicksal eines Lenz oder Büchners möchte wohl heutzutage keiner mehr teilen und dass Du schreiben kannst, weiß ich ja seit Deinem Debut hierorts, gleichwohl ein paar winzige Anmerkungen

zunächst – keine Bange, es ist nix falsch – aber hier

Die Turmuhr schlug zehnmal, als er wie aus einem tiefen Schlaf erwachte. Wo war er die ganze Zeit gewesen?
kannstu getrost das Gewese weglassen … Du verrätst es ja sofort
Er blickte auf das Papier, das er in den vergangenen Stunden mit einem Stift bearbeitet hatte: …

Die Alphütte, die, eingerahmt von gletscherbedeckten Bergen, in fast überwirklicher Schönheit vor ihnen lag.
„über“ stört mich da, kenn ich eigentlich nur in „über“triebenen Zusammensetzungen und Zwodeutigkeiten (übergeben, ein Dokument oder sich …), selbst wenn ich weiß, was Du meinst, das dann näher beim auf den Kopf gestellten „unwirklichen“ ist, dass ich dann positiv als traum-/märchenhaft auslegen kann. Wobei es ja auch böse Märchen und Alp-Träume gibt …

Und dann gibt’s den richtigen Fehlgriff

Dann der Abschied, den er wie ein zu Tode Verurteilter hinnahm.
abgesehen, dass einer „zu Tode kommen“ kann, und ein anderer „zum Tode verurteilt“ wird (wiewohl man einen zu Tode quatschen kann ...)

Hier würde ich die Zeiteinheit empfehlen

Ihr rechter Arm pendelte in der Luft, wie man beim Abschied vom Bahngleis winkt, wenn der Zug langsam aus dem Bahnhof rollt.
wobei zugleich die Identität des „winkte“ und „rollte“ (wie überhaupt von Modalverben - ob allen, kann ich auf die Schnelle jetzt gar nicht mal sagen) von Prät. und Konjunktiv potentialis einen besonderen Effekt von Höflichkeit & Anstand und somit Freundlichkeit erzeugt …

Er schüttelte seine Hand hilflos zurück, sein Arm …
„schütteln“ ~/= ruckartige Bewegung, besser also „winken“, als ein hin und her schwingen + auf sich Aufmerksam machen, was sie
Dort oben stand sie noch immer und winkte ihm zu.
ja tut

Seine Augen scannten die Häuserzeilen der Bahnhofstraße nach einem Café oder einem Kleiderladen ab.
Ist das schon so weit, dass wir unsere biologischen Fähigkeiten der technischen Sprache anpassen?
Ich möchte kein Prothesengott sein ...

Schon jetzt würde er also zu spät kommen.
Warum Konj., wenn ein schlichtes "wird" für die Zukunft offen genug ist in seiner binären Wertigkeit - es wird (gelingen) oder eben nicht ...

Er hatte es vergeigt, verhunzt, wie er alles vergeigt und verhunzt hatte. Dann sah er die weißen Wolken über dem Bahnhofsdach und sah dort wieder ihr Bild. Sie winkte ihm aus großer Entfernung zu[...] wie auf dem Gebirgspfad. So würde er sie in Erinnerung bewahren, nur so.
(vor allem weg mit dem KOmma - wenn Du eine Gedankenpause anführen willst, nimm einen Gedankenstrich. Die vergleichende KOnjunktion "wie" müsste - um ein Komma zu erzeugen - einen vollständigen Satz einleiten.

Wie dem auch sei, gern gelesen vom

FRiedel

 
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Hallo @A. Martin,

ich bin noch mal durch deinen Text gegangen, sozusagen als zweites Feedback mit dem Gebirgsadlerauge. Ist natürlich wie immer nur meine Meinung - und selbst die ist stets wandelbar ;-)

Hier, was ich so entdeckt habe:

Er blickte auf das Papier, das er in den vergangenen Stunden mit einem Stift bearbeitet hatte: Es zeigte zwei junge Frauen, eine mit blonden, eine mit dunklen Haaren. Sie standen auf dem Scheitel eines Gebirgspfades, über ihnen nur der Himmel und in einiger Entfernung die schneebedeckten Gipfel hoher Berge. Die blonde Frau winkte dem Betrachter zu.

Also das ist jetzt wirklich mit der Lupe gelesen, aber wenn er nur einen Stift nutzt, dann muss er schon ziemlich versiert zeichnen können, um zwei Haarfarben darzustellen, noch dazu eine helle (negative Räume und so). Klar, ist möglich, aber durch die wiederholte Betonung von "blond" sieht der Leser es ja auch goldgelb vor sich, auf dem Blatt wäre es aber weiss wie das Papier oder hellgrau (bei einer Bleistiftzeichnung). Ich glaube also nicht, dass du hier so eine Zeichnung beschreiben willst, oder? Darum würde ich entweder gar keine Aussage zum Stift machen ("Er blickte auf seine Zeichnung ...") oder von "bunten Stiften" / "Finelinern" / ... reden.

Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck tiefer, inniger Sehnsucht.

Auch hier: Wirklich ein guter Zeichner, wenn er so was aus dem Gedächtnis aufs Papier bringt ;-)

Er wusste alles sofort. Er wollte den Blick der jungen Frau aus seinen Augen schaffen und drehte das Bild auf die Rückseite. Doch auch aus dem leeren Papier verfolgte ihn das Nachbild der winkenden Frau. Er zog er die Schublade auf, die zunächst sperrte.

Würde aus dem Gefühl eher schreiben: "... die sich zunächst sperrte" (eine kleine Personifizierung) oder "die zunächst verkantete" (irgendwie treffender).

Fluchend warf er den Bogen in die schmale Spalte und verschloss die Lade mit einem lauten Geräusch.

Hier wird klar: Sie hat sich nicht "zunächst", sondern offensichtlich ganz gesperrt. Würde also das "zunächst" streichen.

Alles Weitere nahm er nur noch gedämpft wahr: Das Klirren des in die Ecke geworfenen Schubladenschlüssels, das erlöschende Licht, die Tür, die ins Schloss fiel.

Mir fällt grade der grammatikalische Term nicht ein, aber hier wird das "Erlöschen des Lichts" als ein andauernder Vorgang beschrieben, was mir seltsam scheint. Welches Licht wird denn hier peu à peu dunkler? Ist es zehn Uhr abends im Sommer und die Sonne langsam ganz unter?

In der Dunkelheit der Kammer, wo er sich aufs Bett geworfen hatte, konnte er keine Ruhe finden.

Hier liest es sich nun so, als sei es bereits dunkel gewesen, als er sich aufs Bett warf, was aber wiederum direkt nach der Schubladenszene passiert, oder? Also erlosch das Licht durch das Zufallen der Tür? Ich würde das alles klarer ordnen, vielleicht:

Alles Weitere nahm er nur noch gedämpft wahr: Das Klirren des in die Ecke geworfenen Schubladenschlüssels, das Bett in der Kammer, das schmaler werdende Licht aus dem Zimmer nebenan. Und schliesslich die ins Schloss fallende Tür und die Dunkelheit um ihn herum.

So in etwa (wenn das überhaupt der Ablauf ist)

Die Alphütte, die, eingerahmt von gletscherbedeckten Bergen, in fast überwirklicher Schönheit vor ihnen lag.

Finde das auch noch nicht rund. Einmal weil es inkonsequent ist: Wenn es fast überwirklich ist, ist es eben nicht überwirklich, also nur wirklich, also einfach nur schön :-) Ich finde, du solltest dann auch zu dem Eindruck stehen und schreiben: "in überwirklicher Schönheit"

Allerdings denke ich auch, dass die Überwirklichkeit erst die Schönheit erzeugt, sodass ich es mir noch besser scheint, etwas zu schreiben wie:

Die Alphütte, die, eingerahmt von gletscherbedeckten Bergen überwirklich vor ihnen lag und sie innehalten liess. Minutenlang standen sie nur da und schauten.

Die schummrige Hüttenschänke, wo sie abends auf die zwei Schweizerinnen stießen, eine blond, die andere dunkelhaarig. Das Lächeln der blonden Frau, als sie ihn nach seinem Namen fragte.

Dass eine blonde Schweizerin auch eine blonde Frau ist, ist naheliegend ;-)

Ihr Blick, der weit hinabreichte, fast bis zu seinem Seelengrund.

Mut zur Cheesiness, aber why not? ;-)

Das Lächeln der blonden Frau, als sie ihn nach seinem Namen fragte. Ihr Blick, der weit hinabreichte, fast bis zu seinem Seelengrund. Ihre Füße, die sich vorsichtig, dann mutiger heranpirschten an seine Füße, die sich ihrem Streicheln zögerlich hingaben.

Weiss nicht, ob mir das nicht zu schnell geht: Treffen, Namen, Lächeln, Füsse. So schnell geht es ja nicht mal in der guten, alten Vor-Corona-Diskothek. Gut, man kann sagen, das waren die entscheidenden Stationen. Aber der Leser soll ja auch ein wenig Nachempfinden können, warum die Frau so anziehend ist und warum auch er sie für sich einnimmt. Oder nicht?

Schließlich seine Antwort, feige und erbärmlich: von ihren Wanderzielen, die völlig entgegengesetzt seien; vom Freund, den er nicht enttäuschen könne, da ihre Wanderung erst begonnen habe. Schon war die Antwort aus ihm heraus, unwiederbringlich wie ein Geschoss, das den Gewehrlauf verlassen hatte.

Hier wertet der Erzähler das Verhalten der Figur sehr stark, ja, er verschmilzt auch mit der Figur, oder? Denn auch sie fühlt sich in der Situation so. Die Frage wäre jetzt für mich: Braucht es diese Wertung? Ich würde sagen: Nein, denn seine Antwort bzw. sein Verhalten ist ja auch tatsächlich "feige" ("erbärmlich" würde ich sie jetzt nicht nennen).

Damit ist hier textimmanente Wertung gleich "reale" Wertung und der Leser muss das nur übernehmen. Die Wertung erzeugt keinen Bruch. Und da man als Leser sein Verhalten nicht mehr bewerten muss, bleibt zum Interpretieren dann nur noch die Frage übrig: Warum hat die Figur so feige gehandelt? Aber darüber macht der Text dann nicht die geringste Aussage, oder? Der Text erzählt damit schlichtweg, was er erzählt. Sehe ich das richtig?

Er wusste, dass nun alles verloren war, zwischen ihnen und für ihn selbst. Die plötzliche Erkenntnis, dass er ein Gefangener seiner schwächlichen Seele war, jetzt und in Zukunft, für alle Zeit und in Ewigkeit, Amen. Nie mehr würde er ein glückliches Leben führen können. Ein tiefer, unüberwindbarer Graben lag zwischen ihm und dieser Welt. Ihr stummes, gütiges Nicken, mit dem sie seine Antwort wie ein Urteil entgegennahm. Ihr melancholischer Blick, so unerträglich für ihn, dass er nur noch ausweichen konnte.

Auch hier: Der Erzähler wertet das Verhalten der Figur. Sie neigt zu krassen Negativgefühlen und emotionaler Übertreibung. In der Binnengeschichte wendet sich dann zwar das Blatt und es ist doch nicht "alles verloren". Die Mantelgeschichte handelt aber wieder von diesen Gefühlen und es ist ja dann auch in Hinblick auf die Frau alles verloren. Wieder erzählt der Text also sehr direkt, was er erzählen will, scheint mir.

jetzt und in Zukunft, für alle Zeit und in Ewigkeit, Amen

Hier blitzt für mich Spott vom Erzähler auf und es wird für mich angezeigt, dass die Figur übertreibt und nicht ganz ernst zu nehmen ist. Kommt nur mir das so vor? Und ist das intendiert? Eigentlich lese ich den restlichen Text ernst gemeint und nicht spöttisch, leicht satirisch. Hier ist also für mich ein Stilbruch da.

„Du hättest mit ihr gehen sollen“, sagte Tom. Seine Worte wirkten sachlich und wie selbstverständlich. „Ich wollte dich aber nicht allein lassen“, antwortete er kleinlaut. Auf der Stelle unterbrach Tom seinen Schritt: „Da mach dir da mal bloß nichts vor!“ Toms Augenbrauen waren zusammengezogen, wie bei einem, der gleich auf ihn losstürmen wollte. Es war ihm offenbar ernst. Er fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog und sein Herz aufgeregt hüpfte. Schweigend gingen sie weiter und erreichten gegen Mittag Kandersteg. Zum ersten Mal seit langem sagte Tom wieder etwas: „Es ist wohl besser, wir brechen unsere Tour hier ab.“ Er konnte die Scham kaum ertragen und nickte nur stumm.

Wie schon erwähnt: Diese Szene wirft bei mir Fragen auf. Hier wirken die beide fast wie ein Paar - Tom provoziert und ist eingeschnappt, also eifersüchtig. Aber warum? Sein Freund ist doch bei ihm geblieben, hat sich also kollegial verhalten. Also war Toms Erwartung, dass der andere mit der Frau mitgeht. Aber warum? Und wenn er den anderen schon kennt und sein Bro ist und ihn stört, dass dieser immer so zögerlich ist, warum hat er ihm dann nicht rechtzeitig in den Hintern getreten? Es wirkt also so, als sei Tom beleidigt, dass der andere überhaupt den Wunsch verspürt hat, ihn für eine Frau sitzen zu lassen. Aber das müsste er als Mann doch nachvollziehen können. Und ausserdem: Tom und die Brünette sind ja auch noch da. Das wäre doch gleich schon Paarung numero zwei. Oder zumindest könnten die beiden sich auf einer Wanderung zu viert dann miteinander die Zeit vertreiben (ganz harmlos und gesittet natürlich, sind ja keine Engländerinnen ...)

Zu sehr war er von dem Willen dieser Frau beeindruckt. Von dem festen Willen, mit ihm zusammen zu sein. Ausgerechnet mit ihm!

"Zusammensein" klingt hier für mich etwas gross, weil das ja auch "eine Beziehung" meint.

Sie verabredeten sich am Züricher Bahnhof, wo er auf der Rückreise umsteigen musste.

Sagt man als Landeskenner nicht "Zürcher"? :-) :-) :-)

Von der Decke der Bahnhofshalle empfing ihn eine riesige Engelsfigur mit goldenen Flügeln. Er sah einen massigen Frauenkörper ohne Gesicht in leuchtendem Blau, darüber ein knallbuntes Kleid, über der rechten Brust das rote Schweizerkreuz und über der linken ein rosa Herz in einem weißen Herzen. Im Nordtrakt fand er gegenüber dem Reisezentrum den vereinbarten Treffpunkt. In der Masse geschäftsmäßig gekleideter Männer und elegant gekleideter Frauen kam er sich verloren, ja lächerlich vor. Er betrachtete sich in einem Spiegel vor einem Kleidergeschäft: In den kurzen Hosen, dem verschwitzten T-Shirt und dem Armeerucksack auf dem Rücken wirkte er in dieser Umgebung fast noch fremdartiger als die Nana-Figur.

Warum vertauscht du hier die naheliegende Reihenfolge? Mit dem Schlagwort "Nana-Figur" hat man als Leser direkt ein starkes Bild im Kopf, stärker, als es die ganzen Beschreibungen der Figur erzeugen. Und schliesslich sprichst du das exakte, am besten passende Wort ja dann auch aus. Ich fände es hier zielführender, direkt konkret zu sein, es geht ja hier nicht um Aufschiebung von Informationen zum Spannungsaufbau:

In der Bahnhofshalle empfing ihn eine Nana-Figur, ein riesiger Engel mit goldenen Flügeln ...

"Von der Decke der Bahnhofshalle empfing" klingt für mich auch unrund. Wenn man jemanden empfängt, ist man ja nah bei ihm, sprich man empfängt nicht "von" irgendwo. Man grüsst von irgendwo ...

Sie verabredeten sich am Züricher Bahnhof, wo er auf der Rückreise umsteigen musste.

Er traf schon eine Dreiviertelstunde vorher ein.

Die würfelförmige Uhr in der Bahnhofshalle sagte ihm, dass er gerade noch zwanzig Minuten hatte. Die Frau am Servicepoint half ihm nur unwillig weiter. Er arbeitete sich durch die Mengen entgegenströmender Passanten und fand die Bahnhofstoilette in der hintersten Ecke, vor ihr eine lange Schlange.
[Absatz]
Er stürzte hinaus ins helle Licht des Bahnhofsvorplatzes. Seine Augen scannten die Häuserzeilen der Bahnhofstraße nach einem Café oder einem Kleiderladen ab. Aber sie fanden nur exklusive Warenhäuser, Boutiquen von Modedesignern, Schmuck- und Uhrengeschäfte, Luxushotels. Die Zeiger der Uhr in der Bahnhofsfassade unter der Schweizer Flagge rückten auf elf Uhr. Schon jetzt würde er also zu spät kommen. Und immer noch hatte er diese schmuddeligen Kleider am Körper.
[Absatz]

Er hatte es vergeigt, verhunzt, wie er alles vergeigt und verhunzt hatte.


Finde das hier nicht ganz gelungen komponiert. Hier ist ja die Chance, Spannung zu erzeugen. Zumindest aber sollte hier klar werden, was wann passiert. Das ist bei mir nicht ganz gelungen, denn du vermischt hier relative und absolute Zeitangaben und machst keine Absätze, die anzeigen, dass Zeit vergangen ist. Ausserdem passiert zu wenig für den Zeitrahmen, den du steckst - er hat 45 Minuten und macht nicht viel, bis es dann nur noch 20 Minuten sind.

Ich würde es so in etwa machen:

Sie verabredeten sich für 13 Uhr am Zürcher Bahnhof, um zwanzig vor fuhr sein Zug ein. [...] Er ging in die Halle und sah in einem Schaufenster, dass er sich unbedingt noch frischmachen und kämmen musste. Aber es war keine Viertelstunde mehr Zeit. Hastig steuerte er einen Servicepoint an. [Hindernisse]

Er trat auf den Bahnhofsvorplatz. Sie war nirgends zu sehen. Die Uhr an der Fassade zeigte zehn nach eins ...

+++++

Ich hoffe, mein Kommentar hilft dir weiter.

 
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Hallo @A. Martin ,

tolle Geschichte, und zwar wegen ihres wirklich eleganten und satten Stils. An irgendetwas erinnert es mich, aber ich weiß nicht an was. Eine Melancholie durchzieht die gesamte Geschichte, und die erscheint für mich auch dadurch besonders deutlich, dass der Text recht wenig wörtliche Rede enthält. Spontan fühle ich mich an schwermütige skandinavische Erzählungen erinnert - nicht die für Kinder, sondern die Geschichten von Erwachsenen, die an ihrem Leben leiden.

Manche Passagen finde ich wirklich brillant. Der Stil ist ungeheuer sicher, ich wollte diese Geschichte unbedingt weiterlesen, auch wenn ich am Anfang etwas darin umherirrte. Der Prot ist so zum Anfassen, so echt, sein Scheitern ist so real, und du setzt es gut in Szene, dass es ihm am Schluss der Geschichte in Wirklichkeit nicht um sein Outfit geht, sondern er ganz einfach Schiss hat vor der Begegnung, wahrscheinlich davor zu scheitern, und daher vor lauter Angst vorm Scheitern tatsächlich scheitert - der Klassiker.

Noch Einzelheiten (wobei ich die zT langen Kommentare nicht komplett gelesen habe, es kann also sein, dass sich hier etwas wiederholt):

Er zog er die Schublade auf, sie sperrte.

Also für mein Gefühl braucht "sperren" einen Akkusativ hinter sich, ich sperre jemanden oder etwas oder ich sperre mich, aber einfach so sperren funktioniert für mich nicht. Was du meinst, ist ziemlich deutlich, dieses Verkanten und Festsitzen verzogener Schubladen in alten Möbeln, von Loriot in Ödipussi großartig in Szene gesetzt, weil er an all seinen Kommoden die Schubladen in geübter Bewegung blitzschnell herauf- und herunterbewegt und sie dadurch herausziehen kann mit der Folge, dass er im Hotel einen geschmeidig laufenden Schub ebenso bewegt und ihn dadurch ruckartig herausreißt. Dein Satz hört sich für mich etwas umgangssprachlich an, vielleicht müsste man sagen "verkantete sich" oder "steckte fest", "klemmte" o. ä.

Der majestätische Anblick von Eiger und Jungfrau, als die beiden Wanderer morgens die Jugendherberge verließen. Der schmale, kühn in den Berg gehauene Klettersteig, den sie am Nachmittag erstiegen. Die Alphütte, die, eingerahmt von gletscherbedeckten Bergen, in fast unwirklicher Schönheit vor ihnen lag. Die schummrige Hüttenschänke, wo sie abends auf die zwei Schweizerinnen stießen. Das Lächeln der Blonden, als sie ihn nach seinem Namen fragte. Ihr Blick, der weit hinabreichte, fast bis zu seinem Seelengrund. Ihre Füße, die sich vorsichtig, dann mutiger heranpirschten an seine Füße, die sich ihrem Streicheln zögerlich hingaben. Das „Gute Nacht“, das ihm noch lange Zeit im Schlaflager in den Ohren klang. Wie ein Ende hatte es sich nicht angehört. Er sah den Frühstücksraum, in dem sie sich am nächsten Morgen begegneten. Nur sie beide, als hätte es einer so arrangiert. Die Fragen, die sie ihm mit entwaffnender Selbstverständlichkeit stellte: Wie das nun mit ihnen weitergehe? Ob er mit seinem Freund oder mit ihr weiterwandern werde? Ein paar Worte nur, im schweren Schweizerdeutsch vorgebracht - wer wusste, ob im Ernst oder nur im Spiel? Er jedoch spürte in ihnen gleich eine schicksalhafte Schwere, der er nicht gewachsen war. Seine steif gewordene Zunge, die sich nicht vom Rachen lösen wollte. Schließlich seine feige Antwort: von ihren Wanderzielen, die völlig entgegengesetzt seien; vom Freund, den er nicht enttäuschen könne, da ihre Wanderung erst begonnen habe. Schon war die Antwort aus ihm heraus, unwiederbringlich wie ein Geschoss, das den Gewehrlauf verlassen hatte. Er wusste, dass nun alles verloren war, zwischen ihnen und für ihn selbst. Die plötzliche Erkenntnis, dass er ein Gefangener seiner schwächlichen Seele war, jetzt und in Zukunft, für alle Zeit. Nie mehr würde er ein glückliches Leben führen können. Ein tiefer, unüberwindbarer Graben lag zwischen ihm und dieser Welt. Ihr stummes, gütiges Nicken, mit dem sie seine Antwort wie ein Urteil entgegennahm. Ihr melancholischer Blick, so unerträglich für ihn, dass er nur noch ausweichen konnte. Dann der Abschied, den er wie ein zum Tode Verurteilter hinnahm. Noch ein kurzen Aufbäumen gegen seinen Kleinmut: Sie waren ein kurzes Stück des langen Wegs ins Tal hinabgegangen, da drehte er sich noch einmal zu ihr um.

Diese Passage ist eine Aufzählung von Substantiven. Das geht eine Weile gut, aber dann wird es ein bisschen anstrengend, diese Abfolge von Sätzen zu lesen, in denen der Hauptsatz kein Verb hat. Irgendwann wünscht sich mein Gefühl Auflockerung. Die erzeugst du ein wenig durch einige Einschübe, aber da geht vielleicht noch mehr an Auflockerung. Es wirkt dadurch nicht so professionell wie viele andere Passagen. Vielleicht kannst du einige Positionen deiner Aufzählung doch als vollständige Sätze formulieren oder früher zu vollständigen Sätzen zurückkehren. Dass es bei der Passage um Bilder geht, die am inneren Auge des Prot vorbeiziehen, ist dann aus meiner Sicht immer noch klar.

Auf der Stelle unterbrach Tom seinen Schritt: „Da mach dir da mal bloß nichts vor!“

Mit dem Satz stimmt irgendwas nicht. In der wörtlichen Rede steht zunächst zwei Mal "da", das zweite dürfte rausmüssen. Aber darum geht es mir nicht. Erstmal ist das ein extrem wichtiger Moment, finde ich. Davor sagt Tom "Du hättest mit ihr gehen sollen", das kann noch im Scherz gemeint sein. Aber jetzt redet er Tacheles. Der Prot steht jetzt plötzlich im grellen Licht von so etwas wie Wahrheit. Er wird gezwungen, sich nicht mehr wegzuducken. Sein Freund Tom leitet das ein. Auf den Satz (besonders den Einleitungssatz zur wörtlichen Rede) darf man ruhig etwas Anstrengung verwenden.

Was mich stört, sind die zwei Wertungen, die da drinstecken, ich denke, man könnte sagen, zwei Mal tell statt show: "auf der Stelle" ist ein Bild für "sofort", das heißt nicht nur zeitlich, sondern auch gefühlt ohne Zwischenschritt anschließend. Ich meine, hier musst du zeigen, durch welche Aktionen dieses "auf der Stelle" zum Ausdruck kommt. Die zweite Wertung "unterbrach Tom seinen Schritt". "Unterbrechen" fasst doch schon konkrete Handlungen zusammen, es stellt einen Vorgang fest, der eigentlich läuft und jetzt plötzlich nicht weitergeht. Das ist für mich tell.

Noch was kommt dazu: "auf der Stelle" benutzt man doch eigentlich, wenn jemand etwas tut, mit "unterbrechen" unterlässt Tom aber etwas. Das ist es vielleicht auch, was mein Gefühl stört.

Also, was passiert eigentlich? Meine persönliche Alternative könnte sein: "Tom blieb stehen und drehte sich mit einem Ruck zu seinem Freund um" Nicht perfekt, denn der "Ruck" ist auch eine Wertung. Aber vielleicht habe ich jetzt mit vielen Worten deutlich machen können, was ich meine.

Dann der Satz "Da mach dir mal nichts vor." Also geht es vielleicht doch etwas vielschichtiger? Der hört sich in meinen Ohren recht platt an. Zumal er ja nicht das benennt, worauf es ankommt. Der Prot macht sich ja gar nichts vor, er hat nur nicht die Kraft, das zu tun, was er sich wünscht. Oder es auch nur zu wollen. Es wäre toll, wenn Tom an dieser Stelle mit einem ebenso simplen Satz den Finger knallhart in die Wunde legen würde. Um den Satz zu finden, könntest du vielleicht zunächst überlegen, was genau Tom dem Prot in diesem Moment eigentlich sagen will und dann dafür eine passende Formulierung finden. Naja, nur so ein Gedanke, ich habe keine Handlungsanweisungen zu erteilen.

Zum ersten Mal seit langem sagte Tom wieder etwas: „Es ist wohl besser, wir brechen unsere Tour hier ab.“ Er konnte die Scham kaum ertragen und nickte nur stumm. Tom stieg in den Zug, er selbst ging den Wanderweg alleine weiter.

Und hier - wie verrückt! - finde ich die Stelle wirklich gelungen, stark. Ich persönlich sage hier: super, einfach toll, in dieser brutalen Knappheit und vollkommen beschränkt auf das, was passiert. Es steht nicht drin, ob Tom hier einen unterschwelligen Vorwurf formuliert. Das könnte sein. Vielleicht ist er aber auch voller Wohlwollen und will seinem Freund helfen, vielleicht und wahrscheinlich eine Mischung aus beidem, aber genau wissen wir es nicht. Vielleicht ist es auch egal, vielleicht ist dadurch der Fokus auf dem Prot, der sich hier in seiner ganzen Jämmerlichkeit endlich einmal konsequent verhält. Er widerspricht Tom nicht, er stellt sich dem unangenehmen Abbruch des gemeinsamen Wanderns nicht um des guten Tons willen in den Weg, er lässt einfach das geschehen, was er sich wünscht.

Dass er dann erstmal umherirrt, ändert daran nichts, ist vielleicht nur der Einstieg in das wirkliche Handeln, nämlich den späteren Anruf bei der schönen Schweizerin.

Er sah schneebedeckte Gipfel über grünen Tälern, aber kein Gefühl drang zu ihm. Alles war taub und leer.

Der erste Satz ist so schön, dass du fast überlegen könntest, den zweiten wegzulassen, um den ersten nicht zu schwächen: im ersten steht nämlich genau der Inhalt des zweiten schon drin, und zwar für mein Gefühl wirklich großartig. Wirklich, den könnte ich immer wieder lesen.

Die Frage, wie sie das Papier am Morgen in den Waschbeutel geschmuggelt hatte, kam ihm erst später.

Toll, dass du es bei diesem Satz belässt und der Frage nicht weiter nachgehst, wie sie es reingeschmuggelt hat, weil diese Frage nämlich ganz und gar unwichtig ist. Aber der eine Satz sollte es ruhig sein. Er gibt einen Fingerzeig darauf, dass die Schweizerin eine kluge Frau sein muss.

Dann sah er die sie wieder vor sich, die Silhouette der winkenden Schweizerin.
oder?

Er sah einen massigen Frauenkörper ohne Gesicht in leuchtendem Blau, darüber ein knallbuntes Kleid, über der rechten Brust das rote Schweizerkreuz und über der linken ein rosa Herz in einem weißen Herzen.

Sehr schön, diese Beschreibung der Figur in dem Bahnhof. Dieses Zerrbild einer Frau, wie der Alptraum in der Nacht vor der Begegnung, hier ausgedrückt durch eine Monster-Puppe. Ein Sinnbild, vielleicht sogar eine Erklärung für die Angst, die der Prot hat.

In der Masse geschäftsmäßig gekleideter Männer und elegant gekleideter Frauen kam er sich verloren, ja lächerlich vor.

Wiederholung, wirkt dadurch blass.

So konnte er vielleicht noch vor Wanderern auf verlassenen Gebirgspfaden aufkreuzen, aber niemandem in der Zivilisation.

Kreuzt man jemandem auf? Man erscheint jemandem im Traum, aber mit "aufkreuzen" kann ich mir den Dativ nicht vorstellen. Also müsste es wohl heißen "vor niemandem" oder?

Seine Augen scannten die Häuserzeilen der Bahnhofstraße nach einem Café

Würde man nicht sagen "screenten" oder "screenten ... ab"? Ich finde beides nicht schön. Warum nicht "suchten ... ab"? Ich meine, an der Stelle muss es ein deutsches Wort sein.

Danke für die Geschichte!

Herzliche Grüße
daedalus

 
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Liebe Wortkrieger @Friedrichrichard, @Henry K. und @daedalus,

danke für Eure redaktionelle und philologische Fleiß- und Feinarbeit! An Euren wertvollen Kommentaren merke ich, dass ich den Schuss zu schnell abgesetzt habe, d.h. die Geschichte noch nicht voll ausgereift ist. Mit der Überarbeitung warte ich aber noch etwas, bis sich evt. noch weitere Wortkrieger/innen angeschlossen haben. Aber trotzdem schon mal ein herzliches Dankeschön für Eure Mühe und die insgesamt wohlwollende Einschätzung!

Und um Freidrichrichards Neugier zu befriedigen (auf a - = " un-" hätte ich als Alt-Lateiner eigentlichen kommen können), gebe ich auch meinen ersten Vornamen preis.

LG, Andreas

 
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Er zog er die Schublade auf, sie verkantete sich. Fluchend warf er den Bogen in die schmale Spalte und verschloss die Lade mit einem lauten Poltern. Alles Weitere nahm er nur noch gedämpft wahr: Das Klirren des in die Ecke geworfenen Schubladenschlüssels, das Klicken des Lichtschalters, die ins Schloss fallende Tür.
Das hätt’ ich nach der ursprünglichen Fassung nie geglaubt – wenn es mir einer gesagt hätte – dass Dein Held zu Jähzorn neigt,

lieber Andreas

(der „Mannhafte“, kurz „Tapfere“, was jetzt folgt wirstu mannhaft ertragen), und es ist schon so, dass jede Änderung Gefahren birgt und ich fürchte, dass unser junger Freund nun doch auf dem Kopf gehe wie seinerzeit der "Lenz" – nicht nur der Flüchtigkeit wie anfangs obigen Eingangszitates wegen … Denn auch der erste Satz und ob Buntstifte

Er blickte auf das Papier, das er in den vergangenen Stunden mit Buntstiften bearbeitet hatte:
so viel „farbiger“ wirken als eine Bleistiftzeichnung, die mit Grautönen arbeitet, kann einer nur beurteilen, der beide Zeichnungen sieht.

Ich hab nun leider die ursprüngliche Fassung, die ich mir heruntergezogen hab, schon gelöscht, dass ich hoffe, Du verstehst, was ich meine, aber was für die grafischen Künste gilt, gilt auch für die erzählende, wobei die Poesie geradezu entgegen des Poesiealbums von der Verknappung lebt. Stattdessen nun ein hinkender Vergleich, obwohls ein buchstäblicher Fehlschuss ist

Schon war die Antwort aus ihm heraus, unwiederbringlich wie ein Geschoss, das den Gewehrlauf verlassen hatte.

„Gute Nacht“KOMMA sagte sie zu ihm, so sanft, dass es ihm noch lange in den Ohren klang.

„Ich wollte dich aber nicht allein lassen“, antwortete er kleinlaut.
„alleinlassen“

Zeiteinheit gilt es zumindest innerhalb eines Satzes zu wahren

Schon jetzt[...] wurde ihm bewusst, wird er zu spät kommen.
Mein Vorschlag „… wurde ihm bewusst, zu spät zu kommen

Und immer noch trug er diese schmuddeligen Kleider an seinem Körper.
(im Rucksack wäre vllt. nennenswert ...)

Also nicht den Glauben ans eigene Können (daher kommt ja das Wort Kunst) verlieren, denn Talent hastu genug, den eigenen Weg zu finden, meint der

Friedel,

der noch einen angenehmen Restsonntag wünscht!

 
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Lieber Friedel,

ich schätze die humorige und assoziative Art, wie Du Deine Kommentare schreibst, auch Deine wertvolle philologische Feinarbeit. Nur werde ich aus Deinem letzten nur so halb schlau ... und wusste daher auch nicht so recht, was es mannhaft zu ertragen gilt.

Das hätt’ ich nach der ursprünglichen Fassung nie geglaubt – wenn es mir einer gesagt hätte – dass Dein Held zu Jähzorn neigt ...

"Er zog die Schublade auf, sie sperrte", formulierte ich um in "... sie verkantete sich." Dieses eine Wort macht ihn, glaube ich, aber nicht jähzorniger, oder? Ich schicke Dir die ursprüngliche Fassung am besten nochmal separat zu, falls Du die beiden Fassungen abgleichen möchtest.

Und dass ich die Bleistift- in eine Buntstiftzeichnung umgewandelt habe, war nur Henry K.s berechtigtem Einwand geschuldet, dass man die Haarfarbe auf Bleistiftzeichnungen nur erkennen kann, wenn jemand wirklich sehr gut zeichnen kann.

Außer ein paar redaktionellen Änderungen (z.B. den von Dir entdeckten Schnitzer "zu Tode verurteilt") habe ich darüber hinaus nichts Größeres geändert.

Also nicht den Glauben ans eigene Können (daher kommt ja das Wort Kunst) verlieren ...

Daher ist Deine Vermutung, ich würde an meinen Schreibfähigkeiten zweifeln und vor den Wortkriegern zu viele Kotaus machen - ein "Wortkriecher" zu sein, wenn Du so willst - etwas weit hergeholt.

Dennoch habe ich Deinen zotigen Kommentar wie immer gerne registriert!

Liebe Grüße,
Andreas

 
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@Friedrichard @A. Martin

Hallo ihr beiden,

und es ist schon so, dass jede Änderung Gefahren birgt und ich fürchte, dass unser junger Freund nun doch auf dem Kopf gehe wie seinerzeit der "Lenz" – nicht nur der Flüchtigkeit wie anfangs obigen Eingangszitates wegen … Denn auch der erste Satz und ob Buntstifte
Er blickte auf das Papier, das er in den vergangenen Stunden mit Buntstiften bearbeitet hatte:
so viel „farbiger“ wirken als eine Bleistiftzeichnung, die mit Grautönen arbeitet, kann einer nur beurteilen, der beide Zeichnungen sieht.

Wer der "junge Freund" ist, Andreas (dessen Alter ich nirgends finde) oder der Protagonist (dessen Alter ja auch offen ist) oder gar der gar nicht mehr so junge Henry, ist mir auch nicht ganz klar geworden :-)

Die Buntstifte finde ich jetzt so in der Story allerdings auch nicht ideal, muss ich zugeben. Das klingt jetzt etwas nach Kindergarten oder Schule. Warum gönnst du dem schmachtenden Wanderer nicht einfach eine einzige Fotografie als Erinnerung. Die könnte er dann in der Binnengeschichte beim Abschied von der Hütte knipsen, was die beiden Ebenen dann auch schön verzahnt.

Ist aber natürlich auch wieder nur eine Idee, keine unbedingte Empfehlung. Die Gefahr des Verschlimmbesserns besteht natürlich immer. Man muss halt oft auch einfach ausprobieren, was sich wie liest. Writing is rewriting, sagt man ja. Und am Ende muss sowieso der Autor eine Entscheidung treffen, zugunsten oder wider bestimmte Lesermeinungen oder noch anders. Insofern sind natürlich auch die Buntstifte ok, wenn sie das sind, was letztendlich am besten passt für dich als Autor.

Nur so viel noch mal, weil ich grad mitgelesen hab.

Schönen Abend noch,

HK

 
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Er blickte auf das Papier, das er in den vergangenen Stunden mit Buntstiften bearbeitet hatte: Es zeigte zwei junge Frauen, die eine blond, die andere mit dunklen Haaren. Sie standen auf dem Scheitel eines Gebirgspfades, über ihnen nur der Himmel und in einiger Entfernung die schneebedeckten Gipfel hoher Berge. Die Blonde winkte dem Betrachter zu. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck tiefer, inniger Sehnsucht.

Er wusste alles sofort. Er wollte den Blick der jungen Frau aus seinen Augen schaffen und drehte das Bild auf die Rückseite. Doch auch aus dem leeren Papier verfolgte ihn das Nachbild der winkenden Frau. Er zog er die Schublade auf, sie verkantete sich. Fluchend warf er den Bogen in die schmale Spalte und verschloss die Lade mit einem lauten Poltern. Alles Weitere nahm er nur noch gedämpft wahr: Das Klirren des in die Ecke geworfenen Schubladenschlüssels, das Klicken des Lichtschalters, die ins Schloss fallende Tür.

Moin,

Andreas,

das Fette werte ich immer noch als Ausbruch von Jähzorn, verstanden in des Wortes ureigenster Bedeutung „jäh[lings]“ = hastig, schnell, vor allem aber unerwartet, verknüpft mit dem adjektivistischen „fluchend“.

Wie würdestu diesen Augenblick, der ja doch schon in der ursprünglichen Fassung vorkommt, in einem Wort zusammenfassen wollen?

Nix für ungut

Friedel

 
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Lieber @Friedrichrichard,

Deinen Punkt mit dem Jähzorn lasse ich gerne so stehen. Ich wollte mich nur von Deiner Einschätzung, ich hätte mich vorschnell und unbedacht den Überarbeitungshinweisen der Wortkrieger-Kollegen hingegeben, abgrenzen.

Aber nochmal zum Jähzorn: dieser kommt in der Tat etwas überraschend, da der/die Leser/-in meinen Protagonisten eher als Lamm vor Augen hat. Trotzdem darf man sich nicht täuschen: Selbstunsichere, sozial Ängstliche wie er haben nicht selten ein erhebliches Aggressionspotenzial. Nur richtet sich das nicht nach außen. M.E. steht das auch nicht im Widerspruch mit dem restlichen Text. Dort wirst Du immer wieder Anzeichen von (auf sich selbst gerichtete) Aggression und Selbstabwertung finden. Die übelste, leider häufig unbewusste Form der Selbstabwertung ist die Verabsolutierung, z.B.:

„Er hatte es vergeigt, verhunzt, wie immer.“

Ich hoffe, Du weißt, was ich meine.

Liebe Grüße,
Andreas

 

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