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Brand

Bas

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Brand

Wir standen auf dem Balkon und sahen den Flammen zu, als mein Vater anrief.
»Alles gut. Macht euch keine Sorgen, mir geht es gut.«
Mama hatte uns aus dem Bett geholt, Aria und mich, Aria, der bei mir übernachtete, Mama, die dachte, wir schlafen schon, während wir in Wahrheit unsere Pokémon trainierten, um es mit den anderen Kindern aus der Siedlung aufnehmen zu können.

Seit der Sonnenfinsternis war hier nichts mehr passiert, aber jetzt hatten sich wieder alle versammelt: Draußen rauchten die Männer ihre Zigaretten, jeder wusste von einem anderen zu erzählen, der heute Schicht in der Fabrik hatte, und die Frauen standen mit müden oder ängstlichen Blicken, je nachdem, hinter den Gardinen ihrer Fenster.

Ich musste an den Nachbarn denken, der aus dem Fenster gesprungen war, ich war noch klein, ich musste mich auf Zehenspitzen stellen, um über das Balkongeländer schauen zu können, und da sah ich ihn liegen, mit eigenartig abgewinkelten Armen und Beinen. Ich betrachtete ihn und dachte daran, wie ich damals bei ihm übernachten durfte, nachdem ich den ganzen Tag mit seiner Hündin, seiner Trixi, gespielt hatte, wie er mir das kleine Reisebett bezogen hatte, und wie seine Frau mir am nächsten Morgen gezeigt hatte, wie man ein Ei köpft. Erst dann rief ich meine Mutter und meine Mutter rief den Krankenwagen.
Wenig später flappte über unserem Haus der Hubschrauber, die Bäume wehrten sich, versuchten vergeblich, das brüllende Ungetüm mit ihren dürren Armen zu verscheuchen. Das sattgrüne Augustgras wurde schlohweiß, als die Rotorblätter sie so unsanft aufschreckten und beinahe aus der Erde rissen. Meiner Mutter war der Tumult unangenehm.

Aber Papa ging es gut. An jenem Abend zumindest, rückblickend betrachtet ging es ihm nie gut, wie auch, mit einem Vater, der entweder arbeitete oder um die Häuser zog, vielmehr durch die Gärten zog, durch die kleinen Schrebergärten im Schatten der Papierfabrik, wo immer der Schwefelgeruch in der Luft hing oder der Geruch nach Grillfleisch und wo immer irgendwer eine Bierflasche öffnete, wie in einem fein aufeinander abgestimmten Orchester, in dem statt Streichern und Bläsern Ploppen und Zischen erklang, untermalt vom dialektschwangeren Gerede der Männer: Über die Fabrik, über die Frauen, und immer wieder über die, die glaubten, etwas Besseres zu sein. Die bessere Autos fuhren, die besser in der Schule gewesen waren. Bildung war eine Sache, für die man sich zu schämen hatte, eine Sache für Brillenträger und verweichlichte Tunten, als Mann hatte man zu schaffen, zu schwitzen, zu rackern.

Mein Vater wurde in einen Strudel geboren, der ihn immer weiter hinabzog, bald sollte seine Leber streiken, bald sollte man ihm die Blase rausnehmen, bald lief seine Pisse in einen Katheter und der große, starke Mann wurde wieder zum Kind, das nur noch Eis essen wollte. Weil es das einzige war, das er noch runter bekam, kühl, sagte er dann, schön kühl, und dabei zeigte er auf seinen Hals, mit seinem Arm, der so dünn geworden war wie ein Stock. Aber da hatten wir schon keinen Kontakt mehr. Davon hat man mir nur erzählt, doch an jenem Abend, als die Fabrik in Flammen stand, da rief er uns an und ließ uns wissen, dass es ihm gut geht, dass wir uns keine Sorgen machen mussten, und wir glaubten ihm.

Ich machte mir keine Sorgen. Meine gesamte Kindheit nicht. Nur wenn der Eismann kam, wenn die Kinder nach ihren Müttern riefen, damit sie ihnen in Küchenpapier gestopfte Markstücke vom Balkon schmissen, dann kämpfte ich den immergleichen inneren Kampf: Ich wollte ein Eis, Himmeblau, Stracciatella, egal, Hauptsache kalt, Hauptsache süß, aber mich in die Schlange zu stellen mit all den anderen Kindern und dann mit dem fremden Mann zu sprechen, das war mir zu viel. Und so sagte ich mir: Ich brauche kein Eis.
So sollte es noch einige Jahre gehen. Ich verzichtete, ließ Chancen liegen, genau wie mein Vater ließ ich mich hinabreißen, beide suchten wir unser Heil in der Selbstgeißelung, fühlten uns geborgener im dunklen Ozeanblau als im strahlenden Himmelblau, und die Narben, die wir uns dabei zuzogen, trugen wir, vielleicht, weil wir es nicht anders gelernt hatten, vielleicht aus fehlgeleiteter Männlichkeit, zur Schau wie Kriegsverletzungen. Glücklicherweise begriff ich irgendwann, was ich mir damit antat. Mein Vater hatte dieses Glück nicht.

In den Sommern, wenn ich Ferien hatte, strampelte ich frühmorgens die Decke von mir und stürmte an den Frühstückstisch. Ich schaufelte Cornflakes in mich hinein, Cini Minis, Kellogg’s, Nesquik, überflog zum abertausendsten Mal die Packungsrückseiten, den kurzen Comic, das simple Rätsel, und die Milch auf der Oberlippe war kaum getrocket, da war ich schon wieder da, wo ich hingehörte: Draußen. Im Grünen, da, wo die Kastanien und die Birken blühten, die Birken mit ihrer schwarzgepunkteten Dalmatinerhaut und den gelben Würmern, die im Laufe des Jahres zu Staub zerfielen, bei den wuchtigen Kastanien mit ihren giftgrünen Stachelbomben, die im Sommer die Schneebälle ersetzten, die Schneebälle, die es heute nicht mehr gibt.

Ab jetzt wurde die Siedlung von den Kindern regiert. Von Jungen mit angespitzten Stöcken und Gameboys, von Mädchen mit Gummitwists und Tamagochis, und erst zur Mittagszeit ließen sich die Erwachsenen blicken, meistens die Mütter, eine nach der anderen erschien dann auf dem Balkon und rief zum Essen, und nachmittags schimpften sie von denselben Balkonen, wenn wir zu laut waren. Die Väter arbeiteten Schicht, und wenn die Rollläden unten waren, hatten wir still zu sein. Und wir waren still. Wir zogen die Köpfe ein, zogen weiter, an den Rand der Siedlung, näher zur Fabrik, näher zum Schwefelgestank.
Selten kam es vor, dass einer der Väter zum Essen rief. Dann ging der Gerufene mit geschwollener Brust nach Hause, wohl wissend, dass die anderen ihn für den Rest des Tages beneiden würden, sich ausmalten, dass er die Sorte von Vater hatte, die sich alle wünschten, die Sorte, die sich mit einem unterhielt, die wirklich interessiert war und nicht nur vor ihrem eigenen Kummer davonrannte oder ihn im Alkohol ertränkte. Und viel zu oft übersahen wir, geblendet vom Heldenglanz unserer Väter, was unsere Mütter leisteten. Eine Mutter hatte zu funktionieren, das war ihre Aufgabe, und eine Mutter, die das nicht tat, war ein Unding, eine Lottertante und eine Egoistin.

Tausende solcher Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich das Feuer und das Gewusel der Leute betrachtete, zuerst dachte ich an den Nachbarn, der aus dem Fenster gesprungen war, aber ich dachte auch daran, wie schön so ein Feuer war, wie schwarz der Himmel überall sonst war und wie er jetzt leuchtete über unserer Siedlung, unserem kleinen, abgeschotteten Mikrokosmos mit den buckelnden Männern, den duldsamen Frauen und den aufgeweckten Kindern. Ich dachte daran, was ich zuerst retten würde, wenn unser Haus brennt, eher mein Panini-Album oder meinen Gameboy, und ob Schiggy mit seiner Aquaknarre das Feuer löschen könnte. Ich dachte an meinen Vater und an die anderen Männer in der Fabrik. Ob sie jetzt froh waren, nicht mehr arbeiten zu müssen, ob sie da drüben auf der anderen Seite des Zaunes genauso staunend in den Himmel starrten wie Mama, Aria und ich, ob sie dabei Bier tranken, es zischen ließen und ploppen, und ob sie tanzten, so wie mein Vater an Silvester getanzt hatte, mit dem Partyhut auf dem kahlrasierten Schädel, der Zigarre im Mund und mit Trixi auf dem Arm, der vor Freude die Zunge aus dem Hals hing. Mein Vater, der an einem einzigen Abend die ganze Welt umarmen wollte. Als hätte er schon damals gewusst, dass er gerade zum letzten Mal Luft schnappte, bevor die Aschewolke alles ersticken sollte.
Denn bald sollten wir erfahren, was so ein Feuer auch bedeuten konnte: Mehr Arbeitslosigkeit, mehr Ehen, die in die Brüche gingen. Mehr Gewalt und mehr Krankheit, körperlich und physisch, mehr Alkohol, vor allem mehr Alkohol. Mehr Angst.
Aber noch ging es uns gut, in unserer kleinen Welt, in unserer kleinen Familie, die es so nicht mehr gibt.

 
Wortkrieger-Team
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Servus @Bas,

puh, ich hab das Gefühl, gerade ein halbes Leben in mich aufgesogen zu haben. Mit wenigen Worten. Ganz schön dicht der Text. Sei's drum, er hat mir sehr gut gefallen. Lakonisch erzählt. Anhand der Kinderspielzeuge sehe ich, dass diese Kindheit weit nach meiner stattfand, aber das Setting hat sich nicht geändert. Das ist das Tragische an der Geschichte. Da kann man 1950 schreiben, 1960, 1970 oder 1980, völlig egal. Als steckte man in einer Zeitschleife. So weit haben es die Menschen also nicht gebracht.

untermalt vom dialektschwangerem Gerede
untermalt vom dialektschwangeren Gerede
Später ging es noch schlechter, später, als sie ihm die Blase rausnehmen mussten
theoretisch könntest du das 2. später entfernen, macht es nicht schlechter
Und so sagte ich mir: Ich brauche kein Eis.
Und so sollte es mir noch einige Jahre gehen
Ich glaube, den ersten Satz würde ich umwandeln, beim zweiten Satz gefällt mir "und so" gut
und wenn die Rollläden unten waren, hatten hatten wir still zu sein

der vor Freude die Zunge aus dem Hals hing.

Ich nehme an, es ist keine klassische Kurzgeschichte, aber eine kurze Geschichte. Ich kann mich sehr gut hineinversetzen und sie trifft auf viele Erinnerungen, obwohl ich älter bin. Hast du gut gemacht.

Griasle
Morphin

 

Bas

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Hallo @Morphin,

schön, dass du vorbeischaust.

puh, ich hab das Gefühl, gerade ein halbes Leben in mich aufgesogen zu haben. Mit wenigen Worten. Ganz schön dicht der Text.

Da frage ich mich: Zu dicht? Zu viel auf zu wenig Raum? Zu erdrückend? Ist ja nicht ganz unfreiwillig. Ich hatte bei dem Text, ohne zu abgefahren klingen zu wollen, so was wie ein Kaleidoskop vor Augen, viele Muster und Abzweigungen, die sich dann aber doch zu einem stimmigen Bild fügen. Pro: Dicht. Mögliches Contra: Unbefriedigter Leser, weil zu viel angeschnitten und zu wenig ausgeführt wird.

Anhand der Kinderspielzeuge sehe ich, dass diese Kindheit weit nach meiner stattfand, aber das Setting hat sich nicht geändert. Das ist das Tragische an der Geschichte. Da kann man 1950 schreiben, 1960, 1970 oder 1980, völlig egal. Als steckte man in einer Zeitschleife. So weit haben es die Menschen also nicht gebracht.

Gewissermaßen freut es mich, dass du dich da hineinfühlen konntest. Ja, einerseits ist es schade, tragisch, wie du sagst, andererseits doch irgendwie beruhigend, dass die Zeit trotz Pokémon und Tamagochi nicht zu schnell voranschreitet, sodass die Jungen und die Alten doch noch auf ähnliche Erfahrungen zurückgreifen und sich dementsprechend auch eine Stütze sein können, wenn es mal brenzlig wird.

Ich nehme an, es ist keine klassische Kurzgeschichte, aber eine kurze Geschichte.

Mit dem Urteil kann ich leben. Freut mich, dass du das gerne gelesen hast, vielen Dank auch für die Flusenlese, habe mich schnurstracks ans Verbessern gemacht (außer an einer Stelle, da schiebe ich noch rum). Vielen Dank für deine Rückmeldung und bis bald,

Bas

 
Wortkrieger-Team
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Hi @Bas,

also "zu dicht" ist, wie es wirkt auf mich. Aber ich hab nix dagegen. Im Gegenteil. Gerade deswegen hat es mich angefixt.

Also alles gut.
Griasle
Morphin

 
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Hey @Bas ,

was ist eigentlich gerade auf wk.de los? :D Prä-Sommer-Pause? Ich checke immer, wenn ich gerade ein zwei Minuten habe, was läuft, aber viel ist nicht. Da habe ich mich zuletzt über Ziggas und jetzt über deine Story gefreut. Sehr schön. (Edit: gut Peeperkorn und ja ... okay, einige haben was geschrieben; trotzdem kommt es mir zur Zeit so still vor).
Deine Story spricht mich jedenfalls an. Ich hab darin vieles aus meiner eigenen Kindheit wiederempfunden. Dieses Sommerferiengefühl. Pokemon (blau) und Cornflakes. Das ist eine Art einfühlender Rückblick. Da schreibt jemand Erwachsenes und mit Vokabular, intoniert sein altes Ich zugleich aber auch. Denn manchmal spricht er kindlich, obwohl er ja zum Erzählzeitpunkt erwachsen ist. Du hast viele gute Stellen drin, auch so sprachlich Schönes: "Erst dann rief ich meine Mutter und meine Mutter rief den Krankenwagen." Viele feine Sätze.

während wir in Wahrheit unsere Pokémon trainierten, um es mit den anderen Kindern aus der Siedlung aufnehmen zu können.

das bin ich mit 9 oder 10 vielleicht :D

Ich musste unwillkürlich an unseren Nachbar denken, der vor einigen Jahren aus dem Fenster gesprungen war.

Er erzählt das schon irgendwie auch unbeteiligt. Einerseits redet er viel darüber, andererseits hat das so etwas Lapidares, als wäre das gar nicht seine Biografie.

das sattgrüne Augustgras wurde schlohweiß, als die Rotorblätter sie so unsanft aufschreckten und beinahe aus der Erde rissen

So ein Mix aus dem erwachsenen Erzähler "schlohweiß" "Rotorblätter" und der kindlichen Fantasie "aus der Erde rissen", die ihm vielleicht immer noch eigen ist.

und nicht nur vor ihrem eigenen Kummer davonrannte oder ihn ertränkte.

Die Dichte an Metaphern macht auch diesen Satz sehr kompakt. Da denke ich, er ertränkt den Kummer, und sehe einen See oder dergleichen, aber du meintest sicher den Alk, oder? :) Würde ich eventuell voll ausschreiben, damit das als die Redewendung identifizierbar ist.

Ja, Bas. Morphin hat es schon auf andere Weise gesagt: Kurzer, knackiger Text. Bin dir gerne gefolgt und freue mich aufs Nächste. Gehe jetzt erstmal nach einem langen Tag freiwillig in die Falle.
Beste Grüße und einen schönen Abend dir
Carlo

 

Bas

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Heyo du treuer @Carlo Zwei,

was ist eigentlich gerade auf wk.de los? :D Prä-Sommer-Pause? Ich checke immer, wenn ich gerade ein zwei Minuten habe, was läuft, aber viel ist nicht.

Viel ist da nicht, sagst du ... Ich war noch nicht über Zeitz hinweg und da hast du schon den alten Hafen rausgehauen und quasi zeitgleich höre ich dann von deinem Vorlesungserfolg mit einer Geschichte, wo schon die Kurzbeschreibung klingt, als wäre sie durchdachter als ... Lassen wir das. Ich habe jedenfalls zwischenzeitlich überlegt, dich privat anzuschreiben und dich nach deinem derzeitigen Motivationsgeheimnis zu fragen, mich dann aber dazu entschieden, einfach zu beobachten und zu genießen. Bin schwer beeindruckt von deinem Schaffen, empfinde das als sehr inspirierend und motivierend.

Deine Story spricht mich jedenfalls an.

Das freut mich natürlich.

Da schreibt jemand Erwachsenes und mit Vokabular, intoniert sein altes Ich zugleich aber auch. Denn manchmal spricht er kindlich, obwohl er ja zum Erzählzeitpunkt erwachsen ist.

Auch das, insbesondere das. Weil ich nicht wusste, ob das funktioniert. Fragt man sich da nicht: Wer erzählt da?, hab ich mich gefragt. Es ist ja so ein Mischmasch aus quasi-Reminiszenz eines "alten" Erzählers und Erleben eines Kindes, halbwegs reflektiert auf der einen, ahnungslos im-Jetzt-lebend auf der anderen. Schön zu sehen, dass du das "kaufst".

Die Dichte an Metaphern macht auch diesen Satz sehr kompakt. Da denke ich, er ertränkt den Kummer, und sehe einen See oder dergleichen, aber du meintest sicher den Alk, oder? :) Würde ich eventuell voll ausschreiben, damit das als die Redewendung identifizierbar ist.

Mach ich, danke für den Hinweis.

Sollten wir uns jemals im echten Leben über den Weg laufen, bestehe ich auf einen Kampf über Linkkabel. Meine gelbe Edition läuft noch :cool:

Bis hoffentlich bald,

Bas

 
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Lieber @Bas ,
wie schön, dass wir unsere Geschichten wieder austauschen können.

Ich hatte bei dem Text, ohne zu abgefahren klingen zu wollen, so was wie ein Kaleidoskop vor Augen, viele Muster und Abzweigungen, die sich dann aber doch zu einem stimmigen Bild fügen.
Das Kaleidoskop trifft den Kern der Geschichte sehr gut. Ich habe auf meinem Schreibtisch ein schönes Kaleidoskop stehen und benutze es oft, um mich abzulenken oder neu zu motivieren. Dazu richte ich es auf irgend einen Punkt im Zimmer, auf ein Möbelstück oder das Sofa, vielleicht auch auf eine Topfpflanze oder eine brennende Kerze. Ein kleiner Dreh, und schon entstehen ganz neue Farben und Strukturen in überraschenden Kombinationen.

So ähnlich geht es mir bei deinem Text. Die Dichte der Bilder ist sehr anregend, zumal du die Dimension Zeit mit einbeziehst.

Wir standen auf dem Balkon und sahen den Flammen zu, als mein Vater anrief.
»Alles gut. Macht euch keine Sorgen, mir geht es gut.«
Dies ist also der Fixpunkt, von dem aus der Prota Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht auch die Zukunft beleuchtet.
Papa ging es gut. An jenem Abend zumindest, rückblickend betrachtet ging es ihm nie gut, vermute ich, wie auch, nach einer lieblosen Kindheit mit einer lieblosen Mutter und einem Vater, der entweder arbeitete oder um die Häuser zog, vielmehr durch die Gärten zog, durch die kleinen Schrebergärten im Schatten der Papierfabrik, wo immer der Schwefelgeruch in der Luft hing oder der Geruch nach Grillfleisch und wo immer irgendwer eine Bierflasche öffnete,
Das ist so eine Zusammenfassung von Leben, wie es in Variationen immer und immer wieder auftaucht:
Väter, die selbst eine lieblose Kindheit erlebt haben und die mehr schlecht als recht für die Familie sorgen (obwohl sie sich wahrscheinlich ganz fürchterliche Sorgen machen, bis sie resignieren)
Kinder, die sich abschotten, in Spielwelten, die je nach Lebensstandard unterschiedlich ausfallen
Kinder, die eigene Überlebensstrategien entwickeln, um anders aus diesem Kreislauf herauszukommen.
Selten kam es vor, dass einer der Väter zum Essen rief. Der Gerufene ging dann mit geschwollener Brust nach Hause, wohl wissend, dass die anderen Kinder ihn für den Rest des Tages beneiden würden, sich ausmalten, dass er die Sorte von Vater hatte, die sich alle wünschten, die Sorte, die sich mit einem unterhielt, die wirklich interessiert war und nicht nur vor ihrem eigenen Kummer davonrannte oder ihn im Alkohol ertränkte.
ein Grundmuster, das in vielen Milieus und Generationen auftaucht und in Autobiografien eine große Rolle spielen.
Meiner Mutter war das unangenehm. Sie war eine zurückhaltende Frau, schon immer gewesen, und aus irgendeinem Grund fühlte sie sich für den Tumult verantwortlich.
Frauen kommen in diesem Kaleidoskop vor allem als (Haus-)Frauen vor. Ist keine Kritik, lieber Bas, nur der realistische Blick auf ein lange gültiges Frauenbild.

Gibt es Ansätze für Veränderungen? Hier habe ich einen gefunden:

Ich machte mir keine Sorgen.
Wenn mir etwas zu schwer erschien, verzichtete ich, auch wenn der Verzicht mehr weh tat als alles andere. Das war eine der wenigen Eigenschaften, die ich von meinem Vater geerbt hatte: Beide schienen wir die Selbstgeißelung zu genießen, beide fühlten wir uns geborgener im dunklen Ozeanblau als im strahlenden Himmelblau, und die Narben, die wir uns dabei zuzogen, trugen wir, vielleicht, weil wir es nicht anders gelernt hatten, vielleicht aus fehlgeleiteter Männlichkeit, zur Schau wie Kriegsverletzungen. Glücklicherweise begriff ich irgendwann, was ich mir damit antat.
Dieser Junge hat das Talent, seine Kindheit auszuleben und sich selbst zu verändern. Wann und wodurch die Veränderung eintritt, erfahre ich nicht. Ich male sie mir eben selber aus.
Und das gefällt mir auch:
Mein Vater hatte dieses Glück nicht.
ja, das ist als Quintessenz liebevoll formuliert.

Danke für den schönen Text, der mir auch in sprachlicher Hinsicht gut gefällt.

Herzliche Grüße
wieselmaus

 

Bas

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Hallo @wieselmaus,

ich weiß nicht, ob du dich erinnerst, aber vor - mittlerweile kann man das schon sagen, verrückt -, vor ein paar Jahren hast du mir mal geschrieben, dass du die Geschichte "in deinem Ohrensessel verschlungen hast". Seitdem gibt es dich für mich nicht mehr ohne diesen Ohrensessel. Dass die Inneneinrichtung jetzt noch um einen Schreibtisch, eine Topfpflanze und ein supercooles Kaleidoskop erweitert wird, gefällt mir sehr gut.

Frauen kommen in diesem Kaleidoskop vor allem als (Haus-)Frauen vor. Ist keine Kritik, lieber Bas, nur der realistische Blick auf ein lange gültiges Frauenbild.

Das darfst du durchaus kritisieren, sollst du vielleicht sogar. Ich habe überlegt, das deutlicher zu zeigen, denke immer noch darüber nach, wie ich das angehen könnte, ich selbst bin nämlich der Ansicht, dass diese "Hausfrauen" sehr viel mehr sind als ... das.

Vorerst habe ich zumindest an ein, zwei Stellen noch mal das teilweise verquere Denken der hier agierenden Männer stärker herausgearbeitet. Dabei muss ich allerdings acht geben, nicht zu sehr mit dem Finger auf sie zu zeigen, denn auch hier bin ich wieder bei dir:

Väter, die selbst eine lieblose Kindheit erlebt haben und die mehr schlecht als recht für die Familie sorgen (obwohl sie sich wahrscheinlich ganz fürchterliche Sorgen machen, bis sie resignieren)

In meinem Umfeld ist der "Vorzeigevater" die Ausnahme, aber ich glaube nicht, dass diese Väter die schlechten Menschen sind, als die sie dann gerne mal dargestellt werden. Kinder aufzuziehen ist eine riesen Verantwortung und ja, ich würde mir wünschen, dass jeder dieser Verantwortung gerecht werden kann oder zumindest sein Allerbestes gibt. Ich persönlich bin aber hin und wieder schon mit meiner Topfpflanze überfordert, deshalb mag ich mir da nicht anmaßen, zu urteilen, auch nicht in einem fiktiven Text.

Dieser Junge hat das Talent, seine Kindheit auszuleben und sich selbst zu verändern. Wann und wodurch die Veränderung eintritt, erfahre ich nicht. Ich male sie mir eben selber aus.

Dass du das tust und kannst, freut mich, nehme ich aber an der Stelle auch gerne als Kritik an dem Text mit. Es ist eine Momentaufnahme, ein Standbild ohne viel Entwicklung, und ich meine mal gehört zu haben, Entwicklung ist nicht ganz unwichtig für eine wirklich gute Geschichte.

Sei's drum, ich danke dir vielmals für deinen Besuch und hoffe, du kannst das tolle Wetter genießen. Bis hoffentlich bald,

Bas

 
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Hallo @Bas ,

durch die langen Sätze, oft mit kurzen Satzteilen, entsteht auf jeden Fall ein guter Lesefluss.

Ich bin hierbei nur, trotz der durchdachten Formulierungen, nicht sicher, ob das dem Text/dem Inhalt einen Gefallen tut. Es wirkt teilweise so, als wollte jemand bei einem Schnellsprechwettbewerb (gibt es so was?) sein Leben runterrasseln.

Es entsteht zwar eine spürbare Stimmung des Arbeiterlebens und der Umgebung, aber inhaltlich denke ich dann leider auch nicht weiter drüber nach. Neben dem Tempo, oder auch deswegen, kommt es recht distanziert und emotionslos rüber.

Und wenn es schon so erzählt wird, oder zumindest bei mir so ankommt, finde ich halt auch nichts, was mich wirklich interessiert und erreicht.

Hat mir also leider, trotz deiner Formulierungen, nicht so gefallen. Ich bekomme durch die Erzählart keine Bindung zum Protagonisten und bleibe als Leser eher teilnahmslos.

Viele Grüße,
Rob

 

Bas

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Guten Morgen @Rob F,

kann ich (leider) gut nachvollziehen, was du da sagst.

Ich bin hierbei nur, trotz der durchdachten Formulierungen, nicht sicher, ob das dem Text/dem Inhalt einen Gefallen tut. Es wirkt teilweise so, als wollte jemand bei einem Schnellsprechwettbewerb (gibt es so was?) sein Leben runterrasseln.

Ja, verstehe ich. Der Text behandelt emotionale Themen, der Erzähler bleibt aber distanziert und emotionslos, das geht nicht gut zusammen. Vermutlich habe ich mich da in eine Sackgasse geschrieben, indem ich Form über Inhalt gestellt habe, das versuche ich zukünftig zu vermeiden. Danke für die klare Kritik, weiß ich zu schätzen!

Wünsche dir einen schönen Sonnensonntag und bis bald,

Bas

 
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Hey @Bas,

eine sehr schöne, kleine Geschichte. Gerade der Sound gefällt mir ausgezeichnet. Damit meine ich einfach den Klang, den dein Text erzeugt, das flutscht wirklich sehr gut. Ich finde, diese Sprache ist wirklich viel wert. Bei manchen Texten oder Autoren - gar nicht ausschließlich auf das Forum bezogen - fällt es mir oft schwer, einzusteigen oder dran zu bleiben. Das liegt auch an der Sprache, der irgendetwas fehlt. Dann gibt es wiederum Autoren, bei denen man einfach so wegliest. Dazu zähle ich den Text hier, und dich als Autor allgemein.

Ich hab das sehr gerne gelesen. Ich finde auch, dass du mit dem Text ein wenig eine narrativere bzw. erzählendere Richtung einschlägst, die, wie ich finde, dir gut gelingt und für mich sehr gut funktioniert. Ich habe das Gefühl, du gehst hier ein wenig weg vom Surrealismus - oder wie auch immer man die Gattungen nennt - und ein wenig mehr zu Realismus, zu Plot, Figuren. Bin wirklich gespannt, was noch in der Richtung von dir kommt, weil ich das hier sehr gut gemacht finde.

Für mich tragen die Sprache und die Authentizität durch diesen Text. Du wirst dich wundern, wie viele Leute, die jetzt nicht selbst Autoren sind, auf dieses nostalgisch-authentische abfahren. Das meine ich in keinem Fall desrespektierlich. Wenn ich hin und wieder - wirklich nicht oft - auf Lesungen war, waren das meistens die Texte, die wirklich abgefeiert wurden.

Ja, es gibt auch die Stimmen, habe ich in den Vorkommentaren gesehen, die womöglich das nötige Show vermissen, denen das zu schnell geht und die mehr connecten wollen durch mehr Szenen und weniger Tell. Ich verstehe die Seite. Vielleicht ist es auch wichtig, das zu hören, damit man den eigenen Text besser einschätzen kann. Ich kann mittlerweile gar nicht mehr anders, als mit so einer Autorenbrille zu lesen und auch immer zu gucken, wie ist ein Text aufgebaut, wie viel Show, wie viel Tell. Das stresst mich manchmal selbst, weil ich eigentlich auhc sehr gerne nach Bauch lese und etwas mögen will, das mir einfach gefällt, ohne dass ich jetzt die Erklärungen über die Technik oder so haben möchte. Ich möchte das Tell irgendwie gar nicht mehr verurteilen. Es gibt eine Vielzahl an Gründen, weswegen ein Text funktionieren kann und weswegen nicht. Ich finde, man muss einem Text auch etwas Tribut zollen, wenn er kurz sein will, und trotzdem etwas erzählen möchte. Wenn dann Abstriche gemacht werden, was meinetwegen Show betrifft, aber mir trotzdem was geboten wird, dann ist das einwandfrei für mich. Für mich hast du das hier geschafft.

Ich mag das Teil hier, ich mag die Kürze, was der Text erzählt, wie er es erzählt, wie die Sprache flutscht. Ich hatte Bock dabei und konnte durch die Überschneidungen, diese kleinen Arbeitersiedlungen, Pokémon-Gameboy, mit Jungs draußen zum Eiswagen, da konnte ich einfach ganz stark mit connecten, weil das auch die Welt ist, in der ich selbst aufgewachsen bin.

Auch den Brand als Aufhänger finde ich gut. Ich mag sowieso Brände in Geschichte, das gibt oft großartige Metaphern oder ja, weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, das Bild eines Brandes ist einfach gewaltig und ich bin da irgendwie ein Fan von.


Ein (kleiner) Kritikpunkt:

Ich hoffe, du nimmst mir das nicht krumm, ich hab auch kein Anspruch darauf, dass ich hier die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte, aber an ein paar Stellen, an der es um "die Fabrik" geht, kam mir der Text ein wenig nicht ganz 100% authentisch vor, wie er mir über die Gesamtstrecke eigentlich sehr authentisch vorkam. Ich suche dir die Stellen mal raus und überlasse dir, wie du weiter fungierst.
In meiner City haben wir auch Großindustrie, ich würde sagen, ungefähr die Hälfte der Einwohner arbeitet entweder direkt dort oder in einem der Zulieferbetriebe. Deswegen kenne ich das und maße mir an, hier meinen Senf zu zu geben:

jeder wusste von einem anderen zu erzählen, der heute Schicht in der Fabrik hatte
Das fand ich etwas seltsam - wieso erzählen sich die Männer, welcher andere Mann, der nicht in der Gruppe dabei steht, Schicht hat? Ich kenne das so irgendwie nicht. Es wird eher erzählt, wann man selbst wieder Schicht hat, oder es wird über Urlaub, Fußball, Wetter, Auto und außerarbeitliche Dinge geredet. Meiner Erfahrung nach reden Leute dann hauptsächlich von ihrer Arbeit, wenn man jemanden trifft, der auch in der selben Fabrik arbeitet. Dann geht es um den Meester oder wo man genau arbeitet.

Und: Schicht haben könntest du mit "Erste", "Zweite" oder "Dritte (Schicht)" umschreiben. Keine Ahnung, ob man das bei euch so sagt, aber irgendwie sagen die Leute hier immer gleich mit dazu, welche Schicht sie haben, und nicht nur, dass sie Schicht haben

Über die Fabrik, über die Frauen
Ha, da hast du es ja drin!

Noch etwas: Bei uns sagt niemand "die Fabrik", wenn es um die Fabrik geht, sondern meistens ist im Raum von Großindustrie ja mehrere Fabriken angesiedelt, und dann gibt es witzige Namen für die Fabrik, in der man arbeitet, bei uns heißt z.B. eine "bei die Schweden" oder "die Bosch". Also, im Grunde sagen die Leute den Namen der Firma, für die sie arbeiten, will ich damit sagen. Wäre noch ein Detail. Aber hey, ich will dir auch nicht rein reden, wenn du das so kennst aus deinem Umfeld, kauf ich das.

Bas, gerne mehr in diesem Stil. Hat Bock gemacht.

Lass dir gut gehen
zigga

 

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