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Buntglasfenster
Er fand sich wieder. Im Regenbogenlicht des Buntglasfensters der Church Starmill. Die roten, blauen, grünen gläsernen Dreiecke, Vierecke und Sonst-wie-Ecke schimmerten in der blassen Kriegssonne des sich langsam verabschiedenden Tages. Sie hingen wie Stalaktiten vom oberen Rahmen herab und der halbe Jesus, der ein Herz mit Kreuz in der Hand hielt, starrte ihm in sein von Staub und Schwarzpulver beflecktes Gesicht. Viel hielt er von ihm nicht, jedoch könnte er sich gern mal zeigen …
Es müssten nun fünf Tage vergangen sein, seitdem sein Trupp ihn verlassen hatte. Er wusste es nicht sicher. Mehrmals war er bewusstlos geworden und nur die Reflexionen vom Glas hatten ihn ab und zu aus seiner Ohnmacht befreit. Es war wie die Gischt, die einem an die Hacken peitscht. Seine Rippen schmerzten sehr mit jedem Atemzug. Er hatte sich wohl ein paar gebrochen und nun ähnelten sie dem zerstörten Kreuzrippengewölbe über seinem Kopf. Statusbericht: eine Essensration für zwei Tage, ein halbes Magazin, eine Packung Zigaretten mit Feuerzeug und ein Stück Seil, welches er mitgenommen hatte, als sie vor ein paar Tagen das kleine Dorf südlich durchstreift hatten. Sie marschierten schnurstracks die einzige Hauptstraße hinunter und so schnell sie angekommen waren, waren sie auch wieder aus dem Ort verschwunden. Am Rande spielte eine Schar von Kindern Springseil, und so unschuldig, glücklich und hoffnungsvoll die Kinder auch waren, so brutal war der Krieg hingegen, und so bekam er den Befehl, ihnen das Seil zu entnehmen.
Er hievte sich zum Frontalschiff der Kirche. Gemälde, Schriftzüge und Statuen weiterer Heiliger zogen an ihm vorbei. Für Gott hatte er nie was übrig, und nun sollte er in einer Kirche sterben.
Verdammt ironisch.
Am Altar angekommen, fand er ein halb herunterhängendes Stück Stoff, ein Kruzifix, ein paar Kerzen und einen Kelch voller Hostien. Ohne zu zögern, stopfte er sich eine Hand davon in den Rachen. Sein ohnehin schon trockener Hals verwandelte sich in Schleifpapier. Was würde er nur für ein Glas vom Blute Christi tun? Einen von denen erschießen?
Vielleicht.
Er nahm das Feuerzeug aus der Tasche und zündete die Kerzen an. Für einen kurzen Moment kam in ihm der Zweifel auf, durch das Feuer entdeckt zu werden.
Sei es drum. Er hatte eh nicht mehr vor, heute noch zu leben. Er hatte noch nie um sein Leben gefleht und hatte es auch nicht vor. Erst recht nicht in solch einem verdammten Haus.
Sohnemann! Das ist ein Haus Gottes! Hüte deine Zunge!
Eben nicht. Es waren nur vier Wände und ein Dach.
Die Gischt peitschte erneut an seine Hacken. Er musste wohl wieder weggetreten sein. Wie viel Zeit verging diesmal? Er wusste es nicht. Er sah nur, die Kerzen waren bis unten hin abgebrannt und die Wachsschicht war matt, trocken und hart. Bevor er einen Gedanken zu Ende fassen konnte –
Plötzlich pulsierten seine Adern, als krabbelten Ameisen unter seiner Haut. Sein Atem flachte ab, trotz der Höllenqualen.
Sohnemann …
Und die Augen befeuchteten sich ein letztes Mal. Sein Trupp hatte schon vieles gesehen, vieles gehört, vieles verbrochen und vieles verleugnet, doch auf seine Instinkte konnten sie sich immer verlassen. Es war wie ein Warnsignal. Ein Hund, der das Gewitter meilenweit riechen konnte. Zuvor scherzten sie noch darüber, griffen nach den Marken und bellten, doch als dieser Instinkt erstmals zum Einsatz kam, fluchten sie und nahmen Gottes Namen so oft in den Mund, so viele Ameisen lebten nicht in einer Kolonie. Jedoch kam der Instinkt für einige zu spät.
Er beugte sich vor, ging auf die Knie, als habe Gott ein Machtwort gesprochen, und spürte den Moment des ersten Rasierschnitts am Hals. Haarscharf verfehlte ihn die Kugel und noch bevor sie die Kirche durch das Buntglasfenster verließ, prallte sie im Zickzack umher. Wohin sie wohl fliegen mag? Was sie wohl treffe? Gedanken, die jetzt keine Priorität hatten. Nur der pure Instinkt zählte. Er verschanzte sich hinter einer der Bänke. Es fiel kein weiterer Schuss, es herrschte Totenstille. Man könnte meinen, man vernehme nur das Summen einer Fliege, doch wahrscheinlich war es das abklingende und geschwächte Gedonner von Bomben an der Südfront. Wie ein leichtes Peitschen von Grashalmen an der Ferse. Er blickte umher und vernahm sie: eine leichte Spiegelung am Fenster. Ein Schuh! Voller Morast und bis zur untersten Schicht abgelaufen. Was sich in den darauffolgenden Sekunden abspielte, war stumpf und ruhig. Fade im Geschmack. Doch so war der Krieg eben: weder eine Geschmacksexplosion noch ein epischer Roman. Er war keine Heldengeschichte, nur leere Worte im Geschichtsbuch. Er war gespickt mit Ängsten, Zynismus und Unspektakulärem. Wer sich als Protagonisten sah, war noch bevor sein Fallschirmsprung am Boden endete, sechs Meter unter der Erde.
Er traf ihn. Ein Schuss. Ein Knall. Ein zu Boden fallender Körper. Minuten geschah nichts. Nur diese verdammte Totenstille.
Herrgott, Sohnemann!
Er trat hervor und sah die Schuhsohle direkt auf sich gerichtet. Der restliche Körper verdeckt von Trümmerteilen. Mit Kimme und Korn an seinen Augenringen sowie vorsichtiger Hast bewegte er sich darauf zu. Wie mag er wohl aussehen? Ob jung, ob alt? Mit Bart oder ohne? Gedanken, die jetzt keine Priorität hatten. Es war der Feind. Einmal Feind, immer Feind. Feind war –
Freund?
Freund!
Das Grün der Uniform, die Waffe, die Abzeichen … 5. Panzerdivision. Nicht sein Trupp, aber sein Mann! Seine Pupillen zitterten und er hatte einen leeren Blick. Er gurgelte Blut. Seine Kehle klang wie das letzte Restwasser, das den Abfluss hinunterfloss, und sein Brustkorb tickte im Takt seiner Uhr. Null Neun Vierundzwanzig zeigte sie an.
Zieh deinen neuen Anzug an, Sohnemann. Der Gottesdienst wartet nicht auf dich!
Er fiel vor ihm auf die Knie. Presste seine Hände gegen die Wunde, und doch brachte es nichts. Sein letzter Atemzug war schwach, zitternd. Über seine Lippen kam kein Wort, kein Name. Er versuchte erst gar nicht, Laute zu bilden. Und plötzlich flachte die Brust ab. Der Körper wurde träge. Das Pulsieren der Augen stoppte, und feiner Ruß bedeckte die Linse, ohne jegliches Befeuchten von ihr.Amen.Gedanken kreisten in seinem Kopf. Sie handelten von allem und nichts. Von nichts und allem. Sie waren wie die gottverdammte Ruine, in der er feststeckte.
Sohnemann, jetzt reicht es! Wo ist mein gottverdammter Gürtel?
Sein Instinkt schaltete sich ein und seine Beine bewegten sich einfach. So wie Ameisen den Pheromonen ihrer Kameraden folgten, so folgte er auch seinen Kameraden. Ein Blick auf das Seil genügte und er wusste es. In seinen Händen fühlte es sich rau an, wie sein Bart, und teilweise ragten Fasern heraus. Das ständige Schleifen am Boden, während ein oder zwei Kinder damit gesprungen waren, hatte es abgenutzt. Hätte er Kinder gehabt, hätte er vermutlich an sie gedacht. Oder auch nicht. Er dachte nur an den Singsang, den die Kinder dabei von sich gegeben hatten. Spring, spring, spring, so hoch hinaus …
Elf Siebzehn tickten die Uhren. Sie sicherten den Bereich und traten ein. Die Gewehre sanken nieder und eine Totenstille herrschte. Sie alle vernahmen den leblosen Körper ihres Kameraden. Im Licht des Buntglasfensters taumelte er sanft hin und her … Hin und her …Wie die Gischt am Sandstrand der Normandie. Die blasse Kriegssonne spiegelte sich im Wasser wider und die Wellen zögerten nicht, sie zu brechen.