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Claude

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15.02.2018
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Claude

Im Untergeschoss des Forums sah man nie die Sonne. Es gab nur das fluoreszierende Licht der Neonlampen, die hellen Gänge, die vielen Türen. Das Licht brannte immer, auch sonntags, wenn das Forum schloss und niemand mehr im riesigen Komplex war. Die Neonröhren wurden ausgetauscht. Das Licht blieb.

Claude arbeitete am Ende des langen Ganges. Eine Tür, dann zwei Durchgänge. Einer links, einer rechts. Und Claude, im weißen Kittel, sitzend neben einem Porzellanteller mit Münzen.

Sie war schon lange dort. Sie konnte sich noch daran erinnern, als man im Gebäude noch rauchen durfte. Als große, sandgefüllte Aschenbecher an den Enden der Rolltreppen auf Asche und ausgedrückte Kippen warteten. Als langhalsige Behälter vor den Läden regelmäßig aufgestellt und ausgeleert wurden. Als Kunden noch rauchten, während sie ihr Geschäft erledigten. Sie mochte den Geruch nicht.

Bei ihr roch es nach Antiseptikum, und gelegentlich rochen ihre Hände auch danach. Die Toiletten wurden früher mit einer Chlorlösung gesäubert. Heute rochen sie nach Limone. Die Urinsteine aber behielten im Laufe der Zeit den beißenden Geruch bei. Und die Kunden? Sie waren Menschen, hätte Bulgakow gesagt. Und Menschen lieben das Geld.

Claude hatte genug Geld, um einen Sohn alleine großzuziehen. Wenn das Geld knapp war, ging sie in Lichterfelde bei Frau Winterfeld putzen. Manchmal arbeitete sie auch in der Gastronomie. Dann in der Küche, und das nur für kurze Zeit. Für Männer hatte sie nicht viel Zeit übrig.

Sie mochte aber romantische Bücher lesen, und früher, in einem anderen Leben und in einem anderen Land, da hatte sie viel Literatur gelesen. Maupassant. Balzac. Stendhal. Ihr Sohn, wie sein Vater, war in seiner Kindheit von Mathematik und Schach begeistert gewesen. Jetzt, da er ein Jüngling war, war das anders. Er las die Russen. Sein Gesicht wurde dünner und schmaler. Aber er wuchs. Er aß gut. Und viele Mädchen schauten ihm nach.

Sie hatte ihm in Thalia im ersten Stock eine gebundene Ausgabe von Madame Bovary gekauft. Er hatte das Buch nicht gelesen. Als sie ihn fragte, warum, antwortete er, dass er das Buch einfach nicht mochte. Er konnte selbst nicht sagen, weshalb. Er wich nur ihrem fragenden Blick aus.

Wenn sie etwas Geld übrig hatte, fuhr sie sonntags auf Flohmärkte. Sie ging nach Spandau und Schöneberg, und einmal war sie in Treptow, aber das war ihr doch zu weit, und außerdem waren die Kleider dort nicht gut. Sie mochte gerne Schmuck und färbte ihre Haare kupferrot. Als die Haarwurzeln ergrauten, wurde der Rotton dunkler. Sie schminkte sich nur für die Arbeit. Gelegentlich erkannte sie jemanden von draußen. Diese Leute ließen nie Geld da. Sie verschwanden in den Kabinen. Beim Rausgehen schauten sie an ihr vorbei.

War sie allein, kamen die Magenschmerzen. Sie sah die Falten, die immer tiefer wurden.

An diesem Samstag, wie immer am Monatsende, war im Forum nicht viel los. Es lag vielleicht auch am Wetter, da es in der Nacht geregnet hatte und Kühle eingezogen war. Es gab nicht viel Verkehr auf der Schlossstraße.

„Mama.“

Claude sah auf, sah ihren Sohn, und die Überraschung wich der Freude. Die Freude wiederum war flüchtig.

„Ist etwas passiert?“

„Nein, ich…“

„Hier entlang“, sagte Claude. „Rechts ist für Damen.“

„Danke“, sagte die Frau. Sie ging an ihnen vorbei.

„Was ist passiert?“

„Nichts, Mama. Alles gut. Kann ich… kann ich kurz mit dir sprechen?“

Claude stand auf. Sie trat mit ihm in den Gang. Dicht unter den Neonröhren war sein Gesicht weiß. Die Haare bedeckten seine Augen, und er biss fortwährend auf seine Unterlippe.

„Du brauchst Geld.“

Er schwieg.

„Wieviel?“

„Siebzig Euro“, sagte er.

„Habe ich nicht“, sagte sie kurz.

Er schaute sie an, drehte sich um und wollte gehen.

„Jetzt warte doch mal. Wofür?“

Er rang mit sich, das konnte sie sehen. Sie spürte ein Kribbeln aufsteigen, die Wirbelsäule entlang. Das Kribbeln stieg nach oben, und ihre Ohren wurden warm. Das Licht im Gang wurde heller. Die Neonröhren wurden laut.

„Ich kann es dir nicht sagen. Ich brauche es aber.“

Sie hätte ihn am liebsten geohrfeigt, aber das hätte ihr leid getan. Sie sagte:

„Warte hier.“

„Nein, ich warte draußen. Draußen, beim Eingang.“

„Gut. Warte dort auf mich.“

Sie schaute ihm lange nach. Er trat leise auf, ging beschwingt durch die Helle des Ganges. Am Ende blieb er stehen und schaute sie noch einmal an. Dann zog er an der schweren, feuerfesten Tür und schlüpfte durch den Spalt.

Claude ging zu ihrem Tisch zurück, trennte die Münzen, ließ nur noch Kupfergeld auf dem Teller liegen. Sie zog den Mantel über ihren Kittel an, doch der Kittel ließ sich nicht verstecken, er lugte über ihre Beine hervor. Sie nahm den Aufzug und fuhr in den ersten Stock.

„Hast du Semra gesehen?“, fragte sie den Sicherheitsmann vor dem Drogeriemarkt.

„Sie ist gerade im zweiten Stock.“

„Danke“, sagte Claude.

Sie nahm diesmal die Treppe. Sie presste den Mantel ganz eng an ihren Körper. Sie schaute weder links noch rechts, setzte ein Bein vor das andere, und dann stand sie im Elektrofachgeschäft, wo sie über die Regale spähte, bis sie endlich Semra im hinteren Winkel des Ladens sah.

„Semra“, sagte Claude, „du musst mir fünfzig Euro ausleihen. Bitte. Bis Dienstag. Da kriegst du es zurück.“

Semra stellte den Staubsauger ab. Sie sah auf Claudes Hände, sah die kleinen braunen Flecken auf dem Handrücken. Sie ging wortlos voran.

Sie standen im Erdgeschoss vor dem Automaten. Semra gab die PIN ein. Claude sagte:

„Kannst du mir vielleicht doch hundert geben?“

„Mal sehen“, sagte Semra.

„Es ist für meinen Sohn“, sagte Claude.

Das Schließfach öffnete sich, und Semra gab ihr die Scheine. Claude rollte sie zusammen und ging nach draußen.

Je näher sie dem Ausgang kam, desto mehr Menschen kamen ihr entgegen. Semra folgte ihr, konnte aber mit Claude nicht Schritt halten. Und draußen, da waren die Tische der Cafés voller Menschen, Busse fuhren dröhnend ab. Es wurde viel gehupt und die Fahrradwege zweckentfremdet. Sie sah ihn noch, bevor er sie sah.

Er war nicht alleine. Bei ihm war ein Mädchen. Halb so groß wie er. Helle Augen. Ihr Herz zog sich zusammen.

Er kam auf sie zu und sagte:

„Hallo Semra. Wie geht es Ihnen?“

Semra grinste.

„Hier“, sagte Claude. „Hier hast du das Geld.“

„Danke, Mama. Ich liebe dich.“

Sie gingen wieder hinein, und Semra sagte:

„Sie ist nichts für ihn. Sie hat einen Nasenring und Tattoos. Und sie raucht.“

„Halt den Mund“, sagte Claude. „Du bist ein dummes Weib.“

Sie ging die Treppen herunter ins Untergeschoss, und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, dass draußen das Licht irgendwie anders war.

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