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Croomps Fall
„Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, hier ist Karl Kroll von Radio LORA mit einer Eilmeldung aus der Hauptstadt der Vereinigten Republiken. Soeben erreichte uns die Nachricht, nun sei es erwiesen: Präsident Nick Croomp habe vollständig den Verstand verloren. Wir schalten zu unserer Korrespondentin Barbara Böhm vor Ort. Barbara, was ist geschehen? Kann man das so sagen: Der Präsident ist jetzt verrückt?“
„So wird es inzwischen formuliert, ja. In Regierungskreisen gilt seit Langem die Einschätzung, dass jemand in einer derart exponierten Machtposition, der plötzlich beginnt, Zusammenhänge zu erkennen, als akut instabil anzusehen ist.“
„Was ist passiert?“
„Nach Angaben des Präsidialamts erhielt der Stabschef heute früh um sechs Uhr dreiundzwanzig einen Anruf des Präsidenten. Croomp habe ungewöhnlich langsam gesprochen und erklärt, dass ihm in der Nacht Gedanken durch den Kopf gegangen seien. Daraufhin habe er das Bedürfnis verspürt, den bereits vorbereiteten Militärschlag gegen Ziele rund um die Straße von Hormus noch einmal zu überdenken. Wörtlich soll er gesagt haben: ‚Vielleicht sollte man nicht sofort Raketen abfeuern, nur wegen gewisser Interessen.‘“
„Das klingt in der Tat besorgniserregend. Wie reagierte das Umfeld?“
„Zunächst hielt man es für einen Scherz. Als sich jedoch herausstellte, dass der Präsident im Ernst darauf bestand, die Angriffspläne auszusetzen, Flottenbewegungen zu stoppen und stattdessen Gesprächskanäle zu öffnen, wurde es hektisch. Laut Militärkreisen lag am frühen Morgen bereits ein Befehl zum Abbruch der unmittelbar bevorstehenden Operation vor.“
„Aber die Vorbereitungen hatten doch bereits Milliarden gekostet.“
„Ganz genau. Experten erläuterten dem Präsidenten, ein Krieg könne, wenn schon in Waffen und mediale Vorbereitung investiert worden sei, praktisch nicht mehr abgesagt werden. Croomp soll daraufhin geantwortet haben: ‚Bei einem alten Auto zählt nicht, wie viel man schon hineingesteckt hat, sondern ob es sinnvoll ist, weiter hineinzustecken. Vor allem, wenn die Schrottkarre demnächst gegen die Wand gefahren werden soll.‘“
„Seltsam, gewiss. Aber reicht das schon für eine Diagnose?“
„Nein. Alarmierend wurde die Lage erst, als mehrere Berater meldeten, der Präsident habe plötzlich Fragen gestellt. Nicht die üblichen, ob das Bildmaterial zum Gegner dämonisch genug wirke oder welches Framing sich für die Operation am besten eigne – Verteidigung, Vergeltung oder besser regelbasierte Stabilisierung –, sondern andere.
Zum Beispiel, was mit Seeleuten passiere, wenn Tanker brennen. Und ob man tote oder verstümmelte Zivilisten in Pressekonferenzen wirklich bedauerliche Sekundärfolgen nennen dürfe.“
„Gab es denn einen Auslöser?“
„Nach Angaben der Präsidentengattin hatte Croomp in den letzten Nächten immer denselben Traum. Darin sei eine Delegation außerirdischer Wesen im Oval Office erschienen, um ihm mitzuteilen, dass er für einen interplanetarischen Friedenspreis nominiert werden solle – wegen seiner Weitsicht und Humanität.“
„Das klingt unerfreulich.“
„Ganz genau. Laut Ehefrau habe der Präsident danach beim Frühstück auf seine Grapefruit gestarrt und gesagt, Krieg sei, wenn man es genau betrachte, doch eher etwas Destruktives. Wörtlich soll er hinzugefügt haben: ‚Bombardieren, Kaputthauen ist nicht so besonders kreativ.‘“
„Ein schwerer Fall.“
„Allerdings. Im Laufe des Vormittags verschärfte sich das Krankheitsbild noch. Präsident Croomp ließ mitteilen, er wolle auf Diplomatie setzen.“
„Hat er das begründet?“
„Leider ja. In einem Rundschreiben an sämtliche Staats- und Regierungschefs. Darin vertrat er sogar die Auffassung, Gewalt sei keine besonders reife Form geopolitischer Lösung. Im Gegenteil, sie verschärfe Elend und Radikalisierung, statt sie zu mindern.“
„Wie wurde das fachlich eingeordnet?“
„In einem Sonderinterview mit dem Sender GNN erklärte der renommierte Militärpsychologe Dr. Vernon Stack, Präsident Croomp leide offenkundig an einem eklatanten Einbruch seiner Verdrängungsfähigkeit, verbunden mit einer akuten Episode von Mitgefühl. Wörtlich sagte Stack: ‚Der Patient zeigt Symptome von Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein und leidet unter Kontakt zur realen Welt.‘“
„Gab es Reaktionen an den Märkten?“
„Selbstverständlich. Die Börsen fielen deutlich. Besonders betroffen waren Rüstungswerte und mehrere Rohstofffonds. Ein Analyst sagte uns hinter vorgehaltener Hand, Frieden sei mittelfristig zwar manchmal stabiler als Krieg, kurzfristig aber deutlich schlechter zu monetarisieren.“
„Wie ging es weiter?“
„Gegen Mittag trat der Präsident noch einmal vor die Kameras. Zeugen berichteten, er habe stark gezittert, als er erklärte, niemand gewinne etwas, wenn aus einer ohnehin überhitzten Weltgegend ein Zentrum der Eskalation gemacht werde. Nach diesem Satz sei im Presseraum eine ungewöhnliche, fast greifbare Stille eingetreten, bevor Croomp fortfuhr. Wörtlich sagte er: ‚Vielleicht sollten wir einmal ausprobieren, wie sich Stärke anfühlt, wenn wir nicht auf etwas schießen.'“
„Spätestens da war klar, dass man handeln musste.“
„Ganz genau. Kurz darauf verließen mehrere Vertreter der Verteidigungsindustrie, der Energiebranche, zweier großer Investmenthäuser und des nationalen Sicherheitsrats sichtbar blass das West Wing. Wenige Stunden später hieß es aus gut unterrichteten Kreisen, die Lage sei unter Kontrolle. Vor kurzem erfuhren wir, dass Einheiten einer föderalen Spezialbehörde den Präsidenten an einen sicheren Ort gebracht haben, wo er gegen äußere Reize abgeschirmt und zu gewohnten Wahrnehmungsmodellen zurückgeführt werden soll.“
„Das heißt: Er ist jetzt weg?“
„So kann man es sagen, ja.“
„Und ich hörte, es gibt bereits einen Nachfolger?“
„Das ist richtig. Ein Zusammenschluss maßgeblicher Kreise aus Sicherheitswirtschaft, Energiehandel und patriotischer Medienarchitektur erklärte heute Abend, Nick Croomp sei ab sofort nicht mehr der demokratisch legitimierte Präsident der Vereinigten Republiken. Man habe zwischenzeitlich einen neuen Präsidenten eingesetzt.“
„Der vermutlich weniger labil ist als der vorige.“
„Genau. Nach übereinstimmenden Berichten handelt es sich um einen Mann, der als verlässlich gilt und weder zu übermäßiger Komplexität noch zu mitgefühlsbedingten Fehlwahrnehmungen neigt.“
„Damit wäre die Krise also beendet.“
„Fürs Erste ja. In einer Stellungnahme erklärte ein Sprecher des Sicherheitsrats allerdings, man dürfe nie wieder zulassen, dass eine einzelne Person durch spontanes Nachdenken die Berechenbarkeit der internationalen Ordnung gefährde, und kündigte zu diesem Zweck die Entwicklung eines Frühwarnsystems an. “
„Das ist die Nachricht, auf die die Welt gehofft hat. Danke dir, Barbara, in Washington.“
„Gern, Karl.“
„Und für Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, noch der Hinweis: Das Bildungsministerium kündigte soeben an, den Vorfall nach geeigneter Bearbeitung in die Lehrpläne aufzunehmen. Schülerinnen und Schüler sollen frühzeitig lernen, dass Verantwortung dort beginnt, wo subjektive Empfindungen enden. Damit zurück ins Studio und zu unserem Themenabend: ‚Frieden, Freiheit und Verantwortung‘.“