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Dankbarkeit
Dreißig Jahre ist es her. Ich war einer unter den ersten hundert Mitarbeitern. Teamkollegen und Familie nannten sie uns. Die Bezahlung war okay. Ich hätte woanders mehr bekommen, aber die Vision, die Idee dahinter, die hat mich echt mitgenommen.
Die ersten Jahre waren hart. Fünfzig, sechzig Stundenwochen, unbezahlte Wochenenden. Aber es war es wert, dachte ich. Die Gründer waren ja immer mit dabei und haben sich mit reingekniet.
Dann kam der große Deal. Ein großes Unternehmen wollte unser Produkt breitflächig einsetzen. Wir bekamen damals einen Bonus. Nicht so groß wie versprochen, aber das war okay. Wir wollten expandieren, größer, mehr werden. Mehr Kollegen bedeutete weniger Arbeit.
In dem Jahr haben wir uns verdreifacht.
Lange Wochen und unbezahlte Überstunden waren nur noch ein oder zweimal im Monat.
Ein paar Jahre später waren wir Marktführer. Der Umsatz war astronomisch. Unsere Gehälter nicht. Kein Geld da, hieß es. Man würde an die Börse wollen.
Dann wäre genug Geld da, um die Gehälter anzupassen.
Es gab Gerüchte über einen Betriebsrat und einer Gewerkschaft.
Dann kam der Börsengang und die ersten Einsparmaßnahmen. Der Umsatz stieg zwar jedes Jahr ordentlich, aber die Kosten seien zu hoch. Ein Fünftel als Gewinn wäre nicht zumutbar, hieß es.
Mein Gehalt hatte sich dennoch seit der Gründung verdoppelt. Ich wurde sogar zum Teamleiter befördert. Als Arbeitsbereichsleitung hätte meine Erfahrung nicht gereicht, so sagte man es mir. Ein halbes Jahr musste ich meinen neuen Vorgesetzten einarbeiten. Ein junger BWL Absolvent. Er hätte einen Master und wäre damit qualifiziert. Sie hatten bestimmt ihre Gründe.
Zwei Jahren, bis unser Arbeitsbereich als unwirtschaftlich und ineffizient betrachtet wurde. Sie sagten erst, es sei meine Schuld gewesen, ich hätte den Arbeitsbereichsleiter sabotiert.
Jemand schien sich für mich eingesetzt zu haben. Ich wurde in einen anderen Bereich versetzt und man sprach nie wieder über die Sache.
Der BWL Absolvent? Der wurde befördert. Er wurde Standortleiter einer Außenstelle. Wurde wegen Misswirtschaft nach knapp einem Jahr geschlossen. Er ist wohl jetzt im Aufsichtsrat.
Missmutig und desillusioniert hätte ich sein können. War ich aber nicht. Ich glaubte an das Unternehmen, ich war der Meinung, dass wir gutes taten und stolz sein sollten. Dass ich in den dreißig Jahren Existenzkrisen, mehrere Burnouts und Suizid-Gedanken hatte war okay. Es diente schließlich einer größeren Sache. Meine Arbeit braucht mich. Ich bin wichtig und ein Stützpfeiler. So meine Vorgesetzten.
Dann wollte mein Körper nicht mehr. Kreislaufzusammenbrüche. Herzinfarkte. Lungenembolie. Ein halbes Jahr. Dann wurde ich entlassen.
Es war nur ein Brief. Kein Dank. Keine Verabschiedung.
Ich war enttäuscht von mir. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich falsch gemacht haben könnte. Wie ich meinem Arbeitgeber auf den Schlips getreten sein könnte.
Freunde drängten mich, mir einen Anwalt zu nehmen. Er meinte, wir hätten gute Karten. Arbeitsrecht und so. Beim ersten Treffen lachte uns ihr Anwalt dann aus. Sie würden die Verhandlung wie bei allen Klagen auf Jahre hinaus ziehen. Ich wäre dann entweder tot oder finanziell ruiniert.
Man bot mir einen Vergleich. Wegen meiner langen Zugehörigkeit. Ein halber Monatslohn. Netto.
Die letzten Worte meines Arbeitgebers? Ich sollte dankbar sein.