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- Anmerkungen zum Text
Ich habe in diesem Text mit dem Wechsel in verschiedene Perspektiven experimentiert. Ich hatte auch überlegt, den Text in die Experimente-Rubrik zu stellen, war mir aber nach dem Lesen der Regularien für diese Rubrik nicht mehr sicher, ob er dafür dann nicht doch viel zu konventionell ist. Sollte er da reinpassen, kann er gerne nachträglich verschoben werden.
So oder so wollte ich ein paar Worte voranstellen, bevor es Diskussionen und Verwirrung gibt. Mein letzter Text Supercut war ja ebenso eher ein Versuch, etwas auszuprobieren. Hier nun eben der Versuch, Perspektivwechsel durchzuführen. Nichtsdestotrotz freue ich mich, neben einer Rückmeldung zum Perspektivwechsel natürlich auch über inhaltliche Anmerkungen und Kritik.
Dann ein Schatten
Nachmittags treibt er sich herum. Er schlendert über Gehwege, vorbei an einem Friseurgeschäft, an einem Imbiss. Auf dem Parkplatz des einzigen Supermarktes im Ort besieht er sich die Nummernschilder. Die Auswärtigen schreibt er mit einem Bleistift auf einen Zettel. Die Kennzeichen will er später auf eine Liste übertragen, die Städte ausformuliert daneben.
Er geht zum Bolzplatz neben der Gaskugel. Er überlegt, ob die nicht irgendwann in die Luft fliegen muss, seit er gehört hat, dass da wirklich Gas drinnen sein soll. Er mag, wie riesig sie ist, gehalten von vier stählernen Pfeilern, größer als ein Haus. Das sandige Feld daneben ist von einem hohen Maschendrahtzaun eingefasst. Ein paar Tannen werfen ihre Schatten auf die Spieler. Er sieht zu, wie sie mit dem Ball herumkicken, sich anschreien, manchmal auf der Erde miteinander ringen. Eine Weile drückt er sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite herum, beobachtet den Spielverlauf. Nur nahe genug, dass sie ihn bemerken oder zum Mitspielen auffordern könnten, geht er nicht.
Mit einem Stock schlägt er Schneisen durch Brennnesseln und Gräser in der Nähe eines Bachs. Mit einem Mal ist er umzingelt; muss sich mit der Waffe und seinem Wagemut den Weg freikämpfen. Er schreit, ringt den Feind Welle um Welle nieder. Am Ende gelingt es, die Schlacht ist geschlagen, doch viele seiner treuen Gefährten, die Krieger aus seinen Geschichten, liegen am Boden und rühren sich nicht mehr. Ein letzter Blick, ein Salut den Gefallenen, dann weiter. Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Ein Stückchen entfernt legt er sich hin und schaut in den Himmel. Er schließt die Augen, spürt die Sonne im Gesicht, ein Prickeln auf seiner Nase. Warme Luft, die er einatmet, irgendwo das entfernte Brummen eines Propellerflugzeugs über sich. Er hört den Wind, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, döst vor sich hin. Dann ein Schatten.
Was er hier macht, will der Mann von ihm wissen. Ob er derjenige ist, der seine Pflanzen zerschlagen hat? Ob er denn eigentlich spinnt? Tim will sich aufrichten, da hat ihn der Mann schon am Arm und reißt ihn hoch, das Gesicht ganz nahe vor dem seinen; funkelnde, kleine Augen, Härchen auf den Wangen, im Atem etwas Saures. Sein Grundstück ist das, sagt er zu ihm. Sein Grundstück!
Tim weiß nichts davon. Woher auch, Unkraut und Gräser, kein Zaun, kein Beet, gar nichts. Er wohnt seit zwei Wochen in diesem Ort, kennt die Gegend nicht, und ihn, den Mann, den kennt er auch nicht. Loslassen, soll der ihn, er hat ja niemandem was getan! Nur sagt er nichts von alldem, bekommt nichts heraus, ist ganz erstarrt und der Mann hält ihn noch immer, so fest, dass es wehtut.
„Mach dich weg, du“, sagt er schließlich, und dann lässt er ihn endlich los. Er ruft ihm noch etwas hinterher, aber Tim hört nicht, er stolpert davon, ein Rauschen in den Ohren.
Im Bus sieht sie aus dem Fenster. Die Ampeln grün, Feierabendverkehr am Stadtrand. Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern. Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann. Die Häuser dort direkt an der Straße, die Fassaden schmutzig von jahrelangen Abgasen. In einer Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht, der Blick verhärmt, die Lippen ein dünner Strich in einem furchigen Gesicht, einen Besen in ihrer Hand, aus der Zeit gefallen.
Ihrem Sohn hatte sie versprochen, dass sie nicht noch einmal würden umziehen müssen, aber sie konnte ihr Versprechen nicht halten. Jetzt wohnen sie im Untergeschoss, zwei Zimmer, Teppichboden, die Dusche im Flur, man trennt sie mit einem Vorhang ab. Einer der Nachbarn hat ihnen mit den schwersten der Kartons geholfen. Manchmal trifft sie ihn, dann reden sie miteinander. Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt. Es ist nicht für immer, sagt sie sich. Aber weiß sie das? Was, wenn es das gewesen ist? In der Stadt putzen, in zwei Jobs, damit es reicht. Mit dem Bus nach Hause, in einen Keller, dem Sohn dabei zusehen, wie er wächst und älter wird. Am Ende hoffen, dass es werden wird, mit Schule und Freunden, mit einer Ausbildung. Sie selbst dann grau, die Knie kaputt, der Rücken auch.
Am Abend essen sie. Er ist so still, man hört das Schaben der Gabeln auf den Tellern, das Brummen des Kühlschranks. Wenn er einen Schluck aus seinem Glas nimmt, muss er danach Luft schnappen, so viel trinkt er auf einmal. Nur sagen tut er nichts.
„Wie war dein Tag?“, fragt sie. Er sieht sie an. Natürlich kennt sie ihn, ihren Sohn, wie sonst niemanden, aber doch, so ganz herauslesen, was da hinter dieser kleinen Stirn und dem Schopf brauner Haare vorgeht, kann sie nicht.
„Fußball“, sagt er schließlich. Sie hebt die Augenbrauen. Das ist neu.
Er nickt. Dann beginnt er zu erzählen, wie sie die Mannschaften aufgeteilt haben, wie sein Team hinten lag, wie er aber zwei Tore geschossen und ihnen schlussendlich den Sieg beschert hat. Er erzählt davon, dass sie ein Turnier planen. Sie wollen auch andere Mannschaften einladen. Ein Sommerturnier soll es werden. Vielleicht, so meint er, würden sie am Spielfeldrand etwas zu essen und zu trinken anbieten. Gegen eine Spende, denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für. Sie nickt und als sie fragt, ob sie denn auch vorbeikommen dürfe, schließlich wolle sie ihren Sohn beim Spiel anfeuern, legt er die Gabel beiseite. Da müsse er schauen, sagt er. Es stehe ja noch gar nicht fest, wann das Turnier stattfinden würde, und vielleicht müsste sie ja auch arbeiten? Außerdem könne es sein, dass sich seine Freunde dagegen entscheiden. Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
In der Nacht liegt sie wach. Wenn in den Wohnungen über ihnen jemand spült, rauscht das Abwasser hinter der Wand neben ihrem Kopf die Rohre herunter. Unter der Decke streicht sie sich über den Bauch. Sie umfasst ihre linke Brust, drückt sanft. Wann hat man sie das letzte Mal angefasst? Eine Erinnerung an einen Abend in einer Bar vor über einem Jahr. Jemand, mit dem sie sich lange unterhielt, worüber, weiß sie nicht mehr. Sie beugte sich dicht zu ihm, damit er sie verstehen konnte, ein Streicheln über den Oberschenkel, den Geruch von Bier und Zigaretten in der Nase. Zu Hause fielen sie übereinander her. Ihre Körper umschlungen, seine Hand unter ihrem Top, ihre Hand in seinem Nacken. Etwas fiel klirrend vom Nachttisch und zerbrach. Erst da bemerkte sie, dass Tim in der offenen Tür stand, sich nicht rührte, zu ihnen herübersah.
Er sitzt auf den Treppenstufen vor dem Haus und raucht, wie er es oft tut, wenn es das Wetter erlaubt. Gleich muss er zur Arbeit, Spätschicht im Kieswerk. Da sieht er den Jungen von unten, der da mit seiner Mama lebt, einer schönen Frau, erst seit zwei Wochen oder was, den sieht er jetzt die Straße herunterkommen. Seinen Namen hat er vergessen, aber das Gesicht von dem, da liegt was drinnen, das erkennt er sofort. Als der ihn bemerkt, bleibt er stehen, wie angewurzelt, und jetzt sieht er, dass der Junge heult. Er zieht an seiner Zigarette und bläst Rauch aus. Ein kleines bisschen rutscht er zur Seite. Falls der Junge an ihm vorbei nach drinnen will, könnte er das jetzt. Doch der rührt sich nicht.
„Schlechter Tag?“, fragt er. Der Junge sagt nichts, steht nur da und zieht die Nase hoch. Er nimmt noch einen Zug. Er schaut zur Seite, will ja nicht die ganze Zeit dieses weinende Kind anstarren, und bläst den Rauch aus. Aber weil der Junge sich nicht rührt, muss er was tun. Also zwingt er sich ein Grinsen auf die Lippen und fragt: „Was heulst'n? So schlimm, oder wie?“ Dann steht er auf, macht einen Schritt in seine Richtung, will ihm vielleicht eine Hand auf die Schulter legen, so genau weiß er es nicht, da schreit der Junge ihn an, so laut und plötzlich, dass er zusammenzuckt, er kann gar nicht anders.
„Lasst mich alle in Ruhe!“, schreit der, das Gesicht rot, eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu.
„Arschloch!“, noch lauter, dass er ein zweites Mal zuckt. Dann drängt der Junge an ihm vorbei, rempelt ihn sogar ein klein wenig an und nimmt die wenigen Stufen zur Wohnungstür. Sie fällt ins Schloss, und er steht jetzt da, die Zigarette noch immer in der Hand, und versteht nicht, was er denn bitteschön falsch gemacht hat und warum dieses Kind ihn derart hat anschreien müssen. Verstohlen blickt er sich um, sieht hinauf zu den Fenstern, ob da eine Bewegung ist, ein Zurückziehen der Vorhänge, ein argwöhnischer Blick, und gleich noch ein Ruf, dass er gefälligst das Kind in Ruhe zu lassen habe! Er macht eine Geste, ein hilfloses Schulterzucken, falls doch einer guckt. Er lässt seine Zigarette fallen, auch wenn es der eigene Innenhof ist, tritt sie aus, nimmt seinen Rucksack mit dem Vesper, der Trinkflasche und seiner Zeitung und dann macht er sich auf den Weg zur Arbeit; ein heißkalter Schauer, der ihm nachhängt.
Am Abend, bevor seine Mutter nach Hause kommt, bereitet Tim das Essen vor. Mit einer Gabel pikst er Löcher in die Plastikabdeckungen, schiebt erst das eine, dann das andere Gericht in die Mikrowelle, sitzt am Küchentisch und sieht zu, wie sich der Teller dreht, die Maschine summt, der Timer herunterläuft. Die letzten Sekunden zählt er mit, leise, das Gesicht auf den verschränkten Armen.

