Was ist neu

Dann ein Schatten

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05.07.2020
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Anmerkungen zum Text

Ich habe in diesem Text mit dem Wechsel in verschiedene Perspektiven experimentiert. Ich hatte auch überlegt, den Text in die Experimente-Rubrik zu stellen, war mir aber nach dem Lesen der Regularien für diese Rubrik nicht mehr sicher, ob er dafür dann nicht doch viel zu konventionell ist. Sollte er da reinpassen, kann er gerne nachträglich verschoben werden.
So oder so wollte ich ein paar Worte voranstellen, bevor es Diskussionen und Verwirrung gibt. Mein letzter Text Supercut war ja ebenso eher ein Versuch, etwas auszuprobieren. Hier nun eben der Versuch, Perspektivwechsel durchzuführen. Nichtsdestotrotz freue ich mich, neben einer Rückmeldung zum Perspektivwechsel natürlich auch über inhaltliche Anmerkungen und Kritik.

Dann ein Schatten

Nachmittags treibt er sich herum. Er schlendert über Gehwege, vorbei an einem Friseurgeschäft, an einem Imbiss. Auf dem Parkplatz des einzigen Supermarktes im Ort besieht er sich die Nummernschilder. Die Auswärtigen schreibt er mit einem Bleistift auf einen Zettel. Die Kennzeichen will er später auf eine Liste übertragen, die Städte ausformuliert daneben.
Er geht zum Bolzplatz neben der Gaskugel. Er überlegt, ob die nicht irgendwann in die Luft fliegen muss, seit er gehört hat, dass da wirklich Gas drinnen sein soll. Er mag, wie riesig sie ist, gehalten von vier stählernen Pfeilern, größer als ein Haus. Das sandige Feld daneben ist von einem hohen Maschendrahtzaun eingefasst. Ein paar Tannen werfen ihre Schatten auf die Spieler. Er sieht zu, wie sie mit dem Ball herumkicken, sich anschreien, manchmal auf der Erde miteinander ringen. Eine Weile drückt er sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite herum, beobachtet den Spielverlauf. Nur nahe genug, dass sie ihn bemerken oder zum Mitspielen auffordern könnten, geht er nicht.
Mit einem Stock schlägt er Schneisen durch Brennnesseln und Gräser in der Nähe eines Bachs. Mit einem Mal ist er umzingelt; muss sich mit der Waffe und seinem Wagemut den Weg freikämpfen. Er schreit, ringt den Feind Welle um Welle nieder. Am Ende gelingt es, die Schlacht ist geschlagen, doch viele seiner treuen Gefährten, die Krieger aus seinen Geschichten, liegen am Boden und rühren sich nicht mehr. Ein letzter Blick, ein Salut den Gefallenen, dann weiter. Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Ein Stückchen entfernt legt er sich hin und schaut in den Himmel. Er schließt die Augen, spürt die Sonne im Gesicht, ein Prickeln auf seiner Nase. Warme Luft, die er einatmet, irgendwo das entfernte Brummen eines Propellerflugzeugs über sich. Er hört den Wind, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, döst vor sich hin. Dann ein Schatten.
Was er hier macht, will der Mann von ihm wissen. Ob er derjenige ist, der seine Pflanzen zerschlagen hat? Ob er denn eigentlich spinnt? Tim will sich aufrichten, da hat ihn der Mann schon am Arm und reißt ihn hoch, das Gesicht ganz nahe vor dem seinen; funkelnde, kleine Augen, Härchen auf den Wangen, im Atem etwas Saures. Sein Grundstück ist das, sagt er zu ihm. Sein Grundstück!
Tim weiß nichts davon. Woher auch, Unkraut und Gräser, kein Zaun, kein Beet, gar nichts. Er wohnt seit zwei Wochen in diesem Ort, kennt die Gegend nicht, und ihn, den Mann, den kennt er auch nicht. Loslassen, soll der ihn, er hat ja niemandem was getan! Nur sagt er nichts von alldem, bekommt nichts heraus, ist ganz erstarrt und der Mann hält ihn noch immer, so fest, dass es wehtut.
„Mach dich weg, du“, sagt er schließlich, und dann lässt er ihn endlich los. Er ruft ihm noch etwas hinterher, aber Tim hört nicht, er stolpert davon, ein Rauschen in den Ohren.

Im Bus sieht sie aus dem Fenster. Die Ampeln grün, Feierabendverkehr am Stadtrand. Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern. Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann. Die Häuser dort direkt an der Straße, die Fassaden schmutzig von jahrelangen Abgasen. In einer Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht, der Blick verhärmt, die Lippen ein dünner Strich in einem furchigen Gesicht, einen Besen in ihrer Hand, aus der Zeit gefallen.
Ihrem Sohn hatte sie versprochen, dass sie nicht noch einmal würden umziehen müssen, aber sie konnte ihr Versprechen nicht halten. Jetzt wohnen sie im Untergeschoss, zwei Zimmer, Teppichboden, die Dusche im Flur, man trennt sie mit einem Vorhang ab. Einer der Nachbarn hat ihnen mit den schwersten der Kartons geholfen. Manchmal trifft sie ihn, dann reden sie miteinander. Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt. Es ist nicht für immer, sagt sie sich. Aber weiß sie das? Was, wenn es das gewesen ist? In der Stadt putzen, in zwei Jobs, damit es reicht. Mit dem Bus nach Hause, in einen Keller, dem Sohn dabei zusehen, wie er wächst und älter wird. Am Ende hoffen, dass es werden wird, mit Schule und Freunden, mit einer Ausbildung. Sie selbst dann grau, die Knie kaputt, der Rücken auch.
Am Abend essen sie. Er ist so still, man hört das Schaben der Gabeln auf den Tellern, das Brummen des Kühlschranks. Wenn er einen Schluck aus seinem Glas nimmt, muss er danach Luft schnappen, so viel trinkt er auf einmal. Nur sagen tut er nichts.
„Wie war dein Tag?“, fragt sie. Er sieht sie an. Natürlich kennt sie ihn, ihren Sohn, wie sonst niemanden, aber doch, so ganz herauslesen, was da hinter dieser kleinen Stirn und dem Schopf brauner Haare vorgeht, kann sie nicht.
„Fußball“, sagt er schließlich. Sie hebt die Augenbrauen. Das ist neu.
Er nickt. Dann beginnt er zu erzählen, wie sie die Mannschaften aufgeteilt haben, wie sein Team hinten lag, wie er aber zwei Tore geschossen und ihnen schlussendlich den Sieg beschert hat. Er erzählt davon, dass sie ein Turnier planen. Sie wollen auch andere Mannschaften einladen. Ein Sommerturnier soll es werden. Vielleicht, so meint er, würden sie am Spielfeldrand etwas zu essen und zu trinken anbieten. Gegen eine Spende, denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für. Sie nickt und als sie fragt, ob sie denn auch vorbeikommen dürfe, schließlich wolle sie ihren Sohn beim Spiel anfeuern, legt er die Gabel beiseite. Da müsse er schauen, sagt er. Es stehe ja noch gar nicht fest, wann das Turnier stattfinden würde, und vielleicht müsste sie ja auch arbeiten? Außerdem könne es sein, dass sich seine Freunde dagegen entscheiden. Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
In der Nacht liegt sie wach. Wenn in den Wohnungen über ihnen jemand spült, rauscht das Abwasser hinter der Wand neben ihrem Kopf die Rohre herunter. Unter der Decke streicht sie sich über den Bauch. Sie umfasst ihre linke Brust, drückt sanft. Wann hat man sie das letzte Mal angefasst? Eine Erinnerung an einen Abend in einer Bar vor über einem Jahr. Jemand, mit dem sie sich lange unterhielt, worüber, weiß sie nicht mehr. Sie beugte sich dicht zu ihm, damit er sie verstehen konnte, ein Streicheln über den Oberschenkel, den Geruch von Bier und Zigaretten in der Nase. Zu Hause fielen sie übereinander her. Ihre Körper umschlungen, seine Hand unter ihrem Top, ihre Hand in seinem Nacken. Etwas fiel klirrend vom Nachttisch und zerbrach. Erst da bemerkte sie, dass Tim in der offenen Tür stand, sich nicht rührte, zu ihnen herübersah.

Er sitzt auf den Treppenstufen vor dem Haus und raucht, wie er es oft tut, wenn es das Wetter erlaubt. Gleich muss er zur Arbeit, Spätschicht im Kieswerk. Da sieht er den Jungen von unten, der da mit seiner Mama lebt, einer schönen Frau, erst seit zwei Wochen oder was, den sieht er jetzt die Straße herunterkommen. Seinen Namen hat er vergessen, aber das Gesicht von dem, da liegt was drinnen, das erkennt er sofort. Als der ihn bemerkt, bleibt er stehen, wie angewurzelt, und jetzt sieht er, dass der Junge heult. Er zieht an seiner Zigarette und bläst Rauch aus. Ein kleines bisschen rutscht er zur Seite. Falls der Junge an ihm vorbei nach drinnen will, könnte er das jetzt. Doch der rührt sich nicht.
„Schlechter Tag?“, fragt er. Der Junge sagt nichts, steht nur da und zieht die Nase hoch. Er nimmt noch einen Zug. Er schaut zur Seite, will ja nicht die ganze Zeit dieses weinende Kind anstarren, und bläst den Rauch aus. Aber weil der Junge sich nicht rührt, muss er was tun. Also zwingt er sich ein Grinsen auf die Lippen und fragt: „Was heulst'n? So schlimm, oder wie?“ Dann steht er auf, macht einen Schritt in seine Richtung, will ihm vielleicht eine Hand auf die Schulter legen, so genau weiß er es nicht, da schreit der Junge ihn an, so laut und plötzlich, dass er zusammenzuckt, er kann gar nicht anders.
„Lasst mich alle in Ruhe!“, schreit der, das Gesicht rot, eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu.
„Arschloch!“, noch lauter, dass er ein zweites Mal zuckt. Dann drängt der Junge an ihm vorbei, rempelt ihn sogar ein klein wenig an und nimmt die wenigen Stufen zur Wohnungstür. Sie fällt ins Schloss, und er steht jetzt da, die Zigarette noch immer in der Hand, und versteht nicht, was er denn bitteschön falsch gemacht hat und warum dieses Kind ihn derart hat anschreien müssen. Verstohlen blickt er sich um, sieht hinauf zu den Fenstern, ob da eine Bewegung ist, ein Zurückziehen der Vorhänge, ein argwöhnischer Blick, und gleich noch ein Ruf, dass er gefälligst das Kind in Ruhe zu lassen habe! Er macht eine Geste, ein hilfloses Schulterzucken, falls doch einer guckt. Er lässt seine Zigarette fallen, auch wenn es der eigene Innenhof ist, tritt sie aus, nimmt seinen Rucksack mit dem Vesper, der Trinkflasche und seiner Zeitung und dann macht er sich auf den Weg zur Arbeit; ein heißkalter Schauer, der ihm nachhängt.

Am Abend, bevor seine Mutter nach Hause kommt, bereitet Tim das Essen vor. Mit einer Gabel pikst er Löcher in die Plastikabdeckungen, schiebt erst das eine, dann das andere Gericht in die Mikrowelle, sitzt am Küchentisch und sieht zu, wie sich der Teller dreht, die Maschine summt, der Timer herunterläuft. Die letzten Sekunden zählt er mit, leise, das Gesicht auf den verschränkten Armen.

 

hallo @Habentus ,

wie immer hast du einen schönen entspannten Schreibstil. Kommt mir ein wenig wie ein Experiment vor, wie du stellenweise diese kurzen Halbsätze aneinanderreihst.
Aber ich habe auch Stellen gesehen, die vielleicht nochmals angesehen werden sollten:

Nachmittags treibt er sich herum. Er schlendert über Gehwege
Da stellt sich mir sofort die Frage: Was hat er Vormittags gemacht? Oder ist die Zeit überhaupt wichtig?
Über Gehwege schlendern. Vielleicht würde mir "entlang schlendern" oder "Gehwegen folgen" besser gefallen.
Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Irgendwie finde ich den Satz holprig. Für mich sind das zu viele, eigentlich irrelevante, Informationen auf einmal. Zugegeben, für den Jungen mag es wichtig sein.
Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern.
Würde die Landmaschinen weglassen. Stören mich irgendwie und was soll die Felder sonst durchpflügt haben?
Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann. Die Häuser dort direkt an der Straße, die Fassaden schmutzig von jahrelangen Abgasen. In einer Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht, der Blick verhärmt, die Lippen ein dünner Strich in einem furchigen Gesicht, einen Besen in ihrer Hand, aus der Zeit gefallen.
Die trostlose Stimmung ist hier sehr schön eingefangen. Gefällt mir.

Manchmal trifft sie ihn, dann reden sie miteinander. Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt.
Technisch schwierig jemandem auf den Hintern zu gucken, während man sich mit der Person unterhält, die man eben trifft.
Nur sagen tut er nichts.
Er tut nichts sagen, ist kein schöner Satz. Und doch glaube ich nicht, dass er versehentlich dort steht. "Nur sagt er nichts" oder "Er sagt nur nichts" klingt in meinen Augen schöner.
Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
Womit ist sie einverstanden? Dass er nachfragt? Oder durchschaut sie ihn bereits? Verwirrte mich etwas.
Da sieht er den Jungen von unten, der da mit seiner Mama lebt, einer schönen Frau, erst seit zwei Wochen oder was, den sieht er jetzt die Straße herunterkommen. Seinen Namen hat er vergessen, aber das Gesicht von dem, da liegt was drinnen, das erkennt er sofort.
Ich würde den ersten Satz etwas umstellen. So klingt es, als wäre sie erst seit zwei Wochen eine schöne Frau. "...der da unten seit grob zwei Wochen mit seiner Mama lebt, einer schönen Frau..." vielleicht.
Ok, was erkennt er in dem Gesicht, das er sieht bevor er bemerkt, dass der Junge heult? Verstehe ich nicht ganz.

Ist an sich von der Thematik her kein mitreißendes Thema und doch ist es trotzdem interessant erzählt. Der Junge, der zu oft umzieht und deshalb keine Freunde hat. Seinen letzten Freunden symbolisch beim Sterben auf dem Schlachtfeld der Wiese zur Seite stand. Den anderen Kindern beim Fußball spielen zusieht und hin und hergerissen ist, ob er mitspielen oder in Ruhe gelassen werden will.
Die erschreckende Begegnung mit dem Besitzer der Wiese, der sauer ist, weil sein naturbelassenes Biotop verwüstet wurde, während der Junge einfach nur der Meinung ist, er habe etwas Unkraut umgehauen.
Die Mutter, die aufgegeben und zu wenig Zeit für ihren Sohn hat. Ich bin mir nicht so sicher, ob sie versteht, dass der Junge sie angeflunkert hat. Denkt sie, der Junge findet in dem Alter sicher schnell Freunde? Denkt auch der Nachbar das von ihr, dass sie als gutaussehende Frau eigentlich schnell jemanden finden würde? Nur die Personen selbst sehen es anders.
Herrlich wie der Nachbar einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist um den ganzen Frust des Jungen abzubekommen.
So kurz die Geschichte ist, sie bringt einen doch zum Nachdenken.
Gerne gelesen.

Schöne Grüße
Tsunami

 

Hallo Habentus,
Ich habe mal in deinen Text reingelesen und eine Sache bezüglich des Stils ist mir sehe aufgefallen: Du benutzt generell eher kurze Sätze, was auch erstmal etwas den Flow rausnimmt. Ich finde persönlich man muss die Satzlänge immer auf die Szene anpassen je nach dem wie schnell diese ist. Schnelle Szenen beispielsweise Rennszenen oder auch dramatische Szenen brauchen kurze Sätze, während ich bei Texten wie diesem eher längere Sätze bevorzuge. Sonst schaffe ich es nicht in die Szene einzutauchen.
Vielleicht war das auch deine Intention so zu schreiben, aber auf mich wirkt es generell der stockend und das tut dem Text nicht gut.

Ich hoffe, dass der Tipp dir etwas bringt :)
Kann man aber gut fixxen denke ich.

LG Fynn

 

Hallo @Habentus,

ich mache es eher recht kurz. Ich habe auch einen Blick in Deine Challengegeschichte gewagt, aber irgendwie ist der Stil nicht so meine Sache, deswegen halte ich mich zurück.

Trotzdem eine Frage: Probierst Du etwas aus mit diesen kurzen, strukturidentischen Sätzen? Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt hier grob zwei Gruppen von Lesern und Kommentatoren (das ist natürlich eine starke Vereinfachung):

i) Fokus auf Geschichte
ii) Fokus auf Handwerk

Zur Einordnung: Ich gehöre vom Interesse her zur zweiten Gruppe und lese auch mit dieser Brille auf der Nase. Es ist natürlich großartig, wenn jemand einen tolle Geschichte erzählt, sich einen neuen, überraschenden Plot ausgedacht hat, etc.

Aber eigentlich erwarte ich das gar nicht. Mich interessert im Forum das Handwerkliche (Stichwort "Textwerkstatt"). Dazu gehört für mich auch eine Variabilität der Sprache. Der erste Absatz enthält jedoch eine Aneinderreihung der folgenden Satzkonstruktionen: Er macht 1. Er macht 2. Er macht 3. Und auf den ersten Bllick zieht sich das durch den Text (ich habe ihn nicht komplett gelesen).

Ich persönlich kann damit wenig anfangen. Tut mir leid. Das ist mir viel zu repititiv, zu eintönig. Das kann natürlich so gewollt sein. Aber wie gesagt, das ist mit meiner Vorstellung von handwerklich gutem Schreiben so nicht vereinbar. Du magst aber vielleicht eine ganz andere Vorstellung von dem Schreibhandwerk haben und dann sind wir eben nicht kompatibel. Deswegen nerve ich hier auch nicht weiter, mit meinen Ausführungen.

Gruß
Geschichtenwerker

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Habentus,

wundervoller Text, stilistisch ein Guss. Dichte Atmosphäre, klare Sätze und viele tolle Bilder, die das Geschehen visualisieren. Sehr viel passiert unter den Zeilen (Subtext) und auch dazwischen. Die lapidar kurzen Sätze passen gut zu diesem schlaglichtartigen Zeigen von (eben kurzen) Sequenzen, nicht nur filmisch, sondern teils ‚fotografisch‘. Gelungen, finde ich, bin da gern über die ganze Distanz mitgegangen; dass dies ein Stillleben ist und daher keine aufsehenerregende Spannungskurve zu erwarten, war mir von Anfang an klar, deshalb fehlte mir auch nichts (keine dies betreffende Erwartung).

Ein paar Stellen, sprachliches Kleinvieh, hab ich rauskopiert mit Anmerkungen.


manchmal auf der Erde miteinander ringen
Da hab ich kein klares Bild. Sie ringen? Während eines Fußballspiels? Hat sich gesperrt.

Nur nahe genug, dass sie ihn bemerken oder zum Mitspielen auffordern könnten, geht er nicht.
Okay. Jetzt ist sein Alter klar. Vielleicht könntest du das vorher erledigen. Denn: Das mit dem Aufschreiben der Autonummern hat bei mir den Eindruck erweckt, das könnte ein alter Mann sein, ein Rentner. Jedenfalls war es etwas unklar.

Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Das ist vom Klang nicht so gut. Das 'doch grün vom Abschlagen der Pflanzen' als Einschub macht das Ding sperrig. Falls das Eschenholz nicht wichtig ist, könntest du das nach vorn ziehen: Seinen Stock, angenehm in der Hand und ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Evtl. kann man das 'angenehm in der Hand' noch rausnehmen.
Ein Stückchen entfernt legt er sich hin und schaut in den Himmel. Er schließt die Augen, spürt die Sonne im Gesicht, ein Prickeln auf seiner Nase. Warme Luft, die er einatmet, irgendwo das entfernte Brummen eines Propellerflugzeugs über sich. Er hört den Wind, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, döst vor sich hin. Dann ein Schatten.
Sehr sinnlich beschrieben, daher stark: Kinästhetisch, auditiv, visuell.

Was er hier macht, will der Mann von ihm wissen. Ob er derjenige ist, der seine Pflanzen zerschlagen hat? Ob er denn eigentlich spinnt?
Und nun passiert was, auch gut an der Stelle! Bei 'ob er denn eigentlich spinnt' würde ich vom Klang her eins der beiden Wörter rausnehmen:
Ob er eigentlich spinnt? oder
Ob er denn spinnt?
Nr 2 ist Favorit.
da hat ihn der Mann schon am Arm und reißt ihn hoch, das Gesicht ganz nahe vor dem seinen
Klang: 'vor dem seinen' weg, Silbenüberfluss und brauchts auch nicht fürs Bild:
da hat ihn der Mann schon am Arm und reißt ihn hoch, das Gesicht ganz nahe
funkelnde, kleine Augen, Härchen auf den Wangen, im Atem etwas Saures. Sein Grundstück ist das, sagt er zu ihm. Sein Grundstück!
Schön plastisch, wieder 'sinnlich', neben dem Sehen auch noch das Riechen des Atems!

Loslassen, soll der ihn
Das Komma weg.

Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann.
Da ist die Klammer etwas weit, weil das Busfahren schon etwas her ist.
Wenn ich ganz blöd komme, sage ich, okay, die Pflanzen hängen kraftlos durch Dörfer herab? ;)
Vielleicht einfach mit dem noch nicht benutzten Verb:
Fährt durch Dörfer ... oder
Es geht durch Dörfer ...

Die Häuser dort direkt an der Straße
Ich mag das Wort direkt ... selten. Kann man hier auch streichen. Oder 'die Häuser dort nah an der Straße'.
(Wie stehen Häuser denn indirekt an der Straße?)

Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt.
Schwieriges Bild, würde ich eventuell separieren vom Gespräch als eigenen Satz.
2. Punkt, hier verlässt du auch das einzige Mal die Perspektive, die sonst pro Absatz klar an einer Person hängt. Daher müsste hier noch die Vermutung rein, dass das bei ihr bleibt:
... und denkt vermutlich, dass sie es nicht merkt.
Sie kann ja nicht wissen, dass er das denkt, jedenfalls gibt es keinen Hinweis darauf.
Am Abend essen sie. Er ist so still, man hört das Schaben der Gabeln auf den Tellern, das Brummen des Kühlschranks. Wenn er einen Schluck aus seinem Glas nimmt, muss er danach Luft schnappen, so viel trinkt er auf einmal. Nur sagen tut er nichts.
Wundervoll plastisch wieder.

Dann beginnt er zu erzählen, wie sie die Mannschaften aufgeteilt haben, wie sein Team hinten lag, wie er aber zwei Tore geschossen und ihnen schlussendlich den Sieg beschert hat. Er erzählt davon, dass sie ein Turnier planen. Sie wollen auch andere Mannschaften einladen. Ein Sommerturnier soll es werden. Vielleicht, so meint er, würden sie am Spielfeldrand etwas zu essen und zu trinken anbieten. Gegen eine Spende, denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für. Sie nickt und als sie fragt, ob sie denn auch vorbeikommen dürfe, schließlich wolle sie ihren Sohn beim Spiel anfeuern, legt er die Gabel beiseite. Da müsse er schauen, sagt er. Es stehe ja noch gar nicht fest, wann das Turnier stattfinden würde, und vielleicht müsste sie ja auch arbeiten? Außerdem könne es sein, dass sich seine Freunde dagegen entscheiden. Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
Wundervoll erzählt ;)

Sie umfasst ihre linke Brust, drückt sanft. Wann hat man sie das letzte Mal angefasst?
Nun, ich könnte sagen, sie hat sie das letzte Mal angefasst, und zwar gerade eben ;) falls mit 'sie' die Brust gemeint ist.
Ich würde dieses passive-allgemeine 'man' ersetzen mit 'jemand' oder 'einem Mann'.
Falls du mit 'sie' die Frau selbst meintest, ist leider der Bezug unklar.

Erst da bemerkte sie, dass Tim in der offenen Tür stand, sich nicht rührte, zu ihnen herübersah.

Stärker ohne den letzten Teil, wenn du den Satz mit 'sich nicht rührte' abschließt. (Dass er zu ihnen rübersieht, weiß man ohnehin, wohin sollte er sonst schauen?)

„Lasst mich alle in Ruhe!“, schreit der, das Gesicht rot, eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu.
„Arschloch!“, noch lauter, dass er ein zweites Mal zuckt.
Da gefällt mir die Anbindung nicht ganz. Ich würde ein Verbindungsstück nehmen und den Absatz rausnehmen:
„Lasst mich alle in Ruhe!“, schreit der, das Gesicht rot, eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu. Dann: „Arschloch!“, noch lauter, sodass der Mann ein zweites Mal zuckt.

>>><<<

dass da wirklich Gas drinnen sein soll -> Gas drin sein soll?

dass sie nicht noch einmal würden umziehen müssen -> umziehen würden müssen?

wie sein Team hinten lag -> hintenlag?

denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für -> bräuchte man Lizenzen?


Hoffe, du kannst damit etwas anfangen … Herzlichen Gruß
Flic

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Habentus ,

ein paar kurze Eindrücke (nebenher beim Nachtessen sozusagen), vielleicht kannst du damit was anfangen.

Solche slice of life Geschichten können schon spannend sein, aber für mich muss da etwas Eindringliches, Besonderes oder wenn (stilistisch) Poetisch-Sinnliches sein, sonst weckt es nicht mein Interesse. Ich meine damit nicht Dauer-Action oder irgendwas Krasses, sondern mehr als nur ein mir recht beliebig erscheindendes Schlaglicht auf ein kleines Leben von 8,3 Billionen anderen Menschenleben.

Stilistisch: Der Text hat einen echten Overkill an Personalpronomen, v.a. er. Ich hab versucht, zählen zu lassen, aber word markiert -er- auch als Wortteil. Jedenfalls hat mich das ehrlich gesagt beim Lesen rausgekegelt und ziemlich auf die Palme gebracht, so sehr, dass ich fast Mühe hatte, im Text zu bleiben. Es ist extrem unsinnlich, zumal es mir scheint, als ob du manche Wortfolgen / Satzkonstruktionen nur so hast, damit er auch mal woanders als am Anfang steht, nicht aus einem organischen Fluss heraus.
Dast ist aber nicht Teil deines Tests, oder?
Den Hauptgrund sehe ich bei einem unbedingten Fokus auf Figuren (im Gegensatz zu Setting, Atmo, allgemeinen / rausgezoomten Betrachtungen etc.) Auch etwas, das ich nicht gern lese, sorry. Die häufigere Nennung von Eigennamen würde schon mal helfen. Und wenn du ohnehin einen etwas spröden, leicht abgehackten Sound willst, wären die Personalpronomen mit Ellipsen zu umgehen. Das würde eben dein Problem aus der Welt schaffen, ohne dass sich etwas vom Gesamteindruck ändert.
(Ob nicht auch eine Modulation wünschenswert sein könnte, die an die jeweiligen Szenen angepasst wäre, ist eine andere Frage.)

Im Titel fehlt mir ein Prädikat. Oder eine Ortsangabe etc. Der raunt und murmelt mir bissl viel, ohne eigentlich etwas Sinnvolles zu leisten: Seine Aufgabe zu erfüllen und auf die Geschichte hinzuweisen.

Bezogen auf deine Hauptfrage: Perspektivwechsel.
Einen Moment lang hatte ich mich am Ende gefragt, ob das alles sein kann, weil ich keinen bemerkt hab. Zweites Mal überflogen und einen Fokuswechsel gefunden. Das ist nicht dasselbe. Ich denke nicht, dass du die Perspektive änderst, weil alles mit der selben Stimme, im selben Stil, mit dem selben Vokabular und derselben Haltung erzählt wird. (Besonders fällt es auf bei Wörten wie 'drinnen', was recht kindich klingt und evt. was Regionales ist, betrifft aber auch alles andere; Wortwahl, Satzbau, Haltung.)

Was hier vorliegt ist ein auktorialer Erzähler, der sich wechselnd verschiedenen Figuren zuwendet, sich auf sie konzentriert. Also eine ganz reguläre, kontinuierliche Erzählhaltung. Perspektivwechsel wäre es, wenn du auch aus der Sicht der jeweiligen Figuren erzählen würdest. Das geht mit einem auktorial-personalen oder rein personalen Erzählern (oder natürlich verschiedenen Icherzählern). Und dann benötigst du auch bei jeder Person eine andere Haltung, Sicht und einen anderen Sprachduktus. Solltest du den Text probeweise mit wechselnden Perspektiven umschreiben mögen: Zu mehr als zweien würde ich hier auf der kurzen Strecke nicht raten, sonst kriegst du headhopping.

Ein paar Details nebenher, ohne groß einzsteigen zu wollen:

Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht,
nachschaut. Nachsehen bedeutet verzeihen.

Er hört den Wind, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, döst vor sich hin. Dann ein Schatten.
Apropos 'Ellipsen': Auch, wenn es kein Anschluss an den zweiten, sondern den ersten Satzteil wäre, und damit eine zweite Ellipse, die im unpassenden Fall stünde: Das bedeutet so eigentlich insgesamt rein grammatikalisch betrachtet: Er hört den Wind (...) und dann eine(n) Schatten.

Was er hier macht, will der Mann von ihm wissen. Ob er derjenige ist, der seine Pflanzen zerschlagen hat? Ob er denn eigentlich spinnt?
Konjunktiv vielleicht?

Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen
Falsches Wort, weil grün vom Pflanzensaft in keinem Widerspruch zu den anderen Eigenschaften steht, sondern nur ein weiterer Punkt in der Aufzählung ist.
(Prota war mir sofort mal mega unsympathisch hier.)

Ganz herzliche Grüße,
Katla

 

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