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Serie Das Erbe des Bösen - Teil 3

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18.09.2024
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Das Erbe des Bösen - Teil 3



Tommy und Edwin stehen auf dem Parkplatz, von dem sie vermuten, es wäre derselbe Parkplatz, an dem der weiße Lieferwagen gestanden hat.
„Hier war es?“, fragt Tommy. Er trägt nicht seine Lederjacke. Er trägt eine Baumwolljacke und eine Cappy. Seine langen Haare hat er zusammengebunden.
„Ja, hier hat man die Leiche wahrscheinlich in den Fluss geworfen“, antwortet Edwin. Tommy sieht auf den Fluss hinaus. Er denkt an das, was Eugene Miller ihnen gesagt hatte, der Informant, der ihnen beiden einen Umschlag mit Fotos und Akten gegeben hatte.
„Woran denkst du?“, fragt Edwin.
„An Eugene Miller. Er hat uns doch gesagt, dass der Tote ein Kollege gewesen ist. Und er meinte, er wollte die ganze Sache ans Licht bringen“, erwidert Tommy.
„Der Tote?“
„Ja.“
Edwin sieht ebenfalls zum Fluss.
„Man braucht eine Menge Komplizen, um so einen Fall einfach so verschwinden zu lassen.“
„Was, wenn die Staatsanwaltschaft tatsächlich mit drinsteckte?“, sagt Tommy.
„Ich habe mir noch einmal die Akten durchgesehen. Aus einer dieser Akten geht klar hervor, dass man in der Drogenszene ermittelt hat. Es gibt ein paar Verhörprotokolle, aber bei Morrison ändert sich der Ton mit einem Mal. Man hat ihn viel härter rangenommen als die anderen, zudem hat man weniger Leute befragt, als eigentlich üblich. Sonst gäbe es ja auch mehr Akten zu dem Fall. Also, wie kann es sein, dass es niemandem aufgefallen ist? Wir sollten auch auf jeden Fall herausfinden, wer der Staatsanwalt war.“
In den vergangenen Tagen haben Tommy und Edwin versucht, ein wenig mehr über die Hintergründe im Fall Morrison in Erfahrung zu bringen. Sie fanden heraus, dass der Richter, der Morrison verurteilt hat, heute in Vancouver lebt. Tommy hat versucht, über eine andere Telefonnummer, mit Nelson McFreeman in Kontakt zu treten. Er wollte ein Treffen mit dem Richter vereinbaren, doch ohne Erfolg. Er hat sogar über seine Kontakte in Idaho versucht, an die Geschworenen heranzukommen.
Als Edwin ihm die Akten zu dem Fall gegeben hat, damals im Hotelzimmer, schien es, als wäre dies nur ein weiterer Mordfall, einer von Duzenden, die Tommy während seiner polizeilichen Laufbahn auf den Schreibtisch bekam. Doch der hier ist anders. Tommy hat schnell erkannt, dass dieser Fall weiter reicht, als die, die er bisher aus seinem Revier in Idaho kannte. Das ist auch der Grund gewesen, weshalb er sich bereit erklärt hat, Edwin zu helfen. Nicht, weil er beweisen wollte, dass er ein guter Polizist ist, diesen Glauben hat er seit Monaten verloren. Sondern weil es hier um mehr geht, als um einen Mordfall. Zum einen ist da das Netzwerk um den ehemaligen Polizeichef Phillip Newton, zum anderen ist da ein Richter, der sich offenbar mit Sexpartys die Loyalität einiger einflussreicher Leute erkauft haben soll. Diese Umstände verleihen dem Fall eine Reichweite, die bis in die höchsten Kreise der Polizei und des Rechtsstaates vordringt.
„Was ist eigentlich mit diesem Oliver Mayer?“, fragt Edwin.
„Wir treffe ihn in einer Woche“, erwidert Tommy und steigt in den Wagen. Als auch Edwin eingestiegen ist, fahren sie zurück. Auf den Weg unterhalten sie sich über den Fall, Edwin schlägt vor, dass Tommy sich die meiste Zeit um den Fall kümmern soll, da er selber den Größten Teil der Woche im Revier zubringt.
„Wie läuft’s eigentlich?“, fragt Tommy. Edwin sieht ihm kurz an.
„Ach, du weißt doch, wir sind halt dran.“
Doch Tommy gibt sich mit dieser Antwort nicht zufrieden und hackt deswegen nach. Nach einer Weile sagt Edwin, man habe Lindas Haus verwanzt.
„Sie suchen nach einen Beweis.“
Tommy sieht aus dem Fenster. Er würde gerne von sich behaupten, dass es ihm nichts mehr ausmacht, seit er zu Edwin gezogen ist, doch es interessiert ihm noch immer, wie die Ermittlungen um den getöteten Priester laufen. Er weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis alles auffliegt, doch er weiß auch, dass, selbst wenn er alles rückgängig machen wollte, es nicht mehr gehen würde.
„Du weißt, wer es war“, sagt Edwin. Es ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung.
„Ja“, entgegnet Tommy. Edwin hält an einer roten Ampel und nutzt die Gelegenheit, um sich zu sammeln.
„Ich hoffe, das ist es wert“, sagt er. Tommy lächelt.
„Ich hoffe, dein Fall ist es auch wert. Immerhin verschweigst du deinen Kollegen, das du etwas weißt.“
Die Ampel springt auf Grün.
„Lass das mal meine Sorge sein“, erwidert Edwin und fährt weiter. Irgendwann kommen sie an der Kirche vorbei, in der Linda den Priester erschoßen hat. Tommy sieht zu dem Gotteshaus und sieht erneut die Rundliche Frau, die mit der Waffe in der Hand die Kirche betritt. Tommy sagt sich, ob er zu so etwas in der Lage wäre. Aus seiner Erfahrung als Polizist weiß er, dass jeder Mensch zu einer solchen Tat fähig ist, und. er weiß auch, dass es manchmal noch nicht einmal einen bestimmten Grund geben muss, um einen Mord zu begehen. Einmal hat er einen Fall bearbeitet, in dem eine Frau tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde. Der Verdacht fiel natürlich auf den Ehemann, doch letztlich stellte sich heraus, dass nicht der Ehemann sondern der Geliebte die Frau umgebracht hat. Ein unscheinbare Typ, Erzieher in einem Kindergarten, nett, hilfsbereit und humorvoll. So haben ihn seine Nachbarn und Freunde beschrieben. Das Motiv: er konnte es nicht ertragen, dass die Frau sich nicht von ihren Mann trennen wollte.
Am Ende der Straße biegt Edwin nach links. Dann biegt er in zwei weitere Straßen ein und irgendwann erreichen sie das Haus, in dem Tommy nun schon seit einem Monat gemeinsam mit Edwin und dessen Frau Nora wohnt. Sie ist nicht da, als Tommy und Edwin zur Tür hereinkommen. Sie legen ihre Jacken ab, ziehen die Schuhe aus, und gehen in Edwins Arbeitszimmer. Dort stehen zwei große Stellwände, die Edwin sich vor Monaten von einem Bekannten geborgt hat. Darauf haben sie Fotos von Richter McFreeman und Philip Newton angebracht. Sie haben sogar die Tatortfotos, Zeitungsartikel und die Berichte an die Stellwände geklebt. Unter den Fotos hängen Zettel, auf denen Notizen stehen. Tommy setzt sich auf den Stuhl, der hinter den Schreibtisch steht, während sich Edwin vor eine der Stellwände stellt, wie ein Lehrer, der seinen Schüler Nachhilfe gebt.
„Also“, sagt Edwin.
„Wir wissen, dass der Tote die kriminellen Machenschaften bei der Polizei aufdecken wolle. Der Zettel mit dem verwischten Namen und der Telefonnummer, den man in seiner Tasche gefunden hat, sollte wahrscheinlich nur ablenken.“
Tommy lehnt sich zurück. Dann sagt Edwin:
„Du hast doch die Nummer dieser Anwältin.“
„Wynona Harris?“
„Ja“, antwortet Edwin und legt Stift und Zettel auf den Schreibtisch zurück.
„Vielleicht kann sie uns weiterhelfen was die Staatsanwaltschaft betrifft.“
„Das wäre eine Möglichkeit“, sagt Tommy und schreibt auf einen der Zettel: Wynona Harris anrufen.
In der nächsten halben Stunde besprechen sie, was alles zu erledigen ist. Neben Wynona Harris will Tommy sich auch noch mit Brian in Verbindung setzen, den Sohn von Edwin und Nora. Er hofft auf dessen Kontakte und möchte ihm fragen, ob dieser Zugriff auf Gerichtsakten hat. Tommy meint, als Staatsanwalt könne er versuchen, diese einzusehen. Edwin will unterdessen versuchen, auch ein wenig über die Geschworenen herauszufinden und möchte ebenfalls ein paar Kontakte nutzen, die er noch von früher kennt.

Wynona Harris hat sich zu einem Treffen mit Tommy und Edwin bereit erklärt. Einen Tag später treffen sie die Anwältin, mit dem Einverständnis von Nora, in Edwins Haus. Harris ist überrascht, dass sie Ihnen sogar Kaffee gekocht hat, doch Edwin sagt, seine Frau wäre nie ein Mensch gewesen, der viele Fragen stellt.
„Sie vertraut mir.“
„Ich verstehe“, erwidert Harris und kommt gleich zur Sache. Sie sagt, sie habe den Namen des Staatsanwaltes herausbekommen. Es habe sie eine Menge Recherchen und Telefonate gekostet, doch sie sei irgendwann fündig geworden.
„Der Staatsanwalt heißt Edward Morra“, sagt sie und legt ein Foto auf den Tisch. Das Foto zeigt eine Frau. Sie hat dunkle Haare und braune Augen.
„Das ist Nancy Fisher. Sie ist Investigativjournalistin und hat bereits mehrere große Skandale aufgedeckt. Sie interessiert sich auch für den Fall Morrison und hat sich damals auf mehrerer dieser Partys geschlichen, undercover natürlich.“
„Wissen Sie, für welche Zeitung sie arbeitet?“, fragt Edwin. Die Anwältin trinkt einen Schluck Kaffee.
„Ja. Sie arbeitet für The Globe and Mail. Sie ist wohl schon seit Jahren an den Fall dran und hat in der Zeit, in der sie undercover recherchiert hat, eine Menge herausfinden können.“
Eine halbe Stunde später ruft Tommy bei The Globe and Mail an und erkundigt sich nach Nancy Fisher. Edwin recherchiert unterdessen, wie der Mann, dessen Identität nie geklärt werden konnte, zu Tode kam. Zehn Minuten später verkündet Tommy, sie werden Fisher in vier Wochen treffen.
„Konntest du etwas herausfinden?“, fügt er hinzu. Edwin verneint, sagt aber, er werde dranbleiben.
„Höre ich da einen gewissen Ehrgeiz?“, fragt Tommy. Edwin lächelt.
„Ich versuch nur mit dir mitzuhalten, Superbulle“, erwidert er. Edwin weiß, dass er niemals an diesen Ehrgeiz herankommen wird. Er wird auch nie verstehen können, wie man so werden kann.
„Warst du immer schon so?“, fragt er.
„Was meinst du?“
„So zielstrebig.“
Tommy setzt sich auf den Boden.
„Ich konnte es nie leiden, etwas nicht zu schaffen. Wenn etwas für mich unlösbar war, habe ich es so lange versucht, bis ich die Lösung kannte, ob beim Recherchieren oder bei anderen Dingen“, antwortet er. Edwin schlägt vor, eine Pause zu machen. Er sagt, es gäbe noch etwas Essbares im Kühlschrank. Erst jetzt fällt Tommy auf, dass sie schon sehr lange nichts mehr gegessen haben.
„Bin dabei“, sagt er. Beim Essen allerdings unterhalten sie sich weiter über den Fall. Sie können nicht verstehen, weshalb die Identität des Toten nie geklärt oder preisgegeben wurde.
„Vielleicht ist er der Schlüssel zu einem weiten Fall“, sagt Edwin.
„Meinst du?“
„Warum sonst sollte man seine Identität geheim gehalten haben?“
Tommy erinnert sich an einen Fall, den er ganz früher bearbeitet hat. Es ging um einen Kronzeugen. Dieser Kronzeuge hat bei einem Prozess ausgesagt. Dann verschwand er spurlos. Die Polizeibehörden, die ihn damals finden sollten, dazu gehörte auch Tommy, hatten keinen Anhaltspunkt, da die alte Identität des Mannes gelöscht wurde. Aber das Aussehen des Toten passt zu dem Kronzeugen von damals. Tommy spricht Edwin darauf an.
„Und das fällt dir erst jetzt ein?“, sagt Edwin.
„Es ist so lange her, ich war gerade einmal drei, vier Jahre dabei“, erwidert Tommy. In diesen Moment kommt Nora in die Küche.
„Macht ihr Junges auch ml Pause?“, fragt sie.
„Ich höre immer nur ‚Fall‘, ‚Morrison‘, ‚Anwalt‘ und so weiter. Könnt ihr es für heute nicht mal gut sein lassen?“
Edwin entschuldigt sich und schlägt vor, sich ein wenig auf die Terrasse zu setzen. Nora fragt ihm, ob er seine Toten auch dort hin mitnehmen wolle.
„Nein, ich versprech’s. Keine Mordfälle mehr“, erwidert dieser und dieses Mal halten sie sich dran.

Oliver Mayer wohnt an der Kreuzung, an der sich der Summit Drive und die McGill Road treffen. Als Tommy und Edwin an seinem Haus vorfahren, ist es bereits früh am Abend. Die zwei haben den ganzen Tag mit Recherchen verbracht. Tommy hatte sich näher mit dem Fall aus den USA befasst, der Tote war tatsächlich ein Kronzeuge, genau so, wie er es in Erinnerung hatte. Er hieß Tom H. Wallace und seine Aussage brachte eine Menge hochrangiger Gangsterbosse hinter Gitter. Trotzdem blieben auch nach dem Prozess eine Menge Fragen offen: Wer war der Kopf der Bande und wieso wurde er nie gefasst? Aber da war noch was: vor dem Prozess gab es eine Razzia. Man hatte einen Haufen Kokain beschlagnahmen können, doch wie sich später herausstellte, fehlte etwas. Es konnte nicht ermittelt werden, wo das verschwundene Kokain hingelangt ist. Man vermutete, jemand aus den eigenen Reihen hätte die Gangster vor dem Zugriff gewarnt, doch das konnte nie bewiesen werden.
„Glaubst du, es hat etwas mit unserem Fall zu tun?“, fragt Edwin, als sie aus dem Wagen steigen.
„Keine Ahnung, aber ich denke, wir sollten auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen“, antwortet Tommy und klingelt. Kurze Zeit später wird ihnen geöffnet. Sie nehmen den Fahrstuhl und fahren in den dritten Stock. Der Reporter erwartet sie bereits an der Haustüre.
„Da sind Sie ja“, begrüßt er die zwei. Edwin entschuldigt sich für die Verspätung. Er sagt, sein Freund wollte noch etwas nachgucken.
„Es hat länger gedauert als ich dachte“, entgegnet Tommy. Oliver Mayer bittet die zwei herein.
„Kaffee?“
Die Wohnung, die der Reporter bewohnt, ist groß und elegant eingerichtet. Er besitzt sogar einen Flachbildfernseher.
„Ja bitte“, erwidert Tommy. Edwin lehnt dankend ab. Der Journalist geht an die große Kaffeemaschine. Erstaunt sieht Edwin sich um, es gibt eine offene Küche und einen Balkon.
„Schick“, sagt er.
„Hat mich auch einiges gekostet“, erwidert Mayer. Auf einmal klingelt Tommys Handy. Das Display sagt ihm, dass es Linda ist. Tommy entschuldigt sich und geht in einen der Nebenräume.
„Nenn nicht meinen Namen, dein Haus ist verwanzt“, begrüßt er sie. Am anderen Ende herrscht minutenlanges Schweigen. Dann fragt Tommy, ob alles in Ordnung sei.
„Ja“, hört er Linda sagen. Es vergehen noch ein paar weitere Minuten.
„Wo bist du?“, fragt sie schließlich. Tommy erzählt, er sei noch in Kanada und wohne zurzeit bei einen Kollegen. Er ermahnt Linda, nur dann anzurufen, wenn es wirklich wichtig sei und legt er auf. Als er wider zu Edwin und Oliver Mayer in die Küche geht, sind die zwei in ein Gespräch über Einbaustile vertieft.
„Bei mir in der Wohnung habe ich auch teilweise genau denselben Stil benutzt“, sagt Edwin gerade. Oliver Mayer öffnet eine Schublade und erklärt, welches Design es sei und wieso er sich gerade dafür entschieden hat. Tommy hört fasziniert zu. Er hat nicht erwartet, dass die zwei sich so leidenschaftlich über Innenarchitektur austauschen würden. Doch letztlich geht es um einen Mordfall. Tommy erinnert Edwin und Oliver Mayer an diese Tatsache.
„Ah ja. Entschuldigen Sie, aber Ihr Kollege kennt sich sehr gut in solchen Dingen aus“, sagt Mayer und geht in sein Arbeitszimmer. Wenige Augenblicke später kommt er mit ein paar Akten unter dem Arm wieder zurück.
„Was ist das?“, fragt Tommy.
„Das sind Artikel, die ich geschrieben habe, Zeugenaussagen, darunter auch ein paar Anonyme.“
Tommy liest sich die Papiere durch. Unter den Artikeln ist auch einer dabei, über den Tommy während seiner Recherchen gestolpert ist: Am ersten Prozesstag erwartete jeder, dass der Mörder nun endlich seine gerechte Strafe erhalten würde. Doch der Richter, Nelson McFreeman, schien sich nur für die Beweise zu interessieren, die gegen ihn sprachen. Es wirkte, als wolle er um jeden Preis, dass Dick Morrison schuldig gesprochen wird. Tommy spricht ihm darauf an.
„Ja, den habe ich noch während des Prozesses geschrieben. Danach habe ich mich ein bisschen näher mit dem Fall auseinandergesetzt.“
„Wieso dachten Sie, der Richter wollte, dass Morrison verurteilt wird.“
„Sie sind nicht dabeigesessen, doch wenn Sie es selbst miterlebt hätten, wüssten Sie, was ich gemeint habe.“
„Und dann begannen Sie Menschen zu fragen, die beim Prozess dabei waren?“, fragt Edwin.
„Genau. Ich habe dann angefangen, wie ein Polizist zu ermitteln.“
Tommys Blick fällt auf die Kaffeetasse, die noch immer neben der Maschine steht. Er trinkt einen Schluck. Der Kaffee ist etwas abgekühlt, doch das stört Tommy nicht.
„Brauchen Sie Milch?“, fragt Oliver Mayer. Tommy verneint und kommt wieder auf den Fall zu sprechen.
„Aber das muss doch in der Öffentlichkeit für Furore gesorgt haben“, sagt er. Mayer zuckt mit den Achseln.
„Der Richter hatte einen sehr guten Ruf. Er war bei allen beliebt, das war auch wahrscheinlich der Grund, weshalb man diese Anschuldigungen nicht so ernst genommen hat“, erwidert Mayer und zeigt ihnen die Zeugenaussagen.
„Sie können jeden fragen, der bei diesem Prozess dabei war, jeder wird Ihnen das Gleiche sagen.“
Tommy überfliegt die Zeugenaussagen.
„Wer wurde alles in den Zeugenstand geladen?“, fragt er.
„In der ersten Woche, in der ich beim Prozess anwesend war, wurden eine Menge Zeugen befragt, darunter auch ein leitender Ermittler. Sie haben bestimmt von dem Zettel gehört, den man in der Tasche des Toten fand.“
„Ja.“
„Ich bezweifle, dass der Zettel von Morrison stammt.“
„Wieso?“
„Ich habe Morrison die ganze Zeit über beobachtet. Als der Mann aussagte, man habe einen Zettel mit dem Namen ‚Dick‘ in er Tasche des Opfers gefunden, war dieser geschockt. Er hat sich nichts anmerken lassen, aber er war schockiert“, sagt Mayer. Tommy trinkt einem weiteren Schluck von seinen Kaffee und erzählt dem Journalisten, was er herausgefunden hat. Mayer sieht ihm erstaunt an.
„Ich habe über diese Story einen Artikel geschrieben“, sagt er..
„Im Zuge meiner Recherchen fand ich heraus, dass ein Großteil des Kokains, dass hier ankommt, aus den USA stammt. Es wird in Chicago hergestellt und gelangt dann über Geografische und rechtliche Schlupflöcher zu uns, also, über Wege, wo die Zuständigkeiten wechseln zum Beispiel, oder wo die Gesetzgebung anders ist.“
„Sie wollen damit sagen, dass unser Tote mit dem Kokain in Verbindung steht?“
„Es wäre möglich. Vielleicht wollte Ihr Mann aussteigen, und hat mit den Behörden einen Deal ausgehandelt.“
„Glauben Sie, diese Jungs könnten Kokain aus einer Asservatenkammer stehlen?“, fragt Edwin.
„Nein, Ihre Männer klauen keine Drogen aus irgendwelchen Asservatenkammern. Wieso?“
Edwin erzählt dem Journalisten von dem verschwundenen Kokain.
„Vielleicht irre ich mich, aber ich bin davon ausgegangen, dass die beiden Sachen im Zusammenhang stehen.“
Mayer steckt die Hände in die Hosentaschen.
„Nein, ich denke eher, da wollten sich ein paar Beamte etwas dazuverdienen“, entgegnet er. Tommy hat in der Zwischenzeit seinen Kaffee angetrunken und läuft in der Wohnung umher. Er überlegt, ob es tatsächlich eine Verbindung zwischen dem Toten, und dem Drogenhandel in den USA gibt.
„Wenn unser Toter wirklich etwas mit den USA zu tun hat, wo ist dann die Verbindung zu Phillip Newton?“, fragt er. Der Journalist sieht Tommy verwirrt an.
„Sie sind kein Journalist.“
Tommy lächelt.
„Erwischt. Ich bin Polizist und bin nur hier, weil er“ - Tommy deutet auf Edwin. - „mich um Hilfe gebeten hat.“
„Ich verstehe.“
Dann verfallen sie in ein Schweigen. Tommy denkt darüber nach, was Oliver Mayer ihnen erzählt hat. Edwin versucht sich auf den Fall zu konzentrieren, schafft es aber nicht. Er denkt an seine erste Begegnung mit Tommy. Was er damals von ihm verlangt hat, kommt ihm heute anmaßend vor. Doch Tommy ist darauf eingegangen, was auch immer seine Gründe gewesen sein mochten.
„Gibt es noch etwas, was wir wissen sollten?“, fragt Edwin schließlich. Der Reporter verneint. Doch dann fällt ihm noch etwas ein.
„Ich denke, die Fälle haben doch etwas miteinander zu tun“, dann fügt er hinzu:
„Halten Sie sich an den Toten.“
Tommy und Edwin bedanken sich und verlassen die Wohnung des Journalisten. Als sie in den Wagen steigen, hat es zu nieseln begonnen. Wenn sie wieder zurück sind, werden sie versuchen, ein wenig mehr über den Toten in Erfahrung zu bringen.

Derweil versucht Virgils Einheit herauszubekommen, wer alles von der Waffe wusste, mit der der Priester getötet wurde. Sarah, einer der ermittelnden Beamtinnen, hat das Umfeld von William Henning genauer unter die Lupe genommen und eine Liste mit Namen erstellt, wer in den letzten Monaten näheren Kontakt zu ihm hatte. Sie hat auch eine Liste mit den Namen aller Personen erstellt, die von der Waffe wussten. Das hat allerdings länger gedauert. Edwin hat sich mit der Geschichte aller im Reservat lebender Personen beschäftigt. Er weiß, dass er Tommy damit nicht in den Rücken fällt, weswegen er zu jeder Person einen kurzen Lebenslauf über ihre Zeit an der Kamloops Indian Residential School erstellt hat. Wie sich herausstellte, gibt es genug Leute, die ein Motiv gehabt hätten, den Priester zu töten; doch es gibt nur wenige, die von der Waffe wussten. Man hatte damit begonnen, all jene, die in den letzten Monaten Kontakt zu William Henning hatten, vorzuladen. Ganz besonders hat man sich auf die konzentriert, die wussten, dass er im Besitz einer Schusswaffe war.

„Also, was haben wir?“
Virgil steht am Whiteboard und geht noch einmal den Tag durch. Zehn Monate sind nun schon vergangen, ohne einen echten Anhaltspunkt. Zwar erhärtet sich der Verdacht gegen Linda Shirley, vor allem wegen ihres geplatzten Alibis, dennoch kommen vier weitere infrage, die ein Motiv gehabt hätten und von der Existenz der Waffe wussten.
„Ich habe mir das genauere Umfeld von Mister Henning angeschaut.“
Alle Augen richten sich auf Sarah.
„Er ging, wie wir bereits wissen, mit unseren fünf Kandidaten auf die Kamloops Indian Residential School und sie alle hätten ein Motiv gehabt, diesen Mann zu töten.“
„Miss Shirley mit eingeschlossen?“, fragt Virgil.
„Ja, auch sie gehört zu diesen fünf“, erwidert Sarah. Einer der Beamten fragt, ob sie Miss Shirley nicht noch einmal vorladen sollen, doch Virgil erwidert, sie sollten erst einmal abwarten und sehen, was sie macht.
„Sobald sie das Reservat verlässt, hängen sich die Kollegen an sie dran.“
„Okay, sonst noch was?“, fragt einer der Beamten.
„Ja“, entgegnet Virgil.
„Linda Shirley hat mit jemanden telefoniert. Sie sagte minutenlang nichts, dann wechselte sie mit dem Anrufer ein paar Worte und legte schließlich auf. Franklin meinte, es wäre vielleicht nichts, doch er hielt es für besser, mich darüber in Kenntnis zu setzen.“
„Und was ist Ihre Meinung?“, fragt Edwin. Er hofft, dass er nicht nervös klingt.
„Ich denke, es ist seltsam. Wir sollten auf jeden Fall herausfinden, wer der Anrufer war“, antwortet Virgil. Bei der ersten Gelegenheit ruft Edwin bei sich Zuhause an. Er erzählt Tommy von dem Briefing und sagt, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sie herausbekämen, dass es er sei, der Linda angerufen hat.
„Kannst du sie hinhalten?“, fragt Tommy.
„Nein, kann ich nicht. Für das, was ich hier tue, würde ich schon meinen Job verlieren“, erwidert Edwin. Dann fügt er hinzu:
„Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, es zu beenden.“
Einige der Beamten sehen zu Edwin rüber. Dieser erwidert ihren Blick.
„Es ist nicht mein Fall. Ich helfe dir, damit du mir im Gegenzug den Rücken freihältst. Das war der Deal“, sagt Tommy.
„Nein, das war nicht …“ - Edwin sieht sich um. Die Beamten sehen noch immer zu ihm rüber. Dann fährt er fort: „Ich verstehe, dass das Teil der Abmachung war, aber so weit kann und werde ich nicht gehen.“
Er legt auf.
„Gibt’s Probleme?“, fragt Virgil.
„Nein, nur eine familiäre Angelegenheit“, erwidert Edwin und setzt sich wieder an seinen Schreibtisch.
„Ich habe übrigens die Lebensläufe der Bewohner des Reservates.“
Virgil liest sich die zehn Seiten durch:

Vanessa Walker:
Kam mit drei Jahren von 1970 bis 1973 auf die Kamloops Indian Residential School. Sie berichtet von Misshandlung und sexueller, physischer und psychischer Gewalt durch die dort arbeitenden Lehrkräfte. Des Weiteren berichtet sie, dass das Opfer, Pater Gorden, auch ihr sexuelle Gewalt zugefügt habe.

Patrick Melcon:
Kam mit dreizehn Jahren von 1960 bis 1961 auf die Kamloops Indian Residential School. Auch er berichtet von physischer, psychischer und sexueller Gewalt, gibt aber an, vom Opfer niemals belästigt worden zu sein.

Peter Gibson:
Kam mit fünf Jahren von 1950 bis 1958 auf die Kamloops Indian Residential School. Er sagt aus, ein Priester habe ihn zum Oralverkehr gezwungen. Des Weiteren sei er von mehreren Nonnen geschlagen worden, gibt aber ebenfalls an, niemals vom Mordopfer belästigt worden zu sein.

„Mister Gibson hat sehr detaillierte Angaben gemacht“, sagt Edwin. Virgil sieht von den Blättern auf und geht zu Sarah. Er umkreist die Namen aller Personen auf Edwins Liste, die von der Existenz der Waffe wussten. Dann bittet er einen Beamten, diese Personen auf Vorstrafen zu überprüfen. Virgil sagt, es könne sein, dass der Täter nicht nur von der Waffe wusste, sondern sie schon einmal benutzt hat. Er fügt aber hinzu, dass er es für eher unwahrscheinlich halte. Gleichzeitig versuchen sie herauszufinden, wie Lionel Hamilton, der Mann, der gemeinsam mit Linda in einer Gruppentherapie gewesen ist, an den Wagen gelangt ist, den man im Reservat gefunden hat. Die Spur führt zu einem Autohaus außerhalb der Stadt. Dort sollen, laut Lionel Hamilton, gestohlene Wagen verkauft werden. Mehr hat er den Beamten jedoch bislang nicht gesagt. Virgil hatte seine Männer angewiesen, zum Autohaus zu fahren und sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Die Beamten stellten ein paar Fragen und gingen wieder. Doch für Virgil ist klar, dass die Lösung des Falls im Autohaus zu finden ist. Vielleicht, oder ziemlich wahrscheinlich, hatte Hamilton selbst den Wagen gekauft.
„Ich habe einen Treffer!“, verkündet der Polizist, der alle Personen auf der Liste nach Vorstrafen überprüfen soll.
„Ein gewisser Jonathan ‚Red Crow‘ Gilbert dass wegen mehrerer kleinerer Delikte im Gefängnis. Das erste Mal hat er drei Jahre wegen Diebstahl eingesessen.“
„Und die anderen?“, fragt Virgil.
„Sind alle lammfromm“, erwidert der Polizist. Virgil fragt, ob er bei dem Diebstahl eine Waffe bei sich hatte. Der Polizist bejaht, fügt aber hinzu, es handle sich nicht um die Tatwaffe. Damit ist klar: Jonathan „Red Crow“ Gilbert hat die Waffe nie benutzt. Er scheidet definitiv aus. Doch wer hat die Waffe benutzt? Linda Shirley? Es spricht vieles gegen sie, doch was fehlt ist ein handfester Beweis. Und was ist mit dem geplatztem Alibi? Linda Shirley hatte sie bei ihrer Aussage widersprochen. Doch sie können ihr weder nachweisen, dass sie mit der Waffe geschossen hat, noch, dass sie jemals vorgehabt hat, diese Tat zu begehen.

Eine Woche nachdem sich Miller mit Tommy und Edwin an der 6th Avenue getroffen hatte, kam der erste Brief. „Kein Wort mehr“, stand drin. Neben dieser Botschaft enthielt der Brief ein Foto. Es zeigte ihn, wie er aus Tommys Wagen stieg. Als Polizist wusste Miller, dass er sich nicht einschüchtern lassen durfte. Deshalb vergaß er den Vorfall schnell wieder. Doch als ein paar Wochen später sein Telefon klingelte, und der Anrufer ihn fragte, wie viel er den beiden Polizisten verraten hatte, dämmerte es Miller, dass die ganze Sache ernster war, als er zunächst angenommen hatte.
An diesem Morgen geht Eugene Miller zur Polizeistation und erkundigt sich nach Edwin Klein. Er sagt, er wolle nur mit ihm sprechen. Er zeigt Edwin den Brief und das Foto, das man ihm geschickt hat, und erzählt auch von dem Anruf.
„Ich stehe im Telefonbuch“, fügt er hinzu. Edwin sieht auf das Foto.
„Wann kam das?“
„Eine Woche nach unserem Treffen“, erwidert Miller. Edwin sieht sich verstohlen nach allen Richtungen um. Einige seiner Kollegen beobachten die zwei.
„Ich kümmere mich drum“, sagt er. Doch dazu kommt es nicht mehr. Zwei Tage später findet man Miller tot in seiner Wohnung. Während die Behörden aus der Stadt ihre Ermittlungen aufnehmen, wird die Zeit für Tommy und Edwin knapp. Es wird nicht lange dauern, bis Virgil und die anderen dahinterkommen, dass sich Miller mit ihnen getroffen hat. Edwin überlegt fieberhaft, was er tun kann. Soll er Virgil sagen, dass er und Tommy den Fall Morrison wieder aufgenommen haben? Das würde auch bedeuten, dass Edwin seinem Vorgesetzten gegenüber einräumen muss, dass Tommy noch in Kanada ist. Nach seiner Schicht bespricht er mit Tommy, was sie tun können. Auch er weiß, dass sie nicht mehr lange so weitermachen können wie bisher.
„Vielleicht wird es Zeit aufzuhören“, sagt Tommy. Edwin nimmt ein Bier aus dem kleinen Kühlschrank.
„Hör zu“, sagt er.
„Ich bin nicht so weit gekommen, um jetzt aufzuhören. Ich weiß, du fragst dich, weshalb ich das mache.“
„Nein, es …“
„Ist schon gut. Dick war einer von uns, du weißt schon.“
„Er war Bulle.“
„Ja. Irgendwann hatte er wohl genug gehabt, den Sheriff zu spielen. Auf jeden Fall, bevor Dick die Seiten wechselte, waren wir gemeinsam an einem Fall dran. Es handelte sich um ein Kartell, das im großen Stil Drogen herstellte und verkaufte. Gut möglich, dass es sich um unser Kartell handelt. Jedenfalls waren wir schon sehr weit mit den Ermittlungen, als er mir gestand, dass er Kontakt zu einem der Drogenbosse aufgenommen hatte. Im Prinzip nichts Ungewöhnliches, da Dick gerne mal Alleingänge machte, doch ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.“
Edwin räuspert sich.
„Doch wir waren Freunde, deswegen ignorierte ich es. Irgendwann allerdings bekam ich zunehmend das Gefühl, dass die Gangster uns immer einen Schritt voraus waren. Ein paar Kollegen dachten dasselbe, sagten aber nichts.“
„Was hast du gemacht, als du herausbekommen hast, dass Dick die Seiten gewechselt hat?“, fragt Tommy.
„Ich habe ihn zur Rede gestellt“, erwidert Edwin.
„Ich sagte ihm, ich könne es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren; doch Dick sagte nur, dass noch viel mehr Leute drinsteckten als ich denken würde und fragte, ob ich mitmachen wollte. Ich lehnte natürlich ab. Du musst wissen, dass ich damals sehr gewissenhaft war. Ich brach den Kontakt zu Dick ab.“
„Und doch hast du ihm im Gefängnis versprochen, du würdest seine Unschuld beweisen.“
Eine lange Pause entsteht, dann sagt Edwin:
„Weil er es nicht war. Als er damals seine Komplizen verraten hat, hatten diese vermutlich Angst, die ganze Wahrheit könne ans Licht kommen. Ich meine, die Wahrheit darüber, dass Beamte der Polizei da mit drin stecken.“
„Aber da ist noch mehr“, sagt Tommy. Edwin atmet tief durch.
„Der Grund, weshalb ich damals zur Polizei ging, war Dick“, sagt er.
„Es gab eine Zeit, in der mein Leben aus den Fugen geraten war, Dick hat mir damals durch diese Zeit geholfen. Ohne ihn wäre ich jetzt tot. Er half mir, bei Leben wieder in den Griff zu kriegen und durch ihm wurde ich Polizist. Er mag die Seiten gewechselt haben, aber er ist kein Mörder, Tommy.“
Mit einem Mal klopft es an der Tür. Nora, Edwins Frau, fragt, ob sie ihnen etwas bringen könne. Edwin verneint und fügt hinzu, sie wären sowieso fertig für heute. Doch dann hält er inne, er bittet Nora um zehn, höchstens fünfzehn Minuten Geduld und schließt die Tür.
„Ich bin nicht gut in sowas, deswegen mache ich es kurz“, sagt er und setzt sich wieder zu Tommy.
„Ich habe in Sachen Residential Schools ein wenig recherchiert. Und ich habe auch über die Zeit nachgedacht, als wir noch gemeinsam an dem Priester-Fall dran waren.“
„Und?“
„Ich fragte dich einmal, ob du wusstest, wer es gewesen ist, weißt du noch? Du hast diese Frage bejaht.“
Tommy atmet tief durch. Er sieht an Edwin vorbei, zu den zwei Stellwänden.
„Rede weiter“, sagt er. Edwin schließt die Augen, als müsse er sich mental auf den nächsten Satz vorbereiten. Dann sagt er so leise, dass Tommy ihn kaum verstehen kann:
„Es war Linda, stimmt’s?“
Sekunden vergehen. Sekunden, die Tommy wie eine Ewigkeit vorkommen. Als er endlich seine Sprache wiedergefunden hat, fragt er:
„Wie lange weißt du es schon?“
„Es war anfangs nur ein Verdacht. Wissen tu ich es erst seit ein paar Wochen“, entgegnet Edwin. Tommy erhebt sich, er läuft zur Tür, macht kehrt und läuft wieder zur Tür. Das ganze wiederholt er ein paar Mal. Dann läuft er aus dem Arbeitszimmer und zieht seine Jacke an.
„Wo willst du hin?“, fragt Edwin. Doch Tommy achtet nicht auf ihn. Er öffneten die Haustür und eilt hinaus.
„Wo willst du hin?“, wiederholt Edwin und läuft ebenfalls auf die Straße hinaus.
„Es ist vorbei. Ich kann nicht zulassen, dass ich da jemanden hineinziehe. Ich gehe zur Polizeistation und werde alles sagen, oder noch besser: ich fahre wieder in die USA zurück“, entgegnet Tommy und geht zu seinem Wagen, der in einer Seitenstraße geparkt ist, doch Edwin hält ihn zurück.
„Nein, es ist nicht vorbei. Wir hatten eine Vereinbarung und die gilt. Du hilfst mir und ich verrate nichts, was es auch immer sein mag, und was ich auch immer da auf dem Revier gesagt habe, ich habe es nicht so gemeint.“
„Aber so wichtig kann dir das ganze nicht sein, dass du dafür deine polizeiliche Laufbahn aufs Spiel setzt.“
„Doch.“
Edwin sieht die Straße hinunter. Ein Auto kommt gerade angefahren und biegt in die Seitenstraße, in der Tommys Auto steht. Eine Fußgängerin läuft mit ihrem Hund auf der anderen Straßenseite und woanders hört man das Zuschlagen einer Autotür, wenige Sekunden darauf fährt ein weiteres Auto an ihnen vorbei.
„Und was ist mit dir?“, fragt Edwin mit einem Mal.
„Ist dir das ganze so wichtig, dass du dafür sogar eine Straftat begehst?“
Tommy starrt Edwin einfach nur an, als habe er gerade das erste Mal davon gehört, dass er mit seinem Verhalten eine Straftat begeht. Die einzigen Geräusche, die jetzt noch zu hören sind, sind die typischen Geräusche einer Mittelstadt.
„Ich schätze, wie sind beide keine guten Polizisten“, sagt Tommy nur. Erneut werden sie von Nora unterbrochen, die lächelt und mit verschränkten Armen in der Eingangstür erscheint.
„Wenn ihr Jungs mir nicht sofort sagt, was los ist, muss ich es wohl aus euch herumprügeln“, sagt sie. Edwin lächelt sie an.
„Liebste, ist der Kaffee fertig?“
Mit einen letzten Blick auf Tommy und Edwin verschwindet Nora wieder im Haus. Auch Edwin geht hinein. Und nachdem Tommy eine ganze Weile dagestanden und das Treiben auf der Straße beobachtet hat, wobei man es nicht wirklich ein Treiben nennen kann, es sind recht wenig Menschen und Autos unterwegs, geht auch er wieder ins Haus zurück.

Zur selben Zeit sitzen Patricia und Linda in jenen Spirituosengeschäft, in dem eins Tommy saß und in dem sie ihn das erste Mal nach Jahren wiedergetroffen hatte. Bei ihr ist Linda. Von ihr hat Patricia erfahren, dass Tommy noch in Kanada ist. Die zwei Frauen sprechen leise miteinander, da Linda noch immer observiert wird. Nicht, dass die beiden Frauen sich besonders viel zu erzählen hätten, doch sie wohnen in der selben Gegend und Patricia weiß, dass es Linda im Moment nicht leicht hat. Nach ungefähr einer halben Stunde verlassen sie das Geschäft und fahren in Patricias Wohnung. Hier können sie sich ungestört unterhalten und hier erzählen sie sich auch, was sie in letzter Zeit alles so gemacht haben. Natürlich verraten sie sich nicht alles, doch Patricia merkt, dass Linda ihr irgendetwas verschweigt. Ob sie die Frau ist, von der die Korrespondentin damals im Fernsehen gesprochen hat? Patricia sieht aus dem Fenster, der Wagen mit den zwei Beamten darin ist ihnen gefolgt. Er steht auf der anderen Straßenseite. Linda scheint sich daran nicht sonderlich zu stören, sie ist ins Wohnzimmer gegangen und schaut sich die Bilder an, die im Regal stehen. Sie entdeckt das Bild von Sam, wie er mit Freunden an einen langen Tisch sitzt. Es ist das Bild, auf dem er die Hände in die Höhe reckt.
„Das war auf den Geburtstag eines Freundes“, erklärt Patricia erneut. Damals, als Tommy bei ihr gewesen ist, hatte sie es ihm ebenfalls erzählt. Linda erblickt das Hochzeitsfoto von Sam und Patrizia. Sie sahen wie ein glückliches Paar aus. Zu der Zeit ahnte niemand, dass Sam schon trank, fügt Patricia hinzu.
Linda bleibt zum Abendessen. Während der gesamten zeit sprechen sie und Patricia wenig miteinander, nicht, weil sie sich nicht leiden können, sondern weil es nicht viel zu besprechen gibt. Nach dem Essen fährt Patricia sie wieder in das Reservat zurück. Sie muss das Navigationssystem benutzen, um es zu finden. Normalerweise fährt Patricia immer von der Belmonte Streeet in die Stadt und wieder zurück. Sie wundert sich, dass der Teil des Reservates in dem Linda lebt und der Teil in dem sie selbst lebt so nah beieinander liegen, sie aber trotzdem nicht weiß, wie man dort hin kommt. Als sie die Shuswap Road erreichen, geht die Sonne bereits unter. Draußen ist es kühl geworden, so, wie es an einem Novembertag üblich ist. Patricia biegt in den Sun Ridge Court und hält vor Lindas Haus.
„Bis zum nächsten Mal“, sagt sie. Linda lächelt und steigt aus. Als sie ihr Haus schon fast erreicht hat, dreht sie sich noch einmal um.
„Danke.“
Das ist alles. Patricia lässt den Motor an und fährt wieder auf die Shuswap Road.

Bisher haben sich die Ermittlungen auf diejenigen konzentriert, die damals auf der Kamloops Indian Residential School gewesen sind. Da dieser Ansatz jedoch zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis geführt hat, weitet man die Ermittlungen nun aus. Die Einheit um Virgil beleuchtet jetzt die Biografien aller im Reservat lebender Personen. Sie suchen gezielt nach einer Verbindung zwischen dem Priester-Fall, oder anderen Straftaten, und einzelnen Akteuren. Dabei stoßen sie auf ein Drogendelikt, das schon viele Jahre zurückliegt. Der Beschuldigte und letztlich auch derjenige, der in diesen Fall verwickelt war, ist Sam. Man hatte ihn damals mit einer größeren Menge Kokain erwischt. Im Verhör gab er an, die Drogen für jemanden beschafft zu haben, dessen Namen er nicht preisgeben wollte. Sam verbüßte eine kleine Gefängnisstrafe und kam auf Bewährung frei. Doch er geriet immer mal wieder mit dem Gesetz in Konflikt, einmal soll er jemanden geholfen haben, Beweise zu vertuschen; dies konnte allerdings nie bewiesen werden. Doch meistens war dabei Alkohol im Spiel. Sie finden ebenfalls heraus, dass Sam ein sehr guter Freund von Linda Shirley ist. Was die Ermittler aber tatsächlich auf Sams Spur bringen, ist ein Zeuge, der beobachtet haben will, wie drei Männer einige Taschen in den Kofferraum eines anderen Wagen gelegt haben. Der Fahrer am Steuer des anderen Autos entspricht haargenau der Beschreibung von Sam. Wie er ihn im dunkeln erkannt haben will, fragt einer der Beamten. Der Zeuge entgegnet, er sei auf den Weg zu seiner Wohnung gewesen, die sich ganz in der Nähe vom Ort des Geschehens befände. Dabei habe er das ganze beobachtet. Der Mann betont, er wäre vorsichtig gewesen, niemand hätte ihn bemerkt. Aufgrund dieser Aussage bewirken die Ermittler eine Vorladung für Sam. Dieser beschreitet natürlich, jemals dort gewesen zu sein. Auch mit dem Priester-Fall will er nichts zu tun haben.
„Aber Sie sind sich mit Miss Shirley befreundet und Freunde helfen sich untereinander“, sagt einer der Beamten. Doch Sam bleibt bei seiner Version, er habe nichts mit der Sache zu tun. Und die Nummernschilder? Am Wagen, den man im Reservat gefunden hat, waren keine dran. Wieder dementiert Sam. Dann konfrontieren die Beamten ihn mit seiner Vergangenheit als Alkoholiker und den Delikten, die damit im Zusammenhang stehen.
„Das ist schon ewig her.“
„Wie gut kennen Sie William Henning?“
„Ich bin öfter bei ihm und seiner Frau zum Essen. Sie gehört zu einer der Leute, die die Leichen ausgegraben haben.“
„Könnte er die Nummernschilder haben?“
„Nein, sicher nicht.“
„Was ist mit der Waffe? Wer wusste alles, dass Henning eine Pistole besaß?“
Wieder gibt Sam sich ahnungslos, und dieses Mal sagt er die Wahrheit. Nach einer Stunde darf Sam das Präsidium wieder verlassen. Er muss aber damit rechnen, dass man ihn eventuell noch ein paar Fragen stellen wird, sagt man ihm.
In der Zwischenzeit fand man in der Wohnung von Miller einen Zettel im Papierkorb unter dessen Schreibtisch. Darauf war eine Nummer geschrieben, darunter stand in großen Druckbuchstaben der Namen „Tommy Logan“. Doch wieso hätte Miller mit Logan Kontakt aufnehmen sollen? Diese Frage bringt die Beamten zu einer weiteren: Ist Logan vielleicht gar nicht abgereist? Doch wieso sollte er sich noch hier in Kanada aufhalten? Was will er hier und was wollte er von Miller? Auf seinem Laptop ist auf den ersten Blick nichts zu finden, doch als die Beamten sich den Suchverlauf genauer ansehen, fällt ihnen auf, dass Miller sich des Öfteren mit einem Fall beschäftigt hat, der schon weit zurückliegt. Es ging um Korruption innerhalb der Polizei. Der hiesige Leiter der Ermittlungen verhängt eine Nachrichtensperre. Es dauert nicht lange, bis auch Virgil Wind von der Sache bekommt. Dieser ist überrascht und sagt, er werde sich schnellstmöglich darum kümmern. Doch vorher hat er andere Dinge zu erledigen, die Ermittlungen an dem Priester-Fall sind noch immer nicht abgeschlossen und es gibt sicher eine Menge Leute, die auf Antworten warten.

William wirkt ruhig und gefasst wie immer, als er den zwei Beamten im Verhörraum gegenübersitzt. Eher, wie jemand, der bei einem Vorstellungsgespräch ist, als wie ein Mann, der der Beihilfe verdächtigt wird. Er sieht den beiden Beamten fest in die Augen. Kein Anzeichen von Nervosität.
„Sie sind seit fünfundfünfzig Jahren im Besitz eines Waffenscheins?“, fragt einer der Beamten. William beugt sich vor.
„Ist das eine Feststellung?“
„Mister Hennings, wir fragen uns nur, wie mit Ihrer Waffe ein Mann erschossen wurde“, sagt der andere Beamte. William lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. Nach einigen Minuten des Schweigens fragt der Beamte:
„Kennen Sie Lionel Hamilton?“
„Nein“, antwortet William.
„Er fuhr den Pick-up, den man im Reservat gefunden hat“, fügt der andere Beamte hinzu. William sieht die Beamten einfach nur an. Einer der Männer legt ein Blatt Papier auf den Tisch. Er dreht es so herum, dass William es sehen kann.
„Das sind die Namen der Leute, die von der Waffe wussten. Und das“ - er legt noch ein Blatt auf den Tisch - „sind die Namen von den Leuten, mit denen Sie das letzte Mal Kontakt hatten.“
„Haben Sie Sam Taylor jemals von der Waffe erzählt? Oder hat er sich je dafür interessiert?“
„Nein, ich kann versichern, dass Sam und ich niemals darüber gesprochen haben.“
„Was ist mit Miss Shirley? Haben Sie mit ihr über die Pistole geredet?“
William sieht auf die Blätter, die noch immer vor ihm auf dem Tisch liegen.
„Ich habe mit niemandem über die Waffe gesprochen“, sagt er schließlich.
„Wie konnte dann jemand von der Waffe wissen?“
„Von mir jedenfalls nicht.“
Die Beamten sehen sich an.
„Wie gut kennen Sie Sam Taylor?“
„Er war vor ein paar Monaten mal bei meiner Frau und mir zum Essen.“
„Und Miss Shirley? Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“
William sieht von den Blättern auf.
„Ist schon eine Weile her“, sagt er.
„Haben Sie ihr die Waffe gegeben?“
„Würde ich sonst noch hier sitzen?“
Gerade als einer der Beamten etwas erwidern will, klopft es an der Tür. Der Polizist bittet seine Kollegen, kurz mit auf den Flur zu kommen, er habe ihnen etwas Wichtiges zu sagen. Die Beamten entschuldigen sich und verlassen den Verhörraum.
„Wir haben den Anrufer identifiziert. Es ist Tommy Logan. Er stand vermutlich die ganze Zeit mit Miss Shirley in Kontakt und tut es auch weiterhin“, sagt der Polizist. Einen Augenblick lang ist es still. Dann fragt einer der Beamten, was sie jetzt tun sollen.
„Logan hat etwas zu verbergen. Wir finden heraus, wo er ist, und konfrontieren ihn damit“, antwortet der Polizist.
„In Ordnung“, erwidert einer der Beamten und betritt mit seinen Kollegen wieder den Verhörraum. Drinnen sagen sie William, ein Beamter werde ihn wieder in seine Zelle bringen.
„Was ist denn los?“, will dieser wissen.
„Es gibt neue Erkenntnisse“, sagt einer der Beamten nur und ruft einen Kollegen. William lässt sich zurück in seine Zelle führen und hofft innerlich, dass nichts Schlimmes passiert ist.

Als Tommy an diesem Abend mit Edwin und dessen Frau Nora auf der Terrasse sitzt, ahnt er nicht, dass man ihm bereits dicht auf den Fersen ist. Er ahnt auch nicht, dass dies eine der letzten Gelegenheiten ist, ungestört mit Edwin reden zu können. Nicht, dass sie sich an jenem Abend besonders viel zu erzählen hätten. Einmal fragt ihn Edwin, ob Tommy noch an Linda und Sam denke, so wie er es am Anfang getan hat. Nicht mehr so intensiv, laut Tommys Antwort, und er fügt hinzu, dass er dennoch gerne wisse, was sie jetzt gerade tun. Ob es ihm nichts ausmache, nicht bei ihnen zu sein. Tommy trinkt einen Schluck von seinem Bier. Doch, manchmal, sagt er schließlich.
Den nächsten Tag verbringen sie wieder damit, weitere Details über den Fall Morrison herauszubekommen. Tommy hat über seine Kontakte in Idaho mehr über Nancy Fisher herausgefunden, die Investigativjournalistin, die sich seit Jahren mit dem Fall befasst. Harris hatte ihnen gesagt, dass Fisher undercover auf mehrereren von den Partys gewesen ist, die im direkten Zusammenhang mit Richter McFreeman stehen. Tommy hatte seine Kontakte gebeten, sich darauf zu konzentrieren, und tatsächlich: Die Frau aus dem Internet, Nicole Ryder, ist in Wahrheit Nancy Fisher. Auf diese Weise konnte sie eine Menge über das Netzwerk des Richters herausbekommen. Tommy recherchiert im Internet und findet schließlich die Geschäftsnummer der Investigativjournalistin. Er ruft sie an und sagt, sie müsse sich so bald wie möglich mit ihm und seinen Kollegen treffen. Auf die Frage, wieso er es so eilig habe, antwortet Tommy, die Situation habe sich geändert und er stünde im Fadenkreuz von Leuten, die in die Sache verwickelt seien, und bittet Fisher, alle Unterlagen, die sie zu dem Fall hat, mitzubringen. Tommy hasst es, sie angelogen zu haben, doch in dem Moment ist ihm nichts Besseres eingefallen. Fisher verspricht, ih, so bald wie möglich zu treffen. Derweil versucht Edwin, die Namen der Geschworenen zu ermitteln. Er telefoniert stundenlang mit allen möglichen Leuten, die ihm eventuell weiterhelfen könnten, doch ohne Erfolg.
„Musst du nicht zum Dienst?“, fragt ihn Tommy.
„Bereitschaft. Ab und zu komm ich in den Genuss“, erwidert Edwin. Der Rest des Tages verläuft ereignislos. Tommy überlegt, ob er Patricia einen Besuch abstatten soll. Er hat sie lange nicht mehr gesehen, und bei ihr hat er immer das Gefühl, willkommen zu sein. Außerdem ist er es leid, den ganzen Tag in Edwins Haus zu verbringen. Tommy denkt daran, wie er schon einmal vor Patricias Tür gestanden hat. Andererseits ist es ziemlich riskant, sich durch die Straßen Kamloops’ zu bewegen, da er ja offiziell nicht mehr in Kanada ist. Tommy weiß, dass er die ganze Zeit Glück gehabt hat, dass man seinen Wagen noch nicht entdeckt hat. Doch was kann ein Besuch bei Patricia schaden? Je mehr Tommy darüber nachdenkt, desto sicherer ist er sich, dass er bereit ist, es zu riskieren. Er geht zur Eingangstür, zieht sich seine Schuhe und die Lederjacke an und sagt Edwin, er gehe für eine Weile weg. Dieser ermahnt ihn, vorsichtig zu sein, doch Tommy antwortet nur, er könne sich nicht ewig im Haus verstecken. Dann geht er zu seinem Wagen und fährt los. Er legt eine seine Kassetten ein und dreht die Musik laut. Neben all den Dingen, die ihm in seinem Leben jemals gefehlt haben, ist das hier, im Auto zu sitzen und CCR zu hören, das, was er am meisten vermisst hat. Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die den Unterschied machen. Tommy kurbelt das Fenster herunter und singt laut mit. Als er die Yelloyhead Bridge überquert hat, macht er am Tim Hurtons halt. Ihm beschleicht der Gedanke, dass ihn vielleicht jemand sehen könnte, wenn er an der Polizeistation vorbeifährt. Er kauft einen Burger und setzt sich an einen freien Tisch. Auf einmal muss Tommy an den Tag denken, an den er hier ankam. Er denkt an den roten Kreis auf dem Foto, das am Whiteboard hing.
Er denkt an die Ohrfeige.
Er denkt an Lindas Worte. Und er denkt daran, wie er einmal dachte, dass, wenn er das geahnt hätte, er vielleicht doch an der ersten Kreuzung den Verkehr geregelt hätte. Tommy muss lächeln. Er beißt in seinen Burger und sieht sich um. Es ist früher Nachmittag und das Tim Hurtons füllt sich allmählich. Mit einem Mal klingelt sein iPhone, es ist Nancy Fisher. Tommy hat sie zwar über Festnetz angerufen, müsse aber erkennen, dass er ihr seine eigene Telefonnummer geben musste. Die Frau am anderen Ende schlägt ein Treffen für morgen zehn Uhr vor. Sie schlägt als Treffpunkt das Tim Hurtons vor, dieselbe Lokalität, in dem Tommy einst mit Edwin gewesen hat. Sie sagt, sie werde alle Unterlagen mitbringen, die sie habe.
„In Ordnung, morgen zehn Uhr“, sagt Tommy und legt auf.

Als Tommy auf die Belmonte Streeet fährt, ist es bereits spät am Nachmittag. Er hält vor Patricias Haus und klingelt. Er klingelt erneut, doch niemand öffnet ihm. Tommy geht zu seinem Wagen zurück und steigt ein. Er lässt den Motor an, legt eine Kassette ein und wartet. Nach ungefähr einer viertelstunde kommt Patricia. Sie parkt direkt vor Tommys Wagen und steigt aus.
„Ich frag mal nicht, was du hier machst“, begrüßt sie ihn und öffnet den Kofferraum. Ihm entnimmt Patricia ein Paar Einkaufstüten und drückt Tommy eine davon in die Hand. Dann gehen sie in das Haus. Tommy stellt die Tüte in der Küche ab und fragt Patricia, wie es ihr geht.
„Ganz gut“, antwortet sie.
„Immer noch so einsam?“
„Manchmal.“
Tommy geht in das Wohnzimmer und sieht sich um. Das Hochzeitsfoto steht noch immer im Regal, nur dieses Mal ein wenig mehr im Hintergrund.
„Willst du was trinken?“, fragt Patricia. Tommy erwidert, er hätte gerne ein Bier, wenn welches da wäre.
„Ich glaube, das lässt sich einrichten“, sagt Patricia und verschwindet in der Küche. Tommy nimmt auf dem Sofa Platz. Einen Augenblick später kommt Patricia mit zwei Flaschen Bier zurück und setzt sich zu ihm.
„Heute ist etwas Ungewöhnliches passiert“, sagt sie.
„Was denn?“
Patricia erzählt von Lindas Besuch und von dem Streifenwagen, der ihnen die ganze Zeit gefolgt ist.
„Merkwürdig. Findest du nicht?“
Tommy bringt kein Wort heraus. Er sitzt einfach nur da und starrt auf die Flasche, die er in der Hand hält.
„Tommy?“
Doch Tommy sagt noch immer nichts. Soll er Patricia wirklich sagen, dass Linda den Priester getötet hat?
„Hat Linda etwas damit zu tun? Mit dem, worüber sie in den Nachrichten gesprochen haben, meine ich“, fragt Patricia, als hätte sie Tommys Gedanken geahnt.
Tommy öffnet den Mund zu einem lautlosen „Ja“. Dann spricht er es laut aus. Patricia schlägt die Hände vor dem Mund zusammen.
„Ja“, wiederholt Tommy und erhebt sich langsam. Er stellt das Bier auf den Tisch und geht in Richtung Eingangstür. Im Hintergrund kann er Patricia schluchzen hören. Dann verlässt Tommy das Haus und kehrt zu seinem Wagen zurück.

Nancy Fisher wartet bereits, als Tommy das Noble Pig betritt. Sie ist elegant gekleidet und hat eine alte Aktentasche bei sich. Tommy denkt, dass die Tasche nicht zu ihrem Stil passt, und dennoch gefällt ihm diese Kombination.
Fisher sitzt an einem Platz am Fenster. Sie lächelt ihn an und kommt gleich zur Sache.
„Ich habe auch nicht viel Zeit“, sagt sie.
„Hier sind die Akten zu dem Fall. Es ist vieles geschwärzt, doch hier drin stehen relevante Namen, die Ihnen weiterhelfen könnten.“
Sie reicht Tommy einen Stapel Papiere. Dieser sieht sie sich durch.
„Sind da auch die Namen der Geschworenen drin, die damals bei der Gerichtsverhandlung anwesend waren?“
„Ja, da sind auch einige der Namen der Geschworenen drin. Ich sage einige, da man nie ermitteln konnte, wer die übrigen waren. Niemand weiß, ob sie noch leben, es gibt viele Dinge an dem Fall, die man wohl nie aufklären wird. Und wenn Sie wirklich bedroht werden, würde ich …“
„Äh, nein. Das hab ich nur gesagt, um ein Treffen zu beschleunigen. Es tut mir leid, Sie angelogen zu haben.“
Mit einem Mal klingelt Tommys iPhone.
„Ja?“, meldet dieser sich.
„Logan!“
Die Stimme von Virgil ist unverkennbar.
„Bewegen Sie Ihren Arsch sofort ins Präsidium! Klein ist schon hier.“
Tommy sagt nichts, zu groß sitzt der Schock über diesen Anruf.
„Jetzt!“
Tommy entschuldigt sich und eilt mit den Akten zu seinem Wagen. Er fährt über die Victoria Street, überquert die Yellowhead Bridge, und gelangt schließlich zum Powwow Trail. Tommy parkt zwischen den Streifenwagen und eilt in das Gebäude. Drinnen wird er bereits von Virgil und den anderen Beamten erwartet. Edwin steht etwas abseits und nickt Tommy zu.
„Und jetzt, da wir alle vollständig sind, möchte ich wissen, was hier gespielt wird. Logan! Würden Sie mir das bitte erklären?“, sagt Virgil. Tommy bittet seinen ehemaligen Vorgesetzten, mit ihm in dessen Büro zu gehen. Drinnen gesteht Tommy ihm, was er die ganze Zeit über gewusst, aber nie gesagt hat.
„Wusste Edwin davon?“
„Nein, er hat nichts geahnt“, lügt Tommy. Virgil verlässt mit Tommy das Büro.
„Sagen Sie allen hier, was Sie mir gesagt haben.“
Tommy sieht die anderen Beamten an.
„Ihr hattet recht. Ich wusste etwas, das ich euch nicht gesagt habe. Die Antwort liegt im Reservat. Die Person, die ihr sucht …“
Tommy sieht zu Boden. Er atmet tief durch.
„Die Person, die ihr sucht, ist Linda Shirley.“
Ein Schweigen legt sich über den Raum. Das einzige Geräusch, das man hört, ist das Klacken eines Stiftes, doch auch das verstummt. Nach etwa einer halben Minute stellt Virgil ein kleines Team zusammen, das Linda Shirley festnehmen soll.
„Sie nicht, Logan“, sagt Virgil, als Tommy sich ebenfalls in Bewegung setzt. Tommy setzt sich an einen der Schreibtische und starrt an das Whiteboard. Er hat sich immer vor diesem Tag gefürchtet und jetzt, wo er da ist, fürchtet er sich noch mehr. Edwin, der ebenfalls im Revier geblieben ist, holt einen Bürostuhl und setzt sich neben Tommy. Auch er sieht zu dem Whiteboard.
„Das war’s dann wohl“, sagt er.
„Ich habe dem Boss von dem Morrison-Fall erzählt und er sagte, dass das meine geringste Sorge sein wird, sollte sich herausstellen, dass ich ebenfalls etwas von Linda wusste.“
Tommy erwidert, er habe ihn nicht verraten und sagt Edwin, wenn er klug wäre, würde er auch nichts sagen.
Etwa eine Stunde später kommen die Beamten mit Linda zurück. Tommy springt instinktiv auf und will zu ihr gehen, doch einer der Beamten hält ihn zurück. Dann wird Linda weggebracht.

Irgendwann gestattet man Tommy doch, Linda in der Arrestzelle zu besuchen. Sie sitzen nebeneinander, während Linda eine Zigarette raucht. Tommy hält den Aschenbecher.
„Was passiert jetzt?“, fragt Linda in ihrer gewohnt kratzigen Stimme. Tommy sieht an die Wand.
„Ich komme ins Gefängnis und du auch, wenn es blöd läuft.“
„Und wenn’s nicht blöd läuft?“
Tommy sieht ihr wieder in die Augen.
„Dann kommst du dorthin, wo man dir hilft.“
Linda zieht n ihrer Zigarette.
„Ich hab was für dich. Ich habe die Beamten gefragt, ob ich einen Zeitungsartikel holen darf, den ich jahrelang bei mir aufbewahrt habe“, sagt Linda und entnimmt ihrer Hosentasche ein Stück Papier. Darauf ist ein alter Zeitungsartikel geklebt. Er stammt aus dem Jahr 1962 und beschäftigt sich mit einer Frau, Lindas Mutter, die mit ihrer Familie nach Chicago floh. Tommy ließt ihn sich durch:


Folge sieben: Flucht
Was Menschen in der Lage sind, hinter sich zu lassen, zeigt dieser Fall. Eine junge Frau, die mit ihrer Familie ihr vertrautes Heim verlässt und sich in die Obhut einer kriminellen Bande begibt. „Ich weiß nicht, wo ich sonst hin kann“, sagte sie mir. „Mein Mann soll für die Männer eine andere Bande ausspähen, ich habe Angst, dass er eines Tages nicht mehr wiederkommt“. Die Frau ist mit ihrer Familie aus eine sogenannten Indian Residential School geflüchtet und hat hier in Chicago erst einmal Schutz gefunden. Wie lange weiß niemand. Doch für sie spielt es keine Rolle. „aber alles ist besser, als der Horror, den meine Tochter Zuhause in Kanada hätte durchmachen müssen und auch schon durchgemacht hat“, sagt sie des Weiteren. Sie lebt mit ihrer Tochter in einem kleinen Appartement. Es gehört einem Gangster Namens Lewis Ricocello. Er hat sich in der Unterwelt bereits einen Namen gemacht und war damit einverstanden, die Familie bei sich aufzunehmen. Die Frau erklärt, sie seien mit dem Pick-Up ihres Nachbarn geflohen. „Wir fuhren zu einem Freund von ihm, sie hatten vor, eine Bewegung zu gründen, um anderen Betroffenen zu helfen, daraus wurde aber nichts. Er versorgte uns mit Lebensmitteln, dann sind wir alleine weitergefahren“, sagt sie.„Dieser Freund hat meinen Mann eine Waffe gegeben, er hat sicher gedacht, wir würden sie brauchen können“. Die Frau wirkt gefasst, während sie mir das erzählt. „In einer Stadt nahe an der Grenze trafen wir auf Lewis Ricocello, Sie wissen bestimmt über ihn Bescheid, er ließ uns bei sich schlafen“. Später landeten sie in Chicago. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Familie noch nie irgendwo außerhalb. Die Frau kommt aus der Stammesgrupe der Secwepemc, einer indigenen Gemeinschaft aus Kanada. „Sie wollen uns in die weiße Gesellschaft zwingen“, sagt sie. „sie verbieten uns in diesen Einrichtungen, unsere Sprache zu sprechen, sie vergehen sich an uns und bestrafen uns, deshalb sind wir mit unserer Tochter weg von Zuhause“.Wir sitzen in einem Lokal, das den Männern Ricocellos gehört. Die Frau trinkt eine Tasse Kaffee, ihre Tochter steht neben ihr und beäugt mich neugierig. Am Ende des Interviews frage ich sie, wie ihr Plan für die Zukunft aussieht. Sie wisse es nicht, antwortet sie.

Teresa Harrisburg,
Kamloops This Week


Tommy sieht Linda an.
„Was wurde aus deinen Eltern?“
„Wir blieben in den USA. 1999 sind wir wieder zurück gegangen. Was aus Lewis wurde, kann ich nicht sagen. Meine Mutter hat sich eingeredet, er hätte es geschafft, er sagte meine Mutter, er und seine Leute wollten nach Europa. Wahrscheinlich hat er letzten Endes sein Ziel auch nie erreicht.“
Es klopf an der Tür. Ein Beamter streckt den Kopf herein und sagt, Tommy solle sich verabschieden, es warte eine eigene Zelle auf ihm. Tommy erhebt sich langsam. Mit einem letzten Blick auf Linda verlässt er die Arrestzelle.

Was den Fall-Morrison betrifft, so geht Edwin leer aus. Intern wurde vermerkt, Edwin habe den Fall neu aufgerollt, doch da der Fall zu heikel war, und Virgil sich keinen Skandal leisten konnte, verfolgte man den Fall nicht weiter. Edwin wurde auf eine Dienststelle außerhalb Kamloops versetzt. Er hat niemals wieder einen Ton zu dem Fall verloren.
Tommy verbüßt eine mehrjährige Haftstrafe. Während seiner Zeit im Gefängnis sorgt er dafür, dass Linda nicht dasselbe Schicksal ereilt, und hat Wynona Harris deshalb gebeten, eine angemessene Unterbringung für Linda zu finden. Er sagt, sie brauche Hilfe und Harris solle sich darum bemühen.
William verbüßt ebenfalls eine Haftstrafe; allerdings hatte man diese auf Bewährung ausgesetzt. Er hat zwar nie gestanden, die Pistole an Linda weitergegeben zu haben, dennoch fanden die Beamten Beweise für eine Mittäterschaft. Nach seiner Haft gründete William eine Gesprächsgruppe für Betroffene. Diese trifft sich einmal in der Woche.
Morrison kommt frei. Die verbüßte Zeit wurde als ausreichend angesehen. Dennoch hat man sich nie öffentlich bei ihm entschuldigt.
Sam hat von seinem Haus aus gesehen, wie Linda verhaftet wurde. Er wartete, bis die Streifenwagen außer Sicht- und Hörweite waren, und ging zu seinem Auto. Dann fuhr er los, mit dem Ziel, die vereinigten Staaten zu erreichen.​

 

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