Das Fremde Ich
Das Fremde Ich
Von Thorsten Kornas
Es begann alles, als er in den Spiegel schaute. Es war schon erschreckend, wie man sich vorstellen kann, als er dieses fremde Gesicht sah. Zwar waren ganz klare Merkmale erkennbar, die an einen entfernt Bekannten erinnerten. Diese langen, dunklen Haare und die Bartstoppeln. War das nicht an diesem Morgen gewesen, als er dieses Gesicht zum letzten Mal gesehen hatte? Stimmt, als er sich für die Verabredung fertig gemacht hatte. Kämmen, waschen und was noch alles dazu gehörte. Doch der Rest war alles Fremd geworden. Nichts erinnerte ihn mehr an den Typen von heute morgen. Markus musste überlegen, was genau es war, was ihm an den Typen im Spiegel so fremd war, dann viel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es erinnerte ihn an seinen Großvater, als er ihn an seinem Todesbett zum letzten Mal gesehen hatte. Bis auf das Alter, waren sich die beiden Gesichter fast schon identisch. Als Markus sich heute morgen fertig gemacht, hatte er noch so voll Leben gewirkt, gestrahlt, selbst die Augen. Es hatte Zuversicht ausgestrahlt. Doch nun. Nun strahlte es kälte und Tod aus. Am Morgen war es voll Farbe und Freude, jetzt aber war es nur noch bleich und voll Trauer. Die Augen wirkten stumpf und leer, schauten ins Nichts, so wie die Augen seines Großvaters. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weswegen die Augenlider zugedrückt werden, damit niemand bemerkt, dass man eigentlich auch schon Tod ist.
„Stranger you’re in danger, of loosing me“ – Fremder, du bist in Gefahr, wenn du mich verlierst. So ungefähr ging doch dieser Klassiker dieser Band Smokie. Als Kind hatte er sie oft gehört, seit dem hatte sich sein Musikstil zwar geändert, doch etwas blieb immer hängen. So auch diese Textzeile. Er hatte sich nie an diese alten Schinken erinnert. Warum jetzt? Lag es an dem Fremden in seinem Spiegel, dass Augenscheinlich wohl sein Gesicht darstellen sollte.
Doch was war mit ihm passiert? Was hatte diese schweren Unterschiede hervorgerufen. Warum konnte er sein Gesicht nicht mehr erkennen? Wer war er jetzt? Wer war er vorher gewesen? Wer ist ich?
Fragen über Fragen, doch kein Gesicht, dass ihm auch die antworten dazu liefern konnte. Ein weiteres, wirklich fremdes Gesicht. Ihm fehlten einfach die Antworten, und dies machte diese brisante Situation nicht gerade erträglicher. Natürlich hatte er einen Namen, doch konnte er Markus Hämrich noch sein? Soweit er sich erinnern konnte, war Markus immer ein glücklicher Mensch gewesen, ein Mensch mit Freunden. Doch hätte ein solcher Mensch eine Gesichtsmimik aufweisen können, die Einsamkeit, Unbeholfenheit und Machtlosigkeit ausdrückt? War dies Möglich? Konnte sich ein Mensch wirklich innerhalb von nur wenigen Stunden so verändern, dass man sich selbst nicht mehr erkannte? Vielleicht träumte er es ja auch nur, doch konnte ein Traum so realistisch sein? Oder ist das Leben etwa so grauenhaft, wie ein schlimmer Alptraum? Aber vielleicht war es doch nur einer dieser Träume, aus denen man schreiend aufschreckt, vom eigenen Schweiß durchnässt und zum Schluss nur noch froh, dass es wirklich doch nur ein Traum war. Doch konnte er das Gefühl einfach nicht loswerden, dass es kein Traum war, sondern die wirkliche Wirklichkeit.
Zu stark waren die Gefühle, als dass es ein Traum sein konnte. Er fühlte sich einsam und verlassen. Dem Ende näher, als dem Leben. Nein, Markus konnte er nicht sein, da Markus diese Gefühle nicht kannte. Es musste ein Fremder sein, der ihn da aus dem Spiegel anglotzte. Doch wiederum war es auch wieder nicht so. Ob er es wollte oder nicht, er musste sich damit abfinden. Etwas hatte sich in den letzten Stunden abgespielt, dass ihn so verändert hatte. Er war nun dieser Fremde, dieser Fremde war nun er. Doch konnte der Fremde damit zurechtkommen? Der Fremde konnte es! Doch konnte es auch Markus? Das war wohl die einzig wichtige Frage in diesem kleinen Badezimmer. Eine Frage, die fast eine knisternde Spannung in diesem Raum aufgebaut hatte. Konnte Markus damit zurechtkommen? Es blieb nichts anderes, als eben dies zu hoffen, dass sie nun Eins waren. Doch sicher war er es sich dahingehend auch wieder nicht. Wer konnte sich dessen schon sicher sein? Wahrscheinlich niemand, nicht mal die, die es selbst durchgemacht hatten. Und niemand war wenig. Verdammt wenig, sogar noch weniger als wenig. Verdammt, aber auch!
Mit einer Hand strich sich Markus durch die Haare. Der fremde im Spiegel machte die gleiche Bewegung. Dann fragte er den Fremden im Spiegel: „Wer bist du?“
Die Worte hallten im leeren Raum nach. In seinem Kopf noch länger, weil es einfach von jeder Begrenzung abprallt und einfach nicht verschallen kann. Eine Antwort erwartete er nicht, wieso auch? Er war die einzige Person im Bad.
Dennoch erklang eine Antwort. Markus war überrascht. Es war dieselbe Stimme, die auch gefragt hatte, nur eben anders. Es fehlten die Schwingungen einer lebendigen Stimme. Vielleicht würden Zombies so sprechen, doch bestimmt keiner, der noch voll im Leben steht. Deswegen hatte es auch fast den Anschein, als ob nicht er, sondern das Spiegelbild geantwortet hatte. „Ich bin nur du“, hatte diese bekannte, aber dennoch fremde Stimme geantwortet.
Wenige Sekunden Pause, dann leiser, die gleiche, tonlose Stimme.
„Nur du!“
Pause, Leiser!
„Nur du!“
Pause! Nun war die Stimme kaum noch zu verstehen.
„Nur du!“
Stille! Eine nun bedrückende Stimmung lag im kleinen Badezimmer. Wie konnte dieses verwahrloste Gesicht in diesem Spiegel behaupten, dass er Markus sei? Das ist doch eine bodenlose Frechheit, fast schon eine Amtsanmaßung. Ein Skandal, dass alle bisherigen Skandale in den Schatten stellen müsste. Doch wusste Markus das es Schwachsinn war.
„Du kannst nicht ich sein, denn nur ich kann ich sein! Nicht du!“ Markus betonte es, legte Kraft in seine Stimme, eine Kraft, die ihn scheinbar schwächte. Er musste sich am Waschbecken abstützen.
„Aber ich bin du und du bist ich. Wir sind eins. Auch wenn es keinem von uns gefallen mag. Ich bin du!“, antwortete seine Stimme, nur eben schwach und ängstlich.
„Ich bin du. Glaub es! Oder stirb!“, fügte diese Stimme noch leerer als zuvor hinzu.
Ich bin du! Diese dreisten Worte hallten in Markus nach. Also musste es wahr sein. Ich bin du und du bist ich. Was für ein deprimierender Gedanke, welch depressive Stimmung nun im kleinsten Raum seiner sowieso schon kleinen Wohnung herrschte.
Er war fertig, Markus war Fertig. Fertig mit allem. Fertig mit dem Leben?
Ok, Ok! Jetzt erst mal Ruhe bewahren. Nicht zu schnell!
Also, was genau war überhaupt geschehen? Heute Morgen noch dieser lebhafte Markus, nun aber war er das genaue Gegenteil. Wie konnte es überhaupt so weit kommen. Was war am Tag geschehen? Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern. Dieser Teil seiner Erinnerung waren vernebelt, zu dunkel, zu undurchsichtig um schlau daraus werden zu können.
Obwohl Markus diese Frage sich selbst in Gedanken nur gestellt hatte, schallte erneut diese leere, tonlose, gar tote Stimme in seinem Badezimmer wider: „Du kennst doch das Lied „Asshole“ von Tom Petty. Darin heißt es doch: Sie tat alles, damit du dich wie ein Arschloch fühlst. Genau das war geschehen. Vielleicht war es nicht ihre Absicht, dass musst du herausfinden. Doch merktest du, durch sie, dass alles, was du in deinem Leben gemacht hast, nur Fehler waren. Sind wir, was wir sein wollten? Nein, ganz bestimmt nicht. Die Vergangenheit hat uns eingeholt, und nun hast du damit zu leben. Ich bin das, was du aus deiner Gegenwart gemacht hast. Ich bin deine Fehler. Nie war dir etwas wichtig gewesen, nie hast du etwas zu einem Ende geführt, und nun hast du mit mir zu Leben, und das hat sie dir aufgezeigt, mein Lieber. DU hast dich von Träumen leiten lassen, anstatt die Träume selbst zu leiten. Vielleicht ist sie das Beste, was uns passieren konnte, und es ist gut, dass du mich nun siehst. Ich war schon immer in dir gewesen, doch hast du mich nie wahrgenommen, weil der Moment fehlte, in dem du dich fühlst, wie du dich jetzt fühlst. Der Tritt fehlte, und den gab sie dir heute. Es war ein schwerer Tritt und es wird dir ungemein Schmerzen, jedesmal wenn du dich faul auf deinen Arsch setzt. Sie ließ dich merken, was für ein Arschloch du bisher immer warst. Ein Verlierer auf ganzer Ebene. Das hast du heute bemerkt. Vielleicht zu spät.“
Dann herrschte schweigen.
Hatte der Fremde im Spiegel recht? Markus schüttelte ungläubig den Kopf. War alles sein Fehler? Und sie hat es ihm nur gezeigt?
Er versuchte wieder Stärke zu zeigen, und wandte sich vom Spiegel ab. Auch sein Spiegelbild wandte ihm den Rücken zu. Als Markus das Bad verließ, verschwand auch das Spiegelbild. Wie zwei, die sich nichts mehr zu sagen hatten. Es stimmte ja auch, sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Alles war gesagt worden, vielleicht sogar zuviel.
Im kleinen Wohnzimmer stellte sich Markus ans Fenster, schaute auf die leere Straße. Erneut sah er sein Spiegelbild. Schwächer diesmal. Vielleicht lag es nur an der Scheibe, doch Markus hoffte, dass sein inneres Selbst von selbst am verblassen war.
Er zündete sich eine Zigarette an. Den Kick von Nikotin brauchte er jetzt, auch wenn er nicht viel, vor allem, nicht lange was davon hatte.
„Nur wie lange kann ich noch stark bleiben.“ Sein Atem kondensierte an der Fensterscheibe und bildete kleine Wassertropfen. Ja, wie lange konnte er noch stark bleiben? Minuten? Stunden? Tage? Wochen? Monate? Doch sein blasses Spiegelbild antwortete nicht. Markus wandte sich wieder ab.
Dann erklang, zwar leise, aber dennoch verständlich seine Stimme. Diesmal klang es wie eine Geisterhafte Stimme. War es wirklich seine Stimme, oder klang es nur nach seiner Stimme?
„Nur so lange, wie ich Ich bleibe, und du Du! Nur wenn wir beide voneinander getrennt bleiben, bleibst du stark!“
Danach herrschte Stille.
