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Das Haus am Highway

Seniors
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08.07.2012
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Das Haus am Highway

Carter schwang das Bein über die Kruppe seines Mustangs und ließ sich vom Rücken des Pferdes gleiten. Er ging ein paar Schritte auf den Abgrund zu und betrachtete die unter ihm liegende Ebene. Im Westen berührte die Sonne bereits den Horizont. Ihr rötliches Licht warf lange Schatten über das Land.
Carter drehte sich um, trat an die Seite seines Pferdes und strich über den Hals des Rappen. Er öffnete eine der Satteltaschen, entnahm ihr einen Feldstecher. Wieder der Ebene zugewandt, hob er das Glas vor die Augen. Der Mustang schnaubte leise. Carter fokussierte die Schärfe des Glases, das Fadenkreuz des Okulars folgte dem schnurgeraden Verlauf eines früheren Highways, der jetzt nur noch ein Streifen zerbröckelnden Asphalts inmitten der Einöde war. Carter bemerkte die dunkle Linie eines ehemaligen Teerweges, der rechtwinklig von der Fernstraße abzweigte. Wie ein Riss in der Haut der Erde, zog sich der dunkle Saum einige Kilometer durch die ausgeblichene, verdorrte Landschaft und endete schließlich vor einem runtergekommenen Farmhaus. Carter betrachtete das Haus eine Weile, dann ließ er das Glas sinken und starrte in die Weite des staubigen Landes unter ihm.
Im letzten Licht des Tages lag Carter auf dem harten Boden des Hochplateaus. Er schaute durch die Zieloptik seines Sturmgewehrs und verfolgte das Treiben einer Familie von Präriehunden. Die Erdhörnchen huschten zwischen den Eingängen ihrer unterirdischen Höhlen hin und her. Als sich eines der Tiere auf die Hinterpfoten stellte und aufrichtete, um die Umgebung nach Feinden abzusuchen, nahm Carter es ins Visier. Einen Moment lang verharrte das Fadenkreuz über der hellen Brust des Erdhörnchens, dann jagte der trockene Knall der schallgedämpften Waffe über das flache Land. Der kleine Nager wirbelte durch die Luft und blieb bewegungslos liegen. Die anderen Präriehunde schossen in ihre Baue. Carter sicherte das Gewehr, erhob sich und klopfte die graue Erde von seiner Kleidung. Er schulterte die Waffe, machte einen Schritt zur Seite und bückte sich, um die verschossene Hülse aufzulesen.
Bald darauf stand über ihm schwarz der Nachthimmel, und in der Schwärze, wie hingesprüht - tausende von Sternen. Carter saß am Feuer. Er starrte in die Flammen, lauschte dem Flügelschlag der Nachtschwalben, die in der Dunkelheit über seinem Kopf dahin rauschten. In der Hand hielt er eine Blechtasse, der Geruch brennender Zedernscheite hing in der Luft. Er trank einen Schluck, sein Blick fiel auf die winzigen Knochen des erbeuteten Präriehundes, die er während des Essens ins Feuer geworfen hatte. Blank, bleich und glänzend lagen sie in der Glut. Es knackte, als die Hitze sie zerspringen ließ.


Am nächsten Morgen näherte sich Carter dem Haus von Osten her. Der von den Hufen des Mustangs aufgewirbelte Staub verlor sich unter dem Kobaltblau des weitgedehnten Himmels. Im Flimmern der aufgehenden Sonne war der Reiter kaum auszumachen. Etwa einhundert Meter von dem Gebäude entfernt, saß er ab, zog das Gewehr aus dem Futteral, das seitlich am Sattel hing. Er klappte die Abdeckung der Zieloptik weg, ging in die Hocke und visierte hinüber zum Farmhaus. Dort regte sich nichts. Carter erhob sich, blickte sich nach allen Seiten um und ging langsam auf das Haus zu. Etwa zwanzig Schritte von der Porch entfernt, brachte er das Gewehr in Anschlag, hielt inne und lauschte.
In diesem Moment krachte ein Schuss, ein Fenster zersprang. Carter stürmte los, sprang über die Stufen der Veranda und trat gegen die Tür, stürzte mit ihr ins Innere. Er hörte einen Schrei, riss die Waffe hoch und blickte in das bleiche Gesicht eines Jungen, der einen .357er Revolver auf ihn richtete. Zwei Schritte von ihm entfernt hockte ein Mädchen in der Ecke des Raumes.
»Bitte nicht«, stieß die Kleine hervor. Auch in ihren Augen flackerte die Angst, sie zitterte, und Carter sah, dass sie hochschwanger war.
Carter fixierte den Jungen.
»Waffe runter«, sagte er.
»Oder was?«, gab der Junge zurück.
»Letzte Chance«, sagte Carter.
»Paul«, sagte das Mädchen. »Bitte.«
Der Junge presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Es sah aus, als würde er jeden Moment losheulen.
Carters Finger legte sich gegen den Abzug.
»Bitte, Paul«, rief das Mädchen. »Tu, was er sagt.«
Der Junge senkte die Waffe, legte sie auf den Boden.
»Schieb sie zu mir rüber«, sagte Carter.


»Mein Name ist Clara.« Das Mädchen deutete auf den Jungen. »Paul ist mein Bruder.«
Carter klappte die Trommel des Revolvers heraus, ließ zwei leere Hülsen und zwei Patronen in seine Handfläche fallen. Er steckte die Waffe hinter dem Rücken in den Gürtel.
»Er hat nicht auf Sie gezielt«, sagte das Mädchen mit zitternder Stimme. »Wollte Sie nur verjagen.«
»Lebt ihr allein in diesem Haus?«
Die Geschwister warfen sich einen Blick zu. »Ja«, sagte Clara dann. »Unsere Eltern sind nicht hier.«
Carter betrachtete die beiden, ein Moment der Stille trat ein, nur das Holz des verfallenen Hauses knarrte leise.
»Also gut«, sagte Carter schließlich. »Dein Bruder und ich gehen raus. Wir schauen uns ein wenig um. Könnte sein, dass jemand den Schuss gehört hat.«
Clara nickte, doch ihr Bruder schob trotzig die Unterlippe vor und schwieg.
»Habt ihr Kaffee oder Tee? Ja? Dann setz Wasser auf. Wir sind nicht lange weg.« Mit einer Bewegung des Kinns forderte Carter den Jungen auf, zur Tür zu gehen.
»Paul«, sagte Clara. Widerstrebend gehorchte er.


»Eure Eltern sind tot?«, sagte Carter. Der Junge trottete neben ihm her, antwortete nicht.
Carter blieb stehen und pfiff leise durch die Zähne. Kurz darauf näherte sich der Mustang in lockerem Trab. Der Junge betrachtete staunend das Pferd. Sie umrundeten das Haus. Carter blieb einige Male stehen und suchte mit dem Fernglas das flache Gelände ab.
»Dein Vater war Fan der Arizona Cardinals
Der Junge griff an den Schirm seines Basecaps und sah ihn überrascht an.
»Die ist dir ‘ne Nummer zu groß«, sagte Carter.
Sie kehrten zur Porch zurück, Carter löste den Sattel und legte ihn über das Verandageländer.
Kurz darauf saßen sie in der Küche des Hauses am Tisch und tranken Kaffee.
»Wir haben noch eine ganze Menge Lebensmittel im Keller versteckt«, sagte Clara. »Wenn Sie wollen, bleiben Sie ein paar Tage.«
Carter schwieg.
»Wir haben auch einen Brunnen, aber die Pumpe ist kaputt. Paul holt jeden Tag Wasser von einem kleinen Bach, der …«
Carter schüttelte den Kopf. »Du solltest mir diese Dinge nicht sagen.«
Clara setzte zu einer Erwiderung an, doch dann schwieg sie.
»Es gibt Männer, die töten dich für einen Apfel«, fuhr Carter fort.
»Das weiß ich«, sagte Clara. »Ich weiß das. Aber Sie nicht. Sie töten uns nicht.«
Carter sah von seinem Kaffee auf und blickte dem Mädchen in die Augen. Eine Weile sagte niemand ein Wort.
Mit einer Geste, die auf Claras Bauch deutete, sagte Carter: »Das ist ein Problem. Verstehst du das?«
Das Mädchen schluckte. Ein feuchter Glanz trat in Claras Augen, sie wischte mit dem Ärmel über ihr Gesicht.
»Ist mir klar«, sagte sie.
»Was willst du tun, wenn es soweit ist?«
»Mir fällt schon was ein«, erwiderte das Mädchen.
Carter nickte.
»Werden Sie uns helfen?«, sagte der Junge.
Carter stellte den Kaffeebecher auf den Tisch.
»Ich sehe mir nachher die Pumpe an«, sagte er. »Morgen reite ich weiter.«


Als Carter an diesem Abend die Küche betrat, duftete es nach Bratkartoffeln. Clara hatte den Tisch gedeckt.
»Es gibt Kartoffeln, Erbsen und Speck«, sagte sie. »Leider alles Konserven, aber …«
Carter nickte und setzte sich. Der Junge nahm neben ihm Platz.
Während Carter eine Dose Bier öffnete, die Clara neben seinen Teller gestellt hatte, bemerkte er, dass die Geschwister ihn erwartungsvoll anblickten.
»Würden Sie das Tischgebet sprechen?«, sagte Clara.
Carter stellte die Dose ab. »Das ist nicht euer Ernst.«
Der Junge lächelte scheu. Clara sagte nichts.
»Habt ihr das früher gemacht? Mit euren Eltern?«
Clara schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe es in einem Film gesehen. Als ich klein war.«
Carter griff nach der Dose und trank.
»Wir haben erst damit begonnen, als meine Eltern fort waren«, sagte Clara. »Ich fand, dass es eine gute Idee ist.«
»Gott zu danken, meinst du?«
»Einfach einen Moment lang daran denken, dass wir …«
Carter wartete.
» … naja, dass wir uns noch haben«, sagte Clara schließlich.
Carter öffnete den Mund, doch dann schwieg er.
»Okay«, sagte Clara und schaute ihren Bruder an. »So wie immer, Paul.« Und die Geschwister sprachen ein sonderbares Tischgebet. Es war nicht mehr, als kindliches Gebrabbel. Carter verstand nicht alles, was sie nuschelten. Er trank und beobachtete die beiden düster über seine Bierdose hinweg.
Nach dem Essen sagte Carter an Clara gerichtet: »Die Pumpe funktioniert wieder. Ich habe deinem Bruder gezeigt, wie er sie warten muss.«
Das Mädchen nickte. »Sie brechen also morgen früh auf?«
»Ja«, sagte Carter.
»Und warum?«, fragte der Junge. Clara starrte auf die Tischplatte. Sie hatte eine Kerze herbeigeholt und entzündet, und nun beleuchtete die Flamme ihre Gesichter.
»Ich bleibe nie an einem Ort«, sagte Carter.
»Auch nicht für ein paar Tage?«, fragte der Junge.
Carter schüttelte den Kopf. »In Bewegung zu bleiben, ist die einzige Möglichkeit, wenn man überleben will.«
»Wir überleben hier schon seit einem Jahr«, sagte der Junge.
»Weil ihr einen Keller voller Konserven habt«, erwiderte Carter. »Und weil hier nur selten Leute vorbeikommen.«
»Manchmal sind schon Leute vorbeigekommen«, sagte Clara leise.
Carter blickte sie an, und für einen Moment streifte sein Blick ihren Bauch. Clara schaute ihm in die Augen.
»Wir teilen unsere Vorräte mit Ihnen«, sagte der Junge.
Carter blickte von einem zum anderen, dann sagte er: »Ihr habt keine Ahnung, was da draußen los ist. Diese Welt ist …«
Die beiden sahen Carter an.
»Sie ist ein Schlachthof«, sagte er. »Wenn ihr hierbleibt, werden sie irgendwann kommen. Sie werden euch vergewaltigen und töten. Sie werden eure Lebensmittel nehmen, euer Haus in Brand stecken. Das wird passieren.«
Der Junge schluchzte auf. »Aber Sie können uns beschützen.«
Lange Zeit sagte niemand etwas.
Schließlich flüsterte Clara: »In einer Welt, in der manche für einen Apfel töten, reiten Sie auf einem Pferd durch die Gegend.«
»Und?«
»Sie wissen, wie man das macht«, sagte Clara jetzt etwas lauter.
»Wie man was macht?«
»Wie man sich verteidigt.«
Carter erhob sich. »Sagte ich bereits. In Bewegung bleiben. Kein Ziel bieten. Schnell unterwegs sein.«
»Dann kommen wir mit Ihnen«, sagte der Junge.
Carter schwieg.
Auch Clara stand auf. »Vielen Dank, dass Sie die Pumpe repariert haben«, sagte sie mit belegter Stimme. »Ich hole ein paar Konserven für Sie aus dem Keller.«
Carter nickte. Er legte den .357er Revolver auf den Tisch und die beiden Patronen und die leeren Hülsen. »Ich breche morgen sehr früh auf. Werde euch nicht wecken.«


Es waren zwei oder drei Tage vergangen, als Carter die Ruine eines Motels erreichte. Die Westwand des Pale Tree Inn war eingestürzt. Das Dach hing schräg über der Terrasse, der gesamte Bau neigte sich dem staubigen Erdboden entgegen. Carter ließ den Blick über die beiden anderen Gebäude schweifen, eine Petrol Station mit abmontierten Zapfsäulen und eine verfallene Bretterbude, die einmal ein Geschäft für Lebensmittel und Ausrüstung aller Art war, wie man dem Schild über der Eingangstür entnehmen konnte.
Carter schnalzte mit der Zunge und der Mustang trabte schnaubend an, doch kurz darauf brachte er das Pferd wieder zum Stehen. Über die zuckenden Ohren seines Rappen hinweg betrachtete er die verdorrte Leiche eines Mannes, die kopfunter vom Pfosten einer Werbetafel hing. Eine Krähe kletterte flatternd auf den freigelegten Rippenbögen umher und pickte in der Bauchhöhle des Toten. Jemand hatte dem Mann Zimmermannsnägel durch die Knöchel geschlagen und ihn an den Fersen aufgehängt.
Carter stieg ab, durchstöberte die Gebäude, doch er fand nichts, das wertvoll oder nützlich gewesen wäre. Ohne zurückzublicken, ließ er den Ort hinter sich.


Mehrere Tage lang durchstreifte Carter die Gegend. Eines Abends passierte er einen Canyon, der dicht mit Mesquite und Wachholdersträuchern bewachsen war. Ein würziger Duft lag in der Luft. Das Klappern der Pferdehufe hallte von den Wänden der Schlucht wider.
Als er die Mitte der Canyons erreicht hatte, warf der Mustang nervös den Kopf zurück, und in diesem Moment brach eine Gestalt aus dem Dickicht zu seiner Linken. Der Fremde packte Carters Bein und versuchte, ihn aus dem Sattel zu reißen. Carter schlug mit der Faust zu. Er traf die Stirn des Mannes, zog den Stiefel aus dem Steigbügel und versetzte ihm einen Tritt gegen die Brust. Der Mann drehte sich um und rannte davon, ein zweiter Angreifer stürmte von rechts aus dem Gesträuch und ergriff das Zaumzeug des Rappen. Der Mustang stieg in die Höhe, Carter rutschte seitlich herunter und schlug hart auf den steinigen Untergrund. Das Pferd riss sich los, bleckte das Gebiss, wieherte, drehte sich im Kreis und keilte mehrmals kräftig aus. Ein Tritt zertrümmerte dem Angreifer die Hüfte. Er wurde zu Boden geschleudert, und noch ehe er wieder auf die Füße kam, war Carter über ihm.
Carter zog sein Jagdmesser aus dem Gürtelholster, er packte den Mann von hinten, riss den Kopf an den Haaren zurück und durchtrennte die Kehle mit einem einzigen Schnitt. Das Blut spritzte in Stößen hervor, der Fremde röchelte und griff sich an den Hals. Carters Blick fiel auf die Mütze, die ihm vom Kopf gerutscht war – ein Basecap der Arizona Cardinals.
Mit einem Ruck drehte sich Carter nach dem anderen Mann um. Der rannte in vollem Spurt davon, schon hatte er sich fünfzig oder sechzig Meter weit entfernt. Carter zog das Gewehr aus dem Futteral, ging in die Hocke und öffnete das Visier. Fadenkreuz und Strichplatte tanzten wie wild auf und ab. Carter zwang sich, ruhig zu atmen. Er entsicherte, zielte, schoss. Die erste Kugel verfehlte den Flüchtenden. Carter sah, wie Erde in die Höhe spritzte. Der zweite Schuss traf. Die Kugel zerfetzte den Unterschenkel des Mannes und er stürzte. Carter rannte los.
»Ein Farmhaus am Highway«, sagte er zu dem Fremden und richtete das Gewehr auf ihn, »nicht weit vom Pale Tree Inn entfernt. Seid ihr dort gewesen?«
Der Mann hielt seinen Unterschenkel umklammert. Blut lief unter den Händen hervor. Trotz seiner Schmerzen grinste er.
»Sind bei vielen Farmhäusern vorbeigekommen«, sagte er.
»Da waren zwei Kinder, Junge und Mädchen. Geschwister.«
Der Mann entblößte seine verfaulten Zähne. »Ach, dieses Farmhaus …«
Carter versetzte ihm einen Tritt. »Was habt ihr mit ihnen gemacht?«
Der Mann spuckte aus. »Fick dich.«
»Du weißt, dass ich dich töte«, sagte Carter. Der Mann starrte ihn noch immer mit einem verächtlichen Grinsen an.
»Aber wenn du mir nicht sagst, was passiert ist, schneide ich dich auf, ich schwörs, vom Sack bis zum Hals. Ich häute dich und überlasse dich den Geiern.«
Die Augen des Mannes verengten sich zu Schlitzen. »Scheiße, was soll schon passiert sein. Hab mir die Kleine vorgenommen. Ist ja wirklich ein süßes Ding.«
»Lebt sie noch?«
»Klar lebt die noch. Bin kein Killer.«
Carter nickte. »Was ist mit dem Jungen?«
»Den hab ich nicht angefasst. So einer bin ich nicht.« Der Mann fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Hab ihm eine aufs Maul gegeben. Wollte den Helden spielen, der kleine Pisser. Wollte seine Schwester verteidigen …«
In einer schnellen Bewegung drehte Carter das Gewehr um, holte aus und stieß mit dem Gewehrkolben zu. Der erste Schlag traf den Mann über der Augenbraue und zertrümmerte seine Stirn. Der zweite Stoß brach ihm den Kiefer. Carter hieb ein Dutzend Mal zu, dann reinigte er den Gewehrkolben, wischte Blut, Haare und Gehirnmasse an der Kleidung des Mannes ab, der mit krallenartig verkrampften Händen in letzten Zuckungen im Staub der Schlucht lag.


Er erreichte das Haus am Highway in der Morgendämmerung. Eine blutig brodelnde Sonne schob sich gerade über den Horizont, als Carter vom Pferd sprang, die drei Stufen der Veranda in einem Satz nahm und durch die Eingangstür trat. Er durchsuchte das Erdgeschoss. Es roch nach Kot und Urin. Er stürmte die Treppe hinauf und fand die Geschwister im elterlichen Ehebett aneinandergeschmiegt, kaum bei Bewusstsein.
Er hob Clara aus dem blutigen, kotverschmierten Bettzeug, trug sie nach unten, raus ins Freie zum Brunnen. Er schöpfte Wasser, wusch ihren geschundenen Körper. Er sah, dass ihr Bauch stark geschwollen war und sich dunkel verfärbt hatte. Blut sickerte zwischen ihren Schenkeln hervor. Carter hüllte das Mädchen in eine Decke und bettete es auf dem Sofa im Erdgeschoss. Dann kümmerte er sich um den Jungen. Seine Nase war gebrochen und man hatte ihm die Vorderzähne ausgeschlagen. Er wimmerte leise. Carter ließ am Brunnen Wasser über ihn laufen, wusch ihn, rieb ihn mit einem Leinentuch trocken. Er wickelte ihn in ein Laken, und setzte ihn in einen Sessel in der Nähe des Sofas, auf dem seine Schwester lag.


Eine Woche später brachen Carter und der Junge auf. Sie hatten alles, was nützlich war, in Packtaschen verstaut, die der Mustang trug. Carter setzte den Jungen auf den Widerrist des Rappen, über den er eine Decke gebreitet hatte. Er wandte sich um, warf einen letzten Blick auf das Haus und auf das Grab, in dem Clara und ihr ungeborenes Kind ruhten. Dann stieg er auf das Pferd und schnalzte mit der Zunge.

 
Monster-WG
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20.08.2019
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Guten Morgen @Achillus

ich kann mich erinnern, dass ich von Dir schon mal einen sehr spannenden Text gelesen habe. Daher hab ich mich gefreut, als ich Deinen neuen Beitrag entdeckt habe. Dein Text ist flüssig geschrieben, sprachlich hab ich nichts auszusetzen und es entsteht durchgehend Kopfkino. Der Einstieg ist relativ gemächlich. Ich versuche, Nähe zum Prota aufzubauen, was mir nicht so wirklich gelingt, denn über seine Gedanken und Gefühle lässt Du anfangs gar nichts durchblitzen. Also lese ich weiter, verfolge die Entwicklung der Geschichte und muss sagen, dass ich auch im weiteren Verlauf weiterhin diese Distanz zu den Protas habe. Ich kann mir zwar alles bildlich vorstellen, aber an ihre Gedanken und Gefühle komme ich kaum ran. Das gelingt mir erst gegen Ende des Textes. Und selbst da muss ich sagen, dass mir alles zu oberflächlich angerissen ist. Es geht nicht in die Tiefe, reißt mich nicht wirklich mit. Ich lese das Ende, das wirklich tragisch ist und denk mir - okay, das ist traurig, aber Du hättest so viel mehr an Gefühlen transportieren können. So nimmst Du dem Leser die Chance mitzufiebern/ mitzuleiden. Das ist sehr schade.

Hier ein paar Leseeindrücke:

inen Moment lang verharrte das beleuchtete Fadenkreuz über der hellen Brust des Erdhörnchens, dann jagte der trockene Knall der schallgedämpften Waffe über das flache Land. Der kleine Nager wirbelte durch die Luft und blieb bewegungslos liegen.

An dieser Stelle war mir der Prota erstmal unsympathisch. Anfangs dachte ich noch, okay, ein Reiter der einsam unterwegs ist. Lonesome Cowboy mäßig mit seinem Mustang. Kurz darauf lese ich dann, dass er das Tier zu sich nimmt. Das hat es für mich relativiert. Ich frage mich die ganze Zeit, in welcher Epoche die Geschichte spielt und was passiert ist. Anfangs dachte ich, er will zu dem Haus, um jemanden zu töten. Die Puzzleteile setzen sich erst nach und nach zusammen.

»Wir haben noch eine ganze Menge Lebensmittel im Keller versteckt«, sagte Clara. »Wenn Sie wollen, bleiben Sie ein paar Tage.«

Hier fand ich die Prota sehr naiv. Er kommt in das Haus, hat ne Waffe dabei, anscheinend leben sie in gefährlichen Zeiten und sie lädt ihn praktisch ein. Fand ich ein wenig unglaubwürdig.

»Es gibt Männer, die töten dich für einen Apfel«, fuhr Carter fort.
»Das weiß ich«, sagte Clara. »Ich weiß das. Aber Sie nicht. Sie töten uns nicht.«
Carter sah von seinem Kaffee auf und blickte dem Mädchen in die Augen. Eine Weile sagte niemand ein Wort.

Trotz ihrer Naivität wirkt sie sehr sicher.
Ich hadere mit mir, ob ich ihr das abkaufen kann.

»Es gibt Kartoffeln, Erbsen und Speck«, sagte sie. »Leider alles Konserven, aber …«
Carter nickte und setzte sich. Der Junge nahm neben ihm Platz.

Und auch hier frage ich mich, was passiert ist. Gibt es nirgends mehr Geschäfte? Gab es eine Umweltkatastrophe? Was ist passiert? Ich finde es sehr schade, dass dies nicht aufgedeckt wird. Was mir sehr gut gefällt ist die Endzeitstimmung, die Du zeichnest, und die sich durchgängig durch den Text zieht.

»Manchmal sind schon Leute vorbeigekommen«, sagte Clara leise.
Carter blickte sie an, und für einen Moment streifte sein Blick ihren Bauch. Clara schaute ihm in die Augen.

Hier gefällt mir die subtile Andeutung. Du brauchst gar nicht viele Worte, um dem Leser klarzumachen, was los ist.

Im Verlauf finde ich glaubwürdig, dass er das Haus und die beiden wieder verlässt. Und was mir gut gefallen hat ist, dass er zurückgekehrt ist, um nach den Geschwistern zu sehen, als er den Typ mit der Kappe erwischt hat.

Dennoch lässt Du mich als Leser emotional im Regen stehen, als er in das Haus zurückkommt, die beiden übel zugerichtet findet. Was denkt er? Was fühlt er? Lass mich doch mitfiebern. Du gibst mir nicht die Gelegenheit, wirklich tief in die Szenen einzutauchen. Da ist Distanz, Kälte, technische Präzision - aber wo sind die Emotionen?

Eine Woche später brachen Carter und der Junge auf. Sie hatten alles, was nützlich war, in Packtaschen verstaut, die der Mustang trug. Carter setzte den Jungen auf den Widerrist des Rappen, über den er eine Decke gebreitet hatte. Er wandte sich um, warf einen letzten Blick auf das Haus und auf das Grab, in dem Clara und ihr ungeborenes Kind ruhten. Dann stieg er auf das Pferd und schnalzte mit der Zunge.

Und auch hier wie schon oben geschrieben. Ein tragisches Ende. Die Schwester und das ungeborene Kind sind tot. Er nimmt den Bruder mit sich. Alles logisch, sprachlich super umgesetzt. Nur leider keinerlei Gefühle.

Wäre schön, wenn Du den Leser mehr teilhaben lassen würdest.

Vielen Dank!

Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag und lasse liebe Grüße hier,
Silvita

 
Seniors
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22.10.2011
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Was für ein toller, wuchtiger Text.
Gut vorstellbar als monumentaler, moderner Western oder entsprechendes Endzeitszenarium mit dem einsamen Helden, der alles mit sich und in sich austrägt, die Angst, die Sorge um sich selbst, aber auch den Konflikt, trotz aller Unmenschlichkeit der Verhältnisse menschlich zu bleiben. Und er entscheidet sich. Und das ist gut so. Auch wenn es zu spät sein mag und der Preis des Zögerns hoch war.

Sehr gelungen finde ich es, wie du die Atmosphäre des Textes über den Blick auf die Landschaft steuerst. Man weiß da sofort, da ist ein Mensch in erbarmungslose Verhältnisse geworfen.
Stellvertretend dieses Zitat:

Wie ein Riss in der Haut der Erde, zog sich der dunkle Saum einige Kilometer durch die ausgeblichene, verdorrte Landschaft und lief schließlich vor einem runtergekommenen Farmhaus aus.

Dein Held redet nicht, er hadert nicht mit sich, auch sein Inneres schweigt, aber das passt auch. Schwer vorstellbar, geradezu unpassend wäre es, wenn diese klassische Heldenfigur in ein Geschwätz mit sich selbst verfiele.
Man merkt übrigens anfangs nicht, in welcher Zeit die Geschichte spielt, wie glaube ich schon erwähnt, dachte ich anfangs, es handelt sich um einen Western. Der Feldstecher hat dieses Missverständnis schnell ausgeräumt. Dass es irgendwann, irgendwo in ferner Zukunft spielt, in einer Zeit, einem Leben voller Kampf, das erschließt sich erst nach und nach. Für mich hat das gut geklappt. Ich hatte Spaß daran, mir das durch die Führung der Geschichte selbst zu erschließen. Ähnliches, also ein langsames Erschließen und Finden, gilt auch für die Person Carters. Aber auch das fand ich spannend. Dazu gleich mehr.

Eine Sache noch, die mir auffiel: Du hast Carter über seine Taten charakterisiert, darüber, wie du ihn in diese Landschaft gestellt hast, wie diese Taten im Zusammenhang wirken und über die Reaktionen seiner Umwelt, also in diesem Fall über die Reaktion des Mädchens und ein wenig auch des Jungen auf ihn. Als Leser ist man anfangs noch unsicher, was für ein Mensch Carter wohl ist, du lässt ihn auf die Wüstenhunde lauern, lauern, ein eher negativ konnotiertes Wort, aber es gleicht sich wieder aus, wenn man liest, er isst das Hörnchen, er braucht es um zu leben ... über ihm der Sternenhimmel

Bald darauf stand über ihm schwarz der Nachthimmel, und in der Schwärze, wie hingesprüht - tausende von Sternen. Carter saß am Feuer. Er starrte in die Flammen, lauschte dem Flügelschlag der Nachtschwalben, die in der Dunkelheit über seinem Kopf dahin rauschten
Das würde niemals ein Bösewichter tun, das ist so ikonographisch gesetzt, dass man sich nicht täuschen kann. :) Mehr wäre fast schon zuviel.
Dein Held wirkt wie eine verschlossene, zutiefst romantische Figur, in ihren moralischen Werten von Ritterlichkeit geprägt, und mir gefiel das, wie du den Leser das durch das Mädchen herausfinden lässt.
Kulminierend an dieser Stelle:

»Es gibt Männer, die töten dich für einen Apfel«, fuhr Carter fort.
»Das weiß ich«, sagte Clara. »Ich weiß das. Aber Sie nicht. Sie töten uns nicht.«
Aber es gibt vorher schon Blicke, Schweigen, eine ernste, stille Kommunikation zwischen den beiden, die zeigt, dass das Mädchen einen wirklichen Beschützer wahrgenommen hat.
Schön fand ich dann, dass es ausgerechnet die Mütze ist, die symbolisch gesehen, Carter zum Umdrehen bewegt. Die Mütze, die er schon vorher dem Jungen gegenüber fast liebevoll kommentiert:
»Dein Vater war Fan der Arizona Cardinals
Der Junge griff an den Schirm seines Basecaps und sah ihn überrascht an.
»Die ist dir ‘ne Nummer zu groß«, sagte Carter.


Gut gemacht auch das Ende, du bist sehr sparsam in deinen Worten, du redest nicht lange herum, zeigst einfach nur.
Hat mir sehr sehr gut gefallen. Schön, dass du die Geschichte gepostet hast.
Bis dahin ...
Novak

 
Seniors
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08.07.2012
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Hallo Silvita, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich habe über Deine Kritik nachgedacht, es würden zu wenige Gefühle in diesem Text transportiert. Es ist in der Tat so, dass man als Leser nicht explizit darüber informiert wird, was die Protagonisten denken oder fühlen, weil da eben nicht steht: er dachte … oder sie fühlte …

Allerdings gibt es eine Reihe von Emotionen, die benannt werden: Überraschung, Angst, Trotz, Verachtung. Außerdem drücken viele Handlungen auch Gefühle aus. Es ist kaum anzunehmen, dass die Reaktion Carters, als der Fremde davon berichtet, wie er das Mädchen vergewaltigt und den Jungen geschlagen hat, eine Handlung ohne Emotionen war. Auch die Art, wie die Dialoge stattfinden, legt ja nahe, dass dort Emotionen eine Rolle spielen, findest Du nicht? Und darüber hinaus transportiert auch die Umgebung ein wenig vom Innenleben der Figuren. Nehme ich das in der Summe, kann ich Deine Kritik nicht ganz nachvollziehen.

Selbstverständlich könnte man das Ganze sentimentalisieren. Ich denke aber, es ist einfacher, gut zu schreiben, wenn man in dieser Hinsicht zurückhaltend ist. Und ich finde außerdem, dass wir uns grundsätzlich mit unserer Sucht nach Gefühlsdarstellungen auseinandersetzen sollten. Das ist nicht auf Dich bezogen, ich rede jetzt nur über eine allgemeine Reflexion. Was mir bei Geschichten (auch hier im Forum) gelegentlich auffällt, ist dieses Aufblasen von Emotionalität selbst angesichts trivialster Ereignisse. Das ist auch ein ungutes Symptom unserer Kultur grundsätzlich. Schau Dir TV, Kino, Talkshows, Gameshows, Musikshows, Castingshows, Facebook, YouTube usw. an - überall dominiert ein aufmerksamkeitsheischender, sentimentalisierter Grundton, auch und gerade angesichts von Nichtigkeiten.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen in einer Welt, wie sie meine Geschichte beschreibt, eine solche Gefühlskultur besitzen würden, wie wir das heute als normal empfinden. Vielleicht ist das Fehlen der Emotionalität, die Du Dir in so einem Text wünschst, auch ein Zeichen für eine andere Art der Weltempfindung der Figuren im Text. Ich denke darüber nach, was es bedeutet, wenn Du sagst, Du kannst nicht teilhaben an dem Geschehen, obwohl alles in großer Klarheit vor Deinen Augen abrollt. Fragst Du Dich ernsthaft, ob diese Menschen leiden?

Vielen Dank, Silvita, Dein Kommentar war ein Denkanstoß.

Gruß Achillus

Novak, vielen Dank, ich schreibe Dir morgen. G. Achillus

 

CoK

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24.08.2020
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Hallo @Achillus

Dein für mich routiniert gut geschriebener Text kam mir vor wie eine Szene aus einem Endzeit-Spielfilm.

Im Westen berührte die Sonne bereits den Horizont. Ihr rötliches Licht warf lange Schatten über das Land.
Wie schön und klar du mit zwei kurzen Sätzen den Sonnenuntergang beschrieben hast.
Das ist für mich im ganzen Text lesbar. Ich sehe, es fühle mit, obwohl du wenig dazu schreibst
Der Junge presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Es sah aus, als würde er jeden Moment losheulen.
Ich spüre die Angst, trotz der wenigen Beschreibung kann ich mir alles klar vorstellen.
Der Junge griff an den Schirm seines Basecaps und sah ihn überrascht an.
»Die ist dir ‘ne Nummer zu groß«, sagte Carter.
Klasse, wie du das Käppi hier anführst und später dein Prota daraus seine Schlüsse zieht.
Ich sehe mir nachher die Pumpe an«, sagte er. »Morgen reite ich weiter.«
Was für ein emphatischer Held.
»Habt ihr das früher gemacht? Mit euren Eltern?«
Clara schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe es in einem Film gesehen. Als ich klein war.«
Schön, wie die Kinder versuchen einen Trost zu finden.


Spannende Geschichte, freue mich wieder etwas gelernt zu haben.

Grüße aus dem Schwabenländle
CoK

 
Monster-WG
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20.08.2019
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Lieber @Achillus

vielen Dank für die Rückmeldung.

Hallo Silvita, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich habe über Deine Kritik nachgedacht, es würden zu wenige Gefühle in diesem Text transportiert. Es ist in der Tat so, dass man als Leser nicht explizit darüber informiert wird, was die Protagonisten denken oder fühlen, weil da eben nicht steht: er dachte … oder sie fühlte …

Gern geschehen.
Schön, dass ich einen Denkanstoß liefern konnte.
Ich wünsche mir nicht, dass Du explizit schreibst: "Er dachte" ... "Sie fühle".
Schon eher in der Show, dont tell Manier. Das wäre eben schön, um die Distanz abzubauen, die ich als Leser zu Deinen Figuren habe.

Allerdings gibt es eine Reihe von Emotionen, die benannt werden: Überraschung, Angst, Trotz, Verachtung. Außerdem drücken viele Handlungen auch Gefühle aus. Es ist kaum anzunehmen, dass die Reaktion Carters, als der Fremde davon berichtet, wie er das Mädchen vergewaltigt und den Jungen geschlagen hat, eine Handlung ohne Emotionen war. Auch die Art, wie die Dialoge stattfinden, legt ja nahe, dass dort Emotionen eine Rolle spielen, findest Du nicht? Und darüber hinaus transportiert auch die Umgebung ein wenig vom Innenleben der Figuren. Nehme ich das in der Summe, kann ich Deine Kritik nicht ganz nachvollziehen.

Es ist schade, dass Du meine Gedanken nicht ganz nachvollziehen kannst.
Vielleicht schaust Du mal, was andere Leser so meinen. Ist ja auch alles viel Geschmackssache. Ich kann Dir letztendlich nur meine Leseeindrücke schildern und was bei mir ankam. Natürlich benennst Du einige Emotionen und ich kann mir natürlich auch meinen Teil denken, aber ich hab tatsächlich durchgängig diese Distanz empfunden und fand das halt total schade, da die Figuren und die Geschichte sehr interessant sind.

Selbstverständlich könnte man das Ganze sentimentalisieren. Ich denke aber, es ist einfacher, gut zu schreiben, wenn man in dieser Hinsicht zurückhaltend ist. Und ich finde außerdem, dass wir uns grundsätzlich mit unserer Sucht nach Gefühlsdarstellungen auseinandersetzen sollten. Das ist nicht auf Dich bezogen, ich rede jetzt nur über eine allgemeine Reflexion. Was mir bei Geschichten (auch hier im Forum) gelegentlich auffällt, ist dieses Aufblasen von Emotionalität selbst angesichts trivialster Ereignisse. Das ist auch ein ungutes Symptom unserer Kultur grundsätzlich. Schau Dir TV, Kino, Talkshows, Gameshows, Musikshows, Castingshows, Facebook, YouTube usw. an - überall dominiert ein aufmerksamkeitsheischender, sentimentalisierter Grundton, auch und gerade angesichts von Nichtigkeiten.

Ich weiß, was Du meinst und ich steh überhaupt nicht auf Aufgebausche oder Aufmerksamsheischerei. Vielleicht gäbe es ja einen goldenen Mittelweg.
Vielleicht liegts ja auch an mir, und ich brauch einfach andere oder stärkere Impulse, um direkt mitfühlen/ mitleiden zu können.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen in einer Welt, wie sie meine Geschichte beschreibt, eine solche Gefühlskultur besitzen würden, wie wir das heute als normal empfinden. Vielleicht ist das Fehlen der Emotionalität, die Du Dir in so einem Text wünschst, auch ein Zeichen für eine andere Art der Weltempfindung der Figuren im Text. Ich denke darüber nach, was es bedeutet, wenn Du sagst, Du kannst nicht teilhaben an dem Geschehen, obwohl alles in großer Klarheit vor Deinen Augen abrollt. Fragst Du Dich ernsthaft, ob diese Menschen leiden?

Natürlich ist mir vom Kopf her klar, dass die Menschen in Deiner Geschichte leiden. Darum hab ich das überhaupt angemerkt, dass ich es schade finde, dass die Gefühle nicht so rüberkommen. Ich hab mich versucht, in die Figuren hineinzuversetzen und mir hat halt etwas gefehlt.

Vielen Dank, Silvita, Dein Kommentar war ein Denkanstoß.

Gern geschehen.
Das ist schön.

Ich wünsche Dir noch einen angenehmen Tag.

Ganz liebe Grüße,
Silvita

 
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Hey @Achillus,

tolle Geschichte! Stimmt, die Charaktere werden mir nicht ganz greifbar, aber doch greifbar genug, um mich am Ende zu berühren. Und der Protagonist sollte glaube ich genauso bleiben, wie er ist. Dein Stil hat mir gut gefallen, die Welt wird da schön lebendig.
EDIT: Bei der Welt ist lebendig wohl das falsche Wort. Aber du weißt - hoffe ich - was ich meine.

Nur zwei-drei Kleinigkeiten:

verdorrte Landschaft und lief schließlich vor einem runtergekommenen Farmhaus aus.
Irgendwie hat mich dieses doppelte aus gestört.

Bald darauf stand über ihm schwarz der Nachthimmel, und in der Schwärze, wie hingesprüht - tausende von Sternen.
Den Gedankenstrich verstehe ich nicht.

»Waffe runter«, sagte er.
»Oder was?«, gab der Junge zurück.
»Letzte Chance«, sagte Carter.
»Paul«, sagte das Mädchen. »Bitte.«
Über die ganzen sagtes bin ich gestolpert; ich denke, man kann das Durchgestrichene einfach weglassen; da weiß man ja, wer spricht.

»Mein Name ist Clara.« Das Mädchen deutete auf den Jungen. »Paul ist mein Bruder.«
Carter klappte die Trommel
Ich würde darüber nachdenken, ob zwei so gleich klingende (nicht nur der erste Buchstabe, auch das Ende, der ganze Klang, etc.) Namen sinnvoll sind. Beim Lesen hat mein Unterbewusstsein den Namen mehrmals falsch erkannt, weswegen ich kurz verwirrt war. Da legst du dir, bzw dem Leser, meiner Meinung nach unnötige Steine in den Weg.

Noch zwei winzige stilistische Vorschläge:

Der von den Hufen des Mustangs aufgewirbelte Staub verlor sich unter dem Kobaltblau des weitgedehnten Himmels.
Ihr rötliches Licht warf lange Schatten über das Land.

Viel mehr habe ich auch nicht zu sagen. Hat mir sehr gut gefallen! Vielen Dank.

Grüße,
Manfred

 
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Hallo Novak, vielen Dank für Deinen Kommentar.

Du schreibst: Gut vorstellbar als monumentaler, moderner Western oder entsprechendes Endzeitszenarium mit dem einsamen Helden, der alles mit sich und in sich austrägt, die Angst, die Sorge um sich selbst, aber auch den Konflikt, trotz aller Unmenschlichkeit der Verhältnisse menschlich zu bleiben. Und er entscheidet sich. Und das ist gut so. Auch wenn es zu spät sein mag und der Preis des Zögerns hoch war.

Zu spät, in der Tat. Ich habe lange über diesen Aspekt der Geschichte nachgedacht. Wie mag sich Carter fühlen, wenn er realisiert, dass das Beharren auf seinen Prinzipien eine tragische Rolle beim Verlauf der Ereignisse spielte? Hätte er nicht einfach bei den Kindern bleiben sollen, aber falls ja, wie lange und unter welchen Voraussetzungen?

Ich fand die ethische Dimension dieser Fragestellung wichtig. Was wir uns in unserer weitgehend geschützten Welt nicht klarmachen ist, dass derartige Entscheidungen über Leben und Tod bestimmen können. Ich finde, wir können anhand solcher Geschichten auch über reale Geschehnisse unserer Zeit reflektieren, beispielsweise über den Krieg in Syrien.

Eine Sache noch, die mir auffiel: Du hast Carter über seine Taten charakterisiert, darüber, wie du ihn in diese Landschaft gestellt hast, wie diese Taten im Zusammenhang wirken und über die Reaktionen seiner Umwelt, also in diesem Fall über die Reaktion des Mädchens und ein wenig auch des Jungen auf ihn.

Schön, dass Du es so empfindest. In einem Film könnte man Gesichter zeigen, in Großaufnahme. Da würde dann schnell klarwerden, welche Schwingungen zwischen den Figuren herrschen. Bei so einem Text ist das schwieriger, wenn man nicht umständlich erklären will, wer was wie empfindet. Offenbar hat meine Variante für Dich funktioniert. Sehr schön.

Gut gemacht auch das Ende, du bist sehr sparsam in deinen Worten, du redest nicht lange herum, zeigst einfach nur.
Hat mir sehr sehr gut gefallen. Schön, dass du die Geschichte gepostet hast.

Ein großer Teil meiner Arbeit an diesem Text bestand im Wegstreichen. Ich freue mich, dass Dich das Ergebnis erreicht hat. Danke für das Teilen Deiner Gedanken zu dieser Geschichte.

Gruß Achillus

Wird fortgesetzt …

 
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Hallo Achillus. Mit dem Setting hast du bei mir als Western-Fan einen Nerv getroffen. Der Text lässt sich sehr gut lesen und man merkt, wie sicher du in dem bist, was du tust. Beispielsweise Rechtschreibung, Grammatik usw. Eins a.
Leider sehe ich den Anfang, den ersten Absatz als vertane Chance an. Zwar ist seine Jagd gut und bildhaft geschrieben, nur fehlt ihr die Tiefe. Man hätte Carter vielleicht kurz zu den Tieren sprechen lassen sollen oder irgendwas, damit man schon mal eine Richtung hat. Selbstverständlich wolltest du ihn als den harten Redneck aussehen lassen, trotzdem wären ein, zwei kleine menschliche Details cool gewesen.
Ich war aber dankbar, dass du dich nicht vor der Härte dieser Welt gedrückt und sie vollwertig beschrieben hast. Ich finde, so etwas gehört zum Western dazu. Habe es alles in allem gerne gelesen und würde gerne mehr solcher guten Western lesen. Ist ja leider ein sehr vernachlässigtes Genre heutzutage.
Gruß

Einen Moment lang verharrte das Fadenkreuz über der hellen Brust des Erdhörnchens, dann jagte der trockene Knall der schallgedämpften Waffe über das flache Land.
Das arme Erdhörnchen:(
»Aber wenn du mir nicht sagst, was passiert ist, schneide ich dich auf, ich schwörs, vom Sack bis zum Hals. Ich häute dich und überlasse dich den Geiern.«
Wie cool Carters Spruch bitte ist. Leider taut er da etwas zu spät auf.

 
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Hallo CoK, vielen Dank für Deinen Kommentar zu meiner Geschichte. Freut, mich dass sie Dir gefallen hat. Gruß Achillus


Hallo Silvita, danke, dass Du nochmal reinschaust. Ich nehme an, wir reden über persönliche Vorlieben beim Lesen. Diese Distanz, die Du beschreibst und kritisierst, empfinde ich als wohltuend. Ich fühle mich häufig bedrängt von Autoren, die mir haarklein beschreiben, was innerlich in den Figuren vorgeht. Muss ja nicht »haarklein« sein, wirst Du vielleicht erwidern. Naja, ich justiere das noch. Grundsätzlich suche ich nach der Freiheit, meine Figuren durch ihre Taten und Worte sprechen zu lassen, psychologische Interpretationen sollte der Leser anstellen, nicht der Erzähler. Das finde ich auch aufrichtiger gegenüber den Figuren. Gruß Achillus

Wird fortgesetzt …

 
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Hallo Manfred, vielen Dank für Deinen Kommentar. Freut mich, dass Dir meine Geschichte insgesamt gefallen hat.

… und lief schließlich vor einem runtergekommenen Farmhaus aus … Irgendwie hat mich dieses doppelte aus gestört.

Ja, ging mir von Anfang an so. Ich habe dann eine Weile herumexperimentiert, aber nichts gefunden, was mir insgesamt besser gepasst hätte.

Bald darauf stand über ihm schwarz der Nachthimmel, und in der Schwärze, wie hingesprüht - tausende von Sternen... Den Gedankenstrich verstehe ich nicht.

Einen Gedankenstrich setzt man ja häufig dort, wo man in der gesprochenen Sprache eine Pause machen würde. So auch hier. Ob das korrekt und notwendig ist, weiß ich allerdings nicht mit Sicherheit.

Danke für Deine stilistischen Vorschläge. Werde ich drüber nachdenken.

Gruß Achillus


Hallo Pepe, vielen Dank für Deine Ausführungen zu meiner Geschichte. Freut mich, dass Dir der Text gefallen hat.

Leider sehe ich den Anfang, den ersten Absatz als vertane Chance an. Zwar ist seine Jagd gut und bildhaft geschrieben, nur fehlt ihr die Tiefe. Man hätte Carter vielleicht kurz zu den Tieren sprechen lassen sollen oder irgendwas, damit man schon mal eine Richtung hat. Selbstverständlich wolltest du ihn als den harten Redneck aussehen lassen, trotzdem wären ein, zwei kleine menschliche Details cool gewesen.

Ich hatte überlegt, ob Carter zu seinem Pferd sprechen sollte. Das wäre sicher glaubhaft, eine solche Bindung zwischen Pferd und Reiter wäre nicht ungewöhnlich. Aber je mehr ich mich mit der Geschichte befasst habe, desto klarer wurde mir, dass Carter solche (für uns selbstverständlichen) Artikulationen verloren hat. Er findet zwar in die Welt der Worte zurück, beispielsweise, als er mit den Kindern spricht. Aber selbst dann redet er nicht viel. Ich verstehe seine Wortlosigkeit als Aspekt des Verlusts, der diese Figur grundsätzlich charakterisiert.

Gruß Achillus

 
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Hallo Achillus,

mir hat deine Geschichte sehr gut gefallen. Ich lese sie als einen vor allem stimmungsvollen, postapokalyptischen Text und ich versuche mal hier für mich (und auch dich ;-)) zu ergründen, warum mir dein Text so gut gefallen hat. Das beginnt schon mit dem Einstieg, der mich direkt in eine Szene katapultiert.

Carter schwang das Bein über die Kruppe seines Mustangs und ließ sich vom Rücken des Pferdes gleiten. Er ging ein paar Schritte auf den Abgrund zu und betrachtete die unter ihm liegende Ebene. Im Westen berührte die Sonne bereits den Horizont. Ihr rötliches Licht warf lange Schatten über das Land.
Im ersten Leseeindruck war es kein Problem, aber wenn ich den Text jetzt nochmal aus einer analytischen Perspektive betrachte, frage ich mich, ob "vom Rücken gleiten lassen" der richtige Ausdruck ist. Denn er sitzt ja in einem Sattel und da würde man eher aus dem Sattel gleiten ... aber das sind echt Korinthen und beim ersten Lesen, hatte ich damit keine Probleme. Es ist ein sehr stimmungsvoller Einstieg, was ich grundsätzlich einfach gerne mag, sodass ich gerne weiterlese. Ich habe noch keine Ahnung, worum es geht, aber er ist mit einem Mustang (nicht mit einem Auto oder so) unterwegs und sieht den Horizont, weswegen in meinem Kopf eine steppenartige Landschaft anspringt. Schön, mit wie wenigen Worten direkt mein Kopfkino losgeht. Für mich ist es genau richtig dosiert, die wichtigsten Details sind da, du lässt dir Zeit, aber verlierst dich nicht in uninteressanten Nebensächlichkeiten. Das führst du dann auch fort. Obwohl erstmal nicht sehr viel passiert, er sitzt ab, schaut über die Ebene, holt den Feldstecher, schaut wieder über die Ebene, entdeckt den Highway, den Teerweg, das Farmhaus. Das sind ja schon recht viele Worte, die du für nur wenig Handlung benutzt, es stört mich aber gar nicht (ganz im Gegenteil), weil du eher ein Bild zeichnest, in dem halt auch etwas Bewegung ist. Und ich finde du zeichnest ganz toll :-)

und lief schließlich vor einem runtergekommenen Farmhaus aus.
Ich habe gelesen, dass dir die Formulierung selbst auch nicht so gut gefällt, geht mir ähnlich. Ein Vorschlag: "und endete schließlich ... Farmhaus."

Carter betrachtete das Haus eine Weile, dann ließ er das Glas sinken und starrte mit leerem Blick in die Weite des staubigen Landes unter ihm.
Das Wort "betrachten" impliziert für mich "eine Weile" so wie das Wort "starren" für mich einen leeren Blick impliziert (denn es geht ja nicht um "anstarren").

Im letzten Licht des Tages lag Carter ein paar hundert Meter von seinem Nachtlager entfernt lauernd auf dem harten Boden des Hochplateaus.
Hier gefällt mir der Szenenwechsel nicht. Ich bin da ja ganz in deinem Bild, sehe Carter da stehen, vor dem Abrgrund, vor der Weite, erahne das Farmhaus usw. und dann liegt er plötzlich lauernd auf dem Boden. Vielleicht wäre ein richtiger Absatz (nicht nur Zeilenumbruch) eine Möglichkeit, dass ich nicht so abrupt aus meiner Weite gerissen werde, weil der optische Abstand eben Abstand transportiert. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, wenn du etwas sanfter überleiten würdest. Ich finde, dass die Jagdszene dann sprachlich nicht an die vorherige Szene heranreicht. Ich finde, da bist du nicht so auf den Punkt bist wie zuvor. Ich versuche mal herauszufinden, warum ich das so empfinde, weiß aber nicht, ob es am Ende wirklich passt.

Im letzten Licht des Tages lag Carter ein paar hundert Meter von seinem Nachtlager entfernt lauernd auf dem harten Boden des Hochplateaus. Er schaute durch die Zieloptik seines Sturmgewehrs und verfolgte das Treiben einer Familie von Präriehunden. Die Erdhörnchen huschten zwischen den Eingängen ihrer unterirdischen Höhlen hin und her.
Du bist dicht dran an deinem Prota (auch wenn andere Leser das nach deren Kommentaren zu urteilen anders empfinden) und zeigst uns/mir einen Ausschnitt. Das ist, was ich oben mit Bild meinte. Und dieser Aussschnitt stimmt hier für mich nicht. Der Ausschnitt ist: Blaue Stunde, Carter liegt auf dem Boden, schaut duch die Zieloptik, sieht die Präriehunde. Ein paar hundert Meter entferntes Nachtlager ist pure Information, ist Wissen, keine Beobachtung - die Beschreibung der Beobachtung ist aber das, was deinen Text ausmacht und weshalb ich mich deinem Prota nah fühle, weil ich sehe, was er sieht, weil ich ihn in einer Szene sehe. Das Nachtlager interessiert mich darum nicht. Es ist als würdest du auf deine Zeichnung einen Pfeil malen und darunter schreiben: in ein paar hundert Metern befindet sich sein Nachtlager. Keine Ahnung, ob klar ist, was ich meine. Zudem brauchst du mE das "lauernd" nicht. Ich finde auch, dass es sich beisst mit dem fettgedruckten Satzteil. Für mich transportiert der: Tierdoku, d.h. Tierbeobachtung zum Vergüngungen, aber Carter ist ja eigentlich auf der Jagd. Aber vielleicht willst du auch genau das transportieren, dass er Vergnügen empfindet, dabei die Erdhörnchen zu beobachten. Trotzdem empfinde ich das Treiben der Familie als redundant, weil du ja im nachfolgenden Satz viel schöner und konkreter genau dieses Treiben beschreibst.

Als sich eines der Tiere auf die Hinterpfoten stellte und aufrichtete, um die Umgebung nach Feinden abzusuchen, nahm Carter es ins Visier.
eine totale Korinthe und eigentlich auch nicht nötig, aber vielleicht schaffst du es ja, das Verhalten des Tieres als reine Beobachtung (ohne das Wissen, warum es das tut) zu beschreiben, zB seine Umgebung erkundete oder so, keine Ahnung.

dann jagte der trockene Knall der schallgedämpften Waffe über das flache Land.
Mir gefällt der "trockene Knall". Hier nutzt du das erste mal auch den Hörsinn, auch das gefällt mir.

Carter sicherte das Gewehr, erhob sich und klopfte die graue Erde von seiner Kleidung.
Das ist wieder so ein Detail, das bei mir das Kopfkino anmacht.

Er schulterte die Waffe, machte einen Schritt zur Seite und bückte sich, um die verschossene Hülse aufzulesen.
Da stolper ich drüber, beim ersten und auch beim zweiten Lesen. Ich finde das ungemein kompliziert dafür, dass er einfach nur die Hülse aufhebt.

Bald darauf stand über ihm schwarz der Nachthimmel, und in der Schwärze, wie hingesprüht - tausende von Sternen. Carter saß am Feuer. Er starrte in die Flammen, lauschte dem Flügelschlag der Nachtschwalben, die in der Dunkelheit über seinem Kopf dahin rauschten. In der Hand hielt er eine Blechtasse, der Geruch brennender Zedernscheite hing in der Luft. Er trank einen Schluck, sein Blick fiel auf die winzigen Knochen des erbeuteten Präriehundes, die er während des Essens ins Feuer geworfen hatte. Blank, bleich und glänzend lagen sie in der Glut. Es knackte, als die Hitze sie zerspringen ließ.
Das gefällt mir wieder gut. Durch das "Bald darauf" ... hat mich auch der Szenenwechsel nicht gestört (im Ggs zu oben, vielleicht oben was ähnliches machen?). Mir gefällt auch dass hier sehen, hören und riechen vorkommt. Am meisten mag ich den letzten Satz.

Der von den Hufen des Mustangs aufgewirbelte Staub verlor sich unter dem Kobaltblau des weitgedehnten Himmels.
Dies ist die einzige Stelle, die mir etwas zu dick erscheint, was die Stimmung und die Landschaftsbeschreibung angeht. "sich verlieren" "kobaltblau" "weitgedehnter Himmel", ist noch ok, aber an der Grenze für mich.

Im Flimmern der aufgehenden Sonne war der Reiter kaum auszumachen.
Hier bin ich gestolpert. Mir war nicht klar, ob "der Reiter" jetzt eine neue Figur sein soll, die Carter sieht. Ich meine Carter hat doch schon einen Namen, wieso auf einmal dieses distanzierter "der Reiter"? Außerdem: Gibt es wirklich ein Flimmern, wenn die Sonne aufgeht? Flimmert nicht die Hitze, wenn die Sonne schon aufgegangen ist? Der Absatz der dann folgt, wie er sich dem Haus nähert, gefällt mir wieder sehr gut. Einzig, dass ein Fenster zersprang reißt mich kurz raus, weil ich denke, hab ich nicht mitgekriegt, dass Carter geschossen hat? Darum musste ich noch mal lesen: nein, Carter hat nicht geschossen. Mein erster Gedanke: Carter ist nicht allein da draußen, jemand anderes hat sich auch dem Haus genähert, dass jemand von drinnen durch eine Fensterscheibe schießt, der Gedanke kam mir nicht.

Er hörte einen Schrei, riss die Waffe hoch und blickte in das bleiche Gesicht eines Jungen. Der Junge richtete einen .357er Revolver auf ihn und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Zwei Schritte von ihm entfernt hockte ein Mädchen in der Ecke des Raumes.
»Bitte nicht«, stieß die Kleine hervor. Auch in ihren Augen flackerte die Angst, sie zitterte, und Carter sah, dass sie hochschwanger war.
Ich finde, die weit aufgerissenen Augen sind einfach eine so ausgelutschte Metapher, dass sie deinem Text eher schaden. Das bleiche Gesicht macht schon deutlich, dass er Angst hat, auch der Schrei. Im Grund ist auch das "anstarren" schon redundant, denn es ergibt sich daraus, dass er eine Waffe auf ihn richtet. "blickte in das bleiche Gesicht eines Jungen, der einen .357er Revolver auf ihn richtete", reichte eigentlich auch. Durch den Begriff "die Kleine" denke ich an ein kleines Mädchen. Dann ist sie schwanger. Ich ordne sie bei einem Alter von 14/15 Jahren ein und er, denke ich, ist 16/17 Jahre alt.

»Paul«, sagte das Mädchen. »Bitte.«
Mit Ausrufezeichen, denke ich. Also: Bitte!

»Schieb sie zu mir rüber«, sagte Carter.
Bis hierher weiß ich nicht, was Carter für ein Typ Mensch ist. Also ich weiß, dass er allein unterwegs ist, ob gewollt, weiß ich nicht. Ich weiß (auch wenn es Interpretation ist), dass er das gut kann, also: sich allein durchschlagen. Er ist ein harter Hund, kommt klar, eher wortkarg, hat zumindest bisher nichts gesagt, denn die meisten Menschen, denke ich, würden sicher mit dem Pferd reden oder mit sich selbst oder sie würden singen oder so, ich denke, die meisten wollten eine Stimme hören und wenn es ihre eigene ist. Also, obwohl ich nicht weiß, was Carter für ein Typ ist, hast du es geschafft, dass ich an dieser Stelle keine Angst um die "Kinder" habe, ich denke nicht (und ich habe keine Ahnung als was die Geschichte getaggt ist), dass er ein Fiesling ist, dazu ist er zu ruhig, zu besonnen irgendwie.

»Lebt ihr allein in diesem Haus?«
Ich finde das zu "eloquent" für Carter. Ich nehm den eher so als Typ wahr, der in Stichpunkten redet, so wie vorher: Waffe runter!, Letzte Chance! "Schieb sie rüber!" Ich fände es fast logischer, wenn er gar nichts sagt, eigentlich will er sich doch für niemanden interessieren, oder? Allein ist man sicherer, oder? Außer er fragt, weil er wissen will, ob noch jemand da ist, also ob noch irgendwo eine Gefahr lauert. Das wäre nachvollziehbar, aber dann würde ich eher so etwas erwarten wie: "Noch jemand im Haus?" oder so ähnlich ..

Die Geschwister warfen sich einen Blick zu. »Ja«, sagte Clara dann. »Unsere Eltern sind nicht hier.«
Blicke zuwerfen, finde ich auch eine zu lahme Metapher für deinen Text. Mir gefiele ein schnödes "sich anschauen" besser. Dann folgen die Dialoge. Ich bin echt picky was Dialoge angeht. Und ich finde, da könntest du noch einiges kürzen, aber am Ende könnte es auch zuviel sein, da ist sicher Augenmaß gefragt. Aber zB hier:
»Ja«, sagte Carter. »Ich muss.«
Carter ist für mich niemand, der sagen würde, dass er etwas tun muss, das klingt so entschuldigend. Er ringt vielleicht mit sich, aber das würde er nicht nach außen tragen. Er sagt, er muss los. Fertig! Und weil er weiß, dass es eigentlich nicht das Richtige ist, repariert er die Pumpe.

Es waren zwei oder drei Tage vergangen, als Carter die Ruine eines Motels erreichte. Die Westwand des Pale Tree Inn war eingestürzt.
Das ist mir dann wieder ein zu harter Szenenwechsel. Ich frage mich auch, ob es dramaturgisch schlau ist, soviel Zeit verstreichen zu lassen. Der ganze Absatz hat mich etwas verwirrt, irgendwie wusste ich plötzlich nicht mehr wo die Geschichte hin will, insbesondere als es nach diesem Absatz dann hieß:
Mehrere Tage lang durchstreifte Carter die Gegend. Eines Abends passierte er einen Canyon, der dicht mit Mesquite und Wachholdersträuchern bewachsen war. Ein würziger Duft lag in der Luft. Das Klappern der Pferdehufe hallte von den Wänden der Schlucht wider.
Also dann noch mal ein paar Tage später. Du kannst ja mal überlegen, ob den obigen Absatz überhaupt brauchst. Ich finde nicht, dass der irgendetwas beiträgt zur Geschichte, außer eben zu verwirren ...

Carter schlug mit der Faust zu. Er traf die Stirn des Mannes, zog den Stiefel aus dem Steigbügel und versetzte ihm einen Tritt gegen die Brust.
Genau richtige Details für mein Kopfkino.
Der Mustang stieg in die Höhe, Carter rutschte seitlich herunter und schlug hart auf den steinigen Untergrund.
Das Fette macht bei mir kein Kopfkino. Ich weiß, was du meinst, aber Bilder stellen sich nicht ein, geht vielleicht nur mir so. Vielleicht ist es auch, wenn es offener formuliert ist, leichter das Bilder entstehen, also sowas wie: Der Mustang stieg in die Höhe, Carter fiel auf den steinigen Untergrund (dass es dann hart ist, ist eigentlich klar). Aber ich weiß nicht so genau, warum das eine gut funktioniert und das andere dann eben nicht so gut.

Das Pferd riss sich los, bleckte das Gebiss, wieherte, drehte sich im Kreis und keilte mehrmals kräftig aus.
Ich krieg das nicht mit einem Pferd zusammen, sondern denke sofort an einen Hund oder Wolf oder so.

Ein Tritt zertrümmerte dem Angreifer die Hüfte. Er wurde zu Boden geschleudert, und noch ehe er wieder auf die Füße kam, war Carter über ihm.
Carter zog sein Jagdmesser aus dem Gürtelholster, er packte den Mann von hinten, riss den Kopf an den Haaren zurück und durchtrennte die Kehle mit einem einzigen Schnitt.
Das ist ja ein personaler Erzähler, woher weiß der denn, dass die Hüfte zertrümmert wurde? Auch etwas, was vielleicht nur mir so geht, aber in meinem Film, ist der Angreifer auf den Rücken gefallen, dann war Carter über ihm und der Angreifer ist mit dem Gesicht ihm zugewandt, dann packt Carter ihn von hinten ... das hat mich kurz rausgebracht ...

Carters Blick fiel auf die Mütze, die ihm vom Kopf gerutscht war – ein Basecap der Arizona Cardinals.
Gut gemacht, wie ein kleines Detail so viel aussagen kann ...
Der Mann hielt seinen Unterschenkel umklammert. Blut lief unter den Händen hervor. Trotz seiner Schmerzen grinste er.
Das ist mir ein bisschen zu dick. Die Fieslinge grinsen immer ...
Der Mann entblößte seine verfaulten Zähne. »Ach, dieses Farmhaus …«
... und schlechte Zähne haben sie dann auch noch. Ich fände besser, wenn er hübsche, weiße, gerade Zähne hätte ...
»Du weißt, dass ich dich töte«, sagte Carter. Der Mann starrte ihn noch immer mit einem verächtlichen Grinsen an.
Und noch mehr Gegrinse ... Darf ich vorschlagen, dies alles zu löschen, zumindest es zu überdenken?
Die Augen des Mannes verengten sich zu Schlitzen. »Scheiße, was soll schon passiert sein. Hab mir die Kleine vorgenommen. Ist ja wirklich ein süßes Ding.«
Der Dialogteil gefällt mir. Ich fände es aber eindringlicher ohne den letzten Satz. "Hab mir die Kleine vorgenommen." hat für mich so ne Wucht, die macht der letzte Satz irgendwie kaputt.

»Klar lebt die noch. Bin kein Killer.«
find ich auch gut.

Er erreichte das Haus am Highway in der Morgendämmerung. Eine blutig brodelnde Sonne schob sich gerade über den Horizont, als Carter vom Pferd sprang, die drei Stufen der Veranda in einem Satz nahm und durch die Eingangstür trat.
Weil er eben doch ein Guter ist. Mit dem Bild der "blutig brodelnden Sonne" kann ich nicht so viel anfangen, aber ich finde die Beschreibung im Hinblick auf das was passiert ist gut.

Am Ende dann, wenn er sie findet, habe ich das Gefühl, dass du plötzlich so durchhetzt, da finde ich, könntest du dir etwas mehr Zeit lassen, auch beim letzten Absatz, dem Abschied, könntest du zB über Landschaftsbeschreibung eventuell noch mehr Subtext oder Atmosphäre in den Text reinbringen, so wie am Anfang eben auch.

Mir hat deine Geschichte inhaltlich und sprachlich gut gefallen. Obwohl ich am Anfang darüber gestolpert bin, dass es in Amerika spielt und mit dem Setting nicht so ganz zufrieden war, habe ich das ganz schnell vergessen und es hat für mich überhaupt keine Rolle mehr gespielt, weil für mich alles gepasst hat und weil ich deinen klaren, und doch stimmungsvollen Erzähler mochte, der mir nicht alles vorkaut, sondern einfach nur genau hinschaut und ich war froh über Carters Entwicklung und dass er zurückgeritten ist.

Viele Grüße
Katta

 
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Hallo @Achillus ,

bei Endzeitgeschichten ist m.E. wichtig, die Atmosphäre dieser einsamen Welt und die dementsprechende Stimmung der Protagonisten nachfühlbar zu beschreiben.

Beides finde ich hierbei gut gelungen.

Carter hat mich ein wenig an Roland aus Stephen Kings Der dunkle Turm erinnert. Und er hat nicht alle Menschlichkeit verloren, auch wenn er zumindest Clara nicht mehr retten konnte.

Die Handlung ist recht überschaubar, da fehlt mir etwas innovatives, es ist halt schon ein wenig "Endzeit-Standard". Aber du nimmst die Leser gut mit in diese erbarmungslose Welt, habe ich gerne gelesen.

Formal fand ich es etwas störend, dass viele Sätze mit "Carter" beginnen.

Soweit zumindest ein kurzer Leseeindruck.

Viele Grüße und noch einen schönen Sonntag!
Rob

 
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Hallo @Achillus,
Ich habe deine Geschichte gelesen und ich bin etwas zwiegespalten.

Zum einen finde ich, dass du das sprachlich sehr gut gemacht hast. Dicht, atmosphärisch, rau. Also sehr stimmig zu dem Setting und der Hauptfigur Carter. Das war schon gut zu lesen und ich war voll dabei sozusagen.

Was mich etwas enttäuscht zurückgelassen hat, ist die Tatsache, dass die Geschichte für mich doch sehr stereotyp ist. Vielleicht war es ja nicht deine Absicht, das Genre "Rauer Held schlägt sich durch eine dystopische Welt" neu zu erfinden, aber ich habe leider wenig gefunden, dass ich so nicht schon viele Male vorher gelesen oder gesehen habe.
Der Carter ist natürlich ein tougher Typ, der sich zu nichts verpflichten will oder kann, der aber zum Schluss doch irgendwie geläutert wird und gegen seine eigentliche Maxime verstößt und mehrere Tage zurückreitet, um die Kinder zu retten. Dabei wird mir die Wandlung nicht so richtig vermittelt. Er sieht diese Mütze und was dann? Plötzlich muss er unbedingt wissen, was passiert ist. Wieso? Diese Abkehr von seiner Strategie am Leben zu bleiben, muss ich einfach akzeptieren. In der nächsten Szene ist er schon wieder am Haus der Geschwister angelangt. Aber gut, vielleicht ist Carter ja ein Mann ohne Zweifel, und er macht einfach. Aber wieso der Sinneswandel?

Ein paar weitere Gedanken:

Carter schwang das Bein über die Kruppe
Hm, im ersten Satz ein Wort, das sicherlich nicht jedem geläufig ist (ich kannte es zumindest nicht). Vielleicht reicht es ja auch zu schreiben, dass er das Bein nach hinten schwang?

Carter drehte sich um, trat an die Seite seines Pferdes und strich über den Hals des Rappen. Er öffnete eine der Satteltaschen, entnahm ihr einen Feldstecher. Wieder der Ebene zugewandt, hob er das Glas vor die Augen. Der Mustang schnaubte leise. Carter fokussierte die Schärfe des Glases, das Fadenkreuz des Okulars folgte dem schnurgeraden Verlauf eines früheren Highways, der jetzt nur noch ein Streifen zerbröckelnden Asphalts inmitten der Einöde war. Carter bemerkte die dunkle Linie eines ehemaligen Teerweges, der rechtwinklig von der Fernstraße abzweigte. Wie ein Riss in der Haut der Erde, zog sich der dunkle Saum einige Kilometer durch die ausgeblichene, verdorrte Landschaft und lief schließlich vor einem runtergekommenen Farmhaus aus. Carter betrachtete das Haus eine Weile, dann ließ er das Glas sinken und starrte mit leerem Blick in die Weite des staubigen Landes unter ihm.
Eine sehr gute Beschreibung der Szene. Hat mir gefallen.

Der kleine Nager wirbelte durch die Luft und blieb bewegungslos liegen.
Ich kenne mich mit Waffen ja überhaupt nicht aus. Aber so ein Präriehund ist ziemlich klein, würde das nicht total zerfetzt werden von der Kugel eines Sturmgewehrs?
Ich stelle mir außerdem die Frage, ob er in dieser Welt nicht vielleicht anders auf die Jagd gehen würde, um Patronen zu sparen. Oder herrscht daran kein Mangel?

Der von den Hufen des Mustangs aufgewirbelte Staub verlor sich unter dem Kobaltblau des weitgedehnten Himmels.
Kobaltblauer Himmel. Schön.

Etwa einhundert Meter von dem Gebäude entfernt, saß er
Kein Komma nach entfernt?

Etwa zwanzig Schritte von der Porch entfernt,
Geht nicht auch Veranda?

Der Junge richtete einen .357er Revolver
Erkennt Carter den? Ansonsten geht ja vielleicht auch nur Revolver oder Waffe?

Als Carter an diesem Abend die Küche betrat, duftete es nach Bratkartoffeln.
Duftete ist irgendwie nicht Carters Vokabular, oder? Vielleicht einfach nur "roch"?

Mehrere Tage lang durchstreifte Carter die Gegend. Eines Abends passierte er einen Canyon, der dicht mit Mesquite und Wachholdersträuchern bewachsen war. Ein würziger Duft lag in der Luft. Das Klappern der Pferdehufe hallte von den Wänden der Schlucht wider.
Hier frage ich mich, der Carter ist ja so ein Fuchs, würde der wirklich in so einen Canyon reiten? Noch dazu dicht bewachsen. Jeder weiß doch, dass Überfälle immer in einem Canyon stattfinden ;-)

»Ein Farmhaus am Highway«, sagte er zu dem Fremden und richtete das Gewehr auf ihn, »nicht weit vom Pale Tree Inn entfernt.
Das finde ich unlogisch. Er brauchte nach dem Haus der Kinder zwei oder drei Tage bis zu dem Pale Tree Inn. Das würde ich nicht mit "nicht weit von" beschreiben. Es sei denn, er ist immer im Kreis geritten. Danach hat er dann noch mal mehrere Tage die Gegend durchstreift. Das passt für mich irgendwie zeitlich nicht so richtig. Auch, dass er die Männer dort schon antreffen kann.

warf einen letzten Blick auf das Haus und auf das Grab, in dem Clara und ihr ungeborenes Kind ruhten.
Ich denke, die Information von Clara und ihrem ungeborenen Kind könntest du weglassen. Würde den Effekt, denke ich, verstärken.
Dann stieg er auf das Pferd und schnalzte mit der Zunge.
Man wünscht den beiden viel Glück.

Also, insgesamt gern gelesen. Die Story ist spannend und gut geschrieben, was für mich letztendlich auch darüber hinwegsehen lässt, dass du da das Genre nicht neu erfindest. Muss ja auch nicht. Gute Unterhaltung war es auf jeden Fall.

Danke dafür.

Beste Grüße,
Fraser

 
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17.04.2021
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Hallo Achillus!

Ich könnte jetzt auch Textstellen raussuchen, die noch detailverbesserungswürdig wären. Tu ich aber nicht.
Mir ist nämlich wichtig, wie und ob ein Text in seiner Gesamtheit wirkt und wie er sich präsentiert. Und bei deinem stimmt für mich einfach alles.

Sicher gibt es da und dort noch klitzeklitzekleine Sachen, die runder gemacht werden könnten. Und ich könnte auch einwerfen, dass du für meinen Geschmack zu lange brauchst, um auf den Punkt zu kommen.
Aber ich denke, das sind sehr individuelle Einschätzungen. Lese ich mir die Kommentare zu deiner Geschichte durch, stelle ich fest, dass der absolute Großteil einfach nur persönliche Präferenzen zum Ausdruck bringen. Darauf würde ich (so präpotent das auch klingen mag) nicht allzu viel geben. Das würde auch einen Kommentar von mir einschließen, weil ich auch nur Dinge vorzubringen hätte, die mir persönlich nicht so zusagen.

Aber du weißt ja: Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann.

Was bleibt ist ein in jeder Hinsicht professioneller Text, der so in jedem Medium abgedruckt werden kann. Das ist eine Einschätzung, die so objektiv wie möglich getroffen ist.

Ob hier oder da eine Formulierung nicht ganz passt und du in diesem oder jenem etwas tiefschürfender eindringen hättest können ist schlicht und ergreifend persönlicher Geschmack.

 
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Hallo Katta, vielen Dank für Deine ausführlichen und gut durchdachten Anmerkungen zu meinem Text. Ich habe bereits einige Deiner Empfehlungen umgesetzt. Grundsätzlich stimme ich nicht ganz mit Deinem Beharren auf einer objektiv beobachtenden Kamera überein. Natürlich kann man die unwissende, rein beobachtende Erzählperspektive aus dem einen oder anderen Grund bevorzugen, aber die Autoren, die mich inspirieren, nutzen auch Erzählstimmen, die das Beschriebene in Kontexte setzen, die eine unpersönliche/ automatische Kamera nicht filmen könnte. Deshalb folge ich Deinen Reflexionen in diesem Punkt nur mit Einschränkungen.

Zur Frage der Szenenwechsel (Pale Tree Inn und Wacholder-Canyon) denke ich folgendes: Nach dem Verlassen des Hauses am Highway sollte gezeigt werden, in welchem Zustand sich die Welt befindet. Bislang gab es dazu ja nur die Aussagen von Carter und die Tatsache, dass da zwei Kinder/ Jugendliche offensichtlich ohne ihre Eltern ein runtergekommenes Farmhaus bewohnen. Die Szene beim Pale Tree Inn ist wichtig, um zu zeigen, wie die gesellschaftliche Realität aussieht.

Und dass dann bis zum Kampf im Wacholder-Canyon noch ein paar Tage vergehen, hat schlicht mit der Frage der Glaubwürdigkeit zu tun, denn es wäre merkwürdig, wenn Carter den Gangstern nur ein oder zwei Tage nach seiner Abreise begegnen würde. Man sollte annehmen, dass die Gangster ein Haus mit voller Speisekammer zumindest einige Tage lang bewohnen und nicht sofort weiterziehen.

Katta, vielen Dank für die Mühe, die Du Dir mit meinem Text gemacht hast. Ich habe davon sehr profitiert.

Gruß Achillus

Wird fortgesetzt …

 
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Hallo Rob, vielen Dank für Deine Rückmeldung zum Text. Freut mich, dass Dir die Geschichte gefallen hat. Beim Thema Innovation sehe ich das ungefähr so: Die meisten von uns hier in diesem Forum sind Amateure. Wenn wir es schaffen, interessante, spannende, unterhaltsame Geschichten in ansprechender sprachlicher Form zu schreiben, dann ist damit schon sehr viel erreicht. Innovation wäre dann ein Bonus. Ich halte es durchaus für wichtig, nach neuen Ausdrucksformen und Inhalten zu streben, aber das ist sicher nicht mein primäres Ziel. Gruß Achillus

Hallo Fraser, vielen Dank für Deine Anmerkungen zu meiner Geschichte.

Was mich etwas enttäuscht zurückgelassen hat, ist die Tatsache, dass die Geschichte für mich doch sehr stereotyp ist. Vielleicht war es ja nicht deine Absicht, das Genre "Rauer Held schlägt sich durch eine dystopische Welt" neu zu erfinden, aber ich habe leider wenig gefunden, dass ich so nicht schon viele Male vorher gelesen oder gesehen habe.

Ich habe es schon an Rob geschrieben und würde es gern noch etwas weiter ausführen. Natürlich ist Originalität ein Kriterium von Literaturkritik. Dennoch finde ich, dass man die Kirche im Dorf lassen sollte. Wir sind ja hier nicht ein Kreis von Pulitzer-Preisträgern. Wenn eine Geschichte nun nicht gleich eine Genre-Revolution darstellt, aber dafür eine interessante Begebenheit solide und spannend erzählt, reicht mir das vollkommen.

Natürlich sollten Stereotype, Klischees, abgedroschene Sprache, auslutschte Metaphern usw. vermieden werden. Das versteht sich von selbst. Aber die Rekombination von Bekannten halte ich auf jeden Fall für vertretbar. Ansonsten könnten wir hier gleich aufhören zu schreiben, denn den Anspruch, etwas ultimativ Neues darzustellen, erfüllt hier kaum eine Geschichte.

Ich kenne mich mit Waffen ja überhaupt nicht aus. Aber so ein Präriehund ist ziemlich klein, würde das nicht total zerfetzt werden von der Kugel eines Sturmgewehrs?

Ich denke nicht. Es gibt durchaus Jäger, die Waschbären mit Gewehren jagen, deren Munition aus 6,5 × 57 mm Patronen besteht. Diese Patronen haben eine Geschossenergie von 2500–2805 Joule. Ein häufig von Sturmgewehren genutztes Kaliber ist 5,56 × 45 mm NATO. Diese Patronen haben eine Geschossenergie von 1800 Joule. Natürlich kann man kleine Wildtiere auch mit kleinerem Kaliber jagen, aber dass die Tiere quasi zerfetzt werden, kommt auch mit den größeren Kalibern meines Wissens nach nicht vor. Bin aber kein Jäger, kann deshalb zur Wundballistik bei Tieren nicht so viel sagen.

Ich stelle mir außerdem die Frage, ob er in dieser Welt nicht vielleicht anders auf die Jagd gehen würde, um Patronen zu sparen. Oder herrscht daran kein Mangel?

Das ist sicher ein wichtiger Gedanke. Carter sammelt ja die Hülse auf, was andeuten sollte, dass er seine Munition selbst lädt/ herstellt. Trotzdem würde er mit Munition sicher sparsam umgehen. Ich wollte jedoch nicht tiefer in diese Details gehen, weil das Ganze dann doch viel umfangreicher geworden wäre.

Das finde ich unlogisch. Er brauchte nach dem Haus der Kinder zwei oder drei Tage bis zu dem Pale Tree Inn. Das würde ich nicht mit "nicht weit von" beschreiben. Es sei denn, er ist immer im Kreis geritten. Danach hat er dann noch mal mehrere Tage die Gegend durchstreift. Das passt für mich irgendwie zeitlich nicht so richtig. Auch, dass er die Männer dort schon antreffen kann.

Kann man kritisieren, wenn man davon ausgeht, dass Carter in gerade Linie von der Farm wegreitet. Ich hatte allerdings im Kopf, dass er die Gegend durchstreift. Es ist ja nicht so, dass er irgendwo hin will, sondern eher so, dass er immer in Bewegung sein will, also nicht an einem Ort verweilt. Außerdem wollte ich damit auch die Weite und Einsamkeit der Gegend unterstreichen. Das Pale Tree Inn mag 60 Kilometer von der Farm entfernt sein, aber in dieser Gegend ist es vielleicht der nächstgelegene Ort.

Fraser, vielen Dank für Deine Anmerkungen. Freut mich, dass Du Dir Zeit für meine Geschichte und Deinen Kommentar genommen hast!

Gruß Achillus


Wird fortgesetzt ...

 
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Hallo Manfred, vielen Dank für Deine Anmerkungen zu meinem Text.

Ich könnte jetzt auch Textstellen raussuchen, die noch detailverbesserungswürdig wären. Tu ich aber nicht. Mir ist nämlich wichtig, wie und ob ein Text in seiner Gesamtheit wirkt und wie er sich präsentiert. Und bei deinem stimmt für mich einfach alles.

Vielen Dank für dieses Lob.

Sicher gibt es da und dort noch klitzeklitzekleine Sachen, die runder gemacht werden könnten. Und ich könnte auch einwerfen, dass du für meinen Geschmack zu lange brauchst, um auf den Punkt zu kommen. Aber ich denke, das sind sehr individuelle Einschätzungen. Lese ich mir die Kommentare zu deiner Geschichte durch, stelle ich fest, dass der absolute Großteil einfach nur persönliche Präferenzen zum Ausdruck bringen.

Ich schaue schon sehr genau, was ein literaturkritisches Argument ist und was persönlicher Geschmack. Die Crux ist, dass die Grenze zwischen diesen Kategorien fließt. Kunstkritik ist grundsätzlich immer auch zum Teil Glaubenssache. Das gilt auch in der Literatur. Sonst wäre es nicht möglich, dass sich professionelle Literaturkritiker über ein Werk streiten. Dennoch sollte man zwischen persönlicher Meinung und fachlich begründetet Position unterscheiden.

Was bleibt ist ein in jeder Hinsicht professioneller Text, der so in jedem Medium abgedruckt werden kann. Das ist eine Einschätzung, die so objektiv wie möglich getroffen ist.

Vielen Dank, Manfred.

Gruß Achillus

 

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