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Das Haus der Fliegen

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16.10.2014
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Das Haus der Fliegen

„So, ab hier können wir uns endlich wieder bergab rollen lassen. Das ist eine willkommene Wohltat, nachdem es jetzt die meiste Zeit nur hochzus ging. Da vorne, da ist Nils.“
Lorenz hielt das Smartphone mit der einen, die Lenkstange mit der anderen Hand. Er filmte den Radler, der etwa hundert Meter vor ihm die einsame Landstraße hinunterrollte.
„Hey Nils! Wink mal!“
Der Radler winkte. Lorenz filmte wieder sein Gesicht. Seine schwarze Mähne und der Vollbart tanzten im Fahrtwind.
„Es ist jetzt Tag zwölf, seit wir von Straubing aus aufgebrochen sind. Die Sonne scheint, und wir kommen jetzt wieder gut voran in Richtung Südfrankreich. Als Deutscher ist man es gar nicht gewöhnt, dass eine Gegend dermaßen menschenleer ist! Wir müssten jetzt in der Region Averoigne sein. Schaut euch dieses Waldgebiet vor uns an. Das durchqueren wir heute!“
Er fing das Panorama mit dem Smartphone ein.
Sie hielten auf eine Rechtskurve zu, die sich um einen Felsenhang bog. Nils war schon dahinter verschwunden. Lorenz steckte das Handy ein und folgte seinem Begleiter. Als er ihn wieder zu Gesicht bekam, fuhr dieser nicht mehr, sondern stand breitbeinig über den Sattel gestemmt auf einer Haltebucht. Er hatte seinen Trilby-Hut leicht gelupft und machte Anstalten, sich einen Joint zu bauen. Lorenz bremste ab und ließ sein Rad im Halbkreis über den Schotter der Haltebucht rutschen. Hier war ein schöner Aussichtspunkt, von dem man gut ins Tal hinabfotografieren konnte, welches sich jenseits des Geländers unter der Bucht ausbreitete. Am Rand stand neben einem verbeulten Mülleimer ein verwittertes Holzschild, in das das Relief eines drachenartigen Wesens mit Klauenfüßen und einem Hörnerkranz geschnitzt war.
Bienvenue en Averoigne, le pays des légendes et des sorcières- „Willkommen in Averoigne, dem Land der Sagen und Hexen“, war darunter eingraviert.
„Na, auch schon da?“, fragte Nils grinsend, während er das Bett aus Tabak in dem Longpape bereitete.
„Wir haben doch erst vorhin eine Pause gemacht, willst du jetzt echt schon wieder rasten?“, fragte Lorenz.
„Danach mussten wir aber noch über den einen Berg, das war übelst anstrengend! Lass mich mal kurz verschnaufen.“
Er streute die grünen Krümel auf den Tabak und leckte das Pape der Länge nach ab.
„Ja, aber wegen der Berge hängen wir unserem Zeitplan schon drei Tage hinterher, und wir wollten ja bis heute Abend in Vyones sein.“
„Jetzt hetz' doch nicht so. Du wolltest doch nach Santiago, um mal runterzukommen. Und ich komm' jetzt runter. Willst du auch einen?“
Er hielt Lorenz den fertigen Joint unter die Nase.
„Nee danke, heute Abend vielleicht, wenn wir in der Herberge sind.“
Lorenz suchte nach einem Argument, um Nils zum Weiterfahren zu ermuntern, doch irgendwo hatte sein Gefährte ja recht. Außer um runterzukommen waren seine anderen Gründe, gutes Videomaterial für seine Insta-Story zu sammeln und der Neustart mit Jonna. Der letzte Grund war mit Abstand der wichtigste.
„Lass uns Schluss machen“, hatte er zu seiner langjährigen Liebe gesagt, „und dann nochmal von vorne anfangen. Dann werde ich alles besser machen, versprochen!“
Er hatte diese Worte aus Verzweiflung gesagt, hatte sich aber keine echte Chance ausgerechnet.
Doch Jonna meinte: „In Ordnung. Aber nicht jetzt. Ich brauche eine Pause. Ich glaube, wir beide brauchen eine Pause.“
Sie hatte ihm tatsächlich ein Extraleben geschenkt.
Jonna erholte sich auf den Kanaren, doch Lorenz brauchte nicht nur eine geografische Veränderung, sondern vor allem eine spirituelle. Klar sollte man dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela eigentlich zu Fuß folgen und nicht auf dem Fahrrad. Und außerdem möglichst alleine. Aber zu viel Einsamkeit machte Lorenz kirre und überhaupt, was ging die Leute das an?
Wie zu erwarten war, hatten seine Spießerfreunde entweder ihre kleinen Kinder vorgeschoben oder ihren zeitaufwendigen Job oder hatten ganz offen ihre Abneigung gegen ein solches Erlebnis bekundet. Nur sein neuer Kollege Nils hatte sofort zugesagt. Nils hatte immer Zeit, denn er nahm langfristige Verpflichtungen wie Arbeitsverträge eher locker. Dafür war er sich nicht zu schade für ein Abenteuer.
Lorenz sog die herrliche Landschaft ein, dann stieg er vom Rad und setzte den Rucksack ab.
„Na gut, du hast gewonnen, Nils. Genießen wir den Moment.“
„Ich genieße immer den Moment!“
Nils wollte sich gerade den Joint anstecken, als er innehielt.
„Hey, guck mal! Da unten ist eine Kirche!“
Er zeigte ins Tal hinunter.
„Wo?“
„Na da- Nein, weiter links!“
Dann sah Lorenz sie auch.
Da, wo in ein paar hundert Metern der sanfte Abhang an den Vorsprung einer breiten Talsohle stieß, stand ein Gemäuer. Es lag versteckt hinter den Kronen eines kleinen Buchenhains, der einzig mit dem Zweck gewachsen zu sein schien, die alten Mauern vor der Außenwelt zu abzuschirmen.
Nils schien schlagartig seinen Wunsch nach Ruhe und einem Joint vergessen zu haben. Er klemmte sich den Joint hinters Ohr, warf Rucksack und Rad neben das Geländer der Aussichtsbucht, hüpfte über die Brüstung und sprintete die mit Sträuchern bedeckte Böschung hinab. Dabei sah er mit seiner kleinen, drahtigen Figur aus wie ein Äffchen, das von Mama ausgebüchst war, um im Dschungel zu spielen.
Lorenz prüfte auf der Navi-App, ob es einen Eintrag zu diesem Ort gab. Saint-Oubli, stand bei diesen Koordinaten, darunter zwei Fotos einer Ruine. Lorenz betrachtete die Fotos, dann das, was er in echt sah. Bild und Original sahen sich nur bedingt ähnlich. Vielleicht waren sie nur aus einem anderen Blickwinkel aufgenommen worden. Kommentare gab es keine.
Ist wohl nicht der große Tourimagnet, dachte Lorenz.
Egal, sie würden sich das jetzt ansehen. Auch er parkte sein Rad und sein Gepäck am Geländer und schlug sich in die Büsche. Etwas, das nicht mal als Trampelpfad zu bezeichnen war, schlängelte sich den Hang hinab durch das Gestrüpp. Nils' tätowierte Waden, die unter seinen kurzen Hosenbeinen herauslugten, schienen keinen Muskelkater zu kennen, obwohl der Kerl gerade noch vorgegeben hatte, eine Pause zu brauchen. Typisch Nils. Wenn er was wollte, konnte er die Energie freisetzen, die er beim Arbeiten eingespart hatte. Lorenz rannte den Hang hinunter, wobei er um ein Haar gestolpert wäre. Endlich stand er schnaufend neben Nils, und beide begutachteten die Kirche. Zunächst wirkte sie wie all die anderen Kirchen im Herzen des ländlichen Frankreichs, wie sie sie auf ihrer Fahrt bisher schon oft in Augenschein genommen hatten: nicht allzu groß, mit einer eher schlichten Fassade aus kahlem Stein, einfach und ehrlich. Doch sie hatte eine Besonderheit: Eine Hälfte des Kirchenschiffs bestand aus Mauerwerk, das ein klein wenig dunkler war als das der anderen Hälfte. Eine Trennlinie wie mit dem Lineal gezogen verlief diagonal über die Kirchenfront und schied den helleren vom dunkleren Teil. Bei genauem Hinsehen fiel auf, dass die dunklere Hälfte einige Zentimeter abgesackt war, so dass die Symmetrie der Fenster und Simse aus dem Gleichgewicht geraten war. Es sah aus, als wäre das Bauwerk von einem gewaltigen Fleischermesser mit einem sauberen Schnitt zerteilt worden.
„Ungewöhnlicher Ort für eine Kirche!“, stellte Lorenz fest und holte das Handy hervor.
„Hallo Leute! Wir haben gerade Rast gemacht und dabei etwas Spannendes entdeckt! Ziemlich abseits von der Straße, am Rand eines Steilhangs, steht mitten im Nirgendwo eine alte Kirche. Hier, die hier.“ Er filmte die Fassade. „Wir machen jetzt mal einen Abstecher in den Bereich Lost Places und schauen, ob man da auch rein kann.“
Nils war schon zum Haupttor gegangen und rüttelte an der verrosteten Klinke. Sie gab nicht nach. Sie entdeckten einen Seiteneingang an der hellen Hälfte der Fassade. Lorenz erwartete das gleiche Ergebnis wie beim Haupteingang, doch diesmal ließ sich die Tür bewegen. Die Charniere quietschen, als würde ihnen das Öffnen Schmerzen bereiten. Kälte und Modergeruch empfingen die Eindringlinge.
„Hier kann man rein. Jetzt seht ihr gleich, wie es im Inneren aussieht.“ Er ließ die Handykamera langsam quer durch das dustere Kirchenschiff wandern. Kirchenbänke standen nicht mehr ganz in Reih und Glied im Hauptteil des Schiffes. Der saubere Schnitt, der die Außenfassade geteilt hatte, setzte sich auch im Inneren fort. Auf dem Boden verlief er in einer geraden Linie längs des Schiffes bis vor in den Altarraum. Entlang seines Verlaufs hatte sich eine kleine Stufe gebildet, die deutlich machte, wie sehr sich die eine Hälfte des Gebäudes in den Boden gesenkt hatte. Noch bemerkenswerter war, dass sich der Schmutz, der von einer jahrelangen Vernachlässigung zeugte, sich nur auf dem Boden der helleren Seite des Schnittes angesammelt hatte. Sogar altes Laub rottete dort vor sich hin, wie auch immer es in den geschlossenen Raum geweht worden sein sollte. Der Boden der dunkleren Hälfte sah besenrein aus. Lorenz filmte das hohe Kreuzgewölbe. Die Säulen, von denen es von beiden Seiten getragen wurde, muteten an wie die Rippen eines gigantischen Kadavers.
„Sieh mal Nils, da ist was an der Decke! Das sind... Fliegen!“
„Krass!“
Beide starrten nach oben, Lorenz zoomte heran.
„Leute, ihr werdet's nicht glauben: An der Decke hocken überall Fliegen! Ein riesen Schwarm, wie ein Teppich! Ich glaub' ich habe noch nie so viele Insekten auf einem Haufen gesehen! Und wie fett die sind! Man kann sie bis hier runter erkennen! Das sind bestimmt keine normalen Stubenfliegen... Eins ist ja wohl sicher: Gott wohnt nicht in diesem Haus!“
Man hätte nicht sagen können, ob die Insekten noch von Leben beseelt waren, so reglos hingen sie an der Decke- wenn nicht alle paar Sekunden hier und da ein Zucken den Schwarm erzittern ließ, bevor die schwarzen Leiber wieder in einen Dornröschenschlaf versanken. Lorenz und sein Gefährte schritten vorsichtiger über die Steinfliesen, so als fürchteten sie, die Fliegenbrut über ihren Häuptern aufzuwecken.
Sie näherten sich dem Altar. Dahinter, im Chorraum, prangte im Halbdunkel ein großes Kruzifix mit einem lebensgroßen Heiland daran. Ein gewöhnlicher Anblick in einer Kirche. Außer, dass ein gewöhnlicher Heiland nur kleine Wunden an Händen und Füßen und noch eine auf der Brust hatte... aber ihm nicht der halbe Bauch bis zur Wirbelsäule herausgeschnitten war. Und die Rippen lagen auch nicht auf einer Seite frei. Genauso wenig wie die Knochen des rechten Beines! Lorenz und Nils stand beiden der Mund offen, als sie es sahen.
„Das wird ja immer gestörter!“, murmelte Nils.
Lorenz hielt die Kamera weiter auf den geschundenen Erlöser.
„Was für Freaks haben denn hier was oder wen angebetet?“, sagte er.
Das Jesus-Gesicht war von der Stirn abwärts bis unter die qualvoll dreinblickenden Augen mit Sturzbächen von Blut aus der Dornenkrone überdeckt, aber noch das Gesicht eines lebenden Menschen. Darunter bis zum Kinn hatte der dem Wahnsinn verfallene Bildhauer den Kopf vollständig skelettiert, so dass der Schmerz in den Augen von einem grinsenden Totenkopfgebiss verhöhnt zu werden schien. Auf dem Schild über der Dornenkrone, in dem eigentlich die seit altersher bekannten Buchstaben I.N.R.I. hätten stehen sollen, prangte hier der Schriftzug TEMPUS FUGIT.
Schritte ertönten.
Sie kamen von jenseits einer Seitentür, die derjenigen genau gegenüberlag, durch die sich Lorenz und Nils Zugang verschafft hatten, die also ihr Gegenstück in der dunklen Hälfte der Kirche war. Beide schreckten hoch wie zwei Lausbuben, die bei einem Schabernack erwischt worden waren. Lorenz machte das Handy aus und versteckte es schnell in seiner Hosentasche.
Die Seitentür öffnete sich zu einem Lichtspalt. Ein älterer Herr, gekleidet in eine lange schwarze Robe mit einem Priesterkragen trat ein. Das runde Gesicht, das von grauen Haaren und einem genauso grauen Ziegenbärtchen eingerahmt wurde, lächelte die beiden freundlich an.
„Bonne journée!“, grüßte der Mann.
„Bonjour“ erwiderte Lorenz und kramte in den Resten seines Schulfranzösisch nach einer plausiblen Entschuldigung, was sie hier zu suchen gehabt hätten. Doch der alte Mann nahm ihm die Worte ab: „Vous-êtes allemand? Seid ihr Deutsch?“
„Oui, äh, ja, sind wir! Wir wollten uns hier nur mal kurz umschauen, weil wir den Jakobsweg entlangfahren, und wissen Sie, als wir diese Kirche gesehen haben, da dachten wir...“
„Das freut mich! Seid willkommen! Wir freuen uns immer, wenn wir mal Besuch haben! Wir hatten schon sehr lange keinen mehr!“ Sein Deutsch war nahezu akzentfrei.
„Sind Sie auch aus Deutschland?“
„Nein, aber ihr habt Glück, ich spreche viele Sprachen. Ihr seid Pilger, sagt ihr?“
„Ja, also so in der Art. Also ich bin jetzt nicht streng religiös, wissen Sie, aber ich würde mich als spirituell bezeichnen.“
„Ich bin nicht spirituell. Ich trinke lieber Weißbier statt Spiritus!“, witzelte Nils, immer noch mit seinem Joint hinter dem Ohr.
„Soso. Na dann seht euch in Ruhe um. Das Haus des Herren steht jedem offen. Ich bin übrigens Père Charel. Ihr wollt euch nach der langen Reise doch bestimmt ausruhen? Wir haben einen kleinen Meditationsgarten hinter der Kirche angelegt, da bin ich auch gerne, wenn nichts los ist“, sagte Père Charel, so als wäre es nicht schon der absolute Irrwitz, dass dieses unheimliche Gemäuer überhaupt Menschen beherbergte.
Lorenz zwang sich, höflich zu lächeln.
„Vielen Dank, Pater, aber wir wollten eigentlich gleich weiter, wir wollen bis zum Sonnenuntergang in Vyones sein...“
„Nur kurz, bitte, ich bestehe darauf! Unsere Kirche liegt sehr abgelegen, und ich würde mich über ein wenig Gesellschaft freuen. Und ihr könnt mir von euren interessanten Erlebnissen erzählen, die ihr auf dem Weg bis hierher zweifellos schon gehabt habt!“
Die Mine des Paters hellte sich auf und er hob einen Zeigefinger in die Höhe, so als wäre ihm gerade ein Geistesblitz gekommen.
„Ihr könnt etwas von unserem Wein haben! Sehr köstlich! Ihr seid natürlich eingeladen!“
Er verschwand in einer Kammer seitlich des Altarraums. Als er wieder herauskam, trug er zwei Gläser mit einer tiefroten Flüssigkeit darin auf einem kleinen Tablett.
„Geil, Wein!“, rief Nils.
„Das habe ich extra für euch aus der Sakristei geholt. Das sind zwei Gläser von unserem besten Messwein. Ein sehr alter La Frenaie!“
Er reichte jedem seiner Gäste ein Glas.
„Messwein? Aber Pater, bitte, das müssen Sie für uns doch nicht machen! Sie brauchen den Wein doch sicher für was anderes!“
„Wenn ich euch den ausschenke, dann könnt ihr den auch ruhigen Gewissens genießen!“
Lorenz entschloss sich, das Angebot anzunehmen, aber dann wollte er von diesem merkwürdigen, wenn auch gastfreundlichen Alten auch ein paar Takte über dessen Kirche erfahren. Der hatte bestimmt auch ein paar interessante Storys zu erzählen! Lorenz stieß mit Nils an und ließ sich den ersten Schluck Wein die Kehle henunterfließen.
Einen guten Tropfen hatte dieser Gottesmann! Süß, aber nicht auf eine klebrige Weise. Er brachte jede Geschmacksknospe auf der Zunge zum Blühen und eine leuchtende Wärme stieg vom Magen in seinen Kopf.
„Hmm, Pater! Der Wein ist wirklich großartig!“ Er nahm noch einen Schluck.
Nils hatte schon mehrere Schlucke genommen. Ihm schien der Tropfen ebenfalls beste Laune zu bereiten.
„Das freut mich!“, sprach Père Charel. „Hier, kommt mit nach draußen in unseren Garten, wir haben sogar Liegestühle. Von dieser Seite aus hat man einen tollen Ausblick über den Wald von Averoigne!“ Père Charel öffnete den beiden mit einer einladenden Geste die Seitentür, aus der er gekommen war. Die freundlichen Sonnenstrahlen wirkten wie ein Gegengift gegen die düstere Atmosphäre im Bauch der Kirche.
Nils warf Lorenz einen Blick zu der andeutete, dass er auf das Angebot gerne eingehen würde. Der Wein hatte auch Lorenz' inneren Schweinehund gestärkt.
„Ja gern Pater, kurz Ausruhen kann ja nicht schaden!“
Der Ausblick war wirklich herrlich. Sie hatten dieselbe Landschaft erst vor wenigen Minuten auf ihrer Talfahrt bestaunt, doch von diesem Punkt aus wirkte alles wie von Ölfarben gemalt. Es war inzwischen vollkommen Windstill und die Sonne schien noch wärmer vom Himmel als vorhin.
„Hier, bitte, setzt euch!“
Père Charel wies mit der Hand auf drei Liegestühle, die in einem kleinen Beet aus Blumen und duftenden Kräutern warteten. Über allem schwebte eine Friedlichkeit, als würde die ganze Welt nur aus diesem einen Fleckchen und aus diesem einen Moment bestehen. Sie machten es sich in den Liegestühlen bequem.
„Wunderschön haben Sie es hier, Pater! Aber sagen Sie mal, uns ist aufgefallen, dass Ihre Kirche doch ein paar recht ungewöhnliche Eingenschaften hat.“
Der Pater grinste verschmitzt.
„Ich weiß, es ist alles ein bisschen heruntergekommen hier. Die Kirche wurde längere Zeit nicht genutzt, erst jetzt ist sie wieder für Gläubige zugänglich gemacht worden.“
„Ich meinte eigentlich die Jesusfigur.“
„Unseren Herrn Jesu Christ?“
„Ja... Den Sie da hinter dem Altar stehen haben. Also ich war schon in vielen Kirchen, aber so einen habe ich noch nie gesehen!“
Eine Fliege setzte sich auf Lorenz' Wade, er verscheuchte sie mit einem Klaps.
Der Pater sprach: „Wisst ihr, unsere Glaubensrichtung verehrt natürlich auch den Heiligen Geist und predigt das Heil in der Ewigkeit, und das zurecht- aber im Gegensatz zu unseren dogmatischeren Kollegen legen wir auch viel Wert auf das Diesseits. Wir wollen, dass unsere Lämmer auch das gute, alte Hier und Jetzt zu schätzen lernen.“
„Und wenn ich im Hier und Jetzt saufen, rauchen und vögeln will? Komm' ich dann nicht in die Hölle?“, spöttelte Nils.
Der Pater winkte ab. „Ach was. Was soll schon groß passieren, wenn ihr das Leben genießt? Es ist eh entsetzlich kurz!“
Nils prostete dem Pater zu. „Wenn jede Kirche das sagen würde, würden Ihnen nicht so viele Leute davonrennen!“ Er nahm einen großzügigen Schluck aus dem Weinglas.
„Und damit wir uns immer daran erinnern,“ fuhr der Pater fort, „dass jeder einen sterblichen Teil im Diesseits zurücklassen darf, fehlen unserm Christus auch ein paar Teile, die er nicht in den Himmel mitnimmt.“
„Aaah, so... Es sah auf den ersten Blick nur ein wenig gruselig aus“, gestand Lorenz.
„Unsere Thesen fristen leider eher ein Untergrunddasein, sonst hättet ihr das Wohlwollen in unserem Jesusbild sofort erkannt. Darum genießt die Sonne, genießt das Leben, genießt den Wein! Wenn ihr noch mehr wollt, sagt bescheid.“
Nils zog den Joint hinter seinem Ohr hervor, hielt ihn dem Pater grinsend vor die Nase und ließ seine Augenbrauen zweimal kurz nach oben springen. Als er merkte, dass sich der Pater nicht provozieren ließ, sondern ihm sogar nickend zulächelte, steckte sich Nils den Dübel genüsslich in den Mund und holte das Zippo hervor. Drei Sekunden später blies er Schwaden von weißem Rauch in den Himmel. Das perfekte Innehalten. Auch Lorenz gab sich diesem Moment hin und begoss ihn mit einem neuen Schluck. Köstlich! Er hielt das Weinglas wie einen frisch geschliffenen Rubin in die Sonnenstrahlen und sah zu, wie das gebrochene Licht in der Flüssigkeit tanzte. Dabei schien das Licht nicht nur von der Sonne, sondern direkt aus dem Weinglas zu kommen. Es bildete Formen, die wie rosarote Polarlichter aufglommen, um dann zu zerfließen um wieder neue Formen zu gebären.
„Aber genug von mir,“ sprach der Pater, „Ich würde gerne wissen, was hat euch diese entbehrungsreiche Reise antreten lassen?“
„Das ist eine lange Geschichte... Ich mache gerade eine Auszeit, um endlich meinen Kopf freizubekommen, das habe ich meiner Freundin versprochen. Sie sagt, damit ich mal lerne, dass nicht immer alles nur um mich geht...“ Lorenz machte eine Pause und trank noch einen Schluck. Er hatte auf einmal einen unlöschbaren Durst nach diesem Wein. „Am einundzwanzigsten Oktober wollen wir wieder zu Hause sein, dann werde ich sie wieder sehen, sie wartet dann auf mich, dann werden wir...“ Ein Dunst aus Glückseligkeit umhüllte ihn. Er schien aus dem Erdreich emporzublühen und sich zu einem watteweichen Gebirge aus Schäfchenwolken zu verdichten. Die Umrisse des Paters verschwanden in den Wolken und das Licht im Weinglas leuchtete mit der Sonne um die Wette.
Er spürte, wie sich ein Insekt auf seine Backe hockte, er wischte es mit einer kraftlosen Hand weg. Er schaute rüber zu Nils. Nils war noch da, er hing mit schlaffen Gliedern im Stuhl, hatte den Kopf über die Lehne zurückgelegt und führte den Joint in Zeitlupe an den Mund. Er grinste beseelt. Sein Weinglas war schon halb leer.
„Wo sind wir?“, wollte er wissen.
Lorenz schaute sich um, sah die Wolken überall und die Sonne über ihnen.
„Im Himmel, Nils. Das muss der Himmel sein! Schön...“
Die Wolken verflüchtigten sich und gaben den Blick auf die Landschaft frei. Es war noch die gleiche Landschaft, man sah noch die selben Hügel am Horizont und immer noch das tiefe Tal davor, aber alles schien mit einem Mal nicht mehr aus solidem Grund zu bestehen, sondern der Horizont kräuselte sich wie die Oberfläche eines Sees, über den eine sanfte Brise wehte. Lorenz schaute nach unten. Die Liegestühle standen nicht mehr in dem kleinen Garten nahe dem Abhang, sondern schwebten über dem Tal, aber nicht in der Luft, sondern sie schwammen auf einer durchsichtigen Wasseroberfläche, klar wie Fensterglas, und der Boden des Tals war zum Grund eines Sees geworden, und die Bäume schlängelten sich darin wie Seetang in der Strömung.
Wie seltsam! Aber so schön! Lorenz setzte zum nächsten Schluck an.
„Igitt! Da ist eine Fliege in mein Glas gefallen! Sie zappelt noch!“ Dann wohl doch keinen Wein! So ein Fuck! Er ließ das Glas auf die Seite sinken.
Ein Schwarm orangener Papageien zog vorbei. Oder waren das Goldfische? Lorenz schaute wieder zu Nils. Dessen Weinglas war schon ganz leer und er nuckelte am Filter des ausgebrannten Joints.
„Sag mal, wie schnell rauchst du denn bitte deinen Dübel?“
„Ich? Ich habe den ganz langsam geraucht. Gaaaaaanz langsam! Hat eine Ewigkeit gedauert!“
„Wie lange sitzen wir eigentlich schon hier?“
„Weiß nicht. Bestimmt schon einen halben Tag...“
„Kann doch nicht sein, Nils. Die Sonne hat sich keinen Millimeter vom Fleck bewegt!“
„Dann sind es vielleicht nur fünfzehn Minuten oder so...“ Nils zog am Filterstummel, so als würde noch irgendetwas Verwertbares daran hängen.
„Denk dran, wir müssen bald wieder weiter, wir müssen bis zum Abend in Vyones sein, sonst komme ich nicht rechtzeitig an, bis zum einundzwanzigsten Oktober, weil da erwartet mich mein Schatzi und dann kann ich endlich wieder in ihren Armen liegen. In ihren wunderschönen, weichen Armen...“
Nils zog sich seinen Hut über die Augen.
„Dein Stress geht gar nicht, Alter. Du kommst schon noch rechtzeitig zum Schnackseln. Ich will jetzt erstmal chillaxen. Dieser Moment ist so perfekt!“
Da war allerdings was dran. Es musste Jahre her gewesen sein, dass Lorenz dermaßen entspannt gewesen war. Ein Schwarm orangener Papageien zog vorbei. Oder waren das Goldfische? Lorenz schaute wieder zu Nils. Dessen Weinglas war jetzt ganz leer und er nuckelte am Filter des ausgebrannten Joints.
„Sag mal, wie schnell rauchst du denn bitte deinen Dübel?“
„Ich? Ich habe den ganz langsam geraucht. Gaaaaaanz langsam! Hat eine Ewigkeit gedauert!“
„Wie lange sitzen wir eigentlich schon hier?“
„Weiß nicht. Bestimmt schon drei Tage oder vier...“
„Kann doch nicht sein, Nils. Die Sonne hat sich keinen Millimeter vom Fleck bewegt!“
„Dann sind es vielleicht nur zehn Minuten oder so...“
Ein Schwarm orangener Papageien zog vorbei. Oder waren das Goldfische? Lorenz stutzte. Er schaute wieder zu Nils. Dessen Weinglas war jetzt ganz leer und er nuckelte am Filter des ausgebrannten Joints.
„Sag mal, wie schnell rauchst du denn bitte deinen Dübel?“
„Ich? Ich habe den ganz langsam geraucht. Gaaaaaanz langsam! Hat eine Ewigkeit gedauert!“
„Wie lange sitzen wir eigentlich schon hier?“
„Weiß nicht. Bestimmt schon 'ne Woche...“
„Kann doch nicht sein, Nils. Die Sonne hat sich keinen Millimeter vom Fleck bewegt... und ich habe grad ein Déjà-vu...“
Ein Schwarm orangener Papageien zog vorbei. Oder waren es...
Was war hier los? Lorenz wollte aus dem Liegestuhl aufspringen, doch sein Oberkörper antwortete auf den Befehl seines Hirns nur mit einem schwerfälligen Aufwölben des Bauches, um dann wieder in eine bequeme Haltung zurückzusinken.
„Hey, Nils, wir reden ständig das selbe! Und ich kann nicht aufstehen!“
Ein Anflug von Frust trübte die Idylle ein.
Nils antwortete nicht. Er nuckelte immer noch (oder schon wieder?) am Jointfilter. Was immer in dem Wein war, wurde durch die Wirkung von Nils' THC-Bonbon womöglich verstärkt.
„Ich? Ich habe den ganz langsam geraucht. Gaaaaaanz langsam! Hat eine Ewigkeit gedauert!“, sprach Nils, als wäre er ein Sprung in einer Schallplatte.
„Nils! Ich glaube, wir können hier nicht weg! Nils? Nils!“ Aus dem Frust wurde Beklommenheit. Der Pater musste den Wein mit harten Drogen versetzt haben. Wahrscheinlich war der alte Strauchdieb gerade dabei, den Inhalt ihrer Rucksäcke auf der Haltebuch auszuleeren, um nach Wertgegenständen zu suchen. Vielleicht war er so weit gegangen, dass er ihnen schon die Handys aus den Hosentaschen gezogen hatte. Lorenz wollte sofort prüfen, ob sich seine Befürchtung bewahrheitet hatte, doch seine Hand gehorchte ihm nur langsam. Dann ertasteten seine Finger die glatte Oberfläche des Displays in der Tasche. Das Handy war noch da, immerhin! Wenn er die Kraft aufbrächte, den Notruf zu wählen und der Polizei ihren Standort durchzugeben! Das Handy fühlte sich klobig an wie ein Ziegelstein. Als er es nach einer Ewigkeit aus der Tasche manövriert hatte, tippte er mühsam die Notrufnummer ein.
Verbindung fehlgeschlagen, kommentierte das Display lakonisch. Zwei weitere Versuche verliefen nicht besser.
Verflucht!
Was jetzt? Halb aus Ratlosigkeit, halb aus Gewohnheit aktivierte er die Videoaufnahme und sprach in die Kamera:
„Hallo Leute... Ich weiß nicht, ob ich dieses Video je hochladen werde, denn wir stecken hier fest. Irgendso ein Landpfarrer hat uns hier in der Kirche Drogen verabreicht... Falls doch: Haltet euch bloß von dieser Kirche fern! Also, falls ihr mal hier her kommt. Wir sind hier bei... also...“
Es war ihm unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Genauso hätte er versuchen können, Wasserdampf mit einem Fischernetz zu fangen. Seine Hände hatten zu wenig Kraft, um mit dem Smartphone sauber auf sein Gesicht zu filmen, deswegen filmte er vermutlich gerade den Aufdruck auf seinem T-Shirt. Mit großer Mühe drehte er das Handy und filmte die Landschaft quer über den Horizont, er musste den Leuten einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort geben.
„Also so sieht es hier jedenfalls aus.“
Er drückte auf Stop. Er wollte prüfen, ob die Aufnahme auch etwas geworden war. Er schielte aufs Display, aktivierte die Wiedergabe und hörte sich selbst sprechen. Dann kam der Schwenk über die Landschaft.
Shit! Was war das?
Er sah vom Handy zum Horizont, dann wieder zum Handy. Am Horizont kräuselten sich immer noch die Wellen über die Baumwipfel. Noch einmal spielte er das Video ab. Statt der sonnigen Traumlandschaft zeigte das Handy eine völlig andere Umgebung: Keine üppigen Baumkronen und keinen blauen Himmel. Die Aufnahme war verwackelt und seine Sicht vom Wein vernebelt, aber was zu sehen war, war ein zerklüfteter, schwarzer Horizont und ein dunkler Himmel wie bei einer Sonnenfinsternis.
„Ich sag's ja, Drogen!“, wisperte er zu sich selbst.
Ist doch egal!, sagte eine innere Stimme, von der er annahm, dass es seine eigene war.
Was immer vorgefallen ist, hier kannst du endlich loslassen!
Er widersprach nicht. Die Worte waren so lieblich wie der Wein.
Die Beklommenheit löste sich auf, jeder Muskel seines Körpers verlor die Spannung. Ihm entglitt das Handy. Es purzelte vom Liegestuhl. Lorenz erinnerte sich an den Abgrund, über dem sie schwebten.
Och nö!
Das Handy war weg.
Na und wenn schon!, dachte er. Und die Handykamera hat ja eh gesponnen.
Dieser Augenblick ist so schön, sollte der Pater sich doch über ihre Wertsachen hermachen. Als Ausgleich hatte er ihnen etwas viiiel Lebenswerteres geschenkt! Hier war das Ende der Reise! Hier würde er runterkommen, zu sich finden, und für immer bei sich bleiben! Alles war weit weg, alle Sorgen, alle schweren Gedanken, die Streitereien mit Jonna. Jonna... Jonna!
Er sah das Gesicht seiner Freundin vor sich.
Etwas in ihm zog an einer Reißleine.
Er wollte nicht für immer an diesem Ort bleiben. Er wollte doch zurück zu seiner Jonna, wollte mit ihr zusammen die schönsten Stunden erleben, und nicht für sich allein! Die Entspannung verwandelte sich in eine Lawine aus Zuckerguss. Ihm war, als schluckte er den Zucker literweise, wie ein Ertrinkender, der in Panik Wasser in die Lunge bekommen hatte. Panik und Zuckerguss rangen miteinander, sie wurden wie von einem gewaltigen Quirl durcheinandergerührt und bildeten eine ekelerregende Masse. Das Bild vor Lorenz' Augen bekam Risse. Die Panik-Zuckerguss-Masse presste sich in Lorenz' Mund und den Rachen hinunter. Eine Salve Adrenalin verlieh Lorenz neue Kraft: Sein Oberkörper beugte sich nach oben, der Kopf drehte sich instinktiv zur Seite. Der Mund kotzte. Die Masse im Rachen hatte sich aufgelöst, die ekelhafte Gemütlichkeit mit ihr. Der Liegestuhl hing nicht mehr über dem Traumbild eines Tals, sondern auf festem Boden. Auf diesem war eine Lache aus Mageninhalt ausgebreitet, Lorenz erkannte Bröckchen vom Frühstück darin. Sein Handy lag daneben, Spritzer von Kotze klebten auf der Oberfläche.
Er fühlte, dass er wieder klar denken konnte- und hören. Ein vielstimmiges Summen vibrierte über seinem Kopf. Lorenz wischte sich mit seiner wieder voll beweglichen Hand die letzten Tropfen des Erbrochenen von den Lippen. Vor seinen Augen hing noch ein Schleier wie von flüssigem Leim, der es ihm schwer machte, Dinge in der Ferne zu erkennen. Er spürte ein Piksen auf seinen Schenkeln. Er sah an seinem Körper entlang, während er durch heftiges Blinzeln den Schleier nach und nach auflöste. Er erschrak. Seine Schenkel waren bedeckt mit einem Gewusel aus hunderten, schwarzen... Fliegen! Bis hinein in die Beine seiner kurzen Hosen konnte er sie sehen- und spüren! Sie saßen nicht nur da, sie... saugten, oder nagten! Lorenz schüttelte seine Beine wie ein Besessener. Die kleinen Monster stieben in alle Richtungen davon, sammelten sich aber nach einer Schrecksekunde zu einem geeinten Schwarm und schwebten nach oben. Lorenz' Blick folgte dem Schwarm: Über seinem Kopf kreiste ein noch größerer Schwarm, wie ein lebendiger Tornado, der den kleineren Schwarm absorbierte.
Das Summen war monoton und klang genauso fett und schwarz wie die Leiber, von denen es erzeugt wurde. Dann erst realisierte er die Umgebung, in der er sich befand. Er vergaß die Fliegen, er vergaß zu schreien.
Das war definitiv nicht die Aussicht, die sie vorher genossen hatten.
Das war nicht Frankreich. Das war nicht einmal mehr die Erde.
Unter einem finsteren Himmel, der wie eine Bleiplatte über allem lag, erstreckte sich eine Landschaft, die aussah, als hätte die Welt ein gigantisches Geschwür bekommen, inmitten dessen Schorf er sich befand. Berge und Täler aus wild wuchernden Schuppen von der Größe von Felsplatten und Kuppeln wie zum Bersten gespannte Eiterbeulen bildeten einen aufs Bizarrste zerklüfteten Horizont, über dem in alle Richtungen ein sonnenloses Abendrot gleich der Glut von geschmolzenem Stahl schwelte. Berge aufeinandergeschichteter Tumore erhoben sich aus dem schwarz-braunen Boden, und aus ihren Gipfeln wuchsen Kolonien von eng aneinander stehenden Stachelhaaren, hoch wie Bäume und grau wie Graphit. Zwischen ihnen hindurch wanden sich Täler, oder besser: Gräben, an deren Wänden Zeilen von Löchern so groß wie Brunnenschächte entlang verliefen. Sie wirkten wie ausgestanzt waren geometrisch exakt wie Waben. In Ihnen steckten stumpfe Kegel, deren käsiges Weiß vor dem dunklen Untergrund hell leuchtete wie eine Kette von Lampions. Einige bewegten sich fast unmerklich, und Lorenz erkannte mit Ekel, dass es sich um die Hinterleiber riesenhafter, fetter Maden handeln musste. In einigen dieser Gräben sah er- zum Glück in größerer Entfernung- eine Armee von Insekten mit dürren, gegliederten Leibern und absurd langen Beinen. Ihre Größe war schwer einzuschätzen, aber allein die Tatsache, dass Lorenz sie aus dieser Entfernung so genau erkennen konnte wie unter einer Lupe, trieb ihm die Panik ins Mark. Sie bewegten sich auf scheinbar festgelegten Bahnen, manche hinein in die Gräben und manche hinaus, wie die Versorgungsströme in Venen und Arterien zu einem lebenswichtigen Organ.
Noch viel weiter entfernt zeichneten sich schlanke, durch mehrere Gelenke abgewinkelte Gebilde vor dem Abendrot ab, die wie die Beine eines auf dem Rücken liegenden Käfers in die Höhe ragten. Sie überragten die Tumorgipfel um ein Vielfaches und verhöhnten in ihrem Aufbau alle Gesetze der Schwerkraft und des Gleichgewichts. Ein Klauenpaar, gespalten wie Hufe, krönte ihre oberen Enden. In unregelmäßigen Abständen sah Lorenz ein Zucken durch sie hindurchgehen, so, als sei etwas über ihren Nerv gekrabbelt. Es wirkte, als wollten sie mit ihren Krallen Wunden in den Himmel schlagen. Und dann natürlich die Fliegenschwärme. Sie hingen über all dem wie eine endlose Smogdecke und erzeugten eine Hintergrundmusik, die aus einem immergleichen Vibrato bestand. Die Luft war drückend und roch nach Fäulnis.
„Nils. Nils!“
Er sah zu seinem Gefährten. Sofort stellten sich seine Nackenhaare auf. Auf dem anderen Liegestuhl lag nicht Nils, sondern die Imitation einer menschlichen Gestalt. Wie eine Puppe, die zwar noch Nils Sachen anhatte, sonst aber aus einem Getümmel aus Fliegenleibern bestand.
Ohne nachzudenken sprang Lorenz aus dem Liegestuhl und trat brüllend und mit fuchtelnden Armen gegen Nils' Stuhl. Der Oberleib der Fliegenpuppe hüpfte schlaff ein Stück zur Seite, die Fliegen stiegen auf wie die Böe eines Sandsturms. Lorenz hielt sich die Arme vors Gesicht und kniff Augen und Mund zu, damit keines der Biester sich hinein verirren konnte. Als er wieder hinsah, war Nils Körper befreit, doch seine Haut war zerpflügt von offenen Wunden, ausgefranst und unregelmäßig. Die traurigen Reste von zernagten Tattoos waren kaum noch dazwischen zu erkennen. Er versuchte Nils zu wecken, doch der reagierte nicht. Immerhin schien er noch zu atmen. Jetzt dankte Lorenz der Fliege, die sich in seinem Glas ertränkt hatte, sonst hätte auch er den Wein ganz ausgetrunken. Er sah an sich herunter, diesmal ohne abgelenkt zu werden: Auch seine Haut war, wo sie keinen Schutz durch die Kleidung hatte, von kleinen Fraßwunden übersäht. Auf den Unterarmen, auf den Schenkeln, und, als er sich ins Gesicht fasste, auch dort. Jetzt spürte er auch ein Brennen, als hätte man Essig in die offen Stellen gegossen.
Er atmete schwer. Was sollte er tun? Und was zur Hölle war das vor für ein Ort? Wenn es ein Trip war, dann musste im Wein das beste LSD gewesen sein, das er je geschluckt hatte. So real hatte er noch keine Hallu geschoben. Oder waren sie vergiftet worden, gestorben, und so sah die Hölle aus? Nur was hätte er so Schlimmes angestellt haben sollen, dass ihm die ewige Verdammnis zuteil geworden wäre?
Wenigstens war die Kirche noch da, unverändert am gleichen Platz. Nur stand sie jetzt auf einem kleinen Plateau. Das Plateau bestand aus einem glatten Untergrund mit der Farbe von Rohöl, was Lorenz auf beängstigende Weise an die Flügelpanzer eines überdimensionalen Mistkäfers erinnerte. Er machte eine Atemübung aus dem Yoga, die er immer durchführte, wenn er eigentlich schreien musste.
Wo immer wir hier sind, wir müssen schleunigst von hier weg!
Er musste Père Charel finden. Vorher durfte er aber sein Handy nicht vergessen! Er fühlte sich einfach sicherer damit. Er hob es vom Boden auf, befreite es von den Kotzespritzern, dann lief er zurück in die Kirche.
„Père Charel? Père Charel!“
Von dem alten Mann war nichts zu sehen.
Er sprintete wieder nach draußen, denn sein Freund lag immer noch wie ein duftendes Filetstück auf einem Silbertablett unter Schwärmen von hungrigen Fliegen. Sie hatten sich schon wieder auf ihm niedergelassen. Lorenz trat nochmal gegen den Liegestuhl, um sie zu vertreiben. Nils wäre fast seitlich herausgeplumpts, blieb aber bewusstlos.
Lorenz stand vor der Wahl, seinen Freund zu bewachen und weiter Fliegen zu verscheuchen, oder sich nach irgendeiner Fluchtmöglichkeit umzuschauen. Oder er schaffte Nils in die Kirche. Da hockten zwar auch Fliegen, aber verglichen mit diesem Wahnsinn dort draußen erschien ihm das Innere jetzt wie eine Zuflucht der Geborgenheit. Er packte seinen regunglosen Begleiter von hinten unter den Achseln und schleifte ihn so schnell es ging durch die Seitentür.
An der Decke des Gewölbes hing immer noch der Fliegenteppich.
Er schien lebendiger zu sein als beim ersten Betreten der Kirche.
Wenn er Nils nur noch ein wenig verstecken könnte!
Er sah die halboffene Tür zur Sakristei.
Er öffnete sie. Eine winzige, leere Kammer, mehr ein Wandschrank als ein Raum, kam zum Vorschein. Er war schon in Telefonzellen gestanden, die einem mehr Raum zum Atmen gegeben hatten! Aber sie hatten doch gesehen, wie Père Charel am Anfang dort hinein... Was soll's!
Er wuchtete Nils' schlaffen Körper hinein und lehnte ihn in eine der Ecken. Mit Mühe bugsierte Lorenz ihn in eine Stellung, in der er nicht sofort zusammensackte. Nils' vernarbter Kopf wippte dabei von Seite zu Seite. Lorenz wollte die Tür schließen, aber sie ging nicht ganz zu: Nils linker Fuß blockierte den Weg.
Shit.
Das musste jetzt einfach so reichen, ein bewusstloser Körper ließ sich nicht so einfach zusammenfalten wie ein Einschreiben. Er wollte sich jetzt dringendst auf die Suche nach dem Ausweg machen. Lorenz lehnte die Tür der Kammer so weit an wie es ging und verließ das Gotteshaus wieder durch die Seitentür auf der dunklen Hälfte. Vielleicht fand er irgendetwas auf der anderen Seite der Kirche.
Beim Umrunden der Ecke wäre er fast in ein Feld aus borstenartigen, schwarz-blauen Haaren getreten, die aufgereiht wie Soldaten in mehreren parallelen Linien aus dem Boden wuchsen. Sie ähnelten fehlgeleiteten Grashalmen und lösten schon vom bloßen Hinsehen Juckreiz aus. Fast hätte Lorenz ein paar ihrer Spitzen mit dem Schuh berührt. Blitzartig zogen sich mehrere der Haare in den Boden zurück, als wollten sie sich vor dem Fußtritt in Sicherheit bringen. Sie ließen eine Perlenschnur von kleinen, runden Löchern im Boden zurück.
Was für ein kranker Fuck!
Als er vor der hellen Seite stand und er an der Mauer nach oben schaute, fiel ihm auf, warum das Bild, das er im Internet von dem Gebäude gefunden hatte, so völlig anders als das Original wirkte: Das Bild zeigte lediglich die helle Hälfte, die Dunkle schien bei der Aufnahme nicht existiert zu haben. Aber er hatte nicht die Nerven, nach einer Erklärung zu suchen.
Ein Dröhnen erfüllte die Atmosphäre, weit entfernt, doch kraftvoll wie von einem Lastenhubschrauber. Lorenz blickte sich am Himmel um, sah aber nichts außer den Fliegenschwärmen. Der gleiche Albtraum wie zuvor, und auch keine Spur von einem Ausweg. Die Fliegen über ihm schienen langsam ihre Scheu zu verlieren, denn immer öfter musste er zum Schlag ausholen, wenn einzelne von ihnen auf seiner Haut zu einer Landung ansetzten. Aus schierer Verzweiflung kramte er nochmal sein Handy hervor und tippte eine Nummer. Natürlich immer noch kein Empfang. Er ging die Optionen durch. Er könnte in diese grässliche Landschaft hineinwandern, vielleicht würde er Hilfe finden.
Nein. Dann lieber hier von Fliegen gefressen werden! Wer weiß, was dort noch alles für Abscheulichkeiten gelauert hätten!
Das Dröhnen war lauter geworden. Und unregelmäßiger. Als würde ein betrunkener Helikopterpilot mit dem Steuerknüppel Armdrücken spielen. Auch eine Richtung meinte Lorenz dem Geräusch jetzt zuordnen zu können: Es kam von Süden her, der Ausrichtung des Kirchenschiffs nach zu urteilen. Aber machte es überhaupt Sinn, Himmelsrichtungen in der Hölle anzugeben?
Das Dröhnen schwoll weiter an.
Es klang jetzt nicht mehr fern, sondern war zu einem Teil der unmittelbaren Umgebung geworden. Und stoppte abrupt.
Lorenz richtete seinen Blick zu einem nahgelegenen Tumorhügel, hinter dem er es zuletzt gehört hatte. Irgendetwas war auf der anderen Seite des Hügels gelandet. Etwas krabbelte hervor. Erst waren nur die Flügel zu sehen gewesen, durchsichtig wie Milchgals und von einem Labyrinth aus Adern durchzogen. Dann erschien der ganze Leib des gotteslästerlichen Insekts: Eine Fliege, groß wie ein Ochse, mit einem Dutzend nervöser, schwarzer Beine und an der Vorderseite des zuckenden Kopfes zwei Kuppeln aus myriarden mattglänzender, sechseckicker Augen, angeordnet wie ein kunstvolles Fliesenmuster. Sie blickten in alle Richtungen, und doch war es Lorenz, als würden sie nur ihn fixieren. Der massige Hinterleib dehnte sich mit jedem Atemzug der Kreatur und kontrahierte wieder, wobei die Ringsegmente, die den Leib wie eine Rüstung umschlossen, langsam ineinander und wieder auseinander geschoben wurden. Ein langer, schwarzer Rüssel entrollte sich aus der Unterseite des Kopfes und tastete mit einem tellergroßen Saugnapf die Flanke des Hügels ab. Vielleicht als Appetitanreger für das Menschenfleisch, das gleich angeflogen werden würde. Lorenz konnte nicht mehr.
Er stürzte durch die Tür auf der hellen Seite ins Kirchenschiff und schlug den Türflügel so kräftig zu, wie es dessen Schwere erlaubte. Wo war dieser wunderliche alte Pfarrer? Er schrie dessen Namen.
„Charel! Kommen Sie raus! Und machen Sie, dass dieser Scheiß aufhört!“
Keine Antwort. Nur das Echo, das Lorenz' Rufe nachäffte.
Er bäumte sich nach hinten und schrie abermals, aber keinen Namen, sondern einfach nur so, bis seine Kehle wehtat. Er sah, dass keine Fliegen mehr an der Decke hingen, dachte jedoch nicht weiter daran. Er kauerte sich vor dem Altar auf den Boden. Er keuchte, dann schluchzte er, und nur die Stille hörte ihm zu. Plötzlich sprach eine warme Stimme direkt neben ihm:
„Wieso sprichst du so dispektierlich von meinem Garten? Bloß, weil er größer ist und anders aussieht, als ihr ihn euch vorgestellt habt?“
Lorenz sah erschrocken zur Seite. Wie aus dem Nichts stand dort Père Charel. Seine Augen hatten keine Pupillen mehr, sondern bestanden aus einem Mosaik von winzigen Ocellenaugen. Lorenz schluckte, dann rief er: „Pater, das ist kein fucking Garten! Und mein Freund ist schwer verletzt und regt sich nicht mehr! Nach dem er Ihren scheiß Wein getrunken hat! Und da draußen sind Monster! Machen Sie, dass das aufhört! Sofort!“
Der Pater zuckte entwaffend mit den Schultern.
„Tut mir leid, aber das kann ich nicht zulassen. Nahrung ist rar in diesen Tagen, und meine Kinder haben Hunger.“
Lorenz starrte den Alten sprachlos an.
„Ich gestehe, ich war nicht ganz aufrichtig, was das Wesen dieser Kirche angeht. Wir sind keine christliche Sekte, wir sind die Abkömmlinge Fayyoquaos, und das ist die Pforte zu unserer Welt. Wir haben geschlafen, nur ein kurzer Schlummer, aber für euch Menschen ein ganzes Zeitalter hindurch. Jetzt sind wir wieder erwacht und müssen uns stärken. Und wie es scheint, haben die Menschen inzwischen einmal mehr ihre Sehnsüchte auf etwas anderes gelenkt. Ihr neigt dazu, das alle paar Jahrhunderte zu tun... Früher sah unser Haus aus wie eine druidische Kultstätte, dann mussten wir zu einem römischen Tempel werden, um Menschen anzulocken. Und dann zu dieser Kirche hier.“ Er deutete mit der offenen Hand einmal quer durch den Raum. „Jetzt scheint es, als müssten wir einen neuen Köder finden, denn bisher hat sie leider nicht viel Nahrhaftes angelockt. Vielleicht sollten wir es als einer von diesen Apple-Stores versuchen, wie ihr sie nennt. Hm. Ich mochte die Kirche am liebsten.“
Lorenz war im normalen Leben die Friedfertigkeit in Person, aber jetzt legte sich ein Schalter um. Er sprang auf, packte den Alten am Kragen und riss ihn zu sich. Er schrie dem Pater mitten ins Gesicht:
„Lassen Sie uns sofort frei! Sonst schlage ich Ihnen jeden Zahn einzeln aus!!“
Seine Spucke traf das Gesicht des Alten, über dessen Mosaikaugen ein Funken von menschlicher Furcht zu flackern schien. Er versuchte, Lorenz mit einer Hand von sich zu drücken, aber der ließ nicht locker. Lorenz hielt ihm seinen freien Unterarm vor die Nase, auf dem das Narbenmuster gezeichnet war.
„Sie wollen uns fressen! Wie Aas! Wir sind aber kein Fliegenfutter! Wenn sie Fleisch wollen, dann holen Sie sich ein paar fucking Spanferkel, aber keine Menschen!“
„Eure Leiber sind für uns doch gar nicht von Bedeutung! Sie sind nicht mehr als der Senf auf einer eurer Bratwürste! Nein, ihr Menschen trieft von etwas, das uns das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt: Eure Lebenszeit! In unserer Welt ist Zeit anders, eine Energie, ja fast schon stofflich. Wir atmen sie, wir verzehren sie. Ihr Menschen habt so viel davon, ja seid geradezu gemästet damit, doch was macht ihr? Wie oft lasst ihr sie achtlos davonrinnen wie Regen in einem Ablussrohr! Und redet zugleich davon, dass ihr sie am liebsten anhalten wollt. Ihr seid lächerliche Kreaturen!“
Der Pater machte ein Gesicht, als wollte er auf den Boden spucken. Dann modellierte er wieder ein gütiges Lächeln auf seinen Mund.
„Aber wir sind nicht ohne Mitgefühl. Als Dank, dass wir uns von euch ernähren dürfen, machen wir euch ein Geschenk. Wir bewahren euren Verstand in einer Blase, bestehend aus einem einzigen Moment. Aus einem perfekten Moment. Ihr dürft ihn eine Ewigkeit lang durchleben, jedenfalls ewig für eure Maßstäbe. Und wenn ihr euch dann doch auflöst, merkt ihr das kaum.“ Er deutete zu dem verstümmelten Heiland am Kreuz.
„Die perfekte Symbiose zwischen dem Hier und Jetzt und dem Heil in der Ewigkeit. Ich hatte nicht zu versprochen! Schade, dass du dich dagegen gewehrt hast und aufgewacht bist.“
Lorenz löste den Griff um den Priesterkragen wieder. Sein Verstand musste das Gehörte erst einmal verarbeiten. Als er fassungslos ins Weite starrte, stach ihm etwas ins Auge. Hinter den hohen Fenstern auf der helleren Seite hing kein bleierner Himmel, sondern ein leuchtend blauer. Ein Himmel voller Hoffnung! Er blickte zu den Fenstern auf der dunkleren Seite, da, wo es zu den Liegestühlen ging. Dort sah er keine Hoffnung, sondern Düsternis und Fliegenschwärme. Eine Ahnung keimte in ihm auf. Eine Ahnung, die er nicht ganz verstand, aber an der er sich wie an einem Zwirnfaden festhielt: Bildete der Schnitt im Kirchenschiff etwa den Übergang von einer Realität in die andere? Er war seit ihrem ersten Betreten der Kirche zwar noch einmal durch die Seitentür in der hellen Hälfte gegangen, aber das war von außen nach innen. Was, wenn er von innen nach außen gehen müsste? Würde er wieder nach Frankreich kommen, oder würde die Monsterfliege auf ihn warten? So oder so, er würde es riskieren!
Der Pater war Lorenz' Blicken gefolgt und meinte: „Du willst uns also verlassen? Ich würde mir das gut überlegen!“
Lorenz sagte: „Ich werde jetzt meinen Freund holen, und dann werden wir von hier verschwinden, und zwar auf Nimmerwiedersehen! Und wehe, Sie versuchen mich aufzuhalten!“
Der Pater schloss die Augen und legte sich zwei Finger an die Schläfe. Dann öffnete er die Augen wieder und sprach:
„Du brauchst deinen Freund nicht zu holen, mein Junge. Ich habe ihm gerade erzählt, was du vor hast. Es könnte aber sein, dass er nicht sehr erbaut darüber ist, dass du ihn aus seiner Blase der Glückseligkeit reißen willst. Aber frag ihn doch selber, dort kommt er schon!“
Das Geräusch einer knarzenden Tür hallte durch den Raum. Lorenz schwenkte herum und sah zur Sakristei. Aus der offenen Tür wirbelte ein dichter Schwarm Fliegen hervor. Dort hatten sich die Biester von der Decke also verschanzt! Eine Gestalt trat aus dem Halbschatten. Die Gestalt war Nils. Nein, er war es nicht mehr. Seine Haut war vollkommen heruntergenagt, eine Kraterlandschaft aus Löchern und Furchen im roten Fleisch übersähte jede freie Stelle seines Körpers. Sein Kopf sah aus wie ein Klumpen Hackfleisch, in dem sich Zähne mit abgenagten Lippen fletschten, und in dem sich ein dunkler Tunneleingang statt einer Nase befand und lidlose, wütende Augen wie Leuchtfeuer zu Lorenz stierten. Die Kleidung und der Hut waren die letzten Hinweise, wem dieser Körper einmal gehört hatte. Unter der Hutkrempe klaffte ein Loch in der Schläfe, breit genug, um einen Daumen hineinzustecken. Fliegen krabbelten daraus hervor, andere hinein.
„Nicht den Moment kaputt machen! Bleiben! Den... perfekten! Moment!“ schnarrte Nils Stimme. Sie klang wie von einem Dämon gekapert. Die Hände erinnerten noch ansatzweise an Menschenhände. Sie verkrampften sich zu Fäusten.
„Nils!“
Nils stakste auf Lorenz mit einer Entschlossenheit zu, die nichts Gutes verhieß. Père Charel hatte sich in Luft aufgelöst. Lorenz wollte raus, einfach nur raus. Er hechtete zur Tür, hinter der all seine Hoffnung lag und packte die Klinke. Doch da riss ihn etwas so fest an seiner Schulter, dass er hinten über fiel. Das, war früher Nils war, hämmerte mit beiden Fäusten auf Lorenz' Brustkorb. „Nicht! Kaputt machen!“ schnarrte es.
Lorenz' Bewusstsein schaltete auf Autopilot und donnerte seinem früheren Freund einen Seitenhieb gegen den Kopf, so dass dieser zurücktaumelte. Würde Lorenz hier wieder herauskommen und das Adrenalin nicht mehr seine Emotionen zurückdrängen, würde er sich mit Schrecken an das Gefühl erinnern, das Nils' freiliegendes Fleisch auf seiner Faust hinterlassen hatte. Lorenz drückte sich vom Boden hoch, aber kaum dass er stand, sprang Nils von hinten auf seinen Rücken. Lorenz kämpfte mit dem zusätzlichen Gewicht, schaffte es, sich ein paar Sekunden lang auf den Beinen zu halten, stolperte auf den Altarraum zu, verfing sich mit der Ferse an der Stufe vor dem Altar, stürzte nach hinten und Nils gleich mit. Lorenz' Sturz wurde von Nils' Kopf aufgehalten, der, oben auf wie er war, mit dem Hinterkopf gegen die Altarkante prallte. Ein Mensch hätte jetzt einen Laut des Schmerzes von sich gegeben oder wäre bewusstlos oder wenigstens kampfunfähig geworden, aber nicht dieses Ding. Nils Glieder erschlafften für eine Sekunde, Lorenz entkam so ihrem Klammergriff. Aber augenblicklich mobilisierte Nils seine Kräfte wieder. Diesmal attackierte er Lorenz mit einem Tritt in die Seite, dass dieser gegen einen Pfeiler geschleudert wurde. Sein Schädel kollidierte mit dem Stein, eine Explosion in seinem Kopf, bunte Lichter tanzten vor seinen Augen. Nils packte Lorenz am Hemdkragen und schleuderte ihn mit aller Kraft rücklings über den Boden in den Altarraum. Lorenz lag auf dem Rücken nahe des Altars. Der deformierte Heiland grinste mit seinem Totenkopfgebiss schadenfroh auf ihn herab. Lädiert und schmerzerfüllt wie er war, schaffte er es nicht, sich schnell genug aufzurichten. Nils' Schuh rammte ihm den nächsten Tritt in die Seite. Lorenz blieb für einen Moment die Luft weg. Und noch ein Tritt, diesmal ein Schmerz wie bei einem Rippenbruch. Lorenz' Torso landete durch die Wucht in greifbarer Nähe des Sockels, auf dem das Kruzifix des Heilands stand. Ohne nachzudenken streckte er seinen Arm aus und packte die Sockelkante. Mit einem Aufgebot an Willenskraft zog er sich blitzschnell daran empor. Nils' Schuhsohle erwischte so nur Lorenz' Wade statt einer weiteren Rippe, das aber mit Anlauf. Den Einschlag ignorierend ging Lorenz hinter dem Sockel in Deckung. Sein Herz hämmerte wie eine Dampfmaschine, er hörte sein eigenes Keuchen. Nils holte Schwung für die nächste Attacke. Jetzt ging Lorenz zum Gegenangriff über. Er sprang mit einem Satz hinter dem Sockel hervor und trat Nils mit allem, was er noch an Kraft aufbringen konnte, in die Geschlechtsteile. Er wusste nicht, wie viel die Fliegen unter seiner Hose übrig gelassen hatten, aber ein „Urgh!“ aus dem Mund seines geschundenen Kumpels verriet, dass noch ein Rest dran geblieben sein musste. Nils stolperte rückwärts, stieß dann gegen den Altar. In diesem kleinen Moment des Triumphs erkannte Lorenz was zu tun war, und er tat es. Er hastete zurück hinter den Sockel und drückte mit beiden Armen so fest er konnte gegen den unteren Teil des Kruzifixes. Es war schwer, doch langsam setzte sich die Masse in Bewegung. Lorenz versuchte, den Balken in die Richtung der Kreatur zu dirigieren. Das Holz ächzte. Der Heiland kippte. Das Ding, das einmal Nils war, hatte sich eben wieder erholt, aber als es merkte, was da von oben auf es zugestürzt kam, blieb ihm nur noch Zeit für einen überraschten Blick nach oben. Der Erlöser krachte auf Nils' Schädel, der Körper aus Holz zerquetschte den Körper aus Fleisch zwischen Altarkante und Kruzifix. Das Geräusch von berstendem Holz vermischte sich mit dem von brechenden Knochen. Die scharfen Ecken der freigelegten Knochen an der Jesusskulptur bohrten sich in Nils' Gesicht und zerstörten den letzten Rest von Menschlichkeit in dessen Antlitz. Die Gliedmaßen begannen unkontrolliert und wild zu zucken, wie bei einem sterbenden Insekt, dessen Kopf abgetrennt worden war.
Eine Hand voll Fliegen schwirrte von unter dem Jesusabbild hervor.
Wie die Seele, die seinen Körper verlässt, hörte sich Lorenz denken.
Er riss sich von diesem Gedanken los und spurtete zur Tür und zog sie auf.
Warmes Sonnenlicht fiel auf sein Gesicht, ein sanfter Wind wehte ihm den süßen Duft von blühenden Blumen in die Nase. Er erblickte die leuchtenden Farben des Frühlings statt einem Ödland aus Geschwüren und Chitin.
Er war frei!
Und er würde Jonna wiedersehen! Wie er sich wünschte, jetzt bei ihr zu sein!
Er rannte so schnell von der Kirche weg wie er nur konnte.
Plötzlich erinnerte sich sein Körper daran, dass er gerade eine Serie von ernsthaften Verletzungen eingesteckt hatte. Er blieb stehen, fiel mit den Knien in den Erdboden und keuchte. Das Blut aus der Platzwunde am Kopf floss ihm ins Auge und vermischte sich mit Tränen. Er sah zurück, ob ihn vielleicht irgendwer oder irgendetwas verfolgte. Nein, er war allein.
Aber die Kirche!
Sie sah plötzlich wieder so aus wie auf dem Bild im Netz: Nur eine Hälfte war zu sehen, nämlich die helle. Die andere Hälfte war weg. Der Schnitt in der Mitte des Gemäuers bildete jetzt eine feinsäuberliche Außenkante.
Lorenz rapptelte sich wieder hoch.
Aber irgendwie beschlich ihn das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Es war eindeutig die Landschaft von Averoigne, doch irgendetwas war anders.
Die Farben des Frühlings! Es müsste Ende September sein!
Lorenz lief den Hang hinauf, dahin, wo sie die Räder zurückgelassen hatten. Hatten sie etwa einen ganzen Winter zugebracht in dieser gottlosen Welt?
In unserer Welt ist Zeit anders, erinnerte er sich an die Stimme des Alten.
Er erreichte die Haltebucht. Die Fahrräder und die Rücksäcke waren nirgends zu sehen, und die Bucht war völlig verändert. Kein Schotterboden bedeckte sie, sondern eine große Fläche aus Asphalt mit Parkmarkierungen. Die Markierungen sahen aus, als nagten die Elemente schon lange an ihnen und in Rissen am Rand der Asphaltfläche eroberte sich Unkraut seinen früheren Platz zurück.
War es etwa nicht nur ein Winter?
Die Holztafel war verschwunden, dafür stand am Rand eine glatte Säule aus Kunststoff und Metall, deren Zweck Lorenzo fremd war und auf deren Display irgendwelche Lichtlein blinkten. Ein futuristisches Fahrzeug ohne Insassen surrte die Straße entlang und verschwand hinter der Kurve.
Lorenz kam die Erkenntnis, dass Jonna wohl schon lange nicht mehr auf ihn wartete.

 
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Hallo @MorningDew ,

ich würde Dich bitten, die Absätze noch zu korrigieren. Je nachdem, aus welcher Vorlage Du es kopiert hast, kann es sein, dass das CMS sie falsch liest. Bei manchen, vor allem PC-Usern, funktioniert es automatisch, wenn man den ganzen Text markiert und das Radiergummi in den Werkzeugen (links neben dem Fettdruck-B) anwendet.

LG
Mae

 
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Das CMS liest die nicht falsch, sondern das sind dann einfach wirklich zu viele Absätze. Der Klassiker bei "laienhaften" Word-Formatierungen ist ja zum Beispiel, für jeden Absatz einen doppelten Absatz anzulegen, anstatt einen Absatz mit korrekten Abständen zu definieren. Immer wird den Maschinen die Schuld gegeben, dabei können die auch nicht mehr, als mit dem Quellmaterial zu arbeiten. :cry:

 
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Hallo MorningDew (und herzlich willkommen zurück?!),

ich habe beim Lesen Anmerkungen gesammelt (s.u.), bin aber schließlich ausgestiegen, als sie in der Kirche die Fliegen finden, weil mir die Geschichte zu unsauber gearbeitet ist, und zu lang, um sie trotzdem komplett durchzuackern, sorry.

Das Setting wird klar, aber ich hatte schon Probleme mit den Charakteren: Die sollen erwachsen sein (Stichwort Arbeitsverträge), reden aber eher wie Jugendliche. Dazu diese Film-Geschichte (/Insta-Story) - würde ja auch eher zu diesem Alter passen. (Kiffen?..)
Das mit dem kommentierten Filmen fand ich hier eher cheesy, das funktioniert denk ich in einem Film besser als in einem Text (s. z.B. natürlich Blair Witch Project), zumal ich es hier auch eher ungelenk verwendet finde (man kriegt hier als Leser Infos doppelt, anstatt mal so und mal so).
Und die Erzählperspektive scheint irgendwie gelegentlich zu wechseln: Erst bist du dicht an Lorenz dran, später klingt es manchmal eher nach einem Erzähler, der so über allem schwebt.

Sonst kann ich nicht viel dazu sagen, da wie gesagt nicht weitergelesen. Generell könntest du dich in meinen Augen etwas knapper fassen, also prägnanter schreiben, und sorgfältiger: wirklich hinterfragen, was du schreibst, ob Beschreibungen, Formulierungen und Vergleiche tatsächlich Sinn ergeben.

Details:

Inspiriert von wahren Ereignissen... und von völlig frei erfundenen.
In meinen Augen ein misslungener Einstieg, der meine Erwartungen gleich gedämpft hat. Der zweite Teil relativiert den ersten, und soll was bedeuten? Erfundene Ereignisse sind inspiriert von erfundenen Ereignissen.. :drool: Einfach streichen, würde ich sagen.

Das ist eine willkommene Wohltat, nachdem es jetzt die meiste Zeit nur hochzus ging.
„Es ist jetzt Tag zwölf, seit wir von Straubing aus aufgebrochen sind. Die Sonne scheint, und wir kommen jetzt wieder gut voran in Richtung Südfrankreich.
Ich hatte den Eindruck, dass recht viel des (während des Filmens) Gesprochenen vorrangig dem Zweck dient, dem Leser Infos zu vermitteln (das ist halt eher ungelenk; der Leser sollte die Infos aus organischer(er), natürlicher(er) Rede bekommen).

Der Radler winkte. Er filmte wieder sein Gesicht.
Hier sollte ein Umbruch rein, da es ja ein Perspektivwechsel ist ("Er" ist ja nicht der Radler).

Lorenz steckte das Handy ein und
Du bringst den Namen dieser (Haupt-)Person (?!) relativ spät, davor hast du schon mehrmals nur "Er" verwendet.

stand breitbeinig über den Sattel gestemmt
Wie, gestemmt? Wie soll ich mir das vorstellen? Meinst du, auf den Lenker gelehnt, oder was?

Er hatte seinen Trilby Hut leicht gelupft
Das "Hut" könnte raus, sonst "Trilby-Hut"

Aussichtspunkt, von dem man gut ins Tal hinabfotografieren konnte, welches sich jenseits des Geländers unter der Bucht ausbreitete.
"unter der Bucht"? Wie? (Heißt ja eigentlich unterirdisch??)

lindwurmartigen Wesens mit Klauenfüßen und einem Hörnerkranz
"Lindwurm" ist ja ein kaum noch geläufiger Begriff. Ist ok, dass Lorenz den benutzt, wenn er sich da irgendwie auskennt (und das später noch klar wird (weiß ich ja nicht)), aber mich hat es hier kurz gewundert.

„Wir haben doch erst vorhin eine Pause gemacht, willst du jetzt echt schon wieder rasten?“, fragte Lorenz.
Ich finde deine Dialoge nicht gerade realistisch. Besser fände ich hier z.B.: "Was ist, wir haben doch vorhin erst Pause gemacht?" - Wie man halt spricht..

„Danach mussten wir aber noch über den einen Berg, das war übelst anstrengend! Lass mich mal kurz verschnaufen.“
Klingt wieder eher wie eine Erklärung für den Leser, find ich. Diese Info wäre besser schon vorher von Lorenz gekommen, mit dem du ja schon auf ihren Weg eingehst, und Nils könnte einfach sagen: "Chill mal, ist doch fresh hier, und ich hab Bock, einen zu quarzen." (Sinngemäß, nicht wörtlich. ;))

„Ja, aber wegen der Berge hängen wir unserem Zeitplan schon drei Tage hinterher, und wir wollten ja bis heute Abend in Vyones sein.“
Hier noch deutlicher: Infos für den Leser.

Santiago, um mal runter zu kommen.
runterzukommen

anderen Gründe gutes Videomaterial für seine Insta-Story zu sammeln
Gründe, gutes (Übrigens: Wenn ich "Insta-Story" in so einem Text lese, kräuseln sich mir die Zehennägel..)

Der Letzte Grund war mit Abstand der wichtigste.
letzte

Er suchte nach einem Argument, um Nils zum Weiterfahren zu ermuntern, doch irgendwo hatte er ja recht. Außer um runterzukommen waren seine anderen Gründe gutes Videomaterial für seine Insta-Story zu sammeln und der Neustart mit Jonna. Der Letzte Grund war mit Abstand der wichtigste.
Lass uns Schluss machen“, hatte er zu seiner langjährigen Liebe gesagt, „und dann nochmal von vorne anfangen. Dann werde ich alles besser machen, versprochen!“
Er hatte diese Worte aus Verzweiflung gesagt, während er zärtlich ihre Unterarme ergriff. Er hatte sich aber keine echte Chance ausgerechnet.
Doch Jonna meinte: „In Ordnung. Aber nicht jetzt. Ich brauche eine Pause. Ich glaube, wir beide brauchen eine Pause.“
Sie hatte ihm tatsächlich ein Extraleben geschenkt.
Jonna erholte sich auf den Kanaren, doch Lorenz brauchte nicht nur eine geografische Veränderung,
Zu viele "Er"s - mir war hier beim ersten Lesen nicht klar, wer von den beiden der Freund von Jonna ist. Außerdem: warum kursiv? Und warum das Detail mit den Unterarmen, wo diese Szene ansonsten überhaupt nicht ausgemalt wird?

hatten seine Spießerfreund entweder ihre kleinen Kinder vorgeschoben
Spießerfreunde

Nils hatte immer Zeit, denn er nahm langfristige Verpflichtungen wie Arbeitsverträge eher locker. Dafür war er sich nicht zu schade für ein Abenteuer.
Was soll ich mir unter dem ersten Satz vorstellen? Denn das dürfte ja nicht lange gutgehen. Und im zweiten Satz meinst du nicht "dafür" sondern "daher"/"deswegen".

Lorenz sog die herrliche Landschaft ein,
Grenzwertige Formulierung, eine Landschaft einsaugen. Eine Landschaft in sich aufnehmen geht z.B. besser (ist aber natürlich nicht besonders kreativ).

Fotos einer nur noch zu Hälfte stehenden Ruine.
("zur Hälfte"; ) Ruinen haben es so an sich, nicht vollständig zu sein..

das, was er in Echt sah.
echt

konnte er die Energien freisetzen,
Plural? Hört sich für mich komisch an.

hatten: Nicht allzu groß, mit einer eher schlichten Fassade aus kahlem Stein, einfach und ehrlich.
Nach dem Doppelpunkt klein weiter, da kein vollständiger Satz.

Doch sie hatte eine Besonderheit: Eine Hälfte des Kirchenschiffs bestand aus Mauerwerk, das ein klein wenig dunkler war als das der anderen Hälfte. Eine Trennlinie wie mit dem Lineal gezogen verlief diagonal über die Kirchenfront und schied den helleren vom dunkleren Teil. Bei genauem Hinsehen fiel auf, dass die dunklere Hälfte einige Zentimeter abgesackt war, so dass die Symmetrie der Fenster und Simse aus dem Gleichgewicht geraten war.
Nils war schon zum Haupttor gegangen und rüttelte an der verrosteten Klinke. Sie gab nicht nach. Sie entdeckten einen Seiteneingang an der hellen Hälfte der Fassade. Lorenz erwartete das gleiche Ergebnis wie beim Haupteingang, doch diesmal ließ sich die Tür bewegen. Die Charniere quietschen
Er ließ die Handykamera langsam quer durch das dustere Kirchenschiff wandern. Kirchenbänke standen nicht mehr ganz in Reih und Glied im Hauptteil des Schiffes.
Hä, du hast doch von Gemäuer und Ruine und so gesprochen - das hier wirkt ziemlich intakt..

„Leute, ihr werdet's nicht glauben: An der Decke hocken überall Fliegen! Ein riesen Schwarm, wie ein Teppich! Ich glaub' ich habe noch nie so viele Insekten auf einem Haufen gesehen! Und wie fett die sind! Man kann sie bis hier runter erkennen! Das sind bestimmt keine normalen Stubenfliegen... Eins ist ja wohl sicher: Gott wohnt nicht in diesem Haus!“
Mh, cheesy, erst so Moderator-clickbaitmäßig, dann so fast kindliche Beschreibungen (kurze Sätze, immer Ausrufungszeichen), und dann dieses "Gott wohnt nicht in diesem Haus!" - das passt für mich nicht zusammen.

Man hätte nicht sagen können, ob die Insekten noch von Leben beseelt waren,
von Leben beseelt? Überleg mal, was das heißt; von Seele belebt wär's andersrum.. :drool: Das ist doch Quatsch. (Außerdem ist hier der Erzähler wie oben erwähnt plötzlich nicht mehr dicht an Lorenz.)

Die Geschichte ist ja recht lang, Durchhaltevermögen hast du also, das ist schon mal gut. Aber vielleicht probierst du mal was Kürzeres und investierst dafür mehr in Sorgfalt, also eher Qualität statt Quantität?

Viel Erfolg & viele Grüße
Maeuser

 
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Hallo Maeuser!
Danke für das Lesen meiner Geschichte, wenigstens für den Teil, den du geschafft hast...
Ich weiß, sie ist länger geworden als geplant war, habe auch versucht, zu straffen, aber manches ist dann doch ausgeufert.
Habe mir einige deiner Anmerkungen zu Herzen genommen und schon entsprechend korrigiert.

Details:
Inspiriert von wahren Ereignissen... und von völlig frei erfundenen.
In meinen Augen ein misslungener Einstieg, der meine Erwartungen gleich gedämpft hat. Der zweite Teil relativiert den ersten, und soll was bedeuten? Erfundene Ereignisse sind inspiriert von erfundenen Ereignissen.. :drool: Einfach streichen, würde ich sagen.
Die Reise (oder zumindest eine Ähnliche) gab es wirklich, wurde auch per Insta dokumentiert, das sind die wahren Ereignisse. Averoigne hab ich von Clark Ashton Smith "geliehen", wenn auch nur diese eine Sache, das ist das Frei erfundene. Aber hast recht, das ist zu kryptisch und verwirrt nur, weg damit.
Das Setting wird klar, aber ich hatte schon Probleme mit den Charakteren: Die sollen erwachsen sein (Stichwort Arbeitsverträge), reden aber eher wie Jugendliche. Dazu diese Film-Geschichte (/Insta-Story) - würde ja auch eher zu diesem Alter passen. (Kiffen?..)
Hab schon befürchtet, dass der Kritikpunkt kommt :shy:
Ich habe den Charakter von Nils aber nach jemandem aus meinem Bekanntenkreis gestaltet, und naja, der hat trotz seiner Ü30 noch viele "jugendliche" Wesenszüge... Der Charakter von Lorenz ist auch kein Jugendlicher mehr, soll aber mehr so der alternative Künstlertyp sein. Unter denen gibts auch einige, die auf Insta aktiv sind und sich gelegentlich den einen oder anderen Joint gönnen, finde ich also nicht unrealistisch.
Du bringst den Namen dieser (Haupt-)Person (?!) relativ spät, davor hast du schon mehrmals nur "Er" verwendet.
Nö, da hast du was übersehen. Lorenz' Name taucht als erstes Wort ganz am Anfang auf, gleich nach dem kurzen Stück direkte Rede.
"Lindwurm" ist ja ein kaum noch geläufiger Begriff. Ist ok, dass Lorenz den benutzt, wenn er sich da irgendwie auskennt (und das später noch klar wird (weiß ich ja nicht)), aber mich hat es hier kurz gewundert.
Ich mag das Wort, aber ja, ist arg altmodisch, habs zu Drache geändert.
stand breitbeinig über den Sattel gestemmt
Wie, gestemmt? Wie soll ich mir das vorstellen? Meinst du, auf den Lenker gelehnt, oder was?
Er hat das stehende Rad mit seinem Po festgeklemmt, während er da steht. Mal sehen, ob ich das noch eleganter formulieren kann.
Übrigens: Wenn ich "Insta-Story" in so einem Text lese, kräuseln sich mir die Zehennägel..
Wieso?
Was soll ich mir unter dem ersten Satz vorstellen? Denn das dürfte ja nicht lange gutgehen. Und im zweiten Satz meinst du nicht "dafür" sondern "daher"/"deswegen".
Wieder angelehnt an das reale Vorbild. Und wer sagt denn, dass es mit dem Charakter in der Geschichte gut geht? Du hast ja leider nicht so weit gelesen... Ich hätte so einen auch nicht mitgenommen, aber auch da kenn ich genug reale Vorkommnisse, bei denen Leute sich auf so jemanden eingelassen haben...
Das "dafür" ist gemeint im Sinne von Er kann zwar nicht das Eine, aber dafür das Andere.
("zur Hälfte"; ) Ruinen haben es so an sich, nicht vollständig zu sein..
und
Hä, du hast doch von Gemäuer und Ruine und so gesprochen - das hier wirkt ziemlich intakt..
Auf dem Bild im Netz ist tatsächlich nur eine Hälfte der Ruine zu sehen, während das echte Gebäude mysteriöserweise vollständig ist, du hast aber wahrscheinlich nicht so weit gelesen. Darauf wird halt erst im Nachhinein näher eingegangen, meine Absicht war, Spannung aufzubauen. Ist wohl nicht gelungen :sad:
Man hätte nicht sagen können, ob die Insekten noch von Leben beseelt waren,
von Leben beseelt? Überleg mal, was das heißt; von Seele belebt wär's andersrum.. :drool: Das ist doch Quatsch. (Außerdem ist hier der Erzähler wie oben erwähnt plötzlich nicht mehr dicht an Lorenz.)
Okay, darüber muss ich nachdenken, ich empfand das einfach als eine Redewendung, also nicht wörtlich gemeint. Vielleicht find ich was Passenderes.

Zu deiner Kritik an den Dialogen:
Ja, da hab ich viel Exposition reingepackt, fand ich immer noch besser, als das den übergeordneten Erzähler runterbeten zu lassen, hab das auch auf ein Minimum gestrafft, aber ich schätze, da muss ich noch viel geschmeidiger werden.
Was den Wechsel von Lorenz Sprechstil angeht, ist mir das erst im Nachhinein aufgefallen, während des Schreibens und beim Korrekturlesen hab ich das komischerweise anders wahrgenommen. War wohl der Tunnelblick. Die Dialoge werde ich nochmal grundlegend überarbeiten bzw. deine Ratschläge fürs nächste Mal im Hinterkopf behalten.

VG
MorningDew

 
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Hi MorningDew,

Ich habe den Charakter von Nils aber nach jemandem aus meinem Bekanntenkreis gestaltet, und naja, der hat trotz seiner Ü30 noch viele "jugendliche" Wesenszüge... Der Charakter von Lorenz ist auch kein Jugendlicher mehr, soll aber mehr so der alternative Künstlertyp sein. Unter denen gibts auch einige, die auf Insta aktiv sind und sich gelegentlich den einen oder anderen Joint gönnen, finde ich also nicht unrealistisch.
Ok, zwei Punkte:
1. Instagram und warum sich mir bei "Insta-Story" die Zehennägel kräuseln: Das ist ein schrecklicher (d)englischer Begriff, der mich an 12-jährige Mädchen denken lässt, denen 3-Silben-Wörter zu lang sind, und die sich vor einer Kamera schminken und dabei "Instaa, I like, I like, wuhuu.." kreischen. Und wenn ich so einen verhackstückten Begriff in einem literarischen Text lese, geht meinem Sprachgefühl eben das Messer in der Tasche auf..
Vielleicht stehe ich mit dieser Assoziation auch eher allein da, aber wenn Instagram hier seriöser, sogar in einem künstlerischen Sinne verwendet wird, solltest du das deutlich machen (dazu gleich mehr) (war in dem Stück, das ich glesen habe, bzgl. Lorenz nicht der Fall), und am besten auch seriösere Begriffe als dieses debile Insta-Story benutzen. ;)
2. Dinge aus der Realität übernehmen: Kann man natürlich machen, aber es sollte einem m.E. bewusst sein, dass Echtheit in so einem Belletristik-Kontext wie hier keinen Wert an sich darstellt, also etwas tatsächlich Passiertes ist für eine Geschichte nicht automatisch besser als etwas Erfundenes. Denn letztlich geht es doch darum, dass die Geschichte an und in sich funktioniert. Wenn etwas tatsächlich Passiertes da gut reinpasst, prima, aber wenn man etwas reinpackt, nur weil es tatsächlich passiert und damit 'ja schließlich echt' ist, zäumt man das Pferd von hinten auf.
Das gilt auch für Charaktereigenschaften: Du sagst, du kennst jemanden, der ungefähr so wie Nils ist - ok, aber was bringt dieser übernommene Charakter an Mehrwert für die Geschichte? Passt der da überhaupt rein? (Inwiefern (nicht)?)
Und bei Instagram-Videos stelle ich mir weniger einen richtigen (Video-)Künstler vor. Wenn es ums Filmen geht, fällt einem natürlich sofort der Filmstudent ein. Oder Lorenz könnte z.B. auch einfach ein Film-Fan sein, der davon träumt, als Regisseur mal einen eigenen Feature-Film zu machen, und der deshalb Gelegenheiten wie diese Reise nutzt, um Material zu filmen und das hinterher zu schneiden und so, als Übung.. Das fände ich seinem Alter angemessener als dieser Insta-Story-Kram (da steht ja auch eher der Live-Aspekt im Vordergrund, oder die möglichst zeitnahe Übermittlung - das ist für mich erstmal weniger 'künstlerisch' (aber darüber kann man streiten..)). Also er könnte ja auch einfach Videos ohne das Instagram-Gedöns aufnehmen.
Dazu das Kiffen.. Klar kiffen auch 'ältere' Leute, aber es verstärkt für mich hier eben diesen Eindruck von Jugendlichkeit (übrigens auch die Sprache - "übelst" und so). Wieder: Ist das wichtig/sinnvoll für die Geschichte? Was ist der Zweck? (Gibt's ja vielleicht, ich hab ja nur den Anfang gelesen.)

Nö, da hast du was übersehen. Lorenz' Name taucht als erstes Wort ganz am Anfang auf, gleich nach dem kurzen Stück direkte Rede.
Ah, entschuldige! War mir irgendwie entgangen.

Auf dem Bild im Netz ist tatsächlich nur eine Hälfte der Ruine zu sehen, während das echte Gebäude mysteriöserweise vollständig ist, du hast aber wahrscheinlich nicht so weit gelesen.
Verstehe ich nicht, wie kann etwas derart zerstört wirken, dann aber heil sein? Meinst du Ruine evtl. im Sinne von Reste mehrerer Bauwerke (also ein ganzes Gelände)? Ruine meint ja eigentlich eher ein (einziges) Bauwerk.
Jedenfalls solltest du das dann auch so beschreiben, dass es aus der Ferne halb zerstört wirkte, sich aber beim Näherkommen komischerweise (!) als doch recht intakt entpuppte (das wäre ja schon seltsam genug, das musst du nicht noch so lange unaufgelöst lassen, sonst wirkt es halt eher wie nicht gekonnt..).
Oder meinst du das als phantastisches Element? (Falls ja, ist das bei mir nicht so angekommen.)

VG
Maeuser

 
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Hallo nochmal,

Instagram und warum sich mir bei "Insta-Story" die Zehennägel kräuseln: Das ist ein schrecklicher (d)englischer Begriff, der mich an 12-jährige Mädchen denken lässt, denen 3-Silben-Wörter zu lang sind, und die sich vor einer Kamera schminken und dabei "Instaa, I like, I like, wuhuu.." kreischen. Und wenn ich so einen verhackstückten Begriff in einem literarischen Text lese, geht meinem Sprachgefühl eben das Messer in der Tasche auf..
Ich kann dich da teilweise durchaus verstehen ;)
Aber nichtsdestotrotz benutzen Leute dieses Kürzel, und ich weiß nicht, ob das dann immer nur quietschige 12-jährige sind. Denke mal, das wird sich als Wort irgendwann bei allen etabliert haben, was soll man machen...
Und bei Instagram-Videos stelle ich mir weniger einen richtigen (Video-)Künstler vor. Wenn es ums Filmen geht, fällt einem natürlich sofort der Filmstudent ein. Oder Lorenz könnte z.B. auch einfach ein Film-Fan sein, der davon träumt, als Regisseur mal einen eigenen Feature-Film zu machen, und der deshalb Gelegenheiten wie diese Reise nutzt, um Material zu filmen und das hinterher zu schneiden und so, als Übung.. Das fände ich seinem Alter angemessener als dieser Insta-Story-Kram (da steht ja auch eher der Live-Aspekt im Vordergrund, oder die möglichst zeitnahe Übermittlung - das ist für mich erstmal weniger 'künstlerisch' (aber darüber kann man streiten..)). Also er könnte ja auch einfach Videos ohne das Instagram-Gedöns aufnehmen.
Naja, also auch andere Künstler wie z.B. Musiker oder generell jeder, der sich heute eine Plattform aufbauen will, nutzt gerne Instagram, ob Teenie oder nicht. Und das nicht nur mit Content, der unmittelbar mit der jeweiligen Kunst zu tun hat, weil man da sonst schnell untergeht. Ist heute leider so, ob mans gut findet, steht ja auf nem anderen Blatt. In dem Fall z.B. wurde die Radtour, die meiner Story als Vorlage gedient hat, auf genau diese Weise dokumentiert, und das waren auch längst keine Teenies mehr. Und damit zu deinem nächsten Punkt:
Dinge aus der Realität übernehmen: Kann man natürlich machen, aber es sollte einem m.E. bewusst sein, dass Echtheit in so einem Belletristik-Kontext wie hier keinen Wert an sich darstellt, also etwas tatsächlich Passiertes ist für eine Geschichte nicht automatisch besser als etwas Erfundenes. Denn letztlich geht es doch darum, dass die Geschichte an und in sich funktioniert.
Ich gebe zu, da bin ich vielleicht dem Klischee mit "beruht auf wahren Begebenheiten" auf den Leim gegangen. Ich dachte, es gibt dem Plot einen etwas authentischeren Anstrich. Aber zu hast sicher recht, einfach stumpf reale Ereignisse/Personen in einen fiktiven Text einzuflechten, gibt dem Text nicht automatisch mehr Aussage. Werde ich beim nächsten Mal berücksichtigen, danke für den Hinweis!
Wegen der Ruine:
Oder meinst du das als phantastisches Element? (Falls ja, ist das bei mir nicht so angekommen.)
Exakt! Das ist keine normale Ruine. Kommt später noch im Text. Ich habe diesen Part aber schon leicht abgeändert.

VG
M.D.

 

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