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Das ist alles

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12.02.2020
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Das ist alles

Tessa parkt auf dem Parkplatz an der Waldstraße. Zu dieser Jahreszeit ist der fast immer leer. Ich steige aus, schließe für einen Moment die Augen und halte mich an der Autotür fest, bis der Schwindel vergeht.
“Immer mit der Ruhe!”, sagt sie.
“Ach was”, sage ich und bin froh, dass ich sie überreden konnte, bei diesem Wetter mit mir an den Strand zu fahren. Ich nehme ihre Hand und strecke mein Gesicht Wind und Regen entgegen.
“Fühlst du das?”, frage ich und merke, wie sie steif wird.
“Komm!”, sagt sie, löst ihre Hand aus meiner und ihre Schritte knirschen über den Kies, bevor sie die asphaltierte Straße erreicht. Ich weiß, dass sie es nicht ertragen kann, das Leben zu spüren. Es kommt ihr vor wie Verrat, weil meines bald zu Ende sein wird.

Einen Moment noch bleibe ich stehen, genieße Wind und Regen in meinem Gesicht, dann folge ich ihr über den Parkplatz und die Straße, den kleinen Sandweg an der Klinik vorbei. Beim Findling am Ende des Weges wartet sie. Ich präge mir ein, wie sie da steht: in Gummistiefeln, Regenhose, die Kapuze der Jacke eng über den Kopf gezogen. Sie lächelt mich an.

Durch den Sand gehen wir ans Wasser, dorthin, wo zu gehen leichter ist. Der Wind schiebt uns vor sich her Richtung Osten. Sein Tosen macht Unterhaltungen schwierig und Tessa ist immer ein paar Schritte voraus, weil ich im Sand nach Hühnergöttern suche oder mich in den Wind stelle und den Wellen zusehe, wie sie an den Buhnen brechen, bevor sie am Strand aufschlagen.

Manchmal versucht sie witzig zu sein. “Hättest du nicht im Frühling sterben können oder im Sommer?”, fragt sie dann. Aber ich mag den Herbst: Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und peitschen dir den Regen ins Gesicht.

Am Kugelfangberg gehen wir wieder nach oben, treten den Rückweg an, hinter dem Küstenschutzwald, wo es weniger stürmt. Ausbeute: zwei Hühnergötter. Wieder zu Hause, lege ich sie in die Schale zu den anderen. Ich weiß, dass Tessa sie auffädeln und an den alten Kirschbaum hängen wird.

Wir trinken Tee und reden über Norwegen. Nach der Reha waren wir dort. Drei Monate ist das her. Dann liest Tessa mir vor. Als ich aufwache, regnet es noch immer und ich setze mich ans Fenster, beobachte, wie der Regen in Pfützen Blasen bildet.
Tessa sagt: “Du wirst noch ganz trübsinnig werden, wenn du die ganze Zeit in den Regen starrst.”
Aber meine Sinne waren nie weniger trüb, obwohl ich ständig müde bin. Aus uns allen entweicht jeden Tag ein bisschen Leben wie Luft aus einem Ballon. Aus mir aber schneller als gedacht.

Am Nachmittag kommt Kathrin, meine Ex-Frau. Sie weint und ich sage: „Ist schon gut!“
„Es tut mir so leid!“, sagt sie und: „Das ist einfach nicht fair!“
Ich sage nichts, schließe die Augen und lausche dem Rhythmus, den die Regentropfen auf das Fenster trommeln.
„Wie kannst du nur so ruhig bleiben?“, fragt Kathrin.
„Was würde es ändern?“, frage ich zurück und versuche nicht an all die Pläne zu denken, die ich nicht mehr umsetzen werde, nicht an all die Tage, an denen ich vermeide in den Spiegel zu sehen, weil ich die Angst nicht ertrage, die mich daraus anblickt.
Es ist so: Ich habe keine Zeit, wütend zu sein. Weder auf die Ungerechtigkeit des Lebens, noch auf Kathrins Mitleid. Wieder einmal bin ich dankbar für Tessa. Ich weiß, dass sie weint, aber nie vor mir. Denn ich bin damit beschäftigt, Dinge zum letzten Mal zu tun. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich zu Tessa gesagt habe: „Wir müssen mehr Dinge zum ersten Mal tun. Mit fünfzig ist man in diesem Alter.“

„Er braucht Ruhe!“, sagt Tessa und Kathrin nickt. Sie umarmt mich. Das nächste Mal wird Tessa sagen, es gehe mir zu schlecht, um Besuch zu empfangen. Abends geht sie zum Sport und ich schreibe weiter an dem Brief für sie.

Ich schreibe über den Herbstwind, der übers Wasser tost.
Ich schreibe über Blasen, die sich in Pfützen bilden.
Ich schreibe über ihr Lächeln im Regen.

 

Huhu, @Katta!

Ich mag den Stil, das sickert so dahin auf positive Art und Weise. Die Idee vom Abschied ist ja nicht neu, finde aber, dass du das gut umgesetzt hast. Für mich waren es die Hühnergötter, die mich nah an den Text gebracht haben, OBWOHL ich die gar nicht kannte und beim zweiten Lesen gegooglet hab. An manchen Stellen hab ich dennoch Probleme. Hauptsächlich unschöne Doppelungen. Ich schreib dir hier auf, was mir aufgefallen ist und auch einige Vorschläge, aber ich denke, dir fällt schon was ein.

Der Sturm peitscht mir Nieselregen ins Gesicht und ich bin froh, dass ich sie überreden konnte, mit mir bei diesem Wetter an den Strand zu fahren.
Vorschlag: Der Sturm peitscht mir Nieselregen ins Gesicht und ich bin froh, dass ich sie überreden konnte, bei diesem Wetter mit an den Strand zu fahren.
Gummistiefel, Regenhose, Regenjacke
würde ich streichen. Ist klar, dass sie das bei dem Wetter anhaben, dann kommt auch der zweite Teil: die Kapuze eng über den Kopf gezogen für mich besser raus.
Sie lächelt mich an.
Auch hier.
Eine Böe weht mir die Kapuze vom Kopf, ich setze sie wieder auf, ziehe die Gummis fester und ergreife Tessas Hand.
In dem Abschnitt hatte ich beim Lesen zwar keine Probleme, aber der klingt noch nicht ganz ausgereift. Deshalb wäre mein Vorschlag da nochmal dran zu gehen und diese Kopf Doppelung rauszukriegen. Eventuell können dann sogar Gummistiefel, Regenhose und Jacke drin bleiben. Siehe Beispiel:
Beim Findling am Ende des Weges wartet sie. Gummistiefel, Regenhose, Regenjacke, die Kapuze eng über den Kopf gezogen. Sie lächelt mich an.
Eine Böe weht mir die Kapuze vom Kopf, ich setze sie wieder auf, ziehe die Gummis fester und ergreife Tessas Hand.
Vorschlag: Beim Findling am Ende des Weges wartet sie. Gummistiefel, Regenhose, Regenjacke, die Kapuze über ihr Gesicht gezogen. Eine Böhe weht sie ihr vom Kopf. Sie lacht. Setzt sie wieder auf, zieht die Gummis fester und greift nach meiner Hand.
Durch den Sand gehen wir ans Wasser, dorthin, wo das Gehen leichter ist und ich Hühnergötter finden kann. Der Wind schiebt uns vor sich her Richtung Osten. Sein Brausen und Tosen macht Unterhaltungen schwierig und Tessa ist immer ein paar Schritte voraus, weil ich im Sand nach Hühnergöttern suche oder mich in den Wind stelle und den Wellen zusehe, wie sie an den Buhnen brechen, bevor sie am Strand aufschlagen.
Würde ich an der Stelle streichen, da es kurz drauf nochmal kommt und an der Stelle besser klingt.

Manchmal versucht sie witzig zu sein. “Hättest du nicht im Frühling sterben können oder im Sommer?”, fragt sie dann.
Aber ich mag den Herbst. Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und schreien dir mitten ins Gesicht: Lass dich nicht ablenken! Sei hier!
Antwortet er das? Aber ich mag den Herbst? Wenn er das bloß denkt, wäre es für mich plausibler, dass hinter das fragt sie dann zu hängen: fragt sie dann, aber ich mag den Herbst ... ansonsten "".
Am Kugelfangberg gehen wir wieder nach oben, treten den Rückweg an, hinter dem Küstenschutzwald, wo es weniger stürmt. Ausbeute: zwei Hühnergötter. Wieder zu Hause, lege ich sie in die Schale zu den anderen.
Ich weiß, dass Tessa sie auffädeln und an den alten Kirschbaum hängen wird.
top!
Am Nachmittag kommt Kathrin, meine Ex-Frau.
Da frage ich mich als Leser, was passiert ist.

Gerne gelesen!
Jahny

 

Hallo Katta, ich empfand deine kurze Geschichte als recht eindringlich. Und in der Länge gerade richtig. Uuund ich habe ein neues Wort gelernt: Hühnergötter.

Probleme gemacht hat mir der erste Absatz; und dann habe ich noch ein paar Fragen zu inhaltlichen Details, vor allem der Beziehung zwischen ihm und 'ihr'.

Tessa öffnet die Autotür und ich steige aus, schließe für einen Moment die Augen.
“Immer mit der Ruhe!”, sagt sie.
Der Sturm peitscht mir Nieselregen ins Gesicht und ich bin froh, dass ich sie überreden konnte, mit mir bei diesem Wetter an den Strand zu fahren.
“Ach was”, sage ich, “Ruhe habe ich bald genug.” Ich halte mich an der Tür fest, bis der Schwindel vergeht, nehme ihre Hand und strecke mein Gesicht Wind und Regen entgegen.
Da komm ich nicht richtig rein. Weil 2 verschiedene Bilder entstehen. Erst denke ich, sie öffnet ihre Autotür, sitzt auch noch im Fahrzeug. Wohl ist sie draußen und öffnet seine Tür, damit er aussteigen kann. Da entsteht aber kein klares Bild, wer sich wo befindet, auf Anhieb.

“Ich kann das nicht!”, sagt sie und ihre Schritte knirschen über den Kies, bevor sie die asphaltierte Straße erreicht. Einen Moment noch genieße ich Wind und Regen in meinem Gesicht, dann folge ich ihr über den Parkplatz und die Straße, den kleinen Sandweg an der Klinik vorbei. Beim Findling am Ende des Weges wartet sie. Gummistiefel, Regenhose, Regenjacke, die Kapuze eng über den Kopf gezogen. Sie lächelt mich an.
Hier fragte ich mich: Sie 'kann das nicht', lächelt dann allerdings? Wo ist das Problem dann hin verschwunden?

Aber ich mag den Herbst. Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und schreien dir mitten ins Gesicht: Lass dich nicht ablenken! Sei hier!
Da gefällt mir das Geschrei des Winds nicht ...


„Was würde es ändern?“, frage ich zurück und versuche nicht an all die Pläne zu denken, die ich nicht mehr umsetzen werden, nicht an all die Male, die ich vermeide in den Spiegel zu sehen, weil ich die Angst nicht ertrage, die mich daraus heraus anblickt.
Davor fragt sie ihn, wie er so ruhig sein kann. Ist jemand ruhig, der es nicht wagt, in den Spiegel zu schauen, weil er die Angst nicht ertragen kann, die ihn daraus anblicken könnte?
Es ist schon klar, er versucht seine Gefühle zu kontrollieren. Nur, fällt 'sie' darauf rein, bemerkt sie nicht die Ambivalenz? Wie gut kann sie ihn kennen?

Es ist so: Ich habe keine Zeit, wütend zu sein. Nicht auf die Ungerechtigkeit des Lebens und nicht auf Kathrins Mitleid. Wieder einmal bin ich dankbar für Tessa. Tessa. Ich weiß, dass sie weint, aber nie vor mir. Denn ich bin damit beschäftigt, Dinge zum letzten Mal zu tun. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich zu Tessa gesagt habe: „Wir müssen mehr Dinge zum ersten Mal tun. Wir sind jetzt in diesem Alter.“
Auch dieses 'keine Zeit, um wütend zu sein' -- ist die Kontrolle seiner rationalen Seite, natürlich, außer er ist ein Zen-Meister und hat die Ambivalenzen längst überwunden. Dann allerdings müsste er auch keine Scheu mehr haben, seinem Spiegelbild zu begegnen. Oder an den Dingen hängen, die er nicht mehr wird machen können.

Daher gibt es die Fragen: Wenn er sich noch in diesem Kampf befindet, wie kann die Frau glauben, er sei schon 'durch'? Vermutlich hast du ein Bild dieser Beziehung im Kopf, mir erscheint sie aus den oben genannten Gründen als nicht sehr 'nah'. Vielleicht wolltest du das auch so?


Gruß von Flac

 

Ich hatte einen Fahrradunfall und bin jetzt etwas gehandicapt, darum meine Antworten hier mit spracherkennung und ohne Zitate.

Hallo @Jahn van Halen,
vielen Dank für deinen Kommentar, ich habe mich sehr darüber gefreut. Na klar, stimmt es, dass das Thema nicht neu ist. Aber ich bin bescheiden und mir reicht es, wenn du sagst, dass du es gut umgesetzt findest.
Witzig, dass du hühnergötter nicht kennst, aber genau das schreibt @FlicFlac ja auch, also ist es vielleicht auch ein regionaler Begriff. Das war mir nicht klar.
Die Wort Doppelungen schaue ich mir an, tatsächlich stört mich das erste und zweite mir nicht so sehr. Über die Gummistiefel und regenjacke habe ich auch schon nachgegrübelt. Und ja, auch das mit dem "aber der Herbst..." Hat auf mich komisch gewirkt, ich dachte, der zeilenwechsel wäre korrekt, aber ich sehe es wie du, dass es wirkt als würde er antworten. Werde ich ändern. Ach so, die ersten hühnergötter werde ich wohl auch rausnehmen, da stimme ich dir auch grundsätzlich zu.

Hallo @FlicFlac,
Auch dir lieben Dank fürs lesen und kommentieren. Ja, freut mich, dass du den Text eindringlich fandest und genau richtig lang. Das Problem mit der Verortung am Anfang muss ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Verstehe deine Verwirrung, hatte ich auch drüber nachgedacht und gehofft, dass sich das schnell legt und darum okay ist, aber wenn nicht, dann ist es natürlich blöd.

Was die Beziehung zu seiner Exfrau angeht, hast du es eigentlich schon in meinem Sinne interpretiert. Sie stehen sich nicht mehr sehr nah und er ist froh, dass er Tessa an seiner Seite hat. Und solche Kämpfe die man ausfechtet mit sich und seinem Leben oder dem Leben im allgemeinen , die sind ja nicht fertig, die Einstellung oder Haltung variiert ja von Tag zu Tag oder auch von morgens zu abends. Und wenn man an einem Tag es schafft, sich so halbwegs im Frieden zu fühlen, heißt das nicht, dass man am nächsten Tag genauso fühlt. Also nein, er ist kein zen Meister oder sollte zumindest keiner sein.
Ach, und dass sie erst sagt, sie könne das nicht und ihn dann anlächelt, für mich geht das, aber ich kann auch hinnehmen, dass das vielleicht nicht für jeden so funktioniert. Es sind wahrscheinlich einige Leerstellen im Text, aber die ich natürlich auch nicht interpretieren will, ich will ja nicht sagen, wie der Text gelesen werden soll, darum stelle ich den Text ja auch hier ein, um zu sehen, wie er gelesen oder verstanden wird.

Nochmals herzlichen Dank euch beiden für die Kommentare. Habt eine erholsame Nacht, Katta

 
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Hallo @Katta

Ich mag die Geschichte. Kurz, aber doch recht viel drin. Auch ich empfinde die Geschichte als eindringlich geschrieben, finde, das ist Dir gut gelungen. Ich lese die Geschichte bis zu einem gewissen Zeitpunkt (dem Gespräch über Norwegen) nicht unbedingt so, dass Tessa seine (neue) Frau ist, sie könnte auch seine Pflegerin sein, vielleicht ist er in einem Pflegeheim [EDIT: Ok, Tessa sagt zu Beginn “Ich kann das nicht!”, wenn sie seine Pflegerin ist, würde sie das wohl nicht sagen, trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los]. Ich finde, ich lese da eine gewisse Distanz zwischen den beiden heraus, aber kann sein, dass es nur mir so geht. Danach ist es dann aber klar, die Pflegerin würde nicht mit ihm nach Norwegen reisen. Ich habe mich gefragt, wie alt dein Protagonist ist, denn es steht im Text, dass Tessa 'danach zum Sport geht'. Das klingt für mich nach einer jüngeren Frau, zumindest nicht nach einer Siebzigjährigen. Aber klar, man kann auch im höheren oder hohen Alter noch Sport machen. Ich habe es aber so gelesen, dass der Prota vielleicht Mitte vierzig ist und an einer Krankheit leidet, die ihn frühzeitig ins Grab bringt. Mir gefällt auch die Verknüpfung in der Geschichte mit dem Sturm und dem Meer und dem Regen, das sind Naturgewalten, die wir nicht kontrollieren können und so kann auch der Protagonist nicht entscheiden, wann er sterben muss. Das ist höhere Gewalt.

Tessa öffnet die Autotür und ich steige aus, schließe für einen Moment die Augen.
Da habe ich mich beim ersten Lesen gefragt, wieso der Ich-Erzähler die Tür nicht selbst öffnet, aber es ist dann recht schnell klar, dass sie ihm die Tür öffnet, weil er wohl selbst zu schwach dazu ist bzw. vielleicht könnte er das schon noch schaffen, aber Tessa will ihn nicht unnötig belasten. Trotzdem hat es mich im ersten Moment auch ein wenig verwirrt, weil ich nicht sofort geschnallt habe, dass Tessa bereits ausgestiegen ist und ihm die Tür von aussen öffnet.

“Immer mit der Ruhe!”, sagt sie.
Auch da habe ich mich gefragt, beim ersten Lesen, wieso sie das sagt. Er schliesst einen Moment die Augen, wieso sagt sie ihm da, er soll ruhig bleiben? Ich verstehe es dann schon, ihm wird schwindelig, weil er zu hastig ausgestiegen ist, er muss sich festhalten. Das kommt aber erst der Sätze später. Ich würde den Anfang deshalb etwas umstellen:

Tessa öffnet die Autotür und ich steige aus, schließe für einen Moment die Augen. Der Sturm peitscht mir Nieselregen ins Gesicht und ich halte mich an der Tür fest, bis der Schwindel vergeht. “Immer mit der Ruhe!”, sagt sie.
“Ach was”, sage ich, “Ruhe habe ich bald genug.”
Ich nehme ihre Hand und strecke mein Gesicht Wind und Regen entgegen. Ich bin froh, dass ich sie überreden konnte, mit mir bei diesem Wetter an den Strand zu fahren.
“Spürst du das?”, frage ich und merke, wie sie steif wird.
“Ich kann das nicht!”, sagt sie und ihre Schritte knirschen über den Kies, bevor sie die asphaltierte Straße erreicht.

So käme ich besser rein, von der Abfolge her, aber ist nur meine Lesart.

Der Sturm peitscht mir Nieselregen ins Gesicht
Mmmh, das bin sicher nur ich, aber Sturm und dann Nieselregen: Für mich ist ein Sturm schon etwas heftiger, als 'nur' Wind mit Nieselregen. Es klingt hier auch so, als wären sie bereits mitten im Sturm. Vielleicht 'Der aufziehende Sturm peitscht mir Nieselregen ins Gesicht'? Kenn mich damit aber nicht aus, ist nur mein Bild, was ich von so 'nem ausgewachsenen Sturm habe ;-)

Einen Moment noch genieße ich Wind und Regen in meinem Gesicht
Der Anfang ist sehr fokussiert auf Wind und Regen. Das steht jetzt zum dritten Mal innerhalb nur einer kurzen Strecke da. Ich würde versuchen, es an einer Stelle zu killen oder es etwas anders zu formulieren. Ich lese es an der Stelle als Wiederholung, denn dass er das Gefühl des Regens in seinem Gesicht geniesst, wird für mich auch schon vorher klar.

Hühnergötter
Auch ich kannte die Hühnergötter nicht, musste ich googeln, um was es sich dabei handelt. Das Wort an sich finde ich aber schön und es hat mich beim ersten Lesen, wo ich nicht danach gegoogelt habe, auch nicht rausgehauen oder so.

“Hättest du nicht im Frühling sterben können oder im Sommer?”, fragt sie dann.
Ich gebe zu, ich habe es erst so gelesen, als wäre der Protagonist bereits gestorben und sie unterhält sich folglich mit seinem Geist oder so etwas. Aber ich habe es dann schon verstanden, sein Tod steht halt kurz bevor, er hat nicht mehr viel Zeit, wird bald sterben, im Herbst.

Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und schreien dir mitten ins Gesicht: Lass dich nicht ablenken! Sei hier!
Hier schliesse ich mich @FlicFlac an, auch mir gefällt der schreiende Wind nicht so recht. Ausserdem ist es doch er selbst, der sich gedanklich dazu auffordert, sich nicht abzulenken, hier zu sein, diesen Ort und das Wetter zu fühlen, nicht der Wind. Trotzdem gefällt mir dann die Symbolik doch, der Wind als Naturereignis, über dass der Mensch keine Macht hat.

beobachte wie der Regen in Pfützen Blasen bildet
Kann das Bild sehen, aber für mich ist es schief, Regen bildet doch keine Blasen in Pfützen? Meinst Du diese kreisförmigen Ausbreitungen, wenn ein Tropfen auf einer Wasseroberfläche auftrifft, oder ist das eher als Metapher/Symbolisch zu verstehen?

Aber meine Sinne waren nie weniger trüb, obwohl ich noch nie so müde war.
Das Doppelte 'nie' könnte man vermeiden: Aber meine Sinne sind unglaublich klar, obwohl ich noch nie so müde war. So in die Richtung.

Deine Zeit ist bald um!, trommeln sie.
Das würde ich streichen, es ist mir an der Stelle zu stark nachgedoppelt. Ich finde, man spürt das auch so, warum er dem Regen auf dem Fenster lauscht.

„Was würde es ändern?“, frage ich zurück und versuche nicht an all die Pläne zu denken, die ich nicht mehr umsetzen werden, nicht an all die Male, die ich vermeide in den Spiegel zu sehen, weil ich die Angst nicht ertrage, die mich daraus heraus anblickt.
Es ist so: Ich habe keine Zeit, wütend zu sein. Nicht auf die Ungerechtigkeit des Lebens und nicht auf Kathrins Mitleid.
Eine Häufung von 6x 'nicht'. Ist mir etwas too much. Ginge eventuell geschmeidiger.

Ich schreibe darüber, wie das Leben schmeckt, und dass Tessa keine Angst vor dem Tod haben soll, sondern nur davor nicht zu leben.
'Wie das Leben schmeckt' ist etwas abgeschmackt, für mein Empfinden. Vielleicht einfach: Ich schreibe über das Leben und dass Tessa keine Angst vor dem Tod haben soll, sondern nur davor, nicht zu leben. Allerdings fällt mir jetzt die Doppelung von 'Leben' <-> 'leben' stärker auf. Vielleicht liesse sich auch das vermeiden.

Es geht nicht darum, Dinge zum ersten Mal zu tun oder zum letzten. Es geht darum, dass man wach ist dabei. Das ist alles.
Es geht nicht darum, Dinge zum ersten oder zum letzten Mal zu tun. Es geht darum, dass man dabei wach ist. Das ist alles. Dies als Vorschlag, wie ich es etwas flüssiger empfände.

Ja, habe jetzt recht viel zitiert, aber insgesamt, wie gesagt, hat mir deine Geschichte gut gefallen und ich fand sie ansprechend geschrieben. Vielen Dank dafür. Vielleicht kannst Du mit dem ein oder anderen Gedanken von mir etwas anfangen.

Beste Grüsse,
d-m

 

Hallo @Katta

Du erzählst hier in erlebter Rede, fast schon nüchtern, zurückgenommen und diese Erzählweise kontrastiert wirkungsvoll den Inhalt der Story. Der Erzähler ist sterbenskrank. Wie gehen er und sein Umfeld damit um? Das ist eigentlich ein Thema, das zu Melodramatik verführen könnte, aber das vermeidest du. Es geht ja auch nicht nur ums Sterben, sondern um das Leben und das sehe ich als Stärke des Textes. Der Erzähler erlebt, ist ganz wach, will keine Zeit verschwenden. Er ist in seinen Widersprüchen auch sehr menschlich dargestellt. Er will, dass Tessa keine Angst vor dem Tod haben soll, vermeidet aber den Blick in den Spiegel, weil ihn daraus die Angst anblickt.

Hier noch Kleinigkeiten:

“Spürst du das?”, frage ich und merke, wie sie steif wird.
“Ich kann das nicht!”, sagt sie
Warum wird sie steif? Und wer? Die Hand? Was kann sie nicht?
Besser vielleicht: Die Hand versteift sich.
„Was würde es ändern?“, frage ich zurück und versuche nicht an all die Pläne zu denken, die ich nicht mehr umsetzen werden, ...
umsetzen werde
... nicht an all die Male, die ich vermeide in den Spiegel zu sehen, weil ich die Angst nicht ertrage, die mich daraus heraus anblickt.
entweder „aus ihm heraus“ oder „daraus“
Ich schreibe darüber, wie das Leben schmeckt, und dass Tessa keine Angst vor dem Tod haben soll, sondern nur davor nicht zu leben. Es geht nicht darum, Dinge zum ersten Mal zu tun oder zum letzten. Es geht darum, dass man wach ist dabei. Das ist alles.
Ich bin mir mit dem Schluss nicht schlüssig. Da hebt sich der Zeigefinger ein wenig. Vielleicht mit dem Herbstwind aufhören, der übers Wasser tost. Damit würdest du den Leser mit einem schönen Bild entlassen, das zum Thema passt.

Grüße
Sturek

 
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Hallo zusammen,
ich habe den Text noch einmal überarbeitet und vor allem den Anfang umgeschrieben. Ich hoffe der ist jetzt etwas klarer und die Orientierung leichter. Ich habe jetzt probeweise auch das Ende geändert, weiß aber noch nicht, ob ich es jetzt lieber mag oder nicht, irgendwas fehlt für mich noch. Vielleicht mag ja noch mal einer von euch was dazu sagen.

Hallo @deserted-monkey
Vielen dank dir für deinen Kommentar, habe mich sehr gefreut. Ich weiß nicht, ob jetzt Klarer wird, das Tessa keine Pflegerin ist, also nach dem neuen Anfang. Ich würde gerne noch einen Satz hinzufügen, der das deutlich macht, aber darüber grübel ich noch. Dass mit dem Alter habe ich jetzt auch noch eingefügt, wenn auch später. WoBei ich befürchte, dass es vielleicht zu spät ist und Leser schon Hypothesen gebildet haben.

Wie gesagt, den Anfang habe ich umgeschrieben, da hat mir dein Beispiel auch geholfen.

Verflixt ... Die Hälfte vom komm ist weg. Will jetzt aber erstmal mit dem Kind schnacken, da aus der Schule zurück ist. Melde mich später noch einmal ...

 
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@deserted-monkey
Was wollte ich noch sagen? Ach so, ich habe die meisten deiner Anmerkungen umgesetzt, zumindest ansatzweise,ZB zwei nichts gekillt.
An dich und @FlicFlac aber auch noch mal die Frage, was euch an dem schreienden Wind nicht gefällt? Dass Wind nicht schreit? Also brüllen wäre auch nicht besser, oder?
Das mit den Blasen ist aber so. Wenn es ordentlich regnet, entstehen auf Pfützen Blasen. Noch nie gesehen?
PS Kontrolletti ist übrigens nicht von mir. Findet man sogar im Duden.

Hallo @Sturek
Einmal vorweg ganz kurz kluggeschnacke: erlebte Rede ist das hier nicht. Erlebte Rede findet man bei einem er-Erzähler.
Ich habe mich sehr gefreut über den Satz, dass du im Erzähler menschliche Widersprüche erkennst, und diese Widersprüche nicht als Schwäche des Textes bzw des Autors liest. Wobei ich jetzt rausgenommen habe, dass Tessa keine Angst vor dem Tod haben soll. Denn ich sehe es wie du, dass es am Ende etwas zu lehrerhaft war. Ob's mir jetzt so gefällt, weiß ich noch nicht.
Was das Steife angeht, das ist noch drin, ist sicher nicht die optimale Beschreibung, aber in Ermangelung einer besseren Idee, lasse ich das erst einmal so. Beim Leser soll ankommen, dass sie sich unwohl fühlt und dass der Erzähler das auch merkt.

Habt lieben Dank nochmals und
Viele Grüße
Von Katta

 

Hallo @Katta,

erst mal einige Fundstücke:

“Spürst du das?”, frage ich und merke, wie sie steif wird.
“Ich kann das nicht!”, sagt sie, löst ihre Hand aus meiner und ihre Schritte knirschen über den Kies, bevor sie die asphaltierte Straße erreicht.
Da stehe ich auf dem Schlauch: Was soll sie spüren, warum reagiert sie "steif"?
Was kann sie nicht?

Durch den Sand gehen wir ans Wasser, dorthin, wo das Gehen leichter ist.
Das ist gut! Erstens: Gut beobachtet. Zweitens: Es zeigt, dass es wichtig ist, kraftsparend zu laufen.


Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und schreien dir mitten ins Gesicht:
Ich denke, die Winde schreien das nicht "dir" (einer allgemein angesprochenen Person) ins Gesicht, sondern einer bestimmten Person in einer speziellen Situation (schreien mir mitten ...).

Ausbeute: zwei Hühnergötter. Wieder zu Hause, lege ich sie in die Schale zu den anderen. Ich weiß, dass Tessa sie auffädeln und an den alten Kirschbaum hängen wird.
Man muss schon etwas Glück haben, einen Hühnergott zu finden. Es ist traurig, dass sich sein Glück auf so etwas (eigentlich Unnützes) beschränkt. Dieser Satz sagt viel aus, auch der Aspekt der Fortführung einer banalen Tätigkeit, er weiß, wie Tessa handeln wird.

Aus uns allen entweicht jeden Tag ein bisschen Leben wie Luft aus einem Ballon. Aus mir aber schneller als gedacht.
Auch gut getroffen. Ein schöner Kontrast zu den recht stereotypen Aussagen an anderer Stelle ("das ist einfach nicht fair"; der Blick in den Spiegel).
Ich finde, du hast das gut gelöst, denn so schön exquisite literarische Einfälle sind, würden sie oft der geschilderten Situation nicht gerecht werden.

Ich weiß, dass sie weint, aber nie vor mir. Denn ich bin damit beschäftigt, Dinge zum letzten Mal zu tun.
Vielleicht geht es nur mir so: Ich lese "vor mir" zeitlich (der Abschnitt zeigt eine zeitliche Abfolge auf), du meinst es aber räumlich (jedenfalls so, dass er es nicht merken soll).

Das nächste Mal wird Tessa sagen, es gehe mir zu schlecht, um Besuch zu empfangen.
Hier ist unklar, ob er das weiß, weil er das von Tessa verlangen will (damit er den Besuch verhindert) oder eine medizinische Prognose dahintersteckt.

Abends geht sie zum Sport und ich schreibe weiter an dem Brief für sie.
Hier führst du ganz nebenbei den Gesichtspunkt ein, der natürlich, neben der Vergänglichkeit, auch zu der beschriebenen Situation gehört: Die Tatsache, dass das Leben weiter geht.

Es ist immer interessant eigentlich überstrapazierte Plots zu lesen. Manchmal gelingt es Autoren durch eine neue Sichtweise so einen Text ansprechend zu gestalten, manchmal ist die Erzählweise gelungen und motiviert zum Weiterlesen (genial ist natürlich wenn beide Aspekte zutreffen). Dein Text sehe ich irgendwo zwischen den beiden genannten Eckpunkten: Es ist der Betroffene, der seinen Blick auf die Dinge schildert (oft ist es das Umfeld); das Ganze ist ohne Pathos ruhig erzählt; die Suche nach den Hühnergöttern unterstützt das Bild einer Alltäglichkeit – und letztlich muss man in jeder Lebenslage jeden Tag überleben (selbst in dieser).

LG,

Woltochinon

 

Hallo @Katta!

Aber ich mag den Herbst. Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und schreien dir mitten ins Gesicht: Lass dich nicht ablenken! Sei hier!
An dich und @FlicFlac aber auch noch mal die Frage, was euch an dem schreienden Wind nicht gefällt? Dass Wind nicht schreit? Also brüllen wäre auch nicht besser, oder?
Das ist subjektiv. Ich habe das Bild eines weit aufgerissenen Munds/Mauls (das schreit) im Kopf, schreien ist also etwas, was ein Lebewesen tut. Tatsächlich gefällt mir auch 'brüllen' an der Stelle nicht. Was könnte der Wind also machen? Dich packen, stoßen?
Aber wenn du zwischen 'schreien' und 'brüllen' wählen willst, dann nimm 'brüllen'.

Den Schluss finde ich übrigens stärker als vorher -- der ist jetzt nicht so 'kopfig', sondern bildhafter. Wenngleich noch eine Anmerkung dazu:

Sie umarmt mich - ein letztes Mal. Das nächste Mal wird Tessa sagen, es gehe mir zu schlecht, um Besuch zu empfangen. Abends geht sie zum Sport und ich schreibe weiter an dem Brief für sie.
Das Gestrichene braucht es eigentlich nicht und du hast nicht 2-mal 'Mal' vorzulesen. Würde mir besser gefallen und die Tatsache, dass es das 'letzte Mal' ist, kommt dynamisch daher:
Sie umarmt mich. Das nächste Mal wird Tessa sagen, es gehe mir zu schlecht, um Besuch zu empfangen. Abends geht sie zum Sport und ich schreibe weiter an dem Brief für sie.

Den nachfolgenden Satz mit dem Sport finde ich richtig gut. Sehe das wie @Woltochinon.

Gruß von Flac

 
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Hallo @Katta,

ist es schrecklich oder eine Chance, zu wissen, wann man sterben muss?
Dein Text zeigt mir, dass beides der Wahrheit entspricht.
Mir gefällt das Bild vom Meer, vom Regen, der ewige Kreislauf des Lebens.

Ich öffne die Autotür und steige aus, schließe für einen Moment die Augen und halte mich an der Tür fest, bis der Schwindel vergeht
Könnte mir diesen Satz auch kürzer vorstellen: Ich steige aus, schließe für einen Moment die Augen und halte mich an der Autotür fest. Der Schwindel vergeht.

Spürst du das?”, frage ich und merke, wie sie steif wird.
Hier hätte ich auch anders geschrieben: „Fühlst du das?“, frage ich und spüre, wie sie erstarrt.
Sie lächelt mich an. (Tessa.)
Würde ich weglassen. (Mich hat das irritiert)
Ich liebe dich so sehr!", sage ich (gegen den Wind,) ganz dicht in ihr Ohr.
Aber wenn sie es doch in ihr Ohr spricht, dann sagt sie es doch nicht gegen den Wind.
Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und schreien dir mitten ins Gesicht: Lass dich nicht ablenken! Sei hier!
Mir gefällt das mit dem schreien auch nicht!
Vorschlag: Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und Kälte trifft dein Gesicht …

Ich weiß, dass Tessa sie auffädeln und an den alten Kirschbaum hängen wird.
Finde ich schön. Dann kann der Wind damit spielen. (Und vielleicht gibt es Hühner in der Nachbarschaft, die dann mehr Eier legen.):)
Aus uns allen entweicht jeden Tag ein bisschen Leben wie Luft aus einem Ballon. Aus mir aber schneller
Schöne Metapher.
Wir müssen mehr Dinge zum ersten Mal tun. Mit Fünfzig ist man in diesem Alter.“
Und auch in dem Alter, in dem man viele Dinge zum letzten Mal macht.
Das Leben, Ying und Yang.

Vielleicht kannst du mit einem meiner Gedanken etwas anfangen.

Ich habe deinen Text sehr gerne gelesen.
Wünsche dir ein schönes Wochenende.
Liebe Grüße CoK

 

Hallo @Woltochinon,
lieben Dank fürs Lesen und deinen Kommentar.

Da stehe ich auf dem Schlauch: Was soll sie spüren, warum reagiert sie "steif"?
Was kann sie nicht?
Hmm ... Ich habe hier noch mal ein bisschen umgestellt, sodass jetzt hoffentlich klar wird, was sie spüren soll. Warum sie steif wird und was sie nicht kann ... da bist du ja nicht der einzige, der das fragt, und doch will ich es irgendwie nicht erklären im Text. Da sie ja nicht die Erzählerin ist, Frage ich mich auch, ob es denn erklärt werden muss oder ob es nicht auch so ein bisschen offen sein darf?

Ich denke, die Winde schreien das nicht "dir" (einer allgemein angesprochenen Person) ins Gesicht, sondern einer bestimmten Person in einer speziellen Situation (schreien mir mitten ...).
Das scheint ja auch wirklich fast alle zu stören, aber da brauche ich noch ein bisschen Zeit, weil das für mich so wie es ist passt und ich die Irritation überhaupt nicht verstehe

Es ist traurig, dass sich sein Glück auf so etwas (eigentlich Unnützes) beschränkt.
Interessanter Aspekt. Andererseits denke ich, dass er von sich sagen würde, er habe so großes Glück Tessa zu lieben und von ihr geliebt zu werden, dass es sich nicht auf die Hühnergötter beschränkt...

Ich finde, du hast das gut gelöst, denn so schön exquisite literarische Einfälle sind, würden sie oft der geschilderten Situation nicht gerecht werden.
Das freut mich, denn auch mein Gefühl war, dass das Thema Tod und Leben aufgeladen genug ist und eine zu verspielte oder poetisierte Sprache dem nicht gerecht würde ...

Ich lese "vor mir" zeitlich (der Abschnitt zeigt eine zeitliche Abfolge auf), du meinst es aber räumlich (jedenfalls so, dass er es nicht merken soll).
Da wäre ich im Leben nicht drauf gekommen, aber ja, jetzt wo du es sagst. Keine Ahnung, ob's noch wem so geht. Ich kaue da noch mal n bisschen drauf rum.

Hier ist unklar, ob er das weiß, weil er das von Tessa verlangen will (damit er den Besuch verhindert) oder eine medizinische Prognose dahintersteckt.
Absolut, ich habe diese uneindeutigkeit in Kauf genommen in Ermangelung einer besseren Idee, und bin davon ausgegangen, die meisten werden denken, weil es ihm dann so schlecht gehen wird, aber er meint eigentlich weil er keinen Bock auf noch mal Besuch von ihr hat. Darum fand ich gerade schon richtig cool, dass das für dich überhaupt eine Option war.

Es ist immer interessant eigentlich überstrapazierte Plots zu lesen.
Hehe, überstrapazierte Plots, ja schöner Begriff. Jo, stimmt schon. Ich denke nicht, dass ich da nun das Rad neu erfunden habe, aber klar, das war hier auch nicht das Ziel. Es war wohl eher ein Text an oder für mich selbst, eine Erinnerung, nicht zu vergessen, dass das Leben endlich ist, verknüpft mit der Frage, worum es geht, was wichtig ist. Das Leben dem Tod gegenüberzustellen ist sicher eine naheliegende, aber eben doch auch effektive Möglichkeit, sich dem anzunähern.

Hey @FlicFlac,
vielen Dank für's nochmal Vorbeikommen. Über den schreienden Wind muss ich nochmal Gras wachsen lassen. Ich verstehe total, was du schreibst und tatsächlich will ich nicht, dass der Leser ein "Windgesicht" im Kopf hat, das da Rum schreit, sondern mit geht's um die Wucht des sensorischen Eindrucks, der einen ins hier und jetzt holt. *Kopfkratz*
Auch lieben Dank, dass du noch was zum Ende gesagt hast. Ich glaube, ich finde es so auch besser, auf jeden Fall will ich diesen Zeigefinger nicht. Und das "letzte Mal" braucht es wohl wirklich nicht, das fliegt raus ...

Vielen Dank nochmal und
eine geruhsame Nacht uns allen
Katta

 
Zuletzt bearbeitet:

“Hättest du nicht im Frühling sterben können oder im Sommer?”, fragt sie ...

Welch ein Frage (wenn auch sicherlich keine seltene), die nur erfüllen kann, wer auch bereit ist, ggfs. durch die eigene Hand zu sterben, ansonsten heißt es schon seit uralten Zeiten, man wisse weder Tag (un d damit erst recht) noch Stunde, was i. d. R. auch gut ist, denn sonst wäre die Erde ein noch größeres Jammertal als je zuvor und hernach. Aber,

liebe @Katta,

dass man sich oder seine Extremitäten wie etwa die Hand als Ende des Armes strecken und jemand oder etwas „entgegen“strecken kann, ist mir bekannt – aber das Gesicht? Bei meinem urwäldlichen/-weltlichen Gestrüpp an Seiten und unter der Nase würde ich das nicht mal bemerken ..

Ich nehme ihre Hand und strecke mein Gesicht Wind und Regen entgegen.
„halte“ ich es nicht eher gegen Wind und Regen?

"Ich liebe dich!", sage ich ganz dicht in ihr Ohr.
Aber nicht Zimmerlautstärke … Oder?
Du „flüsterst“ wahrscheinlich ins Ohr ...

Warum die Substantivierung

Durch den Sand gehen wir ans Wasser, dorthin, wo das Gehen leichter ist.
wenn die Infinitivbildung "wo" buchstäblich „zu gehen leichter ist“?

Dann liest Tessa mir vor. Als ich aufwache, regnet es noch immer und ich setze mich ans Fenster, beobachteKOMMA wie der Regen in Pfützen Blasen bildet.
(„wie“ leitet einen vollständigen Satz ein „der Regen bildet Blasen in Pfützen“)

Mit Fünfzig ist man in diesem Alter.“
„fünfzig“, weil ein verkürztes „mit fünfzig Jahren“ ...

Wie dem auch wird,
gern gelesen vom

Friedel

 

Hallo @CoK,
schön, dass du vorbeischaust.

ist es schrecklich oder eine Chance, zu wissen, wann man sterben muss?
Dein Text zeigt mir, dass beides der Wahrheit entspricht.
Ja, gute Frage und gute Antwort.

Könnte mir diesen Satz auch kürzer vorstellen: Ich steige aus, schließe für einen Moment die Augen und halte mich an der Autotür fest. Der Schwindel vergeht.
Den Anfang hab ich nun noch mal verändert, hoffe, der ist nun runder ...

Hier hätte ich auch anders geschrieben: „Fühlst du das?“, frage ich und spüre, wie sie erstarrt.
Das "fühlen" hab ich übernommen, auch weil ich nun doch noch eine Erklärung ihrer "Steifheit" angefügt habe, obwohl du jetzt ja eine derjenigen warst, die das nicht zitiert hat. Aber da ein Satz weiter dann noch ein "spüren" kommt, habe ich hier deinen Vorschlag des fühlens übernommen. Ob mir die angefügte Erklärung gefällt, muss ich erst mal noch abwarten ... Das Tessa. habe ich übrigens auch rausgenommen.
Ich liebe dich so sehr!", sage ich (gegen den Wind,) ganz dicht in ihr Ohr.
Aber wenn sie es doch in ihr Ohr spricht, dann sagt sie es doch nicht gegen den Wind.
Ja, das ist eine Stelle, an der es noch immer hakt. Er spricht gegen den Wind und die Kapuze über ihren Ohren an, er spricht ganz dicht an/in? ihr Ohr, eben weil der Wind so laut ist und die Kapuze ja auch einiges schluckt ...

Mir gefällt das mit dem schreien auch nicht!
Vorschlag: Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und Kälte trifft dein Gesicht …
Hehe, damit bist du nicht allein, auch das habe ich noch mal geändert. Und nutze jetzt brüllen und habe zu dem hinzugefügt: jedem, der zuhören will ... keine Ahnung, obs nun besser funzt, aber mir ist schon wichtig, dass der Wind da eine Botschaft überbringt ...

Finde ich schön. Dann kann der Wind damit spielen. (Und vielleicht gibt es Hühner in der Nachbarschaft, die dann mehr Eier legen.):)
haha, das hat mir gefallen ... Ich weiß gar nicht, warum die Dinger Hühnergötter heißen, habe gerade mal gegoogelt ... scheint eine Übersetzung aus dem Russischen zu sein und vor allem in ostdeutschen Sprachraum bekannt zu sein ... es ist erst 1999 in den West-Duden aufgenommen worden ...

Vielleicht kannst du mit einem meiner Gedanken etwas anfangen. Ich habe deinen Text sehr gerne gelesen.
Ja, klar, kann ich mit deinen Gedanken etwas anfangen. Ganz lieben Dank fürs Teilen und es freut mich natürlich, dass du den Text sehr gerne gelesen hast.


Hällo @Friedrichard,
ganz lieben Dank auch dir fürs Lesen und deinen Kommentar.

Bei meinem urwäldlichen/-weltlichen Gestrüpp an Seiten und unter der Nase würde ich das nicht mal bemerken ..
Ich nehme ihre Hand und strecke mein Gesicht Wind und Regen entgegen.
„halte“ ich es nicht eher gegen Wind und Regen?
hehe, da dachte ich beim Lesen: Ach guck, die "männliche" bzw barttragende Perspektive. Keine Ahnung wie sich Wind und Regen in einem vollgewachsenen Gesicht anfühlen ... ich weiß aber nicht, ob ich da nun so einen riesigen Unterschied sehe zwischen entgegenstrecken und entgegenhalten, für mich ist das doch ziemlich ähnlich. Jemandem die Hand entgegenstrecken oder jemandem die Hand entgegenhalten? Ob man dem Wind nun sein Gesicht entgegenstrecken oder -halten kann, nun, ich sag mal: ich glaube, ich kann das ... halt nur nicht so weit raus ...

"Ich liebe dich!", sage ich ganz dicht in ihr Ohr.
Aber nicht Zimmerlautstärke … Oder?
Du „flüsterst“ wahrscheinlich ins Ohr ...
Ja, das hakelt, aber "flüstern" trifft es nun auch nicht. Man geht ganz dicht an das Ohr, um nicht schreien zu müssen gegen Winde und Kapuze auf den Ohren, aber wenn man dann flüsterte, würde auch nichts ankommen im anderen Ohr. Darum: ja, doch, Zimmerlautstärke passt schon ganz gut ...

Den Rest habe ich geändert/korrigiert.

Lieben Gruß an euch beide
von Katta

 

Hallo Katta,

eine Geschichte über Vergänglichkeit, Sterblichkeit, wie schnell das gehen kann und wie sich alles verändert in dem Bewusstsein, bald sterben zu müssen. Du beschreibst, wie ein Paar damit umgeht, deutest vieles sehr geschickt an. Ein bisschen weichgezeichnet und harmonisch empfinde ich das Ganze, du ersparst uns sehr unangenehme Details und doch geht das an manchen Punkten plötzlich in die Tiefe, wird schmerzvoll. Ich finde, dass die ganzen Veränderungen, die du gemacht hast, die Geschichte sehr verbessert haben.

Ungezähmt stürmen die Winde über die Ostsee und brüllen jedem, der zuhören will, mitten ins Gesicht: Lass dich nicht ablenken! Sei hier!
Was ich nicht so gerne mag, ist, dass du den Wind eine esoterische Botschaft überbringen lässt. Ich finde, das ist etwas, wo du die Leser gerade durch deine Geschichte hinführst, zu diesem Empfinden. Das hast du nicht nötig, dass der Wind das hier nochmal so holzhammermäßig brüllt. Außerdem geht es doch gerade darum, dass der Sturm so stark ist, dass er jeden durchschüttelt, ob er will oder nicht. Wenn man weghören könnte, nimmt das etwas von der ungezähmten Macht, finde ich.
Ausbeute: zwei Hühnergötter. Wieder zu Hause, lege ich sie in die Schale zu den anderen. Ich weiß, dass Tessa sie auffädeln und an den alten Kirschbaum hängen wird.
Der zweite Satz haut mich echt um, weil ich mir vorstelle, dass Tessa dann schon Witwe sein wird. Ich wohne an der Ostsee und kenne Hühnergötter, schön, die hier anzutreffen. Der Erzähler sorgt auf verschiedenen Ebenen vor, schreibt einen Brief und sammelt Steine, die bleiben werden, wenn er schon tot ist.
Dann liest Tessa mir vor. Als ich aufwache,
Schön immer wieder seine Schwäche angedeutet.
Aus uns allen entweicht jeden Tag ein bisschen Leben wie Luft aus einem Ballon. Aus mir aber schneller als gedacht.
Ja, ein naheliegender Gedanke.
Am Nachmittag kommt Kathrin, meine Ex-Frau. Sie weint und ich sage: „Ist schon gut!“
„Es tut mir so leid!“, sagt sie und: „Das ist einfach nicht fair!“
Ich fühle hier auch mit der Ex-Frau. Ist nicht so leicht die richtigen Worte in so einer Situation zu finden und ich ahne, dass sie da kaum eine Chance hat.
„Was würde es ändern?“, frage ich zurück und versuche nicht an all die Pläne zu denken, die ich nicht mehr umsetzen werde, nicht an all die Male, die ich vermeide in den Spiegel zu sehen, weil ich die Angst nicht ertrage, die mich daraus anblickt.
Die einzige Stelle, die andeutet, dass es auch andere Zeiten gibt. Wichtig.
Wieder einmal bin ich dankbar für Tessa. Ich weiß, dass sie weint, aber nie vor mir. Denn ich bin damit beschäftigt, Dinge zum letzten Mal zu tun. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich zu Tessa gesagt habe: „Wir müssen mehr Dinge zum ersten Mal tun. Mit fünfzig ist man in diesem Alter.“
Ja, hart. Es ist eine innige Beziehung, die durch den nahenden Tod noch intensiver wird, aber beide strengen sich auch sehr an, den anderen nicht zu belasten. Gemeinsame Verzweiflung deutest du nicht an, sondern eine lächelnde Liebeserklärung von seiner und viel Rücksichtnahme von ihrer Seite. So als ob sie auf Zehenspitzen laufen. Verständlich.
Mir hat der letzte Satz auch gut gefallen. Stimmt eigentlich.

Ja, liebe Katta, ich nehme da eine melancholische Stimmung mit, die irgendwie auch tröstlich ist. Ein Abschiednehmen, das gelingt.

Liebe Grüße von Chutney

 

"Ich liebe dich!", sage ich ganz dicht in ihr Ohr.
Aber nicht Zimmerlautstärke … Oder?
Du „flüsterst“ wahrscheinlich ins Ohr ...
Moin Katta,

wie isset mit "hauchen", die Icherzählerin - ich unterstell mal - wird sicherlich keine feuchte Aussprache haben ... da wird auch die Position "ganz dicht" eher entbehrlich -


und damit

frohe Pfingsten!,
aus'm gerade düster drohenden Pott

 

Hallo @Katta,

ein hartes Thema, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient und unter einer kollektiven Verdrängung unserer Zivilisation zu gerne unter dem Teppich verschwindet: Sterblichkeit. Auch eines der intensivste Lebenserfahrungen, die eigene Sterblichkeit und die von anderen - gerade Nahestehenden. Ich glaube wirklich, nichts wird so sehr verdrängt in unserem Kulturraum wie dieses existenzielle Thema. Es ist zu furchteinflößend. Nachdem wir die Religionen über Bord geworden haben, ist das auch der endgültige, unausweichbarer Sieg des Nihilismus. Im Alltag verschwindet das unter dem Teppich. Aber wenn das Schicksal einen in eine solche Krise wirft, als Angehöriger oder Betroffener, kommt alles Verdrängte hoch - die existenzielle Angst, die Frage nach dem Sinn, die Frage, was das eigene Leben ist und war, was wirklich wichtig ist. Leider fehlt mir das in deinem Text. Du zeigst Stunden, wie sie sicherlich auch stattfinden - mit einer eigenartigen Locker- und vor allem Normalheit. Aber mir fehlt hier die andere, gewichtigere Seite. Insofern finde ich den Text unbefriedigend und weichgezeichnet.

Es kann natürlich sein, dass ich mich irre und du einfach eine andere Lebenserfahrung als ich hast. Das aber ist mein Standpunkt. Trau dich ruhig, ins Abgründige zu gehen. Das ist der Text Leuten in dieser Situation - und wir werden alle in diese Situation kommen, mehrmals - schuldig, genau da gehören die existenziellen Fragen über das Dasein, das Hässliche und sinnlose des Sterbens hin. Genauso wie diese schönen Augenblicke dort hin gehören, und eine Leichtigkeit und Normalität.

Beste Grüße

 

Salü @Katta
Ich hatte schon bei der Ursprungsversion ein warmes Gefühl und beim Lesen der absolut gelungenen Überarbeitung bin ich erneut überrascht, was der Text in mir auslöst. Es ist schön, wenn Autor:innen es schaffen, bekannten Themen eine frische Note zu verpassen.

Viel mehr bleibt mir gar nicht dazu zu sagen, ausser vielleicht noch dies

“Fühlst du das?”, frage ich und merke, wie sie steif wird.
“Ich kann das nicht!”, sagt sie, löst ihre Hand aus meiner und ihre Schritte knirschen über den Kies,
Was wäre wenn das unaussprechliche unausgesprochen bliebe?
Fühlst du das?”, frage ich und merke, wie sie steif wird.
“Komm weiter!”, sagt sie, löst ihre Hand aus meiner und ihre Schritte knirschen über den Kies,

Ausbeute: zwei Hühnergötter. Wieder zu Hause, lege ich sie in die Schale zu den anderen. Ich weiß, dass Tessa sie auffädeln und an den alten Kirschbaum hängen wird.
Danke für die durch googeln Erweiterung meines Horizontes. Herrlich.

Als ich aufwache, regnet es noch immer und ich setze mich ans Fenster, beobachte, wie der Regen in Pfützen Blasen bildet.
Tessa sagt: “Du wirst noch ganz trübsinnig werden, wenn du die ganze Zeit in den Regen starrst.”
Aber meine Sinne waren nie weniger trüb, obwohl ich ständig müde bin. Aus uns allen entweicht jeden Tag ein bisschen Leben wie Luft aus einem Ballon. Aus mir aber schneller als gedacht.
Dieser Abschnitt bringt für mich die Essenz der unterschiedlichen Wahrnehmungen auf den Punkt. Was für unbeschwert Weiterlebende ein Trübsalblasen-Moment, ist für den Todgeweihten ein intensives Erleben des Jetzt. Sehr schön.

Ich weiß, dass sie weint, aber nie vor mir.
Interessant. Ich weiss, dass ich nach dem ersten Lesen den gleichen zeitlichen Eindruck hatte. Beim erneuten Lesen sich jedoch der örtliche Bezug eingestellt hatte.
Ist mir erst bei Woltochinons Com aufgefallen.

Ich schreibe über den Herbstwind, der übers Wasser tost.
Ich schreibe über Blasen, die sich in Pfützen bilden.
Ich schreibe über ihr Lächeln im Regen.
Was soll ich sagen, Katta. Reduced to the max. Sehr, sehr schön.

Liebgruss, dot

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo liebe @Chutney,
entschuldige, dass ich dich habe warten lassen. Ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut. Vielen Dank dafür und fürs Lesen auch ...

Ein bisschen weichgezeichnet und harmonisch empfinde ich das Ganze, du ersparst uns sehr unangenehme Details und doch geht das an manchen Punkten plötzlich in die Tiefe, wird schmerzvoll. Ich finde, dass die ganzen Veränderungen, die du gemacht hast, die Geschichte sehr verbessert haben.
Habe mich über die Rückmeldung zu den Veränderungen gefreut. 1. kann man Sachen ja auch verschlimmbessern und 2. ist es toll, dass in Zusammenarbeit mit den Wortkriegern meine Texte besser werden. Dafür allen noch mal vielen Dank. "weichgezeichnet und harmonisch" ist wohl so und ich habe da auch irgendwie mit mehr Gegenwind gerechnet. Du schreibst auch:
Ja, liebe Katta, ich nehme da eine melancholische Stimmung mit, die irgendwie auch tröstlich ist. Ein Abschiednehmen, das gelingt.
Ja, tröstlich sollte es schon sein. Irgendwo hab ich schon geschrieben, dass ich den auch für mich geschrieben hab und ich will mich selbst ja nicht in einen Zustand von Angst und Schrecken versetzen. Es ist mehr ein: So kann es auch gehen. Es kann auch gute Tage geben. Ich denke, das wird noch nicht ganz so deutlich und ich habe auch schon überlegt, den Text umzunennen: Ein guter Tag oder An guten Tagen oder so, so dass deutlicher wird, dass es auch andere gibt. Aber ich wollte einen guten zeigen, nicht einen an dem mein Prota vor Verzweiflung nicht weiß, wohin mit sich.

Was ich nicht so gerne mag, ist, dass du den Wind eine esoterische Botschaft überbringen lässt ...
Ich habe das jetzt rausgenommen. Überzeugt hat mich, dass der ganze Text ja darauf ausgerichtet ist (sein soll), auf dieses Jetzt und Hier und ich diese Erklärung darum nicht brauche. Auch der Rest von dem Absatz hat mich überzeugt ... ist jetzt also weg.

Der zweite Satz haut mich echt um, weil ich mir vorstelle, dass Tessa dann schon Witwe sein wird. Ich wohne an der Ostsee und kenne Hühnergötter, schön, die hier anzutreffen.
Oh, wo denn an der Ostsee? ist aber vielleicht auch zu privat. Ich wohne in Bremen, bin aber an der Ostsee aufgewachsen. Ja, dass Tessa dann schon Witwe sein wird, stelle ich mir auch vor ...

Ich fühle hier auch mit der Ex-Frau. Ist nicht so leicht die richtigen Worte in so einer Situation zu finden und ich ahne, dass sie da kaum eine Chance hat.
Ja, finde ich toll, dass du das so liest. Ich lege ihr da ja schon ein paar Floskeln in den Mund und er ist nicht sehr großzügig ihr gegenüber, finde ich. Aber naja, hat natürlich Gründe, dass sie geschieden sind. Für mich steckt da auch tatsächlich noch ganz viel drin, nicht über die beiden, aber übers Abschiednehmen ganz allgemein von Bekannten, Familie, Freunden. Ich stelle mir vor, dass da quasi jeden Tag jemand aufschlägt und vorbeikommt, sich verabschiedet. Und ich finde, der Abschied von der Ex-Frau der gelingt hier nicht so gut ...

Die einzige Stelle, die andeutet, dass es auch andere Zeiten gibt. Wichtig.
Ja, ich überlege gerade noch, "all die Male" in denen er nicht in den Spiegel guckt umzuändern in all die Tage, an denen er vermeidet ... vielleicht wird dann auch noch mal deutlicher, dass heute ein guter Tag ist ...

Gemeinsame Verzweiflung deutest du nicht an, sondern eine lächelnde Liebeserklärung von seiner und viel Rücksichtnahme von ihrer Seite. So als ob sie auf Zehenspitzen laufen. Verständlich.
Ja, genauso. Sie sind zwar da zusammen, und er ist dankbar für die Liebe, die er empfindet und empfängt, und doch, finde ich, sind beide schon auch irgendwie allein, denn nur er stirbt, sie wird weiterleben. Zehenspitzen trifft es schon ganz gut.

Moin @Friedrichard,
danke dir für deinen neuen Vorschlag:

Moin Katta, wie isset mit "hauchen", die Icherzählerin - ich unterstell mal - wird sicherlich keine feuchte Aussprache haben ... da wird auch die Position "ganz dicht" eher entbehrlich -
bei ordentlich Sturm und mit einer Kapuze auf den Ohren da bringt es gor nix irgendwas zu hauchen, da wird dann jedes Wort vom Wind verschluckt. Sie könnte Lippen lesen, wenn er vor ihr steht, er könnte lauter reden, oder er geht eben an ihr Ohr und sagt dann die Worte, ja, vermutlich in Zimmerlautstärke. Da ist Feinjustierung nötig, laut genug, dass es durch Wind und Kapuze geht, aber nicht zu laut, dass ihr das Trommelfell platzt :-)

Hey @zigga,
auch dir vielen Dank für deine Überlegungen. Hat mich gefreut, die unter dem Text gefunden zu haben.

ein hartes Thema, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient und unter einer kollektiven Verdrängung unserer Zivilisation zu gerne unter dem Teppich verschwindet: Sterblichkeit.
Vermutlich ist das so. Andererseits sind Menschen halt verschieden und ich denke, einige verdrängen eben mehr als andere. Man kann halt auch nicht durch seinen Alltag gehen und immer denken: gleich könnte es zu Ende sein, aber ja, mir ging es bei dem Text darum, mich genau daran zu erinnern: dass ich sterblich bin und die Frage, was wichtig ist ...

Nachdem wir die Religionen über Bord geworden haben, ist das auch der endgültige, unausweichbarer Sieg des Nihilismus.
Aber das hier, sehe ich gar nicht so. Ich verstehe (vielleicht hat das was mit meiner DDR-Sozialisation zu tun) zb gar nicht, was die Religionen damit zu tun haben und warum "keine Religion" = "Sieg des Nihilismus" bedeutet. Bei Nietzsche war das vielleicht so (aber ich kenne mich mit seinem Werk nicht aus, das ist also eine gänzlich unqualifizierte Bemerkung), aber es sind doch nicht nur die Religionen, die dem Leben Sinn verleihen. Vielleicht muss man nicht selbst überlegen, wenn man eine Religion hat, die einem da hilfreich zur Seite steht, aber ich überlege gern und brauche keine Religion ...

Aber wenn das Schicksal einen in eine solche Krise wirft, als Angehöriger oder Betroffener, kommt alles Verdrängte hoch - die existenzielle Angst, die Frage nach dem Sinn, die Frage, was das eigene Leben ist und war, was wirklich wichtig ist.
Ich würde wieder sagen, dass Menschen verschieden sind. Menschen gehen sehr unterschiedlich mit dem Sterben um, auch mit dem Sterben Angehöriger. Das fängt schon damit an, dass sich manche Leute gar nicht blicken lassen (oder nichts von sich hören lassen), wenn jemand stirbt, es kann für manche sehr einsam werden. Es ist auch oft so, dass zB nach einer existenziellen Krankheit (vor allem Krebs) sich Freundschaften total neu geordnet haben und enge Freunde dann keine mehr sind. Nicht jeder stellt sich diese Fragen, die du oben aufwirfst, manche sind einfach wirklich gut im Verdrängen, das funktioniert auch noch im Angesicht des Todes. Für mich behandelt der Text schon die Frage nach dem Sinn und dass es gute Tage gibt, an denen der Prota es schafft, anzunehmen und genauso seinen Tag mit Sinn zu füllen ...

Du zeigst Stunden, wie sie sicherlich auch stattfinden - mit einer eigenartigen Locker- und vor allem Normalheit. Aber mir fehlt hier die andere, gewichtigere Seite. Insofern finde ich den Text unbefriedigend und weichgezeichnet.
Ich verstehe aber, dass dir die anderen Tage im Text fehlen, in denen die Verzweiflung überwiegt, die Angst und all das, was natürlich auch da ist. Für mich sind sie drin, wenn auch nur angerissen, aber ja, der Text ist ja für mich und ich wollte mir einen ermutigenden Tag zeigen. Jeder weiß doch, dass es schrecklich sein muss, das man hadert usw, da wollte ich - für mich! - einen guten Tag darstellen, ein Ziel vielleicht ... und das Flash Fiction Format wollte ich nicht verlassen ...

Es kann natürlich sein, dass ich mich irre und du einfach eine andere Lebenserfahrung als ich hast. Das aber ist mein Standpunkt. Trau dich ruhig, ins Abgründige zu gehen. Das ist der Text Leuten in dieser Situation - und wir werden alle in diese Situation kommen, mehrmals - schuldig, genau da gehören die existenziellen Fragen über das Dasein, das Hässliche und sinnlose des Sterbens hin.
Ich weiß jetzt nicht, was du mit irren meinst, also wo du dich irrst, du schilderst doch nur deinen Leseeindruck bzw deine Gedanken zum Thema oder hab ich was nicht mirgeschnitten? Ganz sicher habe ich eine andere Lebenserfahrung als du, schon alleine, weil du ein Mann bist, evtl jünger als ich ... Es hat aber nichts mit Mut zu tun (ach, vielleicht meinst du das mit irren?), also dass ich mich nicht traute ins Abgründige zu gehen. Ich glaube, wir haben tatsächlich eine ganz unterschiedliche Perspektive. Sterben ist nicht sinnlos, sondern sehr sinnvoll. Übermäßiges Wachstum ist nicht gesund, ein Begriff dafür ist eine Krankheit namens Krebs. Vielleicht verletzt es uns in unserer Eitelkeit (und jetzt fang ich auch schon an uns alle über einen Kamm zu scheren), weil wir nichts besonderes sind und auch sterben werden, genau wie die Fliege oder das Gänseblümchen oder der Nachbar. Aber das macht ja nicht alles sinnlos oder das Schöne hässlich. Wahrscheinlich ist mein Text deswegen so wie er ist, weil ich anders auf Leben und Tod schaue als du. Ein anderer Grund ist auch, dass ich Optimistin bin, ich glaube daran, dass etwas gelingen kann, so auch ein Umgang mit dem Tod zu finden, der nicht gänzlich von Verdrängung und Widerstand geprägt ist. Das wird nicht in jedem Moment so sein, nicht jeden Tag (denn natürlich wird all das, was dir hier fehlt eine Rolle spielen), aber eben in Momenten, einzelnen Tagen und ich glaube, dass ein Text das auch schuldig ist, also das Hoffnungsvolle, und was ich schon mal gar nicht wollte, war eine "Entwicklung" darzustellen also so von Widerstand zu Akzeptanz, das wäre meiner Meinung nach dem Thema wirklich nicht gerecht geworden (oder sagen wir so: Ich hätte es nicht so schreiben können, dass es dem Thema gerecht wird), weil es eben solche und solche Tage gibt, solche und solche Momente.

Salü @dotslash,
auch dir ganz lieben Dank fürs Lesen und deinen Kommentar. Hat natürlich sehr gut getan, deinen so positiven Kommentar zu lesen.

Was wäre wenn das unaussprechliche unausgesprochen bliebe?
Fühlst du das?”, frage ich und merke, wie sie steif wird.
“Komm weiter!”, sagt sie, löst ihre Hand aus meiner und ihre Schritte knirschen über den Kies,
Das stimmt, das mach ich gerne so. Ich hatte ja vorher die Erklärung nicht, da hab ich das Ich kann das nicht gebraucht, aber jetzt mit Erklärung ist tatsächlich unnötig ...
intensives Erleben des Jetzt.
das ist ja so ein Hauptanker des Textes ... schön, dass es bei dir ankommt.
Ich weiß, dass sie weint, aber nie vor mir.
Interessant. Ich weiss, dass ich nach dem ersten Lesen den gleichen zeitlichen Eindruck hatte. Beim erneuten Lesen sich jedoch der örtliche Bezug eingestellt hatte.
Ist mir erst bei Woltochinons Com aufgefallen.
Ah, interessant. Ich wäre da ja, vor Woltochinons Komm, im Leben nicht drauf gekommen, dass man das so lesen kann, aber ja, klar ... Ich überlege da noch, bisher sind mir nur Sätze eingefallen wie: in meiner Gegenwart, aber das klingt irgendwie so technisch ...


Euch allen noch einmal vielen Dank für eure Gedanken und eure Zeit!
Und einen sonnigen Pfingstmontag!
Viele Grüße
von Katta

 

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