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Das Leuchten der Sterne

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30.01.2021
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Das Leuchten der Sterne

Ich erinnere mich noch genau, es war an einem Samstag, Anfang Dezember 2018, und die Welt stand kurz vor dem ersten Advent. Nach einem ausgiebigen Frühstück im Kreise der Familie, fuhr ich zusammen mit Sam, meiner Frau, in die Stadt um verschiedene Erledigungen zu machen und nach ersten Weihnachtsgeschenken für unsere Tochter Lena und unseren Eltern zu schauen. Lena hatten wir vorher zu meinen Schwiegereltern gebracht, die wir nie lange bitten mussten, da sie sich immer freuten, wenn ihre Enkeltochter zu ihnen kam und sie das Kind von Kopf bis Fuß verwöhnen konnten. Weihnachten stand vor der Tür und wie jedes Jahr hatte ich kaum Ideen, was ich schenken sollte. Das brauchte ich aber auch gar nicht, denn ich hatte ja Sam. Sam hieß eigentlich Samara, aber alle nannten sie Sam, schon seit frühester Kindheit war das so.

Es hatte Weihnachtsgeld gegeben und Sam hatte sich spontan entschlossen ein neues Smartphone zu kaufen, was ich nicht richtig nachvollziehen konnte. Erst letztes Jahr hatte sie sich das neueste IPhone zugelegt, aber das war nun nicht mehr gut genug – fand Sam. Also musste wieder etwas Neues her, ein neues Spielzeug, das wieder mehr konnte als das vorherige und selbstverständlich deutlich besser war. Alle Einwände meinerseits waren vergebens. „Es hat doch kaum mehr Funktionen als dein jetziges Handy“, versuchte ich zu argumentieren, „und gute Bilder macht es doch auch. Warum willst du denn schon wieder ein neues kaufen?“ „Du weißt genau, dass der Akku schneller leer ist als ich gucken kann und dass ich es ständig wieder laden muss. Das neue IPhone hat deutlich mehr Akkuleistung und eine bessere Kamera hat es auch. Außerdem ist mein Display zerkratzt. Andrea hat es sich übrigens auch gekauft und ist super zufrieden. Ich will es mir auf jeden Fall mal ansehen“, erwiderte sie.

Sam hatte eine Liste geschrieben, was wir alles erledigen und besorgen mussten. Sie ging nie ohne Liste aus dem Haus. Eine Liste für Weihnachtseinkäufe, eine für Erledigungen, wieder eine für Termine, die gemacht werden mussten oder zu erledigen waren, für Organisatorisches, für Kinder, Eltern, Haus, Garten usw. Ohne Liste lief bei ihr gar nichts und sie war erst zufrieden, wenn der letzte Punkt abgearbeitet und erledigt war. Meine Frau war perfekt organisiert, vergaß nie etwas und wusste selbst, wo sich die unwichtigsten Dinge in unserem Keller befanden. Einmal erzählte ihr eine Freundin, die nachmittags zu Besuch war, dass sie ein verlängertes Wochenende nach Lissabon fliegen wolle. Wir waren vor Jahren einmal dort und Sam schwärmte ihr in allen Einzelheiten von der Reise vor. Schließlich lief sie in den Keller und kam nach zwei Minuten mit unserem Reiseführer über Lissabon zurück. Ähnlich verhielt es sich mit ihrem Orientierungssinn. Diese Frau musste so etwas wie ein eingebautes Navigationsgerät besitzen. Selbst in fremden Städten, durch die wir den ganzen Tag gelaufen waren, dabei verschiedenste Geschäfte und Shops besucht und Sehenswürdigkeiten angeschaut hatten, konnte sie uns auf dem direkten Weg zurück zum Auto, zum Hotel oder zu einem Treffpunkt führen. Ich hatte bereits vor langer Zeit aufgehört mir Wege zu merken, wenn ich mit ihr unterwegs war. Am Anfang unserer Beziehung hatte ich es noch versucht, mich aber regelmäßig verfranzt oder mit ihr diskutiert, ob wir nun rechts oder links weitergehen müssen. Ich hatte nicht ein einziges Mal recht behalten. Heute diskutiere ich nicht mehr mit ihr, habe mich demütig in meine Rolle hineingefunden und folge ihr einfach. Aber so perfekt und strukturiert sie auch war, sie hatte keine Ahnung von Technik. Es interessierte sie einfach nicht, wie etwas funktionierte, sondern nur, dass es funktionierte.
Obwohl wir beide recht unterschiedliche Persönlichkeiten waren, führten wir eine harmonische und liebevolle Beziehung, bei der jeder den anderen respektierte und ihm die Freiheiten gab, die er brauchte. Sam besaß diese Dynamik in ihrem Wesen, die sie antrieb, Dinge in die Hand zu nehmen und umzusetzen. Sie war eine Macherin, war engagiert im Job und konnte hart um ihre Sachen kämpfen. Wenn sie etwas in die Hand nahm, dann tat sie es immer mit Leidenschaft, halbe Sachen zu machen, entsprach nicht ihrer Natur. Sie war ausgesprochen impulsiv und begeisterungsfähig, trug das Herz auf der Zunge und konnte Menschen mit ihrer Begeisterung anstecken. Diese Impulsivität äußerte sich nicht zuletzt auch schon mal darin, dass sie losredete ohne vorher nachzudenken, was mich regelmäßig zur Verzweiflung trieb.
Aber zuhause war alles anders, sie war anders. Hier war ihr Schutzraum, ihr Rückzugsort und ich glaube, auch die Tankstelle ihrer Energie. Seit Lena auf der Welt war, hatte sich das verändert und es gab nichts Wichtigeres für sie als unser Familienleben. Darin ging sie voll auf und konnte ihre andere Seite ausleben, die weich, einfühlsam und behütend war. Die häusliche Harmonie war ihr sehr wichtig und sie war diejenige, die aus unserem Haus ein Zuhause machte. Außerdem verstand sie es auch nach all den Jahren immer noch, mir das Gefühl zu geben, dass sie mich liebte.

Wir hatten bereits einen Teil von Sam’s Liste abgearbeitet und für unsere Tochter ein paar erstklassige Reitstiefel erstanden. Lena war vor kurzem 11 Jahre alt geworden und hatte im Sommer mit dem Reiten angefangen. Seitdem verbrachte sie jede freie Minute im Stall und bekniete uns regelmäßig, ihr ein eigenes Pferd zu kaufen. Abgeneigt waren wir nicht, aber zunächst wollten wir abwarten, ob ihre Leidenschaft für das Reiten auch dauerhaft blieb und die Schule nicht darunter litt. Wir beobachteten diese Entwicklung aufmerksam, aber heute hatten wir erst einmal ein Paar tolle Reitstiefel für sie erstanden, mit der Option, diese wieder umtauschen zu können, falls die Größe nicht passen würde. Lena würde sich bestimmt riesig darüber freuen, dessen waren wir uns sicher. So zogen wir gut gelaunt und mit Einkaufstüten bepackt durch die Stadt und steuerten unser letztes Ziel an, den Elektrofachmarkt. Hier angekommen schnappte sich Sam sofort einen Verkäufer. Der Mann führte uns zu einer Vitrine, in der die neuesten Smartphones ausgestellt waren. Ich hielt mich bewusst zurück, beäugte die Szenerie aber aufmerksam und beobachtete diesen Verkäufer, wie er nicht müde wurde Sam immer wieder zu sagen, was für ein Spitzengerät das sei und dass man es nicht mehr mit dem Vorgängermodell vergleichen könne. Ich wusste schon nach zwei Minuten, er hatte sie! Ihre Augen bekamen immer diesen Tunnelblick, wenn sie etwas haben wollte. Dann war sie fokussiert, hatte Witterung aufgenommen und ließ nicht mehr los bis die Beute erlegt und in der Einkaufstüte verstaut war. Genau so lief es auch dieses Mal ab. Wir verließen den Fachmarkt mit einem neuen Smartphone in der Einkaufstasche, das zu dieser Zeit zweifellos das beste Handy auf dem Markt war und stolze 999,00€ kostete.

Nachdem wir das Ladenlokal verlassen hatten, blieben wir noch einen Moment vor dem Eingangsbereich stehen. Sam warf mir einen triumphierenden Blick zu, während sie die Einkaufstüten zwischen uns aufteilte. Sie war jetzt bester Laune, was man immer leicht daran erkennen konnte, dass sich die Tonlage ihrer Stimme änderte. Diese wurde nämlich bei guter Laune höher als sie sonst war. Gerade war sie dabei Andrea auf ihrem alten Smartphone eine WhatsApp zu schreiben, als eine Stimme unser Gespräch jäh unterbrach. „Tauschen sie einen Teller Suppe gegen ein Gedicht?“ Wir verstummten und drehten uns um. Vor uns stand eine alte Frau, in der einen Hand eine alte, zerschlissene blaue Reisetasche, in der anderen Hand zwei große vollgestopfte Plastiktüten. Sie trug einen langen, abgewetzten grauen Wollmantel, der den Rock darunter völlig verdeckte und ihr bis zu den Knöcheln reichte. Sie war schlank oder besser gesagt, sie wirkte hager, mochte vielleicht um die 70 Jahre alt sein und hatte den Ansatz eines leichten Buckels. Ihre dünnen, silbergrauen Haare wurden notdürftig mit einem Haargummi zusammengehalten, standen aber an den Seiten ungebändigt in alle Richtungen vom Kopf ab. An den Füßen trug sie einfache dünne Halbschuhe, deren Farbe man nicht genau beschreiben konnte und die arg verschlissen waren. Es waren typische Alte-Leute-Schuhe und sie hatten auch diese typische Alte-Leute-Schuhe-Farbe, eine undefinierbare Mischung aus grau, braun, beige mit einer Nuance Schlamm.
Ich sah auf ihre Hände, welche die Tüten fest umklammert hielten. Ähnlich wie ihr Körper waren diese schmal und langgestreckt, mit feingliedrigen Fingern, deren Knöchel deutlich hervorstanden. Die dünne, faltige Haut war mit Altersflecken übersät und erweckte einen ledrigen Eindruck, ähnlich der Haut eines mumifizierten Körpers. Ihre Nägel hatte sie kurz geschnitten, ohne sie weiter gefeilt oder in Form gebracht zu haben.
Das Gesicht war ebenfalls fein geschnitten mit schmalen Lippen, scharf konturierten Augenbrauen und einer Nase, die das Gesicht lang erscheinen lies. Was in diesem Gesicht aber am meisten auffiel, waren die Augen. Es waren diese milden, braunen Augen, die sofort Vertrauen fassen ließen, weil sie Wärme und Güte ausstrahlten.

Ihre Worte hatten mich schlichtweg überwältigt, klangen in meinem Kopf nach und blockierten ihn, während mein Verstand versuchte, wieder die Oberhand zu gewinnen und eine geeignete Antwort zu finden. Bei Sam war das anders. Ohne auf die Frau einzugehen oder diese auch nur näher anzuschauen, griff sie in ihre Handtasche und begann mit den Fingern in ihrem Portemonnaie zu kramen. Ich konnte keinen Ton sagen, beobachtete nur Sam‘s manikürte Finger, die nach etwas Kleingeld suchten, während sie das neue Smartphone für fast 1000,00€ in der Einkaufstüte trug. Schließlich sammelte sie ein paar Münzen zusammen und reichte sie der Unbekannten ohne weiteren Blickkontakt mit ihr aufzunehmen, wobei sie tunlichst darauf achtete, dass sich ihre Hände nicht berührten. „Aber keinen Alkohol kaufen; wir müssen jetzt weiter, sind ziemlich im Weihnachtsstress“ und mir zugewandt flüsterte sie: „Lass und weg hier, ich will jetzt nach Hause“.
Ich blickte die Frau weiter an und merkte, wie Unbehagen in mir aufstieg. Es wurde noch schwieriger jetzt etwas zu sagen, aber ich wollte ihr gerne antworten. Denn was hatte sie getan? Sie hatte uns doch nicht angebettelt, sie hatte uns vielmehr ein Geschäft vorgeschlagen, einen Handel, einen Tausch. Sie wollte doch nichts umsonst bekommen, sondern hatte uns eine Dienstleistung angeboten, ihre Dienstleistung. Vielleicht waren es lyrische Gedichte, die sie den Menschen anbot, Unikate, etwas Eigenes, vielleicht waren es Verse, die sie das erste Mal vortrug und wir wären ihre Premierengäste gewesen. Vielleicht war es kluge Wortkunst voller Zauber, poetisch verfasst und angefüllt mit den Lebensweisheiten des Alters. Vielleicht trugen ihre Gedichte Metaphern in sich, die zum Nachdenken anregten und deren bildhafter Ausdruck eine Brücke in unser Leben schlug. Oder es waren Reime, geschrieben für die Liebe ihres Lebens, angefüllt mit tragischer Dramaturgie oder mit der lebensbejahenden Leichtigkeit und Unschuld der Jugend? Vielleicht war sie heute eine bedeutungslose Künstlerin, deren Wert man erst viele Jahre später entdecken würde, die Zeit ihres Lebens weder erfolgreich war, noch Anerkennung erfuhr, sondern erst post hum zu den großen Künstlerinnen ihrer Zeit erhoben würde, ähnlich wie Vincent van Gogh, der zu Lebzeiten kaum Bilder verkauft hat.

Dieser Satz hatte soviel Magie in sich, weckte eine Erwartungshaltung in mir, machte mich neugierig zu wissen, was sie vortragen würde. Aber Sam - was hattest du getan, Sam? Du hattest ihn zerstört, diesen magischen Moment, hattest ihn entehrt, ihn entweiht, ihm die Würde genommen, die ihn umgab. Ich war verlegen. Sam hatte die alte Frau wie eine Bettlerin behandelt, eine Dalit – eine Unberührbare. Hatte sie ihn denn nicht bemerkt, diesen raumfüllenden Moment des Zaubers?
Für einen kurzen Moment wanderten meine Blicke zwischen beiden hin und her, bis Sam mich ungeduldig am Ärmel zog. Nur zögerlich setzte ich mich in Bewegung, suchte in meinem Kopf immer noch nach ein paar passenden Worten für einen würdevollen Abgang aus dieser Situation, die mich so in ihren Bann gezogen hatte. Die abgewetzte Reisetasche und die Plastiktüten fest umschlossen, stand sie mit vorgebeugtem Rücken da und sah uns hinterher. Aber ihre Blicke waren nicht vorwurfsvoll, nicht verständnislos oder gar böse. Es war dieser friedliche, sanftmütige Blick, der mich bis ins Mark traf. Dieser Blick begleitet mich bis heute.

Ich schämte mich. Schämte mich für die Art und Weise meiner Frau und für mein Verhalten. Warum hatte ich sie nicht gebeten ihr Gedicht vorzutragen? Warum hatte ich es geduldet, dass Sam sie in dieser Form abspeiste?
Wir fuhren nach Hause und Sam redete die ganze Fahrt über von der nächsten Woche, während im Radio ein belangloser Popsong nach dem anderen gespielt wurde. Sie arbeitete als erfolgreiche Innenarchitektin für ein kleines Architekturbüro und entwarf Raum- und Gestaltungskonzepte für Wohnanlagen. Dieser Job bot ihr die Möglichkeit überwiegend von zuhause aus zu arbeiten. Besprechungen oder Baustellenbesuche plante sie grundsätzlich so, dass diese immer vormittags stattfanden, wodurch sie in der Regel zuhause war, wenn Lena aus der Schule kam. Das war uns beiden wichtig.

Mit den Schwiegereltern hatten wir vereinbart, dass Lena über Nacht bei ihnen blieb, so hatten Sam und ich den Abend für uns. Solche Abende waren recht selten geworden und wir verbrachten entspannte Stunden bei unserem Lieblingsitaliener „Mauricio“. Als ich dann später im Bett lag, gingen mir die Ereignisse des Tages noch einmal durch den Kopf und ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Ich musste immer wieder an diese Frau denken. Es war nicht zu übersehen, sie lebte auf der Straße. Aber warum? Warum lebte eine Frau in diesem betagten Alter auf der Straße? Und war das ihr gesamtes Hab und Gut, dass sie in der Tasche und den beiden Plastiktüten mit sich trug? Ich begann mich zu fragen, wer sie war und welches Schicksal sie erlitten hatte, dass sie nun so lebte. Dabei wirkte sie so ganz anders als all die anderen Menschen, deren Heimat die Straße ist.

Ich hatte eine unruhige Nacht und der Sonntagmorgen begann für mich bereits um 5:00 Uhr. Nachdem ich mir einen Kaffee zubereitet hatte, stand ich halb gedankenversunken, halb schlaftrunken an der Terrassentür und blickte in die sternenklare Nacht. Der Orion stand genau über mir und war deutlich zu erkennen. Das Außenthermometer zeigte -1 Grad Celsius und Raureif lag auf den Büschen im Garten. Ich stand im Dunkeln und lies die Ruhe der endenden Nacht auf mich wirken. Zumindest der Morgen sollte entspannt anfangen. Den Rest des Tages würde ich mit Vorbereitungen auf das morgige Meeting verbringen. Es war Jahresende und die Abteilungsleiter mussten die Budgets und Ziele für das nächste Jahr vor der Geschäftsleitung präsentieren. Diese Meetings waren immer sehr anstrengend, nicht zuletzt, weil sie den Kurs für das kommende Jahr vorgaben und unterschiedliche Vorstellungen und Interessen aufeinanderprallten. Ich hatte vor drei Jahren die Leitung der Marketingabteilung übernommen und war in den ersten zwei Jahren auch recht erfolgreich mit den Veränderungen, die ich eingeführt hatte. Aber in diesem Jahr lief es für die Firma nicht gut. Die geplanten Umsatzziele wurden deutlich verfehlt und drückten die Stimmung im Unternehmen. Zwischen dem Vertrieb und der Marketingabteilung waren Grabenkämpfe entstanden, die zuerst nur hinter vorgehaltener Hand, dann aber immer mehr mit gezielten Attacken ausgetragen wurden. Dabei lief die Zusammenarbeit anfangs ausgezeichnet.

Ich musste mich gut vorbereiten, denn morgen galt es die Kampagnen und Aktivitäten des zu Ende gehenden Jahres zu bewerten, diese zu erklären und gegebenenfalls zu verteidigen sowie die Geschäftsleitung für die strategische Planung des neuen Jahres zu gewinnen und hierfür das notwendige Budget zu erhalten. Es war bereits klar, dass wir nicht die gleichen Mittel zur Verfügung gestellt bekommen würden, wie in diesem Jahr, denn es wurde in allen Abteilungen gespart. Aber es ging mir um zwei Dinge. Wir mussten als Abteilung handlungsfähig bleiben und ich wollte keine Arbeitsplätze abbauen müssen. Das wollte ich auf jeden Fall vermeiden. Wir waren in den letzten drei Jahren als Team immer mehr zusammengewachsen und arbeiteten besser denn je zusammen. Als Leiter der Abteilung hatte ich darauf geachtet, dass die Chemie zwischen allen Team-Mitgliedern stimmte. Das ist wichtig für eine hohe Produktivität, außerdem hasste ich es, mich ständig mit den Allüren einzelner Personen herumzuärgern.

Sam schlief noch und stand am Wochenende selten vor 8:00 Uhr auf. Ich hatte also Ruhe um meinen Gedanken nachzuhängen, die sich noch immer um unsere Begegnung vom gestrigen Tag drehten. Das feine Aroma von mildem Arabica Kaffee begann mich langsam zu beleben. Sam und ich legten beide großen Wert auf guten Kaffee, hatten uns nach zeitraubenden Recherchen vor drei Monaten einen neuen Kaffeevollautomaten der Spitzenklasse gekauft und bestellten unseren Kaffee bei einer kleinen Rösterei in der Nähe von Lübeck. Der Preis für das Kilo unserer Lieblingssorte lag bei 29,95€ plus Versand, aber wir wollten gute Qualität, daher achteten wir nicht weiter auf die Kosten. Bei Wein war es ähnlich. Wir waren beide Anfang 40, hatten gut bezahlte Jobs und einen Lebensstil, der kaum noch Wünsche offen ließ.
Der Montagmorgen begann gleich wie erwartet. Es wurden Umsatzzahlen präsentiert, Analysen gefahren und der weitere Kurs der Firma festgelegt. Nachdem unser Vertriebsdirektor Volker und ich unsere hitzigen Debatten ausgefochten hatten und sich jeder mit einem Teilsieg wieder zurückziehen konnte, ließen sie am Ende des Meetings die Katze aus dem Sack. Stellenabbau! Jede Abteilung musste ihren Beitrag dazu leisten und Margit, unsere Leiterin der Personalabteilung und Mitglied der Geschäftsleitung, erklärt den neuen Personalschlüssel. Für meine Abteilung bedeutet das: zwei Stellen! Zwei Personen aus diesem Team, das wie ein Uhrwerk funktionierte, mussten gehen. Alles in mir zog sich zusammen.
Ich blieb noch bis 19:00 Uhr in der Firma, arbeitete die Anfragen des Tages ab und machte mir erste Gedanken zum Umbau der Abteilung. Volker hatte es noch schwerer getroffen, aus seiner Abteilung mussten fünf Mitarbeiter gehen.
Müde von den Anstrengungen des Tages packte ich meine Sachen zusammen und machte mich auf den Heimweg. Es war ein anstrengender, frustrierender Tag gewesen und die Gedanken in meinem Kopf ließen mir keine Ruhe. Mein Heimweg führte mich einmal quer durch die Stadt und direkt am Hauptbahnhof vorbei. Dieser lag am Ende der größten Einkaufsstraße und zog alle Gefallenen des Lebens magisch an, konnte man meinen. Hier sammelte sich der Bodensatz der Gesellschaft. Junkies, die den nächsten Rausch suchten, Obdachlose, die in kleinen Gruppen zusammenstanden um ihr Schicksal mit Gleichgesinnten zu teilen, Alt-Hippies und Alt-Punks, die es nicht geschafft hatten ihre Ideale der Jugend veritabel in neue Lebensformen zu überführen, ohne sich dabei aufzugeben. Glücksritter aus dem Ausland, meist aus Osteuropa, die in Deutschland immer noch das gelobte Land suchten, das man ihnen vor vielen Jahren versprochen hatte als sie ihre Heimat verließen. Minderjährige, von zuhause weggelaufen, weil sie ungeliebt waren, Gewalt und Unverständnis erfahren hatten und nun Gefahr liefen von der Straße gefressen zu werden. Sie alle sind die Parias der Gesellschaft, Underdogs, Gestrandete, Desperados der Straße, deren ausgesetzte Seelen am Bahnhof in einem Schmelztiegel aus Hoffnung und Verzweiflung zusammenflossen. Dort, wo gleich auf der anderen Straßenseite jene Welt begann, zu der sie keinen Zutritt hatten und wohl auch nie haben werden. Wo Erfolg durch attraktive Models auf großen Werbetafeln verkörpert wurde, die mit ihren makellosen Gesichtern und trainierten Körpern den neuesten Parfums, Modetrends oder Luxusfahrzeugen das gewollte Image verliehen. Wo in Designerläden Jacken und Mäntel für über tausend Euro ausgezeichnet waren und Juweliere ihre exklusive Auslage an Uhren von Breitling, Tag Heuer oder Omega für mehrere tausend Euro anboten.

Ich fuhr täglich an diesem Schauplatz der Illusion vorbei, der für mich nichts Neues mehr darstellte und hing müde und abgespannt den Ereignissen des Tages nach. Plötzlich aber wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, war sofort hellwach und wie elektrisiert. Dort war sie, ging mit schleppendem Gang über die Straße, während ich 100m weiter hinten an der Ampel stand. Ich war wie paralysiert, vergaß all die Probleme, die mir der heutige Tag beschert hatte und starrte sie an, bis sie die Straße überquert hatte und ich mit dem fließenden Verkehr langsam an ihr vorbeifuhr. Aber damit gab ich mich nicht zufrieden, ohne zu zögern verließ ich bei der nächstbesten Gelegenheit meine Route und bog rechts in eine kleine Seitenstraße ab. Ich war wie im Rausch, wie ein Wolf, der die Witterung seiner Beute aufgenommen hatte und sie nun verfolgte. Aber ich kam nicht weit, schon nach wenigen Metern endete die Straße in einer Sackgasse und ging in die Fußgängerzone über. Ich hielt an und wartete ungeduldig, dass sie vorbeikam. Aber warum in aller Herrgotts Namen tat ich das eigentlich? Diese Frau spielte keine Rolle in meinem Leben, ich kannte sie nicht einmal, wusste nichts von ihr. Das Radio hatte ich ausgeschaltet und im Wagen herrschte eine angespannte Stille, sodass ich meinen Atem hörte, der schneller ging als gewöhnlich. Völlig regungslos blieb ich so einigen Minuten sitzen und scannte alles, was sich in mein Blickfeld schob. Menschen kamen und gingen aus beiden Richtungen an mir vorbei, nur sie war nirgendwo zu sehen. Sie tauchte einfach nicht auf, ließ mich sitzen. Langsam entspannte ich mich wieder und als ich den Wagen Minuten später startete um gedankenversunken nach Hause zu fahren, fragte ich mich noch einmal, warum ich das getan hatte. Was wäre denn passiert, wenn sie vorbei gekommen wäre? Wäre ich aus dem Auto gesprungen, hätte mich entschuldigt für das Verhalten meiner Frau und hätte sie gebeten mir ein Gedicht vorzutragen? Wohl kaum. Vermutlich wäre gar nichts passiert. Ich wäre im Wagen sitzengeblieben und hätte sie einfach vorbeiziehen lassen. Oder doch nicht? Ich wollte irgendwie mehr wissen, aber was genau, diese Frage konnte ich mir selbst nicht beantworten.

In den nächsten Tagen hielt ich wieder gezielt Ausschau, wenn ich morgens und abends am Hauptbahnhof vorbeifuhr. Aber keine Spur von ihr. Ich begann mich zu fragen, wer sie wohl sei und was in ihrem Leben passiert war, dass sie nun so lebte. Dabei malte ich mir ganz unterschiedliche Szenarien aus. Einmal war sie eine reiche Unternehmergattin, die nach der Scheidung von ihrem Mann alles verloren hatte, dann wieder war sie eine Schneiderin, die Gicht in den Fingern bekommen hatte und ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte, keine Kinder hatte und niemanden, der sie versorgte. Sie hatte mich neugierig gemacht und meine Phantasie ging jeden Tag auf Wanderschaft, wenn ich auch nur in die Nähe des Bahnhofs kam.
Ich spähte die ganze Woche nach ihr, immer, wenn ich am Bahnhof und an der Innenstadt vorbeifuhr, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Als ich sie am Freitagabend wieder nicht sah, bog ich spontan auf den Parkplatz des Bahnhofs ab und hielt in einer der Parkboxen, die direkt gegenüber der Einkaufsmeile lagen. Die Vorweihnachtszeit verlieh ihr einen besonderen Glanz, überall waren die Schaufenster weihnachtlich geschmückt und Lichterketten erhellten festlich den Abend. Die Menschen standen an Glühweinständen und Imbissbuden zusammen oder zogen mit gefüllten Einkaufstaschen die Straße entlang. Händler hatten ihre einfachen Holzbuden hübsch mit Sternen, Weihnachtskugeln und Kunstschnee verziert und boten ihre mehr oder weniger weihnachtlichen Waren an. Ich mochte diese Zeit des Jahres, diesen festlichen Glitzer überall, auch wenn es draußen kalt war und man sich warm anziehen musste, so wie heute.
Mein Blick trennte sich wieder vom weihnachtlichen Flair der Stadt und ich lenke meinen Schritt in den Bahnhof hinein; getrieben von der Suche nach einer Antwort, ohne überhaupt die Frage zu kennen. Im Bahnhof war es voll, viele Reisende kamen mir entgegen und ich musste aufpassen, dass ich nicht mit ihnen zusammenstieß. Geschäftsleute in dunklen Anzügen, Rentner, junge Leute mit Rucksäcken und Familien mit ihren Kindern zogen an mir vorbei.
Auf der anderen Seite des Bahnhofs angekommen, fiel mein Blick sofort auf eine Gruppe von Personen, die vor dem Eingangsbereich zusammenstanden und lautstark erzählten. Einige waren angetrunken, das merkte man sofort. Andere standen nur dabei und sagten wenig. Als ich mich umdrehte um wieder zurückzugehen, fiel mir ein Mann auf, der etwas abseits der Gruppe auf einem Mauervorsprung saß. Er war kräftig gebaut, mit einem dicken Schnauzbart in dem unrasierten Gesicht und auf dem Boden zu seinen Füßen sah ich einen grünen Leinenrucksack mit eingerollter Isomatte stehen. Der Mann stand auf, kam auf mich zu und sagte: „Schönen guten Tag, haben Sie vielleicht ein paar Cent übrig?“ Ich hatte schon angesetzt meinen Schritt zu beschleunigen und in eine andere Richtung zu sehen, tat dann aber genau das Gegenteil. Ich blieb stehen und lächelte ihn an. Er war etwa Ende 50, hatte aschgraue Haare und ein vom Wetter gegerbtes, grobporiges Gesicht, das von feinen roten Äderchen durchzogen war. Seine Kleidung war einfach, aber nicht dreckig und er trug eine alte, verschlissene Lederjacke, die für diese Temperaturen eigentlich zu dünn war. Aus einer der beiden Jackentaschen lugte eine Flasche hervor, die etwas Hochprozentiges enthielt. „Es ist kalt heute Abend“, sagte ich zu dem Mann, „Ich schaue mal nach, was ich für sie habe!“ Fünf Euro sammelte ich aus meiner Geldbörse zusammen und gab sie ihm. Die Augen in seinem zerfurchten Gesicht begannen zu strahlen und er bedankte sich überschwänglich bei mir, wobei ich mich fragte, ob das vielleicht auch mit dem Alkohol zu tun hatte. Vermutlich hatte es das.
Ich steckte den Geldbeutel wieder ein, nickte ihm zu und wollte gerade gehen, da sagte er: „Gott schütze dich, mein Sohn, Gott schütze dich.“ Anschließend setzte er sich wieder auf den Mauersims, holte ein Päckchen mit Tabak aus seiner Jacke und begann eine Zigarette zu drehen. Ich sah auf seine Finger, die gelb waren vom Nikotin, dreckig und geschwollen von der Kälte und dem Leben da draußen. Etwas zögerlich ging ich einen Schritt auf ihn zu und fragte: „Kennen Sie eine alte Frau, wahrscheinlich so um die 70 Jahre alt, die immer mit einer Reisetasche und Tüten in der Hand unterwegs ist? Ich glaube, sie lebt auf der Straße.“ „Hier sind immer mal Frauen, die nicht wissen wohin. Ist nicht leicht für die.“ Dann schwieg er und zog an seiner Zigarette. „Wie sieht sie denn aus, diese Frau?“ Ich beschrieb ihm die schmale Statur, den gebückten Gang und die silbergrauen Haare. Er zeigte keine Reaktion, zog nur an der Zigarette. Als ich dann von unserer Begegnung mit ihr erzählte und dass sie uns ein Gedicht angeboten hatte, sagte er sofort: „Die Charly!“ „Die Charly?“, wiederholte ich unsicher. „Das ist bestimmt die Charly, die du suchst. Komm setz dich.“ Er winkte mir zu.
Ich trug einen recht neuen Cashmere-Mantel, den ich im Februar von Sam zum Geburtstag bekommen hatte, darunter einen Boss-Anzug und passende Schuhe. Es war nicht gerade das Outfit, mit dem man sich am Bahnhof neben einen angetrunkenen Mann auf die Mauer setzte. Aber ich tat es und so saßen wir einträchtig nebeneinander. Ich, der Marketingleiter mit einem Jahresgehalt von 160.000€ plus Firmenwagen, eingekleidet in Designerkleidung und mein neuer Freund, dem eine warme Jacke und ebensolche Schuhe gut gestanden hätten. „Peter“, sagte er nachdem er einen Schluck aus der Flasche genommen hatte und streckte mir seine Hand entgegen. „Ich war mal Seemann, weißt du.“ Ich zögerte einen Moment, nahm dann aber Peter‘s Hand, die zupackte, wie eine Schraubzwinge. Was sollte ich jetzt sagen, etwa: „Sebastian, ich bin Marketingleiter bei Glemstone&Young“? Ich entschied mich für die einfache, nette Variante. „Freut mich Peter, ich bin der Sebastian“, antwortete ich kurz und knapp.
Peter war betrunken, aber er unterhielt sich völlig normal mit mir und ließ sich seinen Rausch kaum anmerken. Ich fragte weiter nach der Frau, die er „Charly“ nannte. „Ist `ne Adelige oder so“, sagte Peter. „Hab ich so gehört, von den anderen. Ist aber nicht oft hier, nur ab und zu. Singt immer oder redet vor sich hin.“ Der Rauch von Peter’s Zigarette zog mir ins Gesicht, was ich äußerst unangenehm fand. Aber ich blieb beharrlich sitzen, zu groß war mein Interesse geworden. „Weißt du, wo ich sie finden kann?“, fragte ich. Peter überlegte und sagte dann: „Weiß ich nicht genau, glaube, sie kommt ab und zu in `ner Laube unter.“ Vom Bahnhofsvorplatz kam ein Mann auf uns zu.
Wie sich herausstellte, war es Andreas, den aber alle nur Andi nannten. Andi teilte sich mit Peter einen Schlafplatz unweit von hier am Güterbahnhof. Dort standen alte Baracken, die in den 50er/60er Jahren gebaut worden waren und von der Bahn nicht mehr genutzt wurden. Peter und Andi waren nicht die einzigen Bewohner dort und mussten ihre Schlafstätte regelmäßig gegen andere Obdachlose verteidigen, wie ich erfuhr. Andi war etwas jünger als Peter und dürfte Anfang 50 gewesen sein. Auch er war stark alkoholisiert und sprach mit schleppender Zunge, wobei man aber immer noch seinen bayerischen Akzent einwandfrei heraushörte. Andi war ein lustiger Typ und deutlich lebhafter als Peter. Er war neugierig, wer ich war und was ich wollte. Neben Peter fiel ich auf wie ein bunter Hund und es war nicht nur Andi, der auf uns aufmerksam geworden war. Einige Passanten musterten uns mit fragendem Blick. So verging eine gute halbe Stunde, in der wir uns angeregt unterhielten, ich aber nicht wesentlich mehr über die alte Frau erfuhr, die sie „Charly“ nannten. Dann verabschiedete ich mich mit sehr gemischten Gefühlen, schickte Sam noch eine Kurznachricht, dass ich etwas später kommen würde und machte mich auf den Heimweg.
Das Zusammentreffen mit Peter und Andi hatte mich nachdenklich gemacht und es wurde ein Abend, an dem ich nicht viel sprach. Sam ließ mich. Am nächsten Morgen ging ich gleich nach dem Aufstehen in den Keller und schaute meine alten Jacken, Pullis, Hosen und Schuhe durch. Viele dieser Kleidungsstücke hatte ich bereits vor geraumer Zeit aussortiert und seitdem auch nicht mehr getragen. Alles war noch tadellos in Ordnung. Ich suchte die Teile aus, von denen ich glaubte, dass sie Peter und Andi am besten passen und sie gut wärmen würden. Als sich unsere Wege gestern Abend wieder getrennt hatten, war mir klar, ich steige jetzt in meinen 80.000€ teuren Firmenwagen mit Sitzheizung ein und fahre zu meinem schönen Einfamilienhaus mit Garten, in dem meine Frau und meine Tochter auf mich warten. Auf Peter und Andi wartete niemand, für sie war es eine weitere Nacht, die sie im Winter bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt in einer ungeheizten Baracke verbringen würden.

Es war Samstag vor dem zweiten Advent, den wir wieder damit verbrachten, Geschenke zu besorgen und Einkäufe zu erledigen. Lena war zu ihrer besten Freundin gegangen und wir arbeiteten Sam‘s Wochenend-Liste ab. Abends kamen noch Jan und Andrea vorbei, die wir seit der Studienzeit kannten und es wurde ein geselliger Abend, an dem ich die Veränderungen in der Firma und meine Begegnung am Bahnhof beiseite schob.
Nach dem gemeinsamen Frühstück am Sonntagmorgen, begann ich die Kleidungsstücke, die ich ausgesucht hatte, in das Auto zu laden. Meinen Schlafsack aus der Studentenzeit legte ich ebenfalls dazu, da ich ihn eh nicht mehr brauchte. Bereits gestern hatte ich schon drei große, luftgetrocknete Mettwürste vom hiesigen Metzger eingekauft und heute Morgen frische Brötchen besorgt. Beides legte ich zu den Tüten mit Kleidung ins Auto. Sam beäugte meinen Aktionismus aufmerksam und fragte mich, was ich denn vor hätte. Ich konnte ihr die Situation aber nicht erklären, sonst hätte ich auf unsere Begegnung mit „Charly“ zu sprechen kommen müssen. Dies wiederum wollte ich vermeiden, war es doch ihr Verhalten, dass mich auf die Suche geschickt hatte.
So sagte ich ihr lediglich, dass die Sachen für einen guten Zweck seien. Dann verabschiedete ich mich mit einem Kuss und versprach, dass ich nicht lange weg bleiben würde.
Am Bahnhof angekommen, zog ich diesmal mit drei Plastiktüten durch die Hallen und suchte nach Peter und Andi. Ich fand sie nicht. Daher sprach ich eine Gruppe Männer an, die vor dem Bahnhof zusammenstanden, jeder mit einer Flasche Bier in der Hand. Es war 11:00 Uhr morgens. Ich bekam von ihnen den Hinweis, wo ich die beiden finden würde. Man beschrieb mir den Weg zu den Baracken, von denen Peter mir gestern erzählt hatte. Dort angekommen, traf mich der Schlag und ich konnte mir kaum vorstellen, dass sich jemand hier aufhält. Die Gebäude waren baufällig und alle Fensterscheiben eingeschmissen. Durch eine alte Stahltür, die bereits offen stand, trat ich ein. Wohl fühlte ich mich dabei nicht, wusste ich doch nicht, wer oder was mich hier erwartete. Ich ging von einem Raum zum nächsten, die allesamt mit Müll und Unrat übersät waren. Alte, dreckige und fleckige Matratzen lagen auf dem Boden zusammen mit Essensresten, leeren Flaschen von Wodka, Korn, Rum sowie Plastikverpackungen von Lebensmitteln und alter Wäsche. Je nachdem, wo man sich gerade aufhielt, stank es außerdem nach den Ausscheidungen des menschlichen Körpers, obwohl die Fenster keine Scheiben mehr hatten und der Wind durch die Behausung zog. Lange hielt ich es hier nicht aus und da ich niemanden antraf, verließ ich diesen ungastlichen Ort auf direktem Wege. Angewidert lief ich zum Bahnhof zurück und sah schon von weitem die Silhouetten von Peter und Andi, die zusammen in der Gruppe von Männern standen, die mir den Weg zu den Baracken gezeigt hatten. Als sie mich sahen, kamen sie sofort auf mich zu. „Da haben wir uns wohl gerade verpasst, wie es scheint. Was treibt dich denn wieder her, Bastian?“, fragte Peter. Beide wirkten auf mich anders als am Freitag. Ich vermutete stark, dass sie bereits wieder Alkohol getrunken hatten, aber sie wirkten deutlich klarer als am Abend zuvor. Ihr Gang war sicher als sie auf mich zukamen und sie fanden ihre Worte ohne zu lallen. „Ich habe euch etwas mitgebracht. Kommt, lasst uns mal da hinüber gehen“, ich zeigte auf den Eingangsbereich des Bahnhofs, wo ich mit Peter zusammengesessen hatte. Dort war es etwas wärmer und windgeschützter.
Ich zog einen grünen Winterparka aus der Tasche, von dem ich wusste, dass er warm hielt. Sam hatte diese Jacke nie gefallen und sie weigerte sich mit mir zusammen aus der Tür zu gehen, wenn ich diese Jacke trug. Peter hingegen war begeistert. „Für mich?“, sagte er mit echter Verblüffung und sah mich an. Ich reichte ihm die Jacke mit einem Lächeln und bat: „Zieh sie doch mal drüber!“ Andi, der sonst immer redete, sagte nichts. Ihm zugewandt, zog ich eine Daunenjacke aus der Tasche und reichte ihm diese. „Für dich Andi, wenn du magst“. Andi griff sofort zu und hielt sie am ausgestreckten Arm um sie zu betrachten. Dann zog er sie an und fand seine Sprache wieder. „Das ist, als wenn du die Heizung anmachst!“
Da Peter zwar meine Größe hatte, aber stabiler war, saß seine Jacke etwas enger, es war aber noch in Ordnung. Andi war kleiner und recht schmal, daher war seine Jacke etwas zu groß. Beide schauten sich an und freuten sich merklich über die unerwarteten Geschenke. Ich zeigte ihnen die Tüten mit den anderen Kleidungsstücken sowie die Wurst und die Brötchen. Peter warf einen Blick auf die Sachen, sah mich an und sagte nur: „Danke, Bastian“. Andi hatte sich nun auch wieder eingekriegt, erging sich in einer Lobeshymne über mich und griff dabei nach seinem Taschenmesser in der Hosentasche. Er schnitt jedem von uns ein Stück von der Mettwurst ab und reichte diese zusammen mit einem Brötchen. So standen wir zusammen und hatten gerade den ersten Bissen zu uns genommen, als Peter zu erzählen begann „Ich war im Hafen. Habe 30 Jahre lang Schiffe beladen und Ladung gelöscht, nachdem ich von Bord gegangen war“, dann machte er eine Pause. „War verheiratet, viele Jahre, mit einer guten Frau. Sie hatte einen Unfall, war mit dem Fahrrad unterwegs. Jemand hat ihr die Vorfahrt genommen.“ Er machte eine Pause und niemand von uns wagte es die Stille zu unterbrechen. „Ich hab angefangen zu trinken, immer mehr, auch auf der Arbeit“, Peter machte erneut eine kurze Pause. „ Bin dann mit dem Kran in `nen LKW rein, da haben sie mich gekündigt – fristlos! Hab mich dann um nichts mehr gekümmert, auch keine Miete mehr gezahlt und stand ein paar Monate später auf der Straße.“
Ich erfuhr, dass Peter gelernter Schiffsmaschinist war und auch ein paar Jahre zur See gefahren war. Wenn er von dieser Zeit sprach, wurde seine Stimme weicher, sie klang entspannt und man merkte, dass er gerne an diese Zeit in seinem Leben zurückdachte. Als er seine Frau kennenlernte, wollte er nicht mehr ständig unterwegs sein und fing an für ein Logistikunternehmen im Hafen zu arbeiten. Er war 58 Jahre alt und lebte seit vier Jahren auf der Straße.

Bei Andi war es anders. Er war in Heimen und bei Pflegefamilien aufgewachsen. Von seinen leiblichen Eltern wusste er nur, dass beide alkoholabhängig waren und ihn gleich nach der Geburt abgegeben hatten. Er war früh straffällig geworden und hatte bereits mit sechzehn Jahren seine erste Gefängnisstrafe verbüßt. Danach pendelte er immer zwischen einem Leben am sozialen Rand dieser Gesellschaft und Gefängnisaufenthalten. Andi war viele Jahre drogensüchtig gewesen, hatte dem aber abgeschworen und sich auf Alkohol verlegt. Seine Gefängnisaufenthalte hatte er wegen aller möglicher kleinkrimineller Delikte verbüßt, nichts Großes, viel Beschaffungskriminalität, Fahren ohne Führerschein mit über zwei Promille im Blut, Autoaufbrüche, Diebstahl und Drogenhandel. Andi lebte seit sechs Jahren auf der Straße. Er war überall tätowiert und seine Hände sahen aus wie das alte Werkzeug eines Handwerkers. Nicht nur, dass sie dreckig waren, sie hatte diese rötlich, bläuliche Färbung, die man häufig bei Menschen sieht, die auf der Straße leben. Sie waren geschwollen, geschunden und hatten offene Stellen auf der Haut, die mit Kruste bedeckt waren. Seine Fingernägel waren schwarz und es wirkte, als wenn der Dreck in seine Haut eingewachsen und Teil seines Körpers geworden war. Andi war ein ungeliebtes Kind gewesen und hatte sich nie aus dem Kreislauf befreien können, in den er hineingeboren wurde.

„Wenn du noch was über die Charly wissen willst, dann würde ich mal bei der Bahnhofsmission nachfragen“, sagte Peter, ohne dass ich die alte Frau ins Spiel gebracht hatte. „Die kennen sie. Du musst mit Gerti reden, sie kennt alle hier“. Wir standen noch eine Weile zusammen und teilten unsere beiden Welten miteinander. Mich fragten sie aber nicht, was ich machte, wo ich wohnte oder ob ich Familie hätte. Sie wussten, ich war nicht wie sie, ich war nur ein Tourist in ihrem Leben. Sie wussten, dass ich das Leben führte, das ihnen jeden Tag auf den Werbetafeln vor Augen gehalten wurde, gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite und für sie doch unerreichbar. Sie wussten, ich stand auf der Sonnenseite des Lebens, dessen Schatten auf Menschen Ihresgleichen fiel. Sie wussten auch, sie würden nie ins Licht kommen.
Schließlich verabschiedete ich mich von ihnen und überlegte, ob ich wirklich noch zur Bahnhofsmission gehen sollte. Ich hatte Sam gesagt, dass ich nicht lange weg bleiben würde und sie hatte für den Nachmittag einen Familienausflug geplant. Seit Lena auf der Welt war, hatten wir die Sonntagmachmittage für unser Familienleben fest geblockt. Die Bahnhofsmission lag gleich neben dem Parkplatz und war für mich eigentlich kein Umweg, aber ich entschied mich für meine Familie, für die ich in den letzten Wochen wenig Zeit gehabt hatte.

Auf der Fahrt nach Hause ließ ich das Radio aus und dachte über meine Begegnung mit Peter und Andi nach. Andi hatte mir von der Gewalt erzählt, die jeder kannte, der auf der Straße lebt. Deshalb blieben sie nachts mindestens zu zweit zusammen. Es kam immer wieder vor, dass sie auch im Schlaf angegriffen oder bestohlen wurden. Oft waren es Jugendliche, die betrunken waren und im Übermut über sie herfielen. Nicht selten wurde sie geschlagen, getreten, gedemütigt. Einmal wurde auch der Schlafsack eines Kumpanen angezündet, weshalb sie nie den Reißverschluss schlossen um im Ernstfall schnell genug herauszukommen. Streit unter den Obdachlosen gab es natürlich auch und allzu oft endeten diese Streitigkeiten in handfesten Auseinandersetzungen, vor allem, wenn der Rausch sie vergessen ließ, was sie taten. Peter zeigte mir eine Narbe am Arm, die er von einer Messerstecherei davongetragen hatte. Sie waren beide Alkoholiker, daran hatte ich keinen Zweifel und Andi sagte mir: „Auf der Straße musst du trinken, sonst hältst du es nicht aus.“ Peter hatte dem kopfnickend zugestimmt und ergänzt, dass er in seinen besten Zeiten über 2 Flaschen Wodka täglich getrunken habe. Bei einigen kamen noch Drogen dazu, das waren aber meist die Jüngeren. Sie nahmen Kokain, Heroin, Amphetamine, Crack und natürlich Crystal, das ihre Gesichter zerstörte, die Zähne ausfallen ließ und sie zu Zombis machte. Für die meisten, die hier am Bahnhof landeten, war es ein ewiger Kreislauf aus Konsum, Beschaffungskriminalität, Betteln und nicht selten auch Prostitution.
Aber für Frauen war es noch gefährlicher in der Obdachlosigkeit. Frauen waren oft schutzlos den sexuellen Übergriffen von Männern ausgesetzt, wenn sie sich nachts nicht in einer Gruppe aufhielten. Alle Frauen auf der Straße wussten das und vermieden es tunlichst, die Nächte alleine im Freien zu verbringen.

Ich stellte mir die Frage, warum es in unserer Gesellschaft eigentlich so wenig Platz für Menschen wie Andi und Peter gab und warum eine Frau mit 70 Jahren auf der Straße leben musste, so wie Charly es tat? Mir war bereits seit geraumer Zeit aufgefallen, dass die Zahl der Bedürftigen zugenommen hatte, man musste ja nur mal mit offenen Augen durch die Stadt gehen. Auf meinem Weg nach Hause fuhr ich an vielen Baustellen vorbei. Neue Bürogebäude aus Glas und Stahl entstanden für Banken, Versicherungen und Industriekonzerne, während für Privatleute Eigentumswohnungen in Bestlage hochgezogen wurden, deren Preise die Millionengrenze bereits überschritten hatten.
Ich fragte mich, wo Wohnungen für Menschen entstehen, die einfach nur eine Bleibe brauchten um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Wir hatten bereits 1700 Obdachlose in der Stadt und etwa 6000 wohnungslose Menschen, Tendenz steigend. Die Baubranche boomte doch seit Jahren und ein Ende war nicht in Sicht, wo also waren die Wohnungen für Andi, Peter und Charly? Mit Wut im Bauch dachte ich an all die Wohnungsbaugesellschaften, die so groß geworden waren, dass sie zu den größten Konzernen in Deutschland zählten. Die ganze Wohnblöcke aufgekauft, saniert und die Mieten dann in einem Maße angehoben hatten, dass sich Rentner, die bereits seit Jahrzenten in ihrer Wohnung lebten, Alleinerziehende und Menschen mit geringem Einkommen diese Wohnungen nicht mehr länger leisten konnten.

In Artikel 1 unseres Grundgesetzes steht geschrieben „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dabei stellte ich mir die Frage, was ist das eigentlich – Würde? Bilden nicht Wärme, Essen und eine Unterkunft die Existenzgrundlage eines Menschen und sind damit die Voraussetzungen für ein würdevolles Leben? Lebten Peter und Andi noch in Würde, wenn sie im Winter bei Minusgraden in einer alten, baufälligen Baracke übernachteten? Fand für Charly ein Leben in Würde statt, wenn sie mit 70 Jahren auf der Straße leben musste, weil es keine geeignete Wohnung für sie gab?
Wo fängt „Würde“ an und wenn dieser Begriff den wesentlichen Pfeiler unserer gesellschaftlichen Wertehierarchie darstellt, als Leitartikel und unumstößliches Dogma gleich auf Platz 1 in unserem Grundgesetz verankert ist, muss dann nicht der Staat eine regulatorische Funktion wahrnehmen, die jedem Bürger, egal ob arm oder reich, ein würdevolles Leben ermöglicht? Jeden Winter erfrieren in dieser Stadt und unserem Land Menschen, weil sie kein Zuhause haben. Was nutzten 1000 Betten in Obdachlosenunterkünften, wenn es bereits 1700 Obdachlose gab?

Peter und Andi hatten mir auch von Klaus erzählt, der mit ihnen zusammen Platte gemacht hatte und im letzten Winter erfroren war. Es war eine kalte Nacht, in der die Temperatur auf unter -10 Grad Celsius gefallen war. Sie hatten am Abend davor alle zusammen mehrere Flaschen Wodka getrunken, damit sie die Kälte der Nacht nicht so spürten. Morgens rührte sich Klaus nicht mehr. Der Rettungswagen hatte ihn noch ins Krankenhaus gebracht, aber zwei Tage später starb er. Seine Körpertemperatur betrug nur noch 23 Grad Celsius als er in die Klinik eingeliefert wurde.
Ich fragte mich, ob Klaus in Würde erfroren war, denn das war sein Grundrecht. Mir schien es immer mehr, dass Begriffe wie „Würde“ ihren Wert verloren hatten und heute nur noch Worthülsen waren, an denen sich niemand mehr orientierte. Eine moralische Präambel ohne Rechtsverbindlichkeit, inhaltlich schwer greifbar und daher juristisch genauso schwer einklagbar. Oder doch? Ich stellte mir die Frage, ob obdachlose Menschen das Recht haben Wohnraum für sich vor Gericht zu erstreiten, wenn sie sich auf den ersten Artikel des Grundgesetzes beriefen? Aber wer würde das tun? Welcher Obdachlose nimmt sich einen Rechtsbeistand und verklagt die Stadt, indem er sich auf das Grundgesetz beruft? Welche Lobby haben diese Menschen in unserem Land, wer vertritt ihre Rechte und setzt sich bei Politikern und Entscheidungsträgern für sie ein?
Ich sah eine Gesellschaft, die immer weniger auffängt, in der es zunehmend darum geht den eigenen Wohlstand zu mehren und bei den Schwachen wegzuschauen. Und das alles in einem der reichsten Länder unserer Erde! Hatten wir eine Gesellschaft geschaffen, die den Wert eines Menschen und seine Würde an der Leistung festmachte, die er erbrachte? Peter hat geleistet, 35 Jahre hat er das getan, bis er nicht mehr leisten konnte. Wie jeder andere Mensch, hat auch er Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben. Menschenwürde muss man sich nicht verdienen oder erarbeiten, man besitzt sie von Geburt an.
All diese Gedanken machten sich in meinem Kopf breit und begleiteten mich bis vor die Garage unseres Hauses, von dem ich wusste, dass es gleich warm und behaglich sein würde, während draußen der Regen in Schnee übergegangen war. Denn auch ich war privilegiert und hatte mir Wohlstand geschaffen in einem Leben, das übersatt war.

Ab Montag hatten mich die Veränderungen in der Firma wieder fest im Griff und zwangen mich gleich morgens in das erste Meeting. Ich war aufgefordert zwei Teammitglieder auszuwählen, die entlassen werden sollten und es wurde eine Entscheidung von mir erwartet. Alles in mir sträubte sich dagegen und ich hatte mir zunächst überlegt, ihnen eine Begründung zu liefern, warum dies nicht möglich war. Ich wollte kämpfen, um jeden einzelnen. Sie alle waren loyale und zuverlässige Kollegen, die ihrem Job mit Engagement nachgingen und Einsatz für das Unternehmen zeigten. Niemand von ihnen hatte es verdient auf die Straße gesetzt zu werden.
Ich wusste von Steffen, dass er vor zwei Jahren gebaut hatte und seine Frau mit den beiden kleinen Kindern zuhause war. Er war Alleinverdiener.
Herbert war mit 57 Jahren der Älteste im Team und seit 23 Jahren im Unternehmen. Er hinkte zwar im Bereich der Digitaltechnik hinterher, kompensierte dies aber durch seine immense Erfahrung in der Branche und seine Fähigkeit, Situationen sehr schnell richtig erfassen zu können und die Gruppe dann lösungsorientiert zu lenken. Herbert hatte sich vor drei Jahren ebenfalls um die Leitung des Teams bemüht. Nun stand auch er zur Disposition. Aufgrund seiner langen Betriebszugehörigkeit und seine Alters war er aber relativ sicher.
Dann gab es da noch Mira und David, unsere beiden Produktmanager. Mira war erst seit einem Jahr bei uns und gleich nach dem Studium gekommen. Sie hatte Kommunikationswissenschaft und International Marketing Management studiert und war der Shootingstar der Gruppe. Trotz ihres jungen Alters von 28 Jahren besaß sie ein gesundes Selbstbewusstsein, dass sie auf eine charmante Art und Weise einzusetzen verstand, um sich gegen die alten Hasen des Unternehmens durchzusetzen. Ich wusste, dass die Geschäftsleitung bereits auf sie aufmerksam geworden war und sie auf dem Karriereradar hatte, nicht zuletzt wegen ihrer herausragenden analytischen Fähigkeiten.
Mira war ledig und aufgrund ihres Alters sowie der kurzen Betriebszugehörigkeit hätte sie nach sozialen Auswahlkriterien ganz oben auf der Liste gestanden, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass man jemanden mit diesem Potential gehen lassen wollte. Nein, ich war mir sicher, dass dies nicht der Fall war.
David war Ende 30 und seit acht Jahren für das Unternehmen tätig. Er war gewissenhaft und zuverlässig bei allen Aufgaben, die man ihm übertrug, beklagte sich nie, war eher zurückhaltend, aber nett und freundlich. Es war angenehm mit ihm zu arbeiten. Er stand nicht gerne im Mittelpunkt und Präsentationen waren nicht seine Stärke, aber in der Sache kannte er sich exzellent aus und seine Argumentationen hatten immer Hand und Fuß. Auch er besaß ausgeprägte analytische Fähigkeiten. David und seine Lebenspartnerin erwarteten ihr erstes Kind und waren gerade in eine größere Wohnung gezogen.

Dann war da noch Yvonne. Mit ihrem unglaublich kreativen Geist war sie eine Querdenkerin und hatte einen ausgeprägten Sinn für Kommunikation. Sie war der bunte Farbklecks in diesem grauen Büroleben, wusste alles aus der Firma, sprach mit jedem und verbrachte vermutlich die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit interner Kommunikation. Dies wich dann an der einen oder anderen Stelle auch schon mal von ihren eigentlichen Aufgaben ab, aber ich glaube, ohne ihren Ideenreichtum und ihre gestalterischen Ansätze hätten sich viele unserer Projekte im Markt nicht so vom Wettbewerb abgehoben.

Volker war als erster an der Reihe mit seiner Vorstellung, lamentierte ausschweifend herum und nannte am Ende fünf Namen, die er ausgesucht hatte. Die Begründung für seine Auswahl bezog sich ausschließlich auf die Umsatzzahlen - Vertrieb ist leicht messbar!
Ich verfolgte einen anderen Plan und hatte gar keine Auswahl getroffen. Ich wollte ihnen klar machen, warum es wichtig war jeden einzelnen Mitarbeiter zu behalten und erklärte seine Funktion und Aufgaben. Ich war noch mitten in meinen Ausführungen, da unterbrach mich Margit: „Wen hast du ausgewählt, wen schlägst du vor, Sebastian?“ Ich wollte gerade wieder ansetzen, da hörte ich jemanden mit ungeduldiger Stimme sagen: „Du brauchst keine fünf Leute mehr in deinem Team. Wir haben das Marketingbudget um die Hälfte gestrichen, ging leider nicht anders. Jetzt brauchen wir Namen von dir, Sebastian. Mit wem willst du weitermachen?“ Es war unser Geschäftsführer Ulrich Gehrmann, der das sagte. Mir verschlug es die Sprache. Eine Kürzung des Budgets um die Hälfte machte die Abteilung fast handlungsunfähig. Wie sollte ich unter diesen Bedingungen noch ein Ergebnis abliefern, welches das Unternehmen am Markt wieder besser positionierte und dem Vertrieb half, sich gegen den Wettbewerb durchzusetzen?
Margit und Ulrich kamen nach der Besprechung auf mich zu und baten mich, auf Basis des eingeschränkten Budgets, einen ersten Entwurf des neuen Marketingplans zu erstellen. Außerdem forderten sie mich auf die beiden Mitarbeiter umgehend auszuwählen. Wir waren kurz vor Quartalsende und die Kündigungen sollten zeitnah ausgesprochen werden. Es war aber nicht nur Quartalsende, es war auch kurz vor Weihnachten. In mir zog sich alles zusammen.

Am Freitag schickte ich dann den Entwurf des neuen, eingeschränkten Marketingplans an die Geschäftsleitung. Mitarbeiter wählte ich keine aus, sondern bat gleich für den Beginn der nächsten Woche um einen Gesprächstermin in dieser Sache. Ich wollte den Vorschlag unterbreiten drei Vollzeitstellen und zwei Teilzeitstellen zu bekommen, wohl wissend, dass ich damit immer noch eine Stelle über dem Plan der Personalabteilung lag.
Als ich Freitagabend nach Hause fuhr und am Bahnhof vorbeikam, fiel mir wieder Gerti von der Bahnhofsmission ein und ich beschloss gleich Samstagmorgen dort vorbeizufahren.

Die Bahnhofsmission ist ein Ort der Ruhe und Begegnung für all die Gestrandeten da draußen. Die Menschen werden hier für einen Moment aufgefangen, können sich an kalten Tagen wärmen, bekommen Tee oder Kaffee und finden immer ein offenes Ohr bei den meist ehrenamtlichen Helfern.
Ich war am Samstag gleich nach dem Frühstück aufgebrochen und als ich eintrat und mich umsah, fiel mein Blick auf eine Frau, die an einem Ecktisch saß und schlief. Zwei Männer mit osteuropäischem Aussehen saßen ihr schräg gegenüber, spielten Karten und redeten leise. Ich sah zunächst niemanden, der hier arbeitete bis eine kleine, korpulente Frau aus dem Nachbarraum hereinkam und mich fragte, was sie für mich tun könne. Wie sich herausstellte, war es Gerti. Sie war etwa Mitte 60, arbeitete schon viele Jahre für die Mission und machte einen ebenso herzlichen, wie resoluten Eindruck. Ich mochte sie gleich, sie hatte etwas Liebenswertes an sich und erinnerte mich an meine Großmutter. Trotzdem zögerte ich etwas und wusste nicht recht, wie ich das Gespräch beginnen sollte, also fragte ich sie etwas plump, ob sie „Charly“ kenne. Ich landete einen Volltreffer. Gerti kannte sie gut, wie sich herausstellte, war aber zunächst nicht gewillt mir ohne Weiteres Auskunft zu erteilen. Daher erzählte ich ihr von Sam’s und meiner Begegnung mit ihr, wobei ich aber Schwierigkeiten hatte, glaubhaft zu erklären, was ich nun weiter von ihr wollte. Ich glaube, sie wollte die alte Frau schützen, wusste sie doch zu gut um die Gefahren der Straße. Genau genommen hatte ich keinen triftigen Grund sie aufzusuchen und genau deshalb fiel es mir schwer, Gerti eine plausible Begründung zu liefern. Aber sie fasste im Laufe unserer Unterhaltung langsam Vertrauen und sagte nach kurzer Überlegung, bei der sie mich eingehend musterte: „Charlotte von Radow, das ist ihr Name.“ Was für ein schöner Name, dachte ich, unterbrach sie aber nicht. „Sie ist nicht mehr oft hier. Ich habe gehört, sie schläft immer mal in einer Laube, unten in der Kleingartenkolonie an der Billhuder Insel.“ Das war es, was ich hören wollte! Wir plauderten noch ein wenig über Charly, bis ich mich ganz herzlich bei Gerti bedankte, die mir noch einen Becher Kaffee mitgab und mir freundlich zulächelte, als ich ging.

Die Schrebergartenkolonie lag etwa 10 Minuten Fahrzeit vom Bahnhof entfernt. Im Auto waren meine Gedanken noch bei Gerti und ich überlegte, was sie wohl antrieb, diesen Job seit Jahren ehrenamtlich in ihrer Freizeit zu machen. Aber sie war genau die richtige Person für Orte wie diesen, solche Orte brauchen eine gute Seele und genau das war sie. Gerti, Peter, Andi und auch Charly, sie alle waren aus einer anderen Welt, einer Welt, die nicht Umsatzzahlen hinterherjagte und in der Effizienz keine Rolle spielte.
Nach knapp 10 Minuten stand ich vor der Kleingartenkolonie, in der sich das Kleinbürgertum eine Wellness-Oase deutscher Ordnung und Gemütlichkeit geschaffen hatte. Planlos betrat ich das Areal und wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Also schlenderte ich die Wege zwischen den Lauben entlang. Gepflegte Gärten mit akkurat angelegten Gemüsebeeten, Plastikenten-Familien und den patriotisch gehissten Flaggen des Lieblingsvereins, kennzeichneten die Gesinnung der Pächter. Mich überkam ein beklemmendes Gefühl.
Nachdem ich den Großteil der Kolonie abgeschritten hatte und an dem einen oder anderen Garten kopfschüttelnd vorbeigegangen war, fiel mir ein Garten auf, der so gar nicht war, wie die anderen. Er lag am südlichen Ende der Anlage und war so eingewachsen, dass man nur mit Mühe durch die Büsche hineinschauen konnte. Ich hatte bisher nicht einen Menschen angetroffen und es schien, als stünde hier alles still. Es war der Winter, der niemanden hinaus zog, außerdem war es Mittagszeit.
Als ich mich dem Garten näherte, vernahm ich die Stimmen eines Mannes und einer Frau, die unaufgeregt über etwas diskutierten. Ich schenkte dem zunächst keine Beachtung, sondern war weiter damit beschäftigt, den individuellen Charakter jedes Gartens zu erfassen und ihm imaginäre Pächter zuzuordnen. Am Törchen des eingewachsenen Gartens angekommen, sah ich einen älteren Mann, der mit einer Frau gleichen Alters sprach. Und ich sah noch etwas. Direkt vor dem Eingang der Laube standen die alte blaue Reisetasche und die beiden Plastiktüten, die Charlotte immer bei sich trug. Ich blieb wie angewurzelt stehen und starrte die Taschen an, wodurch die beiden Leute im Garten auf mich aufmerksam wurden. Es folgte ein kurzer Austausch von Blicken, bei dem zunächst niemand einen Ton sagte bis ich kurzerhand das Wort ergriff. „Hallo“, rief ich und versuchte dabei freundlich zu wirken. „Kann ich Ihnen helfen?“, entgegnete der Mann und ging langsam auf mich zu. Ich war mir nicht sicher, wie ich das Gespräch jetzt beginnen sollte. Vermutlich würde ich in dieselbe Erklärungsnot kommen, wie schon bei Gerti. „Mein Name ist Sebastian Kahlbach“, ich lächelte beharrlich weiter. „Entschuldigung, wenn ich sie störe. Ich habe gerade die beiden Plastiktüten und die Reisetasche vor der Gartenlaube gesehen. Vor Kurzem habe ich eine ältere Frau getroffen, die genau solche Taschen bei sich trug. Ihr Name ist Charlotte von Radow.“ Der Mann kam weiter auf mich zu und musterte mich. „Sind sie ein Angehöriger?“, fragte er knapp. Ich entgegnete, dass ich das nicht sei, erzählte aber im Folgenden von meinem Zusammentreffen mit ihr und dass ich eigentlich nur kurz mit Charlotte sprechen wolle. „Charlotte ist gestern ins Krankenhaus gekommen. Wir haben gerade ihre Sachen zusammengepackt.“ Ich war genauso betroffen, wie überrascht. Dachte ich doch, ich wäre am Ende meiner Reise angekommen und könnte mich kurz mit ihr austauschen. Ich wollte ihr gerne sagen, wie leid mir das Auftreten meiner Frau tat und dass ich sehr gerne etwas von ihr hören würde. Ich wollte wissen, was das war, dass sie anbot. Wollte wissen, ob sie van Gogh war, mit brillianter Dichtkunst gesegnet, übersehen von der Welt, geächtet von Menschen wie Sam, ein Genie, dessen Texte Offenbarungen waren. „Charlotte ist ein ganz besonderer Mensch. Sie haben das gesehen, nicht wahr?“ Das hatte ich und nickte zustimmend. „Sie hat die Gabe Menschen einzufangen und auf ihre ganz persönliche Reise mitzunehmen. Ich fand es immer faszinierend zu sehen, wie ihr das gelang. Ich glaube, es sind ihre Augen, mit denen sie die Menschen berührt. Möchten sie hereinkommen? Ich bin Wolfgang Reiter und das ist meine Frau Inge.“ Ich betrat den Garten dieser freundlichen und höflichen Menschen. Beide waren etwa in demselben Alter wie Charlotte, aber deutlich agiler und wirkten in sich ruhend. Sie strahlten Offenheit aus, was es mir leichter machte, auf sie zuzugehen. Wie sich herausstellte, waren die Reiters Jugendfreunde von ihr und hatten sie in den letzten Monaten immer wieder in ihrer Gartenlaube übernachten lassen. „Charlotte ist krank“, sagte Wolfgang mit ernster Stimme. „Gestern haben wir sie in der Laube auf dem Boden gefunden. Sie war kaum noch ansprechbar und hat vermutlich schon länger dort gelegen“, fuhr er mit belegter Stimme fort. Inge wandte sich ab und drehte uns den Rücken zu. Ich vernahm ihr Schluchzen. „Wir haben dann sofort einen Rettungswagen gerufen, der sie ins Elisabeth-Hospital gebracht hat. Dort wird sie jetzt versorgt. Sie ist nicht mehr zu sich gekommen. Nun räumen wir ihre Sachen zusammen, wollen aber gleich ins Krankenhaus fahren. Wenn sie möchten, können sie uns gerne begleiten.“
Es stellte sich heraus, dass die beiden kein Auto besaßen, daher bot ich ihnen an, sie zum Krankenhaus zu fahren. Wir nahmen Charlottes Taschen mit, luden sie in den Kofferraum meines Wagens und machten uns auf den Weg. Sam und Lena mussten jetzt warten, ich konnte nicht anders!

Auf dem Weg ins Krankenhaus erfuhr ich mehr über Charlotte, dabei war es Inge, die zu erzählen begann. Wie Wolfgang und Inge, wurde Charlotte 1948 geboren und kam aus einem guten Elternhaus. Ihr Vater war Rechtsanwalt und besaß eine renommierte Kanzlei für Steuerrecht, während ihre Mutter als Lehrerin für Deutsch und Geschichte arbeitete. Als Charlotte geboren wurde, blieb sie aber zuhause und arbeitet danach nie wieder. Die Kanzlei des Vaters war über die Stadt hinaus bekannt und die Einnahmen ermöglichten der Familie ein recht komfortables Leben. Inge und Charlotte hatten zusammen die Schule besucht und ab der Oberstufe engeren Kontakt, da sie im gleichen Freundeskreis verkehrten. Nach dem Abitur begann Charlotte zunächst Jura zu studieren, um später einmal die Kanzlei ihres Vaters zu übernehmen. Sie fand das Studium aber ausgesprochen trocken und exmatrikulierte sich nach zwei Semestern wieder gegen den Willen ihres Vaters. Danach schrieb sie sich für Psychologie ein, was sie aber auch nach drei Semestern abbrach, aufgrund von Differenzen mit einem Professor.
Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits mit Christian zusammen, ihrem ersten festen Freund, den sie kurz Chris nannte. Chris kam ebenfalls aus einer gut situierten Familie und studierte Ingenieurwesen. Er war ein Jahr älter als Charlotte, verstand eine Menge von Technik und hatte eigentlich immer gute Laune. Als die beiden ein Jahr zusammen waren, kaufte Chris einen alten Hanomag-Bus, den er zu einem Reisemobil ausbaute. Damit brachen die beiden dann 1969 auf dem Hippie-Trail nach Asien auf. Ihre Route führte sie über die Türkei, den Iran, Afghanistan und Pakistan nach Indien, wo sie für sechs Monate in einer Kommune in Goa lebten und dort auch heirateten. Charly‘s Eltern hatten Chris immer abgelehnt, nicht zuletzt wegen seiner langen Haare, und waren entsetzt darüber. Charlotte war damals erst 21 Jahre alt.

Die nächsten Jahre verbrachten sie dann auf Reisen in verschiedenen Bussen, mit denen sie weiter durch die USA, Mexiko und Südamerika zogen. In Paraguay passierte dann das Unglück. Chris wurde beim Durchqueren eines Flusses von der Strömung mitgerissen und tauchte nie wieder auf. Er starb mit gerade 28 Jahren. Daraufhin verließ Charlotte Paraguay, ging aber nicht nach Deutschland zurück, sondern zog alleine weiter nach Brasilien. Auf ihrer Reise machte sie einmal am Rande eines Guarani Dorfes ein paar Tage Rast, war dann aber von diesem Naturvolk so fasziniert, dass sie dort blieb und insgesamt fünf Jahre bei ihnen verbrachte. Dabei blieb sie die ganze Zeit in ihrem Bus wohnen, den sie am Rande des Dorfes abgestellt hatte. Charlotte hatte sich schon während ihrer Studienzeit in Deutschland mit spirituell-esoterischen Inhalten beschäftigt, denen sie sich nun ganz hingab. Sie lernte von den Frauen des Dorfes die Kräuter- und Heilkunde, wurde in die religiösen Zeremonien des Stammes eingewiesen und auf ihren Wunsch hin zur Schamanin ausgebildet. Darüber hinaus beschäftigte sie sich mit der Herstellung von indianischem Schmuck, was ihr soviel Spaß machte, dass ihre Arbeiten bald zu den besten des Dorfes gehörten. Inge sagte, dass Charly immer sehr glücklich wirkte, wenn sie über diese Zeit sprach.

Anfang der 80er Jahre wurde Charly‘s Vater schwer krank und sie reiste zurück nach Deutschland, das sie vor mehr als 10 Jahren verlassen hatte. Sie war das einzige Kind ihrer Eltern und ihre Mutter bat sie, nach dem Tode des Vaters doch bei ihr in der Nähe zu bleiben. Charlotte blieb in Deutschland und zog nach West-Berlin, das in den 80er Jahren eine blühende Kulturszene besaß. Dort fing sie an die ersten Gedichte und Essays zu schreiben und stellte weiter Schmuck her, den sie auf Märkten und auf Festivals zum Kauf anbot. Die Einnahmen reichten gerade so für ein Leben in Unabhängigkeit und Freiheit.

Mitte der 90er Jahre zog sie dann in eine Bauwagenkolonie an den Stadtrand von Hamburg. Inge meinte, sie wollte wohl wieder so leben wie früher in ihrem Bus. Vor drei Jahren kam dann das Aus für die Kolonie und der Bauwagenplatz wurde geräumt. Die Kolonie war illegal entstanden und mit den Jahren immer größer geworden. Nachdem die Beschwerden von Anwohnern stetig zugenommen hatten, war es nur noch eine Frage der Zeit bis die Stadt handelte. Den Bewohnern der Kolonie wurden alternativ zwar Wohnungen angeboten, die nahm aber kaum jemand in Anspruch, weil sie sich in Hochhäusern sozialer Brennpunkte befanden.

Nachdem Charlotte ihren Bauwagen verloren hatte, kam sie erst einmal bei Freunden unter. Auch bei Inge und Wolfgang hatte sie mehrere Wochen gelebt und dann zwischendurch immer mal wieder ein paar Nächte geschlafen. Das wurde aber stetig weniger und Charlotte fing an mehr und mehr auf der Straße zu leben. Irgendwann war der Kontakt zu den beiden ganz abgerissen, bis sie Charlotte im letzten Sommer zufällig in der Stadt wiedertrafen. Sie waren erschrocken, wie schlecht sie aussah und erfuhren, dass Charlotte an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war. Sofort boten sie ihr an wieder zu ihnen zu kommen und im Gästezimmer zu wohnen. Dies schlug Charlotte zunächst aus, wurde dann aber doch hellhörig als sie von dem Garten erfuhr. Seitdem schlief sie immer mal wieder in der Laube und jetzt, in der kalten Jahreszeit, regelmäßig.
Lymphdrüsenkrebs ist gut therapierbar, wenn er frühzeitig erkannt wird, aber Charlotte hatte die Behandlung nach kurzer Zeit abgebrochen, es war nicht ihre Art von Medizin. Seitdem therapierte sie sich selber; so, wie sie es in Südamerika gelernt hatte.

In der Klinik angekommen, führten wir ein Gespräch mit dem leitenden Oberarzt, der uns den Ernst der Lage klar machte. Charlotte war intubiert worden und ihr schmaler Körper wirkte verloren in dem großen Krankenhausbett. Sie hatte die Augen geschlossen, nahm von all dem nichts mehr wahr.
Schweigend fuhren wir zurück. Ich setzte die Reiters vor ihrer Wohnung ab und wir vereinbarten, dass sie mich anrufen würden, wenn es Neuigkeiten gäbe. Dann fuhr ich weiter nach Hause, wo Sam und Lena bereits auf mich warteten. Unterwegs fiel mir ein, dass Charlotte’s Taschen noch im Kofferraum waren, wir hatten ganz vergessen sie auszuladen.
In den nächsten Tagen telefonierte ich regelmäßig mit Wolfgang und Inge. Charlotte‘s Zustand aber blieb unverändert. Wir hatten alle das Gefühl, dass sie bestens versorgt wurde und in guten Händen war.

Die Weihnachtsvorbereitungen liefen bei uns auf Hochtouren und Sam plante die Abläufe mit gewohnter Präzision. Mir kam dabei eine ganz besondere Rolle zu, denn ich war verantwortlich für die Auswahl des richtigen Baumes sowie das Schmücken und das war jedes Jahr eine Herausforderung an mein Nervenkostüm, da Sam eigentlich immer etwas auszusetzen hatte. Dieses Jahr fiel mir das erste Mal auf, dass auch Lena begann, ähnliche Ansprüche an den Tag zu legen, wie es ihre Mutter tat. Als wir dann am Samstag vor Heiligabend alle Erledigungen abgeschlossen hatten, die Essensvorräte aufgefüllt waren und der Baum in seinem Lichterkleid erstrahlte, setzte tatsächlich auch bei Sam eine leichte Entspannung ein.
Heiligabend verbrachten wir zusammen mit Sam’s Eltern, die am Nachmittag zu uns kamen. Nach dem Essen und der Bescherung saßen wir noch bis spät in den Abend zusammen, ließen das Jahr Revue passieren, erzählten und spielten mit Lena, die sich riesig über ihre Reitstiefel gefreut hatte. Am ersten Weihnachtstag waren wir traditionell bei meiner Mutter und ihrem zweiten Mann eingeladen.

Nachdem wir gerade wieder zuhause eingetroffen waren, rief Inge mich an und teilte mir mit, dass Charlotte’s Zustand sich verschlechtert hatte. Sie war bemüht Fassung zu bewahren, konnte aber kaum sprechen, sodass wir das Telefonat kurz hielten. Einen Tag später, es war der zweite Weihnachtstag 2018, klingelte mein Telefon etwa gegen 19:00 Uhr. Wolfgang überbrachte mir die Nachricht, dass Charlotte gestorben war.

Für einen Moment stand ich regungslos da und sah zu Sam hinüber. Sie telefonierte gerade mit Andrea und ein Ende schien nicht in Sicht. Ziellos ging ich durch das Haus, vorbei an Lena’s Zimmer, die sich gerade gebannt einen Pferdefilm ansah ohne groß Notiz von mir zu nehmen, bis ich schließlich wieder dort ankam, wo ich losgelaufen war. Trauer erfüllte mich und ließ meinen Körper nur langsame Bewegungen ausführen.
Ich dachte noch einmal an meine Begegnung mit dieser ungewöhnlichen Frau und an alles, was ich aus ihrem Leben gehört hatte. „Charlotte von Radow“, flüsterte ich, „gerne hätte ich noch ein Gedicht von dir gehört“. Ich dachte an Wolfgang und Inge und mochte mir gar nicht vorstellen, wie es ihnen wohl jetzt ging. Sie kannten Charlotte seit frühester Jugend und hatten immer wieder versucht, sie zu unterstützen. Da fiel mir plötzlich ein, dass ich noch ihre Taschen in meinem Kofferraum hatte. Charlotte’s Taschen waren mit einem Mal zu ihrem Vermächtnis geworden! Für ein paar Minuten überlegte ich. Schließlich ging ich zum Auto, nahm alles aus dem Kofferraum und trug die Sachen in mein Büro. Sam lag immer noch auf der Couch, telefonierte und sah mich fragend an.

Die Taschen stellte ich gleich neben dem Schreibtisch ab und betrachtete sie. Diese drei Taschen waren übrig geblieben von einem Leben - es waren gerade einmal drei Taschen! Neugierde stieg in mir auf. Ich wollte wissen, was da drin war. Wollte wissen, was diese Frau, über die ich so viel gehört hatte, bei sich trug. Im selben Moment überkam mich aber noch ein weiteres Gefühl; ich kam mir vor wie ein Voyeur bei dem Gedanken daran, ihre persönlichen Sachen zu durchwühlen.
In diesem Gewissenskonflikt ließ ich mich in meinen neuen Ohrensessel fallen, den ich erst vor ein paar Wochen gekauft hatte und blieb für die nächste Stunde regungslos sitzen. Sam kam zwischendurch herein und fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Sie sah die Taschen auf dem Boden stehen, sagte aber nichts dazu und ging wieder, nachdem ich sie gebeten hatte, mich alleine zu lassen. Noch immer hatte ich Hemmungen die Taschen zu öffnen, Charlotte war für mich längst keine Unbekannte mehr, sie war eine Freundin geworden und mit Freunden ging man respektvoll um. Schlussendlich tat ich es aber doch. Vorsichtig und mit großem Respekt vor einem Menschen, der gerade verstorben war, öffnete ich die erste Tasche und drang so in Charlotte’s Leben ein.

Die Taschen enthielten nichts wirklich Spektakuläres, im Wesentlichen war es Kleidung, ein Schlafsack und ein paar Hygieneartikel. Ich nahm alles aus den Taschen heraus und breitete die Sachen im Büro aus, wobei mir erst zuletzt ein Einsteckfach mit Reißverschluss auffiel, das sich etwas versteckt im Inneren der Reisetasche befand. Als ich es öffnete kam eine kleine, abgegriffene Kladde zum Vorschein, auf dessen Einband die Worte „All my dreams“ und darunter „Für Chris - In Liebe“ standen. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Neugier und Scham packten mich zu gleichen Teilen, wusste ich doch, dass dies ganz persönliche Aufzeichnungen von ihr waren und ich nicht eingeladen war, sie zu lesen. Ich setzte mich in den Sessel und betrachtete den Einband aufs Neue. Schließlich gewann die Neugier Oberhand, so schlug ich die erste Seite auf und begann zu lesen:

Unsere Träume sind die Spiegelungen all unser Sehnsüchte, unserer Wünsche und unseres Begehrens. Manche von ihnen werden wahr, manche werden es nicht und die meisten verändern sich mit den Jahren. Aber all die verschiedenen Träume dieser Welt fließen zusammen und werden zu den Milliarden Farben eines großen Regenbogens, der sie zu den Sternen trägt und diese in der Nacht erleuchten lässt. Wir können diesen Regenbogen nicht sehen, aber von Zeit zu Zeit erscheint er uns, um uns an unsere Träume zu erinnern und daran, was uns wichtig ist und was wir einmal wollten.

An diesem Abend blieb ich noch lange wach und las. Ich wurde stiller Beobachter einer vergangenen Zeit, einer vergangenen Liebe und eines vergangenen Lebens, das heute Abend sein Ende gefunden hatte. Als Sam und Lena bereits schliefen, ging ich zu ihnen ans Bett und betrachtete sie im Schlaf. Sie waren die wichtigsten Menschen in meinem Leben, aber ich hatte sie noch nie so geliebt, wie an diesem Abend. Tränen füllten meine Augen und liefen über mein Gesicht als ich die Räume verließ und ins Wohnzimmer ging. Ich schenkte mir ein Glas Rotwein ein und blickte durch die große Glasfront unseres Wohnzimmers in die Nacht.
Margit war am Mittwoch zu mir ins Büro gekommen und hatte mir meine Kündigung überreicht. Sie wollten nicht länger warten, waren der Meinung, ich könne die Interessen des Unternehmens nicht mehr so vertreten, wie die Geschäftsführung das erwartete. Außerdem hatten sie Yvonne entlassen, somit war die Quote von zwei Personen erfüllt.

All die Ereignisse und Begegnungen der letzten Wochen schossen mir unsortiert durch den Kopf und Gefühlsdetonationen entluden sich tief in mir. Ich dachte an Peter und Andi und fragte mich, wie sie wohl Weihnachten verbracht hatten. Ich dachte an Gerti, die mit ihrer mütterlichen Art all diesen Heimatlosen am Bahnhof für einen Moment Geborgenheit schenkte. Ich dachte an Yvonne, deren kreativ-blumige Gedanken mich immer wieder inspiriert hatten und an mein Team, das stets loyal zu mir stand. Ich dachte an die Reiters, die versucht hatten einer alten Freundin zu helfen und deren ruhige, feingeistige Art ich in den vergangenen Tagen sehr zu schätzen gelernt hatte. Ich fragte mich, welche Sterne wohl für sie dort oben schienen. Und ich dachte natürlich an Charlotte, die versucht hatte sie selber zu bleiben und deren Stern an diesem Abend erloschen war.
Es war nur eine einzige Begegnung mit ihr, nur ein einziger Satz, den sie gesagt hat, aber damit hatte sie mich eingefangen, wie niemand zuvor.

Ich sah zum Himmel, die Nacht war kalt und klar, mit eisigen Temperaturen. Dafür schenkte sie mir ein unendliches Meer an Sternen, bei deren Anblick ich dachte: „Es braucht die Dunkelheit, sonst sieht man das Leuchten der Sterne nicht.“ Das Aroma des Weines umschloss die Geschmacksknospen meiner Zunge. „Manche Sterne scheinen heller als andere“, sagte ich leise zu mir.

Am nächsten Morgen war ich wieder einmal früher wach als der Rest der Familie. Ich ging in die Küche, machte mir einen Kaffee und betrat mein Büro. Dann tat ich das, was ich schon immer tun wollte - ich fing an zu schreiben.
 
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Hallo @Mister B,

willkommen bei uns Wortkriegern!
Ich hoffe, du schaust dich hier um und kannst mir dann zustimmen, dass sehr lange Geschichten hier nicht die allergrößten Chancen haben, von vielen Usern gelesen zu werden.
Das gilt auch für verflucht gute Geschichte, ich denke, das ist wohl ein Zeichen unserer Zeit, dass man diese Zeit und damit verbundene Geduld nicht dafür aufbringen mag. Ich werde mich allerdings hüten, zu behaupten, dass früher alles besser gewesen sei. Jede Zeit hat ihre guten und ihre unerträglichen Seiten.

Ich halte deinen Einstand für zwar sprachlich soweit tadellos formuliert und ich denke, du schreibst auch nicht zum ersten Mal, aber ich konnte mich mit dem Plot und vor allen Dingen mit der Länge der Geschichte nicht recht anfreunden.
Ich räume gerne ein, dass ich zwischendrin immer wieder dachte, dass es jetzt reicht und ich jetzt aussteige aus der Geschichte, da kommt ja doch nichts mehr, was mich interessieren könnte. Aber du hattest Glück, dass ich heute meinen sturen Tag hatte und deswegen habe ich dein Werk nun einmal komplett durchgelesen.

Es passiert immer wieder einmal, dass ich Autoren, die hier neu auftauchen die Frage stelle, was sie gerade mit ihrer Geschichte erreichen, ausdrücken, mitteilen wollen, um dem Kern des Problems näher zu kommen. Das tu ich auch bei dir.
Was willst du erzählen? Wo liegt die Essenz dieser Geschichte?

Da du mir ja nun auf der Stelle nicht antworten kannst, schreibe ich dir auf, was ich für die Essenz halte:

Ein durchaus erfolgreicher in stabilen familiären Verhältnissen lebender Mann (wohnhaft in Hamburg) durchlebt aufgrund einer Begegnung mit einer Obdachlosen eine kleine Wandlung seines Wesens, denn am Ende der Geschichte beginnt er mit etwas, was er schon immer tun wollte: dem Schreiben.

Wenn du mal für die Dauer meiner Kritik versuchst, ich weiß, es ist unendlich schwer, in die Position eines unwissenden Lesers zu schlüpfen, dann vermag ich dir besser deutlich zu machen, was ich zu kritisieren habe.

In etwa 70% deines Textes ist überflüssig, weil er nichts dazu beiträgt, die Geschichte voran zu treiben. Er bringt den Leser eher vom roten Faden ab und verwirrt, weil er nicht weiß, was das alles denn nun soll und ob es später oder überhaupt wichtig ist.
Daher meine vorweg gestellte Frage, was du eigentlich mit der Geschichte aussagen wolltest.

Ich kann aber auch anders fragen: wie ist ein Roman inhaltlich beschaffen, der dich persönlich zu fesseln vermag. Bei dem du überhaupt nicht wegen der Länge nervös wirst, sondern begierig einfach Seite um Seite umdrehst, um zu erfahren, wie es weitergeht?
Kennst du solche Texte? Wenn ja, dann ziehe sie nochmals zu Rate und schaue dir ab, was dort den Sog ausgemacht hat.

Oder schaue dir hier die empfohlenen Geschichten an, von denen du ausgehen kannst, dass sie zumindestens einem großen Teil der User hier so gut gefallen haben, dass sie sie hervorgehoben haben wollten.
Schreibe Kritiken unter andere Geschichten, und beantworte dir und dem Autoren die Frage, ob das spannend war, was er geschrieben hat und was genau es war, dass dich fesselte.

Auf deine Geschichte bezogen, frage ich mich, ob ich wirklich wissen muss, was für Adventseinkäufe da gemacht werden mussten, ob ich dringend erfahren muss, dass Sam ein gewisses Handy erstehen will und Lena reitet? Was für eine Kaffeemaschine dein Protagonist hat und welche Firmenangelegenheiten ihn en detail umtreiben? Muss ich genau wissen, welche Kleidungsstücke dein Protagonist raussucht?
Das sind alles noch nicht mal Nebenschauplätze, sondern Beiwerke, die ich eher als Lesefolter empfinde.

Gewiss wirst du hier auch auf dieser Seite Leser finden, die diese breit angelegte Darstellungsweise gut finden.
Aber das Gros wird es nicht sein. Nur, wenn ich auch dir unterstelle, dass du schreibst, um gelesen zu werden, dann musst du auch etwas schreiben, was man lesen mag. Und das bedeutet, dass eine Geschichte an Attraktivität gewinnt, wenn sie spannend ist, sie etwas Neues zu bieten hat, sie in eine Welt entführt, die man in der Realität nicht kennt, man zu Tränen gerührt wird oder mit einem Dauergrinsen die Figuren verfolgt, weil sie so komisch sind, man sich mit dem Sieger freut, mit dem Verlierer mitfiebert. All das können gute Geschichten auslösen und sollten es auch tun.

Du vergibst in deiner Geschichte, auch wenn sie sehr wortreich ist, jede Menge Potential. Zum Beispiel das Verhältnis des Protagonisten zu Sam.

Obwohl wir beide recht unterschiedliche Persönlichkeiten waren, führten wir eine harmonische und liebevolle Beziehung, bei der jeder den anderen respektierte und ihm die Freiheiten gab, die er brauchte. Sam besaß diese Dynamik in ihrem Wesen, die sie antrieb, Dinge in die Hand zu nehmen und umzusetzen. Sie war eine Macherin, war engagiert im Job und konnte hart um ihre Sachen kämpfen. Wenn sie etwas in die Hand nahm, dann tat sie es immer mit Leidenschaft, halbe Sachen zu machen, entsprach nicht ihrer Natur. Sie
Da bewundert er sie. Und man denkt, dass er zu 100% hinter ihr steht. Im Laufe der Geschichte erlebt man aber die ganze Tragik der beiden. Leider immer wieder von dir zugeschüttet mit jeder Menge unnützem Beiwerk. Dein Protagonist ist offensichtlich so von Sam beeinflusst, dass er es noch nicht einmal wagt, in ihrer Nähe zu widersprechen, einfach einzugreifen und seine Frau zur Not etwas dumm dastehen zu lassen.
Wobei es auch die Variante gäbe, dass er es mit Charme umspielt und so abdämpft.
Er steht daneben und schlechtes Gewissen plagt ihn, aber er hinterfragt nicht, wieso es so ist. Dass er am Ende der Geschichte eine gewisse Wandlung durchläuft und nun beschließt mit dem Schreiben anzufangen, das ist das wirklich Gute an deiner Geschichte, denn ich dachte im Laufe des Lesens, dass es eine dieser Gutmenschengeschichten werden soll, in der wir alle betroffen auf die Obdachlosen schauen sollen und der Protagonist zeigt, was man nun Gutes tun kann. Dass da nicht so ein kitschiger Kram steht, stimmt mich sehr versöhnlich.

Nicht aber, dass du den Konflikt zwischen dem Protagonisten und seiner Frau nicht mit mehr Tiefe versiehst.

Die eigentliche Geschichte fängt exakt hier an. Alles davor kann gestrichen werden und nur ein paar Details in Bezug auf Sam und kleine Hinweise auf sein Leben könnten ab jetzt mit eingestreut werden. Eingestreut, nicht minutiös abgearbeitet!

Tauschen sie einen Teller Suppe gegen ein Gedicht?“ Wir verstummten und drehten uns um. Vor uns stand eine alte Frau, in der einen Hand eine alte, zerschlissene blaue Reisetasche, in der anderen Hand zwei große vollgestopfte Plastiktüten.

Und hier mit diesem nachfolgendem Absatz verärgerst du mich als Leser, weil ich hier erschlagen werde mit dem Grundgesetz.
Dieser Ruf nach den Gesetzen und der Obrigkeit, mag er vielleicht berechtigt sein oder nicht, worauf ich noch eingehen werde, steht so isoliert nicht gut. Das wirkt dann wie ein Beschwerdebrief eines Bürgers an einen Abgeordneten oder nach einer politischen Rede, die der Protagonist hält.
Ich glaube auch nicht, dass es diesen Kern trifft, den dein Protagonist aussagen will.
Er ist doch angetrieben, von seiner Neugierde, die man deinem Protagonisten eigentlich nicht so ganz abkauft und von dem Gedanken, dass die Szene mit der Obdachlosen und seiner Frau unschön verlaufen war, ihn treibt folglich vielleicht auch der Gedanke der Wiedergutmachung an.

In Artikel 1 unseres Grundgesetzes steht geschrieben „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dabei stellte ich mir die Frage, was ist das eigentlich – Würde? Bilden nicht Wärme, Essen und eine Unterkunft die Existenzgrundlage eines Menschen und sind damit die Voraussetzungen für ein würdevolles Leben? Lebten Peter und Andi noch in Würde, wenn sie im Winter bei Minusgraden in einer alten, baufälligen Baracke übernachteten? Fand für Charly ein Leben in Würde statt, wenn sie mit 70 Jahren auf der Straße leben musste, weil es keine geeignete Wohnung für sie gab?

Ok, das fragt er sich vielleicht, weil er aber nicht zu den völlig Ungebildeten gehört, was man an seinem Job ablesen kann, läge es da nicht eher auf der Hand, dass er hier deutlich differenzierter denkt?

Zum Beispiel dürfte jedem Bundesbürger bekannt sein, dass er nicht durch das sog. soziale Netz fallen muss, weil er Anspruch auf Sozialleistungen hat, die im übrigen auch die Miete für eine Wohnung beinhalten. Das wird immer sehr gern vergessen, wenn man pauschal das Thema Obdachlosigkeit einseitig betrachtet.

Und weil wir grad an dieser Stelle sind und du leider das Pech hast, dass ich ein wenig mehr hinter die Kulissen der Obdachlosigkeit schauen durfte und es um Hamburg geht, möchte ich ein paar gedankliche Fehler deines Protagonisten aufgreifen. Wenn ein Obdachloser keinen Wunsch hat, sich in eine der Unterkünfte zu begeben, dann wird er dazu nicht gezwungen, übrigens auch ein Grundrecht, dass das so ist.
In der Hamburger Wintersaison steigt die Anzahl der Obdachlosen auf rund 2000 und zwar in den Monaten November bis Ende März. Davor und danach sind es deutlich weniger. Es findet folglich eine gewisse Reisetätgkeit nach Hamburg statt, weil sie ein sog. Winternotprogramm anbietet, zum Teil durch die Stadt und zum Teil durch Hilfsorganisationen aufgebracht und bezahlt.
Die Stadt kann im Notfall, also wenn alle rund 2000 Obdachlosen es wollen, jedem ein Bett anbieten und es gäbe für jeden Essen und Trinken vor Ort , also am Schlafplatzort. Dass die normalen Quartiere jeweils Mehrbettzimmer sind und am Ende, wenn alle untergebracht werden müssten, es sog. Notquartiere wären, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Bei den normal eingerichteten Quartieren hat aber jeder Obdachlose sein! Bett, seinen abschließbaren Spind, Dusch- und Wäschewaschgelegenheiten. Und in den Einrichtungen werden denjenigen Obdachlosen, die es möchten, Hilfsangebote unterbreitet, um sie in feste dauerhafte Quartiere zu bringen. Es ist also nicht pauschal so, dass man (ich beziehe mich allerdings allein auf Hamburg, aber du schreibst ja auch über die Hansestadt) anklagen muss, dass Obdachlose auf der Straße leben müssen, weil die entsprechenden Angebote fehlen. Sicherlich haben wir Wohnungsnot, aber die bezieht sich tatsächlich auf die Möglichkeiten bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Und dann und damit komme ich gerne wieder auf deine Geschichte zurück, stellt sich ja die Frage warum viele Obdachlose die Hilfsangebote nicht wahrnehmen wollen und teils auch nicht können. Charly ist im Prinzip der klassische Fall. Sie mag nicht an einem Ort bleiben, kann es aus diversen Gründen vermutlich auch nicht mehr, für sie ist ein festes Quartier zu haben, nicht gleichbedeutend mit Lebensqualität. Auch hier verschenkst du viel Potential in deiner Geschichte, denn genau diese Frage würde mich selbst sehr sehr interessieren, ich erlebe jedes Jahr immer wieder oftmals dieselben Obdachlosen und frage mich, wenn ich in bekannte Gesichter schaue, was veranlasst sie alle, es nicht zum Guten zu wenden? Sie hätten dazu die Gelegenheit.
Warum bleiben sie lieber auf der Straße. Ich weiß, dass das schwierig ist, dies zu ermitteln, denn man muss sich sehr wahrscheinlich gründlich von der eigenen Denke lösen, in die Köpfe der Obdachlosen schlüpfen. Und man muss natürlich dementsprechend gut recherchieren. Das fehlt mir hier an deiner Geschichte sehr, denn sie hätte genau in diese Richtung geschaut großé Chancen auch eine spannende Geschichte zu werden.


Wo fängt „Würde“ an und wenn dieser Begriff den wesentlichen Pfeiler unserer gesellschaftlichen Wertehierarchie darstellt, als Leitartikel und unumstößliches Dogma gleich auf Platz 1 in unserem Grundgesetz verankert ist, muss dann nicht der Staat eine regulatorische Funktion wahrnehmen, die jedem Bürger, egal ob arm oder reich, ein würdevolles Leben ermöglicht? Jeden Winter erfrieren in dieser Stadt und unserem Land Menschen, weil sie kein Zuhause haben. Was nutzten 1000 Betten in Obdachlosenunterkünften, wenn es bereits 1700 Obdachlose gab?


Mein Verbesserungsvorschlag wäre der, dass du dich darauf konzentrierst, dass dein Protagonist Charly sucht, auf dem Weg einigen von ihresgleichen begegnet und er fast wie ein Detektiv versucht, zu ermitteln, weshalb sie lieber auf der Stráße leben wollte als in vier festen Wänden.

Ich hoffe, ich habe dich mit meiner herben Kritik nicht ganz demotiviert, das war jedenfalls nicht meine Absicht.

Lieben Gruß

lakita
 
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