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Das Paradies ist immer anderswo

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04.08.2001
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Das Paradies ist immer anderswo

Schmutz und Einsamkeit. Seit so vielen Jahren schon, und von Beginn an keine Hoffnung.
So oft hatte Slawa daran gedacht, ihrem Leben ein Ende zu setzen, den Drohnen zu entkommen mit der einzigen Möglichkeit, doch dann gab es immer wieder diesen Ort hier, ihren Lieblingsplatz in einem Meer aus Verzweiflung.
Sie kletterte behände auf das Metallgerüst, schob sich hinter den Sicherheitsbügel und sprang von dort auf den Kai, knapp zwei Meter in die Tiefe. Hier war sie allein, keine Menschenseele, nur die verdammten Drohnen am Himmel; sie setzte sich auf den Beton, sah zu, wie das Klärwasser aus der Öffnung direkt unter ihr hervorschoss und sich in den unendlichen Ozean ergoss. Es waren gewaltige Wassermassen, schmutzig-braun, stinkend, dampfend, ein unbändiger Lärm, Tosen und Brüllen, als säße sie am Ende der Welt. Doch war das hier der Lieblingsort von Slawa – der mageren, verbitterten, tapferen Slawa – an den sie sich, wann immer es möglich war, zurückzog.
Hier konnte sie allein sein und auch wenn es schmerzhaft laut war, fand sie Raum für ihre Gedanken, hing den paar angenehmen Erinnerungen nach, die sie hatte. Selten verirrten sich Drohnen herunter, obwohl sie stetig lautlos in großer Höhe schwebten. Gäbe es jemanden, mit dem sie reden wollte, hierher würde sie kommen, denn abgesehen davon, dass man ungestört war, schien auch die Überwachung nicht recht zu funktionieren. Hier, direkt über den Ausleitungen des gesamten Sektors, über diesem stinkenden Wasserfall, fand sie den geschütztesten und angenehmsten Ort in der Hölle.
Und von hier aus beobachtete sie nachts ungestört ihren Sehnsuchtsort, den Zennet. Der künstliche Mond hing jeden Abend an derselben Stelle am Himmel, sie betrachtete ihn und es war, als studierte er sie ebenso. Dreimal so groß wie der irdische Mond schien der Zennet direkt über der Wasseroberfläche zu schweben, mehr als einmal hatte Slawa die Hand ausgestreckt, den rötlichen Ball zu berühren. Man sprach davon, dass er bewohnt war, dass die Menschen dort frei und ohne Zwang miteinander lebten. Es war die Rede von Freiheit und Volksherrschaft, jedermann gleich, alle dieselben Rechte.
Auch wenn die Drohnen suggerierten, dass das hier ebenso war, wusste sie instinktiv, auf Zennet waren die Verhältnisse anders.
Strahlend stand er über ihr, sein Rot war die einzige Farbe hier im Sektor.

Jeder Stein hat eine Geschichte, jede Wolke weiß, wo sie herkommt. Wenn ein Stück Stoff ein Bewusstsein hätte, wüsste es, woraus es gefertigt ist.
Slawa hatte keine Ahnung, wer sie war, ob sie schon immer hier in dieser Hölle gelebt und was sie, wenn dies nicht der Fall war, vorher getrieben hatte. Ihr Name war nicht echt, sie hatte ihn sich ausgedacht, er gefiel ihr, auch wenn er nichts bedeutete.
Sie fühlte sich wie ein Sandkorn, der nicht wusste, ob er Teil einer Wüste war. Ein Sandkorn, das gefiel ihr gut.
Die Fabrik war das einzige Gebäude im Sektor, das nicht dem Verfall nahe war. Die Straßen, wenn sie noch erkennbar waren, schlachtfeldgleich aufgerissen und kaum mehr nutzbar, die Häuser und Wohnungen nur noch Schutt und Geröll. Eine Stadt, in der nur Ratten leben konnten.
In der Dämmerung morgens ging es in schweigenden Gruppen zum Werk, abends ebenfalls im Halbdunkel entkräftet zurück in das Loch, das sie Unterkunft nannten. Niemand sagte etwas auf dem Weg, es wurde allgemein selten geredet im Distrikt, Gespräche wurden unterbunden.
Slawa war froh, Obdach in einer Ruine im Außenbezirk gefunden zu haben; hier hauste sie seit Jahren inmitten der Trümmer, die vor Generationen eine »Apotheke« dargestellt hatte, konnte sie im Keller einen kleinen kalten Raum für sich allein beanspruchen und bis jetzt immer noch verteidigen.
Die Arbeit war nicht schwer, wenigstens nicht auf körperliche Art. Weshalb sie sie verrichteten, konnte sie nur vermuten; warum nicht Maschinen das taten, was die Bewohner tun mussten, um das Überleben zu sichern, die tägliche Ration Nahrung und halbwegs sauberes Wasser. Es war billiger, dachte sie sich, unkomplizierter, wenn man so wollte. Und die vielen Menschen hier wurden in Schach gehalten, sie waren beschäftigt und machten keine Dummheiten.
Eine der wenigen Gefühlsausbrüche, die sie miterlebt hatte, als eine der Gestalten hier so etwas wie Seelenleben offenbarte, und sie sich nicht gegenseitig ignorierten oder bekämpften und um irgendeinen kleinen Vorteil rangelte, war ausgerechnet an ihrem Arbeitsplatz, der eigentlich ein Lebensplatz war. Zwölf Stunden am Band, im Halbdunkel, der Kälte (oder der Hitze, je nachdem, welche Witterung draußen herrschte), immer dieselben Handgriffe, wieder und wieder und wieder. Im Stehen, in gebückter Haltung, egal, ob man morgens seine tägliche Ration erhalten hatte oder nicht, ob man im Fieber fror oder sich den Arm gebrochen hatte, wenn man keine Leistung brachte, gab es am nächsten Tag keine Nahrung. Dazu über ihnen am Hallendach – die Drohnen.
»Warum das alles«, zischte Slawas Nachbarin am Band unvermittelt, als dieses zur gnädigen fünfminütigen Pause stillstand, sich die Frauen im Saal die Hände rieben, die Gelenke kneteten, ihre Glieder reckten. Hier in diesem Werk arbeiteten nur Frauen. Diejenigen, die den Ausbruch mitbekommen hatten, duckten sich instinktiv und hielten den Atem an. Doch keine Drohne kam herangebraust, die üblichen Überwacher zogen ihre Bahnen an der Decke, ohne innezuhalten – ein unheimlich gleichförmiges Surren unter dem Dach.
»Bist du verrückt?!« Slawa war sicher, dass nur ihre Nachbarin es hören konnte. Nur keine Aufmerksamkeit erregen! »Willst du uns alle umbringen?«
»Es ist sinnlos«, kam es zurückgezischt.
Die Frau auf der anderen Seite mischte sich ein: »Seid still, ihr Verrückten!« Sie hatte einen gelben Teint unter all dem Dreck, ihre Haare waren strähnig und ölig. Der Blick getrübt von wer weiß was für Zeugs, Slawa sah, dass sie nicht mehr lange leben würde.
Ihre Nachbarin wandte sich ihr zu und raunte leiser: »Immer nur Taschen, den ganzen Tag Taschen. Monat für Monat, mein ganzes Leben nur Hochglanztaschen aus feinstem Lederimitat, mit glänzenden Nieten. Von denen nicht eine schlappmachen wird, die ein Leben lang halten.« Sie lachte trocken. »Aber nicht unser Leben.« Sie knetete wie besessen ihre Hände ineinander, sah sie aus stumpfen Augen an. »Wozu das Ganze?!« Gleich würde sie anfangen zu weinen.
Slawa wandte sich ab, denn das Band setzte sich in Bewegung. Geraschel, Geschurre, vereinzeltes Hüsteln, die Köpfe gesenkt, nur kein Gespräch. Hektik kam in die Gestalten, die sich an ihren Arbeitsplatz stellten und die Handgriffe wieder aufnahmen, damit am Ende der Halle, nach hunderten Metern Taktstraße eine verdammte, hochwertige, glänzende Handtasche herauskam. Das fertige Teil lief ein weiteres Band hinab, das durch ein Loch in einen Nebenraum führte. Slawa wusste, diese Handtaschen wurden regelmäßig per Lastendrohnen abtransportiert, niemand aber hatte eine Ahnung, wohin. Doch wenn dies hier nicht nur ein vollkommen surrealer und unnützer Alptraum war, dann lieferte irgendwer diese Taschen aus und irgendjemand musste sie nutzen. Und diese Wesen führten ein besseres Leben als sie hier, sie hatten zu essen, ein dichtes Dach und wenigstens so viel Krams, dass sie eine Handtasche benötigten. Es ging also nicht allen Menschen auf der Welt so dreckig wie ihnen hier im Sektor, es gab Inseln des Wohlstands. Mindestens.
Kurz vor Schichtende – Slawa war müde geworden, die Gelenke taten weh und ihre Augen brannten – brach es aus ihrer Nachbarin erneut heraus. Sie hatte gerade ihre paar persönlichen Sachen zusammengerafft und in die Taschen ihres schmutzigen Blazers gestopft, als eine kleine verwaschene Stoffpuppe zu Boden fiel. Sie nahm sie auf, blickte die erstarrte Slawa und schrie dann wieder: »Wo ist der Sinn des Ganzen hier? Was kann ich ...«
Weiter kam sie nicht. Wie eine wütende Hummel war eine Drohne vom Dach herabgestürzt, und noch während sie vor dem Gesicht der Frau ihren Schwerpunkt suchte, feuerte sie einen glitzernden, unscheinbaren Strahl auf ihre Stirn ab. Die Arbeiterin sank übergangslos zu Boden und rollte unters Band wie eine leblose Gliederpuppe. Die Drohne glitt geräuschlos zurück nach oben und von den Wänden rückten Lastendrohnen an, um die tote Frau abzutransportieren. Dies alles ohne einen Laut, keine Aufmerksamkeit und wie nebenbei.

Eine Stunde bis Sonnenuntergang und ihr versammelt euch nackt vor den Behausungen, steht in einer Reihe, mit einem Meter Abstand, das Gesicht zur Straße. Kein Sprechen, die Augen geöffnet, die Arme ausgestreckt. Lasst die Drohnen ihre Arbeit tun. Wer den Termin verpasst, wird liquidiert.
Slawa schaffte es gerade noch, das Wasser in den Mund zu nehmen, als die Minidrohnen an ihren Beinen aufschwebten.
Dutzende der kleinen Instrumente umsurrten ihren Körper, sie tasteten ihre Oberfläche ab, scannten die Netzhaut ihrer Augen, nahmen eine Menge biometrischer Daten, jede der Drohnen hatte eine eigene Aufgabe. Zwei fliegende Miniapparate setzten sich mit den Nano-Bots in ihrer Blutbahn in Verbindung und übernahmen die Messdaten des Tages. Wie winzige Raupen maßen sie jeden Zentimeter ihres Körpers, Zoll um Zoll ihrer Haut, und die Atembewegungen ihrer Brust brachten sie dazu, innezuhalten – weiterzuschweben – innezuhalten – weiterzuschweben. Eine dieser metallenen Mücken setzte sich auf Slawas Arm, sie spürte einen Stich und ein warmes Gefühl. Sie dachte an den Zennet, der in einer halben Stunde aufgehen würde. Und hatte Mühe, das Wasser im Mund zu behalten.

Gesichter unter Staub verlieren ihre Identität. Man erkennt Unterschiede, jedoch sind diese nicht wichtig, vorherrschend ist das Merkmal des Drecks, der Vernachlässigung, des Verfalls.
Erschöpfte Kreaturen in kaputten Fassaden.
Slawa nahm kaum Gesichter wahr, sicher eine Folge des Schmutzes, sie blickte meist, wenn sie darauf sah, auf ein verschwommenes Meer aus trüben Augen, herabhängenden Gliedern, Agonie und Verzweiflung. Die Mitbewohner des Sektors wurden ihr kaum bewusst. Auf dem Weg zur Fabrik am Morgen und abends wieder zurück, bei den wenigen angesetzten Treffen, zum Drohnencheck und danach heim, Slawa bewegte sich in der Masse wie ein Fremdkörper unter Millionen von Fremdkörpern. Geschöpfe, aufgegangen in einer Gemeinschaft ohne Vergangenheit, bar jeder Zukunft. Es kamen täglich neue Personen hierher, andere verschwanden, man nahm es nicht wahr, die Gesichter waren eins, ununterscheidbar, austauschbar. Sie alle waren Masse. Und auch wenn Individuen dem Pool durch Exekutionen entnommen wurden, fiel das kaum jemandem auf.
Es war nicht so, dass ein Blitz den schwarzen Himmel teilte, als sie ihn das erste Mal sah. Er hatte sich an ihr vorbeigedrängt, allein schon das war ungewöhnlich. Das Umwenden zu ihr als Geste war es ebenso, doch sein Gesicht, offen und rein, die Augen, die sie mit Interesse ansahen, waren in ihrer Wirkung wenigstens so, als durchbräche die Sonne schwere Wolken.
Der Ausdruck aufgeschlossen und wohlwollend, und schon dadurch fiel er auf. Diese Person stand eindeutig nicht unter Einfluss von Drogen, er nahm keines der Mittel. Er sah sie an, sekundenlang trafen sich ihre Blicke, dann ging er weiter, wandte sich schließlich ab und entfernte sich. Sie musste blinzeln, für Momente überlegte sie, ob sie geträumt hatte, er war schon verschwunden, untergetaucht in der Anonymität der Menge, es gab ihr einen Stich ins Herz. Ein Gefühl, das neu war.
Während des ganzen Arbeitstages am Band – Handtaschen mit glänzenden Knöpfen – dachte sie an das Gesicht. An die Person, den jungen Mann, halb so alt wie sie, mit glatter Haut, rasiert und kein bisschen schmutzig. Ich will deine Gedanken kennen! Sie musste lächeln, duckte sich im selben Moment vor den Drohnen, sah nach oben und musste wieder lächeln.
Die Tage strichen über den Sektor, ewig gleich in ihrem Elend. Slawa fürchtete, sie könnte den Mann vergessen und in demselben Trott untergehen. Doch einige Zeit später traf sie ihn wieder, er tauchte direkt neben ihr auf, als sie zum abendlichen Appell vor ihren Unterkünften angetreten waren. Nackt und mit ausgebreiteten Armen stand er drei Schritte entfernt und lächelte sie an. So unschuldig, so rein, dass ihr die Tränen kamen.
Sie schaffte es gerade noch, ihm zuzuraunen: »Nimm den Mund voll Wasser!« Und ihm die Flasche zu reichen, nachdem sie selbst einen Schluck genommen hatte. »Behalt ihn im Mund!« Und bevor die Drohnen sich herabsenkten: »Das schützt vor ihren Botschaften.«
Natürlich bewahrte dieser Trick sie nicht vollständig vor den Parolen der Prop-Drohnen. Kleine, bösartige Insekten, die ihren Kopf umschwirrten, als suchten sie eine Lücke in der Deckung.
DIE AUGEN AUF! DIE AUGEN AUF! DIE AUGEN AUF!
Dumpf drangen einzelne Buchstaben direkt in ihr Neopallium, der Neocortex formte daraus Worte, die einen gemeinsamen Tanz aufführten und sich in Parolen verwandelten.
»woHLstAnd ist luXus!«
bildete einen Reigen, umtanzte ihren Schädel und begehrte Einlass.
»konsUm ISt menSCHenrEcHT! FrEIheit!«
Sie versuchte, ohne sich zu bewegen, ihren Nachbarn zu sehen. Er hatte tatsächlich den Mund voll und grinste ihr zu, es schien ihn nicht zu stören, wie die Drohnen ihn umkreisten, einige – winzige – sich auf seinem Leib niederließen und ihre Fühler in seiner Haut versenkten.
Er sah bemitleidenswert aus, wie er mit dem schmächtigen, bleichen Körper leicht gebeugt dastand und stoisch ertrug, dass die Med-Drohnen Daten von ihm sammelten, die Prop-Drohnen seinen Kopf zu erreichen suchten. Viele kleine Objekte umschwirrten ihn, viele nackte Menschen standen in Reihen, belagert von Millionen und Abermillionen mechanischer Aufpasser – eine Heuschreckenplage. Die Delinquenten verharrten in Agonie, ihrem Schicksal ergeben, den winzigen Kreaturen ausgeliefert.
»wohlStanD IST freiheiT«,
die Slogans hallten in ihrem Hirn wider.
»verziCht iST vERRat!«
Slawa hatte die Erfahrung gemacht, dass sich die Parolen ungehindert auf der Hirnoberfläche einbrannten, wenn sie den Schluck Wasser wegließ. Weiß der Himmel, welche Methoden die Drohnen einsetzten, um die Massen zu indoktrinieren. Vielleicht war sie schon ganz im Sinne ihrer Wächter verseucht von Maximen und Regeln und war sich dessen überhaupt nicht bewusst.
Der Zennet ging auf, sein roter Schein fiel auf das Gesicht ihres Nachbarn. Er lächelte ihr zu, sie konnte nicht anders – als würden sie sich ewig kennen – und lächelte zurück. Er könnte mein Sohn sein, dachte sie. Wenn sie jemals Kinder hätte haben können.

»Woher bist du?« Auch als die Drohnen fort waren, hatte er sein Lächeln nicht abgelegt, nachdem die Menschen schweigend ihre Sachen genommen und sich in die Unterkünfte zurückgezogen hatten. Schließlich waren sie beide allein geblieben, der riesige Zennet beschien die Häuserruinen und langsam legten auch sie ihre Kleidung an.
Maschinen haben keine Gefühle, und so scherten sich die Drohnen nicht um die zwei Menschenkinder und verkannten die Brisanz der Situation.
Als sie auseinandergingen, Slawa langsam in ihre Unterkunft, der neue Freund wohin auch immer, da war es nicht wie ein Abschied, sie sagten kein Wort, trotzdem verstanden sie sich.
Während Slawa schlief, rutschte der Sack von ihrem Körper, sie bemerkte es nicht;
als sie am Morgen mit den Massen in die Fabrik lief, schaute sie sich genau die Gesichter an, doch sie fand ihn nicht. Auch nicht am Abend oder am nächsten Tag, sie wusste nicht, wo er arbeitete, noch ob er überhaupt arbeiten musste. Sie kannte niemanden, der vom Arbeitsdienst befreit war und seine Nahrung trotzdem zugeteilt bekam. Man erzählte sich, dass es solche Menschen gab, es war keiner gezwungen, in der Fabrik zu schuften. Immer wieder blieben Leute der Arbeit fern, doch mit der ersten Stunde, die man fehlte, wurde einem der Kredit gestrichen, die letzten Mittel, dem Hungertod zu entgehen.
Der Arbeitsplatz wechselte häufig, die Fabrik war groß, und beileibe nicht die einzige im Sektor. So dass es kaum auffiel, wenn jemand fehlte, und falls am Band ein Platz leer blieb, hatte man keine Ahnung, wer da nicht erschienen war. Es kam immer wieder vor, dass La-Drohnen Leichen aus den Unterkunftslöchern transportieren mussten – arme Menschen, die zu schwach gewesen waren, sich zur Fabrik zu schleppen oder die den Willen dazu nicht mehr hatten.
Beiseitetreten, um die Maschinen ihre Arbeit tun zu lassen!
Wenn das Signal ertönte und sie aus ihrer »Apotheke« trat, um den Gang zur Fabrik anzutreten, waren wenige Menschen auf dem Weg. Doch je weiter der Marsch sie durch die Straßen führte, desto mehr Gestalten kamen dazu und durch das Fabriktor dann, war die Masse angewachsen zu einem undurchdringlichen Pulk, ein stiller Auflauf.
Tage später sah sie ihn wieder. Am Morgen auf dem Weg, zu irgendeinem Zeitpunkt tauchte er neben ihr auf. Wohin er wollte, sagte er nicht. So gingen sie ein Stück ihres Weges zusammen, ohne ein Wort zu sagen, sich nur mit Blicken verständigend und zufrieden damit, den anderen zu sehen. Er lächelte in einem blassen, wachen Gesicht.

Slawas Rückzugsort, Nacht, der Zennet über dem Meer und unablässig der Wasserfall in den Ozean. Der Schein des künstlichen Mondes warf einen rötlichen Schatten auf sein Gesicht, Slawa sagte leise: »Denkst du, dass man da hochkommt?«
Er zuckte mit den Achseln. »Meinst du weg von hier?« Seine Stimme war dünn, aber nicht ohne Interesse. Seitdem sie hier angekommen waren, hatte er nicht mehr gelächelt. Es war ein Risiko gewesen, jemandem ihren Ort zu zeigen, doch Slawa wusste, irgendwann würde sie ihn hierherbringen müssen. So also in dieser Nacht, die Drohnen umkreisten sie in großer Höhe.
»Es geht die Mär, hinter dem Horizont wäre alles besser«, sagte sie leise. »Die Menschen sind frei und haben ihr Auskommen.«
Es war leichter Wind aufgekommen, er würde Wolken herantreiben und der Sektor läge wieder wochenlang im Dunst. Der Zennet wäre dann kaum mehr zu sehen.
»Irgendetwas muss hinter dem Meer sein«, antwortete er mit seiner Wisperstimme.
»Wo kommst du her?« Eine Frage, die sie noch nie jemand anderem hier gestellt hatte. Nur ihm, und das nun schon zum zweiten Mal.
»Quadrat C5«, sagte er mechanisch.
»Nein, ich meine davor. Sind wir nicht alle hierher verschleppt?«
Er blickte sie an mit tiefem, traurigem Blick, doch er erwiderte nichts, sah sie nur an. Dann lächelte er wieder, es war ein melancholisches Lächeln. Er hatte lange Mädchenwimpern, stellte sie fest und er schien kerngesund, hatte, im Gegensatz zu vielen hier, weder Ausschlag noch Verletzungen. Und doch war er blass und mager. »Von außerhalb des Sektors, meinst du? Ich weiß es nicht, niemand weiß, wo er herkommt. Meine Erinnerung beginnt hier im Areal.«
»Existiert etwas anderes als der Sektor?« Eine Frage wie eine Provokation. »Es muss etwas geben.«
»Man spricht von vielen Distrikten, tausenden. Es gibt jede Menge wie diesen hier, überall verstreut und bevölkert von Menschen, wie wir es sind.«
Sie blickten gemeinsam aufs Meer, der Wind kräuselte die Oberfläche, das Licht des roten Mondes wurde gebrochen. Der irdische Mond daneben war wie ein fernes Abbild. Ohne Unterlass schoss das Klärwasser hinaus in die Weite.
»Woher weißt du davon? Hast du andere Sektoren schon gesehen?«
Er schüttelte den Kopf. Wie sie nebeneinandersaßen, Schulter an Schulter, spürte sie es an seiner Bewegung, es machte sie noch trauriger.
»Das hört sich wie ein Märchen an«, sagte sie leise. »Man weiß nicht, was wahr ist.«
»Wir sind in einem Märchen«, erwiderte er, ohne den Mond aus den Augen zu lassen. Seine Haut selbst war so weiß, dass sie zu leuchten schien. »Ein böses Märchen.«
Er erhob sich, seine Sachen – eine Cargojacke, die er wenigstens drei Jahre am Leib trug, eine Tarnhose, ebenso abgewetzt und schmutzig und ein Cap mit der Aufschrift »Alive!« – schlotterten ihm um den Körper und mit staksigen Schritten ging er bis an den Rand des Kais. Er hockte sich hin, nahm einen Stein auf und warf ihn direkt in den brüllenden Wasserfall. Der Brocken wurde mitgerissen und stürzte in die Tiefe.
Schließlich stand er wieder auf und drehte sich um. »Wie heißt du?«
Sie nannte den Namen, er runzelte die Stirn. »Ist der echt?«
Welcher Name ist echt, dachte sie. Ist der Tisch weniger ein Tisch, wenn wir ihn Bett nennen? Wäre Slawa eine andere, würde sie ihren wahren Namen kennen?
»So echt wie ich selbst.« Sie wusste nicht, warum sie in eine Abwehrhaltung ging. »Wie nennst du dich?«
Er lächelte. »Du hast ihn dir ausgesucht«, sagte er nach einer Weile. »Slawa.« Er kostete davon, als würde er guten Wein probieren. »Ein schöner Name. Aber nicht echt.«
»Wie nennt man dich«, fragte sie noch einmal.
»Morx«, sagte er.
»Und der ist echt?«
»Nein.« Er lächelte wieder. »Niemand hier hat einen echten Namen. Wusstest du das nicht?«
Das hatte sie nicht gewusst, wie auch? Sie kannte ja keinen, sie hatte bis zu diesem Moment mit kaum einem anderen Menschen ein persönliches Gespräch geführt, hatte sich mit niemandem länger als fünf Minuten auch nur ansatzweise privat unterhalten, und war schon gar nicht intim geworden mit einem Bewohner des Sektors. Was für ein Gedanke!
Wenn sie es recht betrachtete, war Morx der erste Name, den sie von irgendjemandem hier erfuhr. Es war nicht üblich, sich aufeinander einzulassen und nicht erwünscht, Slawa hatte nie das Bedürfnis danach verspürt. Seltsam, sah man das so, dann waren sie alle hier eine große Masse von isolierten Einzelteilen, jeder in seinen eigenen Kampf verstrickt.
»Hier gibt es nur erfundene Namen«, sagte Morx. »Wenn man überhaupt einen Namen hat.«
Wolken kamen auf, der Wind trieb sie vor den Zennet und es wurde kühler.
»Was war das mit dem Schluck Wasser im Mund«, fragte er ehrlich interessiert, sie sah es an seinen Augen.
Slawa war überrascht, dass er den Trick nicht kannte, doch darum ging es hier nicht.
Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Du willst verhindern, dass die Drohnen deinen Geist erreichen.« Er kam dichter an sie heran, so dass sich ihre Nasen fast berührten. Seine Augen waren hellblau. »Ihre Manipulationen sollen dich nicht erreichen.« Jetzt flüsterte er, trotzdem war er durch das Tosen hinweg gut zu verstehen.
Sie musste lächeln. Er wusste ja doch Bescheid, nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wer er wirklich war.
»Ich weiß nicht, wie sie es schaffen«, erwiderte sie. »Aber es scheint, als beeinflussen sie die Gedanken, als könnten die Drohnen die Neigungen und Ansichten jedes Menschen nach ihrem eigenen Programm bearbeiten. Mir schleierhaft, wie das möglich ist, aber das Wasser scheint davor zu schützen.«
Er nickte gedankenverloren, seine Haare, die unter dem Käppi hervorquollen, zeigten eine gewisse Graufärbung, dezent.
»Aber warum sollte es das? Hast du dich jemals gefragt, warum du deinen Namen nicht kennst?«
Sie reckte das Kinn höher. »Es ist nur ein Name.«
»Es ist deine Geschichte. Niemand im Sektor kennt seine eigene Geschichte. Du weißt nicht, woher du kommst, du weißt nicht, wer du bist. Du hast keine Erinnerung und du bist niemand.« Leise fügte er hinzu: »Und wenn du niemand bist, gibt es keinen, der um dich weint.«
Ihr kam der Gedanke, dass sie zwei hier gerade die Geschichte änderten, unsicher, ob das gut war oder schlecht. Aber ganz bestimmt passierte im Augenblick etwas Großes. Sie war dabei und sie konnte es gestalten.
»Warum sollten sie unsere Vergangenheit auslöschen? Weshalb können wir uns nicht einmal an unsere Namen erinnern? Warum habe ich keine Kindheit, keine Jugend?« Ihre Stimme brach.
»Wie lange bist du im Sektor?«
»Ich weiß nicht, zehn, zwölf Jahre? Vielleicht länger, ich zähle nicht mehr mit.«
»Das ist lange.« Er drehte sich um und ging die paar Schritte zum Abgrund. Nachdem er einen weiteren Stein in die tosende Gischt geworfen hatte, wandte er sich ihr wieder zu und rief: »Ich bin gerade mal zwei Jahre hier, und habe das ganze Leben so satt.«
Slawa erinnerte sich an die Verwirrung, die noch nach Jahren in ihr geherrscht hatte. An das Misstrauen, die Sturheit, den Widerstandswillen, der sie trotz allem erfüllte. Die Welt hier war kalt und funktional, die Menschen egoistisch und ausschließlich auf das eigene Überleben konzentriert. Wenn es so etwas wie Freundschaft oder Familie im Sektor gab, hatte sie davon nichts mitbekommen. Sobald ein Gespräch zwischen zwei Menschen aufkam, senkte sich eine Drohne vom Himmel herab, als Drohung, zunächst. Schnell hatte sie gelernt, dass die dann eingreifen würde, wenn man nicht den Mund hielt.
Eine Hauptaufgabe der Drohnen schien darin zu bestehen, jede menschliche Beziehung zu zerstören, deshalb war die Begegnung mit Morx hier auf ihrem kleinen Plateau so wichtig für sie, so fragil.
Und so gefährlich.
»Wie kommt man von hier weg?« Die entscheidende Frage, das Problem, das Slawa seit ihrem Hiersein – also seit immer – antrieb. Wie schafft man es, diese Hölle zu verlassen.
»Sieht nicht gut aus«, erwiderte Morx. »Ganz und gar nicht. Ich glaube, es haben viele versucht.« Mit seinen blauen Augen sah er sie ernst an. »Auch wenn niemand weiß, wohin es geht oder wie es aussieht im Rest der Welt. Ob es einen Rest überhaupt gibt. Und, ob man dort leben will.« Er machte mit den Händen eine resignierende Geste. »Es ist auch schwierig, wenn man sich auf einer Insel befindet.«
»Es gibt andere Möglichkeiten.«
»Die Wege sind versperrt. Ich kenne keine Möglichkeit, von hier wegzukommen, es sei denn, man tut, was sie verlangen.«
Slawa erhob sich langsam, misstrauisch sah sie in den Nachthimmel. Niemand ist besser geeignet, etwas zu überwachen, als ein intelligenter Automat. Es musste Zeiten gegeben haben, in denen diese Aufgabe von Menschen übernommen wurde. Von scharfsinnigen, einfältigen, wachen oder müden, aufmerksamen oder abgelenkten Menschen, die zudem schlecht sehen und hören konnten, Dinge vergaßen, Situationen falsch einschätzten.
Sie ging dicht an ihn heran und fragte: »Was meinst du damit? Man tut, was sie sagen?«
»Du willst hier weg?«
»Sieh dich doch um! Überall liegen Sachen herum, die niemand braucht. Schrott vergangener Zeiten, der doch zu was nütze sein muss. Wer das Wissen hat, könnte Maschinen bauen.«
»Wenn die Drohnen dich lassen.«
Sie regte sich nicht.
»Finde heraus, warum du hier bist.«
Sie blinzelte. Und das Gesicht, das sie machte, ließ ihn lächeln.
»Es gibt für jeden einen Grund, weshalb er hier ist«, sagte er versöhnlich. »Jeder hat auf die eine oder andere Art gegen das System verstoßen, hat sich falsch verhalten oder was Dummes gesagt. Oder gedacht.«
»Woher weißt du das?«
»Ich weiß es nicht, niemand weiß es. Es ist nur plausibel.«
Er nahm langsam seine Kappe ab und fuhr sich nebenher durch die verwuschelten Haare. »Ein Scheiß Besserungslager«, knurrte er leise.
Sie drehte sich um und starrte auf die zerbrochene Silhouette der Stadt. Ohne es zu bemerken ging sie einige Schritte darauf zu, spürte, wie der unterschwellige Hass in ihr immer höher stieg, die Verzweiflung. Abrupt wandte sie sich wieder zu Morx. »Ich muss hier weg, hörst du? Wir beide, wir müssen hier weg, fort von diesem Ort.«
Er nickte. »Dann finde heraus, weshalb du hier bist.«
»Aber wie?«

Den ganzen Tag über war Slawa angespannt, die Arbeit in der Fabrik – immer noch Hochglanztaschen – gestaltete sich eintönig wie üblich, die Leidensgenossen waren schweigsam wie gewohnt. Trotzdem gab es zwei Exekutionen, von denen eine direkt neben ihr explodierte. Slawa war kaum fähig, nicht aufzuspringen und davonzurennen, als die Drohne herabschoss und vor dem Gesicht ihrer Nachbarin stehenblieb. Sie war sich gedankenverloren durch die Haare gefahren und hatte dabei aufgestöhnt. Zwei Sekunden Grabesstille, ein Laserblitz direkt zwischen die Augen, dann die Lasten-Drohnen, die die Leiche abtransportierten. Warum die junge Frau getötet worden war, wusste sie höchstwahrscheinlich selbst nicht. Ein Aufatmen in der Werkhalle – die Arbeit ging weiter.
Auf dem Weg von der Fabrik in die Unterkunft hätte sie zerspringen mögen vor Spannung, sie hatten verabredet, nicht miteinander zu reden, so blieb ihr als Ablenkung nur der Blick in die anderen Gesichter.
»Lass dein Wasser weg«, hatte er gesagt. »Gib dich den Parolen der Drohnen preis. Nur so erfährst du, weshalb du hier bist.«
»Ich soll das Zeug ungeschützt an mich ranlassen?!«
»Sie werden versuchen, dich mit ihren Losungen zu bessern, dich umzudrehen. Du brauchst also nur zu wissen, was sie von dir wollen, dann erfährst du, welchen Vergehens du beschuldigt wirst. So hast du Zugang zu deinen Erinnerungen.«
»Ich soll also machen, was sie sagen?«
In diesem Moment hatte sich der Himmel gelichtet, der Zennet war voll und strahlend zu sehen und sie hatte einen ungehinderten Blick auf Morx‘ helles Gesicht. So erwartungsvoll wie ein Kleinkind.
»Weißt du, was du von mir verlangst? Ich soll allen Schutz fallen lassen, keine Verteidigung mehr. Wenn ich das tue, bin ich völlig nackt.«
»Das bist du sowieso.«
»Sie haben dann geschafft, was sie schon immer wollten.«
»Aber nur so gelangst du an die Erinnerungen, die sie dir gestohlen haben.«
»Und – bin ich dann ein besserer Mensch?« Bitter hatte sie aufgelacht.
»Gut oder schlecht sind keine Kategorien, die Sonne scheint auf dich, auch wenn du grausam bist. Dies ist der einzige Weg, von hier zu verschwinden.«
Ihre Überzeugungen aufgeben, um von hier wegzukommen? Sich Gehirnwaschen zu lassen, um Freiheit zu erlangen, die ja somit gar keine Freiheit mehr war. Was waren dann ihre Überzeugungen wert? Hatte sie danach noch Werte, irgendwelche Maxime, nach denen sie lebte?
Er hatte hinzugefügt: »Die Mittel der Drohnen sind der Schlüssel zu deinen Erinnerungen. Wenn du es richtig anstellst, hast du Zugang zum Wissen deines früheren Lebens.«
»Tatsächlich?« Natürlich war sie nicht überzeugt. »Dann müssten hier nur Menschen rumlaufen, die wissen, wie es um sie steht. Doch bis heute habe ich nicht einen getroffen, der sich gegen den Einfluss der Drohnen gewehrt hat.«
Er hatte gelächelt und ein Teil ihrer Zuversicht war zurückgekehrt.
»Entscheidend ist deine Haltung«, hatte er erklärt. »Du musst die Prozedur dazu nutzen, das Tor zu öffnen. Das Tor, das dich dahin führt, wo du Antworten findest.«
Auch am Abend, bei dem Appell war Morx nirgends zu sehen, obwohl sie ihn dringend gebraucht hätte. Die nackten Menschen in langen Reihen waren unbeteiligt und abwesend, ganz im Gegensatz zu Slawas Gemütszustand – jede Faser ihres Körpers erregt – fürchtete sie, die Med-Drohnen könnten sie entlarven.
DIE ARME BREIT! DIE ARME BREIT!
Es begann und sie ließ sich treiben, hatte das Heft des Handelns abgelegt, sie konnte nur noch abwarten.
ARME SENKEN!
Die Drohnen gingen mit der Behändigkeit von Ameisen ihrem Geschäft nach. Die Prop-Drohnen.
DIE AUGEN AUF! DIE AUGEN AUF! DIE AUGEN AUF!
Sie begannen zu schwärmen und Slawa verkrampfte.
»Sei locker«, hatte ihr Morx geraten. »Und nimm es an. Akzeptiere es und zieh deine eigenen Schlüsse.« Also nahm sie die Stelle in den Blick, an der sich hinter den Wolken der Zennet befinden sollte, und ließ die Prozedur wie eine Dusche über sich ergehen.
KONSUM IST LUXUS! LUXUS IST LEBEN!
Mit übermächtiger Intensität nahm sie das feine Surren der Antriebe der kleinen Drohnen wahr, ein Rauschen wie von Insektenflügeln, es verursachte ein Schwindelgefühl in ihrem Kopf.
FREIHEIT IST HABEN, HABEN IST SEIN!
Das waren keine Worte, das waren Steintafeln! Die Botschaften umkreisten ihren Kopf, wurden immer schneller und schneller, zogen ihre Bahnen mit jeder Umrundung enger. Sie würden bald die Kopfhaut ritzen, ihre Inhalte in den Schädel einschaben, tiefe Spuren hinterlassen.
Sie schwirrten. Sie sonderten immer neue Parolen ab, Slawa stand starr, ihre Augen weit aufgerissen und was sie nicht spürte, war der Widerstand, den sie noch immer leistete, die panische Haltung dagegen und das analytische Bestaunen der Worthülsen, die danach trachteten, die Hirnschranke zu überwinden.
HABEN IST GUT!
WOHLSTAND IST SCHÖNHEIT!
FÜLLE TUT NOT!

Irgendwann war es vorbei, die Anspannung wich und sie konnte wieder normal atmen. Als sie sich umsah, waren die meisten Menschen verschwunden, einige zogen sich noch an und trotteten davon.
Sie hörte in sich hinein, konnte keine Veränderung feststellen, nicht den Schein einer Erinnerung. Sie war enttäuscht, den ganzen nächsten Tag über versuchte sie zu ergründen, ob sich ein Tor geöffnet hatte, irgendeine Truhe, ein Schatzkästchen. Am folgenden Abend dieselbe Prozedur. Die lautesten Thesen hinterließen die tiefsten Spuren im Hirn. Einsam stand sie inmitten der vielen Menschen und ertrug tapfer das Bombardement der Drohnen in ihrem Geist; wunderte sich, dass alles so platt vonstattenging, billig. So durchschaubar.
Am dritten oder am vierten Tag dann die Flashbacks. Sie kamen so abrupt, dass sie froh war, nicht am Band zu stehen, als die Visionen über sie hereinbrachen, mit ihrer Reaktion hätte sie die Aufmerksamkeit der Drohnen auf sich gezogen. Sie war auf dem Weg von der Fabrik zur Unterkunft, inmitten der Masse überkamen sie die Bilder, während sie vergeblich das Gesicht von Morx suchte. Mit einer Wucht, die sie von den Beinen riss und auf das brüchige Pflaster schlagen ließ. Wie sie auf dem Boden lag und hilflos stöhnte, teilte sich die Menge und umfloss sie ohne Beachtung, kein Stocken in der Bewegung.
Bäume auf Papier waren die ersten Ansichten, die sie durchfluteten, ganze Wälder, die das nicht waren. Sie kam wieder zu sich, betrachtete verständnislos die Gestalten, die an ihr vorüberliefen und bemerkte, dass sie sich bekotzt hatte. Ein Wunder, dass die Drohnen nicht aufmerksam geworden waren.
Weitere Bilder kamen ihr im Schlaf, sonst träumte sie nie. Es waren Torten, an denen sie vorüberzog, sahnig und groß. Sie begann zu schweben, sie oder ihr Geist, das war nicht eindeutig. Und wie sie über der Festtafel dahinglitt, merkte sie, dass gar kein Fest war; doch die Köstlichkeiten reichten vom Wildbret, Suppen, Pilzen, Gemüsen, exotischen Früchten bis hin zu den feinsten Süßspeisen, deren Fettgehalt alle Empfehlungen des Arztes ad absurdum führen mussten. Ein Schmaus, vollkommen unverdient.
Als sie erwachte unter ihrer Plane, hatte sie den Geschmack von Essen im Mund, von richtigem Essen, weit entfernt von dem geschmacklosen Konzentrat, das ihnen hier zugeführt wurde. Und Tränen in den Augen.
In den folgenden Nächten – sie wartete darauf – übermannten sie regelmäßig übermächtige Szenerien: Fülle und Opulenz, Reichtum in allen Ausführungen, Speisen und Getränke, Luxus, Schmuck, jede Annehmlichkeit des Lebens. Sie kam zu sich und wurde sich des Elends hier bewusst, am Tage die schmutzige, entbehrungsreiche Welt, wenn sie schlief, sah sie Überfluss.
Und immer wieder Bäume auf Papier, gemaltes Grün, Vogelschwärme so unecht wie gezüchtete Perlen.
Ein Gesicht, ein Mann mit einem Bart, der sie anlächelte; sie lächelte zurück und ihr wurde warm und Zuversicht durchströmte sie. Dieser Anblick war am einprägsamsten: kluge, gütige Augen, ein Lächeln, das man nicht kaufen konnte. Dann wieder Landschaften, deren Farben zerliefen, Berge, an denen das Grün traurig hinabfloss und übrig blieb immer und immer nur totes Grau, welches man nicht wiederbeleben konnte.
Eines Morgens dann schreckte sie hoch und wusste, warum sie hier war: Sie hatte das Stück Brot genommen, hartes, schwarzes Brot – obwohl daneben Torte stand.

Die Verständigung klappte nicht, Slawa wollte reden, doch Morx war nirgends zu sehen. Sie wusste alles, so war ihr Gefühl, und irgendjemanden brauchte sie, um dies Wissen zu teilen. Drei volle Tage benötigte es noch, lange, düstere Tage, bis sie sich auf dem Weg zur Fabrik wiedersahen. Morx machte einen grauen Eindruck und das erschreckte sie. Es gelang ihr, ihm ihren Treffpunkt zuzuflüstern, und er war schon wieder fort, untergetaucht in der Menge, als hätte er sie nie gehört.
So erreichte sie mit klopfendem Herzen ihren Ort, ohne dass sie wusste, ob er kommen würde.
Er wartete auf sie, saß im Schneidersitz auf dem Sims direkt am Abgrund, die Drohnen schwebten in großer Höhe und das Abwasser stürzte unablässig tosend ins Meer.
Slawa ging langsam auf Morx zu; der drehte sich nicht um, nicht zu erkennen, ob er sie bemerkt hatte. So blieb sie hinter ihm stehen, blickte einträglich zusammen mit ihm auf den Ozean und genoss die Intimität des Augenblicks.
»Hast du dich schon mal gefragt, wo all das Abwasser herkommt?«, fragte er plötzlich, ohne sich zu bewegen. »Tag und Nacht, Klärwasser wie von einer Großstadt. Immer ins Meer, ins Meer. Wer produziert das alles?«
»Der Sektor muss riesig sein«, erwiderte sie. »Riesig.«
»Und auch wieder nicht, überall dasselbe Elend. Vielleicht umfasst er doch die ganze Welt.« Er starrte noch immer aufs Meer, seine Gestalt schien kleiner geworden. »Vielleicht ist die ganz Menschheit eingesperrt, geknechtet von diesen Maschinen, gezwungen, sinnlose Dinge herzustellen für ... niemanden.«
»Eine sinnlose Welt, meinst du. Konsum um seiner selbst Willen, der nur Schaden anrichtet und nichts nützt.«
Er wandte sich zu ihr um, Tränen in den Augen. Einige Momente sah er traurig zu ihr auf, dann drehte er sich wieder um. Einem plötzlichen Impuls folgend legte sie ihm die Hände auf die Schultern, so standen sie beide in der brüllenden Nacht, als seien sie tatsächlich die letzten Menschen.
»Ich weiß, warum ich hier bin«, sagte sie, und war sich augenblicklich der Absurdität ihrer Aussage bewusst. »Warum ich hierhergebracht wurde.«
Sie spürte, wie er sich unter ihren Händen anspannte, wie die mageren Schultern ihre Muskeln strafften.
»Hast du Erinnerungen?«, fragte er tonlos.
Die Wolkendecke kam in Bewegung und der Zennet trat hervor. Der Schatten seines schmalen Kopfes direkt vor ihr, sein bebender Körper, die Nähe zu ihm, eine Welle der Zuversicht durchfuhr ihren Leib.
»Ich weiß, wie wir hier wegkommen können«, sagte sie in einem Ton, der ihn mitreißen sollte. Sie spürte, wie er sich abermals spannte. »Es gibt einen Weg dort hinauf und ich kenne ihn.«
»Zum Zennet?« Er drehte sich wieder um. »Du willst da wirklich rauf?« Sie nickte. Er stand schwerfällig auf und stellte sich ihr gegenüber wie vor einen Getränkeautomaten. Dann sah er sie ganz genau an, musterte sie von den Haaren über ihren schmalen Körper bis hin zu den Zehen. Er fixierte ihren Blick und blieb sekundenlang so stehen. Er hatte wundervolle Augen.
»Du willst da rauf?«, fragte er noch einmal. »Bist du verrückt geworden?«
Sie machte mit den Händen eine Geste. »Hier sind doch alle verrückt«, rief sie fröhlich. »Wenn du nicht verrückt bist, kannst du hier nicht überleben.«
»Aber niemand – ich sag dir, wirklich niemand – ist jemals von hier weggekommen, wenn die verdammten Drohnen es nicht wollten. Es gibt kein Entkommen.« Er kaute, als hätte er etwas hochgewürgt. »Und du willst allen Ernstes dort hinauf zum Zennet?« Das klang schon nicht mehr wie eine Frage, das war eine bewundernde Feststellung.
»Ich habe meine Erinnerungen wiedergefunden«, sagte sie euphorisch. »Wie du vorausgesagt hast, nicht vollständig natürlich, in Bildern und immer noch sehr kryptisch. Aber ich kann die Bilder lesen und sie entschlüsseln.«
»Ach ja? Und du warst in deinem früheren Leben so etwas wie eine Raketenkonstrukteurin?«
Sie lachte. »Nein, ich nicht. Aber ein Freund.« Er blickte auf, eine knisternde Sekunde betrachteten sie sich. »Und ich habe gesehen, wo der Freund lebt, hier im Sektor. Wir wurden zusammen interniert, wegen desselben Vergehens.« Sie war jetzt glühend heiß und musste sich zügeln, um die Drohnen hoch oben nicht auf sich aufmerksam zu machen.
»Man kommt in Kolonnen an, zu tausenden. Wird sortiert und den einzelnen Bereichen zugeteilt und dort in den Gebieten. Ich ...« Sie sah hinauf zum Himmel. Gegen das Licht des Zennet hoben sich die Bewacher wie kreisende Greifvögel ab. »Ich kann mich erinnern, wo mein Freund abbiegen musste, wo er sein Gebiet zugeteilt bekam.«
»Und wie war dein Vergehen?«, fragte er. Eine Pause, sie schwieg und sah ihn nachdenklich an. Leise sagte sie: »Ich nahm das Brot.« Und lächelte melancholisch.
»Das Brot?« Er kniff die Augen zusammen. »Was soll das heißen?«
»Die Welt draußen ist nicht mehr schön, es gibt gar keine Welt.« Sie sah traurig zu Boden und war von einem Moment auf den anderen kaum fähig, weiter zu sprechen. Mühevoll quälte sie ein Wort nach dem nächsten hervor. »Keine Natur, keine Wälder, keine Pflanzen, keine Tiere. Wenn man hinter den Schein guckt, ist alles trostlos und schwarz. Die Einöde wird zugeklebt mit Pomp und Glitzer, doch im Inneren wissen die Menschen, dass alles nur Fassade ist.«
Morx erwiderte: »Nicht immer sind die Erinnerungen echt.«
»Erinnerungen sind nie echt«, entgegnete sie. »Als ich die Wahl hatte zwischen Kuchen und Brot, da wählte ich trockenes Schwarzbrot. Die Wächter kamen, die Drohnen sedierten mich und ich wachte erst hier wieder auf. Ich habe die Wahl gehabt und mich für das falsche entschieden.«
Morx blickte gedankenverloren. »Wie gesagt, Erinnerungen können trügen, nicht immer sagen sie die Wahrheit.«
Sie lachte auf. »Du warst es doch, der mich dazu gedrängt hat. Wenn wir uns nicht getroffen hätten ...«
Sie sah nach oben, die Drohnen kreisten, der Zennet war verschmiert zu sehen. »Es ist das eine, etwas zu ahnen von der Welt, Vermutungen zu haben und zu glauben. Etwas anderes ist es, etwas zu erkennen, zu wissen, wie es ist.«
»Ach, und du weißt das jetzt?« Warum war er plötzlich so schroff? Er musste doch geahnt haben, wie es jenseits der Sektoren aussah. »Was macht dich so sicher, dass du es jetzt weißt? Wie kommst du darauf, dass du entscheiden kannst, was du weißt oder was du glaubst zu wissen?«
»Ich weiß es«, sagte sie ruhig. »Und deshalb ist es um so wichtiger, dass wir fortkomen von hier, weg von der Erde.«
Er schüttelte langsam den Kopf. »Wie sollte uns das gelingen? Wir haben keine Mittel, keinerlei Möglichkeiten.«
Da ging sie noch ein Stück auf ihn zu, nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und blickte ihm in die Augen. »Ich werde meinen Freund finden und wir werden einen Plan schmieden.«
Er konnte so herrlich skeptisch gucken. »Tu das«, sagte er endlich.

Durch die Lüfte reiten, den Wind auf der geschundenen Haut, jedes hinter sich und auf der verbrannten Erde zurücklassen!
Sie waren immer der Überzeugung, alles im Griff zu haben, das Dasein kam ihnen gerade erträglich vor, es gab nichts, das man hergeben konnte. All die Tiere und Pflanzen, so wie sie sie kannten und seit Jahrtausenden nutzten, waren verschwunden – verbrannt, vertrocknet, ertrunken, verhungert. In so kurzer Zeit.
Und doch meinten sie, mit der Kraft ihres Geistes die Katastrophe aufhalten zu können.

Es dauerte nur wenige Tage, bis Slawa ihren Freund – ihren Freund! – gefunden hatte: Kraap, der Bärtige. Hier nannte er sich Petrow.
Er freute sich, die Erinnerungen an sie schlummerten in ihm – er war immer der Schlaue gewesen – und hatte im Geheimen begonnen, an Plänen zu arbeiten. An Plänen, die ihn hier fortbringen konnten. Und nun, da sie vereint waren, sie drei, mit Slawa und Morx.
Sie hatten sich viel zu erzählen, Erinnerungen tauschen, die selten hell waren, aber auch nicht so düster wie das Leben hier im Sektor. Und der bärtige Petrow, der nach dem Alter ihr Vater hätte sein können, gestand, dass er die Hoffnung beinahe hatte aufgegeben, dass er seine Pläne, die wertvollen, die speziellen und die detaillierten Pläne fast den Flammen übergeben hätte, die in dieser Jahreszeit im Sektor allgegenwärtig waren.
Bis sie ihn fand.
Und Slawa erzählte ihm vom Zennet, den er natürlich kannte, wie jeder hier und überall auf der Erde. Ihrem Sehnsuchtsort und dem Ziel ihrer künftigen Flucht. Zennet. Er blickte lange ins Feuer, sie mussten sich leise unterhalten, weil die Drohnen über ihnen kreisten, das war ihnen ins Fleisch übergegangen.
»Der Zennet«, sagte er schließlich ruhig. »Zum Zennet willst du also.« Sie nickte, obwohl er es nicht sehen konnte.
Er erzählte ihr, dass der künstliche Mond vor Generationen ein gemiedener Ort war, eigens erschaffen, um von abgewiesenen Flüchtlingen besiedelt zu werden. »Sie wussten nicht, wohin mit ihnen, mit den Elenden, den Verlorenen, die teilhaben wollten am Kuchen und denen sie nichts abgeben wollten. Doch niemand nahm die Ausgestoßenen zurück, kein Land, das sie aufnehmen wollte, nicht einmal das Heimatland. Aus dem sie ja weggelaufen waren. Also versammelten die Reichen all ihr Wissen und ihre Macht, schufen einen Himmelskörper weit genug weg von der Erde und deportierten alle, die sie nicht haben wollten. Und legten die Hände in den Schoß, denn sie glaubten, sie hätten jedes Problem gelöst.«
Sie sahen sich an mit müden Augen. Petrow war längst nicht so alt, wie er aussah, das wusste sie, insofern passten sie beide gut zusammen, vereint im Widerstand – Brot statt Kuchen.
»Der Exilort erlebte über die Jahrhunderte seinen Aufschwung, und zwar in dem Maße, wie es auf der Erde bergab ging. Wir verlernten, zu denken, Maß zu halten, konnten nur noch konsumieren. Und nun ist es der Zennet, der Sehnsuchtsort ist.«
Es brauchte lange, Petrow zu überzeugen, dass sie Hilfe benötigen würden, Mitstreiter, Unterstützer, die schließlich denselben Weg nehmen wollten.
»Auch das System hat menschliche Helfer«, warnte er.
»Der Zennet ist knapp 200.000 Kilometer entfernt«, sagte Slawa. Er antwortete, dass der Mond fast doppelt so weit weg wäre.
Eine kleine Gruppe junger Männer torkelte vorüber, auf der Suche nach Materialien für ihr Feuer. Still und wild zogen sie an ihnen vorbei. Einer von ihnen, ein Kerl mit roten unsteten Augen, kreuzte im Vorüberhuschen Slawas Blick. Sie erschauerte, niemand sprach ein Wort.
Petrow blickte ihnen stumm hinterher und als sie hinter einem Geröllhaufen verschwunden waren, sagte er leise: »Ich weiß einen Ort, der schon lange zerstört ist, an dem Materialien liegen.« Das Feuer schlug Funken. »Vielleicht, wenn wir einzeln gehen ...«
Ihre Miene hellte sich auf. »Immerhin! Wir können es schaffen.«

In dieser Nacht nahm Slawa alle Einzelheiten der Straßen mit absoluter Klarheit wahr, die vielen Feuer und die Gesichter, die sich darum sammelten. Den Verfall, den Unrat, die Auflösung.
Sie gingen einzeln, um keine Angriffsfläche zu bieten, stoisch zogen die Drohnen ihre Bahnen, für Slawa war es wie ein Abschied.
Vor der Ebene trafen sie sich und redeten im Schutz der großen Ruine des Wasserwerkes, ein frischer Wind wehte, der munter die Wolken vor sich her trieb. Es war eiskalt – als Slawa raunte: »Dort drüben ist er!«, war ihr Atem ein weißer Hauch. Petrow drehte den Kopf.
Morx stand, die Hände auf dem Rücken verschränkt, mit dem Gesicht zum Ozean direkt am Kai. Nur ein Schatten und doch so gut zu erkennen.
Ein Blick von Petrow, er war nie ängstlich gewesen, auch wenn er stets Vorsicht walten ließ. Der Bart zerzaust; in einer seit Jahren nicht gekannten Anwandlung von Zärtlichkeit, strich sie ihm übers Gesicht. »Alles wird gut.« Sie lächelte.
Ein Zittern ging durch seinen Leib, dann straffte sich die Gestalt, er drehte sich um und mit geschmeidigen Bewegungen lief er hinüber. Er musste einen Pfad durch Fahrzeug- und Maschinenskelette passieren, zwängte sich an verfallenen Mauern vorbei und trat dann endlich auf die Ebene des Wasserwerkes hinaus; es war, als beträte er eine andere Welt. Slawa musste sich strecken, um ihn im Blick zu behalten.
Morx bewegte sich nicht, wie ein Standbild thronte er vor der glitzernden Wasserfläche, eine scharfe Kontur, dem erleuchteten Himmel gegenüber. Schließlich stoppte Petrow, stand nur wenige Schritte hinter ihm und betrachtete den Rücken des Jungen. Sekundenlang schien die Welt zu verharren, nur das Brüllen des Abwasserstroms dröhnte. Dann drehte Morx sich langsam um, er musterte Petrow geduldig von oben bis unten. Endlich verzog er seinen Mund zu einem Lächeln und reichte ihm die Hand. Die beiden unterhielten sich höflich miteinander, und Slawa fand es sicher genug, sich zu ihnen zu gesellen. Doch plötzlich setzten die Männer sich in Bewegung und gingen auf Morx‘ Geheiß einige Schritte vom Kai weg. Und waren damit wieder aus Slawas Gesichtsfeld hinter der Ruine eines Pumpenhauses verschwunden. Sie hielt die Luft an. Auch wenn sie zur Seite trat, standen ihr verfallene Baracken im Blick. Als sie eben losstürmen wollte, um die Mauern herum, auf das Plateau zu, geschah etwas am Himmel.
Jahrelanges unbewusstes Abchecken der Umgebung, die ständige Erwartung von Angriffen hatten ihre Sinne geschärft, ihre Wahrnehmungsschwelle unter das Bewusstsein gesenkt, so dass sie die Veränderung in den Wolken erst direkt aufnahm, als ihre Reaktion schon eingesetzt hatte. Sie stoppte mitten in der Bewegung, erstarrte im Lauf und sah nach oben. Ein Schwarm Drohnen senkte sich auf den Platz hinab, an dem ihre Kameraden waren, mit gleißendem Lichtkegel und in stoischer Gelassenheit. Sie verschwanden hinter dem Gebäude und es wurde ruhig. Slawa verharrte, sie war andauernd auf Attacken gefasst, doch in diesem Moment kam sie unerwartet. Wer sich vor dem Knüppel beugt, ist umso verwirrter, wenn der Schlag von unten kommt.
Doch die Überraschung nahm ihr den Atem, und bevor sie sich über die Folgen im Klaren war, spurtete sie schon weiter und war im Nu um die Baracke herum. Die Drohnen stiegen lautlos wieder auf.
Ein stilles Bild der Vernichtung, Morx stand über Petrow, der am Boden lag und sich nicht regte. Mit verwundertem Blick sah der Junge zu ihr, Slawa wusste, dass damit die Rollen vertauscht waren. Denn in demselben Moment, in dem sie um die Ecke kam, wurde ihr schlagartig klar, was passiert war.
»Du bist ein Spitzel«, rief sie Morx zu und dessen Haltung entspannte sich mit dieser Anklage. »Ein Helfer des Systems!«
Nacheinander durchliefen Zeichen verschiedener Emotionen seine Miene: von Überraschung, über Ertapptsein, zum Trotz bis hin zur Gleichgültigkeit.
Slawa kniete sich vor Petrow, er war tot, die Verbrennungen im Gesicht – soweit es noch vorhanden war – zeigten, dass er von einer der Drohnen niedergestreckt worden war. Sie blickte auf und wiederholte: »Ein menschlicher Helfer.« Jetzt lächelte er, schwieg und zog sich einen winzigen Schritt zurück.
Slawa erhob sich. Sie war voller Müdigkeit, all die schweren Jahre lasteten auf ihr. »Alles lief, wie es geplant war«, sagte sie bitter. »Unser Treffen, unsere Gespräche, unser Vorhaben.«
Er lächelte noch immer, wich aber einen weiteren Schritt rückwärts, als Slawa eine verzweifelte Bewegung machte.
Schweigen. Morx gab keine Antwort und Slawa hatte keine Fragen. Sie blickte nach oben, die Drohnen kreisten hoch über ihren Köpfen, als sei nichts geschehen. Sie ignorierten sie beide und ihren Streit.
Als sei nicht eben eine Welt zusammengestürzt und hätte sich nicht alles in Schein und Nebel aufgelöst, was für sie als Hoffnung stand. Ganz so, als wäre jedes beim Alten und sie hätte noch irgendeine Zukunft.
»Oh nein«, sagte Morx und es klang, als spräche er zu einer Schülerin. »Es sind nicht diese Drohnen da oben, die hier alles überwachen, die alles im Blick haben.« Wieder das jungenhafte Lächeln. »Die wahren Herrscher sind in deinem Körper, meine Liebe. Die Nano-Drohnen kontrollieren nicht nur jeden deiner Schritte, sie verzeichnen jeden Atemzug, jeden Herzschlag, den dein Organismus tut. Alle Hormone, die ausgeschüttet werden, alle Körpersäfte stehen unter Aufsicht. Bald sind wir in der Lage, auch deine Gedanken zu lesen.« Er zuckte mit den Schultern. »Dann brauchen wir nicht mehr solch absurde Aufführungen zu geben, um herauszufinden, wie ihr zusammengehört und wer der Ordnung gefährlich werden kann.«
Sie versuchte, ihre Erschütterung im Inneren zu halten, keinen Triumph für Morx! »Hast du diese Bots auch in deinem Körper?«
»Natürlich.«
»Du lieferst dich ihnen aus? Warum?«
Er antwortete nicht mit Worten. In seinem Gesicht ging eine winzige Veränderung vor sich, sie konnte sie zuerst nicht deuten.
»Versuch es gar nicht erst«, warnte sie ihn. Er wusste, was sie meinte.
»Nicht auf diesem Niveau«, erwiderte er. »Ich will dich nicht auf unsere Seite ziehen, mit irgendwelchen blumigen Versprechen.« Mit dem Lächeln sah er wieder aus wie der kleine Junge, trotzdem lag da etwas Entschlossenes in seinem Blick.
»Friss weiter Brot!«, stieß er hervor.
Und noch einmal ging eine Veränderung in seiner Haltung vor sich, jetzt wusste sie, was es war. Seine Gedanken, dachte sie, er gibt den Befehl.
Und im nächsten Moment jagten drei der kreisenden Drohnen herab, geisterhaft lautlos, mit gleißenden Scheinwerfern. Eines der giftigen Flugobjekte stoppte vor Slawas Gesicht, aus dem Nichts schoss ein Laserstrahl auf ihre Stirn. Sie fiel in sich zusammen, wie ein verendetes Reh.
Als ihr Körper zur Ruhe kam vom Sturz, die Vibrationen des Fleisches verebbt, die Augen zum Himmel gerichtet, spiegelte sich der Zennet für kurze Zeit auf einer ihrer Pupillen. Das Augenlid sank herab und es herrschte Dunkelheit.

 

Hallo Hannibal,

vielen Dank für deine Kurzgeschichte, ich habe sie sehr gerne gelesen und mich echt sehr gerne mit ihr beschäftigt. Ich bin natürlich kein Experte, aber würde Dir hier trotzdem mal meine Gedanken teilen, ich hoffe, dass sie Dir helfen oder zumindest interessant für dich sind, aber vieles ist auch einfach meine persönliche Meinung, wo sicherlich andere das anders sehen können.

Ich finde zum Beispiel den ersten Paragraphen der Kurzgeschichte leider nicht sehr gut, da er mir viel zu vage und offen ist. Mit Worten wie "Einsamkeit", "Hoffnung" und "Verzweiflung" beschreibst Du die Welt und die Figur, aber auf diese Weise bin ich nicht hooked, nicht interessiert, mir werden einfach nur Emotionen genannt. Das machst du in der Kurzgeschichte an vielen Stellen, wenn von "Elend" oder "Zuversicht" gesprochen wird zum Beispiel und natürlich finde ich, kann man das mal machen, aber ich bin der Meinung, wenn man die Stellen jedes Mal so umschreiben würde, dass man die einzelnen Worte beschreibt bzw. erzählt, dass das Lesen deutlich mehr Spaß macht.

Ich mochte, dass Du auch das Thema der Identität ansprichst, die Frage wer man ist, stellt sich natürlich oft in SciFi und spricht mich persönlich einfach irgendwie an. Da fand ich es auch eigentlich ganz schön näher auf die Namen einzugehen, dachte dazu, dass ja eigentlich jeder Name ausgedacht ist und was macht einen Namen schon "echt"? Ist ein selbstausgedachter Name nicht vielleicht der echteste Name?

Richtig gepackt hast du mich an der Stelle, als die typischen SciFi Elemente aufgetaucht sind, der künstliche Mond und die Drohnen. Ich finde toll, wie Du den Lesenden paar Details und Infos gibst, aber nicht die Welt erklärst, so kann man sich selbst überlegen, wie es im Rest der Welt läuft, außerhalb des Sektors und da wird unsere Kreativität angeregt und das macht Spaß.

Die Arbeit der Figur finde ich weniger interessant dagegen, da das Arbeiten in einer Fabrik, alle Arbeitenden stumm, die Überwachung von oben, die immergleichen Handgriffe, am Fließband arbeiten und dafür die tägliche Ration bekommen irgendwie häufig zu lesen ist und mir einfach nicht so neu vorkommt.

Andererseits fand ich die Idee, dass dort Handtaschen hergestellt werden auch cool, denn es erscheint so grotesk in dieser grauen, stummen Welt. Aber ich habe mich auch gefragt, wozu man Handtaschen überhaupt noch braucht, in einer Welt mit Nanobots und künstlichen Monden, aber genau das darf/soll man sich ja auch fragen denke ich mal.

Wie Du die Indoktrination durch die Drohnen dargestellt hast und den Trick mit dem Wasser fand ich beides super. Echt interessant und eine coole Idee meiner Meinung nach.

Ähnlich wie meine Kritik am ersten Paragraphen geht auch mein Gedanke, dass Du manchmal Dinge zu sehr benennst oder aussprichst, auch wenn es nicht im Wissen der Figur liegt oder einfach bisschen simpel präsentiert wird. Zum Beispiel wenn die Figuren über ihre Namen oder Jugend nachdenken, oder die Stelle an der Du schreibst, dass deine Figur praktisch keine Privatgespräche führt und intime Beziehungen unvorstellbar sind, dachte ich dazu, dass wenn eine Figur in einer namenlosen, stummen und unpersönlichen Welt lebt und sonst nichts anderes kennt, dann wird sie sich doch dessen garnicht wirklich bewusst sein oder? Wie soll man das Konzept des Namens oder der Intimität vermissen, wenn man es nicht kennt? Ich hoffe du verstehst hier was ich meine, vielleicht beabsichtigst du ja auch genau so zu schreiben, einfach damit wir als Lesende natürlich aus unserer Welt auf die Geschichte schauen und sie verstehen.

Dann fand ich noch toll mit welchen Themen sich die Kurzgeschichte beschäftigt, etwa Identität, Sinn, Konsum und Gesellschaft. Das hat mich alles sehr angesprochen und regt zum Nachdenken an.
Aber es hätte mich gefreut mich mehr mit der Beziehung der Gesellschaft auf der Erde und der auf dem künstlichen Mond auseinanderzusetzen. Wir wissen über beide Situationen einiges und es erscheint ja der realen Situation von Sweet Shops in Dritte Welt Ländern und dem Luxus des Westens angelehnt zu sein und dabei ist doch ein entscheidender Punkt, dass die eine Situation die andere bedingt: Weil die Menschen auf der Erde so hart arbeiten, kann es denen auf dem Mond so gut gehen. Deswegen kann doch mit einer Rakete zurückzufliegen keine Lösung oder Auseinandersetzung des Problems sein.
Auch hätte mich mehr Tiefe mit den Themen interessiert. Ja klar denken wir alle, dass Konsum schlecht ist, "Konsumgesellschaft" ist so negativ konotiert, dass wir uns garnicht mehr damit beschäftigen warum Konsum denn schlecht ist (abgesehen von ökologischen Gründen meine ich, denn die sehe ich hier eher nur am Rande der Geschichte, weil es ja eine individuelle Perspektive ist).

Ich mag die Geschichte insgesamt. Ich finde es wird an keiner Stelle langweilig, sie erscheint mir nirgendwo viel zu lang, auch wenn ich denke, dass man viele kleine Dinge kürzen könnte, da sie schon vorher beschrieben werden oder sich sowieso am geschicktesten unausgesprochen der Fantasie der Lesenden überlassen werden sollten. Aber die Stelle, als plötzlich sich eines Freundes, der zufälligerweise Raketenkonstrukteur ist, erinnert wird, ging mir das plötzlich doch echt schnell und zu kurz, auch wenn ich das Ende dann wiederum ganz gut fand.

Wie gesagt, habe ich die Geschichte total gerne gelesen und sie hat vorallem mir total Lust gemacht wieder mehr Science Fiction zu lesen und das ist doch mal ein Erfolg für eine SciFi Kurzgeschichte. Ich hoffe, dass Du mit meinem Kommentar etwas anfangen kannst.

 

Hallo Max!
Dank dir zunächst für deinen Kommentar, dass du dich mit der Story beschäftigt hast und dass du sie gern gelesen hast.
Ich geh demnächst mal näher drauf ein, da du an vielen Stellen recht hast, nehm ich sie nochmal raus und geh intensiv nochmal drüber, und zwar genau auf diese Kritikpunkte hin.

Dank dir und und schöne Grüße!

 

Hallo Max77!
So, ich habe den Text, der mir übrigens doch schon am Herzen liegt (ist das nicht bei allen eigenen Texten so), nochmal ein wenig überarbeitet, bisschen nachgeschärft.

Du hattest natürlich recht mit deiner Anmerkung, dass viele Begriffe vage sind, die Emotionen und Stimmungen nur nennen, aber nicht beschreiben. Show, don't tell, eigentlich Anfängerwissen.
Ich würde natürlich bei anderen Texten genau darauf hinweisen.

Ich hatte das Setting zwar im Kopf beim Schreiben, meine Hauptfigur und ihr Seelenleben. Das allerdings in Bilder zu packen, für den Leser erfassbar (denn für den Leser gibt es die Welt in der Story ja noch nicht), das ist mir nicht recht gelungen.
Auch, weil ich die Story beim Schreiben entwickelte. Ich muss sagen, das passiert mir leider sehr oft, dass ich zu schreiben beginne, aber das Ende oder gar den Weg dahin noch nicht kenne. Das ist schmählich, laut Poe wird eine Kurzgeschichte von hinten, von ihrem Ende her geschrieben. Eigentlich ist das Ende die Geschichte.

Na ja, ich hatte ein ungutes Gefühl beim Einstellen der Geschichte und du hast mich mit deiner Kritik bestärkt.

Die Themen in der Story sind vielfältig, da hast du auch recht, es wurden während des Schreibens immer mehr, mir war gar nicht klar, wie komplex das Thema werden würde. Und natürlich ist keines der Themen auserzählt. Das mit der Identität und dem Namen habe ich versucht, etwas zu vertiefen. Auch Themen, die mich in letzter Zeit immer mehr interessieren.

Ich finde toll, wie Du den Lesenden paar Details und Infos gibst, aber nicht die Welt erklärst

Das ist tatsächlich eine Schwierigkeit, gib zuviel Details und es wird langweilig, bei zuwenigen kann dasselbe passieren. Man muss genau aufpassen, wieviel und was man preisgibt. Aber letzten Endes lohnt es immer, die Phantasie des Lesers zu fordern.

Auch hätte mich mehr Tiefe mit den Themen interessiert. Ja klar denken wir alle, dass Konsum schlecht ist, "Konsumgesellschaft" ist so negativ konotiert, dass wir uns garnicht mehr damit beschäftigen warum Konsum denn schlecht ist

Ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch fast alles richtig gemacht habe, wenn du dich so intensiv mit mehreren dieser Themen auseinandersetzt, mir ist schon klar, dass du vor dem Lesen des Textes darüber nachgedacht hast. Aber eine Kurzgeschichte kann doch keine Lösungen bieten, höchstens Denkanstöße. Ich weiß schon, ich ziehe mich ein wenig aus der Verantwortung, der Text an sich ist ja sehr düster und bietet keine Lösung. Im Gegenteil, letzten Endes ist die Auflösung ja nichts anderes als Hoffnungslosigkeit.
(Und alles ist letztlich auf den Umweltfaktor zurückzuführen, die Welt aus der wir eben nicht rauskommen.)

Ich mag die Geschichte insgesamt. Ich finde es wird an keiner Stelle langweilig...

Ich freue mich, viel mehr kann ich doch kaum erwarten, nicht wahr. Und du hast dir kluge Gedanken dazu gemacht, damit bin ich schon mal sehr zufrieden.
(Mit der zu hastigen Einführung von Petrow gebe ich dir recht, ich fand aber keine wirkliche Lösung für dieses Problem. Hab das Thema etwas früher angesprochen, was manchmal wirkt.)

Hat mich gefreut, dein Kommentar, er hat auch was bewirkt, ich habe mich mit dem Stück noch eingängiger beschäftigt, als vorher ohnehin schon.
Vielen Dank dafür und schöne Grüße von meiner Seite!

 
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So, wie es der Titel anspricht, das Paradies sei (oder vielleicht auch genauer: ) wäre immer anderswo“ lässt sich gefahrlos ergänzen, „wo ich und Du“ oder einfacher „wo wir gerade nicht sind“ und spätestens seit Robinson wissen wir, dass selbst eine Einsiedelei auch in fruchbarster Landschaft kein Garten Eden ist, sondern utopisches Denkspiel bleibt,

lieber @Hannibal,

und genau deshalb ist es immer da, wo ich/Du/ er/sie/es gerade nicht bin/bist/sind – und das gilt selbst für Onkel Dagobert, mag er noch so sehr in seinen Talern baden (zum alltäglichen Gewäsch braucht auch er schlichtes Wasser) –
aber was mir insbesondere auffällt ist Deine Namenswahl, "Slava" ([sla:va:] ich unterstell mal, dass die beiden Silben betont werden), was zunächst an eine weibliche Form des „Slawen“ erinnert, deren sprachlichen Wurzel nicht nur klanglich, sondern auch historisch mit der Bezeichnung des „Sklaven“ einhergeht.

Eine Anspielung?, vllt. auf die Sklaverei, der" man" sich selber aussetzt, wenn „mensch“ sich in der Hierarchie unterordnet ob bedingungslos oder in der Absicht/Hoffnung des gesellschaftlichen Aufstiegs.

Trivialeres

Schmutz und Einsamkeit. Seit so vielen Jahren schon, und von Beginn an keine Hoffnung.
Gefällt mir, die kleine elliptische Invasion - Ellipsen sind m. E. literarische Brandbeschleuniger.
Aber: Warum das Komma?

Da gibt’s im relativ umfangreichen Kanon der deutschen Zeichensetzung keine Vorschrift oder Empfehlung und im Falle einer Pause haben wir im Deutschen einen Stall von Strichen vom Binde-, über den Halbgeviert- (frag mich nicht nach seiner Länge, die wahrscheinlich einer DIN-Norm entspricht, Grammatiker gleichen halt einer anderen Art von Mathematikern und selbst unser wichtiges "erzählen" führt die Zahl noch im Maul) bis zum Gedanken- und Trennungsstrich.

Aber schon die zwei ersten Buchstaben hier

So oft hatte Slawa daran gedacht, ...
erscheinen mir entbehrlich ...

wie hier das zwote Komma

Sie kletterte behände auf das Metallgerüst, schob sich hinter den Sicherheitsbügel und sprang von dort auf den Kai, knapp zwei Meter in die Tiefe.

Hier war sie allein, keine Menschenseele, nur die verdammten Drohnen am Himmel; sie setzte sich auf den Beton, sah zu, wie das Klärwasser aus der Öffnung direkt unter ihr hervorschoss und sich in den unendlichen Ozean ergoss.
Naja, der Weltraum mag unendlich sein – aber ein irdisches Gewässer?
Dem würd ich eine Unendlichkeit nicht zugestehen. Nicht dem Ozean, sondern seinem Attribut gilt mein Zweifel, die Du durch die Hinzufügung eines „schier“ evtl. beseitigen kannst oder jegliches Attribut weglässt … Selbst ein Kind weiß um den Größenunterschied seines Ozeans von Tränen mit jedem beliebigen anderen Gewässer.

Doch war das hier der Lieblingsort von Slawa – der mageren, verbitterten, tapferen Slawa – an den sie sich, wann immer es möglich war, zurückzog.
Durch den allerwelts Einschub produzierstu ein schwache Klammer. Warum nicht „an den sie sich zurückzog, wann immer es möglich war - und sparst noch ein Komma ...

Jeder Stein hat eine Geschichte, jede Wolke weiß, wo sie herkommt.
Naja, jetzt wirds fabelhaft …

nicht mal der Dampf aus dem Dampfer weiß von seiner Her- und Hinkunft …

... inmitten der Trümmer, die vor Generationen eine »Apotheke« dargestellt hatte, …
durch die Trümmer gerät der (Teil)Satz in den Plural
"... dargestellt hatten, …"

Doch keine Drohne kam herangebraust, die üblichen Überwacher zogen ihre Bahnen an der Decke, ohne innezuhalten – ein unheimlich gleichförmiges Surren unter dem Dach.
Komma weg!, selbst wenn Du beim (vor-)Lesen eine Atempause einlegen solltest ...

»Es ist sinnlos«, kam es zurückgezischt.
Warum zwo Verben, wo eines genügt ...? Warum nicht schlicht:
»Es ist sinnlos«, zischte es zurück.

Sie knetete wie besessen ihre Hände ineinander, sah sie aus stumpfen Augen an. »Wozu das Ganze?!« Gleich würde sie anfangen zu weinen.
Warum „would“, pardon, würde, wenn Futur I doch auch ganz schön offen ist, entweder sie wird weinen oder eben nicht ...

Wie dem auch wird,

gern gelesen vom

Freatle

 

Hallo Friedrichard!
Schön dass du den Weg hierher gefunden hast und schön, dass du das gern tatest.
Ich hatte je ein wenig Bammel, gerade von dir zu hören, weil du immer, wirklich immer was findest und das auch immer Hand und Fuss hat, insofern weiß ich, dass es etwas zu tun gibt, aber ich weiß auch, dass ich lerne:D.

Ich muss zugeben, dass ich den Namen "Slawa" aufs Geratewohl wählte, er kam mir in den Sinn, er gefiel mir und ich fand ihn passend. Nachdem die Entscheidung feststand, fand ich heraus, dass der Name "Slava" in der Sowjetunion ein gebräuchlicher Männername war und mit "w" das ein Frauenname in der Ukraine darstellt. Wusste ich nicht, die Assoziation deinerseits zu dem Wort "Sklawe" gefällt mir und ich rede mir derzeit ein, dass ich unterbewusst mit dieser Kette spielte.
Ich glaube aber nicht, dass Namen bei mir eine inhaltliche Bedeutung haben (außer "Herr Niedrig" natürlich), eher eine klangliche. Sie müssen passend sein, sich passend anhören.

Die Frage nach dem Komma deinerseits ist berechtigt, es hat keine grammatikalische Berechtigung. Ich fand es schön, die beiden Teilsätze auch durch dieses Satzzeichen voneinander zu trennen. Ob es sinnvoll ist? Ich weiß es nicht genau und denke darüber nach.

Bei dem "So", das du kurz danach ansprichst, geht es mir genauso. Der Satz funktioniert auch ohne, keine Frage, aber tut er das ebenso gut?


Mit dem Komma danach und erst recht mit dem unendlichen Ozean hast du uneingeschränkt recht, das wird verändert.

Jeder Stein hat eine Geschichte, jede Wolke weiß, wo sie herkommt.
Naja, jetzt wirds fabelhaft …

Ich entnehme deiner feinen Ironie, dass der Abschnitt dich nicht unbedingt flasht:D Ich war und bin auch unsicher, ob das nicht ein klein wenig pathetisch und overdressed ist. Aber an dieser Kante tänzele ich die ganze verdammte Geschichte entlang und hin und wieder falle ich über den Rand des Klischees hinaus.

Die weiteren hilfreichen Anmerkungen sind auf fruchtbaren Boden gefallen und ich werde sie einarbeiten und nach deinen Hinweisen hin ändern.
Danke also dafür und danke für deinen netten Besuch!

Einstweilen schöne Grüße von meiner Seite!

 

Hallo @Hanniball,

ein langer Text, deshalb relativ viele Anmerkungen. Ich hoffe, du kannst damit etwas anfangen.:)

Schmutz und Einsamkeit. Seit so vielen Jahren schon, und von Beginn an keine Hoffnung.
So oft hatte Slawa daran gedacht, ihrem Leben ein Ende zu setzen, den Drohnen zu entkommen mit der einzigen Möglichkeit, doch dann gab es immer wieder diesen Ort hier, ihren Lieblingsplatz in einem Meer aus Verzweiflung.
Wenn ich das lese, bekomme ich Stereotypen-Allergie: Fast alles, was man immer wieder findet, um Emotionen zu wecken marschiert hier auf. Gut die Welt, in der Slawa lebt ist so düster - aber gleich alle Aspekte so plakativ aufzählen, das ist mir zu viel auf einmal. Selbstmordgedanken, die Drohnen - das kann sich in der Geschichte entwickeln.

Sie kletterte behände auf das Metallgerüst, schob sich hinter den Sicherheitsbügel und sprang von dort auf den Kai, knapp zwei Meter in die Tiefe.
Das kann ich mir nicht gut vorstellen: Sicherheitsbügel kenne ich von der Achterbahn (Absperrung? Geländer?).

Doch war das hier der Lieblingsort von Slawa – der mageren, verbitterten, tapferen Slawa
'Doch das war' (ohne hier; wo sonst?) finde ich flüssiger. Dann wieder die geballte Ladung 'Plakate': Mager ... (s.o.).

Selten verirrten sich Drohnen herunter, obwohl sie stetig lautlos in großer Höhe schwebten.
"obwohl" bzw. "stetig" scheint mir nicht zu passen: Obwohl sie stetig oben sind, verirren sie sich selten nach unten? (Eigentlich 'weil'). Wenn sie stetig in der Höhe sind, können sie nicht unten sein.

Selten verirrten sich Drohnen in diesen Bereich, lautlos überwachten sie aus großer Höhe die bewohnten Gebiete (oder so ähnlich :D). Drohnen müssen nicht "herunter" kommen, um etwas zu überwachen.


Hier, direkt über den Ausleitungen des gesamten Sektors, über diesem stinkenden Wasserfall, fand sie den geschütztesten und angenehmsten Ort in der Hölle.

Das ist gut getroffen: Ein angenehmer Ort in der Hölle, das lässt hoffen ...

Jeder Stein hat eine Geschichte, jede Wolke weiß, wo sie herkommt. Wenn ein Stück Stoff ein Bewusstsein hätte, wüsste es, woraus es gefertigt ist.
Slawa hatte keine Ahnung, wer sie war, ob sie schon immer hier in dieser Hölle gelebt
Gelungener Vergleich, ungewöhnlich, interessant.

Eine Stadt, in der nur Ratten leben konnten.
Nun, sie lebt auch dort. Eher: ... Ratten sich wohlfühlen ...

Weshalb sie sie verrichteten, konnte sie nur vermuten;
Dreimal "sie".

Einen der wenigen Gefühlsausbrüche, die sie miterlebt hatte, als eine der Gestalten hier so etwas wie Seelenleben offenbarte, und sie sich nicht gegenseitig ignorierten oder bekämpften und um irgendeinen kleinen Vorteil rangelte, war ausgerechnet an ihrem Arbeitsplatz, der eigentlich ein Lebensplatz war.
Ein laaanger Satz! Einen der ...

Die Arbeiterin sank übergangslos zu Boden und rollte unters Band wie eine leblose Gliederpuppe.
Ein lebloser Körper rollt nur bei starkem Gefälle.

Dies alles ohne einen Laut, keine Aufmerksamkeit und wie nebenbei.
Das ist nicht flüssig: Dies geschah lautlos, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, einfach so nebenbei.

Gesichter unter Staub verlieren ihre Identität. Man erkennt Unterschiede, jedoch sind diese nicht wichtig, vorherrschend ist das Merkmal des Drecks, der Vernachlässigung, des Verfalls.
Erschöpfte Kreaturen in kaputten Fassaden.
Eine tolle Beschreibung von Persönlichkeitsberaubung.

Nimm den Mund voll Wasser!« Und ihm die Flasche zu reichen, nachdem sie selbst einen Schluck genommen hatte. »Behalt ihn im Mund!« Und bevor die Drohnen sich herabsenkten: »Das schützt vor ihren Botschaften.«
Den Trick hat sie vielleicht von irgendjemand gehört, eine gute Idee.

»woHLstAnd ist luXus!«
Das klingt wie eine Kritik am Wohlstand, wie Wohlstand ist überflüssig. Das passt nicht zu den anderen Slogans.

Er schüttelte den Kopf. Wie sie nebeneinandersaßen, Schulter an Schulter, spürte sie es an seiner Bewegung, es machte sie noch trauriger.
Unnötig kompliziert, wenn mit 'Als' anstelle von "Wie".
Er schüttelte den Kopf. Sie konnte es spüren, weil sie Schulter an Schulter nebeneinander saßen. Es ...

Trotzdem gab es zwei Exekutionen, von denen eine direkt neben ihr explodierte.
Das klingt so, als ob die Exekution explodiert.

Und wie sie über der Festtafel dahinglitt
Und als ...

Drei volle Tage benötigte es noch, lange, düstere Tage, bis sie sich auf dem Weg zur Fabrik wiedersahen.
Vielleicht ist das lokale Sprache - ... Tage dauerte ...

Es gelang ihr, ihm ihren Treffpunkt zuzuflüstern
Den Treffpunkt muss sie nicht flüstern, der ist bekannt. Nur der Zeitpunkt nicht.

Sie spürte, wie er sich abermals spannte.
Doppelung. Verkrampfte (?)

Slawa verharrte, sie war andauernd auf Attacken gefasst, doch in diesem Moment kam sie unerwartet.
kamen sie ...

Du benutzt viele "und", wenn du einen Satz fortführen willst.


+

Nach der ganzen Textzerpflückerei ;)willst du vielleicht wissen, wie das Ganze auf mich gewirkt hat.

Mir ist der Text zu lang, die Beschreibung der Arbeit, der Kontrollen ist zu ausführlich und in Abschnitten redundant.

Der Brot/Torte-Test, mit seiner starken Konsequenz steht auf wackligen Beinen: Eine Gesellschaft mit den beschriebenen Möglichkeiten hat subtilere Methoden, um Abweichler zu enttarnen.

Es war ziemlich klar, dass der Kerl ein Spitzel ist, er war zu auffällig anders, als die anderen; außerdem war es naheliegend.

Die Möglichkeit zur Flucht, falls der Spitzel nicht eingegriffen hätte, erscheint mir sehr unrealistisch: Erstens, die Überwachung, zweitens, die materiellen, logistischen Probleme einer solchen Unternehmung.
Übrigens: Der tolle 'Freund' ist ein 'Deus ex machina'-Trick, der verbraucht wirkt.

Vielleicht 'verhungert' dein Text vor lauter Ambition vieles anzusprechen zwischen den 'Heuhaufen' der Konsumkritik, einer Fluchtgeschichte, eines 1984-Remakes.

Jetzt habe ich natürlich einen Punkt unterschlagen, mit Absicht, denn er gehört nicht zu dem kritischen Teil, sondern ist ein positiver Aspekt: Die Entscheidung das protektive Wasser wegzulassen und vielleicht Erkenntnis zu gewinnen, ist für mich der gewichtigste Teil deiner Geschichte. Will man gewissermaßen vom Baum der Erkenntnis essen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Entscheidung - so oder so? Das trifft (in kleinerem Umfang) auch auf jeden von uns zu. Das ist ein echter Konflikt mit philosophischem Potential.

Jetzt brauche ich eine Pause:cool: !


Bis bald,

lG,

Woltochinon

 

Hallo Woltochinon,

entschuldige bitte, wenn der Eindruck entstand, dass ich kein Interesse mehr an dieser Geschichte oder gar an deinem Kommentar hätte. Dem ist nicht so, natürlich. Umstände hielten mich ab, zeitnah (was für ein hässliches Wort!) zu antworten.

So soll es nun passieren.


Dank für deine Geduld, deine kluge Kritik von Seiten des Rezipienten, dein Wissen, das du hier teilst.

Wenn ich das lese, bekomme ich Stereotypen-Allergie

Wahrscheinlich mit denselben Worten würde ich bei anderen kommentieren, bei meinem eigenen Baby tut das sehr weh. Aber du hast natürlich recht, die geballte Ladung und kaum passt die Forderung »Show, don’t tell« woanders besser.

Doch, sag du mir, wie ist das Problem zu lösen? Ich will den Leser einführen, möglichst schnell, möglichst abrupt in die Welt voller Düsternis. Denn für mich besteht die Welt, der Distrikt, ich war Stunde um Stunde da, habe mich damit beschäftigt und bin der Protagonistin gefolgt. Ich muss also in ganz wenigen (überraschenden) Worten das Setting beschreiben, mir scheint wir haben hier das Problem des ersten Satzes.

Selbstmordgedanken, die Drohnen - das kann sich in der Geschichte entwickeln.

Nun, richtig, aber: Die Geschichte ist eine andere, da spielen sich andere Sachen ab.
Nochmal: Ich verstehe deinen Einwand, ich unterstütze ihn, ich weiß nur nicht recht, wie ich es besser machen kann.

Sie kletterte behände auf das Metallgerüst, schob sich hinter den Sicherheitsbügel und sprang von dort auf den Kai, knapp zwei Meter in die Tiefe.
Das kann ich mir nicht gut vorstellen: Sicherheitsbügel kenne ich von der Achterbahn (Absperrung? Geländer?).

Treffer!
Das war noch übrig von der ersten Fassung.

Selten verirrten sich Drohnen herunter, obwohl sie stetig lautlos in großer Höhe schwebten.
"obwohl" bzw. "stetig" scheint mir nicht zu passen: Obwohl sie stetig oben sind, verirren sie sich selten nach unten? (Eigentlich 'weil'). Wenn sie stetig in der Höhe sind, können sie nicht unten sein.

Selten verirrten sich Drohnen in diesen Bereich, lautlos überwachten sie aus großer Höhe die bewohnten Gebiete (oder so ähnlich :D). Drohnen müssen nicht "herunter" kommen, um etwas zu überwachen.


Ich habe den Originalsatz jetzt dutzende Male gelesen und mit jedem neuen Mal erscheint er mir unglaubwürdiger. Angefangen von dem Verb "verirren" bis hin zu deinen Einwänden. Das ist in der Tat ein Unfall, keine Beschreibung.:D

Jeder Stein hat eine Geschichte, jede Wolke weiß, wo sie herkommt. Wenn ein Stück Stoff ein Bewusstsein hätte, wüsste es, woraus es gefertigt ist.
Slawa hatte keine Ahnung, wer sie war, ob sie schon immer hier in dieser Hölle gelebt
Gelungener Vergleich, ungewöhnlich, interessant.

Hmm, Friedrichard hat mir eben diese Passage um die Ohren gehauen. Ich fand sie eigentlich auch immer ziemlich ... interessant. Vielleicht sollte ich die Ballung etwas auflösen, weniger ist mehr.

Einen der wenigen Gefühlsausbrüche, die sie miterlebt hatte, als eine der Gestalten hier so etwas wie Seelenleben offenbarte, und sie sich nicht gegenseitig ignorierten oder bekämpften und um irgendeinen kleinen Vorteil rangelte, war ausgerechnet an ihrem Arbeitsplatz, der eigentlich ein Lebensplatz war.
Ein laaanger Satz! Einen der ...

Hmm, interessant, findest du? Ich habe mich extra und mit Vorsatz nicht zurückgehalten, was die langen Sätze betrifft (wenigstens in einigen Passagen). Den Leser fordern, ihm zutrauen, dass er den Anfang des Satzes noch im Gedächtnis hat, wenn er am Ende desselben ist. Ich meine, das ist doch ein Anzeichen für definitive Aufmerksamkeit. Vielleicht bin ich auch zu sehr geprägt von Autoren, die ich gerade lese? Vielleicht ist ein wenig Hybris dabei:shy:

Die Arbeiterin sank übergangslos zu Boden und rollte unters Band wie eine leblose Gliederpuppe.
Ein lebloser Körper rollt nur bei starkem Gefälle.

Du bist der Leser, für dich allein hast du natürlich immer recht; das ist auf der anderen Seite genauso. Ich hatte sofort den Eindruck, dass dieser Einwand sehr kleinteilig ist, ich weiß, was du meinst, in dem Moment kann ich ihn auch verstehen.
Aber kann das sein, dass das genau so eine Kritik ist, wenn man einen Text liest und auf der Suche nach Fehlerchen ist? Wohlgemerkt, das ist eine Frage und für dich selbst, das ist ja die Crux am Schreiben und am Lesen, für dich als Rezipient hast du immer recht. Und die Misere an unserer Passion ist ja wohl, dass derjenige, der für die Massen schreibt, der Erfolgreiche ist, aber vielleicht gar nicht der Bessere ... Ach, ich weiß nicht.

Dies alles ohne einen Laut, keine Aufmerksamkeit und wie nebenbei.
Das ist nicht flüssig: Dies geschah lautlos, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, einfach so nebenbei.

Ebenso wie oben. Ist flüssiges Lesen immer gutes Lesen? Ich war auch mal auf dem Trip, Kürzen, Kürzen, Kürzen. Nur das Notwendigste. Aber reicht das, um auszudrücken, was ich ausdrücken will?
Im Übrigen ist der obere Satz um einiges kürzer als der, den du vorschlägst. Was für ihn sprechen würde.

»woHLstAnd ist luXus!«
Das klingt wie eine Kritik am Wohlstand, wie Wohlstand ist überflüssig. Das passt nicht zu den anderen Slogans.

Nicht, wenn man Luxus als erstrebenswert ansieht, als Ideal. Deine Konnotation des Begriffes steht dir im Weg.

Drei volle Tage benötigte es noch, lange, düstere Tage, bis sie sich auf dem Weg zur Fabrik wiedersahen.
Vielleicht ist das lokale Sprache - ... Tage dauerte ...

Wirklich lokal? Ich hätte gedacht, dass der obere Begriff einfach nicht so abgegriffen wirkt. Ich kenne ihn.

Du benutzt viele "und", wenn du einen Satz fortführen willst.

Ein wertvoller Hinweis!

Mir ist der Text zu lang, die Beschreibung der Arbeit, der Kontrollen ist zu ausführlich und in Abschnitten redundant.

Ich muss zugeben, dass der Text immer länger wurde, je mehr ich mich damit beschäftigte. Der Ausgangspunkt, man glaubt es kaum, war die Idee von dem Ort, an den die Elenden dieser Welt verschickt werden, weil niemand sie aufnehmen will. Dieses ganze Gezerre um Menschen, die geflohen sind und so, na ja ... Daraus entspann sich die Story, doch mit jedem Detail, das ich einfügte, musste ich eine Erklärung nachliefern, die wiederum mit Details angereichert waren, die erklärt werden mussten.
Ich weiß nicht, ob das Ganze funktioniert hätte, wenn ich auf die Beschreibungen verzichtet hätte (du kannst mir natürlich entgegenhalten, dass ein versierter Autor die Zeichnungen in wenigen Worten detailscharf zu Papier gebracht hätte; doch dafür sind wir ja hier, nicht wahr:dozey:)

Übrigens: Der tolle 'Freund' ist ein 'Deus ex machina'-Trick, der verbraucht wirkt.

Der große Schwachpunkt. Sag du, wie man ihn lösen kann!

Die Entscheidung das protektive Wasser wegzulassen und vielleicht Erkenntnis zu gewinnen, ist für mich der gewichtigste Teil deiner Geschichte.

Ich glaube diesen Satz zu verstehen, bin mir aber nicht ganz sicher.
Eigentlich wollte ich viel mehr mit Andeutungen arbeiten, ich mag solche Texte, die viel Raum lassen für Deutungen, doch man muss wissen, welche Andeutungen man macht, damit man den Leser auf die genehme Fährte lockt. Darüberhinaus geht manchmal (ach was, viel zu oft) der Erklärbär mit mir durch, schrecklich, diese Eigenschaft.
Vielleicht 'verhungert' dein Text vor lauter Ambition vieles anzusprechen zwischen den 'Heuhaufen' der Konsumkritik, einer Fluchtgeschichte, eines 1984-Remakes.

Da ist bestimmt einiges dran, für all die Vorhaben war die Geschichte dann doch noch zu kurz.
Mir waren die Fußstapfen sehr bewusst, in die ich trete. Da ist ja nicht nur Orwell, und mir war klar, dass das eine wacklige Angelegenheit werden wird. Wenn man das Ganze zu einer stimmigen Story zusammenkleben kann, könnte es was werden.
Schade, in meiner Wahrnehmung war ich auf einem guten Weg dahin.


Ich danke dir. Auch wenn ich nicht alle Einwände teile, werde ich sie doch beherzigen.

Auf bald und schöne Grüße von meiner Seite!

 

Hallo @Hanniball,

ich danke dir für deine ausführliche und informative Replik!

:shy:
Die Arbeiterin sank übergangslos zu Boden und rollte unters Band wie eine leblose Gliederpuppe.
Ein lebloser Körper rollt nur bei starkem Gefälle.
Du bist der Leser, für dich allein hast du natürlich immer recht; das ist auf der anderen Seite genauso. Ich hatte sofort den Eindruck, dass dieser Einwand sehr kleinteilig ist, ich weiß, was du meinst, in dem Moment kann ich ihn auch verstehen.
Aber kann das sein, dass das genau so eine Kritik ist, wenn man einen Text liest und auf der Suche nach Fehlerchen ist? Wohlgemerkt, das ist eine Frage und für dich selbst, das ist ja die Crux am Schreiben und am Lesen, für dich als Rezipient hast du immer recht. Und die Misere an unserer Passion ist ja wohl, dass derjenige, der für die Massen schreibt, der Erfolgreiche ist, aber vielleicht gar nicht der Bessere ... Ach, ich weiß nicht.

"Ich hatte sofort den Eindruck, dass dieser Einwand sehr kleinteilig ist" das habe ich mich schon oft bei meinen Kritiken gefragt: Ist mein Kritikpunkt eigentlich relevant? Obwohl ich mir natürlich ganz, ganz sicher bin ;) nicht nach "Fehlerchen" zu suchen, ist deine Anmerkung ein guter Hinweis in dieser Beziehung wirklich achtsam zu sein. Ich finde, dem Autor gehört der Text, seine konstruierte Wirklichkeit muss ich akzeptieren, es sei denn, es gibt textimmanente Widersprüche (so richtig viel lässt sich nicht objektiv kritisieren).

»Weißt du, was du von mir verlangst? Ich soll allen Schutz fallen lassen, keine Verteidigung mehr.
Woltochinon:
Die Entscheidung das protektive Wasser wegzulassen und vielleicht Erkenntnis zu gewinnen, ist für mich der gewichtigste Teil deiner Geschichte.
Ich glaube diesen Satz zu verstehen, bin mir aber nicht ganz sicher.
Ich meine, dass hier ein allgemeingültiges Problem angesprochen wird: Die Protagonistin muss sich entscheiden ein Risiko einzugehen, um ihre Situation zu verbessern - oder nach dem Motto 'da weiß man, was man hat' weiter in alten Verhaltensmustern verharren. Eigentlich eine Problemstellung die der Einzelne, aber auch Gesellschaften, erleben können.

Hanniball:
Und die Misere an unserer Passion ist ja wohl, dass derjenige, der für die Massen schreibt, der Erfolgreiche ist, aber vielleicht gar nicht der Bessere

Ich denke, dass kommt auf die Definition von 'was ist gut' (oder 'besser') an: Vielleicht ist ein Autor so gut, dass er die Massen erreicht? Wenn man nicht finanziell vom Schreiben abhängig ist, kann man sich wahrscheinlich mehr literarische Eskapaden erlauben.

Ich danke dir. Auch wenn ich nicht alle Einwände teile, werde ich sie doch beherzigen.
Das werde ich auch.

War anregend,

liebe Grüße,

Woltochinon

 

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