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Das Schicksal der Feuerdrachen

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28.08.2016
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Anmerkungen zum Text

Diese Kurzgeschichte handelt zur selben Zeit und auf demselben Planeten wie mein Roman TARVOS, funktioniert aber als eigenständiges Werk.

Das Schicksal der Feuerdrachen

Es gibt keine Drachen mehr. Sie sind schon Jahrhunderte vor der Ankunft der Erdmenschen auf TARVOS ausgestorben. Unsere Forschungsergebnisse lassen keine andere Erklärung zu.

Fatu schließt das Buch und legt es auf die Fensterbank. Das ist die Antwort, nach der er gesucht hat. Sie steht hier. Klar und unmissverständlich. Sein Blick wandert durch die Glasscheibe in den Hof. Auf die Holzpergola, die Blumenbeete und den entfernten Regenwald, hinauf zum Nachthimmel.
Wo bleibt es? Das Gefühl des Triumphs, Recht zu haben? Fatu legt seine Finger auf den Buchdeckel. Er streicht darüber, hinterlässt verschwitzte Spuren. Sein Wissen nutzt nichts, wenn es sich nicht verbreitet. Derzeit ist nur eine Mischung aus Wahrheit und Legenden bekannt: Eisdrachen im Kronmassiv in Atlas. Wasserdrachen im Ozean von Orcus. Und Feuerdrachen im Südmassiv in Varuna. Ja, sie waren dort einst verbreitet, aber nicht mehr heute. Die gegenteilige Behauptung wird verwendet, um Kindern vor dem Spielen außerhalb der Städte abzuschrecken. Es ist eine hartnäckige Lüge, die wie vieles die Trennung zwischen Stadt und Wildnis beschleunigt hat. Wie soll man dagegen vorgehen?
Fatus Hand wandert vom Wälzer an die Stirn. Die Vulkane im Südmassiv. Dort gibt es noch die besten Chancen, etwas Greifbares zu finden. Immerhin wurde dort zuletzt vor 300 Jahren ein Exemplar gesichtet. Vielleicht verstecken sich erhaltene Überreste unter der Asche eines längst vergangenen Ausbruchs.
Ein leises Knarren ertönt. Die Tür öffnet sich und Inigma betritt den Raum. Sie trägt eine Tasse mit dampfendem Inhalt.
„Kugelnusstee“, sagt sie und stellt die Tasse auf das Fensterbrett. „Weil du nicht schlafen kannst.“
„Danke.“
Er muss sie nicht ansehen, um ihren besorgten Blick zu spüren. Die cremige Flüssigkeit wärmt seinen Hals.
„Erinnerst du dich an unsere Forschungsreise im Südmassiv?“, fragt Fatu, während er in den Tee starrt. „Die Leute aus der Siedlung haben uns von Feuerdrachen im Vulkan erzählt.“
„Das beschäftigt dich also. Warum denkst du immer noch daran?“
„Ich habe seitdem viel über die Geschichte der Drachen gelesen.“ Fatu zeigt auf das Buch. „Das habe ich in der öffentlichen Bibliothek von Lusamo gefunden. Darin steht, dass es keine lebenden Exemplare mehr gibt.“
„Ich verstehe. Du willst zurück und nachsehen, ob das stimmt.“
„Es stimmt, das weiß ich. Sie wurden von den Menschen ausgerottet. Stell dir vor, wir finden uralte Knochen mit Spuren, die das belegen. Solche Überreste müssen endlich in die richtigen Hände gelangen.“
Inigma verschränkt die Arme und schaut aus dem Fenster. „Angenommen, wir reisen zum Vulkan und suchen nach diesen Überresten. Wenn wir wirklich etwas finden, wäre das überzeugend genug? Würde man dem IFI glauben?“
„Natürlich! Das Institut für Innovation hat einen guten Ruf. Sobald die Information zur Zentrale in Neu Zepting dringt, wird dafür gesorgt werden, dass sich das Wissen verbreitet. Wieso stellst du das infrage? Hast du vergessen, was das IFI in den letzten 50 Jahren geleistet hat? Gut, warum die Erdmenschen so aussehen wie wir, ist immer noch ungeklärt. Aber denk an den technologischen Fortschritt, der ansonsten nie möglich gewesen wäre.“
„Du bist ein Sturkopf, Fatu. Dir geht es immer darum, Recht zu haben. Wenn du mit dem Helikopter umgehen könntest, wärst du schon längst aufgebrochen.“
Fatu legt seine Hand auf ihre Schulter, sieht ihr in die Augen. „Es geht nicht nur um mich. Manche Leute haben immer noch Angst vor Drachenangriffen. Das darf nicht so bleiben!“
„Jetzt übertreibst du aber. So schlimm ist es nicht.“
„Bitte lass mich zumindest nachsehen.“
Inigma seufzt. „Also gut. Morgen fliegen wir weg. Für die Wahrheit. Und für dein Gewissen.“

Die Sonne steht noch tief über dem Tropenwald, als Inigma und Fatu eine Kiste mit Proviant im Helikopter verstauen. Fatu schließt die Tür zum Frachtraum und fragt: „Bist du bereit?“
Als Antwort zieht Inigma den Reißverschluss seiner Weste nach ganz oben. „Ich hoffe, du unterschätzt dein Vorhaben nicht. Auch wenn du nur kurz im Vulkankrater nachsehen willst, darfst du dich nicht völlig auf die Spezialausrüstung verlassen.“
„Keine Sorge. Du weißt, dass ich so etwas nicht zum ersten Mal mache.“ Fatu streicht die Falten seiner Kleidung glatt, als er sich hinsetzt. Ihre wasserabweisende Oberfläche würde er wohl nicht benötigen, die eingebaute Klimaanlage hingegen schon. Dröhnend machen sich die Rotorblätter bemerkbar, als Inigma den Helikopter startet. Sie steuert ihn weg vom Gartengelände, weg von der Stadt Lusamo. Schon erstreckt sich endloser Dschungel unter ihnen. Bäume in allen Farbtönen von Grün bis Blau rasen vorbei. Die Entfernung zum Vulkan am Horizont schrumpft nur langsam.

Stunden später ist die Erhebung in unmittelbarer Nähe. Fatu entdeckt Hütten aus Flechtwerk, die ein kleines Dorf bilden. Es ist dasselbe illegale Dorf, das sie letztes Mal entdeckt hatten. Auf einem Zwischenplateau daneben befindet sich eine Lichtung. Inigma reduziert die Flughöhe und nähert sich vorsichtig dem Landeplatz.
Ihnen bleibt nicht lange, die nächsten Schritte zu überlegen. Ein Dorfbewohner tritt durch den Wald und nähert sich ihnen. Er trägt schlichte Kleidung und eine Machete.
„Warum seid ihr zurück?“ Seine Augenbrauen sind zusammengezogen.
Fatu steigt aus dem Helikopter und stellt sich neben Inigma. „Es ist schön, dass wir einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Wir haben weitere Forschungen in der Umgebung geplant. Es wird nicht lange dauern.“
„Du verschweigst etwas. Erzähl die ganze Wahrheit! Willst du unsere Siedlung an die Regierung von Varuna verraten?“
„Nein! Niemals. Solche Eingriffe sind keine Ziele des IFI.“ Fatu hebt die Hände, er macht einen Schritt zurück. „Du kannst uns vertrauen. Ich vertraue auch dir und verrate, was ich vorhabe. Ich will in den Vulkan und nach Überresten der Feuerdrachen suchen.“
„Der Vulkankrater ist ein heiliger Ort. Man darf ihn nur allein betreten.“
Fatu tauscht einen kurzen Blick mit Inigma aus, bevor er antwortet: „Genau das hatte ich vor. Ich werde dort selbstverständlich allerhöchsten Respekt zeigen.“
„Gut. Aber ich warne dich: Im Vulkankrater haben Leichtsinnige nichts verloren. Niemand unserer Leute wollte ein zweites Mal dorthin. Es ist kein Ort, der für Menschen geeignet ist.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, dreht sich der Bewohner um und geht. Er verschwindet im Gestrüpp und lässt die beiden schweigend zurück.
„Weißt du, was du in der Zwischenzeit tun wirst?“, fragt Fatu.
Inigma rollt mit den Augen. „Ich werde Proben sammeln. Hier wachsen Pflanzen, die ich letztes Mal nicht gesehen habe. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Hast du dem Mann zugehört? Der Vulkan wird aus gutem Grund gemieden.“
„Von Legenden lasse ich mich nicht abschrecken.“
Fatus Blick ist auf die Bergspitze gerichtet, doch Inigma stellt sich dazwischen.
„Hör wenigstens mir zu“, sagt sie. „Wir sind jetzt schon hier, also werde ich dich nicht mehr aufhalten können. Du musst mir aber versprechen, dass du dich nicht unnötig in Gefahr begibst.“
„Ich werde auf mich aufpassen. Du brauchst dir keine Sorgen machen.“
„Wie du meinst. Bitte sei vorsichtig.“

Sämtliches Gebüsch des Regenwaldes ist aus Fatus Sichtfeld verschwunden. Rauer, violetter Fels erhebt sich vor ihm. Bei jedem Schritt rollen kleine Steinbrocken unter seinen Schuhen weg, dagegen helfen auch die vom IFI entwickelten Sohlen mit hoher Haftung nicht.
Der Aufstieg dauert länger als gedacht. Je mehr die Steigung zunimmt, umso schwieriger gestaltet sich sein Weg über das Geröll. Immer wieder stößt er auf Furchen im Untergrund. Sie schlängeln sich wie Bäche an ihm vorbei.
Das letzte Stück nach oben ist besonders steil. Fatu findet Risse in der Felswand, hält sich an der rauen Oberfläche fest und klettert hinauf. Auf der anderen Seite erwartet ihn der Vulkankrater. Es ist ein mächtiger Schlund, noch nie hat er etwas mit vergleichbaren Ausmaßen gesehen. Fatu muss sich einen Ruck geben, um mit dem Abstieg zu beginnen. Von hier lässt sich die Tiefe des Kraters nicht abschätzen. Zu viele schroffe Felsen sind im Weg. Sie liegen da wie umgestürzte Säulen, bilden Überhänge, unter denen Höhlen entstehen. Nur mit Mühe schafft es Fatu, an den länglichen Brocken vorbeizukommen. Er klettert darüber, kriecht unter den Zwischenräumen hindurch. Gestein umgibt ihn von allen Seiten. Schon ist oben von unten nicht mehr zu unterscheiden. Sein Mund ist trocken, ein fauliger Geschmack breitet sich darin aus. Gibt es hier etwa giftige Gase? Hoffentlich nicht.
Immer tiefer wagt sich Fatu in den Kessel. Das Pochen in seinen Ohren wird unerträglich. Seine Knie schmerzen. Eine Höhle führt ihn schräg aufwärts, nein, abwärts. Mit tauben Händen tastet er sich an der Wand entlang, die scharfkantige Oberfläche spürt er kaum mehr. Der Hohlraum ist gespalten, eine riesige Kammer erstreckt sich vor ihm. In diesem Moment macht Fatu eine Entdeckung: Er ist nicht allein. Ein enormes Skelett ist im Gestein eingeklemmt. Rippenknochen und ein Schädel sind zu erkennen. Die Überreste eines Feuerdrachen, kein Zweifel. In seinem Kiefer hat sich ein verbogenes Metallgebilde verkeilt. Es sieht aus wie ein Raumschiffteil. In der Nähe liegt weiterer Schrott, Kabelstränge und Scherben. Alles ist zerfallen, uralt. Fremdartig.
Nein. Das ist unmöglich! Die Menschen von TARVOS hatten bis vor 50 Jahren nie Technologien, die denen der Erde ähnelten. Jemand will ihn austricksen, verrückte Theorien vorgaukeln. Es muss eine Fälschung sein! Wie auch immer, der Fund ist zu groß, um ihn mitzunehmen. Fatu vergräbt sein Gesicht in den Händen.

Als Inigma zur Lichtung zurückkehrt, entdeckt sie ihn sofort.
„Fatu!“, ruft sie und eilt zu ihm. Er sitzt auf einem Felsblock und hat ihr den Rücken zugekehrt. Inigma stellt den Behälter mit ihren gesammelten Proben ab, setzt sich neben ihn. Er zuckt zusammen und klappt hastig seinen Skizzenblock zu.
„Alles in Ordnung?“, fragt sie.
„Ich … ich bin etwas erschöpft. Das wird schon wieder. Ich muss nachdenken.“
„Dir geht es nicht gut.“ Sie lehnt sich nach vorne, schaut in sein Gesicht. „Jetzt sag schon, was los ist.“
Fatus Augen sind weit aufgerissen. Sie sind auf Inigma gerichtet, starren aber durch sie hindurch.
„Später“, krächzt er. „Ich kann noch nicht darüber reden.“
„Was hast du im Vulkan gesehen? Sag mir das wenigstens.“
„Nichts. Wir sollten jetzt gehen.“

 
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Hallo @Michael Weikerstorfer

Ich gebe auch mal noch meinen Senf dazu.. :)

„Kugelnusstee“, sagt sie und stellt die Tasse auf das Fensterbrett. „Weil du nicht schlafen kannst.“
Den Kugelnusstee finde ich schön, er nimmt einem gleich richtig in die Welt mit hinein.

Die cremige Flüssigkeit
Schönes Detail, auch wenn ich finde, dass das "cremig" weniger zu "Tee" passt, ich stelle mir darunter jetzt eher sowas wie Kugelnusssuppe vor. Obschon ich ja nicht weiss, wie Kugelnüsse sich mit Wasser verhalten…

Ihre wasserabweisende Oberfläche würde er wohl nicht benötigen, die eingebaute Klimaanlage hingegen schon.
Eine Klimaanlage in den Kleidern? Klingt für mich eher nach einem Astronautenanzug als nach normalen Kleidern. Vielleicht wäre ein isolierender Stoff o.Ä. passender?

Gibt es hier etwa giftige Gase? Hoffentlich nicht.
All die tollen, futuristischen Erfindungen, aber kein kleines Gerät, das die Zusammensetzung der Luft testet? Neben der Klimaanlage hat das bestimmt noch Platz ;)


Die Geschichte macht Freude beim Lesen und ich bekam so ein heimeliges Gefühl. Durch die vielen Details wird man richtig in die Welt hineingezogen.
Du hast einen interessanten, neuen Blick auf das Thema Drachen geworfen. Drachen sind grösstenteils entweder der beste Freund oder grösste Feind. In deiner Geschichte beleuchtest du das Leben (vermutlich) nach Drachen, eine schöne Idee.

Grüsse,
Leo

 
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Hallo @Leo:nie,

ich habe mich über deinen Kommentar gefreut. Es ist schön, auch unter einer etwas älteren Geschichte eine neue Meinung zu lesen.

Den Kugelnusstee finde ich schön, er nimmt einem gleich richtig in die Welt mit hinein.
Toll, dass es bei dir funktioniert hat. :gelb:
Schönes Detail, auch wenn ich finde, dass das "cremig" weniger zu "Tee" passt, ich stelle mir darunter jetzt eher sowas wie Kugelnusssuppe vor. Obschon ich ja nicht weiss, wie Kugelnüsse sich mit Wasser verhalten…
Nur mit einer Nuss kann man eher keinen Tee machen, es ist nur eine der Zutaten. Aber so schlecht finde ich es nicht, dass du stattdessen an Suppe denkst.
Eine Klimaanlage in den Kleidern? Klingt für mich eher nach einem Astronautenanzug als nach normalen Kleidern. Vielleicht wäre ein isolierender Stoff o.Ä. passender?
Gut, dass du es ansprichst. Wie die Klimatisierung genau funktioniert, erkläre ich ja nicht. Da muss ich wohl noch ein wenig genauer sein ...
All die tollen, futuristischen Erfindungen, aber kein kleines Gerät, das die Zusammensetzung der Luft testet? Neben der Klimaanlage hat das bestimmt noch Platz ;)
Daran habe ich auch schon gedacht, das überlege ich mir!
Du hast einen interessanten, neuen Blick auf das Thema Drachen geworfen. Drachen sind grösstenteils entweder der beste Freund oder grösste Feind. In deiner Geschichte beleuchtest du das Leben (vermutlich) nach Drachen, eine schöne Idee.
Schön, dass du das so siehst. Man könnte auch sagen, dass ich mich auf diese Weise vor der Frage drücke, wie Drachen in einer Science-Fiction-Umgebung im Detail funktionieren, aber ... deine Ansicht gefällt mir besser! :D

Viele Grüße
Michael

 

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