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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Das Schicksal ist ein kleines, weißes Kaninchen

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03.04.2020
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Das Schicksal ist ein kleines, weißes Kaninchen

Mein Kopf brummte, ich blinzelte, aber das Licht, was in mein Schlafzimmer fiel war viel zu hell. Scheiße, wie spät war es? Wie lange war ich weg gewesen? Schlafmittel mit Alkohol zu mischen war echt nicht die beste Idee, das sollte ich mittlerweile eigentlich wissen. Ich wollte mich auf die andere Seite drehen, aber ich konnte nicht, da war so ein komisches Gewicht auf meinem Brustkorb. Und irgendwie kitzelte gerade meine Nase. Ich wollte mir mit der Hand durchs Gesicht wischen, aber griff in etwas merkwürdig Flauschiges.

Moment.... flauschig?! Ich riss meine Augen auf, nur um uhrplötzlich in zwei große, blaue Kulleraugen zu blicken.

“Fuck!!!,” ich schreckte hoch und ein weißer Pelz-Ball flog in hohem Bogen fast bin ans Fußende meines Bettes. Was zur Hölle? Nach einem Moment der genaueren Betrachtung erkannte ich, dass es sich bei dem flauschigen etwas um ein... Kaninchen handelte?!

Wie konnte das sein? Ich besaß weder Haustiere noch kam mir dieses kleine wuschelige Etwas bekannt vor. Ich beugte mich nach vorne, und stupste es vorsichtig mit einem Finger an.

“Hey, lass gefälligst mein Fell in Ruhe?! Was ist das eigentlich für eine Art und Weise? Einfach so jemanden anzustupsen, den man gar nicht kennt!”

Es konnte sprechen. Das Kaninchen konnte sprechen. Oh Gott, entweder ich war noch am Träumen, oder ich hatte mich mit dem Cocktail aus Alkohol und Schlafmittel gestern doch tatsächlich hochkant ins Jenseits befördert. Kneifen, ja gute Idee, erstmal in den Oberarm kneifen, bloß aufwachen. Aua! Okay, also doch kein Traum. Vielleicht Halluzinationen?

“Kein Grund zur Panik, beruhig dich erstmal, dann können wir reden,” hörte ich das Kaninchen sagen. Nein, falsch. Mein Hirn! Denn Kaninchen können nicht reden. Was ist in so einer Situation die beste Taktik? Ich hab’s: Weglaufen.

Ich schwang mich aus dem Bett, und ohne dem Fell-Ball einen weiteren Blick zuzuwerfen schlurfte ich mit noch etwas wackeligen Knien ins Badezimmer. Ich vermied es in den Spiegel zu schauen, nach dieser Nacht wahrscheinlich nicht die beste Idee, aber nichts was eine kalte Dusche nicht richten konnte. Gesagt, getan. Nach einer gefühlten Ewigkeit unter der Dusche fühlte ich mich schon fast wieder lebendig. Weiter im Alltags-Trott

Ich schnappte mir einen Apfel und meine Arbeitstasche und schon machte ich mich ich auf den Weg zur Arbeit. Obst machte doch bekanntlich alles besser, und gesund war es auch noch, genau das richtige heute. Ich hätte den Bus nehmen können, aber ich entschied mich dazu zu laufen, denn an einem solchen Morgen gab es nichts Besseres um den Kopf frei zu bekommen. Das wäre wahrscheinlich um einiges leichter gewesen, wenn da nicht dieses nervige weiße Fellknäul gewesen wäre, das gehetzt neben mir her hoppelte.

“Hey, nicht so schnell! Nicht jeder hat so lange Beine wie du, pass doch auf!” Es hatte arge Probleme mitzuhalten also legte ich noch einen Zahn zu.

“Okay, pass auf, da beruhigen anscheinend gerade nicht bei dir auf dem Plan steht, überspringen wir den Schritt,” mit einem Satz hoppelte das Kaninchen direkt in meinen Weg und wäre ich nicht zur Seite gesprungen hätte mein Gesicht wahrscheinlich erstmal den Bordstein geküsst. Ich warf dem Fellknäul einen bösen Blick zu. Danke liebes Gehirn, danke dafür.

“Ich bin kein Hirngespinst, das kannst du dir direkt mal abschminken. Ich bin mindestens genauso echt wie du, okay? Genau genommen, bin ich viel größer und viel mächtiger als du, aber ich dachte diese Form würde um einiges harmloser wirken.” Diese Aussage entlockte mir ein Augenrollen.

“Ich... bin das Schicksal. Live und in Farbe und höchstpersönlich. Du solltest dich geehrt fühlen. All die Dinge, bei denen du dich gefragt hast, warum sie so passieren mussten? Mein Werk, aber alles gut, dein Lob kannst du stecken lassen, Ich weiß doch, dass das verdammt gute Arbeit war. Ach und bevor ich es vergesse, herzlichen Glückwunsch, zu diesem Zeitpunkt bist du der einzige Mensch auf der Welt der mich sehen kann!”

Okay, nein, das hatte es jetzt nicht gerade wirklich gesagt. Konnte es sein, dass ich gestern Nacht mein Hirn kaputt gemacht hatte? Nein, absolut nicht, meine Fantasie war definitiv nicht gut genug, um mir das vorzustellen. Konnte es etwa sein, dass ...? Nein, definitiv nicht echt. Weiterlaufen, nicht stehen bleiben, nicht nachdenken. Einfach ignorieren.

“Okay, gut, ich gebe dir 30 Minuten, ich weiß, das ist jetzt ein ziemlicher Schock, den müsste ich auch erstmal verarbeiten. Tüddelü.” Und mit einem leisen Plop löste sich das Kaninchen in Luft auf. Und ich? Ich stand schockgefroren auf dem Gehsteig, meine Kinnlade und der Bürgersteig waren mittlerweile beste Freunde und alle anderen Fußgänger machten einen weiten Bogen um mich während mir ein paar verstörte Blicke zugeworfen wurden.

Ich lächelte peinlich berührt, setzte ein falsches Grinsen auf, als wäre nichts gewesen und machte mich weiter auf den Weg zur Arbeit. Bloß nicht weiter auffallen, das war alles gar nicht echt. Alles wird gut werden, spätestens nach dem zehnten Kaffee.

Gesagt, getan, das erste was ich auf der Arbeit tat, war mir einen Kaffee zu kochen. Einen richtig starken, der hätte selbst die Toten wieder aufwecken können. Zufrieden mit mir selbst machte ich mich auf den Weg zu meinem Arbeitsplatz in unserem Großraumbüro. Ich begab mich an die Arbeit, schrieb Rechnungen, legte mich mit der Nachbarabteilung an, führte Telefonate mit nervigen Kunden, ein ganz normaler Arbeitstag eben. Arbeit half mir immer den Kopf ein wenig frei zu kriegen. Einfach mal ein bisschen an was Anderes zu denken tat gut, wenn man privat in einem absoluten Chaos lebte. Und wie aufs Stichwort ertönte ein leises Plop. Plötzlich saß dieses kleine Fellknäul mitten auf meinem Schreibtisch und schaute mich unschuldig an.

“Du brauchst gar nicht den Hundeblick aufsetzen, das zieht bei mir nicht. Shhhhh,” flüsterte ich leise und machte Handbewegungen, in der Hoffnung das kleine Etwas direkt wieder aus meinem Kopf zu verscheuchen.

“Ah, du sprichst mit mir, wundervoll, dann sind wir ja schon einen Schritt weiter! Perfekt, ich dachte schon, das würde länger dauern. Und sein wir ehrlich, auch wenn es nicht so aussieht, meine Zeit ist kostbar.” Ich meinte einen arroganten Gesichtsausdruck in dem niedlichen Kaninchengesicht erkennen zu können.

“Schau, es interessiert mich nicht, lass mich gefälligst in Ruhe arbeiten, okay?!”, zischte ich.

“Ja, das würde ich ja, aber dieser Job? Den habe ich eigentlich gar nicht für dich vorgesehen. Das war alles gar nicht so geplant! Also sehe ich gerade kein Problem darin dich vom Arbeiten abzuhalten. Kommen wir zu den wichtigen Dingen, ich habe einen Job für dich, und zwar...”

“NEIN, nichts Job für mich. Falls du es nicht verstanden hast,” ich merkte wie meine Stimme immer lauter wurde, aber konnte mich nicht länger zurückhalten, “ICH HABE EINEN JOB UND DEN WÜRDE ICH GERADE GANZ GERNE MACHEN!!!” Oh Scheiße, ja das hatte ich gerade laut ausgesprochen, nein, sogar geschrien. Ich merkte wie ich rot anlief, im Augenwinkel sah ich, wie meine Kollegin ihren Kopf wie eine Giraffe über die Trennwand reckte, neugierig zu sehen, was hier vor sich ging.

Und eh ich mich versah saß ich in dem Büro meines Chefs, entschuldigte mich für mein Verhalten und wurde für den Tag erstmal nach Hause geschickt. Das kleine Kaninchen? Auf Schritt und Tritt neben mir, fast schon fröhlich hoppelte es neben mir her, während ich mich stillschweigend auf den Heimweg machte. Die Sonne schien, der Himmel war praktisch wolkenlos und die Temperatur angenehm, aber mein Gesichtsausdruck musste wohl gerade schreien “Sieben Tage Regenwetter”. Ich beschloss einen Umweg einzulegen, denn Zuhause hatte ich eh nichts Anderes zu tun als über mein Leben nachzudenken. Mein Weg führte durch den nahgelegenen Park, wo ich mich letztendlich tief seufzend auf einer Parkbank niederließ.

“Na? Zufrieden? Du hast mir meinen Tag ganz schön versaut,” flüsterte ich dem kleinen Kaninchen zu, welches sich fröhlich wippend neben mir auf der Bank platziert hatte.

“Mehr als zufrieden. Meine Laune? Blendend, ja gar euphorisch! Ich meine, schau dich an, ich habe dich wenigstens schon mal so weit, dass du mich nicht mehr ignorierst. Wundervoll! Aber kommen wir zu den wichtigen Dingen. Job, da waren wir stehen geblieben, ich habe einen Job für dich.”

“Bitte guter Gott, bewahre mich vor diesem Unsinn,” murmelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Das konnte doch nicht sein, ich drehte wirklich durch. Ich wusste doch, dass es irgendwann soweit kommen würde. Aber warum gerade heute? Ist es vielleicht Karma, oder gar... Schicksal?

“Jap, ganz genau! Es ist die Sache vor der du die ganze Zeit wegzulaufen versuchst! Du glaubst gar nicht wie anstrengend es ist, dir ständig hinterher zu rennen und das Chaos aufzuräumen, dass du überall hinterlässt. Weißt du, ich denke mir einen so schönen Plan für dich aus, und du,” das Kaninchen macht ein Satz auf meinen Schoß und stupst mir eine flauschige kleine Pfote in die Magengrube, “Du hast nichts Besseres zu tun, als jedes Mal den komplett anderen Weg zu gehen. Du bringst mich zum Verzweifeln!” Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gesagt, dass das Kaninchen mich nun etwas angesäuert anschaute. Aber was es mir nun damit sagen wollte leuchtete mir nicht so ganz ein.

“Das muss es auch nicht. Alles, was ich dir damit sagen möchte? Du machst mir meinen Job echt ganz schön schwer, und deswegen dachte ich, gebe ich dir einfach mal eine kleine Kostprobe, womit ich es Tag für Tag zu tun habe. Aber das ist nun wirklich Erklärung genug, wir haben keine Zeit, keine Zeit, auf geht es!” Und eh ich mich versah verschwamm die Welt um mich herum, ich meinte ein Plop vernommen zu haben und auf einmal befand ich mich in einer mir gänzlich unbekannten Umgebung. Es schien sich um eine Großstadt zu handeln, die Luft war ein wenig stickiger, es roch nach Abgasen und die Temperatur war um einiges höher. Verwirrt schaute ich mich um.

Ich befand mich auf einer belebten Straßenecke, ein kleines gemütliches Café befand sich hier, die Tische draußen waren fast alle belegt. Im Hintergrund konnte man leise Coffee-Shop-Musik vernehmen und eine leichte Brise trug den Geruch von Kaffeebohnen zu mir herüber.

Ich schüttelte den Kopf, beschloss einfach mal mitzuspielen. Wenn ich schon verrückt wurde, dann doch so richtig. Insgeheim hoffte ich immer noch, dass es sich bei dem ganzen um einen bösen Traum handelte, ein Hirngespinst oder etwas Anderes in der Art.

Erwartungsvoll schaute das weiße Kaninchen zu mir hoch: „Bereit?“ Ich nickte, obwohl ich weder wusste, ob ich bereit war und noch viel weniger, für was ich bitte bereit sein sollte. Ungewissheit, es gab nicht was ich mehr hasste. Ich war ein Mensch, der für alles einen Plan machte, am liebsten hatte ich es, wenn jede Sekunde meines Tages bis ins Detail durchgeplant war. Vielleicht war das hier ja doch kein Traum, sondern eher ein Weckruf? Egal jetzt. Das Kaninchen war schon längst in Richtung Sitzgelegenheiten des Cafés losgehoppelt, also nahm ich meine Beine in die Hand und folgte.

„Lektion Nummer 1: Man kann dich nicht sehen. Ich weiß, das ist ein bisschen Klischee aber das kommt nun einmal mit dem Job, gewöhn dich schon mal dran. Das wäre ja auch sonst alles viel zu einfach.“ Ich musste zugeben, ich wusste nicht, wie so viel Sarkasmus in dieses kleine Kaninchen-Hirn passen konnte.

Inmitten der Tische kamen wir zum Stehen, und das Kaninchen schien nicht gelogen zu haben, keine einzige Person schenkte mir Beachtung. Aber ich wäre natürlich nicht ich, wenn ich nicht erst einmal das Wasser testen würde. Ich stellte mich neben die nächstbeste Person und begann wie bescheuert mit meiner Hand vor ihrem Gesicht zu winken. Nichts. Nicht einmal ein Augenzucken. Gut, das hatte ich notiert. Aber… konnte ich Dinge bewegen? Auf der Tischkante lag ein Kaffeelöffel, nichts besser als das. Ich schnipste dagegen, und siehe da, in hohen Bogen segelte er vom Tisch. Ups. Verwirrt beugte sich die Person zu Boden um den Löffel wieder aufzuheben, weiterhin schien sie mich nicht bemerkt zu haben.

„Na? Grenzen ausreichend getestet?“ Da war er wieder, der auffällig sarkastische Unterton. Meine Antwort auf diese wahrscheinlich eher rhetorisch gemeinte Frage war nur ein stilles Nicken. Mir war plötzlich doch sehr komisch zumute, das alles fühlte sich so erschreckend echt an. Ich meinte ein leises Kichern seitens des Kaninchens vernommen zu haben.

„Gut, dann wollen wir mal, jetzt fängt der Spaß erst so richtig an! Siehst du die zwei da vorne?“, das Kaninchen nickte in Richtung zwei nah bei einander stehender Tische. An beiden der Tische saßen einzelne Personen, beide in ihre eigenen Gedanken vertieft. Die eine Person schlürfte genüsslich Kaffee, vertieft in die Tageszeitung. Die andere Person hatte gedankenverloren den Blick aufs Smartphone gerichtet, löffelte nebenbei ein Vanilleeis.

„Ich sag dir, die beiden sind einfach meant to be! Liebe auf den ersten Blick! Sie werden in 2 Jahren heiraten, dann kaufen sie ein Haus, haben später 3 Kinder, eine Katze und einen Hund. Happy Family, der Stoff aus dem Gutenachtgeschichten gemacht sind, hätte ich mir nicht besser ausdenken können. Nur müssen sie sich erst einmal über den Weg laufen. Und da kommst du ins Spiel! Sorg dafür, dass sie aufeinander aufmerksam werden. Wie? Ist mir egal. Keine Regeln, werde Kreativ!“

„Das sagst du so einfach, du pelziges Etwas. Du machst den Job schließlich jeden Tag,“ zischte ich. Ich musste ehrlich gestehen, ich hatte wenig Lust da drauf jetzt eine Runde Amor zu spielen. Fehlte nur noch, die übergroße Windel und Pfeil und Bogen, haha, sehr lustige Vorstellung. Aber je schneller ich es hinter mich brachte desto besser.

Ich näherte mich den beiden, beobachtete die Szene genauer, jedes kleine Detail. Die zwei saßen leicht mit dem Rücken zueinander, jeder so vertieft in seine Beschäftigung, dass sie wahrscheinlich ihr Umfeld überhaupt nicht wahrnahmen. Schwierig. Ich beschloss zu warten, bis einer der beiden sich von seinem Platz erhob, das würde wohl die beste Chance bieten. Gesagt, getan, und so kam es, dass ich mindestens eine Stunde lang in diesem kleinen Straßenkaffee saß und versuchte mir die Zeit zu vertreiben. Fast hätte ich meinen Einsatz verpasst, als die ins Smartphone vertieft gewesene Person ihre Tasche packte und drauf und dran war sich auf den Weg zu machen. So schnell war ich wohl noch nie von einem Stuhl aufgesprungen.

Für mich hieß es nun Showtime. Ich hatte genug Zeit gehabt, meinen Plan bis ins kleinste Detail in meinem Kopf durchzuspielen. Und Action. So schnell wie es ging sprintete ich neben die aufstehende Person, schnappte den Henkel der Handtasche und schlang ihn um die Armlehne des Stuhls, sodass die Person beim Aufstehen daran hängen blieb. Sie strauchelte kurz, schaffte es dann aber doch das Gleichgewicht zu halten. Mist. Na dann, eben doch auf die harte Tour. Und kurzer Hand stellte ich ihr ein Beinchen. Es hätte mir fast leidgetan, wenn mein Plan nicht in diesem Moment aufgegangen wäre. Die Zeitung lesende Person war schon durch meinen ersten Versuch aufmerksam geworden und sprang nun vom Stuhl auf, um der anderen Person zu Hilfe zu kommen, griff ihr unterstützend unter die Arme um ihr Gleichgewicht wiederherzustellen. Sie blickten sich in die Augen und ich konnte sehen, was das Kaninchen gemeint hatte mit Liebe auf den ersten Blick. Jackpot, Mission erfüllt.

Zufrieden mit mir selbst beobachtete ich noch ein wenig die zwei Turteltauben, wie sie sich in ein Gespräch vertieften, der weiße Pelz-Ball schien ebenso zufrieden mit meiner Leistung zu sein.

„Gute Leistung für den ersten Versuch, ja, ja tatsächlich. Aber ich muss zugeben, das war ja auch noch einfach. Aber keine Sorge, wir steigern uns langsam.“

„Was meinst du mit ‚Wir steigern uns langsam‘? Ich dachte wir wären fertig? Ich habe deinen Job gemacht, da, siehst du, Traumpaar vereint,“ dramatisch gestikulierte ich in die Richtung der zwei. „Reicht das nicht für heute? Ja, du hast Recht, ist kein einfacher Job, ich werde in Zukunft auf dich hören. Zufrieden?“ Ich hoffte inständig sobald wie möglich wieder in mein normales Leben entlassen zu werden.

Das Fellknäul seufzte. „Nein, nein ich fürchte nicht. Wir sind noch nicht fertig hier und ich denke nicht, dass du verstanden hast. Und außerdem hast du keine andere Wahl. Weiter geht’s!“

Und mit einem Plop verschwamm die Welt um mich herum und ich fand mich erneut an einem mir gänzlich unbekannten Ort. Es war dunkel, meine Augen brauchten einen Moment um sich an das geringe Licht zu gewöhnen. Ich blinzelte ein paar Mal und versuchte langsam meine Umgebung ein wenig näher zu betrachten. Ich befand mich an einer leeren Straßenkreuzung, es war ruhig. Ein paar Gebäude standen am Straßenrand, eins davon augenscheinlich ein Restaurant, zumindest hätte das die Neon-Beleuchtung erklärt. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, auch die Straße war leer, nur am Straßenrand standen ein paar parkende Autos.

Verwirrt schaute ich das kleine Kaninchen an. „Was machen wir hier?“

„Wir warten auf etwas, ein wenig Geduld bitte. 3, 2, 1… Schau.“

Aus der Ferne war das Geräusch mehrerer Motoren zu hören, das Geräusch kam schnell näher, viel zu schnell, die Autos schienen eine ordentliche Geschwindigkeit drauf zu haben. Ein Rennen? Aber doch nicht hier, auf dieser öffentlichen Straße.

Aus dem Augenwinkel erblickte ich Scheinwerferlicht, ein weiteres Auto nährte sich der Kreuzung, blinkte, wollte nach rechts abbiegen, und kam zum Stehen. Die Ampel schaltete auf grün, und der Fahrer rollte langsam auf die Kreuzung. Oh nein. Nun konnte man auch die Scheinwerfer der anderen Autos sehen, die sich rasant nährten. Die Ampel stand auf Rot, doch das schien die Fahrer nicht zu interessieren, sie fuhren dicht nebeneinander, es schien sich tatsächlich um ein illegales Rennen zu Handeln. Das abbiegende Auto war fast aus dem Bereich der Kreuzung, als es geschah.

Die rasenden Autos hatten die Kreuzung erreicht, hatten das andere Auto zu spät gesehen. Es ertönte das laute Quietschen von Bremsen, das eine Auto schrappte knapp an dem Abbieger vorbei, doch als ich gerade aufatmen wollte kam es zur Kollision mit dem anderen Auto. Ein lauter Knall, das Geräusch von splitterndem Glas, Metall, das auf Metall traf. Es roch nach verbranntem Gummi, nach Benzin, nach Abgasen. Das abbiegende Auto wurde über die komplette Kreuzung geschoben, kam erst zum Stillstand als es gegen eine Straßenlaterne prallte. Auch das andere Auto kam nachdem es noch einige Meter geschliddert war zu einem Stillstand, prallte gegen ein parkendes Auto, dessen Alarmanlage ansprang. Die erst so stille Nacht war nun gefüllt von Geräuschen. Das Kreischen der Alarmanlage, der stotternde Motor des Autos, welches gerade noch davongekommen war, lautes Zischen. In den umstehenden Häusern wurde Licht angeschaltet, Fenster öffneten sich. Nur aus dem inneren der verunglückten Fahrzeuge ertönte kein einziges Geräusch, das hatte nichts Gutes zu heißen.

„Sind sie…?“ Ich schluckte schwer.

„Tot, ja.“

„Aber warum zeigst du mir das? Was kann ich tun?“ Ich schaute den weißen Pelz-Ball verwirrt an.

„Ganz einfach. Es ist zu früh. Das was du gerade gesehen hast, hätte nicht so passieren dürfen, es passt nicht in meinen Plan. Es ist nicht das Schicksal dieser zwei Personen jetzt schon zu sterben, ich habe noch so viel mit den beiden vor. Dein Job ist es jetzt das ganze gerade zu biegen.“

“Aber wie?” Ich war absolut planlos, hatte keine einzige Idee, wie ich das ganze abwenden sollte.

“Das ist leider komplett dir überlassen. Da werde ich dir nicht bei helfen.”

“Was soll das heißen? Dabei werde ich dir nicht helfen? Ich mache hier schließlich deinen doofen Job? Es kann doch nicht sein, dass du mich komplett aus meinem Alltag reißt, nach dem Motto, spiel doch mal Paketbote fürs Schicksal. Ein bisschen Schicksal hier, ein bisschen da. Und jetzt soll ich irgendwie zwei Menschenleben retten? Ich würde mal behaupten, das stand nicht in meiner Jobbeschreibung!”

“Ich erkläre später, das ist versprochen, aber jetzt gerade gibt es erst einmal wichtigere Angelegenheiten, beispielsweise diesen Autounfall zu verhindern.”

Am liebsten hätte ich vor Wut geschrien, aber das doofe Fell-Knäul hatte Recht. Es war ein weiteres Plop zu hören und die Kreuzung war plötzlich wieder leer, verschwunden waren die verunglückten Fahrzeuge, die Metallteile und Glassplitter, die auf der Fahrbahn gelegen hatten. Auf einmal war die Nacht wieder still, die Alarmanlage war verstummt, und das Licht in den Fenstern war wieder erloschen. Also alles auf Anfang.

Panik setzte ein, ich musste mir schnell eine Möglichkeit überlegen das Ganze zu verhindern, ich wusste, ich hatte nicht viel Zeit, ob ich wohl noch eine Chance bekäme, sollte es schiefgehen? Egal, nicht vom Schlimmsten ausgehen, handeln statt nachdenken. Ich schaute mich um, versuchte meine komplette Umgebung zu analysieren.

An der Ecke direkt neben der Ampel standen einige Mülltonnen, war das Glück oder Schicksal? Ich wusste es nicht, aber eins wusste ich sicher. Das war meine Chance. Und da ertönte schon das Geräusch der Motoren in der Ferne. Ich wusste, ich hatte nicht viel Zeit. Mit einigen großen Schritten begab ich mich direkt neben die Mülltonnen. Jetzt galt es den richtigen Moment abzupassen. Sollte ich die Mülltonnen jetzt schon auf die Straße befördern, oder lieber noch warten? Ich beschloss noch einen Moment zu warten, die Ampel würde ja eh erst auf Rot stehen.

Das abbiegende Fahrzeug nährte sich nun auch der Kreuzung, bremste ab und kam vor der Ampel zum Stehen. Das war der Moment auf den ich gewartet hatte, ich gab den Mülltonnen einen ordentlichen Schubs und schon lagen sie auf der Straße, der Deckel war aufgegangen, und auch der Inhalt hatte sich auf dem Asphalt verteilt.

Eine verwirrt dreinblickende Person stieg aus dem Pkw, schaute verdattert auf den Müll, schüttelte den Kopf und begann die Mülltonne wiederaufzurichten. Das laute Geräusch der Motoren schien die Person gar nicht erst wahrzunehmen.

Und dann war es auch schon so weit, die beiden rasenden Fahrzeuge bretterten über die Kreuzung, doch diesmal stießen sie auf kein Hindernis. Und eh ich mich versah, blickte ich nur noch den Rücklichtern hinterher, das Motorengeräusch wurde leiser und war bald nicht mehr zu hören.

Nur der andere Autofahrer stand wie gelähmt neben seinem Fahrzeug, blinzelte verwirrt. Ihm war wohl gerade klargeworden, welchem Unglück er soeben entgangen war, denn er war auf einmal kreidebleich.

„So, bitteschön. Sind wir dann fertig?“ Ungeduldig trat ich von einem Fuß auf den anderen. Wollte endlich wieder zurück in meinen Alltag, aber das Kaninchen schüttelte nur den Kopf.

„Eine Haltestelle haben wir noch, und ich fürchte, die kann ich dir leider nicht ersparen.“

Da war es wieder, das bekannte Plop. Und eh ich mich versah stand ich auf einem Dach, es schien sich um ein Hochhaus zu handeln, ein Blick über den Rand bestätigte meine Vermutung. Ich schien von hier aus über die ganze Stadt blicken zu können, die Menschen waren klein wie Ameisen, tummelten sich auf den vollen Gehsteigen. Es schien gerade Rushhour zu sein, denn die Straßen waren voll, man konnte lautes Hupen vernehmen. Meine Augen mussten sich erst einmal wieder an das helle Licht gewöhnen, als ich gerade dabei war meine Augen zu reiben, hörte ich hinter mir das Geräusch einer Tür.

Eine weitere Person betrat das Dach, als sie langsam näher kam, konnte ich den Gesichtsausdruck erkennen und musste erst einmal schlucken. Noch nie hatte ich ein Gesicht so leer von Emotionen gesehen, der Ausdruck sah aus wie in Stein gemeißelt, die Person verzog keine Miene, als sie langsam immer näher an den Rand des Dachs trat. Und in dem Moment verdrehte sich mein Magen, meine Körpertemperatur schien von heiß zu kalt zu wechseln. Ich hatte das plötzliche Bedürfnis meinen Mageninhalt auf dem Boden zu verteilen, doch ich hielt mich zurück. Eindeutig nicht der richtige Moment.

Ich blickte auf das Kaninchen herab, was natürlich wieder an deiner Seite saß.

“Das kann nicht dein Ernst sein, bitte sag mir, dass ich das verhindern kann.”

Das Kaninchen schüttelte den Kopf.

“Wir sind nicht hier um diesen Tod zu verhindern. Ganz im Gegenteil, wir sind hier um dafür zu sorgen, dass genau das passiert. Dieser Mensch? Sein Schicksal ist es zu sterben, so ist es vorbestimmt, seit er geboren wurde.”

“Nein, nein das kannst du vergessen. Ich werde hier niemanden umbringen.” Ich schüttelte den Kopf. Am liebsten wäre ich weggerannt, doch ich stand auf diesem Dach, als wäre ich versteinert, konnte keinen Schritt vor und keinen zurück machen. Stillschweigend beobachtete ich, wie die Person das Geländer erreicht hatte und langsam mit zittrigen Händen, die Brüstung ergriff und dann ebenso langsam hinüberkletterte. Sie hielt sich weiterhin mit den Händen am Geländer fest, lehnte sich aber nun langsam nach vorne, ihr entwich ein zittriger Atemzug. Von meinem Standpunkt aus konnte ich erkennen, dass ihre Knie kurz davor waren nachzugeben, ich hatte das Gefühl, ich könnte den Herzschlag bis hier hören.

Ich erwachte aus meiner Starre und bewegte mich langsam Richtung Brüstung, Schritt für Schritt nährte ich mich der anderen Person. Gerade war ihr Gesichtsausdruck noch so emotionslos gewesen, jetzt strömten Tränen über ihr Gesicht, sie murmelte etwas und ich bewegte mich noch näher, um die Worte verstehen zu können.

“Es tut mir leid, es tut mir so so leid, ich kann nichts dafür, ich wollte nicht, dass es je soweit kommt... es... tut mir so leid… Ich mache es wieder gut, euch wird es besser gehen ohne mich...” Und in diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass mein Herz entzweigebrochen war. Ich kannte diese Person nicht, jedoch hatte ich noch nie so viel Verzweiflung in der Stimme eines Menschen gehört. Es fühlte sich an, als wollte sie nicht sterben, als wäre da noch ein letzter Funken Lebenswille, der gerade drohte zu erlöschen.

“Ich kann das nicht. Ich kann das nicht tun, bitte... Ich habe meine Lektion gelernt, lass mich gehen. Bitte.” Ich flehte das Kaninchen ja fast schon an, nie hätte ich gedacht, dass es einmal so weit kommen könnte.

“Ich fürchte da führt kein Weg dran vorbei. Vertrau mir, du tust hier nichts Falsches.”

“Wie? Wie kannst du das sagen? Das ist immerhin ein Menschenleben über das du hier entscheidest. Bedeutet dir das denn gar nichts?” Ich war entrüstet. Es überkamen mich in diesem Moment so viele Emotionen, Wut, Trauer, Verzweiflung.

“Ja, wir reden hier von einem Menschenleben. Aber du musst das große Ganze betrachten. Was ist dieses eine Menschenleben im Vergleich zu den anderen 8 Milliarden auf diesem Planeten? Ein einziges Leben ist so unwichtig, so unbedeutend. Vertrau mir, es hat alles einen Sinn. Schau dir diese Person an? Sieht sie glücklich aus? Meinst du nicht, es wäre besser sie von ihrem Leiden zu erlösen?”

“Als wäre das ein angeschossenes Tier! Das Leben hat so viel mehr zu bieten, als dass man es einfach wegwerfen sollte!”

„Das musst gerade du sagen? Was machst du denn mit deinem Leben? Du handelst gegen dein Bauchgefühl, sträubst dich gegen mich und all die Möglichkeiten die ich dir biete. Du arbeitest in einem Job den du hasst, umgibst dich mit Leuten die dir nicht gut tun und brauchst Schlafmittel um überhaupt mal schlafen zu können? Du kannst mir nichts über den Wert des Lebens erzählen.“

„Oh, darum geht es also! War das von Anfang an der Plan? All dieses Vorgeplänkel, nur damit ich jetzt hier stehe und auf einmal den Sinn des Lebens verstehe oder was? Dafür hättest du mich fast jemanden umbringen lassen?” Jetzt schäumte ich praktisch vor Wut, am liebsten hätte ich das Fell-Knäul genommen und gegen die Wand geschmissen. Es schien nicht zu verstehen, wie ernst mir die Situation gerade war.

Und in diesem Moment geschah es, ich vernahm ein leises Schluchzen neben mir, was meine Aufmerksamkeit wieder auf die andere anwesende Person zog. Es fühlte sich an, als würde das Ganze in Zeitlupe geschehen, als die Person langsam die Finger von der Brüstung löste, und langsam, ganz langsam nach vorne kippte. Die Füße verließen den Boden und schon war es zu spät. Ich hätte nicht mehr reagieren können, es war vorbei. Dabei hatte ich doch gar nichts getan? War ich nicht hier um bei dem ganzen nachzuhelfen? War ich nicht hier um dafür zu sorgen, dass sich das ganze genauso abspielen sollte?

Ich schaute bestürzt über die Brüstung, konnte jedoch nicht viel erkennen, außer einer Traube Menschen, die sich auf dem Bürgersteig gebildet hatte, um was genau konnte ich glücklicherweise nicht erkennen, ich war mir sicher, ich hätte sonst meinen Mageninhalt nicht länger in mir halten können.

“Eigentlich bist du hier, damit du siehst, dass man sich nicht gegen sein Schicksal währen kann. Nein, du hast nicht nachgeholfen, und nein, das war auch nicht deine Schuld. Es sollte einfach so passieren. Du hättest es auch nicht verhindern können.” Das Kaninchen saß ganz unschuldig da, als wäre gerade nichts passiert.

Ich musste mich erst einmal setzen, zu tief saß der Schock, ich zitterte am ganzen Körper und mir wurde weiterhin abwechselnd heiß und kalt. Ich konnte keinen Ton mehr von mir geben, selbst wenn ich gewollt hätte, hätte es kein Wort über meine Lippen geschafft.

“Steh auf, wir sind noch nicht fertig, eine letzte Sache will ich dir noch zeigen. Es wird dir besser gehen, glaub mir.”

Ich war es leid, Wiederworte zu geben. Mühselig richtete ich mich wieder auf, nickte. Ich wollte, dass dieser Alptraum so schnell rumging wie nur möglich, bloß wieder zurück in meinen Alltag, in mein normales Leben. Es ertönte das bekannte Plop und die Welt um mich herum verschwand.

Das nächste was ich wahrnahm war der Geruch von Desinfektionsmittel, helles, gleißendes Licht. Ich schien mich in einem Zimmer eines Krankhauses zu befinden, hier standen zwei Betten, jedoch war nur eines davon belegt. In diesem lag eine junge Frau. Neben dem Bett saß eine weitere Person, hielt ihre Hand und strich ihr durch das leicht feuchte Haar. Die Person murmelte vor sich hin, als ich näher trat konnte ich ein paar der Worte verstehen. “Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut, shhhh.”

Und in dem Moment öffnete sich die Tür, eine Hebamme trat hinein, in ihren Armen ein Baby, eingewickelt in Tücher, die kleinen Hände griffen ins Leere und es schien kurz davor zu sein loszuweinen. Das Bündel wurde der jungen Mutter gereicht, diese nahm es vorsichtig in die Arme, wiegte es hin und her, ein erleichtertes Lächeln in ihrem Gesicht.

Ich blickte auf das weiße Kaninchen hinab. “Warum sind wir hier?”, fragte ich vorsichtig.

“Ganz einfach. Neues Leben, neues Glück, eine weitere Chance. Es ist nichts weiter als ein immer fortwährender Kreislauf.”

“Ist das... die gleiche Person?”

“Du hast es erfasst. Die gleiche Seele, nur mit einem ganz anderen Schicksal, als im letzten Leben. Einem besseren, erfüllteren, denn diesmal ist es ihr Schicksal wahres Glück und Frieden zu finden. Siehst du? Es macht alles einen Sinn, ich habe mir schon etwas dabei gedacht.”

Ich fühlte eine Welle von Erleichterung über mich waschen. Es schien tatsächlich alles einen Sinn zu ergeben, auch wenn ich mit der Art und Weise, wie der Fell-Ball mir das klar gemacht hatte, nicht ganz zufrieden war.

Ich schaute mich nochmal in dem Krankenhauszimmer um, die Krankenschwester hatte die jungen Eltern alleine gelassen und ich fühlte mich auf einmal merkwürdig unwohl, war es doch so ein intimer Moment für das junge Paar.

“Ja, du hast Recht, wir sollten hier verschwinden, ich glaube du hast genug gesehen.”

Ein Plop ertönte und ich fand mich endlich wieder an einem mir bekannten Ort wieder, dem Ort, an dem alles begonnen hatte, mein Schlafzimmer. Mittlerweile schien es spät am Nachmittag zu sein, das Sonnenlicht, das durch eines der Fenster hineinfiel, hatte sich mittlerweile Orange gefärbt.

Ich war erleichtert, mich wieder in vertrauter Umgebung zu befinden und ich ließ mich erschöpft auf meinem Bett nieder. Das weiße Kaninchen platzierte sich neben mir.

“Ja, das war es wohl, in der Tat, wir sind fertig für heute. Na, nun schau mich aber nicht so entsetzt an. Keine Sorge, nach heute wirst du mich nie wiedersehen, aber ich werde natürlich weiterhin präsent sein. Eine Pause vom Schicksal gibt es schließlich nicht. Ich bin immer und überall da.” Ich nickte nur, zu müde um irgendetwas zu entgegnen, außerdem hatte ich Freude an den kleineren Monologen gefunden, die das Fell-Knäul anscheinend liebte zu halten.

“Hör auf dich gegen mich zu währen, hör auf wegzulaufen und stell dich endlich deinem Schicksal. Häng deinen Job an den Nagel, mach das was du liebst, mach das wofür du lebst und hör verdammt nochmal auf dein Bauchgefühl. Alles andere führt doch zu nichts, das solltest du mittlerweile gut genug wissen. Dieses Leben ist zeitlich begrenzt, mach das Beste draus.”

“Aber... woher soll ich denn wissen, was für mich das Beste ist? Woher soll ich wissen, was meine Bestimmung ist?” Wieder einmal war ich komplett verwirrt.

“Hör auf dir so viele Gedanken darüber zu machen. Es bringt nichts die Dinge tot zu denken. Lass dich einfach treiben. Und wenn du mal den falschen Weg einschlägst, dann wirst du es schon noch früh genug merken, spätestens, wenn es sich nicht richtig anfühlt. Hab vertrauen in dich selbst. Ich kann dir eine Richtung vorgeben, es ist dir überlassen was du daraus machst. Aber tu mir einen Gefallen und mach endlich die Augen auf, du verschwendest dein Leben. Aber das solltest du nach heute ja wohl wissen.”

Ich nickte stillschweigend, hatte dem Gesagten nichts mehr hinzuzufügen. Blödes weißes Kaninchen, warum musste dieses flauschige kleine Etwas auch immer Recht haben? Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich gedacht ein schelmisches Blitzen in den großen blauen Kulleraugen erkennen zu können.

“Du machst das schon.”


Ich wusste nicht genau wovon ich wach geworden war, da war so merkwürdiges Geräusch gewesen, so ein leises Plop.

Mein Kopf brummte, ich blinzelte, aber das Licht, was in mein Schlafzimmer fiel war viel zu hell. Ich hätte schwören können, ich hätte einen seltsamen Traum gehabt, musste wohl am Schlafmittel gemischt mit Alkohol gelegen haben. Seltsam, er hatte sich so real angefühlt. Alles, an das ich mich erinda wäre ein kleines, weißes Kaninchen drin vorgekommen. Komisch.

Ich schüttelte den Kopf und beschloss mich kurzerhand für den Tag krankzumelden. Der Job hing mir eh schon zum Hals raus, und außerdem hatte ich auf einmal das starke Bedürfnis mehr mit meinem Leben anzufangen.

Aber das konnte ja wohl bis nach dem Kaffee warten.
 
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Hallo @celestryall,

ein Herzliches Willkommen hierzuboard; fangen wir an.

Eine schlüssige Geschichte, sehr stringent, und leider auch mit vielen Klischees. Der Protagonist wacht auf nachdem er mit Alkohol und Schlafmitteln in so etwas wie Schlaf gefallen ist. Auf seiner Brust sitzt kein Alb, sondern ein weißes Kaninchen, das für den Rest der Geschichte eine Art Lebenslehrer für ihn sein wird. In Hinsicht auf die Struktur hat die Geschichte viel Ähnlichkeit mit Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte, mit Mr. Scrooge und den drei Geistern, kennst du bestimmt. Hier sind es keine drei, nur einer, und der Protagonist muss Missionen erfüllen. Über den Verlauf von Station zu Station ist das eine Art Läuterungsgeschichte. Am Ende lernt der Leser, dass auch Selbstmörder ein weiteres Leben bekommen. Oh, wie nett. Gilt das nicht dann auch für Leute, die sich zu einem Rädchen im Getriebe umfunktionieren lassen haben?

Mir ist das alles etwas moralinsauer, so Holzhammer eben. Und mir geht auch nicht ganz ein, was der Protagonist denn jetzt machen soll. Du gibst ihm keine Perspektive, er bleibt blass. Krankfeiern ist jetzt halt nix, was er sich als kleiner Bub ausgedacht haben könnte auf die Frage hin, was er denn mal werden möchte. Soll er jetzt Schicksal spielen? Wieso? Wir lernen ja zur Zeit, dass sich das weiße Kaninchen des Schicksals in Millionen, ja Milliarden Leben suhlt wie eine Drecksau.

Ah, tolle Überleitung zum Sprachlichen. Die Geschichte hat einen wenig geschichtenartigen Stil. Neben vielen Kommafehlern und Füllphrasen finden sich umgangssprachliche Formulierungen wie

Mein Kopf brummte, ich blinzelte, aber das Licht, was in mein Schlafzimmer fiel war viel zu hell.
das Licht, das ... fielKOMMA war viel zu hell.
Ich nickte, obwohl ich weder wusste, ob ich bereit war und noch viel weniger, für was ich bitte bereit sein sollte.
Ich nickte, obwohl ich weder wusste, ob ich bereit war, noch wofür.

“Das ist leider komplett dir überlassen. Da werde ich dir nicht bei helfen.”
Dabei werde ich dir nicht helfen.

Okay, was mach ich jetzt? Krankfeiern, am Montag, überlegen, ob ich meinem Leben nicht auch ne neue Richtung geben soll? Dieses ganze Heilen, das wird doch langsam langweilig, und stressig in so einer Pandemie, Mann, Mann, Mann ... Das mit dem Freitod muss ich mir noch mal überlegen, bei aller Wahrscheinlichkeit wiedergeboren zu werden ... du verstehst? ;)

Okay, der vorige Absatz ist ein bisschen gemein, ich weiß. Übrigens bin ich kein Arzt, nur schnöder HomeOfficeler. Moralin gehört leider jedenfalls nicht in Schreibanfängerhände. Wobei, doch, eigentlich schon. Denn wenn man ihnen schon das Moralin verbietet, warum dann nicht gleich die ganze Apotheke? Was viele nicht wissen, und auch ich sehr spät gelernt habe, Moralin ist sauer und bitter und sehr stark verdünnt genießbar, manche begreifen es sogar als Homöopathikum.
 
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Hi @celestryall ,

ich glaube, du verwendest eine Art der Erzählung, die man entweder ziemlich unterhaltsam findet, oder total nervig: Ein permanenter Dialog aus der Ich-Perspektive mit dem Schicksal, in Gestalt eines Kaninchens.

Ich finde, es ist dir sprachlich gut gelungen, wenn man sich darauf einlässt.

Inhaltlich finde ich den Beginn gut, wenn es darum geht, dass dein Protagonist sich zuerst für bekloppt hält, bis er akzeptiert, dass er tatsächlich mit dem Schicksal/dem Kaninchen spricht.

Nach dem Ende deiner Geschichte dachte ich allerdings: Ok, das war nun eine sehr lange Einleitung, was das Schicksal alles so zeigen wollte ... aber wo ist nun die eigentliche Handlung, bezogen auf den Protagonisten? Was ändert er denn nun an seinem Leben?

Ich hoffe, du weißt, was ich meine ... Deine Geschichte hinterlässt bei mir den Eindruck, nur der Anfang einer noch längeren Geschichte zu sein, bei der der Hauptteil fehlt.

Und noch etwas textliches:

“Kein Grund zur Panik, beruhig dich erstmal, dann können wir reden[,]” hörte ich das Kaninchen sagen.
Du setzt immer mal wieder ein Komma vor die abschließenden Anführungszeichen, gehört da aber nicht hin. Das hier ist nur ein Beispiel dafür, bitte mal im ganzen Text prüfen. Genauso wie die Kommasetzung insgesamt, ich bin hierfür leider kein Experte, daher nur als allgemeiner Hinweis.

Viele Grüße und noch viel Spaß hier!
Rob
 
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