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Das Tier

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08.07.2012
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Das Tier

Im letzten Licht des Tages entdeckte ich Wollgras, Fieberklee und Moosbeeren. Juli - der Moderdunst der Sümpfe lag über der Bruchlandschaft. Ich kniete gerade vor den weißen, trichterförmigen Blüten einer Schlangenkrautpflanze, um sie näher zu betrachten, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Ich fuhr herum und erstarrte.
Ich hätte nicht mit Gewissheit sagen können, was für eine Kreatur da vor mir stand, allein die Vernunft legte nahe, dass es ein von Räude oder Tollwut befallener Hund sein musste. Das Tier war riesig. Die trüben Augen, aus denen milchiges Sekret tropfte, auf mich gerichtet, näherte es sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf. An einigen Stellen seines Körpers hing der Pelz in langen, verklebten Fetzen herab, doch das meiste Fell hatte die Bestie bereits verloren.
Ich erhob mich, zog mein Jagdmesser aus dem Gürtelholster und erwartete den Angriff. So standen wir uns eine Weile gegenüber. Schon bei dieser ersten Begegnung beunruhigte mich etwas an dem Geschöpf, das über den Horror seiner äußeren Erscheinung hinausging. Es war, als sähe mich diese Kreatur, als lese sie meine Gedanken. Mehr noch: Mir schien, das Auftauchen des Monsters in den finnischen Wäldern bei diesem Abendspaziergang gelte ganz konkret mir. Wie es da stand, mich mit stumpfen Augen beobachtend, den ausgemergelten Körper angespannt, – ich konnte nicht anders, als eine Botschaft darin zu sehen.
Ich rechnete bereits damit, die Nacht im Moor zu verbringen. Doch so lautlos, wie das Wesen einige Minuten zuvor hinter mir aus dem Wald getreten war, verschwand es jetzt zwischen Erlen und Birken.


Im Haus hatte ich es nicht ausgehalten, doch hier auf der Terrasse war die Kühle des Flusses zu spüren. Ich trank, rauchte, betrachtete die Reflexionen des Mondlichts im Wodkaglas. Jenseits der Sümpfe dämmerte bereits ein neuer Tag. Ich ging eine Weile auf und ab, setzte mich auf die gepolsterte Bank, lauschte dem Flüstern des Tornionjoki, dem beständigen Wellenschlag, dem Saugen und Schmatzen, mit dem sich sein dunkles Wasser in den Uferkies grub.
Der Alkohol machte mir zu schaffen, rumorte in meinen Eingeweiden. Ich überlegte, ob ich hineingehen oder mich gleich hier übergeben sollte. Zitternd stemmte ich mich hoch. Ein paar Minuten stand ich schwankend so da, beobachtete das Glitzern auf dem schwarzen Rücken des Flusses. Ich trank noch einen Schluck, stellte das Glas auf den Tisch und ging ins Haus. Während ich die Treppe hinabstieg, knöpfte ich mein Hemd auf, zog es aus und ließ es fallen. Ich öffnete die Haustür, durchquerte den Garten, ging den schmalen Weg zum Fluss hinunter.
Meine Jeans landete im Gestrüpp der Böschung. Ich weiß nicht, weshalb ich die Unterhose auszog. Als das Wasser meine Waden umspülte, fuhr die Gewissheit eines baldigen Verhängnisses wie Frost in meine Knochen. Ich machte ein paar Schritte hinein in den Fluss, breitete die Arme aus. So stand ich da, bis in der Stadt die Kirchglocke schlug. Dann kippte ich vornüber in die Dunkelheit.


Ich saß in meinem Versteck und beobachtete das Verblassen der Farben des Sumpfwaldes. Auf meinen Knien lag das Sako 85, ein Jagdgewehr im Kaliber .308 Winchester. Seit Wochen wanderte ich durchs Moor auf der Suche nach dem Tier. Ich hatte mehrere provisorische Ansitze errichtet, an Orten, die mir einen guten Überblick boten. Bei Anbruch der Dämmerung hockte ich nun Tag für Tag in einem dieser Unterstände und wartete auf die unheimliche Kreatur.
Nach meiner Abreise aus Berlin hatte ich mir vorgenommen, unter dem Radar zu fliegen. Ohne Nachtjagdlizenz mit der Sako durch die Dunkelheit zu streifen, war riskant. Ich dachte nicht viel darüber nach, weshalb ich gegen meine Sicherheitsregeln verstieß und es darauf ankommen ließ. Ich hatte einen Hausken-Schalldämpfer an die Waffe montiert und hoffte, meine Exkursionen in der menschenleeren Gegend würden keine Aufmerksamkeit erregen.
Während ich in der Finsternis auf der Lauer lag und durch meinen Nachtsicht-Feldstecher das öde Grüngrau der Sümpfe betrachtete, kehrten meine Gedanken immer häufiger nach Berlin zurück. Ich erreichte schließlich einen Punkt, an dem es mir schien, als wäre dies überhaupt der Zweck der Jagd. Als ginge es dabei um eine schonungslose Rekapitulation der Ereignisse, die zu Klaras Tod und zu meiner vollständigen Niederlage geführt hatten.
Immer wieder erlebte ich Momente äußerster Anspannung, wenn es im Bruchwald knisterte und ein Tier aus dem Schwarz des Unterholzes auf die sumpfige Lichtung trat. Das Wild starrte mit glühenden Augen in die Linse meines Feldstechers. Hirsche, Rehe und Füchse huschten wie Fabelwesen durch die fluoreszierende Landschaft. Eine Rotte Schwarzwild wühlte grunzend den schwammigen Boden durch.
Ab und an wechselte ich vom Feldstecher zur Sako und beobachtete die Tiere durch das Nachtsicht-Vorsatzgerät meines Zielfernrohrs. Häufig entsichterte ich dann die Waffe und suchte den Druckpunkt des Abzugs. Vielleicht erhoffte ich mir von einem Schuss Erlösung, ein Nachlassen der Anspannung. Ich sehnte mich danach, den krampfhaften Zusammenbruch zu beobachten, das Zucken, das Strampeln der Hinterläufe in der Nachtluft. Aber ich schoss nicht, denn ich befürchtete, meine Chance zu verpassen, den Riesenhund zu erwischen.
Drei oder vier Mal pro Woche unternahm ich tagsüber ausgedehnte Pirschgänge durch die Wälder. Ich hoffte, so Informationen zu sammeln, die mir bei meinen nächtlichen Jagden helfen würden. Während ich auf Fährtensuche durch die morastige Bruchlandschaft strich, übte ich mich im Blick des Rehs. Vor Jahrzehnten erwähnte ein Fährtensucher der Emberá in Kolumbien mir gegenüber, dass ein Jäger im Urwald stets den Blick des Rehs anwende, um das Wild nicht zu verschrecken. Jäger, die mit dem Blick des Adlers unterwegs seien, hätten deutlich weniger Erfolg. Ich lernte damals schnell und gründlich. Noch Jahre später, wenn ich auf der Schönhauser Allee jemandem folgte, tarnte ich meine Absichten, indem ich diese Jagdtechnik einsetzte. Und selbst, wenn ich einer Zielperson im Gedränge der U-Bahnstation am Kottbusser Platz ein Stilett in die Nieren stieß, schaute ich mit dem Blick des Rehs in die Welt und wirkte wie einer, der ganz und gar harmlos sein musste.
Auf meinen Pirschgängen entdeckte ich die Fährten der Kreatur. Sie ähnelten den Trittsiegeln von Wölfen, waren allerdings deutlich breiter. Ich fand auch andere Spuren, zottige Fellbüschel im Brombeergestrüpp und Kadaverreste, die von einem Riss stammen mochten.
Ich dachte darüber nach, was Klara von meinen Exkursionen gehalten hätte. Vermutlich hätte sie so etwas gesagt wie: »Ich verstehe zwar nicht, weshalb dir das so wichtig ist, aber wenn es dir so viel bedeutet, unterstütze ich dich gern. Wie kann ich dir helfen?« Anfangs hatte ich mich über ihren unerschütterlichen Wunsch, die Motive anderer Menschen zu respektieren lustig gemacht. Erst nach und nach begriff ich, welche Stärke darin lag.
Als ich sie in der Nacht vor meiner Abreise aus Berlin tot in ihrer Wohnung fand, überraschte es mich kaum. Nicht, dass ich vorher etwas geahnt hätte. Sasha, die Frau, für die ich damals arbeitete, hatte mir einige Tage zuvor mit einem Lächeln erklärt, dass man mich zwar vermissen werde, aber jeder in der Führungsriege der Organisation wünsche mir Glück und einen guten Start in meinem neuen Leben. Zweifellos war die Reaktion der Bruderschaft zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossene Sache gewesen. Klara in dieser Nacht so auzufinden, vergewaltigt, gefoltert und schließlich mit einem Kopfschuss hingerichtet, überraschte mich nicht, weil es mir als folgerichtige Konsequenz meiner verworfenen Taten erschien. Ein Mann wie ich beendete nicht einfach ein Leben des Krieges und Kämpfens, des Tötens und der Zerstörung, der Manipulation und Einschüchterung, indem er mit seiner Geliebten nach Finnland auswanderte.
Hier in der Dunkelheit zu sitzen mit der Sako auf den Knien, fühlte sich in paradoxer Weise richtig an. Ich umschloss den Handgriff des Gewehrs, spürte die Schwere der Waffe. Ich genoss das Gefühl, aktiv zu sein, einen Plan zu haben, eine Strategie. Ich war aus der Lähmung erwacht, die mich seit meiner Ankunft hier in Finnland niedergedrückt hatte.


Der Mann stellte sich als Mikko Lehtinen vor. »Kriminalpolizei Rovaniemi«, sagte er auf Englisch und sein Ausweis schwebte eine Weile vor mir in der Morgenluft. Ich nickte, ohne genauer hinzuschauen. Mit einer knappen Bewegung des Kopfes stellte Lehtinen seinen Assistenten Sami Rautio, Kriminalbeamter aus Tornio, vor. Wir drei standen einen Moment lang schweigend in der Tür meines Hauses, bis ich begriff, dass die beiden hereinkommen wollten. Lehtinen bedankte sich höflich, als ich die Polizisten auf die Terrasse bat. Er nahm mir gegenüber am Holztisch Platz, während Rautio ein paar Meter entfernt stehenblieb, ein ledergebundenes Notizbuch aus dem Jackett zog und aufschlug. Nachdem Lehtinen eine Bemerkung zum Ausblick auf den Tornionjoki gemacht hatte, räusperte er sich und sagte: »Wir sind nicht hier, um Ihnen die Zeit zu stehlen. Ich mache es daher kurz.«
Er sagte, ein Interpol-Kollege habe ihn auf mich aufmerksam gemacht. »Es liegt mir fern, Ihre Vergangenheit diskutieren zu wollen. Aber wenn ein Mann, der in Deutschland mehr als zwanzig Jahre lang für Sasha Rutkina tätig war, hierher nach Finnland kommt, ein Haus bezieht, um sich, wie es scheint, dauerhaft einzurichten, dann weckt das einiges Interesse.«
»Ich verstehe«, sagte ich.
»Wie ich höre, haben Sie vor einigen Wochen in Rovaniemi eine Langwaffe erworben.«
»Das stimmt. Ich bin Jäger.«
Lehtinen nickte. »Gewiss. Ich weiß, dass Sie eine deutsche Jagdlizenz besitzen und deshalb hatte die Waffenzulassungsstelle auch keine Einwände. Es ist nur …«
Ich wartete. Es gab keinen Grund, ihm die Sache zu erleichtern. Wenn er Klartext reden wollte, musste er den ersten Schritt machen.
»Hören Sie«, sagte er. »Ich habe ein paar Quellen in Deutschland angezapft und mich ein bisschen in Ihren Fall eingearbeitet.«
Ich fischte mir eine Zigarette aus der Packung, die auf dem Tisch lag und sagte: »Ich wusste nicht, dass ich für Sie einen Fall darstelle.«
Lehtinen zuckte die Schultern: »Ich halte Sie für einen Profi. Sie wissen, dass niemand Sasha Rutkina den Rücken zuwendet.«
Ich rauchte und dachte über seine Bemerkung nach. »Was wollen Sie von mir?«, fragte ich schließlich.
»Ich möchte Ihnen ein Angebot machen. Nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft gäbe es Möglichkeiten, Sie zu schützen – vorausgesetzt, Sie kooperieren.«
Ich stutzte. Ich verstand nicht, worüber der Mann sprach. Lehtinen beobachtete mich. Als er meine Verblüffung bemerkte, sagte er: »Ihnen ist sicher klar, dass Sasha jemanden hierher geschickt hat.«
Ich blies langsam den Rauch aus und dachte angestrengt nach.
»Deshalb haben Sie sich doch die Waffe zugelegt, nehme ich an«, fuhr Lehtinen fort.
Eine Weile sagte niemand ein Wort. Der Fluss rauschte in meinem Kopf und ich hatte Mühe, die Maske der Gelassenheit zu wahren.
»Wie gesagt, ich bin Jäger«, sagte ich schließlich mit brüchiger Stimme, wie mir schien. Lehtinen erhob sich, zog eine Visitenkarte aus der Innentasche seines Jacketts und legte sie auf den Tisch. »Denken Sie in Ruhe über mein Angebot nach. Rufen Sie mich jederzeit an.«
Ich begleitete die beiden Beamten zur Tür und schaute ihnen nach, als sie in einen grauen Volvo stiegen. Rautio fuhr. Ich hatte den Eindruck, dass er lächelte.


Als ich die Kreatur erneut entdeckte, war es bereits August. Den ganzen Tag über hatte ich in der Hitze über meinen Jagdplänen gebrütet, darüber nachgedacht, ob ich das Gebiet meiner Pirsch ausdehnen sollte. Wurde es Zeit, die Strategie zu ändern? Wie wäre es, das Tier mit Ködern anzulocken? Während ich mit verklebtem Hemd auf der Terrasse hinter meinem Haus saß, mir den Schweiß von der Stirn wischte und hinunter zum Fluss sah, der stillzustehen schien, fragte ich mich immer wieder, was das Ganze eigentlich bezwecken sollte. Weshalb wollte ich dieses Tier töten? Ich sagte mir, dass eine Gefahr von dem Geschöpf ausging. Für mich und andere Menschen, die in den Sümpfen spazieren oder wandern gingen, so wenige es auch sein mochten. Natürlich wusste ich, dass das nicht der wahre Grund sein konnte. Der Tag dehnte sich endlos, die Zeit schien erstarrt. Endlich dämmerte es und ich brach auf. Ich bezog mein Versteck und wartete. Mücken und Stechfliegen umschwirrten mich, die Hitze des Tages lastete noch immer auf dem Moor. Ich lauschte dem eigenartigen Grollen von Erdkröten, dem Flöten eines Schilfrohrsängers und all den anderen Geräuschen im abendlichen Sumpf, dem Plätschern, Tropfen und Rascheln. Aus weiter Ferne waren die Rufe von Kranichen zu hören und über dem Schilf flatterten jagende Fledermäuse.
Die Kreatur betrat die Lichtung in geduckter Haltung, bereit, jederzeit zurück ins Unterholz zu springen. Etwas Lauerndes, Verschlagenes lag in der Art, wie sie durch die Dunkelheit schlich. Ich justierte mein Nachtglas, zoomte das Tier heran und betrachtete jede Einzelheit. In der digitalen Optik des Feldstechers wirkte es noch irrealer, als bei unserer ersten Begegnung. Inmitten der flimmernden Grüntöne setzten sich die leuchtenden Konturen seiner Gestalt deutlich vor dem dunklen Schleier des Sumpfwaldes ab. Ich betrachtete den ausgemergelten Körper, das verklebte, struppige Fell, das nervöse Zucken der Lefzen. Ich ließ das Glas sinken und ergriff mein Gewehr. Ich bettete es auf meinen Jagdrucksack und visierte durch das Zielfernrohr. Bleich und geisterhaft huschte das Tier über die Freifläche, hielt einen Moment lang inne und blickte sich wie suchend um. Etwas durchzuckte mich, als es in meine Richtung starrte. Ein Zittern erfasste den Leib der Kreatur. Die Bestie öffnete den Rachen, warf den Kopf ein paar Mal hin und her und würgte schließlich etwas hervor, das im glühenden Weiß der Nachtsichtoptik wie der Rest eines kleinen Tiers aussah. Dann hielt das Geschöpf erneut inne und richtete seine Augen wieder auf mich, zumindest erschien es mir in dem Moment genau so. Eine Zeitlang geschah nichts. Das Wesen starrte in meine Richtung, und ich beobachtete es mit stockendem Atem. Als ich den Finger an den Abzug legte, ging ein Ruck durch den schimmernden Leib der Kreatur und sie begann, über das Erbrochene zu lecken und es schließlich zu verschlingen.
Ich beobachtete dieses seltsame Verhalten eine Weile, doch dann drängte mich etwas, endlich den befreienden Schuss abzufeuern. Als das Tier seitlich zu mir stand, zielte ich auf seinen Brustkorb. Das Geschoss würde beide Lungen durchschlagen und dann wäre der Spuk endgültig vorbei. Ich drückte den Kolben der Waffe in die Schulter, atmete aus und schoss. Der Knall jagte trocken über den Sumpf, das Untier sprang buckelnd in die Höhe. Ein eindeutiger Treffer. Im Nachtsichtglas der Sako sah ich, wie es eine große Menge Blut verspritzte, auf die Seite fiel und ein paar Sekunden lang in Krämpfen mit den Läufen ruderte. Dann bewegte sich das Tier nicht mehr.
Ich setzte das Gewehr ab, knipste die Rotlichtstirnlampe an und zog den Klappspaten aus dem Rucksack. Ich nahm meine Ausrüstung und ging im Schein der Stirnlampe über die Lichtung bis zu der Stelle, wo ich das Tier erlegt hatte.
Ich fand den Anschuss ohne Probleme. Da war viel schaumiges Blut, zweifellos ein Lungenschuss. Doch das Tier war fort. Zunächst nahm ich an, die Kreatur hätte sich ein letztes Mal aufgerappelt und ein paar Meter weiter geschleppt. Ich suchte eine halbe Stunde lang den Boden ab, doch es gab keine Spuren, die vom Anschuss wegführten. Kein Trittsiegel, kein Blut. Nichts. Das Wesen war fort. Ich stand in der Dunkelheit und zitterte.


Klara hasste es, wenn ich mich verspätete. Sie schmollte dann eine Weile und ließ mich durch bissige Bemerkungen wissen, was sie von meiner Unpünktlichkeit hielt. Nach und nach begriff ich, dass diese Eigenart keine Marotte war. Alles in Klaras Universum war aufrecht, geradeaus und verbindlich. Eine Verabredung war für sie eine Vereinbarung, ja ein Versprechen.
Umso seltsamer erschien mir, dass sie sich auf mich eingelassen hatte – einen Mann der Lüge, der Täuschung und des Verrats. Im Auftrag von Sasha und der Bruderschaft infiltrierte ich Organisationen und Institutionen, sammelte Informationen, spähte Feinde und Konkurrenten aus. Die Kunst der List, die ich für Sasha einsetzte, wandte ich zunächst auch bei Klara an.
Zwei Jahre lang hielt sie mich für einen Sicherheitsberater, den Firmen zur Abwehr von Wirtschaftsspionage und Sabotage konsultierten. Der Vorwand, die Regeln meines Berufs verpflichteten mich zu Vertraulichkeit und Diskretion, eignete sich ideal zur Tarnung meiner wirklichen Tätigkeiten. Ich ließ zu, dass dieses Bild allmählich Risse bekam. Irgendwann ahnte Klara, dass hinter meinen nächtlichen Einsätzen mehr steckte, als ich vorgab.
Tatsächlich wünschte ich mir schließlich, sie einzuweihen. Ich wollte diese Beichte. Ich wollte wissen, ob in den Augen meiner Geliebten, die letztlich jedem Menschen gute Absichten unterstellte, auch für mich Hoffnung bestand. Doch statt eines offenen Gesprächs führten wir Stellvertreterdiskussionen.
»All die Leute, die man hier über die Klinge springen lässt«, sagte sie eines Abends, als wir beim Italiener in der Nähe des Kollwitzplatzes saßen, »das ist im Grunde doppelt tragisch.« Sie sprach von einem Bekannten, der mit dem beruflichen Druck als Pfleger im Krankenhaus Friedrichshain nicht zurechtkam, seinen Dienst quittierte und nun ausgelaugt und depressiv zu Hause auf der Couch saß. »Schadet den Menschen und schadet der Gesellschaft.«
»Schätze, einige könnten auch anfangen, sich selbst aus der Scheiße zu ziehen«, sagte ich. Es war das übliche Vorspiel zu unserer Generaldebatte.
»Das hier«, sie machte eine Geste, die die ganze Welt zu umfassen schien, »ist die Wurzel des Übels. Das System. Der Kapitalismus. Oder glaubst du, die Menschen stehen morgens auf und sagen sich: Heute will ich mal so richtig mies, faul und destruktiv sein?«
Ich nahm einen Schluck Wein, stieß meine Gabel in die Makkaroni und sagte: »Glaub mir, Süße, es gibt eine Menge Arschlöcher in dieser Welt, die dein Mitgefühl nicht verdienen.«
»Gerade die verdienen es«, erwiderte sie ernst und sah mich erwartungsvoll an. »Oder meinst du, sie waren von Anfang an Arschlöcher?«
Ich zuckte die Schultern. »Kann ich nicht beurteilen. Einige bekommen, was sie verdienen, andere nicht. So sehe ich das.«
In diesen Diskussionen schien Klara etwas abzuklopfen, schien sie herausfinden zu wollen, wie weit unsere ethischen Grundsätze voneinander entfernt waren. Nur mein Narzissmus ließ mich glauben, sie wäre bei mir geblieben, hätte sie die Wahrheit gekannt.


Etwas hatte sich geändert. Ich hockte im Unterholz und schaute im schwindenden Licht des letzten Augusttages auf das Moor. Mit dem Glas suchte ich den Waldrand ab, beobachtete zwei Elche, die äsend im morastigen Wasser standen. Der Sumpf wirkte seltsam still und leer. Allmählich versank die Bruchlandschaft in tiefer Dunkelheit. Ich wechselte zu meiner Nachtsichtoptik und spähte durch das Okular des Feldstechers in die grün verrauschte Welt. Mir fiel auf, dass jetzt ein tiefes Schweigen über dem Moor lag. Selbst das permanente Tropfen, Glucksen und Plätschern des Wassers war zur Ruhe gekommen.
In diesem Moment trat das Tier aus dem Dickicht. Es war, als träte es aus der Schwärze eines fernen, außerweltlichen Raumes in meine Realität. Die Kreatur bewegte sich auf mich zu, langsam aber zielgerichtet. Und wieder hatte ich den Eindruck, von dem Wesen durchschaut zu werden. Ich spürte, dass dieses Untier mich sah. Ich setzte den Feldstecher ab, nahm die Sako, prüfte die Visiereinstellung des Zielfernrohrs. Die Entfernung stimmte. Ich visierte durch die Optik. Das Fadenkreuz bewegte sich im Rhythmus meines Atems über dem Brustkorb des Riesenhundes. Ein Treffer würde die Arterien, die Lungen und mit etwas Glück das Herz des Monsters durchschlagen. Ich entsicherte, atmete aus und legte den Finger an den Abzug. In diesem Augenblick hielt das Tier inne. Es blieb stehen und schaute mich mit seinen milchigen Augen an. Sekunden vergingen.
Ich setzte die Waffe ab. Einen Moment lang hockte ich in der Schwärze, dann sicherte ich das Gewehr und schaltete die Nachtsichtoptik ab. Ich packte meine Ausrüstung zusammen und verließ mein Versteck. Ohne die Stirnlampe einzuschalten ging ich durch die Finsternis. Der morastige Boden schmatzte unter meinen Stiefeln. Im Morgengrauen erreichte ich den Tornionjoki, ging an seinem Ufer entlang bis zu meinem Haus. Ich durchquerte den Garten, legte auf dem Tisch der Terrasse das Gewehr und meinen Rucksack ab. Ich setzte mich auf die Bank und wartete auf den Sonnenaufgang.


Der Zeitpunkt war nicht ideal. Der Auftrag, der vor mir lag, bereitete mir Kopfschmerzen. Einer von Sashas wichtigsten Männern hatte die Seiten gewechselt. Niemand wusste, ob er ahnte, dass die Chefin von seinem Verrat Wind bekommen hatte, aber ich hielt es für möglich. Ich machte mich darauf gefasst, beim Betreten seiner Wohnung im Brunnenviertelkiez der Mündung einer Schrotflinte gegenüber zustehen. Ich hätte es an diesem Morgen deshalb vorgezogen, allein in meinem Bett aufzuwachen, aber Klara war mitten in der Nacht bei mir aufgetaucht und sagte, dass sie mir eine wichtige Neuigkeit mitteilen wollte. Wir tranken Wodka, liebten uns zum Sound von Dopes to Infinity und ich nahm an, Klaras wichtige Neuigkeit wäre nur der Vorwand für einen spontanen Besuch gewesen.
Doch als ich an diesem Morgen die Küche betrat, lag neben dem dampfenden Kaffeebecher die Kopie eines Ultraschallbildes. Klara lehnte am offenen Fenster und sah hinaus zum Park, wo in Nebelschwaden still die Kastanien standen. Ich betrachtete das Bild und begriff nicht sofort, was ich da sah.
»Achte Woche«, sagte Klara. Sie schaute unverwandt auf die Bäume im Park. »Wenn du heute Abend nach der Arbeit Zeit hast, sollten wir reden.«


Sashas Mann erschien an einem Sonntag gegen zwanzig Uhr. Auch er beherrschte den Blick des Rehs. Freundlich, zurückhaltend, gut gekleidet stand er in meiner Haustür. Ein Mann um die sechzig, die Andeutung eines Lächelns lag auf seinen Lippen. Er stellte sich als William Ashborn vor und ich bat ihn herein. Kurz darauf saßen wir auf der Terrasse hinter dem Haus bei einem Glas Wodka und schauten hinunter zum Fluss.
»Ich habe eine Weile gebraucht, um Sie zu finden«, sagte er und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Er hatte aufmerksam beobachtet, wie ich eine neue Flasche angebrochen, unsere Gläser gefüllt und zuerst getrunken hatte.
Ich nickte.
»Dennoch schien mir, dass Sie nicht viel Mühe darauf verwandt haben, Ihre Spuren zu verwischen.«
Ich trank, nahm mir eine Zigarette und zündete sie an.
»Ich dachte nicht, dass das notwendig wäre.«
Ashborn sah mich erstaunt an. »Offen gesprochen, das verstehe ich nicht.« Nach einer Weile setzte er hinzu: »Dachten Sie, sie lässt Sie einfach gehen?«
Ich rauchte, blies den Rauch aus und sagte: »Ja, das hatte ich angenommen.«
Ashborn betrachtete mich mit unverholener Neugier. »Ihr ganzes Leben lang waren Sie Profi. Und dann vermasseln Sie es wie ein blutiger Amateur. Was ist passiert?«
Eine Weile schwiegen wir. Ich sah Klara vor mir. Ich sah, wie sie eine Locke ihres Haars um den Finger wickelte, wenn sie abends von ihrem Tag erzählte.
»Zwanzig Jahre«, sagte ich schließlich. »Ich habe zwanzig Jahre lang einen guten Job gemacht.«
Ashborn nickte. »Ich weiß.«
»Wenn man so lange mit einer Bestie zu tun hat, sieht man sie nicht mehr als Bestie.«
Ashborn schien zu zweifeln. »Ich weiß nicht. Ist es nicht eher so, dass diese Frau, Klara, Ihren Blick auf die Welt getrübt hat?«
Wie sollte ich ihm erklären, dass er falsch lag? Wie sollte ich diesem Mann klarmachen, dass es Klara war, die mich befreit hatte?
»Wie auch immer, ich möchte Ihnen folgenden Vorschlag unterbreiten. Kommen Sie zurück. Die Bruderschaft wäre bereit, das Ganze als einmaligen Fehler zu betrachten. Ihre Kompetenzen sind einmalig. Sasha hätte Sie gern zurück. Kommen Sie nach Hause.«
Ich rauchte und beobachtete, wie sich die Gräser an den Ufern des Flusses im Wind bogen.
»Sie kennen die Alternative«, fuhr Ashborn fort. »Offen gesagt tut mir es mir sehr leid, was Klara zugestoßen ist. Ich habe es erst hinterher erfahren. Wenn es nach mir gegangen wäre … Ich hätte eine andere Lösung gefunden.«
»Darf ich Sie etwas fragen?«
»Selbstverständlich.«
»Wie lange arbeiten Sie in dem Job. Ich meine nicht für Sasha, sondern ganz allgemein.«
Ashborn schabte mit den Fingern über das Kinn. »Ich schätze, das sind so vierzig Jahre, alles in allem.«
»Und haben Sie es jemals für möglich gehalten, dass wir die Bösen sind?«
Ich kannte seine Antwort. Ich kannte sie auswendig.
»Gut und böse«, sagte Ashborn. »Das sind doch nur Worte. Erfindungen. Konzepte. Man bringt sie Menschen bei, um sie zu kontrollieren. Es sind Vokabeln eines Amateurs. Nicht meine. Und nicht Ihre.«
Eine Minute oder länger saßen wir da und lauschten dem Geräusch des Wassers. Es war ein schöner Moment.
»Sollten Sie sich gegen meinen Vorschlag entscheiden«, sagte Ashborn schließlich, »wäre das sehr bedauerlich. Sie wissen, dass die Bruderschaft in diesem Fall von einem feindlichen Akt ausgehen würde.«
Ich nickte. Einen Augenblick lang faszinierte es mich, dass ich zum ersten Mal auf der anderen Seite der Feuerline stand. Ich wusste, dass kein Mensch der Rache der Bruderschaft auf Dauer entgehen konnte. Mit viel Glück wehrte man einen ihrer Mörder ab. Ich hätte es jetzt sofort bei Ashborn versuchen könne, aber ich bezweifelte, dass ich erfolgreich gewesen wäre. Ich besaß nicht mehr, was es dazu brauchte. Doch selbst, wenn es mir gelänge, ihm mit einer schnellen Bewegung die Wodkaflasche auf dem Schädel zu zerschmettern, wenn es mir gelänge, ihn mit einem Schlag auf den Kehlkopf zu paralysieren, um ihm dann mit dem Löwentötergriff die Halswirbel zu brechen – selbst dann wäre es kein endgültiger Sieg. Auf Ashborn würden weitere folgen. Unmöglich, sie alle zu töten.
Ich begleitete Ashborn zur Tür und wir schüttelten uns wie Freunde die Hände.
»Treffen Sie die richtige Wahl«, sagte er. »Sasha braucht Ihre Entscheidung innerhalb von zwei Tagen.«
Ich nickte, winkte ihm zu Abschied und schloss die Tür.
Ich ging zurück auf die Terrasse, goss mein Glas voll und trank. Ich setzte mich an den Tisch, schaute in die untergehende Sonne und wartete auf das Krachen des Schusses.

 

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