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Das Trinkgeld

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26.03.2001
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Das Trinkgeld

An manchen Tagen war es schlimmer als sonst. Heute war einer dieser Tage. Die Heizung brummte wie ein Lastwagen, der genau in meinem Wohnzimmer steht. Natürlich während meiner Lieblingssendung im Fernsehen und natürlich, wenn es draußen acht Grad minus hat, daß man die Heizung nicht abschalten kann. Um nach dem verdammten Ding zu schauen, war es jetzt im Heizungskeller schon zu dunkel. Aber morgen, am Samstag, da würde ich diese Höllenmaschine zum Schweigen bringen.
»Morgen reparier ich die Heizung«, sagte ich beiläufig zu Ute, meinem geliebten Weib, weil ich spürte, wie sich ihr Blick in meine rechte Gesichtshälfte bohrte. »Vielleicht läßt du das lieber jemanden machen, der etwas davon versteht«, war die ernüchternde Antwort aus dem Sessel. »Ich darf dich daran erinnern, was die Reparatur meiner Strickmaschine gekostet hat, nachdem du versucht hast, sie instand zu setzen, oder daß wir seit vier Monaten nicht mehr Radio hören können.«
»Im Radio kommt doch sowieso nie was gescheites, außerdem kann ich mir nicht vorstellen, daß du samstags einen Monteur bekommst«, wiegelte ich ab, war mir allerdings nicht sicher, ob sie es gehört hatte, denn der Geräuschpegel aus dröhnender Heizung und einem plärrenden Fernseher strebte gerade seinem Höhepunkt entgegen.
Manche Entscheidungen werden einem abgenommen. So auch das Vorhaben, die Heizung erst morgen zu reparieren. Mein Entschluß, dies noch heute in Angriff zu nehmen, wurde unterstützt durch einen markerschütternden Knall und einen fast zeitgleich abgegebenen Schrei aus Utes Sessel, gefolgt von einer undurchdringlichen schwarzen Wolke, die sich schlagartig im Zimmer breit machte. Angesichts dieser überraschenden Entwicklung, blieb auch mir nichts anderes übrig, als die Chips, die ich gerade im Mund hatte, über den Tisch zu pusten und das Bierglas fallen zu lassen. Noch während ich versuchte, meine Augen den veränderten Lichtverhältnissen anzupassen, raste Ute schreiend an mir vorbei aus dem Raum.

Als wir nach einer gebührenden Zeit das Haus wieder betraten, war außer dem Fernseher nichts zu hören. Lautlos und friedlich senkte sich ein schwarzer, stinkender Schleier über die Möbel im Wohnzimmer. Ute riß alle Fenster und Türen auf und ich suchte im Telefonbuch die Nummer des Heizungsnotdienstes. Zehn Minuten später wußten wir, daß der Notdienst heute nicht zu erreichen war und daß sich eine stinkende, schwarze Wolke lieber im Haus aufhält als durch die Fenster zu verschwinden.
»Kurt«, fiel es mir plötzlich ein. »Kurt kann uns sicher helfen. Der hat ja in seinem Neubau sogar alle Wasserleitungen selber verlegt.« Während Utes Belehrungen, ein alter Ölofen habe nichts mit Wasserrohren gemeinsam, und alles sei sowieso meine Schuld, wählte ich Kurts Nummer.
Kurt erklärte sich bereit, gegen Zahlung seines üblichen Stundensatzes von zwanzig Mark zuzüglich eines Trinkgeldes, gewissermaßen als Nachtzuschlag, die Verwüstung in Augenschein zu nehmen. Die Wartezeit wollten wir nutzen, um wenigstens etwas Ordnung zu schaffen. Allerdings fehlte uns der rechte Schwung und außerdem herrschte im Wohnzimmer mittlerweile die gleiche Temperatur wie im Garten, und dort stand ein Schneemann.
Als Kurt nach zwei Stunden eintraf, hatte ich schon Vorarbeit geleistet und den Ölbrenner so gut wie möglich zerlegt. Ute saß in ihrem Wintermantel in der Küche vor einem Becher Glühwein. Als erstes besah sich Kurt das Wohnzimmer, schüttelte den Kopf und sagte: »Wahnsinn«. Während wir zum Heizungskeller hinunterstiegen, ließ er mich wissen:
»Sag mal, kannst du mir vielleicht schon mal einen Vorschuß auf die Reparatur geben? Ich bin nämlich mit dem letzten Tropfen Sprit hergekommen.«
»Wieviel brauchst du denn?«
»Na ja, sagen wir fünfzig, oder besser hundert«.
Ich gab ihm hundert Mark mit dem Hinweis, daß darin das Trinkgeld schon enthalten sei. Kurt lachte zweimal kurz und steckte das Geld weg. Im Heizungskeller angekommen, besah er sich den Brenner und meinte: »Wahnsinn. Der ist ja total zerstört.« Ich machte ihm aber klar, daß die Teile nicht durch die Explosion herausgeschossen wurden, sondern daß ich bereits mit der Reparatur angefangen hätte. Er kramte eine Taschenlampe aus seiner Werkzeugkiste und fuchtelte damit im Brenner herum. Ich ging derweil nach oben und genehmigte mir auch einen Glühwein. Von unten waren in unregelmäßigen Abständen Flüche zu vernehmen und in der Wohnung roch es nach Öl und Glühwein und dicker Luft. Eine Stunde später erschien Kurt in der Tür. In der Hand hielt er einige ölverschmierte Metallteile.
»Nichts zu machen«, keuchte er »das sind die Überreste der Einspritzdüse. Total im Eimer. Wahnsinn. Wann hast du den Brenner denn überhaupt zuletzt gereinigt?« Das war nun wirklich der schlechteste Zeitpunkt, mich so was zu fragen. Ute setzte sofort ihr 'Das-würde-mich-auch-interessieren Gesicht' auf und wartete auf meine Antwort.
»Was soll das heißen, »total im Eimer«?« konterte ich schlagfertig.
»Nun ja, ich will damit sagen, daß ich da heute nichts mehr machen kann.« Mit diesen bedeutungsschweren Worten, kam Kurt zum Tisch und erklärte uns genau, welchem Teil wir es zu verdanken hätten, daß wir heute nacht ohne Heizung sein würden. Ich kapierte kein Wort von seinen technischen Ausführungen, ärgerte mich dafür aber um so mehr über die Handvoll Alteisen, die mir das ganze Wochenende versauen würde.
»Und jetzt?« Wollte ich von Kurt wissen.
»Jetzt fahre ich wieder heim. Ich will versuchen, morgen so eine Düse aufzutreiben. Macht euch derweil ein paar warme Gedanken.« Er lachte und verschwand.
Am nächsten Morgen, brachte ich es nur schwer übers Herz, aus meinem warmen Daunenschlafsack zu kriechen. Mein geliebtes Weib hantierte schon in der Küche herum und teilte mir mit, daß sie den Heizungsdienst erreicht hätte und noch heute ein Fachmann kommen würde. Wobei sie das Wort 'Fachmann' überdeutlich betonte. Und tatsächlich, kurz darauf kam der Fachmann. Schon nach zehn Minuten, hatte er bemerkt, daß die Einspritzdüse fehlte und er folglich erst versuchen müsse, so ein Teil zu beschaffen. Der Fachmann ging und Kurt kam.
»Ich kann dir sagen, das war verdammt schwierig, so ein Teil am Samstag aufzutreiben.« War seine Begrüßung. »Hat dich fünfzig Mark Trinkgeld gekostet, daß der Typ heute sein Lager aufgemacht hat.« Mit diesen Worten tapste er die Stufen zum Keller hinunter. Ute rammte mir ihren Ellbogen in die Flanke und tuschelte etwas wie: ich solle ihm sagen, daß er verschwindet, weil das mit der Reparatur sowieso nichts würde. Sie für ihren Teil, würde einem ausgebildeten Fachmann mehr vertrauen, als einem eingebildeten. Sie gab sich aber geschlagen, als ich ihr erzählte, daß ich die Reparatur praktisch schon bezahlt hätte. Von unten waren Kurts übliche Arbeitsgeräusche zu hören: hämmern und fluchen. Wir sanierten derweil das Wohnzimmer. So herrschte ein fröhliches Treiben im Haus, als es plötzlich an der Tür klingelte. Draußen stand der Fachmann. Fast hätte er mich umgerannt, so eilig hatte er es ins Haus zu kommen. Aber ich wich nicht von der Stelle. So standen wir Auge in Auge.
»Tut mir leid, das mit der Reparatur hat sich erledigt.« Sagte ich ihm.
»Ha, Ha, guter Witz«, lachte der Fachmann und versuchte an mir vorbeizukommen.
»Das ist kein Witz, Mann. Wir haben uns entschlossen, mit der Reparatur noch zu warten.« Das hatte gesessen. Das Grinsen in seinem Gesicht, wich zögernd einem ungläubigen Staunen.
»Hier in meiner Tasche habe ich eine Einspritzdüse, ohne die können Sie nicht heizen. Oder wollen Sie vielleicht im Wohnzimmer ein Lagerfeuer machen? Und selbst, wenn ich jetzt gehe, eine Rechnung über die Arbeitszeit bekommen Sie doch.« Wieder versuchte er, sich an mir vorbeizudrängen.
»Hören Sie guter Mann, hier haben Sie ein fettes Trinkgeld für Ihre Bemühungen, damit ist die Sache erledigt.« Ich gab ihm zwanzig Mark, er ging zu seinem Auto. Doch bevor ich die Haustür ganz geschlossen hatte, hörte ich ihn noch rufen, daß er mir trotzdem eine Rechnung schicken würde.
Im Haus sah es bereits wieder wohnlich aus. Nach einiger Zeit strömte sogar warme Luft aus der Heizung. Ich setzte mich mit Kurt an den Küchentisch. Wir tranken Glühwein und machten die Abrechnung für die Reparatur. Jetzt gestand er mir, daß er anfangs nicht geglaubt hatte, daß der Ofen mit der neuen Düse funktionieren würde. Die Düse sei eigentlich für ein anderes Modell bestimmt, aber da er sehr pfiffig sei, würde jetzt alles bestens klappen. Zwei Stunden später verließ uns Kurt leicht angetrunken. Im Haus war es wohlig warm. Im Wohnzimmer roch es etwas nach Öl. Ich setzte mich zu meinem geliebten Weib auf das Sofa. Froh, daß alles noch mal so glimpflich abgelaufen war. Nur die Heizung brummt leicht. Nicht schlimm. Wenn man den Fernseher etwas lauter stellt, kann man der Handlung ganz gut folgen.

 
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Mahlzeit!

Hübsch, unterhaltsam und aus dem Leben gegriffen. Erinnert mich an eine ähnliche Situation. Gut geschmunzelt am Sonntag nach dem Essen ist was wert.

Heiko

 
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Klasse!
Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Nicht mit der Heizung, sowas ist mir gott sei dank noch nicht passiert. aber sonst kann ich mich in die Geschichte, die übrigens sehr gut und nach meinem geschmack formuliert wurde, sehr gut hineinversetzen. Ich gratuliere dir zu deiner Idee!

 

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