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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Deighe

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Deighe

Die Sonne ging nicht unter. Das tat sie nie um diese Jahreszeit. Ma erzählte mir manchmal von den Ländern, in denen der Tag hell und die Nacht dunkel waren, egal zu welcher Zeit im Jahr. Wenn ich darüber nachdachte, dann ergab das auch weit mehr Sinn, denn dann konnte man verlässlich die Nacht vom Tag unterscheiden. Die Sonne sollte nachts vom Himmel verschwinden, denn in den weißen Nächten fiel mir, so wie in dieser Mittsommernacht auch, das Einschlafen schwer. Ich stand aus meinem Bett auf, spähte hinter den Vorhang des Fensters und beobachtete die Schatten der Hügel und der vereinzelten Sträucher, jetzt, da die Mitternacht bereits eine Stunde zurücklag. Im rötlich-fahlen Licht schlich die Sonne den Horizont entlang, als umkreiste sie allein unser Haus in der Mitte dieser Weiten. Ich fragte mich, ob die Leute im Dorf, auf dessen Markt Ma und ich einmal im Monat Gewürze, Zunder und Brennholz kauften und gelegentlich auch gegen Fisch eintauschten, denselben Sonnenstand sahen, oder ob sie direkt über ihnen schien. Ich wusste, dass das Dorf zu weit weg war, um es von unserem Haus aus sehen zu können, dabei gab es um uns herum nichts als eine baumlose Ebene, die sich nur selten zu sanften Hügeln wölbte.

Ich machte mir noch eine Zeitlang meine Gedanken, bis ich es aufgab, schlafen zu wollen, das Fenster öffnete und mich hinaus in die helle Nacht lehnte. Die kalte Luft biss mir ins Gesicht und blies mein Haar, das mir bis zur Kinnspitze reichte, zur Seite. Auch wenn ich mich noch weiter dagegen sträubte, würde Ma wohl bald meine Haare schneiden, bevor wir das nächste Mal Besuch bekämen und Mrs. Harvey wieder sagte, ich sähe aus wie ein Mädchen.

Das alte Ehepaar, das ursprünglich aus England, einem weit entfernten Ort im Süden stammte, besorgte für uns ab und zu die Dinge, die nicht auf dem Markt verkauft wurden. Obst und Gemüse, eine neue Kurbel für die kleine Handmühle, in besonders kalten Wintern auch etwas Kohle, Stoffe für die Gardinen, Wachs für den Schlitten, Hundefutter. Die Harveys waren nicht reich, im Gegensatz zu uns aber relativ wohlhabend, und es störte sie nicht, wenn wir ihnen nicht den gesamten Betrag von dem zurückzahlten, was sie für uns ausgegeben hatten. Außerdem waren sie schon lange Zeit unsere Freunde und einzigen Bekannten, da konnte man schon mal ein Auge zudrücken. Die Sonne war inzwischen soweit gewandert, dass es gut und gern um zwei in der Früh sein konnte.

Eine eiskalte Böe pfiff mir um die Ohren und ließ mich frösteln, doch es kam mir nicht in den Sinn, mich wieder ins Zimmer zurückzuziehen. Schlafen hätte ich trotz meiner Müdigkeit nicht gekonnt, und jetzt, da mich die Frische wiederbelebte, war daran erst recht nicht mehr zu denken. Ich lauschte dem Wind, der die beiden Angeln zum Vibrieren brachte, die Ma an die Hauswand gelehnt hatte. Sie kratzten sacht am Holz, als würden sie um Einlass bitten und sangen dabei eine klagende Melodie.

Das Lied der Angeln wurde jetzt von einem Winseln unter meinem Fenster übertönt. Ich blickte die Wand unserer Hütte hinab und schaute in zwei, im Sonnenlicht glitzernde Hundeaugen. Ich grinste und rief hinunter: »Braver Junge, Eetu! Na, kannst du auch nicht schlafen?« Eetu winselte erneut, ehe er zurück in seinen Verschlag trottete und sich dort niederließ, während er mich noch immer im Auge behielt. Den gespitzten Ohren nach zu urteilen, war der Husky aber hellwach, immer begierig darauf wartend, einen Befehl erteilt zu bekommen. Oder er wollte, dass endlich jemand das Licht ausmachte. Verübeln konnte man es ihm nicht. Ich beobachtete, wie mich unser Schlittenhund aus einem blauen und einem bernsteinfarbenen Auge anstarrte, und seinen Kopf auch nicht senkte, so wie es seine wilden Artgenossen taten, um einem Blickduell auszuweichen, als er erneut aus dem Schatten der Hütte herauskroch und sich unsere Blicke trafen. Dann beschloss ich doch, mich in die Wärme zurückzuziehen, solange noch ein Rest von ihr in meinem Zimmer vorhanden war. Ma hätte es nicht gut gefunden, dass ich nachts das Fenster öffne, doch diese Nacht war keine Nacht, das musste sie verstehen.

Plötzlich hörte ich das leise Quietschen der sich öffnenden Luke im Boden, die den Eingang meines Zimmers verschloss, das eher eine kleine Dachkammer war, in der man nur geduckt gehen konnte. Mein Bett war auch nur eine uralte Matratze, an vielen Stellen eingerissen und durchgelegen, doch ich bezeichnete sie gern als Bett, weil ich mich auf ihr wohlfühlte. Wenn ich ehrlich war, wusste ich auch gar nicht, wie ein richtiges Bett aussah.

Offenbar hatte Ma versucht, die Luke möglichst sachte zu öffnen, doch diese war so schwer, dass sie scheppernd gegen den Dachbalken schlug. Leise schimpfend steckte Ma den Kopf durch das Loch und blickte sich in meinem Zimmer um. Ihr Lächeln, das ihre schiefen Vorderzähne preisgab, die jedoch so weiß waren, als würde sie sie regelmäßig putzen, beruhigte mich.
»Na, Curry?«, sprach sie leise und kletterte aus der Luke auf allen Vieren zu mir herüber. Es machte mir nichts aus, dass sie mich Curry nannte. Vor anderen Leuten, also den Harveys, war es mir vielleicht ein wenig peinlich, doch meistens waren wir zu zweit. Ma hockte sich neben mich und rieb sich die Arme. »Brrr, es zieht aber ganz schön hier oben. Willst du vielleicht ein Fell?«, fragte sie. Ich zuckte mit den Schultern.
»Ist nicht nötig. Ich kann sowieso nicht schlafen.« Ma runzelte die Stirn.
»Ja, weil es so kalt ist.« Ich musste grinsen und schüttelte den Kopf, obwohl mir klar war, dass Ma den wirklichen Grund kannte, der mich nicht schlafen ließ. Ich war mir sicher, dass es ihr nicht anders ging, sonst hätte sie ihre hellblonden Haare nicht zu einem Dutt zusammengebunden, sondern offen über ihre schmalen, spitzen Schultern fallen lassen. Auch ich selbst sah aus wie ein Haufen Knochen mit einem dünnen Hautüberzug, doch beklagen konnte ich mich nicht. Wir lebten hier seit ich geboren wurde und sind bisher noch nicht erfroren oder verhungert. Etwas, das so vielen anderen nicht gelungen war, außerdem hatten wir sogar ein paar Vorräte, da Ma sich sehr gut darauf verstand, im vereisten See zu fischen. »Weißt du, Curry«, sagte sie nach einer Weile, in der wir uns angeschwiegen hatten, »ich erinnere mich gerade an eine Geschichte über ein Mädchen, das nur an den Sonnenwenden erscheint.«
Ich fragte gedankenversunken: »So wie der Weihnachtsmann, aber auch im Sommer?«
»Na, so ähnlich«, meinte Ma. Ich versuchte mir eine jüngere Version von ihr mit einem weißen Rauschebart, einen wie Mr. Harvey ihn ansatzweise hatte, und mit einer roten Mütze vorzustellen. So, wie Mrs. Harvey mir den Weihnachtsmann aus dem fernen England beschrieben hatte. Es fiel mir schwer, mir ein Mädchen vorzustellen, weil ich fast noch nie eines gesehen hatte. Ich kannte nur zwei Frauen, Ma und Mrs. Harvey. Im Dorf wohnten sehr wenige Kinder, und die sahen nicht aus wie wir. Ich wusste, dass Ma vor meiner Geburt wo anders gelebt hatte, doch obwohl diese Gegend hier meine Heimat war, fühlte ich mich im Dorf fremd. So, als würden wir nicht dazugehören. Nur die Harveys sahen uns ähnlich – ihre Augen war runder, ihre Nasen länger und ihre Gesichter spitzer als die der Menschen hier. Wir waren die Fremden und würden es immer bleiben. Ich wusste es, Ma wusste es, doch wir sprachen nie darüber. Nun jedoch redete sie von dem Mädchen, das wie der Weihnachtsmann war, aber auch im Sommer erschien. »Sie bringt keine Geschenke, also nichts, was man in der Hand halten kann, wenn du verstehst, was ich meine. Es sind geistige Dinge, die sie beschert, so etwas wie Einsicht und Erkenntnis.«, sprach Ma weiter und ich war mir nicht sicher, ob ich nach den Worten Einsicht und Erkenntnis noch zuhören wollte, doch Ma zuliebe tat ich es. »Es passiert in der Mittsommer- und auch in der Mittwinternacht, wenn man im Schnee spazieren geht -«
»Wer geht denn nachts draußen spazieren?«, unterbrach ich sie. »Im Sommer ist es ja schön, aber auch im Winter, wenn sich die Sonne nie blicken lässt? Das ist doch viel zu kalt - egal zu welcher Tageszeit.«
Ma tat so, als hätte sie mich nicht gehört, und fuhr fort: »und man hört aus der Ferne ein Flötenspiel. Leise, leise, wie der fallende Schnee und der pfeifende Wind. Doch die Melodie ist seltsam, sie ist wunderschön, aber doch so anders. Sobald sie erklingt weißt du, dass sie nur dir gilt, nur für dich bestimmt ist. Dass sie von deinen Herzenswünschen erzählt, von deinen Ängsten, deinen Träumen. Von deiner Trauer.« Ich verzog das Gesicht.
»Und wenn ich gar nicht traurig bin?«, versuchte ich sie aus dem Konzept zu bringen. Ma lächelte: »Die Trauer ist unser ewiger Begleiter, mein Kind. Manchmal geht sie für eine Weile, aber sie wird uns nie für lange Zeit verlassen.«
Musste man nicht erstmal etwas besitzen, um über dessen Verlust traurig zu sein? Ich hatte Ma und ich hatte Eetu, sonst nichts. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken. Sollte ich noch weiter zuhören? Es interessierte mich nicht mehr, doch Ma schien meine Gedanken nicht gelesen zu haben.
»Die meisten Leute folgen diesem Flötenklang, fast alle. Nur wenige widerstehen. Wer zur Quelle der Melodie gelangt, sieht ein Feuer brennen - ein Lagerfeuer. Davor sitzt ein Mädchen, in Lumpen gekleidet, und spielt auf einer hölzernen Querflöte. Es bittet den Ankömmling, sich zu setzen und unterhält sich mit ihm. Nach einer Weile steht der Gast dann auf und geht. « Ich sah sie fragend an. »Einfach so? Das würde ich nicht machen. Ist das nicht sehr unhöflich?« Ma sah aus, als hätte sie gehofft, dass ich diese Frage stellen würde.
»In den Augen des Mädchens ist es das nicht, Curry. Es wartet darauf, dass er geht, weil es bedeutet, dass er etwas Wichtiges erfahren hat, etwas, das sein Leben ändern wird. Das muss nicht unbedingt etwas Bedeutendes sein, es kann sich auch um ganz schlichte Dinge handeln, wie ... die Position der Holzscheite im Kamin«, sagte sie und formte mit ihren Händen die Symbole für Feuer und Holz, wie es die Dorfbewohner taten. Ich musste lachen, auch wenn ich nicht wusste, ob die Sache mit dem Kamin ein Scherz war.
»Woher weiß sie denn, wie das Holz in unserem Kamin liegt?«, fragte ich.
Ma antwortete: »Sie weiß eben ziemlich viel, mein Junge.« Kurz schien sie zu überlegen, was sie noch sagen könnte, oder sie wartete darauf, dass ich eine Frage stellte. Aber mir war nicht nach Fragen zumute. Es war immer noch sehr kalt, doch die Müdigkeit hatte mich wieder eingeholt. Wie lang war die Mitternacht nun her? Zweieinhalb Stunden? Drei? Ich hasste sie, die Mittsommernacht.
»Ich glaube, die Menschen dieser Gegend kennen das Mädchen nicht. Sie erzählen sich andere Geschichten. Großvater hat so viele Sagen hierher mitgebracht. Er war ein guter Erzähler, voller Sanftmut und Weisheit. Es sind gälische Sagen, weißt du?« Ich nickte langsam. Ich wusste nicht, was Gälisch eigentlich bedeutete. Es hatte etwas mit Mas alter Heimat zu tun, das war mir klar, doch ich konnte mir darunter überhaupt nichts vorstellen. Ein Land ohne Schnee und Eis! Es klang wie ein Traum, wie etwas Unmögliches. Ma sprach nur selten darüber. Sie erklärte mir einmal, dass mein Name, Corey, soviel bedeutete wie Gottes Frieden, oder Friedenbringer. Ich hatte sie gefragt, warum sie mich so nannte, was Corey für sie selbst bedeutete, warum mein Name so anders war als die der Menschen im Dorf. Sie hatte kichernd geantwortet: »Du erwartest sicher eine tiefgründige Weisheit von mir, aber in Wahrheit fand ich Corey einfach schön.«
Auch ihr eigener Name, Eilidh, war Gälisch. Man sprach es wie Eili aus, da das dh nicht betont wurde. Ich konnte schreiben, deshalb wusste ich das, Ma hatte es mir beigebracht. Meine Sprache war aber Englisch, wie die der Harveys. Ma sang manchmal auf Gälisch, oft weinte sie dann auch. Ich mochte Gälisch nicht.

Mir war gar nicht aufgefallen, dass Ma nun wieder eine Weile geschwiegen hatte, als sie fortfuhr: »Kennst du das gälische Wort für ›aus dem Eis‹ , Curry? Es lautet ›deighe‹ . Das ist auch der Name dieses Mädchens: Deighe. Denn es kommt aus der eisigen Kälte und es bringt sie zu dir, wenn du ihr näherkommst.«
Für mich ergab das nicht viel Sinn. Wenn dieses Mädchen Deighe doch eigentlich gut war, wieso brachte sie dann Kälte statt Wärme? Andererseits konnte sich ihr Besucher am Feuer wärmen, oder war es dort auch kalt? Wieso machte ich mir eigentlich so viele Gedanken darüber? Mas Großvater schien ein schräger Vogel gewesen zu sein.
»Und warum tut sie das?«, fragte ich, nur um noch etwas zu sagen. »Ich meine, wieso bringt diese Deighe den Menschen Einsicht und Erkenntnis. Gibt es da einen Haken?«
Ma lächelte: »Klingt so, als wärst du drauf und dran, sie persönlich zu treffen. Vielleicht verrät sie es dir. Ich weiß nicht, wieso sie das tut, es ist wahrscheinlich ihre Aufgabe. Sie ist schließlich kein Mensch, weißt du? Sie ist ein Wintergeist und sie lebt hier, im ewigen Winter. Ein Mensch würde nicht überleben, wenn er nur ein altes Hemd und eine dünne Hose trüge, und ein Mensch könnte niemals so Flöte spielen, wie Deighe es kann.«
Kein Mensch? Also war dieses Mädchen wie ein Tier? Nein, ein Geist. Was genau war ein Geist? Ma warf einen Blick aus dem Fenster, runzelte die Stirn und murmelte: »Es sieht nach Morgen aus.« Dann strahlte sie mich an. »Kommst du mit? Wir könnten mit Eetu zum See laufen und dort ein wenig angeln. Danach können wir es ja noch einmal mit dem Schlafen versuchen.«
Ich nickte und erhob mich, nur um mir sofort am Deckenbalken den Kopf zu stoßen. Da wohnte ich schon mein ganzes Leben lang hier oben und konnte trotzdem nie die Höhe der Decke abschätzen. Aber wahrscheinlich lag das auch daran, dass ich in Gedanken gerade bei einem Flöte-spielenden Wintergeist war, der aussah wie ein in Lumpen gekleidete Weihnachtsmann, nur als Mädchen. Und ich vergaß für eine Weile die Sommersonnenwende – diese weiße Nacht, die mir zuflüsterte, dass bald die bittere Kälte und die Dunkelheit zurückkehren würden.
 
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Wortkrieger-Team
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16.03.2015
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Hallo @Abigail Rook

schön, dass du zu uns gefunden hast, direkt mit dem Kommentieren gestartet hast und nun selbst einen Text postest.
Er gefällt mir gut.

Was mir auffällt (kann am Reinkopieren liegen): Einige Zeilenwechsel / Absätze fehlen.

Dann sollte man beim Wechsel des Sprechers eine neue Ziele beginnen.

Im Einzelnen ein paar Beispiele:
Die Sonne ging nicht unter.
Schöner erster Satz.

Hügeln wölbte. Ich machte mir noch eine Zeitlang meine Gedanken,
Hier wäre eine neue Zeile sinnvoll.

Mädchen. Das alte Ehepaar,
dto.

Früh sein konnte. Eine eiskalte Böe
dto.

es ihm nicht. Ich beobachtete,
dto.

schlafen.« Ma runzelte die Stirn. »Ja,
Hier ein Beispiel für neue Zeile, da Sprecher wechselt.

und Erkenntnis.«, sprach
Ein Punkt zu viel.

»Es passiert in der Mittsommer- und auch in der Mittwinternacht, wenn man im Schnee spazieren geht -«
»Es passiert in der Mittsommer – (Geviertstrich) und auch in der Mittwinternacht, wenn man im Schnee spazieren geht ... (Auslassungspunkte anstatt Strich)«

fuhr fort: »- und man
fuhr fort: »... und man

doch Ma schien meine Gedanken nicht gelesen zu haben.
Sehr schön. Unheimlich.

»Sie weiß eben ziemlich viel, mein Junge.«
Ein Junge. Und ich hatte ein Mädchen im Kopf.

Du hättest auch "Märchen" taggen können.

Eine ruhig erzählte Geschichte. Fehlerfrei, sauber, rund.
Stil, Atmosphäre, Dialoge – gefällt mir alles.

Wünsche dir viel Spaß hier.

Liebe Grüße,
GoMusic
 
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11.04.2020
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Danke dir für die Hinweise! Ja, die Zeilenwechsel wurden beim Rüberkopieren verschluckt. Freut mich, dass dir die kleine Geschichte gefallen hat. Bisher gefällt mir das Forum sehr gut.
 
Senior
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Hola @Abigail Rook,

ich finde Dein Debüt gelungen, deshalb aufrichtig: Herzlich willkommen!
Ich lauschte dem Wind, der die beiden Angeln zum Vibrieren brachte, die Ma an die Hauswand gelehnt hatte. Sie kratzten sacht am Holz, als würden sie um Einlass bitten ...
Ach, was ist das schön! Da muss ich einfach weiterlesen ...

Ma sang manchmal auf Gälisch, oft weinte sie dann auch. Ich mochte Gälisch deswegen nicht.
Und das auch! Überhaupt die ganze Geschichte.
Mir hat sie sehr gefallen. Eine große Ernsthaftigkeit durchzieht Deinen Text, das passt fabelhaft zum Nordischen.

Vielleicht bist Du eine Nordländerin, dann wäre es ja Deine Art – unverwechselbar, sehr sympathisch. Ich liebe es etwas lebhafter, doch einmal hab ich etwas Nordisches geschrieben („Lapplands Sonne“), um ein Mittsommer-Erlebnis zu ‚literarisieren’:rolleyes:, und da überkam mich auch eine sonderbare Gefühlslage – ich wurde ruhig, verzichtete auf Gags, holte weit aus, und ich pfiff auf Spannungsbogen und anderes, ohne das angeblich keine Kurzgeschichte - auch nicht Deine - existieren könnte/kann.

Wäre ich Lehrer Lämpel – von mir bekämst Du eine glatte Eins!
Ich freue mich auf Deine nächste Geschichte.
José

PS:
Mit der Mobilität komme ich nicht ganz klar. Ich lese vom Ölkauf für den Schlitten, denke an einen Motorschlitten / Snowmobile, lese aber nicht irgendwas von Benzin. Es gibt auch einen Schlittenhund (nur einen?), aber der schafft’s nicht alleine. Doch das schmälert keinesfalls den Wert der Geschichte.
Ich blickte die Wand unserer Hütte herab ...
hinab (hinblicken kann ich, herblicken aber nicht)
 
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11.04.2020
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Hallo @josefelipe
vielen lieben Dank für Deine netten Worte zu dieser kleinen Geschichte.
Die nordische Erzählweise hat es mir sehr angetan: düster-melancholisch, oft poetisch, niemals kitschig. Wer einmal in Lappland unter freiem Himmel gestanden hat, um die Polarlichter zu beobachten, der versteht die Ruhe und Gelassenheit dieser Menschen.

Ich freue mich, dass es hier in diesem Forum ein echtes Interesse an den Werken anderer gibt. Das unterscheidet es von vielen Autorentreffpunkten.

Danke für die Hinweise. "herab" habe ich geändert. Das Öl wurde zu Wachs.

LG,
Abi
 
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28.12.2009
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Die Sonne ging nicht unter. Das tat sie nie um diese Jahreszeit. Ma erzählte mir manchmal von den Ländern, in denen der Tag hell und die Nacht dunkel waren, egal zu welcher Zeit im Jahr. Wenn ich darüber nachdachte, dann ergab das auch weit mehr Sinn, denn dann konnte man verlässlich die Nacht vom Tag unterscheiden. Die Sonne sollte nachts vom Himmel verschwinden, denn in den weißen Nächten fiel mir, so wie in dieser Mittsommernacht auch, das Einschlafen schwer
Mit dem Wetter beginnen, das ist schon schwierig. Sollte man ja immer besser lassen. Dann sind die Gedanken, die hier präsentiert werden, auch nicht kohärent. Warum erzählt die Mutter ihr von diesen Ländern? Das wirkt wie so ein Cliffhanger. Sie denkt dann über diese Tatsache nach, und es ergibt mehr Sinn für sie, dass es einen Unterschied gibt - aber welchen Sinn nun genau? Danach erwähnt sie im Grunde nämlich keinen Sinn, sondern einen Wunsch, dass die Sonne verschwindet, damit sie einschlafen kann. Und dann: Ma. Wenn ich so etwas lese, so Verniedlichungen oder Kosenmane, dann denke ich sofort: Der Text hat keine Schwerkraft, keine Gravität, es geht um nichts. Würde Cormac McCarthy ernsthaft Ma schreiben? Vielleicht wenn er es als Stilmittel verwendet. Hier gehört das aber zum Erzählduktus.

Ich stand aus meinem Bett auf, spähte hinter den Vorhang des Fensters und beobachtete die langen, bizarren Schatten der Hügel und der vereinzelten Sträucher, jetzt, da die Mitternacht bereits eine Stunde zurücklag.
Sie späht hinter den Vorhang. Spähen ist ein eher intimes Ausschau halten, ein suchender Blick. Übrhaupt ist diese Satzkonstruktion sehr unbeholfen. Warum kann sie nicht einfach aus dem Fenster blicken, sehen, schauen? Warum so verschwurbeln? Dann benutzt sie ein Wort wie bizarr: das passt ja null ins Setting. Jemand der Ma sagt, kann nicht bizarr sagen, also in meiner Welt. Außerdem: show, don't tell. Zeige doch dem Leser diesen illustren Moment. Kann ein Hügel, der ja flach ist, einen langen Schatten werfen? Eher nicht. Sträucher auch nicht. Eventuell Weiden oder dünne Birken, die zeichnen dann ein Muster aus Schatten und Gegenlicht.

Im rötlich-fahlen Licht schlich die Sonne den Horizont entlang, als umkreiste sie allein unser Haus in der Mitte dieser Weiten.
Ah, das rötlich fahle Licht! :D Die Sonne schleicht den Horizont entlang - hier geht bei mir der eingebaute Bullshitdetektor an: für mich ein schiefes Bild. Katzen schleichen. Und dann dieses Bild, als umkreise es nur unser Haus, das ist so unnötig und auch abgelutscht. Da muss man etwas Neues für finden, wenn man die Isolation darstellen will. Auch ihre Frage danach, ob die anderen Leute in der Stadt, wo sie und ihre Ma den Fisch verkaufen, die Sonne genauso sehen: Das muss man doch zeigen! Du nimmst hier eine erzählerische Abkürzung. Diese Szene, wo die Mutter und sie den Fisch verkaufen, die würde ich wirklic erzählen, ausbreiten. Da kann sie dann in einem Dialog jemanden fragen, ob er die Sonne genau so sieht wie sie auch. Das würde auch etwas implementieren, eine seltsame Verschrobenheit, eine Weltentsagung, ein Außenseitertum. So bleiben das narrative Krücken.

Die Harveys waren nicht reich, im Gegensatz zu uns aber relativ wohlhabend, und es störte sie nicht, wenn wir ihnen nicht den gesamten Betrag von dem zurückzahlten, was sie für uns ausgegeben hatten.
Relativ. Benutzt sie so ein Wort? Ähnlich wie bizarr. Know your personal. Was ist reich, was ist arm? Auch hier: Zeigen. Sie kommen an die Haustür, und es entsteht dieser Moment der Spannung, wo ihre Ma nur die Hälfte zahlen kann und die Harveys sagen, komm, ist gut. Da steckt ja viel drin: Sozialer Status, finanzielle Abhängigkeit, Klasse. Bei dir wird das alles in einem Satz abgehandelt.

Ich bin hier ausgestiegen, habe den Rest überflogen. Mir ist das sprachlich zu unpräzise, dein Personal wirkt auch auf mich nicht echt, nicht authentisch, das sind Pappkameraden, und dann fehlt mir hier auch eine Erzählhaltung: Was und warum wird mir hier erzählt? Welchen Grund hat dein Personal, diese Geschichte überhaupt zu erzählen? Das scheint mir doch sehr unausgegoren zu sein. Auch viel zu viel tell, wenig show, obwohl gerade hier das Zeigen der Realität Dichte und Atmosphäre erzeugen würde. Damit unbedingt beschäftigen.

Gruss, Jimmy
 
Senior
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01.05.2009
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Hallo Abigail,

herzlich willkommen im Forum! Auch von mir ein Lob dafür, dass du fremde Texte kommentierst, bevor du einen eigenen einstellst, das ist super sympathisch und nicht selbstverständlich.

Ich freue mich, dass du einiges Lob bekommen hast, werde aber mal ein paar kritischere Töne anschlagen - nimm davon, was du gebrauchen kannst.

Vorab: Als passende tags würde ich hier Märchen und Kinder erwarten. Für Gesellschaft ist mir der Konflikt nicht ausgearbeitet genug, Philosophisches kann ich hier nicht erkennen (das ist ja mehr als nur ein bissl räsonieren).

Ich bin eigentlich absolut kein Fan von Kindergeschichten, aber die Erwartung, dass aus dem Setting eine Geschichte folgt, hat mich erstmal weiterlesen lassen; ebenso wie eine kleine Verwirrung, dazu später. Was mich im ersten Absatz ziemlich genervt hat: Viele Wortwiederholungen, und viele Beschreibungen, die sich im Kreis drehen und schnell nichts mehr zum Fortgang der Geschichte beitragen: (Mitter)Nacht, Sonne, schlafen. Ich habs kapiert, es ist Juhannus und hell, die Prota ist genervt. Okay. Braucht es dazu soviel Text? Im weiteren fielen mir diese Wörter teils stärker auf, als sie im Text tatsächlich vertreten sind:
Sonne: nur 9 x, aber 4 davon im ersten Absatz.
allerdings: Nacht 18 x, und davon 5 x im ersten Absatz.
Da würde ich raten, vor allem im Intro nochmal drüberzuschauen, ob du das wirklich so redundant benötigst.
Die Sonne ging nicht unter. Das tat sie nie um diese Jahreszeit. Ma erzählte mir manchmal von den Ländern, in denen der Tag hell und die Nacht dunkel waren, egal zu welcher Zeit im Jahr. Wenn ich darüber nachdachte, dann ergab das auch weit mehr Sinn, denn dann konnte man verlässlich die Nacht vom Tag unterscheiden. Die Sonne sollte nachts vom Himmel verschwinden, denn in den weißen Nächten fiel mir, so wie in dieser Mittsommernacht auch, das Einschlafen schwer. Ich stand aus meinem Bett auf, spähte hinter den Vorhang des Fensters und beobachtete die langen, bizarren Schatten der Hügel und der vereinzelten Sträucher, jetzt, da die Mitternacht bereits eine Stunde zurücklag. Im rötlich-fahlen Licht schlich die Sonne den Horizont entlang, als umkreiste sie allein unser Haus in der Mitte dieser Weiten. Ich fragte mich, ob die Leute im Dorf, auf dessen Markt Ma und ich einmal im Monat Gewürze, Zunder und Brennholz kauften und gelegentlich auch gegen Fisch eintauschten, denselben Sonnenstand sahen, oder ob sie direkt über ihnen schien. Ich wusste, dass das Dorf zu weit weg war, um es von unserem Haus aus sehen zu können, dabei gab es um uns herum nichts als eine baumlose Ebene, die sich nur selten zu sanften Hügeln wölbte.
Ich bin zu faul, meine schottischen Freunde anzufacebooken und meine Urlaube liegen viel zu weit zurück: Sagen die dort 'Ma'? Das klingt für mich nach Denglisch, Deutschland 2000er. Ich mag mich irren, aber ab davon finde ich das ein furchtbares Wort. An einigen Stellen, wenn nicht gerade im Dialog, wäre vllt. auch mal ein 'Mutter' zur Abwechslung schön.
Ich machte mir noch eine Zeitlang meine Gedanken, bis ich es aufgab, schlafen zu wollen,
Das wissen wir schon.
Das alte Ehepaar, das ursprünglich aus England, einem weit entfernten Ort im Süden stammte, besorgte für uns ab und zu die Dinge, die nicht auf dem Markt verkauft wurden. Obst und Gemüse, eine neue Kurbel für die kleine Handmühle, in besonders kalten Wintern auch etwas Kohle, Stoffe für die Gardinen, Wachs für den Schlitten, Hundefutter. Die Harveys waren nicht reich, im Gegensatz zu uns aber relativ wohlhabend, und es störte sie nicht, wenn wir ihnen nicht den gesamten Betrag von dem zurückzahlten, was sie für uns ausgegeben hatten. Außerdem waren sie schon lange Zeit unsere Freunde und einzigen Bekannten, da konnte man schon mal ein Auge zudrücken.
In der SciFi würde man wohl "Infodump" sagen. Es ist imA ungünstig, dass du so viel über das Setting und die persönliche Geschichte in Erinnerungen und Assoziationen verpackst, ohne, dass es einen ersichtlichen Grund gibt, dass die Prota diese an genau eben dieser Stelle hat. Es wird leider überdeutlich, dass du hier Exposition betreibst - das an sich ist völlig legitim, aber es wäre sinnvoller, das subtiler zu tun, als sie das einfach zusammenhanglos dem Leser zu berichten. Vieles davon gehört so sehr zu ihrem Alltag, dass ich es unglaubwürdig finde, dass ihr alls das zufällig justamento durch den Kopf geht.
und jetzt, da mich die Frische wiederbelebte, war daran erst recht nicht mehr zu denken.
Das erzählst du mir jetzt schon zum dritten oder vierten Mal, ich hab das noch nicht vergessen.
Schlafen hätte ich trotz meiner Müdigkeit nicht gekonnt
:dozey:
Ich lauschte dem Wind, der die beiden Angeln zum Vibrieren brachte, die Ma an die Hauswand gelehnt hatte.
Infodump, haut mich raus und ist auch vom Satzklang her nicht schön.
Sie kratzten sacht am Holz, als würden sie um Einlass bitten und sangen dabei eine klagende Melodie.
Das überschreitet für mich meilenweit die Grenze zum Kitsch. Entweder um Einlaß bitten oder sangen Melodie, das ist einzeln schon 'episch' genug.
Das Lied der Angeln
Kein Scherz, meine erste Assoziation war: "... Angeln und Sachsen?" Ist mir viel zu dick aufgetragen, kitschig. Damit nimmst du dem Text die Ernsthaftigkeit, das kippt für mich ins unfreiwillg Komische (auch ohne die Sachsen).
Eetu winselte erneut, ehe er zurück in seinen Verschlag trottete und sich dort niederließ
Glücklicher Huskey, wenn er nicht an einer Zweimeterkette liegt.
immer begierig darauf wartend, einen Befehl erteilt zu bekommen.
Den Satz würde ich entschlacken.
Oder er wollte, dass endlich jemand das Licht ausmachte.
Naja ...
so wie es seine wilden Artgenossen taten
Sind da wilde Hunde? Wölfe und Hunde gehören nicht zu einer Spezies.
doch diese Nacht war keine Nacht, das musste sie verstehen.
Das hab ich schon in den ersten 10 Zeilen verstanden. Warum ist das eigentlich so ein Problem für sie? Wenn sie "schon ihr ganzes Leben" in dem Obergeschoß da verbracht hat, ist sie ja zwangsläufig an dem gleichen Ort.
Plötzlich hörte ich das leise Quietschen der sich öffnenden Luke im Boden, die den Eingang meines Zimmers verschloss, das eher eine kleine Dachkammer war, in der man nur geduckt gehen konnte.
Infodump, und zwar hässlicher: "Was ich noch kurz sagen wollte, damit ihr euch den Raum vorstellt, wie ich mir das denke ...". Kontrastiert auch zu stark mit dem 'plötzlich', wonach man ja erwartet, dass etwas passiert.
Mein Bett war auch nur eine uralte Matratze, an vielen Stellen eingerissen und durchgelegen, doch ich bezeichnete sie gern als Bett, weil ich mich auf ihr wohlfühlte. Wenn ich ehrlich war, wusste ich auch gar nicht, wie ein richtiges Bett aussah.
Warum fällt ihr das grad jetzt ein? Weil die Autorin uns was zur Landschaft, zum Hund, zum Raum gesagt hat, und jetzt ein Detail im Raum dran kommt? ;-)
Ihr Lächeln, das ihre schiefen Vorderzähne preisgab, die jedoch so weiß waren, als würde sie sie regelmäßig putzen, beruhigte mich.
Dito.
Ich kann sowieso nicht schlafen
:rolleyes: No comment ...
Ich wusste, dass Ma vor meiner Geburt wo anders gelebt hatte, doch obwohl diese Gegend hier meine Heimat war, fühlte ich mich im Dorf fremd. So, als würden wir nicht dazugehören. Nur die Harveys sahen uns ähnlich – ihre Augen war runder, ihre Nasen länger und ihre Gesichter spitzer als die der Menschen hier. Wir waren die Fremden und würden es immer bleiben.
Das ist nicht uninteressant, hier frage ich mich, ob das in Richtung Phantastik / Fantasy driftet. Sind das zwei Menschen?
Ma lächelte: »Die Trauer ist unser ewiger Begleiter, mein Kind. Manchmal geht sie für eine Weile, aber sie wird uns nie für lange Zeit verlassen.«
Das mag absolut nicht deine Intention gewesen sein, also: Leseeindruck, keine Unterstellung. Aber ab hier rutscht die märchenhafte Reiseführergeschichte in einen religiösen Erbauungstext ab. Und sorry, das trieft vor Kitsch (eventuell war die Intention Erhabenheit, das kommt bei mir mit so einem "Weisheits"-Overkill nicht an).
Ma sah aus, als hätte sie gehofft, dass ich diese Frage stellen würde.
Ja, das ist die rhetorische Formel der Antike, die auch Christen gern in ihren Texten verwenden: Person A ist kein Protagonist in einem Dialog, sondern nur Stichwortgeber für B, der die Gedanken des Autors kunstvoll an die geneigten Leser bringen will. Das ist halt für eine moderne KG eine arg veraltete und sehr auffällige Formel, und ich komme mir da als Leser sofort für blöd verkauft vor. Zumal das keine wirklich innovative, philosophische oder spannende Theorie ist bisher.
Ich hasste sie, die Mittsommernacht.
Ach was?! *gn*
Sie erklärte mir einmal, dass mein Name, Corey, soviel bedeutete wie Gottes Frieden, oder Friedenbringer. Ich hatte sie gefragt, warum sie mich so nannte, was Corey für sie selbst bedeutete, warum mein Name so anders war als die der Menschen im Dorf. Sie hatte kichernd geantwortet: »Du erwartest sicher eine tiefgründige Weisheit von mir, aber in Wahrheit fand ich Corey einfach schön.«
Die Mutter erzählt langwierig eine story um den Namen, um dann zu sagen, dass er nur eine Laune war? Entweder hat die Mutter einen kleinen an der Waffel, und will partout dem Sohn irgendeinen 'Sinnspruch' ins Ohr setzen, oder sie lügt und der Name hat einen Grund - irgendwas, das mit dem angedeuteten Konflikt in der Story zu tun hat. Falls letzteres, erschließt sich mir das leider nicht.
Auch ihr eigener Name, Eilidh, war Gälisch. Man sprach es wie Eili aus, da das dh nicht betont wurde. Ich konnte schreiben, deshalb wusste ich das, Ma hatte es mir beigebracht. Meine Sprache war aber Englisch, wie die der Harveys.
Warum denkt der Prota das? (Sorry, ich merke gerade, dass ich voher von 'ihr' sprach, ich kann nicht anders, als da ein Mädchen rauszulesen.)
das gälische Wort für ›aus dem Eis‹ , Curry? Es lautet ›deighe‹
Du bist Schuld, ich musste das wikien. Dabei fällt mir jetzt aber auf, dass deigh der Nominativ, deighe der Genitiv zu sein scheint - ist das so, und wenn ja, warum hast du nicht die Grundform benutzt? Oder gibt es da einen Regiolekt?
Aber wahrscheinlich lag das auch daran, dass ich in Gedanken gerade bei einem Flöte-spielenden Wintergeist war, der aussah wie ein in Lumpen gekleidete Weihnachtsmann, nur als Mädchen.
Das Bild ist um zu viele Ecken konstruiert, da würde ich versuchen, das in eine konsequente Linie, quasi Blickrichtung zu bekommen. Hat das 'Mädchen' hier etwas damit zu tun, dass alle den Erzähler für ein Mädchen halten? Hat das eine Bedeutung in der Geschichte?

Wie anfangs gesagt, hat mich noch etwas verwirrt: Ich wusste ehrlich nicht, dass es in Schottland Huskeytouren gibt. Sehr interessant, und auch gar nicht so nördlich, wie ich erwartet hätte. Gebongt. Das mag ein Rescue Huskey sein, über die google mehr Artikel anzeigt als über Huskeyfarmen. Alles klar.

Aber: Wenn ich über AIS Marine Traffic an den allernördlichsten Punkt Schottlands gehe (der evt. nichtmal bewohnt ist), komme ich an einer Inselspitze auf N 59° 23' und auf N 58° 41' beim Festland. Helsinki liegt auf N 60° 14' und wir haben hier keine Mitternachtssonne, nur einige wenige Weiße Nächte, bei denen die Sonne für zwei, drei Stunden (am 21.6. direkt) unter den Horizont dippt, sodass es aussieht, wie Morgendämmerung. Mitternachtssonne, wie dein Prot sie beschreibt, gibt es erst ab ca. N 62°. Dass in Schottland die Sonne nicht unterginge wäre mir neu, zumal kein Teil davon am oder gar nördlich des Arktischen Zirkels liegt. Ich war so damit beschäftigt, dein Setting herauszufusseln (und eigentlich mag ich googeln zu KGs sehr gern), dass es mich aus der eigentlichen Geschichte gerissen hat - zudem halte ich es noch für wahrscheinlich, dass dies ein Phantasieland sein könnte, halt ein Crossover, denn auch die Zeit kann alles mögliche zw. 1830 und heute sein. Allein aus diesem Grund wäre ein Märchen oder sogar Fantasy tag nicht schlecht.

Ich mag durchaus eher stimmungsvolle, langsame Geschichten, aber als Tipp würde ich sagen, versuche vllt. in einen neuen Text mehr Plot, Konflikt (als Thema, im- oder explizit) und Charakterisierung reinzubringen - und eben Handlung, nicht nur Gedanken und einen einseitigen Dialog. Zwischen den Figuren findet ja keine echte Interaktion, kein Austausch statt, alles ist statisch: Der Junge denkt sich allein was, die Mutter kommt und lädt ein paar Lebesweisheiten ab, wozu der Junge nicht viel sagen kann, und der ganze Rest der 5 Seiten ist Setting und Exposition.

Ich hoffe, du kannst mit meinen Anmerkungen etwas anfangen, und wünsche dir weiterhin viel Spaß hier!
Viele Grüße,
Katla
 
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Hallo @Katla,

vielen Dank für deine vielen Kommentare. Es ist ein alter Text, der mir am Herzen liegt, aber dazu vielleicht später. Ich habe nie behauptet, dass das dem aktuellen Stand meiner literarischen Fähigkeiten entspricht. Ich wollte viel eher einmal sehen, was man hier so für Kritik bekommt. Deine zählt auf jeden Fall zu den wertvollen ;)
Ich werde den Tag "Märchen" setzten - die Auswahl war insgesamt aber sehr beschränkt und was hier unter "Gesellschaft" verstanden wird, wußte ich bisher nicht.

Wo genau die Geschichte spielt, wird nicht definiert. Da die Leute jedoch so "anders" aussehen und es weiße Nächte gibt, wohl eher nicht in Schottland. Beim Schreiben dachte ich an Grönland.

"Deighe" heißt im gälischen "des Eises", kann aber auch als "aus dem Eis" übersetzt werden.

Dank auch für dein freundliches Willkommenheißen.

Abi

Hallo @jimmysalaryman,
auch dir lieben Dank für die freundlichen Worte.

Bei "Der Text hat keine Schwerkraft, keine Gravität" bin ich leider ausgestiegen. Mein "Bullshitdetektor" springt nämlich bei diversen pseudointellektuellen Worthülsen der exaltierten Fundamentalkritik an. Wie das eben so ist.

BE: mom (auch: ma, mama, mum, mommy)

Cormac McCarthy als Amerikaner würde es wahrscheinlich nicht sagen, da gebe ich dir vollkommen recht.

Beste Grüße,
Abi
 
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Hallo nochmal,

es freut mich, wenn du mit meinen Anmerkungen etwas anfangen kannst.
Wo genau die Geschichte spielt, wird nicht definiert. Da die Leute jedoch so "anders" aussehen und es weiße Nächte gibt, wohl eher nicht in Schottland. Beim Schreiben dachte ich an Grönland.
Naja ... man bekommt zwei Infos zum Setting: Die Weißen Nächte = nördlich des Polarkreises und das Ganze um das schottische Gälisch, das ja sogar titelgebend ist. Daraus muss man eben schlau werden, wir stecken ja nicht in deinem Kopf.

Es ist selbstverständlich nicht ausgeschlossen, dass eine gälisch-sprechende Schottin nach Grönland auswandert und dort einen Sohn großzieht. Das wäre aber evt. besser thematisiert, kurz. Oder, vorzuziehen: du nimmst ein Wort aus dem Inuit. Und kickst das Gälisch.

In einer Kurzgeschichte ist jede Info wichtig, und wenn da sowas Auffälliges völlig ohne erkennbaren Grund verwendet wird, lenkt das von dem ab, was du erzählen willst - also: ist es nicht handlungstragend, dann raus.

p.s. Es gibt ja noch einen UK-Verweis, die Anrede und Namen der Freunde:
Ich versuchte mir eine jüngere Version von ihr mit einem weißen Rauschebart, einen wie Mr. Harvey ihn ansatzweise hatte, und mit einer roten Mütze vorzustellen. So, wie Mrs. Harvey mir den Weihnachtsmann aus dem fernen England beschrieben hatte.
Das sollte dann eher Dänisch, sonst klingt das nach einer britischen Auswandererkolonie. Allerdings duzt man sich in Dänemark, sogar in ganz offiziellen Zusammenhängen (ich war da zwei Mal auf einer Unfallstation, nicht lange her, da bin ich mit Vornamen aufgerufen und angesprochen worden, genau wie überall sonst in den nordischen Ländern auch, hier z.B. im Job und beim Arbeitsamt etc.).

Und wenn 'Ma' doch Deutsch i.e. ein hässlicher Anglizismus ist, sollte das auch besser angepasst werden, weil das doch ein ziemlich kruder Mix wird. Es gibt wirklich keinen Grund, deine Leser mit sowas zu verwirren, zumal da noch ein Konflikt angedeutet wird, der sich mir auch nicht erschlossen hat. Das alles wäre ja schnell im Text zu beheben.

Dass dies ein alter Text ist, kann man nicht wissen, und nur mit diesem kann man auch selbstverständlich nix zu deinem jetzigen - eventuell verbesserten - Stand sagen.

Herzlichst, Katla
 
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Nein, das steht da nicht. Da steht, dass ich dann sofort denke, das ein Text, in dem solche Kosenamen verwendet werden (oder auch: Der Killer tapste durch den Flur) nicht über die nötige Gravität verfügt. Nicht, dass es auch so ist. (Hier, bei deinem Text, ist das aber so.) Außerdem ist das natürlich eine subjektive Sicht. Ich sehe das so. Du springst deswegen sofort in den Harnisch. Mit Kritik scheinst du jedenfalls so gar nicht umgehen zu können. Ich wüsste nicht, wo meine Kritik exaltiert im Sinne von übersteigert oder künstlich ist. Fundamental, ja, das ist schon eher richtig, weil dein Text in meinen Augen vieles falsch macht. Wenn du jetzt hier bist und Schulterklopfer erwartest, muss ich dich leider enttäuschen.

Bullshitdetektor ist keine Worthülse, sondern ein von Hemingway geprägter Begriff, der ein besonders sensibles Empfinden für schiefe Bilder, Kitsch, und pseudo-literarisches Geschwurbel beschreibt. Und hier passt die Sprache oft nicht zum Setting. Sie ist entweder verniedlichend und nimmt dem Text dadurch jegliche Fallhöhe, oder aber die Wortwahl deckt sich nicht - relativ, bizarr, das sind Fremdkörper in der restlichen Erzählsprache.

Sei's drum.
 
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Oh man, @Abigail Rook , es ist echt nicht ratsam, hilfreiche Kritik so abzuschmettern. Vertane Chance, würde ich sagen. Ich kann dir nur raten, deine Frustrationstoleranz mal etwas runterzuschrauben und zu wertschätzen, wenn sich jemand wirklich Zeit für deinen Text nimmt. Deine Reaktion beleidigt selbst einen Außenstehenden.
 
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Die "Gravidität" eines Textes ist ein leeres Wortkonstrukt, nicht der "Bullshitdetektor", der ist nur ein häßlicher Anglizismus. Ich wurde schon vorgewarnt, dass hier der Ton rauer sein kann. Ist schon okay @jimmysalaryman. Aber im Ernst: ich nehme mir das schon an, was ihr hier schreibt, werde aber sicher nicht sofort bei allem Ja und Amen sagen.

Abi

@Carlo Zwei
Dann bitte ich um Entschuldigung. Ich sehe ja sogar ein, dass der Text verbesserungswürdig ist, aber eine Fundamentalkritik ist in den seltensten Fällen konstruktiv. Sehr gut kritsiert hat Katla.
 
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Nein, das war keine Fundamentalkritik. Und selbst wenn, lege ich dir doch die Gründe dar, warum der Text für mich nicht funktioniert. Er ist zu wenig szenisch, sprachlich nicht genau genug, die Charaktere sind nicht gut ausgearbeitet, es besteht keine Haltung innerhalb der Narration (Warum wird was erzählt und wie ist die Position von dem, der spricht?), viel erzählerisches Potential, das relevant wäre, wird in einem Nebensatz abgehandelt. Wenn da stehen würde: Text = Scheiße, dann könnte ich dich verstehen, das wäre nicht sehr konstruktiv. Wie andere Forenmitglieder kommentieren und ob du das dann als sehr gut oder auch nicht empfindest, ist mir, mit Verlaub, wirklich egal. Jeder hat einen anderen Maßstab, den er an einen Text anlegt, und kategorische Aussagen darüber, wie man eine Kritik als Autor empfindet, sind meiner Meinung nach intellektuell unredlich. Hier geht es um das Sein, nicht um das Sollen. Eine Kritik wird nicht dadurch besser, weil sie "nett" formuliert wurde.

Die Gravität eines Wortes oder eines Textes ist kein leeres Konstrukt, auch wenn du das gerne so hättest. Google mal nach "Gravity of Words."
 
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@jimmysalaryman
Ist ja gut, alter Wortkrieger ;)
Wie gesagt, ich bitte auch dich um Entschuldigung und gelobe Besserung. Der nächste Text wird ein aktueller sein, der eher meinem Duktus entspricht. Ich versuche mich immer mal in verschiedenen Stilen. Dieser hier sollte eine gewisse Atmosphäre erzeugen und war nie als Kurzgeschichte, sondern eher als ein Romanprolog gedacht, deshalb auch die vielen Andeutungen, die ins Leere laufen.
Er lag noch in der Schublade und wird wieder dahin verschwinden.

LG
Abi

Ich halte die "steife Würde" eines Textes trotzdem für eine Worthülse. Offenbar hat Gravitas im Deutschen eine Bedeutungsverschiebung erfahren.
 
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Hallo!

Ich bin neu hier aber wollte mich auch noch einmal zu deinem Text äußern. Ohne in literarische Tiefen einsteigen zu wollen oder mit Fachbegriffen um mich zu werfen, würde ich dir gerne eine Kritik als einfache Leserin anbieten.

Für mich ist der wichtigste Indikator, abseits von jeder literarischen Theorie, ob ich Lust habe, die Geschichte zu lesen, ob sie mich mitnimmt und fesselt. Wenn ich schon nach dem ersten Absatz aussteige, kann sie noch so gut geschrieben sein. Keine Sorge, das ist bei dir nicht der Fall. Deine Sprache hat für mich Bilder entstehen lassen und ich konnte eine Beziehung zum Setting und den Personen aufbauen. Ohne es zu merken, bin ich beim Lesen von Satz zu Satz gehüpft. Das ist wirklich gut!

Was mir allerdings fehlt ist der inhaltliche Zug, die Stringenz. Wohin geht unsere gemeinsame Reise, was ist deine These? Für mich sind das eher die ersten Seiten eines Romans als eine in sich schlüssige Kurzgeschichte. Auch innerhalb eines kurzen Textes sollte ein Spannungsbogen sichtbar werden, das Erzähltempo wechseln. Am Ende möchte ich überrascht, berührt, überrumpelt werden. Das habe ich bei dir nicht gefunden.

Wenn du es schaffst, deine schöne Erzählform in eine wirklich aussagekräftige Geschichte zu packen, freue ich mich sehr auf die weitere Lektüre. Vielleicht ist dir das ja mittlerweile auch schon gelungen.

Gruß! Te sti
 
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@Te Sti
danke für deine Kritik und deine netten Worte.
Du hast recht, der Spannungsbogen ist nahzu nicht vorhanden. Ich wollte ich hier eher mit der Suspense spielen, also der Spannungserwartung des Leser, aber das ist offenbar nicht sonderlich gelungen. Ja, es sollte nie eine Kurzgeschicht werden, leider scheint man das zu merken.

Ich werde mich bemühen.

Gruß,
Abi
 
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13.04.2020
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Hallo Abigale Rook!

Ich wieder! Der mit dem Special Interest - Scherzchen!

Deine Geschichte gefällt mir sehr gut. Mystisch, rätselhaft, inspirierend. Ich würde mich gern mit Corey auf die Suche nach Deighe machen.

Gruß,

lerner
 
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11.04.2020
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Hallo Abigale Rook!

Ich wieder! Der mit dem Special Interest - Scherzchen!

Deine Geschichte gefällt mir sehr gut. Mystisch, rätselhaft, inspirierend. Ich würde mich gern mit Corey auf die Suche nach Deighe machen.

Gruß,

lerner
Danke dir für deine lieben Worte @lerner,

Meine nächste wird dir vielleicht auch gefallen, denn sie kratzt ganz oberflächlich am historischen Zeitgeschehen der WK II Jahre. Wahrscheinlich wirst du Fehler entdecken, weil ich den zeitlichen Verlauf der Ostfront nicht parat habe (Special Interest, you know ;)), aber ich hoffe, dass du ein Auge zudrücken wirst.

LG Abi
 

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