Der Abend
Tim steigt vom Fahrrad, schließt es ab und geht die Stufen zur Haustüre seines Kumpels hoch. An der Türe hängt bereits eine große 25 – Sebastian, ein guter Freund von ihm, hat heute Geburtstag. Bevor er klingelt, fährt er sich noch einmal über sein frisch gebügeltes Hemd und streicht es glatt. Im Spiegel der Haustüre richtet er seine Haare und sprüht sich das vorhin in der Drogerie gekaufte Mundspray in den Mund.
Was ist, wenn ich komisch aussehe? Oder underdressed bin? Oder das Mundspray am Ende stinkt?
Der Gedanke kommt sofort, wie immer. Er merkt, wie es ihm immer schwerer fällt, die Hand zur Klingel zu bewegen. Er knackt die Finger, versucht sich einzureden, dass es schon gut werden wird.
Dann dreht er sich noch einmal um, und geht die Stufen wieder hinunter.
Wenn ich jetzt erst gar nicht klingele, weiß niemand, dass ich hier war, denkt er. Ich will da jetzt nicht vier Stunden sitzen, Smalltalk führen und diese ganzen neuen Freunde von ihm kennenlernen. Ich könnten jetzt einfach mein Fahrrad aufschließen und wieder fahren, einfach nach Hause. Niemand fragt nach ihm, der Abend ist ruhig und er braucht sich keine Sorgen zu machen, ob er nun passend angezogen ist oder zu viel Deo benutzt hat. Keine Gespräche, kein sich erklären müssen… einfach nur Ruhe.
Dann hört er, wie sich die Türe öffnet. „Ey Tim, bist du auch schon da? Komm doch rein“. Sagt Sebastian, der lächelnd in der Türe steht.
Tim dreht sich um und geht auf die Türe zu. „Danke für die Einladung Bro“, sagt er, klopft Sebastian kurz auf die Schulter und versucht irgendwie zu lächeln. Von drinnen schlägt ihm Zigarettengeruch und Schweiß entgegen – noch ein Grund um nicht einzutreten.
Trotz der fehlenden Motivation folgt er Sebastian und versucht weiter zu lächeln, während er die anderen begrüßt.
Nachdem er die anderen begrüßt hat, bekommt er ein Bier in die Hand gedrückt. Er setzt sich in eine Ecke des Raumes und macht sich klein, bedacht darauf, nicht aufzufallen.
Eigentlich mag er Bier nicht, der bittere Geruch allein reicht schon, um ihn zusammenzucken zu lassen und eine Grimasse zu schneiden. Trotzdem war er dankbar für die Flasche. Sie gibt ihm etwas, woran er sich festhalten kann. Etwas womit er beschäftigt wirkt. Als hätte er gerade nichts anderes zu tun, als zu trinken.
Er merkt, wie es um ihn herum lauter und unruhiger wird. Erst als er aufblickt, sieht er, dass weiterer Besuch gekommen war. Er kennt ihn noch vom letzten Mal und verdreht, ohne es wirklich zu bemerken, die Augen. Er empfindet den Typen immer als unangenehm, als aufdringlich und vorlaut. Er versucht, auf sein Bier zu schauen, um ihm bloß nicht in die Augen sehen zu müssen und ihm die Hand zu geben – auch wenn er weiß, dass das unhöflich ist.
Der Typ geht um den Tisch und grüßt alle. Plötzlich riecht es nach diesem billigen Parfum, das man für ein paar Euro in der Drogerie bekommt. Ein beißender unangenehmer Geruch.
Nachdem er seine Runde macht und alle begrüßt hat, bleibt der Geruch des Parfums in seiner Nase und mischt sich mit Bier, Rauch und schweiß. Ein Mix zum Abgewöhnen.
Er will jetzt nur noch eins: raus. Weg von dem Geruch, den sinnlosen, überflüssigen Gesprächen. Einfach nur Ruhe. Vielleicht zu Hause eine Dusche nehmen. Oder einfach nur spazieren gehen.
Seine Augen gleiten durch das Zimmer und bleiben an der großen laut tickenden Uhr an der Wand hängen. Es sind erst 30 Minuten vergangen, seit er angekommen ist, und das Bier in seiner Hand, ist mittlerweile warm. Er trinkt noch einen Schluck, mehr aus Gewohnheit als aus Lust, nur damit es so aussieht, als würde er dazugehören und nicht einfach nur dasitzen und beobachten. Er versucht den Gesprächen zu folgen und zu mindestens so zu tun, als würde er mitlachen, wenn die restliche Runde auch lacht.
Dann bemerkt er aus dem Augenwinkel eine fast harmlose Bewegung. Der Typ neben ihm -dessen Namen er längst vergessen hat - fährt sich mit dem Zeigefinger kurz über die Nase.
Wieso? Der Gedanke ist sofort da. Ohne wirklich darüber nachzudenken, riecht Tom kurz unter seinen Armen. Erst danach merkt er, was er gerade getan hat. Er beginnt seine Finger zu knacken und beißt auf seine Unterlippe.
Was wenn es jemand gesehen hat?
Oder schlimmer: Was, wenn er wirklich roch – und die Bewegung gar nicht ihm galt, sondern seinem Geruch?
Dann merkt er plötzlich, wie seine Bierflasche ungewöhnlich schwer wird, obwohl sie fast leer war. Er versucht sich irgendwie zu erklären, was gerade mit seiner Bierflasche geschehen ist, da merkt er, dass die Gespräche im Raum plötzlich nicht leiser -sondern flacher werden. Seine Ohren und sein Nacken werden unangenehm warm und seine Füße beginnen zu kitzeln.
Erst jetzt bemerkt er, dass seine Atmung irgendwie… flacher wird. Es ist nicht so, dass er keine Luft mehr bekommt, sondern vielmehr bemerkt er, dass seine Brust sich eng anfühlt. Er lässt seinen Blick, in gefühlter Zeitlupe, durch den Raum schweifen, sieht wie eine Zigarette angezündet wird, Bier verschüttet wird und sich eine Gruppe zum spielen zusammengerottet hat… aber etwas ist seltsam, so unwirklich, fast schon verschwommen. Er versucht sich irgendwie auf sich und sein Bier zu konzentrieren, schließt die Augen – aber nichts wirklich hilft.
Dann kommt er plötzlich ohne Vorwarnung… der Gedanke: Ich muss hier weg! Einfach raus! Er steht auf, sagt „ich muss mal kurz auf die Toilette“ und geht los. Erst jetzt bemerkt er, dass er angefangen hat zu zittern. Er versucht noch die Hände hinter dem Rücken zu verstecken. Zu spät. Es fühlt sich an, als würde jeder Blick an ihm hängen bleiben.
Der Weg zur Toilette kommt ihm endlos vor, er versucht sich an der Wand festzuhalten, verliert aber immer wieder den Halt. Er sieht nur noch verschwommen und will einfach nur noch die Toilette erreichen. Er weiß, er muss einfach nur noch um die Ecke biegen und steht dann vor der Toilettentüre, ein Gedanke der ihn minimal hilft. Aus dem Wohnzimmer hört er lautes lachen, und sofort schießt ihm der Gedanke in den Kopf… laufe ich komisch, sieht es seltsam aus, wie ich mich an der Wand halte? Gleichzeitig denkt er aber auch, was ist wenn ich umkippe… dann ist die ganze Party vorbei. Er versucht stehen zu bleiben und zu atmen, was das ganze aber eher verschlechtert als ihm hilft.
Er erreicht die Toilettentüre, hält sich kurz an der Türklinke fest, drückt sie dann runter und tritt ein. Drinnen schließt er die Toilette ab, lehnt sich über das Waschbecken und betrachtet sein Spiegelbild im Spiegel. Er öffnet den Wasserhahn und spritzt sich ein Paar Wasserspritzer ins Gesicht. Es ist still, seine Ohren kühlen langsam wieder ab und sein Blick wird klarer. Er setzt sich auf den Klodeckel , stützt sich ab und versucht ein paarmal bewusst zu atmen.
Nach ein paar Minuten steht er wieder auf, betrachtet sich noch einmal im Spiegel und drückt langsam die Türklinke herunter, bedacht nicht zu laut zu sein. Er tritt zurück in den Flur, der Zigarettengeruch schlägt ihm wieder entgegen, ein Geruch, auf den er verzichten kann. Aus den großen Boxen im Wohnzimmer dröhnen ihm Malle-Schlager und lautes Mit grölen entgegen. Er schließt die Toilettentüre, atmet noch einmal durch, setzt wieder ein Lächeln auf und geht los.
Im Türrahmen zum Wohnzimmer bleibt er kurz stehen, lässt seinen Blick durch die Gruppe wandern und setzt sich wieder in die Ecke. Er nimmt sich seine leere Bierflasche wieder in die Hand und mustert jeden einzeln. Er ist irgendwie froh, dass wohl niemand seine Abwesenheit gemerkt hat, ist gleichzeitig, aber auch etwas traurig, denn es hätte ihm irgendwie geholfen, wenn jemand gefragt hätte, wo er war. So eine Frage würde ihm für einen Moment das Gefühl geben, dazuzugehören gesehen zu werden.
Er setzt die Bierflasche wieder an, trinkt einen kleinen Schluck und stellt fest, dass die Flasche leer ist. Er lässt sie dennoch in seiner Hand und spielt etwas am Flaschenhals, als muss er sich daran festhalten. Um ihn herum wird gelacht, geraucht und laut gesungen. Alles wirkt wieder normal. Fast so, als wäre nie etwas gewesen. Er lauscht Gesprächsfetzen, nimmt Namen wahr, die er zuvor nie gehört hat und ihn auch nicht wirklich interessierten. Dennoch bleibt er einfach sitzen. Er steht nicht auf, geht nicht wieder. Allein das fühlt sich schon anders an als sonst. Nicht gut, nicht schlecht – nur aushaltbar.
Er denkt kurz daran, wie leicht es gewesen wäre einfach zu gehen. Sich eine Ausrede zu überlegen, sich aufs Fahrrad zu setzen und den Abend hinter sich liegen zu lassen. Er hat diesen Gedanken oft und er muss immer wieder dagegen ankämpfen. Nicht aus Mut. Vielleicht eher aus Trotz oder aus Erschöpfung. Sein Blick bleibt an Sebastian hängen, der ein paar Meter weiter steht und irgendwem zuhört. Für einen kurzen Moment fragt er sich, ob Sebastian bemerkt hat, dass er weg war. Wahrscheinlich nicht. Und das ist eigentlich okay.
Tim lehnt sich etwas zurück, spürt die warme Lehne des Stuhls und atmet ein paarmal ruhig ein und wieder aus. Es ist noch immer laut, zu laut. Noch immer voll. Noch immer anstrengend. Aber er ist da. Und er hält die Situation aus.
Vielleicht ist das keine Lösung im klassischen Sinne. Nichts womit man prahlen kann. Keine Erkenntnis oder kein großes Gefühl. Aber vielleicht ist es genau das: zu bleiben, obwohl man gehen will. Zurückzukommen, obwohl alles in einem dagegenspricht. Und zu merken, dass man nicht verschwunden ist, nur kurz weg war.
Er steht später auf, stellt die leere Flasche zur Seite und mischt sich wieder unter die anderen. Nicht sicherer als zuvor, nicht freier. Aber ein kleines Stück ruhiger.
Vielleicht ist das seine Lösung.