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Der Bach

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09.10.2021
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Der Bach

Die Zeit vergeht langsam an diesem Samstag. Heute ist der Tag. Jedes Jahr kommt dieser Tag wieder näher und näher, wie ein drohendes Gewitter, vergeht und bahnt sich dann aufs Neue an. Und das seit 21 Jahren. Ich habe Angst vor diesem Tag, große Angst.
Meine Wohnung ist die größte Müllhalde und bin froh, dass ich das vor der Welt draußen bisher gut verstecken konnte. Irgendwann, vor ein paar Jahren hörte ich auf, Dinge wegzuschmeißen oder auszurangieren. Stattdessen füllt sich die, für mich allein viel zu große, drei-Zimmer Wohnung immer mehr mit Schrott. Selbst die verstaubte Steinsammlung meiner Mutter liegt seit 10 Jahren auf dem gleichen Platz im Holzregal. Sie liegt still da wie ausgestellt. Für wen?

Ich lasse mich in die Kissen meines beigen Stoffsofas fallen und schaue durch die fleckigen Fenster nach draußen. Es ist regnerisch und dunkel. Der kleine Gemeinschaftsgarten liegt grau hinter den schweren Schiebetüren und verwest vor sich hin. Einmal mehr frage ich mich ob der Hausmeister, der angeblich für Gartenarbeit zuständig ist und den ich, laut Nebenkostenabrechnung, mit ganzen 27€ im Monat bezahle, überhaupt existiert.

Ich erinnere mich an den Garten meiner Mutter und wie ich im Spätsommer vor vielen Jahren zu Besuch gekommen war. Der Garten war innerhalb weniger Wochen mit meterhohen Brennnesseln zugewachsen und ich wusste, dass der Kahlschnitt eine Heidenarbeit werden würde.
Sie war auch dabei gewesen.
Es dauerte eine Weile bis sie verstand, dass sie warten müsse, wolle sie am Bach hinter dem Garten spielen, weil Papa erst ein bisschen Klarschiff mache. Sie wartete tapfer auf der Terrasse bis ich fertig war. Dann gingen wir zum Bach. Ich erzählte ihr von früher und wie wir als Kinder hier oft einen Staudamm bauten und uns wie die größten Seemänner fühlten. Der Bach war vielleicht 1,5 Meter breit und nur um die 30 Centimeter tief, aber sowas sieht man nicht als Kind. Hauptsächlich natürlich durch die perspektivische Beeinflussung der Körpergröße. Aber da ist noch etwas anderes. Fantasie kann alles zum Leben erwecken. Man sieht in diesem kleinen Bach das größte Abenteuer, das man je erlebt hat, sammelt Stöcke und Steine und staut Sand auf. Die Flucht aus der Realität.
Die habe ich früher oft gebraucht.
Sie fragte mich dann, ob wir das auch machen könnten und schaute mich erwartungsvoll aus ihren Augen an. Diese Augen, die in dir das Gefühl von Wärme und Geborgenheit auslösen. Und die eine so paralysierende Tiefe haben, dass sie dir Zugang zu deiner eigenen Tiefe geben können.
Ich war schon damals überfordert damit. Ich kann mich immer auf meine Vernunft verlassen, auf meinen Scharfsinn und auf meine Erfahrung. Aber wenn ich in diese Augen blicke, sehe ich mich selbst, meine größte Schwäche und meine innerste Verletzlichkeit. Meine größte Schuld und somit das Unerträglichste in mir.
Also habe ich irgendwann aufgehört in diese Augen zu schauen.

Geändert hat sich nichts. Meine größte Schwäche bleibt das was sie ist und verletzlich bin ich immer noch. Nur meine größte Schuld hat sich verändert. Sie wiegt schwerer als sonst. Und gerade heute an ihrem Geburtstag.


Ich merke beim Aufstehen, dass ich einen zweiten Anlauf brauche um mich, mit beiden Fäusten aufgestützt, aus den weichen Kissen zu hieven. Wie so oft frage ich mich, wie bei so wenig essen so viel Körpermasse noch übrig bleiben kann. Ich gehe in die Küche und suche mir mein Frühstück zusammen. Das, was ich an diesem Tag immer frühstücke. Speck vom Schinken, eine Scheibe Graubrot und etwas Margarine.
Das haben wir oft zusammen gefrühstückt. Sie war so beeindruckt, wie ich mit nur einem Messerstrich die Margarine perfekt auf dem Brot verteilte und wie akkurat ich die Scheibe Schinken für sie abschnitt. Wenn sie sich das wünschte, dann machte ich sie manchmal etwas dicker, oder sie bekam noch ein Stück hinterher ohne Brot. Da war sie immer ganz stolz.

Ich bewaffne mich mit meinem fertigen Frühstücksteller und gehe zurück aufs Sofa. Dabei bleibt mein Blick an dem Karton hängen, der neben dem Sofa steht. Er ist als eine der wenigen Sachen nicht verstaubt. Noch bevor ich anfange zu essen, hebe ich ihn hoch und öffne ihn.
Ich sehe die Briefe und fühle die Schwere, die sich auf mich legt.
Einmal noch, sage ich mir, wie jedes Mal. Es ist wie eine Sucht. Ich berühre das Papier, was sie berührt hat und von dem ich mir einbilde, es könne mir noch mehr sagen als nur die Worte darauf. Ich denke zu sehen, wie Buchstaben verwischt sind und glaube zu meinen, dass sie an der Stelle im Brief geweint hat. Vor Trauer oder vor Wut. Die Worte in ihren Briefen treffen mich zu tief und beschämen mich zu sehr, als dass ich sie nochmal lesen könnte.
Und doch tue ich es. Ich will den Schmerz spüren, will etwas in mir wecken. So viel Schmerz, dass daraus Reflektion resultiert.
Doch wie jedes Jahr weiß ich, dass sie Recht hat. In jedem ihrer Briefe.
Es ist als würde sie mir dabei tief in die Augen schauen, wie damals am Bach. Und da ist es wieder, das paralysierende Gefühl. Als würde sie, nur durch ihre Worte, die Wahrheit über mich selbst ans Licht bringen.
“Ich hoffe du kannst dir irgendwann selbst verzeihen, Papa.”

Und nein. Sich selbst verzeihen heißt Selbstliebe. Und dafür ist zu viel Hass in mir.

Ich stehe auf und werfe das nicht angefangene Brot in den Mülleimer. Was für eine Verschwendung, denke ich mir, und sehe, wie der Schinken und das Margarinebrot auf den restlichen Abfall aufprallen.

 
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26.08.2021
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Hi @LeoAmMeer

in deiner Geschichte geht es um einen Mann, der anscheinend von Selbsthass zerfressen ist und seiner alten Verbrechen gedenkt, die er so sehr noch nicht verkraftet hat, dass er sie dem Leser nicht mitteilen will. Irgendwie hat er sich jedenfalls bös mit seiner Tochter verkracht.

Die Stimmung ist irgendwo zwischen lethargisch und depressiv.

Du machst das schon ganz gut. Der Eindruck kommt gut rüber. Ich finde du könntest diese Stimmung noch mehr in die Erzählweise einarbeiten. Zum Beispiel hier:

Ich bewaffne mich mit meinem fertigen Frühstücksteller und gehe zurück aufs Sofa.
bewaffne ist hier für mich zu aktiv und zu aggressiv. Ansonsten sind seine Gedanken ja sehr behäbig und quälend langsam.

Ansonsten ist deine Geschichte natürlich kein "Goodread" wie es die Ammis sagen würden. Du schilderst hier einen Mann im Selbsthass. Spaß zu lesen macht das nicht, aber das soll es ja auch nicht.

Es geht hier um Authentizität. Das gelingt dir ganz gut.

Ich finde, du solltest deiner Geschichte noch versuchen, mehr Tiefe zu geben. Ein Alleinstellungsmerkmal.

Teilweise sind deine Beschreibungen nah am Klischee:

Es ist regnerisch und dunkel.
Stimmung im Wetter. Klischee.

Dabei bleibt mein Blick an dem Karton hängen, der neben dem Sofa steht. Er ist als eine der wenigen Sachen nicht verstaubt. Noch bevor ich anfange zu essen, hebe ich ihn hoch und öffne ihn.

Durch alte Briefe gehen. Klischee.

Vielleicht könntest du überlegen, diese Stellen mit etwas mehr Individualität aufzuladen. Dann, denke ich, könnte es gut werden.

PS: Ich finde die Idee, sein Verbrechen nicht zu erwähnen gar nicht schlecht. Es ist eine Kunst die richtigen Leerstellen zu setzen. Ich finde, das gelingt dir ganz gut.

Viele Grüße
Lupius

 
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20.02.2021
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Ich musste den Text zweimal lesen und fühle mich immer noch verloren. Vielleicht bin ich zu unkonzentriert, aber in manchenn Sätzen scheinen Gedanken in Echtzeit wiedergegeben worden zu sein. Für kurze Passagen cool, aber in der gesamten Länge zu anstrengend. Es ist nicht leicht, diese Perspektive zu verwenden und die Gedankenwelt halbwegs übersichtlich zu gestalten.

Für mich liest es sich wie eine persönliche Aufarbeitung, die ich von Menschen mit einem Trauma kenne. Allerdings ist es eine Geschichte für die Außenwelt, nehme ich an.

Ich erzählte ihr von früher und wie wir als Kinder hier oft einen Staudamm bauten und uns wie die größten Seemänner fühlten. Der Bach war vielleicht 1,5 Meter breit und nur um die 30 Centimeter tief, aber sowas sieht man nicht als Kind. Hauptsächlich natürlich durch die perspektivische Beeinflussung der Körpergröße. Aber da ist noch etwas anderes. Fantasie kann alles zum Leben erwecken. Man sieht in diesem kleinen Bach das größte Abenteuer, das man je erlebt hat, sammelt Stöcke und Steine und staut Sand auf. Die Flucht aus der Realität.
Die habe ich früher oft gebraucht.
Zum Beispiel dieser Absatz hat eine Menge Details und die machen keinen großen Unterschied in der Handlung. Es ist ein Schwelgen in Erinnerungen. Selbst die Antworten auf mögliche Fragen stehen schon da. Ich muss mir gar nichts überlegen, denn hier steht, warum die Bachgeschichte wichtig ist (Fantasie, weil nicht immer schöne Kindheit).

Sie fragte mich dann, ob wir das auch machen könnten und schaute mich erwartungsvoll aus ihren Augen an. Diese Augen, die in dir das Gefühl von Wärme und Geborgenheit auslösen. Und die eine so paralysierende Tiefe haben, dass sie dir Zugang zu deiner eigenen Tiefe geben können.
Ich war schon damals überfordert damit. Ich kann mich immer auf meine Vernunft verlassen, auf meinen Scharfsinn und auf meine Erfahrung. Aber wenn ich in diese Augen blicke, sehe ich mich selbst, meine größte Schwäche und meine innerste Verletzlichkeit. Meine größte Schuld und somit das Unerträglichste in mir.
Also habe ich irgendwann aufgehört in diese Augen zu schauen.
Gut, es geht weiter mit der beziehung zum Kind. Hättest du die Frage allein stehen lassen, ob er es mit ihr auch einmal spielen könnte, hätte vieles gepasst. Dann kommen aber viele Emotionsbegriffe und wieder Antworten auf mögliche Fragen, die ich selbst gar nciht suchen muss (kein Blickkontakt, weil überfordert).

Ich glaube, diese Emotionsbegriffe solltest du seltener benutzen. Vielleicht dann lieber eine Szene nehmen und den Chrakter hineinfallen lassen. Zudem klingt es für mich ungewöhnlich, wenn in einer Kurzgeschichte eine Figur von sich selbst sagt:

Ich kann mich immer auf meine Vernunft verlassen, auf meinen Scharfsinn und auf meine Erfahrung.
Es ist hier vielleicht etwas anders gemeint, aber wieso sollte ein Chrakter eine derartig präzise Selbstbeschreibung von sich geben?

Ich sehe die Briefe und fühle die Schwere, die sich auf mich legt.
Einmal noch, sage ich mir, wie jedes Mal. Es ist wie eine Sucht. Ich berühre das Papier, was sie berührt hat und von dem ich mir einbilde, es könne mir noch mehr sagen als nur die Worte darauf. Ich denke zu sehen, wie Buchstaben verwischt sind und glaube zu meinen, dass sie an der Stelle im Brief geweint hat. Vor Trauer oder vor Wut. Die Worte in ihren Briefen treffen mich zu tief und beschämen mich zu sehr, als dass ich sie nochmal lesen könnte.
Und doch tue ich es. Ich will den Schmerz spüren, will etwas in mir wecken. So viel Schmerz, dass daraus Reflektion resultiert.
Doch wie jedes Jahr weiß ich, dass sie Recht hat. In jedem ihrer Briefe.
Ich glaube, du kannst das kürzen.
Wieder werden mögliche Fragen schon beantwortet (Briefe doch angucken, weil Schmerz nötig und dann Gedanken).

Sich selbst verzeihen heißt Selbstliebe.
Das ist 1:1, was ich von erwachsenen Frauen mit schwieriger Kindheit gehört habe. Solche Sätze haben sie in Tagebüchern und Therapien gelernt. Deswegen passt es für mich zu einer pesönlichen Aufarbeitung.

 
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05.03.2015
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Hallo LeoAmMeer,
ich lese deinen Text nicht als Geschichte, sondern als Momentaufnahme, als ein Stimmungsbild. Dafür finde ich es sehr gelungen, wenn auch stilistisch-sprachlich noch nicht rundgeschliffen. Die anderen Kommentierenden haben da teilweise schon Punkte genannt.
Den Vorwurf, dass es keine rechte Handlung gibt, kenne ich selbst ebenso wie Irritationen über eine selbstreflexive Ich-Form. Beide Elemente von Texten kommen bei einigen Lesern nicht gut an, haben aber meiner Meinung nach einen festen Platz in der Literatur(geschichte) und absolut eine Daseinsberechtigung. Von daher darf man sich hier nicht von seinem Weg abbringen lassen. Gleichwohl will man natürlich doch auch eine möglichst große Leserschaft finden und kann nicht erwarten, dass sich viele Leute für schwierige Stoffe interessieren, wenn diese nicht gefällig aufbereitet werden. Ich denke also, dass ein wenig mehr Handlung deinen Ausführungen doch gut tun würde, allein schon, weil Kontraste für mehr Wirkung sorgen. Der traurige, in sich gekehrte Protagonist könnte beispielsweise vor seinen Reflexionen zu Hause bei seinem Job beschrieben werden, wo er eine kommunikative und vielleicht sogar fröhliche Fassade aufrecht erhalten muss. So was in der Art. Thomas Bernhard etwa hat zur Genüge bewiesen, dass ein Minimum an Handlung ausreicht, wenn die Sprache selbst und die vermittelten Ideen und Gefühle den Text tragen können.

 

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