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Der Eindringling
Ein Donnerschlag riss mich aus meinen Gedanken, als ich - schon fast eingeschlafen - heimwärts fuhr. Das Wochenende hatte ich im 30km entfernten Kingsport verbracht, wo es mir als Vertreter nicht gelang ausreichend Krimskrams zu verkaufen. Meine Provision war demzufolge lächerlich, gerade genug um mich für eine weitere Woche zu ernähren.
Ich nahm den bitter schmeckenden Zigarettenstummel aus dem Mund, kurbelte eilig das Fenster herunter und schnippte ihn nach draußen, wo er im strömenden Regen sofort verlosch. Es schüttete schon seit Tagen, was meiner Stimmung nicht gerade zuträglich war. Die letzte Woche war eine Hölle mit 16 Arbeitsstunden am Tag. Augenringe, 3-Tage-Bart, schlechter Atem - ich war dem Tod näher als dem Leben, als ich schließlich draußen auf meinem Landsitz ankam. Müde schleppte ich mich die drei Stufen zur Eingangstür hoch - die leicht offen Stand.
Oh Gott, nicht auch noch das!, schoss es mir als erstes durch den Kopf. Ich hatte schon von Einbrüchen hier in der Gegend gehört, doch das es mich treffen würde ... was gab es denn bei mir zu stehlen - die alten, scheusslichen Möbel? Die geschmacklose Einrichtung welche ich günstig erstanden hatte? Geld, Schmuck ... das gab es bei mir nicht zu holen. Aber offensichtlich wusste das der Holzkopf nicht, der sich hier zu schaffen machte.
In der Hoffnung das der Schaden nicht allzu hoch war, betrat ich das Haus und wollte gerade das Licht anmachen als ein Geräusch aus dem Keller nach oben drang. Er muss noch hier sein, schlussfolgerte ich. Meine eben noch lethargische Stimmung schlug blitzartig in ihr genaues Gegenteil um - ein heftiger Adrenalinstoß versetzte mich in höchste Anspannung. Die stickige Luft vermochte es kaum meine Lungen zu füllen, als ich mich, langsam und darauf bedacht keine Geräusche zu verursachen, in den Eingangsbereich schob.
Ich horchte in die von einzelnen Lichtstrahlen durchzuckte Dunkelheit ... Stille. Keine Schritte, kein Rascheln, kein Poltern. Nichts. Ich versuchte mich zu erinnern woher das Geraschel kam, das ich vor wenigen Momenten noch vernahm, doch gelang es mir nicht. Der dunkle Parkettboden stammt noch von den Vorbesitzern und machte es eigentlich nahezu unmöglich sich lautlos fortzubewegen. Also zog ich meine Schuhe aus um mich nicht zu verraten und so lauschte ich noch einmal in die Dunkelheit die sich wie ein schwerer Teppich auf die kolonialen Möbel legte und der Szenerie eine Stimmung verlieh, die unheimlicher nicht sein konnte. Diesmal waren meine angestrengten Versuche nicht umsonst: Kaum vernehmbar drang aus dem Keller ein Geräusch an mein Ohr. Es war ganz so als würde Geschirr klimpern.
Fest entschlossen, der Sache auf den Grund zugehen, schlich ich also Richtung Kellertür, welche weit offen stand. Nun stand es außer Zweifel das sich der Eindringling dort unten aufhielt. Und dem Lärm nach zu urteilen machte er sich an einigen Flaschen Wein zu schaffen die ich dort zu lagern pflegte. Meine Müdigkeit war schon lange einer Art panischer Erregung gewichen; und so kam es das ich mich die einzelnen Treppen in den alten Keller vortastete, aus dem mir ein fauliger und morscher Geruch entgegenschlug.
Die kalten Schweißperlen die sich auf meiner Stirn gebildet haben, lösten sich nun und rannen über mein zerfurchtes Gesicht. Ich schlich mich vorsichtig in eine Art Rumpelkammer, direkt neben dem Weinkeller wo ich den Kerl vermutete. Jetzt war das Klirren von Flaschen deutlich zu hören. Etwas zögerlich schob ich meinen Kopf um die Ecke und konnte einen dunklen Schemen erkennen der sich am Weinregal zu schaffen machte, indem er ständig irgendwelche Flaschen herausnahm, sorgfältig beäugte und wieder hineinstellte. Wollte der sich besaufen und hatte dabei auch noch Ansprüche!? Zumal mir auch unbegreiflich war wie er in dieser Finsternis überhaupt etwas erkennen, geschweige denn ein Etikett lesen konnte. Kaum ein Lichtstrahl drang bis hierher herunter. Ich hielt den Atem an - jeder Muskel war gespannt.
Um ehrlich zu sein... - ich wusste nicht was ich jetzt, in dieser Situation, tun sollte. Etwa wie ein Wilder über ihn herfallen? Abwarten, um nachher die Polizei zu benachrichtigen? Ich zog den Kopf wieder ein und starrte eine Weile vor mich hin, bemüht einen klaren Gedanken zu fassen. Doch es gelang mir nicht - die Situation war zu absurd, als das sie wirklich passieren konnte. Hier stand ich nun, den Einbrecher im Raum neben mir. Kurz vor Mitternacht. In der dunkelsten aller Dunkelheiten. Die anfängliche Erregung wich nun schnell einer Art von Unruhe, die wohl aus der Verunsicherung resultierte welche nun Besitz von mir ergriff. Ein leichtes Frösteln durchzuckte meinen Körper, als ich meine geschlossenen Augen wieder öffnete.
Mit einem Mal schlich der Schemen an der offenen Tür der Rumpelkammer vorbei Richtung Treppe. Ich fuhr erschrocken zusammen, doch bemerkte er von meiner Anwesenheit nichts. In seiner Hand, so erschien es mir, hielt er eine Flasche Wein. Hatte sich unser Feinschmecker also endlich entschieden! Ich entschloss mich, entgegen meines schlechten Bauchgefühls, ihm nach oben zu folgen. Um mich allerdings im Falle eines Kampfes ausreichend verteidigen zu können, griff ich schnell nach der Axt die hier unten irgendwo liegen musste.
So kam es schließlich das ich mich aus meinem improvisierten Versteck heraustraute und nun selbst die Treppen erklomm. Es war eine Wohltat wieder durchzuatmen, da mir die stickige Luft hier oben im Foyer jetzt erstaunlich frisch vorkam, im Vergleich zum Keller, in dem schon zu lange kein frischer Hauch zu spüren war. Angestrengt presste ich mich an die Wand und lauschte in die Dunkelheit hinein. Da ging er! Der Eindringlich schlich förmlich Richtung Wohnzimmer, die Flasche fest umklammert. Das Herz pumpte nun unnachlässig Blut durch meine Adern. Ich spürte jeden Schlag an der Schläfe. Mir blieb nur zu hoffen das mich meine Herzschläge nicht verrieten, so laut kamen sie mir vor. Vorsichtig heftete ich mich an seine Fersen. Circa fünf Meter lagen zwischen ihm und mir. Der Schweiß war inzwischen unerträglich auf meinem Gesicht. Er schmerzte in den Augen so das ich unablässig blinzeln musste. Die Axt fest mit beiden Händen umschlossen ging ich auf ihn zu. Die Spannung durchzuckte meinen Körper, es war wie in einem Opiumtraum. Vier Meter. Meine Knie wurde weich. Ich brachte es kaum noch fertig geradeaus zu gehen. Drei Meter. Noch wurde ich nicht entdeckt. Mein Kreislauf brach kurz ein, so dass ich ein wenig taumelte. Zwei Meter. Zu meinem Unglück stieß ich mit dem Fuß gegen eine kleine Bodenvase, die nun geräuschvoll umfiel. Überrascht drehte sich mein Gegenüber um. In meiner Anspannung, nein - Entsetzen, holte ich mit der Axt aus und ließ sie auf ihn herniedersausen. Unter ächtzen ging er zu Boden, bevor das Licht im Wohnzimmer anging. Das grelle Licht blendete mich zunächst und ich konnte nur ein großes Banner erkennen. Von allen Seiten tönte es kakophonisch "Happy Birthday" das jedoch auf halbem Wege erstickte und entsetzten Schreien wich. Ich blickte noch nach unten, bevor mich eine gnädige Ohnmacht übermannte. Was ich unten sah, war das leblose und zu einer entsetzlichen, blutigen Fratze verkommene Gesicht meines besten Freundes Walther...

