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Der Fall Wagner

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20.05.2019
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Der Fall Wagner

“I can’t listen to that much Wagner.
I start to get the urge to conquer Poland.”
Woody Allen​

Berlin

Ein Gefühl der Erleichterung stellte sich ein, als Sascha den Schlüssel herumdrehte, um die Wohnungstür zu öffnen. Bevor er eintrat, lehnte er sich erschöpft in den Türrahmen. Der tiefe Seufzer, den er dabei ausstieß, war ein Ausdruck der beruhigenden Gewissheit, diesen an den Nerven zehrenden Tag hinter sich gebracht zu haben. Endlich konnte er seinen wohlverdienten Feierabend genießen.

Es war heute ein hoffnungsloses Unterfangen, mit seinen Schülern die Gefahren des Totalitarismus, die Orwell in seinem Klassiker beschrieb, zu besprechen. Wie will man diese Halbwüchsigen aber auch für den Überwachungsstaat sensibilisieren, wenn sie sich mit dem Mobiltelefon in der Hand freiwillig der smarten Diktatur von Internetsuchmaschinen, sozialen Netzwerken und Onlinekaufhäusern unterwerfen? Manchmal wünschte sich Sascha, noch an der Universität lehren zu können, anstatt an einer öffentlichen Schule unterrichten zu müssen.

Nachdem Sascha die Tür hinter sich schloss, legte er seine Jacke und seine Tasche auf die Anrichte und zog die Schuhe aus. Da seine Frau mit den Kindern unterwegs war, hatte er die Wohnung wenigstens für sich allein. Er wollte die Gunst der Stunde nutzen, um sich ungestört entspannen zu können – etwas, was ihm schon seit Längerem nicht mehr vergönnt war.

Er fläzte sich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein, in der Hoffnung, die Anspruchslosigkeit geistloser TV-Unterhaltung würde ihm die Alltagssorgen vergessen lassen. Beim Durchzappen blieb er bei einem alten, schlechten Zombie-Film hängen, in dem die schwerfällig schlurfenden Untoten hohl stöhnten: „Gehirne!“ Was für ein hanebüchener Unsinn, dachte Sascha, machte den Fernseher aus und entschied sich, stattdessen lieber bei einem Glas Rotwein Musik zu hören.

Aus der Küche kommend, stellte Sascha das halbgefüllte Weinglas auf den kleinen gläsernen Beistelltisch im Wohnzimmer ab und wandte sich dem CD-Regal zu. Er durchforstete seine Plattensammlung. Eigentlich stand ihm der Sinn nach Miles Davis, aber aus unerfindlichen Gründen wurde seine Aufmerksamkeit auf ein gänzlich anderes Stück Musikgeschichte gelenkt. Als würde eine unbekannte Kraft ihn leiten, griff er nach jenem Tonträger, dessen mysteriöser Verlockung er sich nicht entziehen konnte. Mit einem Ausdruck, der zwischen Irritation und Ehrfurcht lag, betrachtete Sascha die CD-Hülle, die unverhofft in seinen Händen lag. Auf dem Cover war in nüchternen Lettern Die Walküre zu lesen. Respekteinflößend stand unter dem Titel der Name des Dirigenten dieser Aufnahme – Herbert van Karajan – und darüber der des unterblichen Komponisten dieses Werkes: Richard Wagner.

Wehrlos gegenüber der Größe jener Künstler legte Sascha den Tonträger in den CD-Player, nahm die daneben liegende Fernbedienung in die Hand und setzte sich in den Sessel. Er betätigte die Playtaste und ahnte nicht, welchen Sturm er damit entfachen sollte. Einem aus der Ferne sich nähernden Gewitter gleich erklangen die ersten Töne des Ritts der Walküren. Die Musik erfüllte den Raum mit einer epischen Atmosphäre, drang über Saschas Ohren hinter seine Stirn und überflutete die Synapsen seines Gehirns mit der Heroik der wagnerschen Oper. Selbstverständlich war dies nicht das erste Mal, dass Sascha einer Komposition Wagners lauschte. Doch im Vergleich zu den zahlreichen Malen zuvor war diesmal irgendetwas anders. Die Musik legte sich schwer auf sein Hirn und sein Herz. Sie beeinflusste nunmehr seine Gedanken und seine Gefühle.

Sascha wurde von Schwindel und Kopfschmerzen übermannt. Mit Schweißperlen auf der Stirn krallte er sich in die Armlehnen seines Sessels. Er fühlte sich in einen Rauschzustand versetzt. Sein Blick war verschwommen, aus der Ferne hörte er Dionysos höhnisch lachen. Im Rausch der Musik sah Sascha elegante Korybanten, die im Rhythmus der Klänge Wagners ebenso orgiastisch wie leichtfüßig ins Wohnzimmer hineintanzten. Mit jedem Takt wurden ihre anfangs sinnlichen Bewegungen in demselben Maße steifer und ungelenker wie das strahlende Weiß ihrer Gewänder zusehends in ein tristes Grau überging. Schließlich verwandelten sich die ekstatischen Tänzer in stahlhelmtragende Wehrmachtssoldaten, die im Stechschritt das Wohnzimmer durchquerten.

Sascha krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden und versuchte verzweifelt gegen eine ihm unbekannte Macht anzukämpfen. Er schrie und sah Bilder der Luftlandeschlacht um Kreta und des deutschen Bombardements der Eisenbahnstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg vor seinem geistigen Auge. Die Stereoanlage änderte ihre Form in einen Volksempfänger, der inmitten der dramatischen Klangwelt des Walkürenritts voller Patriotismus verkündete: „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!“ Die Stimme, die Sascha vernahm, war aber nicht die von Hitler oder Goebbels, sondern seine eigene. Es war seine eigene Stimme, die mit Blut und Ehre im Timbre zur alles entscheidenden Frage ausholte: „Wollt ihr den totalen Krieg?!“

Sascha beantwortete diese Frage mit einem kriegslüsternen Ja, daraufhin brach er erschöpft zusammen.

Es dauerte einen Augenblick – die Musik lief noch – bis sich Sascha ungelenk aufrappelte. Das Gesicht war ausdruckslos, der Blick war leer. Schwerfällig schlurfte er zur Wohnungstür und stöhnte dabei hohl: „Deutschland über alles.“

Mehr durch Zufall als durch koordinierte Bewegungen gelang es ihm, die Türklinke herunterzudrücken und schließlich das Haus zu verlassen. Sogar im Straßenbild der bundesdeutschen Hauptstadt stellte Sascha eine seltsam anmutende Erscheinung dar, wie er hinkend und den Walkürenritt stöhnend durch Tempelhof und Kreuzberg zog, während die Passanten versuchten, ihm keine Beachtung zu schenken.

Ähnlich wie Zugvögel, die im Winter automatisch ihr Ziel gen Süden ansteuern, bewegte sich Sascha intuitiv seinem Bestimmungsort zu. Auf seinem Weg dorthin griff er einen türkischen Gemüsehändler, ein schwules Pärchen sowie eine Bankerin an und versuchte, sie totzubeißen. Insgesamt verschwendete er aber nicht viel Zeit auf derartige Attacken, drängte es ihn doch, seinen Kurs fortzusetzen.

Je näher Sascha dem Stadtzentrum kam, desto mehr Leute wie er säumten die Straßen und schlugen dieselbe Route ein. Die immer größer werdende Menschenhorde schritt die Friedrichstraße in nördlicher Richtung entlang. An der Ecke Behrenstraße wurde sie verstärkt von einigen Operngängern, die aus der Komischen Oper hinkten, nachdem sie dort dem Fliegenden Holländer beiwohnten. Als die Meute, in der Sascha mitmarschierte, an der Kreuzung Unter den Linden einbog, vereinte sie sich mit zwei weiteren gleichgesinnten Prozessionen – die eine aus Norden, die andere vom Pariser Platz aus Westen kommend – zu einem mehrere hundert Menschen umfassenden Rudel, das sich in Richtung Alexanderplatz schleppte. An der Staatsoper schlossen sich fein gekleidete Damen und Herren, die gerade eine Vorstellung des Lohengrin verließen, der vorbeiziehenden Menge an.

Am Alexanderplatz angekommen, drängte sich die Heerschar der Wagner-Anhänger um die Weltzeituhr und füllte das gesamte Areal zwischen dem Bahnhof und dem Neptunbrunnen, wodurch nicht nur der Straßenbahnverkehr, sondern ebenso das großstädtische Leben in der näheren Umgebung zum Erliegen kam. Anstelle der gewohnten Geräusche der urbanen Hektik erschallte das teutonische Klangbild eines Chors, der die Melodien Wagners mit Hilfe vielstimmigen Stöhnens, Seufzens und Ächzens intonierte. Da jeder eine andere Wagner-Komposition imitierte, entwickelte sich ein akustisches Potpourri, das in seiner klanglichen Bedrohlichkeit einem Hornissenschwarm glich.

Wie zähflüssige Lava wälzte sich die Menschenmasse träge gen Osten, über die Grenzen Berlins hinaus, als würde sie der große Richard höchstpersönlich mit seinem Taktstock dirigieren.

Deutsch-polnische Grenze

Die Legion der Wagnerianer durchschnitt die brandenburgische Landschaft mit linkischen Schritten und die brandenburgische Luft mit kläglichen Lauten. Dabei kam es vor, dass sich immer wieder neue Rekruten diesem Heer deutscher Musikfreunde anschlossen, weil sie von der Imposanz des acapella vorgetragenen Liedguts Wagners ebenso ergriffen wurden wie jene, die zuvor Tonaufnahmen oder Livevorführungen hörten.

Am deutsch-polnischen Grenzübergang herrschte derweil eine idyllische Ruhe. Die Grenzpolizisten ahnten nicht, welcher Orkan deutscher Kultur über sie hinwegfegen sollte. Zunächst vernahmen die wenigen Beamten ein unbestimmtes, beunruhigendes Geräusch aus weiter Ferne. Ohne die Richtung benennen zu können, spürten sie die bedrohliche Geräuschkulisse langsam näherkommen, bis sie sich schließlich als die Klagelaute einer dumpfen Menschenschar offenbarte, die sich düster am Horizont auftürmte. Je näher sie kam, desto lauter wurde sie.

In ihrer behäbigen, steifen Art fiel die Meute über den Grenzposten her und griff Beamte wie Grenzgänger gleichermaßen an, indem sie versuchte, sie zu beißen. Die polnischen Grenzschützer standen diesem Schauspiel fassungslos gegenüber und wussten nicht, wie sie reagieren sollten, da die Dienstvorschriften eine solche Eventualität nicht abdeckten. Die polnischen Beamten überlegten, von ihren Schusswaffen Gebrauch zu machen, zögerten jedoch, weil sie keinen professionell ausgebildeten Soldaten, sondern Bauarbeitern, Anwälten, Busfahrern und anderen Zivilisten gegenüberstanden. Ihr Zögern wurde blutig bestraft.

Die deutschen Kollegen hingegen hatten weniger mit den Angreifern als mit dem nationalen Kulturgut, das auf sie einwirkte, zu kämpfen. Nachdem einer der Grenzpolizisten vernahm, wie eine Supermarktkassiererin mit ihren kehligen Lauten Isoldes Liebestod ertönen ließ, wand er sich schmerzerfüllt auf dem Boden und schrie: „Recht und Ordnung!“, bevor er in Ohnmacht fiel, um kurz darauf wiederaufzuerstehen und als einer der ihren mit der Masse der Wagnerianer zu marschieren und zu kämpfen.

Derweil gelang es einem der polnischen Beamten, unter letzter Kraftanstrengung seiner Zentrale per Funkgerät Bericht zu erstatten. Er kauerte in der Ecke des Grenzhäuschens und sprach hastig. Zu spät bemerkte er, wie die Tür langsam aufging und ein Deutscher den Raum betrat – es war Sascha. Sascha raunte noch etwas, das klang wie: „Wir sind das Volk!“, dann stürzte er sich mit ausgestreckten Armen auf den polnischen Grenzschützer. Dieser blickte noch entsetzt in die kalten Augen seines Angreifers und erkannte, dass der Tod ein Meister aus Deutschland war.

Wie Raupen, die einen Acker befallen, eroberte die Armee der Wagnerianer innerhalb kürzester Zeit weite Teile Polens. Die polnischen Polizeibehörden waren den Aggressoren zahlenmäßig unterlegen. Sie versuchten vergeblich, der Lage wie bei einer eskalierten Demonstration mittels Schlagstöcken, Wasserwerfern und Tränengas Herr zu werden. Doch die ergriffenen Maßnahmen blieben wirkungslos – den Wagnerenthusiasten schien nichts anhaben zu können. Das Militär hatte indessen moralische Bedenken, den Schießbefehl zu erteilen, da es sich bei den Angreifern um Zivilisten einer befreundeten Nation und nicht etwa um Truppen eines verfeindeten Regimes handelte. So traten die Behörden rat- wie hilflos den Rückzug an.

Die polnische Regierung war verzweifelt. Der Außen- und der Verteidigungsminister Polens versuchten, einen Krisenplan mit ihren deutschen Amtskollegen zu entwerfen, wurden allerdings mit aller diplomatischer Höflichkeit abgewiesen, da man in Berlin die Umstände vollkommen falsch ein- und sträflich unterschätzte. Hinter vorgehaltener Hand war die Bundesregierung der Meinung, die Geschichte über schwerfällig schlurfende und hohl stöhnende Menschenhorden, die einen Polenfeldzug starteten, nachdem sie Wagner hörten, hätte einem alten, schlechten Zombie-Film entstammen können. Ein hanebüchener Unsinn, befand man einhellig.

Universität Warschau

Die Armee und Polizei Polens wurden in die Defensive gedrängt. Um die größten Städte wurden Verteidigungsringe gezogen, um zumindest die Metropolen solange wie möglich vor den Angreifern zu schützen. Der ländlichen Bevölkerung wurde geraten, in jene Städte zu fliehen, da sich die Hilfsmaßnahmen dort besser konzentrieren und koordinieren ließen.

Nach Konsultation mit der Regierung stellte die Universität Warschau eine Forschungsgruppe aus Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen zusammen – neben Neurologen und Soziologen auch Musikwissenschaftler – in der Hoffnung, das Phänomen rational erklären zu können. Lag es allein an der Musik oder korrelierte sie mit anderen Faktoren wie Viren, gesellschaftlichen oder ökologischen Einflüssen oder genetischer Veranlagung? Kannte man die Ursachen für den wagnerianischen Sinneswandel, konnte man vielleicht ein Heilmittel finden oder zumindest eine Art Impfstoff, um die Ausbreitung einzudämmen.

Der polnische Premierminister wollte sich persönlich einen ersten Eindruck vom Forschungsstand machen. Er wusste, dass es noch zu früh war, um auf bahnbrechende Erkenntnisse hoffen zu können, doch in Anbetracht der gegenwärtigen Lage konnte jeder noch so kleine Hinweis die Rettung bedeuten. Der Premier suchte im Beisein seiner beiden Bodyguards die Räumlichkeiten der Universität auf. In einem großen Labor im Untergeschoss des Hauptgebäudes sprach er mit Prof. Dr. Wojciech Wawrzyniak, Epidemiologe und führender Kopf der Forschungsgruppe. Abgesehen vom Professor war noch seine junge Assistentin Natascha zugegen, die gerade in ihrer Arbeit vertieft war.

„Was haben Sie bisher herausgefunden?“, begann der Politiker das Gespräch.

„Leider nicht viel. Anfangs gingen wir von einem Ohrwurm aus. Also nicht im übertragenen Sinn, sondern wortwörtlich von einem Parasiten, der sich über die Gehörgänge im Gehirn einnistet. Die Obduktion verschiedener Deutscher bestätigte diese Annahme aber nicht. Stattdessen gingen wir dazu über, zunächst das Verhalten lebender Exemplare näher zu studieren. Trotz Proteste einiger Kollegen entschieden wir uns dazu, einige Infizierte gefangen zu nehmen. Das moralische Dilemma ist uns bewusst. Wir beschränken uns auf Verhaltensstudien …“

Der Premier unterbrach den Professor per Handbewegung. Als Politiker war er nicht an Moral interessiert. Der Professor führte ihn durch das Labor und präsentierte ihm drei mit Stroh ausgelegte Stahlkäfige, die frei im Raum standen und in denen jeweils ein Proband gehalten wurde.

Der Professor stellte die Insassen vor: „Versuchsperson Nummer 1 ist eine deutsche Rentnerin. Versuchsperson Nummer 2 kommt aus Dresden, ist männlich, zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, hat Abitur und verdient mehr als 3.000 Euro pro Monat. Versuchsperson Nummer 3 ist insofern bemerkenswert, da es sich hierbei um einen ehemaligen HiWi unserer Universität handelt. Er ist Burschenschaftler und fiel dem Wagner-Wahn ziemlich schnell zum Opfer. Wie Sie sehen, können auch Nicht-Deutsche betroffen sein.“

„Haben Sie schon Versuche unternommen, die Leute zu kurieren?“

„Ja, aber ohne Erfolg. Wir versuchten, in einen Dialog mit ihnen zu treten. Leider waren sie für Argumente nicht mehr empfänglich. Danach dachten wir, die Wirkung der Musik umkehren zu können, indem wir ihnen Musik vorspielten, die der Wagners in gewisser Weise entgegensteht. Wir probierten es mit Punk und Jazz, jedoch vergebens. Interessante Reaktionen zeigten sich stattdessen, als wir unsere Probanden mit Literatur konfrontierten. Es begann damit, dass wir der alten Frau etwas zu lesen geben wollten, um sie zu beschäftigen. Das einzige deutschsprachige Buch, das wir hatten, war ein Roman von Erich Kästner. Sie zeigte heftige Abwehrreaktionen, wollte das Buch sogar anzünden. Daraufhin konfrontierten wir alle drei Patienten mit Büchern verschiedener Autoren. Texte von Martin Heidegger und Thilo Sarazin wurden geradezu verschlungen. Texte von Hannah Arendt oder Jürgen Habermas mieden sie wie der Teufel das Weihwasser. Interessanterweise wurde Nietzsche zunächst begeistert aufgenommen, nach der Lektüre aber mit Abscheu und Unverständnis weggeworfen.“

Der polnische Premierminister war enttäuscht darüber, dass die Wissenschaftler sogar noch weniger als erwartet vorweisen konnten. Inwiefern waren literarische Vorlieben von Interesse? Nichts von den bisherigen Studien war hilfreich, dachte er. „Konnten Sie wenigstens eine Theorie aufstellen, was es mit der Musik auf sich hat?“

„Nein. Diesbezüglich tappen wir vollkommen im Dunkeln. Schließlich haben die Menschen auch schon früher Wagner gehört. Gerüchten zufolge sollen Heino und Frei.Wild ähnliche Symptome ausgelöst haben.“ Prof. Wawrzyniak konnte seine Ratlosigkeit nicht verbergen. „Meine Assistentin Natascha hat sich trotz der potenziellen Gefahr bereit erklärt, Wagner zu hören und ihre Erfahrungen zu protokollieren.“ Er deutete auf seine Mitarbeiterin, die an einem kleinen Tisch in der Ecke des Labors saß. Auf dem Tisch stand ein kleiner Radiorekorder, über den sie mittels Kopfhörer die CDs anhörte, die vor ihr gestapelt waren.

„Und sie blieb unversehrt?“, wunderte sich der Premier.

„Ja, sie scheint immun dagegen zu sein.“

„Wissen Sie warum?“

„Man kann nur spekulieren. Aber ich bin froh, dass ihr noch nichts passiert ist. Ich habe sie als eine äußerst liberale und weltoffenen Person kennenlernen dürfen und es wäre eine Schande, wenn sie ebenfalls dieser Tollwut – oder wie immer Sie das auch nennen wollen – zum Opfer fallen würde.“

„Ist ihr beim Hören irgendetwas aufgefallen?“

Prof. Wawrzyniak wollte die Frage des Premierministers weiterleiten. Er tippte seiner Assistentin auf die Schulter. Die junge Frau drehte sich erschrocken um und riss dabei ausversehen den Stecker des Kopfhörerkabels aus der Buchse. Das kleine altmodische Abspielgerät beschallte das Labor mit dem Tannhäuser. Wawrzyniak hielt sich reflexartig die Ohren zu. Nach einem kurzen Moment der Irritation schaltete Natascha den Radiorekorder so schnell wie möglich aus.

Erschöpft davon, die akustische Attacke knapp überstanden zu haben, rappelte sich der Professor auf und eilte seinen Gästen zur Hilfe, die sich auf dem Fußboden krümmten. Doch für den polnischen Premier und seinen Begleiter kam jede Hilfe zu spät. Als Wawrzyniak dem Premierminister aufhelfen wollte, stammelte der Politiker etwas von Gleichschaltung der Kunst, der Medien und der Wissenschaft zur Stärkung der nationalen Identität. Wawrzyniak wich erschrocken zurück.

Der Premier und seine Gorillas stürzten sich auf den Professor, der verzweifelt zu seiner Assistentin blickte, die verstört an ihrem Tischchen stand und nicht wusste, was sie tun sollte. „Flieh!“, schrie Wawrzyniak. Seine Stimme erstickte in einem blutgetränkten Gurgeln, als die Leibwächter begannen, sich an ihm zu laben. Bevor sich der Premierminister gefährlich nähern konnte, floh Natascha aus dem Labor.

Bundeskanzleramt, Berlin

Anfänglich ging die Bundesregierung davon aus, dass die inkompetenten polnischen Behörden damit überfordert seien, eine kleine Gruppe von halbstarken Unruhestiftern zu bändigen. Erst als der Auslandsgeheimdienst die Meldungen bestätigte und sich allmählich das Ausmaß der Angriffe abzeichnete, wurde man sich auch in Berlin des Ernstes der Lage bewusst.

Im Auftrag der Bundesregierung prüften Anwälte und Rechtswissenschaftler, ob in dieser kuriosen Situation das Verteidigungsbündnis der NATO greifen würde. Der Kanzleramtsminister beorderte den Außen- und den Verteidigungsminister zu einer Krisensitzung und versuchte, den Kanzler von dessen anstehenden Terminverpflichtungen zurückzubeordern, während der Kulturstaatsminister veranlasste, Wagneraufführungen landesweit abzusagen. Jedoch wurde den Anweisungen des Kulturstaatsministers nicht unmittelbar Folge geleistet, weil man der Geschichte, die man zur Begründung dieser ungewöhnlichen Veranlassung angab, mit dem zu erwartenden Unglauben begegnete. Dass zu allem Überfluss der Kanzler nicht erreichbar war, trieb dem Kanzleramtsminister nicht nur die Sorgenfalten, sondern geradezu den Angstschweiß auf die Stirn, da er genau wusste, wo sich der Kanzler zu dieser Zeit aufhielt.

Der deutsche Regierungschef war bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth zu Gast, wo er sich gemeinsam mit zahlreicher Prominenz aus Politik, Kunst und Kultur die Meistersinger von Nürnberg ansah. Während die Musiker und Darsteller routiniert ihrer Arbeit nachgingen und von jeglichem Missionierungseffekt verschont blieben, versuchten der Kanzler sowie der Rest der Zuhörer noch während des ersten Aktes vergebens, sich der inneren Machtergreifung durch die Musik zu erwehren.

Die Aufführung wurde erst unterbrochen, als die Kakofonie aus Schmerzensschreien und aufstöhnenden Lauten im Zuschauerraum zu einem ohrenbetäubenden Crescendo anwuchs, das sogar die orchestrale Musik übertönte. Das Licht wurde angemacht und von der Bühne aus sahen die Schauspieler, wie der Bundeskanzler in dem Chaos um ihn herum auf seinen Sitzplatz stieg und dem Publikum zurief: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ Mit einer Entschlossenheit, die der des Drachentöters Siegfried gleichkam, forderte er noch: „Auf in den Kampf, Kameraden! Wir verlangen unseren Platz an der Sonne!“, danach brach er zusammen. Als sich der Kanzler wieder aufrappelte und mit leerem Blick träge aus dem Opernhaus irrte, folgte das deutsche Volk ihm ergeben.

Weißes Haus, Washington D.C.

Mittlerweile berichteten auch die internationalen Medien im großen Stil von dem Kreuzzug der Wagnerianer, die nicht nur aus Deutschland, sondern von überall aus Europa – Russland, Türkei, Ungarn, Frankreich, Niederlande, Österreich – an die polnische Grenze strömten. Als die Nachricht Washington D.C. erreichte, machte sich der Stabschef des Weißen Hauses unverzüglich auf den Weg zu einer Lagebesprechung mit dem US-Präsidenten.

Im Oval Office angekommen, fand er aber nur einen verwaisten Schreibtisch vor. Verwundert fragte er bei der persönlichen Sekretärin nach, wo der Präsident abgeblieben sei. Diese berichtete konsterniert: „Ich habe keine Ahnung, Sir. Der Präsident schien besoffen zu sein. Mit ausdruckslosem Gesicht und glasigen Augen torkelte er aus seinem Büro und murmelte irgendwas von Abschusscodes für die taktischen Nuklearwaffen und brabbelte, Amerika wieder groß machen zu wollen.“

Irritiert stürzte der Stabschef zum Telefon, das auf dem präsidialen Schreibtisch stand. Während er darauf wartete, dass am anderen Ende der Leitung endlich jemand abnahm, schaute er sich ratlos im Oval Office um. Durch Zufall fiel sein Blick auf den eingeschalteten CD-Player auf der Anrichte an der Wand. Daneben lag eine offene, leere CD-Hülle, die verriet, was der Präsident zuletzt hörte: die Götterdämmerung von Richard Wagner.
 
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Hallo miteinander!

Ich freue mich auf einen konstruktiven Austausch und hoffe natürlich, mit meinem ersten Beitrag nicht allzu viele Gepflogenheiten auf einmal missachtet zu haben. ;)
 
Senior
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„Und in der Trennungsstunde, / da kam aus ihrem Munde,
das schönste Wort. / So nimm Du stolzer Grenadier,
den ersten Kuß von mir, / vergiss Maruschka nicht,
das Polenkind.“ Aus dem Volkslied „In einem Polenstädtchen“​

„Es gibt Wahrheiten, die so sehr auf der Straße liegen, dass sie gerade deshalb von der gewöhnlichen Welt nicht gesehen oder wenigstens nicht erkannt werden. Sie geht an solchen Binsenwahrheiten manchmal wie blind vorbei und ist auf das höchste erstaunt, wenn plötzlich jemand entdeckt, was doch alle wissen müssten. Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen“, beginnt in Hitlers „Mein Kampf“ das elfte Kapitel „Volk und Rasse“(S. 311; http://www.harrold.org/rfhextra/download/Adolf Hitler - Mein Kampf - German.pdf), was an sich beweisen sollte, dass dieser Bestseller mehr über den Anstreicher sagt als über kolumbianische Eier,

lieber Basarow -
und damit erst einmal herzlich willkommen hierorts!, und
Der Fall Wagner
ist weniger ein Fall Wagners (Bakunin schalt nach dem Dresdner Aufstand seinen ehem., nun flüchtigen Freund Wagner einen Hasenfuß) als der Marschmusik, die eher in die Beine geht und ja nicht grundlos Marschieren erleichtern soll (auch polnische Beine). Wenn dann noch Standards teutschen Volksliedgutes („In einem Polenstädtchen ...“, z. B., daraus das Zitat oben) sich hinzugesellen, da muss es ja irgendwann wieder so weit sein.

Von der Wahlverwandtschaft des Hasenfußes und des Anstreichers berichtete 1997 bereits die Zeit
„Hitler sah in Richard Wagner ‚die größte Prophetengestalt, die das deutsche Volk besessen‘ habe. Nur ihn erkannte er als seinen Vorläufer an. Wagner war sein einziges Idol. Aus seinen Schriften zog er seine ideologischen Affekte. In seinen Bühnenwerken fand er sein Weltbild. An seiner Musik berauschte er sich. Das alles ist bekannt, Joachim Fest hat Hitlers Wagner-Bild, die Übereinstimmungen zwischen beiden in seiner Hitler-Biographie von 1973 nachgewiesen.
Joachim Köhler geht in seinem Buch "Wagners Hitler" sehr viel weiter. Zu weit: Zugespitzt und verkürzt, liefe es nach Köhler darauf hinaus, in Hitler den Wiedergänger Richard Wagners zu sehen, in diesem den Schreibtischtäter, in jenem den Vollstrecker ...“ (Bernhard Woerdehoff „Hitlers Wagner. Joachim Köhlers provozierende Studie ‚Der Prophet und sein Vollstrecker‘, 11. April 1997 Quelle: DIE ZEIT, 16/1997, im Netz eingestellt unter „Hitlers Wagner“). Aber der Anstreicher wird nicht einzigartig gewesen sein, ließ er doch den einen oder andern Konkurrente abschlachten.

Paar Flusen

Mehr durch Zufall als durch koordinierte Bewegungen gelang es ihm, die Türklinge herunterzudrücken …
‘ne Klinge kllingt zwar auch recht schön, aber Du meinst die härtere „Klinke“, die dafür i. d. R. weniger Schärfe zeigt

Da jeder eine andere Wagner-Komposition imitier[t]e, entwickelte sich ein akustisches Potpourri, das in seiner klanglichen Bedrohlichkeit einem Hornissenschwarm glich.
Sie versuchten vergeblich, der Lage wie bei einer eskalierten Demonstration mittels Schlagstöcke[n], Wasserwerfer[n] und Tränengas Herr zu werden.
„Stöck“ verrät Pluralbildung, konsequent Einzahl „Schlagstock, Wasserwerfer und ...

..., da man in Berlin die Umstände vollkommen falsch einschätzte und sträflich unterschätzte.
Eleganter – und von der Eleganz und Geschmeidigkeit lebt Satire, wenn sie zubeißen will, "falsch ein- und sträflich unterschätzte“

In einem großen Labor im Untergeschoss des Hauptgebäudes sprach er mit Prof. Dr. Wojciech Wawrzyniak, Epidemiologie und führender Kopf der Forschungsgruppe.
Epidemiologe

Hier ist Dir was aus dem Ruder gelaufen
Gerüchten zufolge sollen Heino und Frei.Wild ähnliche Symptome ausgelöst haben.
Seine Stimme erstickte in einem blutgetränkten Gurgeln[,] als die Leibwächter begannen, sich an ihm zu laben.
Hier schnappt die Fälle-Falle zu
Erst als der Auslandsgeheimdienst die Meldungen bestätigte und sich allmählich das Ausmaß der Angriffe abzeichnete, wurde man sich auch in Berlin dem Ernst der Lage bewusst.
Genitiv, „des Ernstes der Lage ...“

Als sich der Kanzler wieder aufrappelte und mit leerem Blick träge aus dem Opernhaus irrte, folgte das deutsche Volk ihm ergeben.

Du schreibst
Ich freue mich auf einen konstruktiven Austausch und hoffe natürlich, mit meinem ersten Beitrag nicht allzu viele Gepflogenheiten auf einmal missachtet zu haben.
Ich finde Dein Debüt gelungen ...

Schönen Restsonntag und bis bald, sagt der

Friedel
 
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Hallo Friedel,

vielen Dank für deine zitatreiche Antwort. Köhlers „provozierende Studie“ wird als Buchempfehlung notiert.

Ich hätte lediglich eine Nachfrage: Könntest du konkretisieren, inwiefern die beiden Textstellen („Heino und Frei.Wild“ sowie das „blutgetränkte Gurgeln“) aus dem Ruder gelaufen sind?

Ich wünsche im Gegenzug ebenfalls einen schönen Restsonntag!
Basarow
 
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Super!

Nur drei Teelöffel Kritik: Leibwächter als "Gorillas" zu bezeichnen ist nicht mehr zeitgemäß; ich würde z.B. den Begriff "Hünen" wählen. Ein Rechtschreibfehler ("Türklinge" statt Türklinke") fiel mir noch auf sowie der Halbsatz "Schließlich wandelten sich die ekstatischen Tänzer zu stahlhelmtragende Wehrmachtssoldaten,": Dort müsste es "zu stahlhelmtragenden" heißen oder aber "in stahlhelmtragende". Besser wäre es in beiden Fällen das "wandelten" in ein "verwandelten" umzuwandeln.
 
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zu diesen beiden Stellen
Seine Stimme erstickte in einem blutgetränkten Gurgeln, als die Leibwächter begannen, sich an ihm zu laben.
und
„Nein. Diesbezüglich tappen wir vollkommen im Dunkeln. Schließlich haben die Menschen auch schon früher Wagner gehört. Gerüchten zufolge sollen Heino und Frei.Wild ähnliche Symptome ausgelöst haben.“
hab ch Stellung bezogen,

lieber Basarow,

zu der Du anfragtest
Ich hätte lediglich eine Nachfrage: Könntest du konkretisieren, inwiefern die beiden Textstellen („Heino und Frei.Wild“ sowie das „blutgetränkte Gurgeln“) aus dem Ruder gelaufen sind?
Zunächst muss ich gestehen, dass ich „Frei.Wild“ bisher in der Schreibweise nicht kannte (natürlich als Wort in konventioneller Schreibweise als zum Abschuss freigegebenes Wild – was mich wieder auf die Hubertusbruderschaft der vermeintlichen Naturpfleger scheel herabblicken lässt, der olle Strauss war bestimmt kein Naturschützer oder -pfleger, aber Trophäensammler) und siehe, nun weiß ich um das Rockkapellchen, da wird sich der alte Santwirt Andreas Hofer aber im Grab rumdrehen und Faschisten und ihre Handlanger Lega Nord usw. werden sich freuen. Ungefähr das also, was ich immerhin ahnte, aber auch nur, weil Heino mit Rammstein ... aber beide nicht mein Fall. Wer so was braucht, möge seelich werden.

Heino hingegen kannte ich vorher schon, seit gefühlten Jahrhunderten aus Verwandt- und Bekanntschaften, wobei sein Geschäftsmodell eher nicht auf Blut und Boden abzielt, aber oder doch eher auf Männlichkeit („schon diese Stimme!“, hör ich reifere Frauen in meinem begnadeten tauben Ohr schwärmen) und sichere Einkünfte.

Aber wer will schon nach dem Zähneputzen blutrote Zähne zeigen?
Und ein sonderlich leckerer Ersatz für Rotwein ist es auch nicht ...

Na, Literatur lebt von der Übertreibung. Und im Nibelungenlied (jetzt frag mich nicht nach den Versen) trinken die überlebenden Burgunden in Etzels Burg das Blut der Gefallenen. Und da gibt's ein historisches Vorbild unter den Kreuzrittern unter Barbarossa auf dem Zug über den Balkan ...

So viel oder eher wenig für heute und einen schönen Sonntag (hier scheint noch die Sonne) vom

Friedel
 
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@JLloyd Danke für den Hinweis, besagten Halbsatz habe ich entsprechend korrigiert.

Da Gorilla ein Synonym für Leibwächter ist, Hüne allerdings nicht, würde ich ersteres vorziehen. Es bliebe noch Personenschützer, was mir allerdings zu förmlich war. Ich werde deine Anmerkung aber im Hinterkopf behalten und nochmal darüber nachdenken.
 

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