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Der Fette
So sehr ich auch hinüber starrte, ich konnte ihn nicht verstehen. Seit etwa einer Stunde saß ich dem Fetten nun direkt gegenüber an der Bar und beobachtete, wie er ein Bier nach dem anderen trank. Er musste beim siebten sein. Während dieser Zeit hatte er nicht ein einziges Mal seine Miene verändert, starrte ununterbrochen auf das Glas vor sich. Nur wenn er einen seiner tiefen Schlucke nahm, bewegte er sich langsam und stockend, ließ den Blick jedoch weiterhin auf denselben Punkt gerichtet. Was mich allerdings am meisten irritierte, war der Ausdruck auf seinem Gesicht. Ich konnte ihn einfach nicht zuordnen. Lag darin Neutralität? Müdigkeit? Nein, nicht ganz. Es musste irgendetwas anderes sein. Aber was? Mit einem Kugelschreiber skizzierte ich sein Gesicht auf dem Bierdeckel vor mir, im Versuch, diesen Ausdruck auf ihm zu bannen. Als der erste voll war, nahm ich den zweiten und den dritten. Irgendwann hatte sich ein kleiner Stapel vor mir aufgetürmt. Die Glatze zu zeichnen war kein Problem, auch die breite Nase nicht. Aber es blieb mir unmöglich, das Gesamtbild seines Gesichts zu erfassen.
„Willst du nicht lieber was Hübsches zeichnen?“
Die Blonde auf dem Hocker neben mir grinste mich herausfordernd an. Sie hatte sichtlich ihre Freude daran, mich aus meinen Gedanken gerissen zu haben.
„Keine große Leistung, hübscher zu sein.“
„Und trotzdem siehst du die ganze Zeit zu ihm rüber. Scheint fast so, als wärst du verliebt.“
Ich musste lächeln.
„Er erinnert mich nur an etwas.“
„Woran denn?“
„Das weiß ich leider selbst nicht und ich komme auch ums Verrecken nicht drauf.“
„Tja, sowas kenne ich. Meistens fällt es einem dann Tage später ein, wenn man gerade was völlig anderes macht. Wenn ich daraus eine Sache gelernt hab, dann die: Es bringt nichts, sich unbedingt daran erinnern zu wollen. Wenn es dir einfallen soll, dann mach lieber was Spaßiges.“
„Was denn zum Beispiel?“
„Du könntest dich mit mir unterhalten.“
So kam eines zum anderen und mein Abend endete in ihrer Wohnung. Doch auch als ich mit ihr schlief, konnte ich an nichts anderes als an die Miene des Fetten denken. Die Blonde räkelte sich unter mir, doch ich sah in ihrem Gesicht nur seinen geraden Mund und die leeren Augen.
Auch am nächsten Tag saß er am selben Platz, schüttete unzählige Biere in sich hinein. Bei meiner Ankunft hängte ich meine Jacke an den Haken neben seinem Hocker und konnte ihn so einige Momente von der Seite mustern. Er trug eine ausgeblichene Jeans und einen grauen Hoodie. Sein Bauch war riesig, passte kaum hinter die Theke. Das ganze Bier schien einfach in sein Fett hineinzufließen. Diesmal hatte ich extra einen Bleistift und einen Collegeblock mitgenommen. Ich zeichnete immer wieder und wieder das Gesicht, füllte eine Seite nach der anderen. Erfolglos. Es gelang mir einfach nicht, auf das Papier zu bringen, was mich an diesem Gesicht faszinierte. Alles Aufgezeichnete dokumentierte zwar ungefähr die Form seines Mundes, seiner Augen und seiner Nase. Auch die Stellung seiner buschigen Augenbrauen. Aber das Wichtigste fehlte. Nur was war es? Irgendwann war ich so müde, dass ich fast auf dem Hocker einschlief. Ich bezahlte meine Rechnung und ging mit dem Gefühl, gescheitert zu sein. Erst auf dem Weg nach Hause fiel mir auf, dass sich der Fette in all der Zeit nicht ein einziges Mal von seinem Platz entfernt hatte. Nicht einmal, um zur Toilette zu gehen. Wohin verschwand das ganze Bier nur, das er in sich kippte? Was für eigenartige Prozesse mussten da hinter seiner Haut ablaufen?
In dieser Nacht schlief ich unruhig. Mehrmals wurde ich wach und hörte mein Herz in der Brust hämmern. Es existierte kein anderes Geräusch in der Schwärze meines Schlafzimmers. Dann fiel ich zurück in einen Halbschlaf, sah bunte Bilder in die Dunkelheit eindringen. Leuchtendes Grün. Der Garten meiner Kindheit. Schwacher Wind, der durch die Bäume streifte. Ein Rauschen. Ich ging ins Haus und suchte nach meinem Vater, irrte durch riesige Räume, doch konnte ihn nicht finden. Nur auf dem Dachboden hatte ich noch nicht gesucht. Also stieg ich die Treppe hoch, sah meine dünnen Beine immer höher steigen. Dort oben fand ich ihn. Eine Schlinge um seinen Hals, schaukelte er sachte von links nach rechts. Es schien ihm egal zu sein, dass ich ihn sah. Er starrte nur an die Wand, auf einen Punkt irgendwo über mir. Auf seinem Gesicht lag kein Leiden, keine Verzweiflung. Seine Miene war dieselbe wie jeden Tag. Immer wenn er am Esstisch saß und ich ihm von meinem Schultag erzählte.
Am nächsten Abend setzte ich mich neben den Fetten, exte einen Schnaps und lehnte mich leicht in seine Richtung.
„Du kommst öfter hier her, oder? Hab dich schon mehrmals gesehen.“
„Hm.“
„Ist ein netter Laden. Gibt zwar schönere, aber immerhin ist der Alkohol billig.“
„Ja.“
„Weißt du, ich habe irgendwie das Gefühl, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Wie heißt du?“
„Geht dich nichts an.“
„Okay, dann keine Namen. Aber was machst du so? Nur damit ich weiß, ob wir uns schon einmal über den Weg gelaufen sind.“
„Nichts.“
Ich bestellte ein Bier. So saßen wir einige Minuten schweigend nebeneinander und tranken.
„Du kommst her, um zu sterben.“
Er zuckte zusammen, drehte sich zu mir um, sah mich an. In diesem Moment war es einfach, seine Miene zu deuten. Es war reines Entsetzen. Dann sprang er auf, warf ein paar Scheine auf die Theke und eilte zur Tür hinaus.
Die nächste Woche blieb sein Hocker leer. Ich verbrachte jeden Tag bis spät in die Nacht in der Bar, den Blick immer auf den Platz gerichtet, an dem sonst seine Augen waren. So sehr ich es auch versuchte, ich konnte mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern.
„Du scheinst deinen Freund ja ganz schön verschreckt zu haben.“
Der Barkeeper stellte ein Bier vor mich und lächelte.
„Weißt du, wo er ist?“
„Keine Ahnung. Aber da er die letzten Monate jeden Tag hier war, gehe ich davon aus, dass er entweder in einer anderen Bar ist oder tot Zuhause im Bett liegt.“
Ich schauderte.
„Wer ist er?“
„Irgendein Besoffener.“

), ist ja nur so Beiwerk und in der Tat im Grunde irrelevant. Damit finde ich auch den Titel schwach, da würde ja eher "Der Ausdruckslose" oder so passen.
... I don't know. Anyway, bin gespannt auf die Antworten, Klamm.