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Der Feuermelder

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08.04.2021
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Der Feuermelder

Verdammt noch mal. Noch lauter ging’s wohl nicht. Wie aus einem schrecklichen Traum erwacht, war Scotts Körper zusammengefahren. Wer hatte sich diesen Quatsch mit den Feuermeldern überhaupt ausgedacht? Bevor es in der White Long Street brennen würde, wäre er an einem Herzinfarkt gestorben. Um den Quälgeist das fünfte Mal diesen Monat von der Decke zu entfernen, schnappte er sich eine dreistufige Metallleiter. Die Decken waren so hoch, dass er das Ding selbst mit ausgestreckten Armen nur gerade so zu fassen bekam.
„Nicht mit mir“, wisperte er die Decke empor, gefolgt von einem angestrengten Schnaufen, was in dem widerlichen Piepen unterging. Hast du solche Feuermelder, brauchst du keine Feinde mehr.
Als die erlösende Stille eintrat, hangelte Scott sich die Leiter hinab wie ein in die Jahre gekommener Freeclimber am Big Ben. Auf irgendetwas war er am Boden getreten. Irgendetwas glasiges, spitzes.
Er schrie auf, stolperte über den anderen Fuß, an dem noch halbherzig eine Socke hing, und klatschte gegen die Kante eines Tisches. Er rollte sich kurz auf die Seite, hielt seinen blutenden Zeh.
„Larry Tech, ich komme“, brüllte er.

Am nächsten Tag nach der Uni befand Scott sich auf dem Weg zu Larry Tech, dem Elektrofachmarkt seines Vertrauens. Zumindest war es das, bis er den Feuermelder dort gekauft hatte.
Kurz zuvor hatte er noch seiner neuen Chatbekanntschaft, Stephanie, oder Steph, wie er sie schon liebevoll nannte, geschrieben. Dabei hatte er ihr von seiner Horrornacht erzählt und sich dabei vorgestellt, wie sie wieder ihr süßes Kichern auflegte. Dieser Gedanke allein konnte das anstehende Zerwürfnis mit Larry Tech übertünchen wie ein roter Farbklecks.

16:09 Uhr. Herzlich willkommen prangte in einem Neonblau auf dem LED-Monitor über dem Haupteingang. Bis auf zwei Kids, die sich an den Spielkonsolen versuchten, und einer orientierungslos wirkenden Frau, war nicht viel los.
Hinter der Kasse stand ein junger Kerl. Etwa in Scotts Alter, vielleicht ein, zwei Jahre älter. Er hatte dunkles Haar mit blonden Strähnchen und eine Tätowierung auf dem Unterarm. Unter den Augen sah er ziemlich wasted aus, wie man auf der Uni so sagte. Mit anderen Worten: Er sah aus als hätte er zwei Wochen durchgemacht und anschließend als Blechdose an einem Hochzeitswagen herhalten müssen.
Scott zweifelte an dessen Aufmerksamkeit – und das nicht nur aufgrund seines äußeren Zustandes. Der Typ schaute ununterbrochen auf den Computermonitor.
„Ähm-hi“, startete Scott vorsichtig.
Der junge Mitarbeiter bediente zwar die Maus, würdigte Scott jedoch keines Blickes.
Vielleicht so seine Art, dachte Scott und kramte den defekten Feuermelder hervor. Er schob das Ding auf die Ablagefläche vor sich. „Das Teil macht mich wahnsinnig.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf das weiße panzerminenförmige Gerät.
Der Kerl hinter der Kasse wagte einen kurzen Blick zu Scott. Ihm stand der Tod in die Augen geschrieben. „Geh mal lieber schlafen“, hätte Scott am liebsten zu ihm gesagt. Die dunkle Gestalt musterte Scotts Arme und den Hals. So als suche er nach Verbrennungen oder so. Danach wandte er sich seinem Monitor zu, hämmerte etwas in die Tastatur und sprach mit leiser, rauchiger Stimme: „Heißer Lebensstil, was?“
„Sorry?“ Scott spitzte seine Ohren, doch der Grufti wiederholte nicht.
Die Tastaturgeräusche klingelten in Scotts Ohren. An seinem Rücken, auf Höhe des Lendenwirbels, hatte sich Schweiß gebildet. Elektronikmärkte waren bekanntermaßen immer warm von all der aufgeheizten Technik. Solange man eine funktionierende Klimaanlage sein Eigen nennt auch nicht weiter problematisch. Doch als Larry Tech zuletzt in seine Räumlichkeiten investiert hatte, waren die europäischen Handelspartner drüben auf dem Festland noch nicht auf eine eigene Währung umgestiegen.
Jetzt galt es, der Abwicklung einen Schubser in die richtige Richtung zu geben, um hier schnell wieder rauszukommen.
Da der merkwürdige Mitarbeiter weiter keine Fragen stellte und auch sonst keinen Mucks von sich gab, begann Scott damit, seine Probleme mit dem Gerät zu schildern. „Also mindestens einmal die Woche ...“
„Piept das Mistding ohne Grund“, fuhr ihm der Grufti über den Mund, schaute dabei weiter auf seinen Monitor.
„Ganz genau“, sagte Scott erstaunt.
Einen Moment lang blieb es wieder still zwischen den beiden. Im Hintergrund lief ein Mann in grauem Anzug herum. Haare so dunkel wie Ölschlick. Der Inhaber von Larry Tech, auch wenn er nicht so hieß. In einem Zeitungsartikel nannte man ihn Jonathan Pearlman. Für Scott klang der Name etwas zu künstlerisch, was für ihn den Anschein erweckte, dass der Mann sich für mehr hielt als er tatsächlich war.
Jetzt griff der Mitarbeiter nach dem Gerät, drehte es auf den Rücken und beäugte es angestrengt.
Die dunkel umrandeten Augen des Kassierers wanderten von dem Feuermelder zurück auf den Monitor. Abermals vergewaltigte er die Tastatur. Scott hatte das Gefühl, der Geräuschpegel stiege immer weiter an. Dass der Kerl sauer war, hier zu stehen und nicht in seinem Bett zu liegen, konnte er nur allzu gut nachvollziehen. An den Wochenenden und manchen Abenden ging es ihm nicht anders. Doch seinen Lebensunterhalt muss man ja irgendwie verdienen. Ob der Kerl auch studierte? Oder war das hier für ihn die Endstation? Scott hoffte, dass es für ihn einmal anders wurde. Er öffnete seine Jacke und seufzte auf, was der Tätowierte mit einem mürrischen Blick wahrnahm. Solch einem, als schaue er über eine Brille auf seiner Nasenspitze. Jetzt tippte er mit nur noch einer Hand auf der vergilbten Tastatur herum und drehte den Feuermelder wie eine Münze auf dessen Kante umher. Es folgte ein kräftiger Druck auf die Entertaste als hätte er eine Bombe gezündet. Danach schaute er Scott an und meinte: „Jo, tauschen wir um. Ich erkenne anhand der Seriennummer, dass dieses Gerät zu der fehlerhaften Charge des Herstellers gehört.“
„Oh, ok“, entgegnete Scott mit lebloser Stimme, die eigentlich hätte erleichtert klingen müssen. Denn es war nicht seine Schuld. Nur ein Fehler in der Herstellung. Wunderbar!
Doch dann kehrte die Stille zurück. Aus einem entfernten Gang, wo wohl die Fernseher standen, hörte man einen anderen Mitarbeiter, wie er versuchte, der orientierungslosen Frau das neuste Samsung-Modell unterzujubeln. Scott hörte mit einem Ohr zu, während sein anderes auf irgendeine Rückmeldung des dämmrigen Typen wartete.
So langsam hatte er die Spielchen seines Gegenübers satt. Er focht mit dem Gedanken, den unmotivierten Burschen bei Pearlman zu verpfeifen. Nach einer kurzen Überlegung erinnerte er sich, wie er neulich beim Kellnern von einem Gast bei seinem Chef angeschwärzt wurde, weil dem Scharlatan die Cola nicht kalt genug gewesen war. Mal ehrlich, wer säuft dieses Zuckerwasser überhaupt noch? Jedenfalls hatte es Scott den Tag versaut, und er stellte die Frage mit dem Kunden und dem König einmal mehr in Frage.
Scott räusperte sich. Grufti schob ihm einen Zettel und Stift zu.
„Ähm ... und jetzt?“, fragte Scott.
Der komische Typ sprach zwar nicht viel, doch nun hörte er sich an, als hätte er die Sprache verlernt. „Telefonnummer“, sagte er regungslos wie beim Ablesen eines Einkaufszettels.
„Und dann?“, fragte Scott mit der tiefsten Stimme, die ihm gegeneben war. Wenigstens das konnte man ihm zugestehen, wenn er sich schon nicht bei dem Vorgesetzten beschweren würde.
„Dann rufen wir Sie an, sobald ein neuer eingetroffen ist.“
„Ok“, sagte Scott und fragte sich abermals, welche Lausfamilie dem Kameraden über die Leber gelaufen war. Er notierte seine Telefonnummer und schob sie wie einen Bierdeckel zurück. „Na schön. Bis dann.“
Wieder kein Wort von dem düsteren Sportsfreund.

Doch das war egal. Jetzt war es Zeit für die angenehmen Dinge. Er war mit Steph zu einem Skype-Telefonat verabredet. In rosiger Vorfreude fragte er sich bereits, welche Frisur sie heute tragen würde. Er liebte die roten, hochgesteckten Haare an ihr. Dadurch kamen ihre grünen Augen so gut zur Geltung, wie er fand.
Volltreffer! Sie trug eine Hochsteckfrisur, sodass er kurz darüber grübelte, ob er ihr das irgendwann mal gestanden hatte. Die Zeit zum Nachdenken hatte er, da die Verbindung zwei Mal innerhalb einer Minute abgebrochen war. Ätzend.
Dann klingelte sein Telefon. Mutti war dran. Sie pflegten ein gutes Verhältnis zueinander. Sie lebte weiterhin in London, ließ es sich aber nicht nehmen, sich wöchentlich nach dem Wohlbefinden ihres Sohnes zu erkundigen. Gerade jetzt, wo alles so neu und spannend war. Erste Wohnung, neues Studium. Sie konnte es alles so gut nachvollziehen. Sie war denselben Weg gegangen. Nur nicht in Liverpool.
Im Hintergrund baute Skype eine neue Verbindung auf und Scott nahm auf der Fensterbank Platz.
„Na, mein Lieber.“ Die Mutter klang hocherfreut.
„Hallo Mom.“ Nebenbei tippte er eine kurze Nachricht für Steph ein. Mit einem genervten Emoji am Ende des Satzes, informierte er sie über den Anruf seiner Mutter, und dass er sich danach wieder melden würde.
„Wie geht‘s meinem Lieblingssohn?“
„Du hast nur einen, Mom.“
Sie lachte laut auf.
„Aber ganz gut soweit. Nur dass mir der Feuermelder den letzten Nerv raubt.“
Inzwischen war Steph auf dem Bildschirm des Laptops aufgetaucht. Sie runzelte die Stirn. Das war sogar trotz der wackligen Verbindung zu sehen. Aus welchem Grund auch immer, aber das Programm war noch geöffnet.
„Immer noch?“, fragte die Mutter und ließ etwas Geschirr nebenbei klimpern.
„Ich sag‘s dir. Zum Mäusemelken. Aber ich kümmer mich da gerade drum. So einer Nervensäge muss man ja mal zeigen, wo es langgeht.“
Steph schüttelte traurig den Kopf und beendete den Videochat.
Derweil erkundigte sich die Mutter, ob Scott auch vernünftig esse und das Badezimmer sauber hielt. Sie hatte eine Phobie gegen Staubschichten auf Klobrillen. Es wäre ein Desaster, wenn sie sich nicht bei ihm lösen könnte, sollte sie mal zu Besuch kommen.
„Ach Mutti“, sagte Scott mit seiner diplomatischsten Stimme und kontrollierte dabei mit seiner freien Hand das E-Mail-Postfach. Neben dem Gebrabbel seiner Mutter fiel es ihm gerade schwer nachzuvollziehen, was in der virtuellen Welt geschehen war.
Seine Mutter erzählte von dem neuesten Streit mit den Nachbarn und wie sie aus Wut darüber einen Besenstiel in zwei Teile gebrochen hatte.
„Mom ... Mom ...?“ Es war nicht einfach der Frau in die Parade zu fahren. Er hatte das Gefühl, dass sie mit zunehmendem Alter immer engstirniger wurde was das anbelangte. Doch im dritten Versuch klappte es. „Würde es dir was ausmachen, wenn wir später noch einmal telefonieren? Ich habe noch etwas zu tun.“
„Nein“, entgegnete sie und schickte ihm einen Schmatzer durch den Hörer zu. „Bis später, mein Schatz.“
Jetzt kratzte er sich am Kopf. Er war verblüfft, dass Skype geöffnet war.
Es hatte nicht lange gedauert, da vibrierte Scotts Handy erneut. Dieses Mal handelte es sich um eine SMS.


Jetzt weiß ich wie du von mir denkst. Habe dich echt für einen feinen Kerl gehalten,
aber der Feuermelder lässt dich jetzt in Ruhe.
Schönes Leben noch.
Absender: Steph.


„Was?“, raunte Scott sein Handy an. Ihm drehte sich der Magen um. So hatte er sich letzten Sommer gefühlt, als er vor der Hofeinfahrt seiner Eltern in den Rinnstein gekotzt hatte. Sofort wählte er Stephs Nummer, doch sie hatte ihn blockiert. Kein Durchkommen. Im Skype-Programm dasselbe. Sie hatte die Schotten dicht gemacht, sich komplett von ihm isoliert.
Er schaute den kleinen Kaktus in seiner Fensterbank an, als hätte der Lütte eine Antwort parat. Im nächsten Augenblick zuckte seine Hand, um der Eventualität Platz zu machen, in der er sich das Gewächs in die Schläfe rammte. Was war hier passiert?

Eine ganze Woche verging. Scott hatte nichts von seiner Angebeteten gehört. Umso mehr von Mutti und ihren alltäglichen Problemen mit den Nachbarn, der ungehobelten Kassiererin im Supermarkt und dem Meister in der Autowerkstatt, der ihr auf den Arsch geierte.
Auf dem Schreibtisch neben seinem Bett thronte ein Stapel ausgedruckter Wasseranalysen, die er sich für die nächste Hausarbeit aus dem Netz gezogen hatte. Zum täglich Brot gehörten auch die Versuche, Steph zu erreichen. Doch an jener Problematik hatte sich nichts geändert. Noch immer war er in allen möglichen Kommunikationsportalen von ihr geblockt worden.
Weiterhin rätselte er, worauf sie sich mit dem Feuermelder in ihrer SMS bezogen hatte. Entgegen seiner Erwartung schlich sich ein anderer Gedanke zurück in seinen Kopf. Larry Tech. Der Grufti, oder wer auch immer das übernahm, hatte noch nichts von sich hören lassen. Und an die frische Luft musste er auch. Außer dem lumpigen Lebensmitteldiscounter am Ende der Straße hatte er diese Woche noch nichts anderes gesehen.

Bei Larry Tech herrschten wie immer tropische Temperaturen. Die Kasse war leer. Das hatte Scott vom Eingang aus gesehen. Wie beim Besuch zuvor wuselte der eine Hämpfling in der Fernsehabteilung herum und versuchte, eines seiner revolutionären Angebote unter die Leute zu bringen.
Drüben an der Kasse tauchte Pearlman auf. Der Chef, der Künslter.
„Hallo, Sir.“ Scott quälte ein Lächeln in sein Gesicht. Neben der Sorge um Steph machte ihm der ramponierte Zeh noch zu schaffen.
Der Mann lächelte zurück. Angetan von der höflichen Anrede ließ er seine weit auseinanderstehenden Zähne aufblitzen. „Guten Tag, der Herr. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“
Dieses Mal schwitzte Scott noch nicht. Bis jetzt fühlte er sich deutlich wohler als das letzte Mal, was garantiert an dem aufgeschlosseneren Mann lag. „Ich habe vor etwas mehr als einer Woche einen defekten Feuermelder hergebracht und sollte einen neuen bekommen. Ich wurde zwar noch nicht angerufen, war aber gerade in der Nähe.“
„Einen Feuermelder?“, vergewisserte sich Pearlman und ließ es klingen, als hätte ihn Scott um eine Niere gebeten.
„Ja“, nickte Scott unbeeindruckt.
Pearlman erfragte Scotts Namen und unter wirkungsvollem Einsatz seiner gigantischen Pranken tippte er etwas in seinen Computer ein. Seine Fingernägel glichen denen eines Vollzeitgärtners, so dreckig wie sie waren. „Einen Feuermelder?“, hakte er nach und Scott fragte sich, ob er in einer Gameshow gelandet war.
Scott bejahte abermals.
Nun schmiss Pearlman nach einem Blick in die Ferne wieder das altbewährte Zwei Finger-Adlersuchsystem an. „Hmpf“, grummelte er und knackte mit seinen Fingern, zog einen aus seiner Kapsel heraus und wieder rein. „Werter Herr, wir verkaufen schon seit längerem keine Feuermelder mehr.“
„Wie bitte?“
„Ich bin ganz ehrlich zu Ihnen. Das Geschäft mit den Dingern hat sich nicht mehr gelohnt.“
„Kann ich verstehen nach der fehlerhaften Charge.“
„Fehlerhafte Charge?“
„Ja, erzählte mir Ihr Mitarbeiter. Der mit den Augenringen, dunkel wie Friedhofserde.“
„Verzeihung. Wer?“
„Na, der mit dem Tattoo auf dem Unterarm.“ Scott deutete auf seine eigene Gliedmaße, die in einer blauen Regenjacke verpackt war.
„Ich weiß nicht, wen Sie meinen“, sagte der Mann, während sein Lächeln schwand.
„Und wer hat mich dann hier letztes Mal bedient?“
„Die Frage sollte wohl sein“, führte der Mann mit einer gebieterischen Stimme aus, „in welchem Geschäft Sie wirklich waren? Ich kann mich nur wiederholen. Wir verkaufen keine Feuermelder.“
Es ist soweit, dachte Scott. Ich werde verrückt. Seine Einschätzung passte zu den schrägen Dokus über Wesensveränderungen, die er nachts im Pay-Tv gesehen hatte. Er konnte sich nicht helfen, aber er fand es wahnsinnig interessant. Doch jetzt – es läge ja durchaus im Bereich des Möglichen – könnte er an der Reihe sein. Selbst Steph hatte ein paar Episoden von Mysteriums Tanz gesehen und schloss danach gar nichts mehr aus. Und wenn Steph etwas sagte, hatte es immer Hand und Fuß. Tatsächlich war dies eines ihrer ersten Gesprächsthemen in dem Chat mit der kunterbunten Benutzeroberfläche gewesen.
Aus einem weiteren Gang jaulte eine Mutter und winkte Pearlman zu. Ihrem Kind hatte die Blase den Dienst versagt.
„Oh, ich muss da hin“, sagte er zu Scott und gab der Frau ein um Geduld bittendes Handzeichen. In seiner Vorwärtsbewegung meinte er, Scott solle doch noch mal genau darüber nachdenken, wo er zuletzt gewesen war und ließ ihn stehen.
Scott schaute dem Mann wie vom Regen überrascht hinterher. Als er den Laden verließ, schaute er die Straße hinauf, auf der Suche nach einem weiteren Elektrogeschäft, obwohl er wusste, dass das Blödsinn war. Er biss sich auf seine Unterlippe und schüttelte leicht den Kopf. Was ging hier vor sich?

Scott schlenderte durch eine Shopping Mall. Er hatte in dem riesigen Komplex kein echtes Ziel gehabt. Zudem war er kaum ansprechbar. Im Eingangsbereich wurden Rubbellose verteilt. Die überaus großzügig geschminkte Frau schien einen Blick für arme Studenten zu haben. Nahezu alle Personen, nach denen sie ihren Angelhaken warf, sahen aus wie Scott. Wie der typische Student mit Brille und Ringelsocken eben. Naive und mittellose Menschen, die auf den großen Wurf an einem gewöhnlichen Nachmittag hofften.
Bei den anderen hatte sie vielleicht eine Chance. Scott hingegen war taub. Versunken im Tunnelblick.
Als er an dem gut besuchten Starbucks vorbeikam, traute er seinen Augen kaum. Dort stand Steph. Bei einem Blick zu ihrer Begleitung atmete er erleichtert auf. Es war eine Frau. Vermutlich eine Freundin. Kein Kerl. Es dauerte nicht lange – offenbar hatte Steph nur die Umwelt inspiziert – da hatte sie sich in seine Richtung gedreht.
Er sah von dort aus, wie ihr die Gesichtszüge entglitten waren. Darum ließ er es sich nicht nehmen, ihr aufgeregt zuzuwinken. Mit einem gequälten Lächeln winkte sie zurück. Sie neigte den Kopf zu ihrer Begleitung, sagte irgendwas, und machte sich auf den Weg hinüber zu Scott.
Ihm wurde warm und gleichzeitig kalt, völliger Terror zwischen den Poren. Seine Hoden hatten sich zu der Größe von Apfelkernen zusammengezogen. Er versenkte seine Hände in den Hosentaschen, wobei er die Schultern etwas angehoben ließ. „Hi“, sagte er und fiel anschließend mit der Tür ins Haus. „Schlag mich, trete mich, bring mich um. Aber sage mir bitte, was ich ... Moment. Ne, sag mir erst, was ich falsch gemacht habe und bring mich dann um. Das macht mehr Sinn. Ach zum Teufel. Können wir reden?“
Steph gab sich Mühe, ein Schmunzeln zu verbergen, indem sie zu ihren Füßen starrte. Als sie wieder aufschaute, waren ihre hellen Wangen gerötet. „Das ist wirklich ... also ... weißt du was? Ich rede kurz mit meiner Freundin, teile ihr mit, wie und wo ich dich umbringe, und ja ... Hast du einen Moment?“
„Sicher, klar.“ Für seine letzten Atemzüge nahm man sich doch gerne etwas Zeit. So was in der Richtung wollte der nervöse Scott noch hinterherrufen, verweigerte sich jedoch langsam der Idee, das Thema Tod zum Zünglein an der Waage werden zu lassen. Der Tag war schon kurios genug.
Er wartete. Trat von einem Fuß auf den anderen. Währenddessen kehrte der Gedanke an die Frage des Mannes von Larry Tech zurück. Wer weiß wo Sie zuletzt waren? Er kämpfte dagegen an, auch nur im Entferntesten daran zu glauben, dass er verrückt geworden sei. Er schüttelte das Bild von sich selbst in einer dieser weißen Zwangsjacken davon. Und er fand, dass er sich ganz gut darin machte. Zumindest verfestigte sich jetzt seine Meinung, dass er bei dem Gewächshaus in der Elvon Street richtig gewesen war. Das sah vor einer guten Stunde noch ganz anders aus. Stephanies schöne grüne Augen gaben ihm den nötigen Auftrieb, den er brauchte.
Mann, schaute ihre Freundin ihn abschätzig an. Sie debattierten wild gestikulierend. Irgendwas mit dem Namen Scott Hillburg, derzeitige Wohnhaft in der White Long Street. Inzwischen war ein Bild in seinem Kopf entstanden, wie die beiden Mädels im Schneidersitz auf einer Couch saßen und über das männliche Geschlecht herzogen. So musste es gewesen sein.
Von der kritischen Jury entlassen, kehrte Steph mit einem Kaffee in der Hand zu ihm zurück.
Beide schauten sich nach einem freien Tisch im Starbucks um. Scott tunkte seinen Ärmel direkt in eine Colapfütze ein. Das Personal schien etwas überfordert zu sein und war kaum dazu gekommen, alle Tische sauber zu halten. Auf den zweiten Blick sah der Tisch wie ein Bauernhof nach einem Hurricane aus. „Herrje“, murmelte er kurz, machte sich aber keine weiteren Gedanken darüber.
Steph wischte derweil mit einem Taschentuch über den Tisch. Brotkrümel und Zeitungsschnipsel flogen davon.
„Also“, begann Scott. „Was ist denn passiert? Was hab’ ich getan, dass du mich blockiert hast?“
„Sagen wir mal so, dass ich deinen Sinn für Humor an dem Tag nicht ganz so geteilt habe.“
„Wir hatten an dem Tag noch gar nicht miteinander gesprochen.“
„Das mussten wir auch nicht. Du hast deiner Mutter ja alles bereits gesagt.“
„Was hat die denn damit zu tun?“
Steph nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Der Feuermelder raubt mir den letzten Nerv“, sagte sie mit einem bedeutungsschwangeren Blick.
Jetzt fühlte Scott sich von einem Gerät, das nicht größer als eine Scheibe Toastbrot war, verfolgt. Schon wieder dieser Feuermelder. „Ja, das tat er auch. Aber was hast du damit zu tun?“
Sie hielt kurz inne. „Weißt du wie oft ich als Feuermelder gehänselt wurde wegen meinen roten Haaren? Das ging sogar so weit, dass selbst meine Mutter zu diesem probaten Mittel griff, bevor sie mich zu Hause rausgeworfen hat. Elendige Säuferin.“
„Ach du Scheiße“, entfuhr es Scott und er presste anschließend die Hand auf den Mund. Die anderen Gäste drehten sich zu den beiden um.
Er senkte seine Stimme und beugte sich leicht nach vorn, haarscharf an der Colapfütze vorbei. „Ich hatte ja keine Ahnung. Das tut mir so ...“
„Schon gut“, unterbrach sie und griff sein Handgelenk, um seinen Arm liebevoll anzuheben und die Colapfütze mit einem weiteren Taschentuch zu entfernen. „Das konntest du ja gar nicht wissen. Ich hab’ da vollkommen überreagiert.“
„Also hat der Chat zwischenzeitlich doch funktioniert?“
„Jep. Ganz schön hinterlistig, oder?“ Sie grinste.
„Meine Güte“, seufzte er und fasste sich an die kühle Stirn. „Ist das bescheuert.“
„Die gute Nachricht ist doch, dass ich mich beruhigt habe. Die schlechte hingegen, dass mein Handy zur Reparatur ist. Bekomme es wohl Anfang nächster Woche zurück.“
„Ich hätte es dir schneller gemacht. Also die Reparatur.“
„Wie kommt’s, dass ich dir das sogar glaube?“
„Jetzt bleib ich also weiterhin blockiert.“
„Vorübergehend. Hey, deine Brille beschlägt ja“, stellte sie fest. „Das sieht lustig aus.“
Da war es wieder, ihr süßes Kichern. Und Scott dankte dem Himmel dafür, dass er die Mall aufgesucht hatte.
„Deine Freundin hasst mich, oder?“, gab Scott zu bedenken.
„Ach“, johlte Steph mit einer lockeren Handbewegung. „Penny ist etwas genervt. Die hatten heute in der Kanzlei die Verteidigung für einen Vergewaltiger zu erstellen. Darüber hatte sie sich kurz zuvor ausgelassen, obwohl sie darüber ja gar nicht sprechen darf.“
„Und da dachtest du, erzählste es einfach mir.“
Sie schnalzte locker mit der Zunge und trank ihren Kaffee weiter.
„Ja, was denn? Was ist, wenn ich Penny jetzt bei ... irgendwem anscheiße?“
„Ich glaube, du hast genügend andere Sachen zu tun“, entgegnete sie.
„Übrigens“, merkte sie an. „Wovon du da sprichst, ist ein Rauchmelder. Kein Feuermelder.“
„Wo ist der Unterschied?“
„Rauchmelder hängen an Decken. Feuermelder an Wänden.“
„Und das ist die Regel?“
„Ähnlich wie die Gezeiten. Würde ja kaum Sinn machen, den notwendigen Knopf an einer Decke anzubringen, wo niemand im Brandfall eines Gebäudes herankommen kann.“
„Und wir nennen uns Studenten. Die kommende Elite.“ Letzteres setzte er mit einem Augenrollen in Anführungszeichen.
„So schlecht geht’s uns auch nicht. Immerhin sitzen wir in einem Starbucks und trinken Kaffee.“
Du trinkst Kaffee.“
„Willst du auch einen?“
„Ne, mag die Brühe nicht. Meine Güte, das hätte der Typ bei Larry Tech ja auch sagen können.“
„Was?“ Sie verzog ungewollt das Gesicht, da der Kaffee immer noch etwas heiß war.
„Na, das mit dem Rauch- und Feuermelder.“
„Bringst du mich zu Penny? Die wartet draußen.“
„Wenn ich ihren Krallen nicht zum Opfer falle.“
„Spinner. Komm.“

Der Weg führte an an mehreren Boutiquen, Fressbuden und Spielzeugläden vorbei. Kurz vor dem Ausgang hingen zwei Flatscreens an den Wänden und präsentierten die neuesten Nachrichten des Tages.
„Stopp“, sagte Scott erschrocken und hielt vor einem der Bildschirme an. Dieser zeigte Aufnahmen, in denen Jonathan Pearlman von Polizeikräften abgeführt wurde. Die Schlagzeile darunter lautete: Elektrofachhändler betreibt illegales Geschäft mit Betäubungsmitteln. Den Ermittlungsergebnissen zufolge wurde die Ware in gestohlenen Rauchmeldern verschickt.
„Donnerwetter“, sagte Scott. „Also doch Rauchmelder.“

 
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09.12.2019
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Hallo @Pepe86 ,

willkommen hier im Forum!

Ich habe leider nach dem zweiten Absatz - dort waren es schon etwas mehr als 1200 Wörter - aufgehört zu lesen. Bis dahin habe ich inhaltlich nichts gefunden, was mich interessiert. Ein Feuermelder piept, obwohl er es nicht sollte. Der Protagonist geht mit dem Teil in einen Baumarkt, spricht mit dem Verkäufer ... viel mehr ist es bis hierhin nicht.

Und ich habe auch keinen Grund zu der Annahme, dass es noch interessanter wird. Du gibst keinen Ausblick auf eine noch kommende, unterhaltsame Handlung.

Vielleicht hat die Geschichte eine Chance, wenn du sie - deutlich - kürzt. Und immer wieder etwas findest, was den Leser neugierig macht, wie es weitergehen könnte. So wie bisher finde ich sie leider ziemlich langweilig.

Und noch ein allgemeiner Tipp: Prüfe mal, welche Informationen für die Handlung notwendig sind. Zum Beispiel in diesem Satz:

"Er schnappte sich eine dreistufige Metallleiter, die er sich vor drei Monaten bei einem Freund zum Umzug in seine erste eigene Wohnung geliehen hatte."

Ist es hierbei wichtig, dass er sich die Leiter vor drei Monaten geliehen hat? Und bei wem, zu welchem Anlass ... ? Nein, für die Handlung ist es nicht wichtig, daher würde ich solche unnötigen Informationen auch entfernen. Sie überladen den Text und lassen den Leser über Sachen nachdenken, die keine Relevanz haben.

Soweit meine Eindrücke, viele Grüße und noch viel Spaß hier,
Rob

 
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08.04.2021
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Ok, danke. Werde es mir zu Herzen nehmen. Ein schönes Wochenende. Gruß

 

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