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Der Freispruch hilft nicht dem Gewissen

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12.01.2026
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Der Freispruch hilft nicht dem Gewissen

Annika wusste nicht, was sie geweckt hatte. Es war dunkel, die Wohnung still. Allzu lange geschlafen hatte sie noch nicht, der Wecker zeigte kurz nach Mitternacht.
„Alles gut!“, versuchte sie sich zu beruhigen. Wahrscheinlich irgendein Geräusch von draußen: eine Fehlzündung, eine zugeknallte Autotür, eine Katze, die reinwollte, damit sie wieder rauswollen konnte.
Trotzdem pochte Annikas Herz wie wild. Atemlos lauschte sie in die Dunkelheit. Doch was auch immer sie geweckt hatte, wiederholte sich nicht. „Du bist überreizt!“, rief sie sich nach ein paar Sekunden zur Ordnung. „Kein Wunder, nach so einem Tag.“
Hinter ihr lag eine Gerichtsverhandlung, die Anklage hatte auf fahrlässige Tötung gelautet. Drei Monate zuvor war ihr eine alte Frau vors Auto gelaufen, es war der schlimmste Tag in ihrem Leben gewesen, und die Verhandlung hatte alles wieder hochgeholt. Sicher nicht nur für sie, auch für die Angehörigen.
Sie war auf dem Rückweg vom Fitnessstudio gewesen, ausnahmsweise mit dem Auto, weil sie auf dem Rückweg noch beim Getränkemarkt hatte vorbeifahren wollen. Die alte Frau war unvermittelt zwischen zwei geparkten Autos auf die Fahrbahn getreten. Annika war nicht zu schnell gewesen und auch nicht müde oder abgelenkt. Trotzdem hatte sie nicht mehr rechtzeitig bremsen können, die Frau war gegen den Kühler geprallt und meterweit geschleudert worden.
Zeugen und Gutachten hatten Annika entlastet, das hatte nach der Beweisaufnahme auch der Staatsanwalt anerkennen müssen. Die Frau hatte nicht ausreichend nach rechts und links geschaut, vermutlich hatte sie den Bus erreichen wollen, der sich auf der anderen Straßenseite ein Stück weiter der Haltestelle genähert hatte. Annika war nichts vorzuwerfen, der Staatsanwalt hatte sich der Forderung der Verteidigung angeschlossen und einen Freispruch wegen erwiesener Unschuld beantragt.
Juristisch war der Unfall damit abgeschlossen. Doch Gefühle waren nicht logisch und scherten sich einen Teufel um Paragrafen, zumindest ihre. Das Erlebte hing ihr immer noch nach, und es würde wohl auch noch einige Zeit ins Land gehen, bis sie sich davon erholt hatte.
Annika lauschte noch einen Augenblick und wollte sich dann wieder so entspannt, wie sie es hinbekam, in die Kissen sinken lassen. Doch genau in diesem Moment vermeinte sie ein Wispern zu hören und schreckte direkt wieder hoch, der Puls raste.
Das Flüstern wiederholte sich. Erst schien es nur unklares Gemurmel zu sein, dann schälten sich Worte heraus: „Schuldig!“ und „Du hast sie totgefahren!“
Annika begann zu zittern. Was war das? Wurde sie verrückt? Einbildung, versuchte sie sich einzureden, die Flüsterstimme existierte nur in ihrem Kopf.
Doch es wollte nicht aufhören, und immer wieder das eine Wort: „Schuldig!“ Sie presste die Hände an den Kopf, rieb die Schläfen mit den Handballen, schaltete das Licht ein, versuchte, sich zu zwingen, an etwas anderes zu denken. Nichts half.
Raus! Sie musste raus! Der Raum schien sie zu erdrücken, die Stimme von überall zu kommen. Hastig zog sie sich an, griff sich den Wohnungsschlüssel und stürmte nach draußen. Die Stimme warf ihr ein letztes „Schuldig!“ hinterher, aber sie blieb drinnen.

Wie einfach es doch war, einen Menschen fertigzumachen! Gut, dass er damals den Wohnungsschlüssel hatte mitgehen lassen, als sie ihn rausgeworfen hatte! Bloß weil er einmal, bei der Party, mit dieser … Wie hieß sie doch gleich? Egal. Der Unfall hatte ihm natürlich perfekt in die Hände gespielt, da brauchte man gar nicht mehr viel nachzuhelfen, um sie fertigzumachen. Der Rest war einfach, ein bisschen Ahnung von Technik, und das Zeug gab’s billig im Internet. Sie würde leiden, und er hatte es in der Hand, wie sehr und wie lange. Die Rache war sein.

 
Zuletzt bearbeitet:

Hi @René Bote

Leider vermisse ich den Horror, den du getagt hast, denn die Stimmen haben ja einen natürlichen, wenn auch boshaften Hintergrund. Auch ist mir die eigentliche Geschichte des "in den Wahnsinn treibens" – der Unfall und die Gerichtsverhandlung sind ja nur der Aufhänger – und die Auflösung viel zu rasch heruntererzählt, ich konnte mich gar nicht warm lesen, schon war's vorbei. Wie so 'ne fünfzehnsekündige Geisterbahnfahrt auf der Kirmes. Da wäre Luft nach oben, wünschte mir das Motiv des "Hausgeists" noch weiter ausgearbeitet.

Aber auch hier gehe ich vorerst, wie ich dir bereits unter deiner anderen, zeitgleich eingestellten Geschichte erklärt habe, nicht weiter ins Detail.

LG dotslash

 

Hi @René Bote,

ich denke aus der Grundidee der Geschichte könnte man einiges machen. Dafür wäre es aber nötig Dinge langsamer preiszugeben. In der jetzigen Form servierst du alles auf dem Silbertablett und man liest den ganzen Text in 3 Minuten runter. Es wirkt im Moment ein bisschen wie eine Zusammenfassung einer längeren Geschichte. Damit Spannung aufkommen könnte, könntest du Szenen der Verhandlung bildlich beschreiben und nach und nach dadurch alle Infos geben. Grundsätzlich ist die Auflösung, dass es in Wirklichkeit ein rachsüchtiger Exfreund ist, auch geeignet für eine Horrorgeschichte. Dann müsstest du die Figur aber mehr charakterisieren. Aktuell dient er im Text ja nur als Tool, um deine Idee zu erklären.

Beste Grüße
Klamm

 

Hallo René, diese Geschichte funktioniert für mich nicht, obwohl ich die Grundidee und den Einstieg okay finde. Der Unfall, der Freispruch und Annikas damit verbundenes Schuldgefühl sind erstmal glaubwürdig und für mich emotional nachvollziehbar. Auch dass Annika durch das unheimliche Flüstern erschreckt wird, kann ich nachvollziehen. Nicht optimal scheint mir, dass Unfall und Gerichtsverhandlung in der Zeitform des Plusquamperfekts geschildert werden, also der Vor-Vergangenheit. Das macht das Ganze sprachlich ziemlich umständlich.

Trotzdem: Bis zu dem Punkt, an dem die Stimme sie verfolgt, ist das ein Okay-Text zum Thema Schuld und Trauma.

Die Idee aber, dass am Ende eine äußere Manipulation durch den Ex-Partner die innere Schuld Annikas verstärkt oder aufgreift, ist in meinen Augen überhaupt nicht vorbereitet, sondern einfach nur nachträglich drangeklatscht. Die Umsetzung dieses Twists ist meiner Ansicht nach die größte Schwäche des Texts.

Der Perspektivwechsel zum Täter kommt abrupt. Der letzte Absatz erklärt die Situation, statt sie szenisch zu zeigen. Das ist keine organische Auflösung.

Außerdem: Das, was sich erst wie eine innerliche Auseinandersetzung mit Schuld anfühlt, wird plötzlich auf äußere Manipulation reduziert. Gleichzeitig bleibt der Antagonist (Ex-Partner) im Grunde unsichtbar – seine Motivation, sein technisches Vorgehen und seine Racheabsicht sind reine Funktionsmerkmale für den Plot.

Insgesamt funktioniert der Text für mich nicht, weil er keinen klaren Fokus hält. Er beginnt als psychologische Schuldgeschichte, aber durch den schlecht integrierten Perspektivwechsel wird fragwürdig, worum es dem Text überhaupt geht. Der Titel sagt was von Gewissen, aber die Geschichte widerspricht dem, denn letztlich plagt Annika nicht ihr Gewissen, sondern die Manipulation durch ihren Ex. Man könnte sagen, die Geschichte zeigt zwar, wie Schuld erlebt werden kann, weiß jedoch nicht, was sie über diese Erfahrung letztlich aussagen will.

Gruß Achillus

 

@René!

Auch mir sind die vielen Plusquamperfektsätze unangenehm aufgefallen. Zum Inhalt deiner Geschichte möchte ich mich nicht äußern, aber einen Tipp dazu mag ich anbringen:
Es reicht, einen Rückblick aus dem Präteritum mit dem Eröffnungssatz im Plusquamperfekt zu beginnen, dann ins Präteritum zurückzukehren und den Schlusssatz des Rückblicks wieder ins Plusquamperfekt zu setzen. Das liest sich weitaus angenehmer. :)

 

Leider vermisse ich den Horror, den du getagt hast, denn die Stimmen haben ja einen natürlichen, wenn auch boshaften Hintergrund.
Das ist in der Tat etwas unglücklich. Aber wenn ich es richtig sehe, kann ich hier nur aus den vorgegebenen Tags wählen, und da passte das für mich noch am ehesten.
die Auflösung viel zu rasch heruntererzählt, ich konnte mich gar nicht warm lesen, schon war's vorbei. Wie so 'ne fünfzehnsekündige Geisterbahnfahrt auf der Kirmes.
(Zitat stellvertretend für alle, die sich in der Richtung geäußert haben) Die knappe Erzählung ist der Entstehungsgeschichte der Geschichte geschuldet. Zu den Regeln des kleinen Wettbewerbs, für den ich sie geschrieben habe, gehört eine Begrenzung auf 600 Wörter.

@Manuela K. Danke für den Tipp mit der Umgehung des Dauer-Plusquamperfekts, das werde ich ausprobieren. Ich mag eigentlich auch keine längeren Passagen in der Vorvergangenheit.

Bitte versteht es nicht als Geringschätzung eurer Rückmeldungen, wenn ich die Geschichte nicht mehr anpasse. Ich nehme die Anregungen und Kritiken trotzdem dankbar mit und versuche, die Erkenntnisse in meine nächsten Geschichten einfließen zu lassen.

 

Bitte versteht es nicht als Geringschätzung eurer Rückmeldungen, wenn ich die Geschichte nicht mehr anpasse.

Hallo René, ich nehme es allerdings als Geringschätzung meiner Rückmeldung, denn genau das ist es, wenn Du Dir nicht mal die Mühe machst, auf meinen Kommentar zu reagieren oder zumindest Danke zu sagen.

Gruß Achillus

 

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