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Der Geigenvogel
Mir gehört der Geigenvogel. Keiner soll ihn hören, außer ich. In seinem goldnen Käfig sitzt er da, den Kopf verborgen, die Flügel angelegt, auf dem Sims im Sternenlicht. Draußen schläft die Unterstadt, dunkle Gassen ohne Ziel, wo der Bettler sich zum Köter legt, zwischen den Knochen der letzten Jagd.
Kälte steigt zum Fenster ein, die Federn schimmern unversehrt. Wenn der Glockner dreimal schlägt, nehm ich ihn vom Fenstersims. Auf seinen Schwingen spiel ich dann, das Lied der Alten Mutter, bis das Geigen mich zum Morgen trägt.
Ich schließ den Käfig mit nassen Händen. Den Schlüssel hab ich tief versteckt, der an einer Fischleine in meinem Magen steckt. Mit der Erinnerung an das Spiel schlaf ich ein beim ersten Tageslicht. Die Flügel entfalten sich von Neuem. Die Unterstadt erwacht.
Kälte steigt zum Fenster ein, die Federn schimmern unversehrt. Wenn der Glockner dreimal schlägt, nehm ich ihn vom Fenstersims. Auf seinen Schwingen spiel ich dann, das Lied der Alten Mutter, bis das Geigen mich zum Morgen trägt.
Ich schließ den Käfig mit nassen Händen. Den Schlüssel hab ich tief versteckt, der an einer Fischleine in meinem Magen steckt. Mit der Erinnerung an das Spiel schlaf ich ein beim ersten Tageslicht. Die Flügel entfalten sich von Neuem. Die Unterstadt erwacht.
Ein Lächeln bleibt auf meinen Lippen.
Verdient mit dem Bogen auf der Saite.
Bis es bricht.
︿ ﹀ ︿
Manchmal fällt sie über mich. Die Wolkenstadt. Die Geigenvögel in den Horsten auf dem weißen Wall. Ihre Flügel vor der Sonne, die Sehnen herrlich aufgespannt. Sie tauchen durch die Wasserfälle, auf der Jagd nach Silberpfeilen. Kinder schlagen mit Käschern nach den Federn, bringen sie heim zur Alten Mutter, die vor dem Thron ihren Wert bestimmt.
Ist das Geigenspielen eine Qual? Schwarzfeders Sohn, schau nur deinen Mantel an. So wenig Federn für den Winter! Im Turm der Käfige verlangte sie mein Spiel. Du bist schon zu alt. Hinfort mit dir in die Unterstadt. Nur die Jugend kann betören.
Nach dem Streich trag ich zur Strafe diese Narbe. Ich erklomm die Wasserfälle an der glatten Wand. Oben im Licht wartete ich, den Pfeil in die Geige gelegt. Der Kampf um die Balz begann. Mit ihm der günstigste Moment für die schönsten Exemplare. Die Schwachen verglühen. Nur Skelette fallen zur Erde der Unterstadt. Mein Stolz gebrochen, bis ich mir meinen eignen fing.
Ist das Geigenspielen eine Qual? Schwarzfeders Sohn, schau nur deinen Mantel an. So wenig Federn für den Winter! Im Turm der Käfige verlangte sie mein Spiel. Du bist schon zu alt. Hinfort mit dir in die Unterstadt. Nur die Jugend kann betören.
Nach dem Streich trag ich zur Strafe diese Narbe. Ich erklomm die Wasserfälle an der glatten Wand. Oben im Licht wartete ich, den Pfeil in die Geige gelegt. Der Kampf um die Balz begann. Mit ihm der günstigste Moment für die schönsten Exemplare. Die Schwachen verglühen. Nur Skelette fallen zur Erde der Unterstadt. Mein Stolz gebrochen, bis ich mir meinen eignen fing.
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Ein Klopfen an der Tür. Ich leg ein Tuch über den Käfig. Einmal noch den Klang, dann bleibt nichts mehr von mir. Ich seh in seine Augen. Zu klar für diese Gassen. Es zieht mir in den Fingern. Er sucht mehr als Brot.
Die Haare auf dem Bogen stehen. Meine Finger streifen das Instrument. Mit dem Pfeil im Bogen zwinge ich ihn hinaus. Die Asche regnet von der letzten Jagd.
Bist du es, der nachts die Geige spielt? Der mir mit Wärme die Zeit vertrieb? Kalte Nägel kratzen auf dem Pflaster. Die Tür fällt rasch ins Schloss. Das Tuch rutscht ab vom Käfig, ich nehm ihn hoch am Ring. Trag ihn hinauf aufs Dach. Im Schutz der Schornsteine würg ich nach dem Schlüssel.
Der Käfig offen. Ich pack den Vogel am gebognen Hals. Reiß ihm den kahlen Kopf aus seinem Federkleid. Er blinzelt in das ungewohnte Licht. Ich spreiz die Flügel. Setze an. Das Lied der Alten Mutter.
Schwarze Federn fallen in die Gassen. Auf dem Stein zu Staub. Die Bettler schauen hoch zu mir, niemand fängt die Federn ein. Ich spiele schief, die Schwingen bald zerfleddert, bis die letzte Sehne bricht, ein Kreischen, das die Welt zerreißt.
Die Haare auf dem Bogen stehen. Meine Finger streifen das Instrument. Mit dem Pfeil im Bogen zwinge ich ihn hinaus. Die Asche regnet von der letzten Jagd.
Bist du es, der nachts die Geige spielt? Der mir mit Wärme die Zeit vertrieb? Kalte Nägel kratzen auf dem Pflaster. Die Tür fällt rasch ins Schloss. Das Tuch rutscht ab vom Käfig, ich nehm ihn hoch am Ring. Trag ihn hinauf aufs Dach. Im Schutz der Schornsteine würg ich nach dem Schlüssel.
Der Käfig offen. Ich pack den Vogel am gebognen Hals. Reiß ihm den kahlen Kopf aus seinem Federkleid. Er blinzelt in das ungewohnte Licht. Ich spreiz die Flügel. Setze an. Das Lied der Alten Mutter.
Schwarze Federn fallen in die Gassen. Auf dem Stein zu Staub. Die Bettler schauen hoch zu mir, niemand fängt die Federn ein. Ich spiele schief, die Schwingen bald zerfleddert, bis die letzte Sehne bricht, ein Kreischen, das die Welt zerreißt.